Auguste Rodin
Auguste Rodin
von
Rainer Maria Rilke
Mit 96 Vollbildern
Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920
INHALT
ERSTER TEIL — (1903)
ZWEITER TEIL — Ein Vortrag (1907)
ANMERKUNGEN
ABBILDUNGEN
ERSTER TEIL
(1903)
DIE SCHRIFTSTELLER WIRKEN DURCH WORTE ...
DIE BILDHAUER ABER DURCH TATEN.
POMPONIUS GAURICUS,
"DE SCULPTURA." (UM 1504.)
THE HERO IS HE WHO IS IMMOVABLY CENTRED.
EMERSON.
Rodin war einsam vor seinem Ruhme. Und der Ruhm, der kam, hat ihn vielleicht
noch einsamer gemacht. Denn Ruhm ist schließlich nur der Inbegriff aller
Mißverständnisse, die sich um einen neuen Namen sammeln.
Es sind ihrer sehr viele um Rodin, und es wäre eine lange und mühsame
Aufgabe, sie aufzuklären. Es ist auch nicht nötig; sie stehen um den Namen,
nicht um das Werk, das weit über dieses Namens Klang und Rand
hinausgewachsen und namenlos geworden ist, wie eine Ebene namenlos ist, oder
ein Meer, das nur auf der Karte einen Namen hat, in den Büchern und bei den
Menschen, in Wirklichkeit aber nur Weite ist, Bewegung und Tiefe.
Dieses Werk, von dem hier zu reden ist, ist gewachsen seit Jahren und wächst an
jedem Tage wie ein Wald und verliert keine Stunde. Man geht unter seinen
tausend Dingen umher, überwältigt von der Fülle der Funde und Erfindungen,
die es umfaßt, und man sieht sich unwillkürlich nach den zwei Händen um, aus
denen diese Welt erwachsen ist. Man erinnert sich, wie klein Menschenhände
sind, wie bald sie müde werden und wie wenig Zeit ihnen gegeben ist, sich zu
regen. Und man verlangt die Hände zu sehen, die gelebt haben wie hundert
Hände, wie ein Volk von Händen, das vor Sonnenaufgang sich erhob zum weiten
Wege dieses Werkes, Man fragt nach dem, der diese Hände beherrscht. Wer ist
dieser Mann? Es ist ein Greis. Und sein Leben ist eines von denen, die sich nicht
erzählen lassen. Dieses Leben hat begonnen, und es geht, es geht tief in ein
großes Alter hinein, und es ist für uns, als ob es vor vielen hundert Jahren
vergangen wäre. Wir wissen nichts davon. Es wird eine Kindheit gehabt haben,
irgendeine, eine Kindheit in Armut, dunkel, suchend und ungewiß. Und es hat
diese Kindheit vielleicht noch, denn—, sagt der heilige Augustinus einmal,
wohin sollte sie gegangen sein? Es hat vielleicht alle seine vergangenen Stunden,
die Stunden der Erwartung und der Verlassenheit, die Stunden des Zweifels und
die langen Stunden der Not, es ist ein Leben, das nichts verloren und vergessen
hat, ein Leben, das sich versammelte, da es verging. Vielleicht, wir wissen nichts
davon. Aber nur aus einem solchen Leben, glauben wir, kann eines solchen
Wirkens Fülle und Überfluß entstanden sein, nur ein solches Leben, in dem alles
gleichzeitig ist und wach und nichts vergangen, kann jung und stark bleiben und
sich immer wieder zu hohen Werken erheben. Es wird vielleicht eine Zeit
kommen, da man diesem Leben seine Geschichte erfinden wird, seine
Verwickelungen, seine Episoden und Einzelheiten. Sie werden erfunden sein.
