Winter. Tage

Kasimir Edschmid · Kapitel 1 von 2

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Winter. Tage

Winter

TAGE.

 

Für Lisl Steinbrück.

 

Was machte, Gott, diesen Winter so groß, daß ich noch unter dem Fluch der

hellen Monate meine Düsterheit schwerer empfindend, entfernt von ihm,

dampfend stehe vor Abenteuer, geladen von Lüsten? Wo begann es? Kann es

einen Beginn gehabt haben? Ich weiß es nicht. War es Anfang, als ich die

Leopoldstraße hinabging, die Ballone der Lampen verkündend durch

messinggrauen Himmel schwangen, die Pappeln hoch die Zeile

hinunterrauschten und die Stadt München unter rötlichem Horizont abendlich

aufging, aus dem unendlicher Schneefall sank? Hat Glück einen Anfang zeitlich

erkennbar oder steht es nur, genossen, eine große Wolke plötzlich hinter uns?

Lichter hingen dumpf zwischen den steilen Bäumen. Bahnen summten

gedämpft. Seidenweich ward der Himmel und grau.

Wildgeruch von Frauen lag in den Strassen. Dunst der unbegrenzten

Möglichkeiten war ausgebreitet. Häuser staunten fremd mit lockender Fassade.

Gärten hatten Außergewöhnliches hinter Baum und Weg. Jedes Ding trug das

äußere Wesen nur als Maske. Aufreizend wühlte das Herz sich in die Dinge.

Frauen liefen lautlos mit warmen Augen. Schlittenschellen klangen entfernt und

verwirrten das Ohr. Der weiche Schnee trieb alles verwischend in Vertauschung

und unwirkliche Bewegtheit.

Da begannen die des Morgens heftig aufgenommenen Bilder sich der Buntheit

der Straße zu vermischen. In die springenden Lichter unter dem schneienden

Gitter, das Gebrause der Wagen, die unendlich schweigende Musik des

gelassenen Himmels, die dunkelen Schatten der Menschen, die groß die Stege

überschwammen, drehten sich in dem Rundlauf der Wirklichkeit schon

entrissener Eindrücke: Grecos Entkleidung Christi, Sturm gleich Raketen

aufwärts schießender Gesichter, und in der Garbe ihrer Entladung wie Maden

erstarrte Angesichte der Frauen . . . und Memlings sieben Freuden Mariä: blaue

beseelte Täler, Streiter wohlgemut, aufbrechende Sterne, Mord, Verklärung,

Reitende nach der Welt, runder Hügel, auf dem im Kreis Knieende gegen den

Horizont beten. War dies der Beginn?, . . . mein Gott.

Tags darauf fuhren wir ins Land, einen Kessel, wie Strahlen umzuckt von

Gebirg. Flammend bog die Sonne, rot wie Stierblut, über die Grate. Pfeile

stießen die Spitzen ins Blau, es wie ein Meer teilend, das zurückrann. Beilhiebe weißer Abhänge lagen zischend in der Luft. Hinter den Häusern war die Ebene

hell mit dem dunklen Gefleck vorgeschobener Heuschober. In amethystenem

Kristall stieg der Himmel ziellos.

Abends setzten wir Fripouille in den Kronleuchter. Es war eine weiße schöne

Frau gekommen, hell, daß die Adern herausschimmerten, mit silberblondem

Haar. Sie lag neben Frau Suzanne ausgestreckt auf dem Diwan, deren Gesicht,

spaniolischen Bluts und südfranzösischer Landschaft, schwer, dunkel und wild

war. Zwei verschiedenere Frauen gab es nie. Sie schauten in die Höhe, ruhig und

träumerisch, wo der Plafond sich zum Fenster neigte, hinter dem Feuer auf die

Berge regnete im vollen Abend.

Ich knipse den Leuchter auf, daß zwanzig runde Kugeln des unteren Kranzes

rotes Licht in die Bernsteinaugen Fripouilles schleudern. Es ist still. Fripouille

öffnet das rosa Maul, faucht und beißt in das Glas. Sein Angoraschwanz, dick

wie ein Arm, sträubt sich. Er wirft entsetzt den Kopf nach oben. Da lasse ich die

große Glühlampe über ihm aufbrechen, gelbes und betäubendes Licht. Der große

Leuchter schwingt entsetzt in die Dämmerung. Kugeln rollen bestürzt fallend

durch das Zimmer. Fripouille rennt Karussell durch den Raum. Es ist still.

