Auguste Rodin
Zweiter Teil
nur mit den schlichten Mitteln seiner Kunst. Neues Leben heißt für ihn letzten
Sinnes nur: neue Oberflächen, neue Gebärden. So ist es einfach um ihn
geworden. Er kann nicht mehr irren.
Mit dieser Entwickelung hat Rodin allen Künsten ein Zeichen gegeben in dieser
ratlosen Zeit.
Man wird einmal erkennen, was diesen großen Künstler so groß gemacht hat:
daß er ein Arbeiter war, der nichts ersehnte, als ganz, mit allen seinen Kräften, in
das niedrige und harte Dasein seines Werkzeuges einzugehen. Darin lag eine Art
von Verzicht auf das Leben; aber gerade mit dieser Geduld gewann er es: denn
zu seinem Werkzeug kam die Welt.
ZWEITER TEIL
EIN VORTRAG (1907)
[S. 76]
[S. 77]
Es gibt ein paar große Namen, die, in diesem Augenblick ausgesprochen, eine
Freundschaft zwischen uns stiften würden, eine Wärme, eine Einigkeit, die es
mit sich brächte, daß ich—nur scheinbar abgesondert—mitten unter Ihnen
spräche: aus Ihnen heraus wie eine Ihrer Stimmen. Der Name, der weit, wie ein
Sternbild aus fünf großen Sternen über diesem Abend steht, kann nicht
ausgesprochen werden. Nicht jetzt. Er würde Unruhe über Sie bringen,
Strömungen würden in Ihnen entstehen, Zuneigung und Abwehr, während ich
Ihre Stille brauche und die ungetrübte Oberfläche Ihrer gutwilligen Erwartung.
Ich bitte die, die es noch können, den Namen zu vergessen, um den es sich
handelt, und ich mache an alle den Anspruch eines noch breiteren Vergessens.
Sie sind es gewohnt, daß man Ihnen von Kunst spricht, und wer dürfte
verschweigen, daß Ihre Geneigtheit immer williger den Worten entgegenkommt,
die sich in solchem Sinne an Sie wenden? Eine gewisse schöne und starke
Bewegung, die sich nicht länger verbergen ließ, hat, wie eines großen Vogels
Flug, Ihre Blicke ergriffen—: nun aber mutet man Ihnen zu, Ihre Augen zu
senken für die Weile eines Abends. Denn nicht dorthin, nicht in die Himmel ungewisser Entwickelungen will ich Ihre Aufmerksamkeit versammeln, nicht
aus dem Vogelflug der neuen Kunst will ich Ihnen wahrsagen.
Mir ist zumute wie einem, der Sie an Ihre Kindheit erinnern soll. Nein, nicht nur
an Ihre: an alles, was je Kindheit war. Denn es gilt, Erinnerungen in Ihnen
aufzuwecken, die nicht die Ihren sind, die älter sind als Sie; Beziehungen sind
wiederherzustellen und Zusammenhänge zu erneuern, die weit vor Ihnen liegen.
Hätte ich Ihnen von Menschen zu sprechen, so könnte ich dort anfangen, wo Sie
eben aufgehört haben, da Sie hier eintraten; in Ihre Gespräche einfallend, würde
ich, wie von selbst, zu allem kommen—, getragen, mitgerissen von dieser
bewegten Zeit, an deren Ufern alles Menschliche zu liegen scheint,
überschwemmt von ihr und auf eine unerwartete Weise gespiegelt. Aber, da ich
es versuche, meine Aufgabe zu überschauen, wird mir klar, daß ich Ihnen nicht
von Menschen zu reden habe, sondern von Dingen.
DINGE.
Indem ich das ausspreche (hören Sie?), entsteht eine Stille; die Stille, die um die
Dinge ist. Alle Bewegung legt sich, wird Kontur, und aus vergangener und
künftiger Zeit schließt sich ein Dauerndes: der Raum, die große Beruhigung der
zu nichts gedrängten Dinge.
Aber nein: so fühlen Sie die Stille noch nicht, die da entsteht. Das Wort: Dinge
geht an Ihnen vorüber, es bedeutet Ihnen nichts: zu Vieles und zu Gleichgültiges.
Und da bin ich froh, daß ich die Kindheit angerufen habe; vielleicht kann sie mir
helfen, Ihnen dieses Wort ans Herz zu legen als ein liebes, das mit vielen
Erinnerungen zusammenhängt.
Wenn es Ihnen möglich ist, kehren Sie mit einem Teile Ihres entwöhnten und
erwachsenen Gefühls zu irgendeinem Ihrer Kinderdinge zurück, mit dem Sie viel
umgingen. Gedenken Sie, ob es irgend etwas gab, was Ihnen näher, vertrauter
und nötiger war, als so ein Ding. Ob nicht alles—außer ihm—imstande war,
Ihnen weh oder unrecht zu tun, Sie mit einem Schmerz zu erschrecken oder mit
einer Ungewißheit zu verwirren? Wenn Güte unter Ihren ersten Erfahrungen war
und Zutrauen und Nichtalleinsein—verdanken Sie es nicht ihm? War es nicht ein
Ding, mit dem Sie zuerst Ihr kleines Herz geteilt haben wie ein Stück Brot, das
reichen mußte für zwei?
In den Legenden der Heiligen haben Sie später eine fromme Freudigkeit
gefunden, eine selige Demut, eine Bereitschaft, alles zu sein, die Sie schon
kannten, weil irgendein kleines Stück Holz alles das einmal für Sie getan und auf
sich genommen und getragen hatte. Dieser kleine vergessene Gegenstand, der alles zu bedeuten bereit war, machte Sie mit Tausenden vertraut, indem er
tausend Rollen spielte, Tier war und Baum und König und Kind,—und als er
zurücktrat, war das alles da. Dieses Etwas, so wertlos es war, hat Ihre
Beziehungen zur Welt vorbereitet, es hat Sie ins Geschehen und unter die
Menschen geführt, und mehr noch: Sie haben an ihm, an seinem Dasein, an
seinem Irgendwie-Aussehn, an seinem endlichen Zerbrechen oder seinem
rätselhaften Entgleiten alles Menschliche erlebt bis tief in den Tod hinein.
Sie erinnern sich dessen kaum mehr, und es wird Ihnen selten bewußt, daß Sie
auch jetzt noch Dinge nötig haben, die, ähnlich wie jene Dinge aus der Kindheit,
auf Ihr Vertrauen warten, auf Ihre Liebe, auf Ihre Hingabe. Wie kommen diese
Dinge dazu? Wodurch sind überhaupt Dinge mit uns verwandt? Welches ist ihre
Geschichte?
Sehr frühe schon hat man Dinge geformt, mühsam, nach dem Vorbild der
vorgefundenen natürlichen Dinge; man hat Werkzeuge gemacht und Gefäße, und
es muß eine seltsame Erfahrung gewesen sein, Selbstgemachtes so anerkannt zu
sehen, so gleichberechtigt, so wirklich neben dem, was war. Da entstand etwas,
blindlings, in wilder Arbeit und trug an sich die Spuren eines bedrohten offenen
Lebens, war noch warm davon,—aber kaum war es fertig und fortgestellt, so
ging es schon ein unter die Dinge, nahm ihre Gelassenheit an, ihre stille Würde
und sah nur noch wie entrückt mit wehmütigem Einverstehen aus seinem Dauern
herüber. Dieses Erlebnis war so merkwürdig und so stark, daß man begreift,
wenn es auf einmal Dinge gab, die nur um seinetwillen gemacht waren. Denn
vielleicht waren die frühesten Götterbilder Anwendungen dieser Erfahrung,
Versuche, aus Menschlichem und Tierischem, das man sah, ein
Nichtmitsterbendes zu formen, ein Dauerndes, ein Nächsthöheres: ein Ding.
Was für ein Ding? Ein schönes? Nein. Wer hätte gewußt, was Schönheit ist? Ein
ähnliches. Ein Ding, darin man das wiedererkannte, was man liebte, und das,
was man fürchtete, und das Unbegreifliche in alledem. Erinnern Sie sich solcher
Dinge? Da ist vielleicht eines, das Ihnen lange nur lächerlich erschien. Aber
eines Tages fiel Ihnen seine Inständigkeit auf, der eigentümliche, fast
verzweifelte Ernst, den sie alle haben; und merkten Sie da nicht, wie über dieses
Bild, gegen seinen Willen beinah, eine Schönheit kam, die Sie nicht für möglich
gehalten hätten?
Wenn es einen solchen Augenblick gegeben hat, so will ich mich jetzt auf ihn
berufen. Es ist derjenige, mit dem die Dinge wieder in Ihr Leben eintreten. Denn
es kann keines an Sie rühren, wenn Sie ihm nicht gestatten, Sie mit einer
Schönheit zu überraschen, die nicht abzusehen war. Schönheit ist immer etwas Hinzugekommenes, und wir wissen nicht was.