Man wird von einem Kinde erzählen, das oft zu essen vergaß, weil es ihm
wichtiger schien, mit einem schlechten Messer Dinge in geringes Holz zu
schneiden, und man wird in die Tage des jungen Menschen irgendeine
Begegnung setzen, die eine Verheißung zukünftiger Größe, eine von jenen
nachträglichen Prophezeiungen enthält, die so volkstümlich und rührend sind. Es
könnten ganz gut die Worte sein, die irgendein Mönch vor fast fünfhundert
Jahren dem jungen Michel Colombe gesagt haben soll, diese Worte: "Travaille, petit, regarde tout ton saoul et le clocher à jour de Saint-Pol, et les belles oeuvres
des compaignons, regarde, aime le bon Dieu, et tu auras la grâce des grandes
choses." "Und du wirst die Gnade der großen Dinge haben." Vielleicht hat ein
inneres Gefühl so, nur unendlich viel leiser als der Mund des Mönches, zu dem
jungen Menschen gesprochen an einem der Kreuzwege seines Anbeginns. Denn
gerade das suchte er: die Gnade der großen Dinge. Da war das Louvre mit den
vielen lichten Dingen der Antike, die an südliche Himmel erinnerten und an die
Nähe des Meeres, und dahinter erhoben sich andere, schwere steinerne Dinge,
aus undenklichen Kulturen hinüberdauernd in noch nicht gekommene Zeiten. Da
waren Steine, die schliefen, und man fühlte, daß sie erwachen würden bei
irgendeinem Jüngsten Gericht, Steine, an denen nichts Sterbliches war, und
andere, die eine Bewegung trugen, eine Gebärde, die so frisch geblieben war, als
sollte sie hier nur aufbewahrt und eines Tages irgendeinem Kinde gegeben
werden, das vorüberkam. Und nicht allein in den berühmten Werken und den
weithin sichtbaren war dieses Lebendigsein; das Unbeachtete, Kleine, das
Namenlose und Überzählige war nicht weniger erfüllt von dieser tiefen,
innerlichen Erregtheit, von dieser reichen und überraschenden Unruhe des
Lebendigen. Auch die Stille, wo Stille war, bestand aus hundert und hundert
Bewegungsmomenten, die sich im Gleichgewicht hielten. Es gab kleine Figuren
da, Tiere besonders, die sich bewegten, streckten oder zusammenzogen, und
wenn ein Vogel saß, so wußte man doch, daß es ein Vogel war, ein Himmel
wuchs aus ihm heraus und blieb um ihn stehen, eine Weite war
zusammengefaltet auf jede seiner Federn gelegt, und man konnte sie aufspannen
und ganz groß machen. Und ganz ähnlich war es mit den Tieren, die auf den
Kathedralen standen und saßen oder unter den Konsolen kauerten, verkümmert
und gekrümmt und zu träge zum Tragen. Da waren Hunde und Eichhörnchen,
Spechte und Eidechsen, Schildkröten, Ratten und Schlangen. Wenigstens eines
von jeder Art. Diese Tiere schienen draußen eingefangen worden zu sein in den
Wäldern und auf den Wegen, und der Zwang, unter steinernen Ranken, Blumen
und Blättern zu leben, mußte sie selbst langsam verwandelt haben zu dem, was
sie nun waren und immer bleiben sollten. Aber es fanden sich auch Tiere, die
schon in dieser versteinerten Umgebung geboren waren, ohne Erinnerung an ein
anderes Dasein. Sie waren schon ganz die Bewohner dieser aufrechten,
ragenden, steil steigenden Welt. Unter ihrer fanatischen Magerkeit standen
spitzbogige Skelette. Ihre Münder waren weit und schreiend wie bei Tauben,
denn die Nähe der Glocken hatte ihr Gehör zerstört. Sie trugen nicht, sie
streckten sich und halfen so den Steinen steigen. Die Vogelhaften hockten oben
auf den Balustraden, als wären sie eigentlich unterwegs und wollten nur ein paar
Jahrhunderte lang ausruhen und hinunterstarren auf die wachsende Stadt. Andere, die von Hunden abstammten, stemmten sich wagerecht vom Rand der
Traufen in die Luft, bereit, das Wasser der Regen aus ihren vom Speien
angeschwollenen Rachen zu werfen. Alle hatten sich umgebildet und angepaßt,
aber sie hatten nichts an Leben verloren, im Gegenteil, sie lebten stärker und
heftiger, lebten für ewig das inbrünstige und ungestüme Leben jener Zeit, die sie
hatte erstehen lassen.
Und wer diese Gebilde sah, der empfand, daß sie nicht aus einer Laune geboren
waren, nicht aus einem spielerischen Versuch, neue, unerhörte Formen zu finden.