Fripouille schleicht zu Luchs, dem Kaninchen der weißen Frau. Luchs hockt in

einem Klumpen, bebt mit dem Maul und spitzt die weißrote Nasenpartie. Er ist

schwarz gefleckt, macht einen Satz und läuft voll ungeahnter Bewegung.

Fripouille folgt, langsam, zurückhaltend, im Erstaunen den Schwanz senkrecht.

Wir lassen eine aufgezogene Maus durch den Teppich rollen. Fripouille ist ein

Feuerrad in der Luft, die Augen leuchten wie Quallen. Weich fällt der Leib aus

der Schwingung auf das eiserne Tier. Die weiße Frau hebt den nachlässigen Arm

vom Diwan herunter und nimmt die Maus. Fripouille wie ein Wappenlöwe mit

einer steifen Tatze reißt eine rote Rinne in das weiße Fleisch. Luchs rennt

verrückt ins Nebenzimmer. Fripouille folgt. Es ist still. Im Fensterbogen steht

der Mond, reißt die Bogen der Berge aus der Dämmerung, spannt sie in die

Wucht riesiger Linien, bricht mit Sternhimmel drüber her und leuchtet kalt.

Weiße Abschwünge biegen sich wild in das brutale Blau. Fripouille schreit

begehrlich. Der Kamin flackert. „Der Kater ist kastriert“, sagt Schüleins helle

Stimme. Es ist still. Im oberen Fensterbogen steht die Konstellation von Venus

und Jupiter, bengalisch glühend, Seite an Seite. Der Horizont hat einen

grünlichen Schimmer. Die anderen Sterne sind blaß.

Wir sind zur Rodelbahn gegangen. Irgendwo aus dem Schnee und dem Berg

biegt eine blitzende Linie, ein bestürzendes weißes unerträgliches Licht. Aus

diesem silbernen Gestirn schießen dunkel Fahrer auf Fahrer. Wir suchen lange.

Ich nehme ein breites Stück aus derbem Holz, stämmig wie eine englische

Dogge, mit blinkenden schmalen Kufen. Dann verlieren wir uns hinauf in das kochende Strahlen. Abfahrend oben liegen wir nach hinten, daß die Haare hinter

uns fliegen. Wir brechen in die Kurven ein, fühlen berauscht die Sekunde des

Schwebens am Grat des Walls und stemmen fliegend in die Bahn. Sie blitzt lang

hinunter wie weißblauer Stahl. Zwischen Wällen und Fahnen spritzen wir durch.

Gesichter und Farben der aufgereihten Menge kettet sich in eine Orgie

zerstäubten Eindrucks in den Vorbeischwung. Wir wachsen an den Rodel. Er

zischt einen kleinen Hügel hinauf, hebt sich, glänzt gierig unten mit den

schmalen Kufen, wir schweben. Dann prallt er zurück, wir vereinigen uns in

nachgebendem Gleiten wilden Rucks mit der Bahn. Wir heben uns toller, reißen

die Flanken des Rodels an uns, schwingen einen Bogen in die Luft, tosen zurück.

Geschrei steigt neben uns prasselnd auf. Die stählerne Fläche bebt, wir glühen

im springenden Sausen wie Bremsen, wir fliegen in das Blau. Die Kufen rasseln

in toller Gier auf das Eis. In graziler Kurve erreichen wir die Ebene, flüssiges

Nickel, brausen in Rädern aufspritzenden Schnees. Verachtend andere, die

lenken mit Fuß und Arm, lachend der Vorsicht des Mittelmaßes, befehlen wir,

aufundabrasend die stürzende Fläche, mit dem Hirn. Wir besiegen die

entgegenschäumende Wucht der Kurven mit dem Ruck der Lenden. Ganz uns

hingebend dem Abschuß, herrschen wir über ihn mit dem Willen. Abstürzend in

das betäubende Silber, vor dem das Auge erblindet, wiegen wir uns mit den

Hüften hinunter wie im Liebesspiel.