Daß es eine ästhetische Meinung gab, die die Schönheit zu fassen glaubte, hat
Sie irregemacht und hat Künstler hervorgerufen, die ihre Aufgabe darin sahen,
Schönheit zu schaffen. Und es ist immer noch nicht überflüssig geworden, zu
wiederholen, daß man Schönheit nicht "machen" kann. Niemand hat je
Schönheit gemacht. Man kann nur freundliche oder erhabene Umstände schaffen
für das, was manchmal bei uns verweilen mag: einen Altar und Früchte und eine
Flamme—. Das andere steht nicht in unserer Macht. Und das Ding selbst, das,
ununterdrückbar, aus den Händen eines Menschen hervorgeht, ist wie der Eros
des Sokrates, ist ein Daimon, ist zwischen Gott und Mensch, selber nicht schön,
aber lauter Liebe zur Schönheit und lauter Sehnsucht nach ihr.
Nun stellen Sie sich vor, wie diese Einsicht, wenn sie einem Schaffenden
kommt, alles verändern muß. Der Künstler, den diese Erkenntnis lenkt, hat nicht
an die Schönheit zu denken; er weiß ebensowenig wie die anderen, worin sie
besteht. Gelenkt von dem Drang nach der Erfüllung über ihn hinausreichender
Nützlichkeiten, weiß er nur, daß es gewisse Bedingungen gibt, unter denen sie
vielleicht zu seinem Dinge zu kommen geruht. Und sein Beruf ist, diese
Bedingungen kennen zu lernen und die Fähigkeit zu erwerben, sie herzustellen.
Wer aber diese Bedingungen aufmerksam bis an ihr Ende verfolgt, dem zeigt
sich, daß sie nicht über die Oberfläche hinaus und nirgends in das Innere des
Dinges hineingehn; daß alles, was man machen kann, ist: eine auf bestimmte
Weise geschlossene, an keiner Stelle zufällige Oberfläche herzustellen, eine
Oberfläche, die, wie diejenige der natürlichen Dinge, von der Atmosphäre
umgeben, beschattet und beschienen ist, nur diese Oberfläche,—sonst nichts.
Aus allen den großen anspruchsvollen und launenhaften Worten scheint die
Kunst auf einmal ins Geringe und Nüchterne gestellt, ins Alltägliche, ins
Handwerk. Denn was heißt das: eine Oberfläche machen?
Aber lassen Sie uns einen Augenblick überlegen, ob nicht alles Oberfläche ist,
was wir vor uns haben und wahrnehmen und auslegen und deuten? Und was wir
Geist und Seele und Liebe nennen: ist das nicht alles nur eine leise Veränderung
auf der kleinen Oberfläche eines nahen Gesichts? Und wer uns das geformt
geben will, muß er sich nicht an das Greifbare halten, das seinen Mitteln
entspricht, an die Form, die er fassen und nachfühlen kann? Und wer alle
Formen zu sehen und zu geben vermöchte, würde der uns nicht (fast ohne es zu
wissen) alles Geistige geben? Alles, was je Sehnsucht oder Schmerz oder
Seligkeit genannt war oder gar keinen Namen haben kann in seiner unsagbaren
Geistigkeit?
Denn alles Glück, von dem je Herzen gezittert haben; alle Größe, an die zu
denken uns fast zerstört; jeder von den weiten umwandelnden Gedanken—: es
gab einen Augenblick, da sie nichts waren als das Schürzen von Lippen, das
Hochziehn von Augenbrauen, schattige Stellen auf Stirnen: und dieser Zug um
den Mund, diese Linie über den Lidern, diese Dunkelheit auf einem Gesicht,—
vielleicht waren sie genau so schon vorher da: als Zeichnung auf einem Tier, als
Furche in einem Felsen, als Vertiefung auf einer Frucht....
Es gibt nur eine einzige, tausendfältig bewegte und abgewandelte Oberfläche. In
diesem Gedanken konnte man einen Moment die ganze Welt denken, und sie
wurde einfach und als Aufgabe dem in die Hände gelegt, der diesen Gedanken
dachte. Denn ob etwas ein Leben werden kann, das hängt nicht von den großen
Ideen ab, sondern davon, ob man sich aus ihnen ein Handwerk schafft, ein
Tägliches, Etwas, was bei einem aushält bis ans Ende.
Ich wage es jetzt, Ihnen den Namen zu nennen, der sich nicht länger
verschweigen läßt: Rodin. Sie wissen, es ist der Name unzähliger Dinge. Sie
fragen nach ihnen, und es verwirrt mich, daß ich Ihnen keines zeigen kann. Aber
mir ist, als sah ich eines und noch eines in Ihrer Erinnerung, und als könnt ich sie
dort herausheben, um sie mitten unter uns zu stellen:
diesen Mann mit der gebrochenen Nase, unvergeßlich wie eine plötzlich
erhobene Faust;
diesen Jüngling, dessen aufrechte dehnende Bewegung Ihnen so nahe ist wie das
eigene Erwachen;
diesen Gehenden, der wie ein neues Wort für Gehen in dem Wortschatz Ihres
Gefühles steht;
und den, der sitzt, denkend mit dem ganzen Körper, sich einsaugend in sich
selbst;
und den Bürger mit dem Schlüssel, wie ein großer Schrank, in dem lauter
Schmerz eingeschlossen ist.
Und die Eva, wie von weit in die Arme hineingebogen, deren nach auswärts
gewendete Hände alles abwehren möchten, auch den eigenen, sich
verwandelnden Leib. Und die süße leise innere Stimme, armlos wie Inneres und
wie ein Organ ausgelöst aus dem Kreislauf jener Gruppe.
Und irgendein kleines Ding, dessen Namen Sie vergessen haben, gemacht aus
einer weißen, schimmernden Umarmung, die wie ein Knoten zusammenhält; und
jenes andere, das vielleicht Paolo und Francesca heißt, und kleinere noch, die Sie in sich finden wie Früchte mit ganz dünner Schale—
und: da werfen Ihre Augen, wie die Linsen einer Laterna magica, über mich fort,
einen riesigen Balzac an die Wand. Das Bild eines Schöpfers in seinem
Hochmut, stehend in seiner eigenen Bewegung wie in einem Sturmwirbel, der
die ganze Welt hinaufreißt in dieses kreißende Haupt. Soll ich neben die Dinge
aus Ihrer Erinnerung, nun, da sie da sind, andere von diesen hundert und hundert
Dingen stellen? Diesen Orpheus, diesen Ugolino, diese heilige Therese, die die
Wundenmale empfängt, diesen Victor Hugo mit seiner großen, schrägen,
beherrschenden Gebärde, und jenen anderen, ganz hingegeben an
Einflüsterungen, und einen dritten noch, den drei Mädchenmunde von unten
ansingen, wie eine um seinetwillen aus der Erde brechende Quelle? Und ich
fühle schon, wie mir der Name im Munde zerfließt, wie das alles nur mehr der
Dichter ist, derselbe Dichter, der Orpheus heißt, wenn sein Arm auf einem
Ungeheuern Umweg über alle Dinge zu den Saiten geht, derselbe, der
krampfhaft, schmerzvoll die Füße der fliehenden Muse faßt, die sich entzieht;
derselbe, der endlich stirbt, das steil aufgestellte Gesicht im Schatten seiner in
der Welt weitersingenden Stimmen, und so stirbt, daß dieselbe kleine Gruppe
manchmal auch Auferstehung heißt.—
Wer aber vermag nun die Welle der Liebenden aufzuhalten, die sich draußen
aufhebt auf dem Meere dieses Werkes? Mit diesen unerbittlich verbundenen
Gestalten kommen Schicksale heran und süße und trostlose Namen—: aber auf
einmal sind sie fort, wie ein Glanz, der sich zurückzieht—und man sieht den
Grund. Man sieht Männer und Frauen, Männer und Frauen, immer wieder
Männer und Frauen. Und je länger man hinsieht, desto mehr vereinfacht sich
auch dieser Inhalt, und man sieht: Dinge.
Hier werden meine Worte machtlos und kehren zu der großen Einsicht zurück,
auf die ich Sie schon vorbereitet habe, zu dem Wissen von der einen Oberfläche,
mit welchem dieser Kunst die ganze Welt angeboten war. Angeboten, noch nicht
gegeben. Um sie zu nehmen, bedurfte es (bedarf es immer noch) unendlicher
Arbeit. Bedenken Sie, wie der arbeiten mußte, der aller Oberfläche mächtig
werden wollte; da doch kein Ding dem andern gleich ist. Einer, dem es nicht
darum zu tun war, den Leib im allgemeinen kennen zu lernen, das Gesicht, die
Hand (das alles gibt es nicht); sondern alle Leiber, alle Gesichter, alle Hände.
Was für eine Aufgabe erhebt sich da! Und wie schlicht und ernst ist sie; wie ganz
ohne Anlockung und Versprechung; wie ganz ohne Phrase. Ein Handwerk
entsteht, aber es scheint ein Handwerk für einen Unsterblichen zu sein, so weit
ist es, so ohne Absehn und Ende und so sehr auf Immer-noch-Lernen angelegt. Und wo war eine Geduld, die solchem Handwerk gewachsen war?
Sie war in der Liebe dieses Arbeitenden, sie erneute sich unaufhörlich aus ihr.