Die Not hatte sie geschaffen. Aus der Angst vor den unsichtbaren Gerichten
eines schweren Glaubens hatte man sich zu diesem Sichtbaren gerettet, vor dem
Ungewissen flüchtete man zu dieser Verwirklichung. Noch suchte man sie in
Gott, nicht mehr, indem man ihm Bilder erfand und versuchte, sich den
Vielzufernen vorzustellen: indem man alle Angst und Armut, alles Bangsein und
die Gebärden der Geringen in sein Haus trug, in seine Hand legte, auf sein Herz
stellte, war man tromm. Das war besser als malen; denn die Malerei war auch
eine Täuschung, ein schöner und geschickter Betrug; man sehnte sich nach
Wirklicherem und Einfachem. So entstand die seltsame Skulptur der
Kathedralen, dieser Kreuzzug der Beladenen und der Tiere.
Und wenn man von der Plastik des Mittelalters zurücksah zur Antike und wieder
über die Antike hinaus in den Anfang unsagbarer Vergangenheiten, schien es da
nicht, als verlangte die menschliche Seele immer wieder an lichten oder bangen
Wendepunkten nach dieser Kunst, die mehr gibt als Wort und Bild, mehr als
Gleichnis und Schein: nach dieser schlichten Dingwerdung ihrer Sehnsüchte
oder Ängste? Zuletzt in der Renaissance gab es eine große plastische Kunst;
damals, als das Leben sich erneut hatte, als man das Geheimnis der Gesichter
fand und die große Gebärde, die im Wachsen war.
Und jetzt? War nicht wieder eine Zeit gekommen, die nach diesem Ausdruck
drängte, nach dieser starken und eindringlichen Auslegung dessen, was in ihr
unsagbar war, wirr und rätselhaft? Die Künste hatten sich irgendwie erneut, Eifer
und Erwartung erfüllte und belebte sie; aber vielleicht sollte gerade diese Kunst,
die Plastik, die noch in der Furcht einer großen Vergangenheit zögerte, berufen
sein, zu finden, wonach die anderen tastend und sehnsüchtig suchten? Sie mußte
einer Zeit helfen können, deren Qual es war, daß fast alle ihre Konflikte im
Unsichtbaren lagen. Ihre Sprache war der Körper. Und diesen Körper, wann
hatte man ihn zuletzt gesehen? Schichte um Schichte hatten sich die Trachten
darüber gelegt, wie ein immer erneuter Anstrich, aber unter dem Schutz dieser
Krusten hatte die wachsende Seele ihn verändert, während sie atemlos an den Gesichtern arbeitete. Er war ein anderer geworden. Wenn man ihn jetzt
aufdeckte, vielleicht enthielt er tausend Ausdrücke für alles Namenlose und
Neue, das inzwischen entstanden war, und für jene alten Geheimnisse, die,
aufgestiegen aus dem Unbewußten, wie fremde Flußgötter ihre triefenden
Gesichter aus dem Rauschen des Blutes hoben. Und dieser Körper konnte nicht
weniger schön sein als der der Antike, er mußte von noch größerer Schönheit
sein. Zwei Jahrtausende länger hatte das Leben ihn in den Händen behalten und
hatte an ihm gearbeitet, gehorcht und gehämmert Tag und Nacht. Die Malerei
träumte von diesem Körper, sie schmückte ihn mit Licht und durchdrang ihn mit
Dämmerung, sie umgab ihn mit aller Zärtlichkeit und allem Entzücken, sie
befühlte ihn wie ein Blumenblatt und ließ sich tragen von ihm wie von einer
Welle—aber die Plastik, der er gehörte, kannte ihn noch nicht.