Neben uns sinkt die gewölbte Schale eines anderen Bergs aus Föhren. Dunkle

Silhouetten der Skier furchen seine Seite. Morgen werden wir skiern. Wir haben

unmäßigen Hunger. Vor dem Holzhaus am Auslauf an gedeckten Tischen

bringen Mädchen die Speisen. Plötzlich entsteht eine Bewegung und pflanzt sich

fort. Fripouille, einen Kanarienvogel im Maul, den Schwanzbusch aufwärts,

schreitet durch die bunte Menge, in stillem Adel, ohne Menschen zu achten, wie

durch eine Gasse auf die Eisbahn zu.

Juju kann, wie wir in der Klamm sind, den Kopf nicht heben, der Himmel

unendlich hoch ist zu dünn, die Sonne schießt herein. Hier ist ein Riß durch den

Berg gegangen, die Wände zittern noch, es schneit. Eishauch schlägt entgegen.

Ganz aus unsichtbarer Höhe stürzen Eiszapfen herunter, verwachsen sich wie

starres Schlinggewächs und prallen bis an den Wildbach, der Wasserrollen

zersplitternd gegen den Stein aufwirft. Der Grat ist schmal und schüssig und

taucht in Tunnels. Geschwader von Eis strotzt von oben herunter. Die Sonne in

dunklem Rot hängt einen Fackelbogen über den Riß. „Grand Boche“, sagt Juju

und gräbt den Daumen in seinen Arm. Er, toll, nimmt Steine und schmeißt sie

gegen den Eissturm, der heruntertobt. Doch es gibt wie einen Ball den Stein

zurück. Da reißt er einen Eisspeer heraus und läßt die Wärme seiner Hände sich

hineinfressen, bis sie ihn zersägt haben. Solange steht er unbeweglich. Juju zieht, während aus der Höhe ein geschmolzener Quader herunterkracht, die gelben

Handschuhe aus und biegt ihren Mund in seinen. Aus den Seiten des Bergs

wächst Eis wie wucherndes Fleisch in Wunden. Es frißt sich durch die Wände,

Knorpel wuchern. Granulationen schießen empor. Auswüchse sperren den Pfad.

Berge aus einzelnen Bowisten stülpen sich unzüchtig und schleimblaß, brennend

kühl heraus. Quader und Türme formen sich zu massivem Gewächs.

Wasserdampf schlägt sich frierend an die Schläfe, heulend wühlt in grünlichen

Wirbeln giftig zu Füßen der Bach. Die Sonne kreist bös wie ein Geier, Juju zieht

Schuhe und Strümpfe aus und weint vor Tollheit . . . Abends flammt eine Lampe

auf, braun verhüllt, und greift vier Gesichter aus dem verschatteten Raum,

rötlich, starr, geschliffen — pokernd.

Es schneit drei Tage. Wie ein Leib wälzt sich die Bergseite vor meinem Haus

wollüstig aus dem Schneefall. Schneegitter sinkt hüllend zurück. Der spitze

Kirchturm quert manchmal die quadratische Fläche eines Hangs. Dann steht der

Schneetag unbeweglich wie eine Wand. Der Horizont ist Schneefall und

grauweiß. Die einzelnen Häuser bleigegossen hocken steif davor. Wir fahren

nach Innsbruck.

Die Bahn klettert greisenhaft, erreicht die Höhe und läßt sich wie eine Taube

in schönen Serpentinen die Wände abstreichend gelassenen Zugs ins Tal, das

unbeschreiblich voll wallender Sonne liegt. Unsere Herzen lauschen und

schlagen in die Südlichkeit betäubend hinein. Hier könnten Olivenbäume stehen.