Denn das ist vielleicht das Geheimnis dieses Meisters, daß er ein Liebender war,
dem nichts widerstehen konnte. Sein Verlangen war so lang und leidenschaftlich
und ununterbrochen, daß alle Dinge ihm nachgaben: die natürlichen Dinge und
alle die rätselhaften Dinge aller Zeiten, in denen Menschliches sich sehnte, Natur
zu sein. Er blieb nicht bei denen stehen, die leicht zu bewundern sind. Er wollte
das Bewundern ganz erlernen bis ans Ende. Er nahm die schweren
verschlossenen Dinge auf sich und trug sie, und sie drückten ihn mehr und mehr
in sein Handwerk hinein mit ihrer Last. Unter ihrem Drucke muß ihm klar
geworden sein, daß es bei den Kunstdingen, genau wie bei einer Waffe oder
einer Wage, nicht darauf ankommt, irgendwie auszusehen und durch das
Aussehn zu "wirken", sondern daß es sich vielmehr darum handelt, gut gemacht
zu sein.
Dieses Gut-Machen, dieses Arbeiten mit reinstem Gewissen, war alles. Ein Ding
nachformen, das hieß: über jede Stelle gegangen sein, nichts verschwiegen,
nichts übersehen, nirgends betrogen haben; alle die hundert Profile kennen, alle
die Aufsichten und Untersichten, jede Überschneidung. Erst dann war ein Ding
da, erst dann war es Insel, überall abgelöst von dem Kontinent des Ungewissen.
Diese Arbeit (die Arbeit am Modelé) war die gleiche bei allem, was man
machte, und sie mußte so demütig, so dienend, so hingegeben getan sein, so
ohne Wahl an Gesicht und Hand und Leib, daß nichts Benanntes mehr da war,
daß man nur formte, ohne zu wissen, was gerade entstand, wie der Wurm, der
seinen Gang macht im Dunkel von Stelle zu Stelle. Denn wer ist noch
unbefangen Formen gegenüber, die einen Namen haben? Wer wählt nicht schon
aus, wenn er etwas Gesicht nennt? Der Schaffende aber hat nicht das Recht zu
wählen. Seine Arbeit muß von gleichmäßigem Gehorsam durchdrungen sein.
Uneröffnet gleichsam, wie Anvertrautes, müssen die Formen durch seine Finger
gehen, um rein und heil in seinem Werke zu sein.
Und das sind die Formen in Rodins Werk: rein und heil; ohne zu fragen, hat er
sie weitergegeben an seine Dinge, die wie nie berührt sind, wenn er sie verläßt.
Licht und Schatten wird leiser über ihnen wie über ganz frischen Früchten und
bewegter, wie vom Morgenwind darüber hingeführt.
Hier muß von der Bewegung gesprochen werden; nicht in dem Sinne allerdings,
in dem es oft und vorwurfsvoll geschah; denn die Bewegtheit der Gebärden, die
in dieser Skulptur viel bemerkt worden ist, geht innerhalb der Dinge vor sich, gleichsam als ein innerer Kreislauf, und stört niemals ihre Ruhe und die
Stabilität ihrer Architektur. Es wäre auch keine Neuerung gewesen, Bewegtheit
in die Plastik einzuführen. Neu ist die Art von Bewegung, zu der das Licht
gezwungen wird durch die eigentümliche Beschaffenheit dieser Oberflächen,
deren Gefälle so vielfach abgewandelt ist, daß es da langsam fließt und dort
stürzt, bald seicht und bald tief erscheint, spiegelnd oder matt. Das Licht, das
eines dieser Dinge berührt, ist nicht mehr irgendein Licht, es hat keine zufälligen
Wendungen mehr; das Ding nimmt von ihm Besitz und gebraucht es wie sein
eigenes.
Diese Erwerbung und Aneignung des Lichts als Folge einer ganz klar
bestimmten Oberfläche hat Rodin als eine wesentliche Eigenschaft plastischer
Dinge wiedererkannt. Die Antike und die Gotik hatten, jede auf ihre Art,
Lösungen dieser plastischen Aufgabe gesucht, und er hat sich in uralte
Traditionen gestellt, indem er die Gewinnung des Lichtes zu einem Teil seiner
Entwickelung machte. Es gibt da wirklich Steine mit eigenem Licht, wie das
gesenkte Gesicht auf dem Block im Luxembourg-Museum, La Pensée, das,
vorgeneigt bis zum Schattigsein, über das weiße Schimmern seines Steines
gehalten ist, unter dessen Einfluß die Schatten sich auflösen und in ein
durchsichtiges Helldunkel übergehen. Und wer denkt nicht mit Entzücken an
eine der kleinen Gruppen, wo zwei Leiber eine Dämmerung schaffen, um sich
darin leise, mit verhaltenem Licht zu begegnen? Und ist es nicht merkwürdig,
das Licht über den liegenden Rücken der Danaïde gehen zu sehen: langsam, als
ob es kaum vorwärts käme seit Stunden. Und wußte noch jemand von dieser
ganzen Skala der Schatten bis hinauf zu jenem leicht verscheuchten dünnen
Dunkel, wie es manchmal um den Nabel kleiner Antiken huscht, und das wir nur
mehr aus der Rundung hohler Rosenblätter kannten?
In solchen—kaum sagbaren—Fortschritten liegt die Steigerung in Rodins Werk.
Mit der Unterwerfung des Lichts begann auch schon die nächste große
Überwindung, der seine Dinge ihre Gestalt verdanken, jene Art Groß-sein, die
unabhängig ist von allen Maßen. Ich meine die Erwerbung des Raumes.
Wieder waren es die Dinge, die sich seiner annahmen, wie schon oft, die Dinge
draußen in der Natur und einzelne Kunstdinge von erhabener Abstammung, die
er immer wieder befragen kam. Sie wiederholten ihm jedesmal eine
Gesetzmäßigkeit, von der sie erfüllt waren und die er nach und nach begriff. Sie
gewährten ihm einen Blick in eine geheimnisvolle Geometrie des Raumes, die
ihn einsehen ließ, daß die Konturen eines Dinges in der Richtung einiger
gegeneinander geneigter Ebenen sich ordnen müssen, damit dieses Ding vom Räume wirklich aufgenommen, gleichsam von ihm anerkannt sei in seiner
kosmischen Selbständigkeit.
Es ist schwer, diese Erkenntnis präzise auszusprechen. Aber am Werke Rodins
läßt sich zeigen, wie er sie verwendet. Immer energischer und sicherer werden
die vorhandenen Details in starken Flächeneinheiten zusammengefaßt, und
endlich stellen sie sich, wie unter dem Einfluß rotierender Kräfte, in einigen
großen Ebenen auf, richten sich aus, sozusagen, und man meint zu sehen, wie
diese Ebenen zum Himmelsglobus gehören und ins Unendliche sich fortsetzen
lassen.
Da ist der Jüngling des Âge d'airain, der noch wie in einem Innenraum steht, um
den Johannes weicht es schon auf allen Seiten zurück, um den Balzac ist die
ganze Atmosphäre—aber ein paar hauptlose Akte, der neue ungeheuere Gehende
vor allem, sind wie über uns hinausgestellt, wie ins All, wie unter die Sterne in
ein weites unbeirrbares Kreisen.
Aber wie in einem Märchen das Übergroße, wenn es einmal bewältigt ist, sich
klein macht für seinen Überwinder, um ihm ganz zu gehören, so hat der Meister
diesen von seinen Dingen gewonnenen Raum wirklich in Besitz nehmen dürfen
als sein Eigentum. Denn er ist ganz, mit aller Unermeßlichkeit, in den seltsamen
Blättern, von denen man immer wieder meinen möchte, daß sie das Äußerste
dieses Werkes sind. Diese Zeichnungen aus den letzten zehn Jahren sind nicht,
wofür manche sie nehmen wollten, rasche Anmerkungen, Vorbereitendes,
Vorläufiges; sie enthalten das Endgültigste einer langen ununterbrochenen
Erfahrung. Und sie enthalten es, wie durch ein fortwährendes Wunder, in einem
Nichts, in einem raschen Umriß, in einem atemlos der Natur abgenommenen
Kontur, in dem Kontur eines Konturs, den sie selber abgelegt zu haben scheint,
weil er ihr zu zart und zu kostbar war. Niemals sind Linien, auch in den
seltensten japanischen Blättern nicht, von solcher Ausdrucksfähigkeit gewesen
und zugleich so absichtslos. Denn hier ist nichts Dargestelltes, nichts Gemeintes,
keine Spur von einem Namen. Und doch, was ist hier nicht? Welches Halten
oder Loslassen oder Nichtmehr-Haltenkönnen, welches Neigen und Strecken
und Zusammenziehen, welches Fallen oder Fliegen sah oder ahnte man je, das
hier nicht wieder vorkommt? Und wenn es irgendwo vorkam, so verlor man es:
denn es war so flüchtig und fein, so wenig für einen bestimmt, daß man nicht
fähig war, ihm einen Sinn zu geben. Jetzt erst, da man es unvermutet in diesen
Blättern wiedersieht, weiß man seine Bedeutung: das Äußerste von Lieben und
Leiden und Trostlos- und Seligsein geht von ihnen aus, man begreift nicht
warum. Da sind Gestalten, die aufsteigen, und dieses Aufsteigen ist so hinreißend, wie nur ein Morgen es sein kann, wenn die Sonne ihn
auseinanderdrängt. Und da sind leichte, sich rasch entfernende Gestalten, die,
indem sie fortgehen, einen mit Bestürzung erfüllen, als könnte man sie nicht
entbehren. Da sind Liegende, um die herum Schlaf entsteht und geballte Träume;
und Träge, ganz schwer von Trägheit, die warten; und Lasterhafte, die nicht
mehr warten wollen. Und man sieht ihr Laster, und es ist wie das Wachsen einer
Pflanze, die im Wahnsinn wächst, weil sie nicht anders kann; man begreift,
wieviel vom Neigen einer Blume auch noch in dieser sich Neigenden ist, und
daß alles das Welt ist, auch noch diese Figur, die, wie ein Sternbild im Tierkreis,
für immer entrückt ist und festgehalten in ihrer leidenschaftlichen Vereinsamung.