Hier war eine Aufgabe, groß wie die Welt. Und der vor ihr stand und sie sah, war
ein Unbekannter, dessen Hände nach Brot gingen, in Dunkelheit. Er war ganz
allein, und wenn er ein richtiger Träumer gewesen wäre, so hätte er einen
schönen und tiefen Traum träumen dürfen, einen Traum, den niemand
verstanden hätte, einen von jenen langen, langen Träumen, über denen ein Leben
hingehen kann wie ein Tag. Aber dieser junge Mensch, der in der Manufaktur
von Sèvres seinen Verdienst hatte, war ein Träumer, dem der Traum in die
Hände stieg, und er begann gleich mit seiner Verwirklichung. Er fühlte, wo man
anfangen mußte; eine Ruhe, die in ihm war, zeigte ihm den weisen Weg. An
dieser Stelle offenbart sich schon Rodins tiefe Übereinstimmung mit der Natur,
von der der Dichter Georges Rodenbach, der ihn geradezu eine Naturkraft nennt,
so schöne Worte zu sagen wußte. Und in der Tat, es ist eine dunkle Geduld in
Rodin, die ihn beinahe namenlos macht, eine stille, überlegene Langmut, etwas
von der großen Geduld und Güte der Natur, die mit einem Nichts beginnt, um
still und ernst den weiten Weg zum Überfluß zu gehen. Auch Rodin vermaß sich
nicht, Bäume machen zu wollen. Er fing mit dem Keim an, unter der Erde
gleichsam. Und dieser Keim wuchs nach unten, senkte Wurzel um Wurzel
abwärts, verankerte sich, ehe er anfing, einen kleinen Trieb nach oben zu tun.
Das brauchte Zeit und Zeit. "Man muß sich nicht eilen", sagte Rodin den
wenigen Freunden, die um ihn waren, wenn sie ihn drängten.
Damals kam der Krieg, und Rodin ging nach Brüssel und arbeitete, wie der Tag
es befahl. Er führte einige Figuren an Privathäusern aus und mehrere von den
Gruppen auf dem Börsengebäude und schuf die vier großen Eckfiguren bei dem
Denkmal des Bürgermeisters Loos im Parc d'Anvers. Das waren Aufträge, die er
gewissenhaft ausführte, ohne seine wachsende Persönlichkeit zu Worte kommen
zu lassen. Seine eigentliche Entwickelung ging nebenher, zusammengedrängt in die Pausen, in die Abendstunden, ausgebreitet in der einsamen Stille der Nächte,
vor sich, und er mußte diese Teilung seiner Energie jahrelang ertragen. Er besaß
die Kraft derjenigen, auf die ein großes Werk wartet, die schweigsame Ausdauer
derer, die notwendig sind.
Während er an der Börse von Brüssel beschäftigt war, mochte er fühlen, daß es
keine Gebäude mehr gab, die die Werke der Skulptur um sich versammelten, wie
es die Kathedralen getan hatten, diese großen Magnete der Plastik einer
vergangenen Zeit. Das Bildwerk war allein, wie das Bild allein war, das
Staffelei-Bild, aber es bedurfte ja auch keiner Wand wie dieses. Es brauchte
nicht einmal ein Dach. Es war ein Ding, das für sich allein bestehen konnte, und
es war gut, ihm ganz das Wesen eines Dinges zu geben, um das man
herumgehen und das man von allen Seiten betrachten konnte. Und doch mußte
es sich irgendwie von den anderen Dingen unterscheiden, den gewöhnlichen
Dingen, denen jeder ins Gesicht greifen konnte. Es mußte irgendwie unantastbar
werden, sakrosankt, getrennt vom Zufall und von der Zeit, in der es einsam und
wunderbar wie das Gesicht eines Hellsehers aufstand. Es mußte seinen eigenen,
sicheren Platz erhalten, an den nicht Willkür es gestellt hatte, und es mußte
eingeschaltet werden in die stille Dauer des Raumes und in seine großen
Gesetze. In die Luft, die es umgab, mußte man es wie in eine Nische
hineinpassen und ihm so eine Sicherheit geben, einen Halt und eine Hoheit, die
aus seinem einfachen Dasein, nicht aus seiner Bedeutung kam.