Wachsgelbes Licht flutet warm wie Meran. Wir zittern. Wir dehnen uns, voll

Rausch. Aus allen Fenstern leuchten die guten gelben Äpfel, still und groß. Wir

kaufen viele, schmeicheln sie an die Wange und beißen in das süße Fleisch. Wie

glücklich wir sind auf der Mitte der Straße. Szlivovicza gießen wir in die Brust,

Feuer aus serbischen Pflaumen. Das ist die Stadt greifbarer Sonne, Seligkeit der

mittäglichen Straße. Wir sind an den Süden herangerückt, wie alle Fenster

leuchten, die Gitter und die Ecken. Wir knien uns mitten auf die Straße und

beten die Ruhe an, die Wärme, die gelben Calvilles, den Brunnen, die

Verzierung des Likörladens und die unbegreiflich gleich Schneebogen über die

Stadt ziehenden Höhen. Demütig stehen wir auf und gehen in die Domkirche zu

den bronzenen Königen.

Wir waren stolz diesen Tag, wir hatten Cadix und Limoges im Herzen. Wir

gaben Preise aus: Teodorick, kuning der Goot, sanft in die Hüfte geknickter

Streiter, schmerzlich ein duldender Engel über das Schwert hingelehnt . . . und

Teopertus, kuning zu Provanz, herzog zu Burgundi, der die Fäuste geballt vor

sich hin hielt, dessen übermäßige gerüstete Brust die Miniaturen unzähliger

Kinder überspielten, der ohne Gesicht den Schnabel des Visiers Gott frech in das

milde Antlitz hinaufhielt. Durch Gottes großes Auge fiel Zinnoberlicht. Dem Abend gaben wir uns hin, der verzauberte und verführte, weich und duftend und

honigfarbnes Geleucht durch alte Gassen ziehend. O Brunnen, die in den Abend

fielen. O Geräusche. Wie nahm unsere Inbrunst die Madonnen über Türen,

tanzende Sonne auf dem goldenen Gitter, starre Riesen in gotischer Fassade und

die unendliche Tiefe blauwarmer Schatten in den Laubengängen. Wir weinten in

den Abend.

Dann fuhren wir zurück in das Land, und es kamen die Berge. Einige standen

wie Kegel schwarzseidig allein. Wildere warfen sich entgegen, verwüstet die

Rücken, die Brüste zerfleischt. Dann sammelte die Dämmerung sie in Rot, in

dem sie unwirklich verschwammen, als wie große Symbole harter Sehnsucht in

die Landschaft hinausgeboren von unseren Augen, die noch trauernd im Süden

hingen. „Boches mythische Sehnsucht in die Sonne“, lachte die Magyarin. Aber

als Schneefall und Dunkel die Berge hinwegnahm und entrückte, da wuchs zu

der Trauer eine noch unbändigere Verzweiflung: wir könnten auch das

Entsetzlichere, wir könnten auch keine Berge mehr sehen, und steigerte sich

tödlich, wie an jenem furchtbaren Abend, als zwischen Colmar und Straßburg

auf meiner letzten Fahrt die stahlblauen Rücken der Vogesen wie Tiger von mir

weg in die Hölle des feurigen Abends hineinsausten, bis nichts mehr war, als

Angst, Verlorenhaben und Einsamkeit.

In der Nacht fuhr ich aus dem Bett. Das Zimmer gleißte. Draußen stemmen

sich metallen leuchtend die Berge in das Fensterbild. Der Mond warf feurige

Brände herein und heulte Glühflammen durch die eisige Nacht.

Eine schöne Frau ist angekommen mit einem lachsroten großen Mund. Wir

haben sie angestaunt und ihr die Hände geküßt. Wie kann man so schön sein,

solche Pflege und die Linie solcher Bewegung. Uns donnert nur die Sonne in das

Gesicht.

Unser Haaransatz ist silbern gebleicht. Das bronzene Braun der Gesichter hat

einen weißen silbernen Unterglanz. Die schöne schmale Frau floß mit einer

Rinne dünnen Geruchs nach sich über die Rodelbahn. Sie hatte einen dicken,

ganz seltsam einfachen Stock in der Hand. Sie war wie ein Wunder. Die

Schlitten sprangen höher vor ihr. Der Wind wehte entgegen, doch die tausend

Fahnen drehten sich gegen ihn und flogen auf sie zu. Abends haben wir sie in

den seidenen Schuhen zur Bahn im Pferdeschlitten gefahren. Fripouille biß in

der Nacht einen Dachshund tot. Ihr Kopf ist gewaltig angeschwollen vor Stolz,

halb so groß wie der riesige Albert Steinrücks. Das Leben wäre eine einzige

berstende Wildheit, wäre nicht die Stunde des Tees bei der lieben Frau, ihre aus

gelben Shawls herauskommende weiße Hand. Mit Stöcken gehen wir den Abend

noch spazieren in die Ebene hinter den Häusern.