Wenn aber eine von den bewegten Gestalten unter ein wenig grüner Farbe
sichtbar wird, so ist es das Meer oder der Meeresgrund, und sie rührt sich anders,
mühsamer, unter dem Wasser; und es genügt ein Wink mit Blau hinter einer
fallenden Figur, so stürzt sich der Raum auf allen Seiten in das Blatt hinein und
umgibt sie mit so viel Nichts, daß einen der Schwindel nimmt und man
unwillkürlich nach der Hand des Meisters greift, die, mit einer zärtlich gebenden
Wendung, die Zeichnung hinhält.
Nun hab ich Sie, merk ich, eine Gebärde des Meisters sehen lassen. Sie
verlangen andere. Sie fühlen sich vorbereitet genug, um Äußeres und
Äußerliches sogar ergänzend einordnen zu können, daß es zum Zuge würde im
persönlichen Bilde. Sie verlangen den Wortlaut eines Satzes zu hören, wie er
gesprochen worden ist; sie wollen Orte und Daten eintragen in die Berg- und
Flußkarte dieses Werkes.
Da ist eine nach einem Ölbild hergestellte Photographie. Sie zeigt undeutlich
einen jungen Mann aus dem Ende der sechziger Jahre. Die einfachen Linien in
dem bartlosen Gesicht sind nahezu hart, aber die klar im Dunkel stehenden
Augen verbinden das Einzelne zu einem milden, fast träumerischen Ausdruck,
wie ihn junge Menschen unter dem Einfluß der Einsamkeit bekommen; es ist
fast das Antlitz von einem, der gelesen hat bis zum Dunkel-werden.
Aber da ist ein anderes Bild; um 1880. Da sieht man einen Mann, geprägt von
Tätigkeit. Das Gesicht ist abgemagert, der lange Bart läßt sich nachlässig
hinabgleiten auf die breitschultrig angelegte Büste, über der der Rock zu weit
geworden ist. In den aschblonden, verblaßten Tönen der Photographie meint
man zu erkennen, daß die Lider gerötet sind, aber der Blick tritt sicher und
entschlossen aus den überanstrengten Augen, und in der Haltung ist eine
elastische Spannung, die nicht brechen wird.
Und mit einemmal, nach ein paar Jahren, scheint das alles umgewandelt. Aus
dem Vorläufigen und Unbestimmten ist ein Endgültiges geworden, das gemacht
ist, lange zu dauern. Auf einmal ist diese Stirne da, "felsig" und steil, aus der die
gerade starke Nase entspringt, deren Flügel leicht und empfindlich sind. Wie
unter alten steinernen Bogen liegen die Augen weitsichtig nach außen und innen.
Der Mund einer faunischen Maske, halb verborgen und vermehrt um das
sinnliche Schweigen neuer Jahrhunderte, und darunter der Bart, wie zu lange
zurückgehalten, hervorstürzend in einer einzigen weißen Welle. Und die Gestalt,
die dieses Haupt trägt, wie nicht von der Stelle zu rücken.
Und soll man sagen, was von dieser Erscheinung ausgeht, so ist es dieses: daß
sie zurückzureichen scheint wie ein Flußgott und vorauszuschauen wie ein
Prophet. Sie ist nicht bezeichnet von unserer Zeit. Genau bestimmt in ihrer
Einzigkeit, verliert sie sich doch in einer gewissen mittelalterlichen Anonymität,
hat jene Demut der Größe, die an die Erbauer der großen Kathedralen denken
macht. Ihre Einsamkeit ist keine Absonderung, denn sie beruht im
Zusammenhang mit der Natur. Ihre Männlichkeit ist bei aller Hartnäckigkeit
ohne Härte, so daß sogar ein Freund Rodins, den er manchmal gegen Abend
besuchte, schreiben konnte: "Es bleibt, wenn er geht, in der Dämmerung des
Zimmers etwas Mildes zurück, als wäre eine Frau dagewesen."
Und in der Tat, die wenigen, die in der Freundschaft des Meisters aufgenommen
waren, haben seine Güte erfahren, die elementar wie die Güte einer Naturkraft
ist, wie die Güte eines langen Sommertags, der alles wachsen läßt und spät
dunkelt. Aber auch die flüchtigen Besucher der Sonnabend-Nachmittage haben
Anteil daran gehabt, wenn sie in den beiden Stadtateliers im Depot des Marbres
zwischen vollendeten und halbfertigen Arbeiten immer wieder dem Meister
begegneten. Man fühlt sich sicher in seiner Höflichkeit vom ersten Augenblick
an, aber man erschrickt fast vor der Intensität seines Interesses, wenn er sich
einem zuwendet. Dann hat er jenen Blick konzentrierter Aufmerksamkeit, der
kommt und geht wie das Licht eines Scheinwerfers, aber so stark ist, daß man es
noch weit hinter sich hell werden fühlt.
Sie haben diese Werkstätten in der rue de l'Université oft beschreiben hören. Es
sind Bauhütten, in denen die Bausteine dieses großen Werkes behauen werden.
Fast steinbruchhaft unwirtlich, bieten sie dem Besucher keine Zerstreuung; nur
für Arbeit eingerichtet, zwingen sie ihn, das Schauen als Arbeit auf sich zu
nehmen, und viele haben an dieser Stelle zuerst empfunden, wie ungewohnt
ihnen diese Arbeit ist. Andere, die es lernten, traten mit einem Fortschritt wieder
heraus und merkten, daß sie gelernt hatten, an allem, was draußen war. Am merkwürdigsten aber sind diese Räume sicher für die gewesen, die schauen
konnten. Von einem Gefühl sanfter Notwendigkeit geführt, kamen sie hierher,
manchmal von weit, und es war für sie das, was eines Tages kommen mußte,
hier zu stehen, unter dem Schutz dieser Dinge. Es war ein Abschluß und ein
Anfang und die stille Erfüllung des Wunsches, daß es irgendwo ein Beispiel
geben möge unter all den Worten, eine einfache Wirklichkeit des Gelingens. Zu
solchen trat dann wohl Rodin heran und bewunderte mit ihnen, was sie
bewunderten. Denn der dunkle Weg seiner absichtslosen Arbeit, der durch das
Handwerk führt, ermöglicht ihm, vor seinen vollendeten Dingen, die er nicht
überwacht und bevormundet hat, selber bewundernd zu stehen, wenn sie erst da
sind und ihn übertreffen. Und seine Bewunderung ist jedesmal besser,
gründlicher, entzückter als die des Besuchers. Seine unbeschreibliche
Konzentrierung kommt ihm überall zu-gute. Und wenn er im Gespräch die
Zumutung der Inspiration nachsichtig und mit ironischem Lächeln abschüttelt
und meint, es gebe keine—, keine Inspiration, sondern nur Arbeit, so begreift
man plötzlich, daß für diesen Schaffenden die Eingebung dauernd geworden ist,
daß er sie nicht mehr kommen fühlt, weil sie nicht mehr aussetzt, und man ahnt
den Grund seiner ununterbrochenen Fruchtbarkeit.
"Avez-vous bien travaillé?"—ist die Frage, mit der er jeden begrüßt, der ihm lieb
ist; denn wenn die bejaht werden kann, so ist weiter nichts mehr zu fragen, und
man kann beruhigt sein: wer arbeitet, ist glücklich. Für Rodins einfache und
einheitliche Natur, die über unglaubliche Kraftvorräte verfügt, war diese Lösung
möglich; für sein Genie war sie notwendig; nur so konnte es sich der Welt
bemächtigen. Zu arbeiten, wie die Natur arbeitet, nicht wie Menschen, das war
seine Bestimmung.
Vielleicht hat das Sebastian Melmoth empfunden, als er einsam, an einem seiner
traurigen Nachmittage hinausgegangen war, die Porte de l'Enfer zu sehen.