Rodin wußte, daß es zunächst auf eine unfehlbare Kenntnis des menschlichen
Körpers ankam. Langsam, forschend war er bis zu seiner Oberfläche
vorgeschritten, und nun streckte sich von außen eine Hand entgegen, welche
diese Oberfläche von der anderen Seite ebenso genau bestimmte und begrenzte,
wie sie es von innen war. Je weiter er ging auf seinem entlegenen Wege, desto
mehr blieb der Zufall zurück, und ein Gesetz führte ihn dem anderen zu. Und
schließlich war es diese Oberfläche, auf die seine Forschung sich wandte. Sie
bestand aus unendlich vielen Begegnungen des Lichtes mit dem Dinge, und es
zeigte sich, daß jede dieser Begegnungen anders war und jede merkwürdig. An
dieser Stelle schienen sie einander aufzunehmen, an jener sich zögernd zu
begrüßen, an einer dritten fremd aneinander vorbeizugehen; und es gab Stellen
ohne Ende und keine, auf der nicht etwas geschah. Es gab keine Leere.
In diesem Augenblick hatte Rodin das Grundelement seiner Kunst entdeckt,
gleichsam die Zelle seiner Welt, Das war die Fläche, diese verschieden große,
verschieden betonte, genau bestimmte Fläche, aus der alles gemacht werden
mußte. Von da ab war sie der Stoff seiner Kunst, das, worum er sich mühte, wofür erwachte und litt. Seine Kunst baute sich nicht auf eine große Idee auf,
sondern auf eine kleine gewissenhafte Verwirklichung, auf das Erreichbare, auf
ein Können. Es war kein Hochmut in ihm. Er schloß sich an diese unscheinbare
und schwere Schönheit an, an die, die er noch überschauen, rufen und richten
konnte. Die andere, die große, mußte kommen, wenn alles fertig war, so wie die
Tiere zur Tränke kommen, wenn die Nacht sich vollendet hat und nichts
Fremdes mehr an dem Walde haftet.
Mit dieser Entdeckung begann Rodins eigenste Arbeit. Nun erst waren alle die
herkömmlichen Begriffe der Plastik für ihn wertlos geworden. Es gab weder
Pose, noch Gruppe, noch Komposition. Es gab nur unzählbar viele lebendige
Flächen, es gab nur Leben, und das Ausdrucksmittel, das er sich gefunden hatte,
ging gerade auf dieses Leben zu. Nun hieß es, seiner und seiner Fülle mächtig zu
werden. Rodin erfaßte das Leben, das überall war, wohin er sah. Er erfaßte es an
den kleinsten Stellen, er beobachtete es, er ging ihm nach. Er erwartete es an den
Übergängen, wo es zögerte, er holte es ein, wo es lief, und er fand es an allen
Orten gleich groß, gleich mächtig und hinreißend. Da war kein Teil des Körpers
unbedeutend oder gering: er lebte. Das Leben, das in den Gesichtern wie auf
Zifferblättern stand, leicht ablesbar und voll Bezug auf die Zeit,—in den
Körpern war es zerstreuter, größer, geheimnisvoller und ewiger. Hier verstellte
es sich nicht, hier ging es nachlässig, wo es nachlässig war, und stolz bei den
Stolzen; zurücktretend von der Bühne des Angesichtes, hatte es die Maske
abgenommen und stand, wie es war, hinter den Kulissen der Kleider. Hier fand
er die Welt seiner Zeit, wie er jene des Mittelalters an den Kathedralen erkannt
hatte: versammelt um ein geheimnisvolles Dunkel, zusammengehalten von
einem Organismus, an ihn angepaßt und ihm dienstbar gemacht. Der Mensch
war zur Kirche geworden, und es gab tausend und tausend Kirchen, keine der
anderen gleich und jede lebendig. Aber es galt zu zeigen, daß sie alle eines
Gottes waren.