Hinten auf blaurandigem Grüngrund hebt sich flamingone Röte. Die Berge geben sich ihr grenzenlos hin, verlieren die dritte Dimension und stehen verklärt

in Flächigkeit wie Kulissen. In ihrer Mitte aber erscheint, sie alle einordnend in

die Beziehung seiner Art, ein Berg, der am Tag sich entzieht. Sie nennen ihn

Daniel. Nach oben gestülpt bricht seine Form wüst und herrschend heraus wie

die Begehrlichkeit einer wilden Sau.

Das Licht geht Wochen funkelnd über den Himmel. Die Luft wird reiner,

unirdischer in der Durchsicht. Alles lebt in einem Taumel nach Sonne. Die

Häuser werfen ihr die vollen Balkone der Südfront entgegen und pressen sie wie

saftige Brüste langsam ihrem Steigen nach In tropischer Hitze läuft der Mittag

über den Schnee. Das Holz der Liegestühle knistert vor Heißem. Wir schwälen

und rauchen. Wir sind nun völlig aufgegangen in diesem Leben, voll

verschmolzen dieser Umgebung, Landschaft und Winter. Morgens stehen wie

mosaische Signale rund im Kreise Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen des

Gebirgs.

Fünfzehnhundert Meter hoch ist es Mittag. Morgens schon sind wir von hier

aus ohne Felle einen hohen Vorsprung auf Harsch hinaufgetanzt, die Breitseiten

der Skier eingebohrt, in zickzackigen Linien, die Fesseln ans Zerreißen

angedehnt. Wie dunkle Vögel schossen wir ab. In ungeheuren Stemmbogen

zogen wir halbe Kreise schwingend über die Seiten. An einem Abgrund rissen

wir aus dem Schuß Telemarks heraus, daß die Bergflanken dröhnten. Das Holz

zischte unter der Reibung brandig auf. Wir sprangen wie Hirsche, der Ewigkeit

zugeneigt, die Erde schmähend, und bissen uns ihr dennoch zurückgleitend

wieder ins Genick, wir zogen uns werfend in eine unendlich rauschende

Schußfahrt durch die blaue Luft hinunter auf den kleineren Berg.

Nun sind wir fabelhaft faul. Die Sennhütte raucht. Wir haben gespeist. Auf

Bänken längs der Holzhütte liegen wir in der Sonne. Schülein tanzt im Schnee,

einen roten Shawl um sein Torerogesicht geschlungen. Frau Suzanne trägt

seidene schwarze Breeches und weiße Pompiersgamaschen, einen zitronenen

Sweater und um das braune Gesicht die schwarze Zipfelmütze der Skierinnen.

Wir liegen und schauen zu. Amelie, die Tatarin, lehnt von innen aus der Hütte,

ein grünes Tuch um die starken Haare. Ihr Gesicht ist unbeweglich und nur

junge Fläche wie vom Anblicken ewigen Horizonts. Sie ist gelassen in ihrer

selbstsicheren Bewegung, als hätte sie statt Skiern über die Schulter gekreuzt

tagelang Zeltstangen durch die Steppe getragen. Sie raucht kühl musternd eine

Zigarette. Nur, als hinter allen Gipfeln mit einem Mal wilde weiße

Schaumwolken überkochen und sich abfließend nach der inneren Seite über die

Spitzen wälzen, sagt sie: „Aszt a kutya fáját“. Unter ihrem magyarischen Fluche

entsteht Stille der elementaren Bewegtheit. Die Sonne ist ungeheuer. Sie

schmeißt die Wolken zurück. Schmetternd wie eine Posaune brüllt sie über das Tal.