Vielleicht hat die Hoffnung, neu anzufangen, noch einmal in seinem
halbzerstörten Herzen gezuckt. Vielleicht hätte er, wenn es möglich gewesen
wäre, den Mann, als er mit ihm allein war, fragen mögen: Wie ist Ihr Leben
gewesen?
Und Rodin hätte geantwortet: Gut.
Haben Sie Feinde gehabt?
Sie haben mich nicht am Arbeiten hindern können.
Und der Ruhm?
Hat mich verpflichtet, zu arbeiten.
Und die Freunde?
Haben Arbeit von mir verlangt.
Und die Frauen?
In der Arbeit hab ich sie bewundern gelernt.
Aber Sie sind jung gewesen?
Da war ich irgendeiner. Man begreift nichts, wenn man jung ist; das kommt
später, langsam.
Was Sebastian Melmoth nicht gefragt hat, vielleicht hat es mancher gedacht,
wenn er zu dem Meister hinübersah, immer wieder, erstaunt über die dauerhafte
Kraft des fast Siebzigjährigen, über diese Jugend in ihm, die nichts
Konserviertes hat, die frisch ist, als käme sie ihm immer wieder aus der Erde zu.
Und Sie selbst fragen, ungeduldiger, nochmals: Wie ist sein Leben gewesen?
Wenn ich zögere, es Ihnen zu erzählen, der Zeit nach, wie man Lebensläufe
berichtet, so ist es, weil es mir scheint, als ob alle Daten, die man kennt (und es
sind nur sehr vereinzelte), wenig persönlich und recht allgemein wären im
Vergleich zu dem, was dieser Mann aus ihnen gemacht hat. Von allem, was
vorher war, abgetrennt durch das ungangbare Gebirge des gewaltigen Werkes,
hat man es schwer, Vergangenes zu erkennen; man ist auf das angewiesen, was
der Meister selbst gelegentlich erzählt hat und was von anderen wiedererzählt
worden ist.
Von der Kindheit hat man nur erfahren, daß der Knabe frühzeitig aus Paris in
eine kleine Pension nach Beauvais gebracht worden ist, wo er das Haus entbehrt
und, zart und empfindsam, unter denen leidet, die ihn mit Fremdheit und
Rücksichtslosigkeit umgeben. Er kommt als Vierzehnjähriger zurück nach Paris
und lernt in einer kleinen Zeichenschule zuerst den Ton kennen, den er am
liebsten nicht wieder aus den Händen ließe: so sehr sagt dieses Material ihm zu.
Wie überhaupt alles ihm gefällt, was Arbeit ist: er arbeitet sogar während des
Essens, er liest, er zeichnet. Er zeichnet unterwegs auf der Straße und ganz früh
am Morgen, im Jardin des Plantes, die verschlafenen Tiere. Und wozu ihn die
Lust nicht verlockt, dazu treibt ihn die Armut. Die Armut, ohne die sein Leben
nicht denkbar wäre, und der er es nie vergißt, daß sie ihn mit Tieren und Blumen
gehalten hat, besitzlos unter all dem Besitzlosen, das von Gott abhängt und nur
von ihm.
Mit siebzehn Jahren tritt er bei einem Dekorateur ein und arbeitet für ihn, wie später an der Manufaktur von Sèvres für Carrier-Belleuse und für van Rasbourg
in Antwerpen und in Brüssel. Sein eigentliches, selbständiges Leben beginnt, der
Öffentlichkeit gegenüber, etwa um das Jahr 1877. Es beginnt damit, daß man ihn
anklagt, die damals ausgestellte Statue des Âge d'airain durch Naturabguß
verfertigt zu haben. Es beginnt damit, daß man ihn anklagt. Er wüßte es jetzt
vielleicht kaum mehr, wenn nicht die öffentliche Meinung so ausdauernd dabei
geblieben wäre, ihn anzuklagen und abzuwehren. Er beklagt sich nicht darüber;
nur daß sich unter dem Einfluß der Feindseligkeit, die nicht nachließ, ein gutes
Gedächtnis für böse Erfahrungen in ihm ausgebildet hat, das er sonst, mit seinem
Sinn für das Wesentliche, hätte verkümmern lassen. Sein Können war schon
enorm zu jener Zeit, war es schon im Jahre 1864, als die Maske des Mannes mit
der gebrochenen Nase entstand. Er hatte sehr viel in seiner Abhängigkeit
gearbeitet, aber was da war, war von anderen Händen entstellt und trug nicht
seinen Namen. Die Modelle, die er für Sèvres ausgeführt hatte, fand später Mr.
Roger-Marx und erwarb sie; man hatte sie in der Fabrik als unbrauchbar zu
Scherben geworfen. Zehn Masken, für eines der Bassins am Trocadero
bestimmt, verschwanden, gleich nachdem sie angebracht worden waren, von
ihrem Platz und sind noch nicht wieder aufgefunden worden. Die Bürger von
Calais bekamen nicht die Aufstellung, die der Meister vorgeschlagen hatte;
niemand wollte sich an der Enthüllung dieses Denkmals beteiligen. In Nancy
zwang man Rodin, am Sockel des Standbildes Claude Lorrains Veränderungen
vorzunehmen, die gegen seine Überzeugung waren. Sie erinnern sich noch der
unerhörten Ablehnung des Balzac von Seiten seiner Besteller, mit der
Begründung, die Statue wäre nicht ähnlich genug. Vielleicht haben Sie es in den
Zeitungen übersehen, daß noch vor zwei Jahren der probeweise vor dem
Pantheon aufgerichtete Gipsabguß des Denkers durch Axthiebe zertrümmert
worden ist. Aber es ist möglich, daß Ihnen heut oder morgen eine ähnliche Notiz
auffällt, falls es wieder zum öffentlichen Ankauf eines Rodinschen Werkes
kommen sollte. Denn diese Liste, die nur eine Auswahl der Kränkungen enthält,
die man unablässig zu vermehren bemüht war, wird wohl kaum abgeschlossen
sein.
Es wäre denkbar, daß ein Künstler schließlich diesen immer wieder erklärten
Krieg angenommen hätte; Unwillen und Ungeduld hätten den und jenen
hinreißen können; aber wie sehr wäre er, auf den Kampfplatz tretend, von
seinem Werke entfernt worden. Es ist Rodins Sieg, daß er in dem seinen
ausharrte und Zerstörung in der Art der Natur beantwortete: mit einem neuen
Anfang und zehnfacher Fruchtbarkeit.
Wer sich scheut, den Vorwurf der Übertreibung auf sich zu nehmen, hat überhaupt kein Mittel, Ihnen die Tätigkeit Rodins nach seiner Rückkehr aus
Belgien zu schildern. Der Tag begann für ihn mit der Sonne, aber er endete nicht
mit ihr; denn da wurde noch ein langer Streifen Lampenlicht angefügt an die
vielen hellen Stunden. Spät nachts, wenn kein Modell mehr zu haben war, war
die Frau, die sein Leben schon lange mit rührender Hilfe und Hingabe teilte,
immer bereit, die Arbeit in dem dürftigen Zimmer zu ermöglichen. Sie war
unscheinbar als Gehilfin, ganz verschwindend in den vielen geringen Diensten,
die ihr zufielen, aber daß sie auch schön sein konnte, das läßt die La Bellone
genannte Büste nicht vergessen, und auch das schlichte spätere Bildnis spricht
davon. War auch sie schließlich müde, so erwies sich, daß das Gedächtnis des
Arbeitenden mit Formerinnerungen so sehr angefüllt war, daß er keinen Grund
hatte, die Arbeit zu unterbrechen.
Damals entstehen die Fundamente des ganzen unermeßlichen Werkes, fast alle
Arbeiten, die man kennt, setzen in jenen Tagen mit einer verwirrenden
Gleichzeitigkeit ein. Als wäre der Beginn der Verwirklichung die einzige
Gewähr, daß es möglich sein wird, so Ungeheures durchzuführen. Und Jahre und
Jahre hielt diese überlegene Kraft unvermindert vor, und als endlich eine gewisse
Erschöpfung eintrat, war es nicht die Arbeit, die sie verschuldete, sondern viel
eher die ungesunden Verhältnisse der sonnenlosen Wohnung (in der rue des
Grands-Augustins), die Rodin lange gar nicht beachtet hatte. Freilich, die Natur
hatte er oft entbehrt, und manchmal an Sonntagnachmittagen war man
aufgebrochen; aber gewöhnlich war es Abend, ehe man, gehend unter den vielen
Gehenden (denn an die Benutzung eines Omnibus war nicht zu denken
jahrelang), an den Fortifications angekommen war, vor denen, ungewiß und
schon dämmernd, das Land begann, nicht zu erreichen. Nun aber war es endlich
möglich geworden, den alten Wunsch auszuführen und ganz aufs Land zu
ziehen; zuerst nach Bellevue in das kleine Landhaus, in dem Scribe gewohnt
hatte, und später auf die Höhen von Meudon.