Jahre und Jahre ging Rodin auf den Wegen dieses Lebens als ein Lernender und
Demütiger, der sich als Anfänger fühlte. Niemand wußte von seinen Versuchen,
er hatte keinen Vertrauten und wenig Freunde. Hinter der Arbeit, die ihn nährte,
verbarg sich sein werdendes Werk und erwartete seine Zeit. Er las viel. Man war
gewohnt, ihn in Brüssels Straßen immer mit einem Buche in der Hand zu sehen,
aber vielleicht war dieses Buch oft nur ein Vorwand für das Vertieftsein in sich
selbst, in die ungeheuere Aufgabe, die ihm bevorstand. Wie allen Tätigen war
auch ihm das Gefühl, eine unabsehbare Arbeit vor sich zu haben, ein Antrieb,
etwas, was seine Kräfte vermehrte und versammelte. Und kamen Zweifel,
kamen Ungewißheiten, kam die große Ungeduld der Werdenden zu ihm, die Furcht eines frühen Todes oder die Drohung der täglichen Not, so fand das alles
in ihm schon einen stillen, aufrechten Widerstand, einen Trotz, eine Stärke und
Zuversicht, alle die noch nicht entfalteten Fahnen eines großen Sieges. Vielleicht
war es die Vergangenheit, die in solchen Momenten auf seine Seite trat, die
Stimme der Kathedralen, die er immer wieder hören ging. Auch aus den Büchern
kam vieles, was ihm zustimmte. Er las zum ersten Male Dantes Divina
Commedia. Es war eine Offenbarung. Er sah die leidenden Leiber eines anderen
Geschlechtes vor sich, sah, über alle Tage fort ein Jahrhundert, dem die Kleider
abgerissen waren, sah das große und unvergeßliche Gericht eines Dichters über
seine Zeit. Da waren Bilder, die ihm recht gaben, und wenn er von den
weinenden Füßen Nikolaus' des Dritten las, so wußte er schon, daß es weinende
Füße gab, daß es ein Weinen gab, das überall war, über einem ganzen Menschen,
und Tränen, die aus allen Poren traten. Und von Dante kam er zu Baudelaire.
Hier war kein Gericht, kein Dichter, der an der Hand eines Schattens zu den
Himmeln stieg, ein Mensch, einer von den Leidenden hatte seine Stimme
erhoben und hielt sie hoch über die Häupter der anderen empor, wie um sie zu
retten vor einem Untergang. Und in diesen Versen gab es Stellen, die
heraustraten aus der Schrift, die nicht geschrieben, sondern geformt schienen,
Worte und Gruppen von Worten, die geschmolzen waren in den heißen Händen
des Dichters, Zeilen, die sich wie Reliefs anfühlten, und Sonette, die wie Säulen
mit verworrenen Kapitalen die Last eines bangen Gedankens trugen. Er fühlte
dunkel, daß diese Kunst, wo sie jäh aufhörte, an den Anfang einer anderen stieß,
und daß sie sich nach dieser anderen gesehnt hatte; er fühlte in Baudelaire einen,
der ihm vorangegangen war, einen, der sich nicht von den Gesichtern hatte
beirren lassen und der nach den Leibern suchte, in denen das Leben größer war,
grausamer und ruheloser.
Seit jenen Tagen blieben diese beiden Dichter ihm immer nah, er dachte über sie
hinaus und kehrte zu ihnen zurück. In jener Zeit, wo seine Kunst sich formte und
vorbereitete, wo alles Leben, das sie lernte, namenlos war und nichts bedeutete,
gingen Rodins Gedanken in den Büchern der Dichter umher und holten sich dort
eine Vergangenheit. Später, als er als Schaffender diese Stoffkreise wieder
berührte, da stiegen ihre Gestalten wie Erinnerungen aus seinem eigenen Leben,
weh und wirklich, in ihm auf und gingen in sein Werk wie in eine Heimat ein.
Endlich, nach Jahren einsamer Arbeit, machte er den Versuch, mit einem Werke
hervorzutreten. Es war eine Frage an die Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit
antwortete verneinend. Und Rodin verschloß sich abermals für dreizehn Jahre.