Sie schwebt in Kreisen wie ein wildes bronzenes Schild und schüttelt Hitze

herunter. Es sind nicht Strahlen, Hagel von heißen Blitzen zuckt auf uns. Wir

liegen ausgestreckt, die Körper geöffnet, kochenden Blutes. Wir fühlen, wie wir

in ihr wachsen und uns entfalten, aufgehoben werden in einer mächtig

rauschenden Schwellung. Wir wissen, daß sie uns strafft und groß macht, unsere

Adern durchheulend mit Glut, empfinden uns, die Augen geschlossen als

Früchte, auseinanderglühend und reifend hinauf zu einem mächtigen

Geladensein in Trotz, Stürmischem und Lust zur Sünde.

Suzanne, der Königstiger, springt zuerst in den gebogenen Abhang und

verrauscht, eine gelbe pfeifende Linie, im Gebüsch. Ich fahre den Hügel auf der

Seite. Der Schnee ist weicher unter der Sonne, ich habe gut gewachst und fliege,

Juju fährt nach. ängstlich und zart in den Knien, aber voll furchtbaren Muts. Ich

stehe. Sie schießt an. Sie bricht nicht mit Hüftschwung zur Seite. Sie braust nicht

starr in Christiania. Sie saust atemlos auf mich. Skischnäbel verwirren sich

knirschend, wir prallen aufeinander. Wir fallen glühenden Gesichts miteinander

in den weichen bläulichen Schnee.

Auf der Abfahrt standen blühende Weidenkätzchen in Büschen in den weißen

Hängen. Ich fing eine Biene mit meinem Haar.

Suzanne ist ganz unten ein kleiner Fleck wie ein laufender Fasan. Wir fahren.

Juju hat einen Zweig Hagebutten in der Hand und einen wilden roten Mund voll

Blut. Wir gehen blitzhaft in die Knie, durchkufen die Senkung, springen,

schweben und werfen uns toll in die Schußfahrt.

Die Nacht legt der Mond einen Hof riesenhaft über die zackigen Räder des

Kessels. Die Lawinen brüllen. Die Adern zucken durch unsere Körper.

Wir haben einen Vormittag in alten silbernen Dosen gekramt. Wir sind fromm

und schlicht auf der Reichsstraße Italien zu marschiert. Wir hatten Neuschnee,

sind in Wolken explodierenden Geflocks wie in unheiligen Flammenscheinen

abgefahren. Wir haben ein Haus gesehen in Mittenwald, in dem Goethe wohnte.

Wir sind vor der reißenden bestürzenden Zeit erschauert, aber wir haben uns

gelangweilt. Wir haben die Liebe Frau besucht. Wir haben nichts gearbeitet. Wir

sind verrückt wie Stiere vor Lust. Wir fahren den Abend, um Theater zu sehen,

in die bunte Stadt.

Was war uns das: steinerne Straßen, durch die Gefährte jagen, grelle Lichter,

die den Himmel auslöschen, deren Sehnsucht gesäugt ist am Löwenton

stürzender Lawinen. O unsere Flucht zum englischen Garten, Herden von

Schwänen ins Grün gelagert, Mövenschwärme über beschneiten Ufern, Rollen

weißen Wassers an den Kanälen. Bäurische Pracht Nymphenburgs, eingeschneit

in Safransonne, Tanz von Figuren und Licht an vereisten Wasserstraßen, süße Brust der scheuenden Venus Ganovas.