Dort war das Leben um vieles geräumiger geworden; das Haus (die einstöckige
Villa des Brillants mit dem hohen Louis-treize-Dach) war klein und ist seither
nicht vergrößert worden. Aber nun war ein Garten da, der mit seinem heiteren
Beschäftigtsein teilnahm an allem, was geschah, und die Ferne war vor den
Fenstern. Was sich nun in den neuen Verhältnissen ausbreitete und immer wieder
Zubauten beanspruchte, das war nicht der Herr dieses Hauses, das waren seine
geliebten Dinge, die nun verwöhnt werden sollten. Für sie ist alles getan worden;
noch vor sechs Jahren hat er—Sie werden sich dessen erinnern—den
Ausstellungs-Pavillon vom Pont de l'Alma nach Meudon überführt und diesen
hellen hohen Raum draußen den Dingen überlassen, die ihn nun zu Hunderten erfüllen.
Neben diesem "Musée Rodin" ist nach und nach ein sehr persönlich
ausgewähltes Museum antiker Statuen und Fragmente erwachsen, das Werke
griechischer und ägyptischer Arbeit enthält, von denen einzelne in den Sälen des
Louvre auffallen würden. In einem anderen Raum stehen hinter attischen Vasen
Bilder, denen man, auch ohne die Signatur zu suchen, die richtigen Namen gibt:
Ribot, Monet, Carrière, van Gogh, Zuloaga, und unter Bildern, die man nicht zu
nennen weiß, ein paar, die auf Falguière zurückgehen, der ein großer Maler war.
Es ist natürlich, daß es nicht an Widmungen fehlt: die Bücher allein bilden eine
umfangreiche Bibliothek und eine seltsam selbständige, unabhängig von der
Wahl ihres Besitzers und doch nicht zufällig um ihn gestellt. Alle diese
Gegenstände sind von Sorgfalt umgeben und in Ehren gehalten, aber niemand
erwartet von ihnen, daß sie Annehmlichkeit oder Stimmung verbreiten sollen.
Fast hat man das Gefühl, Kunstdinge verschiedenster Art und Zeit nie in so
starker, unverminderter Einzelwirkung erlebt zu haben, wie hier, wo sie nicht
ehrgeizig aussehen wie in einer Sammlung, und auch nicht gezwungen sind, aus
dem Vermögen ihrer Schönheit zu einem allgemeinen, von ihnen absehenden
Behagen beizutragen. Jemand hat einmal gesagt, daß sie gehalten wären wie
schöne Tiere, und er hat damit wirklich Rodins Beziehung zu den Dingen, die
ihn umgeben, festgestellt; denn wenn er, oft nachts noch, unter ihnen herumgeht,
vorsichtig, wie um nicht alle zu wecken, und mit einem kleinen Licht schließlich
zu einem antiken Marmor tritt, der sich rührt, aufwacht und plötzlich aufsteht: so
ist es das Leben, das er suchen gegangen ist und das er nun bewundert: "La vie,
cette merveille", wie er einmal schrieb.
Dieses Leben hat er hier in der ländlichen Einsamkeit seiner Wohnung mit noch
gläubigerer Liebe umfassen gelernt. Es zeigt sich ihm jetzt wie einem
Eingeweihten, es verbirgt sich ihm nirgends mehr, es hat kein Mißtrauen ihm
gegenüber. Er erkennt es im Kleinen und im Großen; im kaum mehr Sichtbaren
und im Unermeßlichen. Im Aufstehen und im Schlafengehen ist es, und es ist im
Nachtwachen; die schlichten altmodischen Mahlzeiten sind erfüllt davon, das
Brot, der Wein; in der Freude der Hunde ist es, in den Schwänen und im
glänzenden Kreisen der Tauben. In jeder kleinen Blume ist es ganz, und
hundertmal in jeder Frucht. Irgendein Kohlblatt aus dem Küchengarten brüstet
sich damit und mit wieviel Recht. Wie gerne schimmert es im Wasser, und wie
glücklich ist es in den Bäumen. Und wie nimmt es, wo es kann, das Dasein der
Menschen in Besitz, wenn sie sich nicht sträuben. Wie stehn da drüben die
kleinen Häuser gut, genau wo sie stehen müssen, in den richtigen Ebenen. Und
wie prachtvoll springt bei Sèvres die Brücke über den Fluß, absetzend, ruhend, ausholend und wieder springend, dreimal. Und ganz dahinter der Mont-Valerien
mit seinen Befestigungen, wie eine große Plastik, wie eine Akropolis, wie ein
antiker Altar. Und auch das hier haben Menschen gemacht, die dem Leben
nahestanden: diesen Apollo, diesen ruhenden Buddha auf der offenen Blume,
diesen Sperber und, hier, diesen knappen Knabentorso, an dem keine Lüge ist.
Auf solchen Einsichten, die Nahes und Entferntes ihm fortwährend bestätigt,
ruhen die Arbeitstage des Meisters von Meudon. Arbeitstage sind es geblieben,
einer wie der andere, nur daß jetzt auch das mit zur Arbeit gehört, dieses
Hinausschauen und Mitallemsein und Verstehen. Je commence à comprendre—
sagt er manchmal nachdenklich und dankbar. "Und das kommt, weil ich mich
um eine Sache ernstlich bemüht habe; wer Eines versteht, der versteht
überhaupt; denn in allem sind dieselben Gesetze. Ich habe die Skulptur gelernt,
und ich wußte wohl, daß das etwas Großes ist. Ich erinnere mich jetzt, daß ich
einmal in der 'Nachfolge Christi', im dritten Buch besonders, überall statt Gott
Skulptur gesetzt hatte, und es war richtig und stimmte—."
Sie lächeln, und es ist ganz in der Ordnung, bei dieser Stelle zu lächeln; ihr Ernst
ist so unbeschützt, daß man das Gefühl hat, ihn verbergen zu müssen. Aber Sie
merken schon, daß Worte, wie dieses, nicht gemacht sind, um so laut gesprochen
zu werden, wie ich hier sprechen muß. Sie erfüllen vielleicht auch ihre Mission,
wenn die Einzelnen, die sie selbst empfangen haben, versuchen, ihr Leben
danach einzurichten.
Übrigens ist Rodin schweigsam wie alle Handelnden. Er gibt sich auch selten
das Recht, seine Einsichten in Worten zu verwenden, weil das des Dichters ist;
und der Dichter steht seiner Bescheidenheit weit über dem Bildhauer, der, wie er
einmal vor seiner schönen Gruppe Le sculpteur et sa muse mit verzichtendem
Lächeln gesagt hat, "sich unbeschreiblich anstrengen muß, in seiner
Schwerfälligkeit, die Muse zu verstehen".
Trotzdem gilt, was von seiner Rede gesagt worden ist: "quelle impression de bon
repas, de nourriture enrichissante—"; denn hinter jedem Wort seines Gesprächs
steht, massiv und beruhigend, die schlichte Wirklichkeit seiner erfahrenen Tage.
Sie können jetzt begreifen, daß diese Tage ausgefüllt sind. Der Vormittag vergeht
in Meudon; oft werden in den verschiedenen Ateliers mehrere begonnene
Arbeiten nacheinander vorgenommen und jede ein wenig gefördert; dazwischen
drängt sich, lästig und unabweisbar, der ganze geschäftliche Verkehr, dessen
Sorge und Mühsal dem Meister nicht erspart bleibt, da fast keines seiner Werke
durch den Kunsthandel geht. Meistens schon um zwei Uhr wartet ein Modell in
der Stadt, ein Porträt-besteller oder ein Berufsmodell, und nur im Sommer erreicht es Rodin, vor Einbruch der Dämmerung wieder in Meudon zu sein. Der
Abend draußen ist kurz und immer derselbe; denn um neun Uhr begibt man sich
regelmäßig zur Ruhe.
Und fragen Sie nach den Zerstreuungen, den Ausnahmen: es gibt im Grunde
keine; Renans "travailler, ça repose" hat vielleicht noch nie so tägliche Gültigkeit
angenommen wie hier. Aber die Natur erweitert manchmal unversehens diese
äußerlich so gleichen Tage und fügt Zeiten ein, ganze Ferien, die vor dem
Tagwerk liegen; sie läßt ihren Freund nichts versäumen. Morgen, die sich
glücklich fühlen, wecken ihn, und er teilt mit ihnen. Er sieht seinem Garten zu,
oder er kommt nach Versailles zu dem prunkvollen Aufstehen der Parke, wie
man zum Lever des Königs kam. Er liebt die Unberührtheit dieser ersten
Stunden. "On voit les animaux et les arbres chez eux", sagt er heiter, und er
bemerkt alles, was am Wege steht und sich freut. Er hebt einen Pilz auf,
entzückt, und zeigt ihn Madame Rodin, die, gleich ihm, diese frühen Wege nicht
aufgegeben hat: "Sieh," sagt er angeregt, "und das braucht nur eine Nacht; in
einer Nacht ist das gemacht, alle diese Lamellen. Das arbeitet gut."