Es waren die Jahre, in denen er, immer noch als Unbekannter, zum Meister
ausreifte, zum unumschränkten Beherrscher seiner eigenen Mittel, immerfort arbeitend, denkend, versuchend, unbeeinflußt von der Zeit, die an ihm nicht
teilnahm. Vielleicht gab ihm der Umstand, daß seine ganze Entwickelung in
dieser ungestörten Stille vor sich gegangen war, später, als man um ihn stritt, als
man seinem Werk widersprach, jene gewaltige Sicherheit. Da, als man anfing, an
ihm zu zweifeln, hatte er keinen Zweifel mehr an sich selbst. Das alles lag hinter
ihm. Nicht mehr von dem Zuruf und dem Urteil der Menge hing sein Schicksal
ab, es war schon entschieden, als man meinte, es mit Spott und Feindseligkeit
vernichten zu können. In der Zeit, als er wurde, klang keine fremde Stimme zu
ihm, kein Lob, das ihn hätte irremachen, kein Tadel, der ihn hätte verwirren
können. Wie Parzival heranwächst, so wuchs sein Werk in Reinheit heran, allein
mit sich und mit einer großen ewigen Natur. Nur seine Arbeit sprach zu ihm. Sie
sprach zu ihm des Morgens beim Erwachen, und des Abends klang sie lange in
seinen Händen nach wie in einem fortgelegten Instrumente. Darum war sein
Werk so unüberwindlich: weil es erwachsen zur Welt kam; nicht mehr als
werdendes erschien es, das um seine Berechtigung bat, sondern als Wirklichkeit,
die sich durchgesetzt hat, die da ist, mit der man rechnen muß. Wie ein König,
der hört, daß in seinem Reiche eine Stadt gebaut werden soll, überlegt, ob es gut
sei, das Privileg zu gewähren, zögert und endlich aufbricht, die Stelle zu
besehen; er kommt hin und findet eine große gewaltige Stadt, die fertig ist, steht,
steht wie von Ewigkeit her mit Mauern, Türmen und Toren: so kam die Menge,
als man sie schließlich rief, zu dem Werke Rodins, das fertig war.
Diese Periode des Reifwerdens ist begrenzt durch zwei Werke. An ihrem Anfang
steht der Kopf des Mannes mit der gebrochenen Nase, an ihrem Ende die Gestalt
des jungen Mannes, des Mannes der ersten Zeiten, wie Rodin ihn genannt hat.
Der Homme au nez cassé wurde im Jahre 1864 vom "Salon" zurückgewiesen.
Man begreift das sehr gut, denn man fühlt, daß in diesem Werke Rodins Art
schon ganz ausgereift war, ganz vollendet und sicher; mit der
Rücksichtslosigkeit eines großen Bekenntnisses widersprach es den
Anforderungen der akademischen Schönheit, die noch immer die allein
herrschende war. Umsonst hatte Rude seiner Göttin des Aufruhrs auf dem
Triumphtor der place de l'Etoile die wilde Gebärde gegeben und den weiten
Schrei, umsonst hatte Barye seine geschmeidigen Tiere geschaffen, und den
"Tanz" Carpeaux' hatte man nur verhöhnt, um sich schließlich so weit an ihn zu
gewöhnen, daß man ihn nicht mehr sah. Es war alles beim alten geblieben. Die
Plastik, die betrieben wurde, war immer noch die der Modelle, der Posen und der
Allegorien, das leichte, billige und gemächliche Metier, das mit der mehr oder
weniger geschickten Wiederholung von einigen sanktionierten Gebärden
auskam. In dieser Umgebung hätte schon der Kopf des Mannes mit der gebrochenen Nase jenen Sturm erregen müssen, der erst bei späteren Werken
Rodins losbrach. Aber wahrscheinlich hat man ihn, als die Arbeit eines
Unbekannten, fast unbesehen wieder zurückgeschickt.