Dann erst faßte uns die Buntheit der Menschen und der Säle. Wir hörten aus

den gemilderten Höllen Advents die noch zu feine süße Stimme Lucy von

Jakobis singen. Unda gleißt auf, kaleidoskopischen Blutes, das Weibchen. Paul

Marx stößt seinem Partner widerhakende Worte in den Leib, heiser schreiend

daran reißend. Es erscheint Kalsers schmale, nur geistige Linie, von

Vangogh’schen Verzückungen verklärt, nicht für andere spielend, nicht den

Menschen, Gott vielleicht oder dem Mond. Wir sahen den großen Schauspieler

Albert Steinrück, Kapitän des Totentanzes, den wir nie vergessen. Als Albert den

Säbel auf den Tisch hieb, schlug er die Mitspielenden aus unserem Hirn, sie

klebten an der Wand, irr, ausgelöscht. Als er mit nackter Klinge den Bojarentanz

sprang, glaubte das Herz, hier sei die obere Grenze des Wilden, nichts könne

furchtbarer sein, und erschrak in Zorn. Wenn er schrie, brüllten unsere Zungen

stumm mit vor Wonne. Als er aber schweigend die Lichter zündete, wie sein

Hirn büffelhaft am Metaphysischen riß, als er stumm nach dem Anfall sich ins

Leben mit wüstem Ruck hinaufzwang, da brausten aus der Stille der Bühne

reißende Ströme unbegreiflicher Kraft, daß wir geschüttelt uns in ihnen

bewegten, entsetzt und niedergeschmissen, und die Herzen der Frauen auf die

Knie stürzten.

Aber unsere übergroße Sehnsucht hat uns über azurnen See, aus dem

Dampferschaufeln silberne Strahlen wühlten, in das Blau zurückgezogen. In

roter Lawine saust unsere furchtbare Sonne durch den geruhigen Himmel. Berge

wachsen aus der breiten Erde und liegen weiß an der glänzenden Brust des

Horizonts. Luft der großen Dinge weht durch unser Tal. Hier ist nicht Kampf,

keine Bedrückung. Hier ist Ruhe und Andacht im wilden Widerhall des Blutes.

Hinausströmend uns in das Leben, bleibt keine Besinnung, nur Erwarten,

Sehnsucht und Wiedererfassen des Daseins.

Ich habe das Tal verlassen. Herz wuchs sich groß und krampfte unter zu

großer Klarheit. Wir sind nicht gemacht, nur um zu leben.

Ich habe die schmetternde Sonne verlassen, freiwillig mich wendend,

entsagend, in die arbeitsschwere Einsamkeit der Stadt. Stadt bestürzender Enge,

niederen Behagens, wohl genährt, aber ohne Wollust, Stadt Georg Büchners, der

ein Schicksal Prüfungen nie gab, klein, feist und bürgerlich und selbst zu feig zur

Sünde. Ich hasse ihre Trottoirs, ihre Häuser, Gesichter, ihre Bäume. Doch ich

fühle, wie im Zurückströmen der Welt, der ich mich hingab an den Bergen, eine

Glut aufwächst im Zorn, die ich schwer entflammt in Arbeit verbrenne. Möge

Gott mich an seinen Fingern hinaufreißen an der Welle dieses Gefühls, daß ich,

zu den letzten ekstatischen Höllen des Kraters aufsteigend, unser dichterisches

Schicksal erfüllend, blutige Worte im Mund den Haß der Vaterstädte aufrufe.

Wie Sie, so sehr liebe Frau, vom Langbalkon Ihres Hauses die hohe Südkette

weißer Berge sahen, den glühenden Horizont am Mittag umfassend und das Glas

über den Augen unseren Herausbruch aus den Hängen erkennen konnten:

Suzannes springende Gerecktheit, Amelies helle Hüftenschleife, Jujus süße

Angst, Schülein, den rasenden Skier . . . und leicht vor dem Abend stehend dies

tolle Dasein vor sich zerfließen sahen — — so reckt sich manchmal in

unbändigerer Vision eine Ebene zu mir herauf in mein fensterloses Zimmer, auf

der Figuren starr stehen: Albert wie ein Boxer in schneeiger Straße malend,

Lucy von Jakobi blauschwarzen Haares dunkel im Liegestuhl unter rotbraun

fallender Sonne, der Schauspieler Marx, die Rätsel erratend, Erna Morenas

schönes Lächeln, Schmidtbonn Lola führend, Herzog seltsam sprechend, Alfred

Meyers gütiges Gesicht, . . . bis sie beginnen, bewegt in unerhörten Tempen sich

zu verwirren und verblassend zu verschwinden. Dann rauscht das Zimmer, und

donnernde Musik vom Menschen umschlägt den Entfernten, dem schon der

Garten hereinwächst mit März, Tulpe und Gebüsch.