Am Rande des Parkes dehnt sich die ländliche Landschaft. Ein Viergespann
pflügender Rinder wendet langsam und bewegt sich gewichtig in dem frischen
Feld. Rodin bewundert die Langsamkeit, das Ausführliche im Langsamen, seine
Fülle. Und dann: "C'est toute obéissance." Seine Gedanken gehen ähnlich durch
die Arbeit. Er versteht dieses Bild, wie er die Bilder bei den Dichtern begreift,
mit denen er sich manchmal am Abend beschäftigt. (Das ist nicht mehr
Baudelaire, Rousseau ist es noch ab und zu, sehr oft ist es Platon.) Aber als jetzt
von den Übungsplätzen drüben aus Saint-Cyr über die ruhige Feldarbeit die
Hörner herüberrufen, aufrührerisch und rasch—, da lächelt er: er sieht den
Schild des Achill.
Und an der nächsten Biegung liegt die Landstraße vor ihm, "la belle route", eben
und lang und wie das Gehen selbst. Und auch das Gehen ist ein Glück. Das hat
ihn die belgische Zeit gelehrt. Sehr gewandt im Arbeiten und von seinem
damaligen Kompagnon aus verschiedenen Gründen nur halb in Anspruch
genommen, gewann er ganze Tage, um sie draußen zu verbringen. Ein
Malkasten war zwar mit, aber er wurde immer seltener gebraucht, weil Rodin
einsah, daß die Beschäftigung mit einer Stelle ihn von der Freude an tausend
anderen Dingen ablenkte, die er noch so wenig kannte. So wurde es eine Zeit des
Schauens. Rodin nennt sie seine reichste. Die großen Buchenwälder von
Soignes, die blanken langen Straßen, die aus ihnen hinaus dem weiten Wind der
Ebenen entgegenlaufen, die klaren Estaminets, in denen Rast und Mahlzeit etwas Festliches hatten bei aller Schlichtheit (gewöhnlich nur Brot in Wein getaucht:
"une trempête"): dieses war lange der Kreis seiner Eindrücke, in den jedes
einfache Ereignis eintrat wie mit einem Engel; denn er erkannte hinter jedem die
Flügel einer Herrlichkeit.
Er hat sicher recht, wenn er an dieses jahrelange Gehen und Schauen mit einer
Dankbarkeit ohnegleichen zurückdenkt. Es war seine Vorbereitung auf die
kommende Arbeit; es war ihre Vorbedingung in jedem Sinn; denn damals nahm
auch seine Gesundheit die endgültige dauernde Festigkeit an, mit der er später
rücksichtslos rechnen mußte.
Wie er aus jenen Jahren unerschöpfliche Frische mitbrachte, so kehrt er jetzt
noch jedesmal gestärkt und voll Arbeitslust von einem weiten morgendlichen
Wege zurück. Glücklich, wie mit guten Nachrichten, tritt er bei seinen Dingen
ein und geht auf eines zu, als hätte er ihm etwas Schönes mitgebracht. Und ist im
nächsten Augenblick vertieft, als arbeite er seit Stunden. Und fängt an und
ergänzt und verändert hier und dort, als ginge er, durch das Gedränge, dem Ruf
der Dinge nach, die ihn nötig haben. Keines ist vergessen; die zurückgerückten
warten auf ihre Stunde und haben Zeit. Auch in einem Garten wächst nicht alles
zugleich. Blüten stehen neben Früchten, und irgendein Baum ist noch bei den
Blättern. Sagte ich nicht, daß es im Wesen dieses Gewaltigen liegt, Zeit zu haben
wie die Natur und hervorzubringen wie sie?
Ich wiederhole es, undesscheint mir immer noch wunderbar, daß es einen
Menschen gibt, dessen Arbeit zu solchen Maßen angewachsen ist. Aber ich kann
doch nicht den erschreckten Blick vergessen, der mich einmal abwehrte, als ich
in einem kleinen Kreise mich dieses Ausdrucks bediente, um die ganze Größe
Rodinschen Genies für einen Moment gleichzeitig heraufzurufen. Eines Tages
begriff ich diesen Blick.
Ich ging in Gedanken durch die ungeheuren Werkstätten, und ich sah, daß alles
im Werden war und nichts eilte. Da stand, riesig zusammengeballt, der Denker,
in Bronze, vollendet; aber er gehörte ja in den immer noch wachsenden
Zusammenhang des Höllentors. Da wuchs das eine Denkmal für Victor Hugo
heran, langsam, immerfort beobachtet, vielleicht noch Abänderungen ausgesetzt,
und weiterhin standen die anderen Entwürfe, werdend. Da lag, wie
ausgegrabenes Wurzelwerk einer uralten Eiche, die Gruppe des Ugolino und
wartete. Da wartete das merkwürdige Denkmal für Puvis de Chavannes mit dem
Tisch, dem Apfelbaum und dem herrlichen Genius der ewigen Ruhe. Das da
drüben wird ein Denkmal für Whistler sein, und hier diese ruhende Gestalt wird
vielleicht einmal das Grab eines Unbekannten berühmt machen. Es ist kaum durchzukommen; aber schließlich bin ich wieder vor dem kleinen Gipsmodell
der Tour du Travail, das nun in seiner endgültigen Anordnung nur des Bestellers
harrt, der das riesige Beispiel seiner Bilder aufrichten hilft unter den Menschen.
Aber da ist neben mir ein anderes Ding, ein stilles Gesicht, zu dem eine leidende
Hand gehört, und der Gips hat jene durchscheinende Weiße, die er nur unter
Rodins Werkzeug annimmt. Auf dem Gestell steht, vorläufig vorgemerkt und
schon wieder durchgestrichen: Convalescente. Und nun finde ich mich unter
lauter namenlosen neuen werdenden Dingen; sie sind gestern begonnen oder
vorgestern oder vor Jahren; aber sie haben dieselbe Unbekümmertheit wie jene
anderen. Sie rechnen nicht. Und da fragte ich mich zum ersten Male: Wie ist es
möglich, daß sie nicht rechnen? Warum ist dieses immense Werk immer noch im
Ansteigen, und wohin steigt es? Denkt es nicht mehr an seinen Meister? Glaubt
es wirklich in den Händen der Natur zu sein wie die Felsen, an denen tausend
Jahre hingehen wie ein Tag?
Und es war mir, in meiner Bestürzung, als müßte man alles Fertige
hinausschaffen aus den Werkstätten, um übersehen zu können, was noch zu tun
ist in den nächsten Jahren. Aber während ich das viele Vollendete zählte, die
schimmernden Steine, die Bronzen, alle diese Büsten, da blieb mein Blick hoch
an dem Balzac haften, dem Zurückgekommenen, Abgewiesenen, der dastand,
hochmütig, als wollte er nicht wieder hinaus.
Und seither sehe ich die Tragik dieses Werkes auf dem Grunde seiner Größe. Ich
fühle deutlicher als je, daß in diesen Dingen die Skulptur unaufhaltsam zu einer
Macht angewachsen ist, wie niemals seit der Antike. Aber diese Plastik ist in
eine Zeit geboren worden, die keine Dinge hat, keine Häuser, kein Äußeres.
Denn das Innere, das diese Zeit ausmacht, ist ohne Form, unfaßbar: es fließt.
Dieser hier mußte es fassen; er war ein Former in seinem Herzen. Er hat alles
das Vage, Sich-Verwandelnde, Werdende, das auch in ihm war, ergriffen und
eingeschlossen und hingestellt wie einen Gott; denn auch die Verwandlung hat
einen. Als ob einer ein dahinstürzendes Metall aufhielte und es erstarren ließe in
seinen Händen.
Vielleicht erklärt es einen Teil des Widerstandes, der sich diesem Werke überall
entgegenstemmte, daß hier Gewalt geschah. Das Genie ist immer ein Schrecken
für seine Zeit; aber indem hier eines die unsere nicht nur im Geiste, sondern
auch im Verwirklichen fortwährend überholt, wirkt es furchtbar, wie ein Zeichen
am Himmel.
Fast möchte man einsehen: diese Dinge können nirgends hin. Wer wagt es, sie
bei sich aufzunehmen?
Und gestehen sie nicht selbst ihre Tragik ein, die strahlenden, die den Himmel an
sich gerissen haben in ihrer Verlassenheit? Und die nun dastehen, von keinem
Gebäude mehr zu bändigen? Sie stehen im Räume. Was gehen sie uns an.
Denken Sie, daß ein Berg aufstünde im Lager von Nomaden. Sie würden ihn
verlassen und weiterziehen um ihrer Herden willen.
Und wir sind ein Wandervolk, alle; nicht deshalb, weil keiner ein Zuhause hat,
bei dem er bleibt und an dem er baut, sondern weil wir kein gemeinsames Haus
mehr haben. Weil wir auch unser Großes immer mit uns herumtragen müssen,
statt es von Zeit zu Zeit hinzustellen, wo das Große steht.
Und doch, wo immer Menschliches ganz groß wird, da verlangt es danach, sein
Gesicht zu verbergen im Schöße allgemeiner namenloser Größe. Als es zuletzt
noch einmal nach der Antike, in Standbildern anwuchs aus Menschen heraus, die
auch unterwegs waren in ihren Geistern und voller Verwandlung,—wie stürzte
es da nach den Kathedralen hin und trat in die Vorhallen zurück und bestieg Tore
und Türme wie bei einer Überschwemmung.
Wohin aber sollten die Dinge Rodins?
Eugène Carrière hat einmal von ihm geschrieben: "Il n'a pas pu collaborer à la
cathédrale absente."
Er hat nirgends mitarbeiten können, und keiner hat mit ihm gearbeitet.
In den Häusern des achtzehnten Jahrhunderts und seinen gesetzvollen Parken sah
er wehmütig das letzte Gesicht der Innenwelt einer Zeit. Und geduldig erkannte
er in diesem Gesicht die Züge eines Zusammenhangs mit der Natur, der seither
verloren gegangen ist. Immer unbedingter wies er auf sie hin und riet,
zurückzukehren "à l'oeuvre même de Dieu, oeuvre immortelle et redevenue
inconnue." Und es galt schon denen, die nach ihm kommen werden, wenn er vor
der Landschaft sagte: "Voilà tous les styles futurs."
Seine Dinge konnten nicht warten; sie mußten getan sein. Er hat ihre
Obdachlosigkeit lange vorausgesehen. Ihm blieb nur die Wahl, sie in sich zu
ersticken oder ihnen den Himmel zu gewinnen, der um die Berge ist.
Und das war seine Arbeit.
In einem ungeheuren Bogen hat er seine Welt über uns hingehoben und hat sie in die Natur gestellt.
ANMERKUNGEN
Anmerkung zu Seite 100.
Die meisten und zuverlässigsten Angaben enthält: Judith Cladel, "Auguste
Rodin, pris sur la vie" (Paris 1903); neue, illustrierte Prachtausgabe, Brüssel
1908, eine sorgfältige und sympathische Arbeit, der aus persönlichen Eindrücken
und Gesprächen ein liebevoll geschriebenes Bildnis Rodins gelingt.
Anmerkung zu Seite 113. (Tour au Travail.)
Wiederholte Anfragen lassen mich vermuten, daß eine kurze Beschreibung der
Tour du Travail nicht überflüssig erscheinen dürfte. Ich halte mich an das
erwähnte Gipsmodell, das im Musée Rodin in Meudon zu sehen ist.
Auf einem viereckigen, ziemlich geräumigen Unterbau erhebt sich ein runder
Turm. Seine offenen Arkaden lassen einen Moment an den Pisaner Campanile
denken; aber die Bogen stehen hier nicht zu Stockwerken geordnet übereinander;
sie winden sich als spiraliges Band nach oben, wo der Gürtel eines plastischen
Gesimses sie zusammenhält. Den Abschluß des Ganzen bildet eine Gruppe von
zwei geflügelten Figuren, die auf der vom Gesimse eingeschlossenen Plattform
ruhen. Der Unterbau wird einen fensterlosen viereckigen Saal enthalten, eine Art
Krypta, aus deren Wänden, in Basrelief, Darstellungen unterirdischer und
unterseeischer Arbeiten, Bergleute und Taucher, bei elektrischer Beleuchtung
hervortreten sollen. Vor dem etwas zurückliegenden Eingang zu diesem Räume
stehen zu beiden Seiten, das Untergeschoß überragend, die Statuen des Tages
und der Nacht, architektonisch in die Treppenanlage eingefügt, die den Aufgang
zur Terrasse des Unterbaus vermittelt. Von da aus betritt man den Turm. Er
besteht aus einer massigen Säule, an welcher in sanftem Anstieg die
Wendeltreppe entlangführt, die nach außen von den Arkaden eingeschlossen ist.
Durch diese fällt reichliches Licht auf die gegenüberliegenden Reliefs, die, die
Oberfläche der Säule belebend, die Treppe auf ihrem ganzen Wege begleiten.
Handwerk aus Handwerk entrollt sich hier, Zimmerleute, Maurer, Schmiede—
Gewerbe aus Gewerbe, wie von einer einzigen riesigen Bewegung hingerissen
und hinauf. Das Band, das die Spirale an ihrem Ende schließlich von außen
zusammen-nimmt, trägt die Bilder des Tierkreises, die wiederholen sollen, was schon die Statuen des Tages und der Nacht am Fuße des Denkmals andeuten:
daß alles das ununterbrochen am Werke ist und im Steigen auf die Genien zu, die
sich aus den Himmeln segnend niederlassen, von der Fülle der wirkenden Kräfte
wie von einem Anruf angezogen. Unten am Turme sind noch zwei Steinreliefs
wie Grabtafeln eingemauert, die an Herakles und Hephaistos erinnern, die
heroischen Ahnherren menschlicher Arbeit.
Die anderen dargestellten Figuren tragen die Kleidung unserer Zeit; der Stil des
Bauwerks, im ganzen und im einzelnen (Arkaden, Türen usw.), schließt sich an
die Formen der französischen Renaissance an.
(1919.) Es wird nicht der Tod Rodins gewesen sein, der die Ausführung dieses
großen Projekts verhindert hat. Das Fehlen von Auftraggebern und von
gleichgerichteten Mitarbeitern war seiner Verwirklichung von vornherein
ungünstig. Dagegen scheint die Porte de l'Enfer, dieses größte Gebirg seiner
Schöpfung, das dem Meister jahrzehntelang als Steinbruch von Ideen gedient
hat, in einem neuen Aufbau letzter Hand auf die Bronze zu warten. Das
"Monument à Whistler" ist, wie man hört, fertig für den Guß, der für das
Pantheon bestimmte aufrechte Victor Hugo harrt seiner Übertragung in den
Marmor, und auch das Denkmal für Puvis de Chavannes soll, unter Despiaus
Mitarbeit, noch zum Abschluß gekommen sein. Die lange Reihe der Porträts
setzt sich in drei bedeutenden Werken fort: der Büste Clemenceaus, die schon im
Jahre 1913 begonnen worden war, dem Papstbildnis von 1915 und dem Porträt
des Handelsministers Clémentel, Rodins letzter Arbeit. Mit dem Tode Rodins hat
der Staat seine gewaltige Erbschaft angetreten: das schöne "Hôtel de Biron"
umfaßt, als "Musée Rodin", seinen gesamten künstlerischen Nachlaß,
einschließlich der reichen Sammlungen. Durch diese Einrichtung ist auch dem
fragmentarisch Zurückgebliebenen der Anschluß an das überlebende Werk
dauernd gesichert.
1. SARGENT: BILDNIS RODINS
2. DER MANN MIT DER GEBROCHENEN NASE
3. BÜSTE IN TERRACOTTA (nach dem Mann mit der gebrochenen
Nase für den Handel angefertigt)
4. DAS EHERNE ZEITALTER
5. DAS EHERNE ZEITALTER (Kopf)
6. JOHANNES DER TÄUFER
7. DIE BÜRGER VON CALAIS
8. DIE BÜRGER VON CALAIS
9. EINER DER BÜRGER v. CALAIS
10. EINER DER BÜRGER VON CALAIS
11. APOLLO (Sockel des Denkmals Sarmiento)
12. DER GENIUS DES KRIEGES (Défense nationale)
13. SOCKEL FÜR DAS DENKMAL FÜR CLAUDE LORRAIN (Nancy)
14. DENKMAL BASTIEN-LEPAGE
15. DENKMAL BASTIEN-LEPAGE
16. DER GEDANKE
17. DIE DANAIDE
18. DER KUSS
19. DER EWIGE FRÜHLING
20. DER EWIGE FRÜHLING
21. L'ÉTERNEL IDOLE
22. EVA
23. EVA
24. FUGIT AMOR
25. DIE KENTAURIN (Seele und Körper)
26. FAUNIN
27. GRUPPE MIT FAUN
28. FAUN UND FAUNIN
29. VERZWEIFLUNG
30. LA VIEILLE HÉAULMIÈRE
31. LA VIEILLE HÉAULMIÈRE
32. DER ABGRUND
33. DER VERLORENE SOHN
34. GRUPPE (Marmor)
35. BRUDER UND SCHWESTER
36. HAND
37. HAND
38. L'EMPRISE
39. DIE ERDE
40. DER DENKER (Ursprünglicher Platz innerhalb der Höllenpforte)
41. DER DENKER (Vor dem Pantheon)
42. DIE WEINENDE
43. ENTWURF EINES DENKMALS FÜR VICTOR HUGO
44. ENTWURF EINES DENKMALS FÜR VICTOR HUGO (Mit der inneren
Stimme und dem Genius des Ruhms)
45. ENTWURF EINES DENKMALS FÜR VICTOR HUGO MIT DEM GENIUS
DES RUHMS
46. DIE INNERE STIMME (Fragment des Denkmals für Victor Hugo)
47. DER GENIUS DES RUHMS (Vom Denkmal für Victor Hugo)
48. PORTRÄT-BÜSTE
49. BÜSTE (Jean-Paul Laurens)
50. BÜSTE (Dalou)
51. BÜSTE (Madame Rodin)
52. BÜSTE (Madame R.) (Silber)
53. MASKE IN BRONZE
54. PORTRÄT-BÜSTE (Frau von Goloubeff)
55. BÜSTE (Gustave Geffroy)
56. GUSTAV MAHLER
57. BALZAC (Kopf)
58. BALZAC
59. BALZAC