Man fühlt, was Rodin anregte, diesen Kopf zu formen, den Kopf eines alternden,
häßlichen Mannes, dessen gebrochene Nase den gequälten Ausdruck des
Gesichtes noch verstärken half; es war die Fülle von Leben, die in diesen Zügen
versammelt war; es war der Umstand, daß es auf diesem Gesichte gar keine
symmetrischen Flächen gab, daß nichts sich wiederholte, daß keine Stelle leer
geblieben war, stumm oder gleichgültig. Dieses Gesicht war nicht vom Leben
berührt worden, es war um und um davon angetan, als hätte eine unerbittliche
Hand es in das Schicksal hineingehalten, wie in die Wirbel eines waschenden,
nagenden Wassers. Wenn man diese Maske in Händen hält und dreht, ist man
überrascht über den fortwährenden Wechsel der Profile, von denen keines
zufällig ist, ratend oder unbestimmt. Es gibt an diesem Kopf keine Linie, keine
Überschneidung, keinen Kontur, den Rodin nicht gesehen und gewollt hat. Man
glaubt zu fühlen, wie einige von diesen Furchen früher kamen, andere später,
wie zwischen dem und jenem Riß, der durch die Züge geht, Jahre liegen, bange
Jahre, man weiß, daß von den Zeichen dieses Gesichtes einige langsam
eingeschrieben wurden, gleichsam zögernd, daß andere erst leise vorgezeichnet
waren und von einer Gewohnheit oder einem Gedanken, der immer wieder kam,
nachgezogen wurden, und man erkennt jene scharfen Scharten, die in einer
Nacht entstanden sein mußten, wie vom Schnabel eines Vogels hineingehackt in
die überwache Stirne eines Schlaflosen. Man muß sich mühsam erinnern, daß
alles das auf dem Räume eines Gesichtes steht, so viel schweres, namenloses
Leben erhebt sich aus diesem Werke. Legt man die Maske vor sich nieder, so
meint man auf der Höhe eines Turmes zu stehen und auf ein unebenes Land
herabzusehen, über dessen wirre Wege viele Völker gezogen sind. Und hebt man
sie wieder auf, so hält man ein Ding, das man schön nennen muß um seiner
Vollendung willen. Aber nicht aus der unvergleichlichen Durchbildung allein
ergibt sich diese Schönheit. Sie entsteht aus der Empfindung des
Gleichgewichts, des Ausgleichs aller dieser bewegten Flächen untereinander, aus
der Erkenntnis dessen, daß alle diese Erregungsmomente in dem Dinge selbst
ausschwingen und zu Ende gehen. War man eben noch ergriffen von der
vielstimmigen Qual dieses Angesichtes, so fühlt man gleich darauf, daß keine
Anklage davon ausgeht. Es wendet sich nicht an die Welt; es scheint seine
Gerechtigkeit in sich zu tragen, die Aussöhnung aller seiner Widersprüche und
eine Geduld, groß genug für alle seine Schwere.
Als Rodin diese Maske schuf, hatte er einen ruhig sitzenden Menschen vor sich und ein ruhiges Gesicht. Aber es war das Gesicht eines Lebendigen, und als er es
durchforschte, da zeigte sich, daß es voll von Bewegung war, voll von Unruhe
und Wellenschlag. In dem Verlauf der Linien war Bewegung, Bewegung war in
der Neigung der Flächen, die Schatten rührten sich wie im Schlafe, und leise
schien das Licht an der Stirne vorbeizugehen. Es gab also keine Ruhe, nicht
einmal im Tode; denn mit dem Verfall, der auch Bewegung ist, war selbst das
Tote dem Leben noch untergeordnet. Es gab nur Bewegung in der Natur; und
eine Kunst, die eine gewissenhafte und gläubige Auslegung des Lebens geben
wollte, durfte nicht jene Ruhe, die es nirgends gab, zu ihrem Ideale machen. In
Wirklichkeit hat auch die Antike nichts von einem solchen Ideal gewußt. Man
mußte nur an die Nike denken. Diese Skulptur hat uns nicht nur die Bewegung
eines schönen Mädchens überliefert, das seinem Geliebten entgegengeht, sie ist
zugleich ein ewiges Bildnis griechischen Windes, seiner Weite und Herrlichkeit.
Und sogar die Steine älterer Kulturen waren nicht ruhig. In die hieratisch
verhaltene Gebärde uralter Kulte war die Unruhe lebendiger Flächen
eingeschlossen, wie Wasser in die Wände des Gefäßes. Es waren Strömungen in
den verschlossenen Göttern, welche saßen, und in den stehenden war eine
Gebärde, die wie eine Fontäne aus dem Steine stieg und wieder in denselben
zurückfiel, ihn mit vielen Wellen erfüllend. Nicht die Bewegung war es, die dem
Sinne der Skulptur (und das heißt einfach dem Wesen des Dinges) widerstrebte;
es war nur die Bewegung, die nicht zu Ende geht, die nicht von anderen im
Gleichgewicht gehalten wird, die hinausweist über die Grenzen des Dinges. Das
plastische Ding gleicht jenen Städten der alten Zeit, die ganz in ihren Mauern
lebten: die Bewohner hielten deshalb nicht ihren Atem an, und die Gebärden
ihres Lebens brachen nicht ab. Aber nichts drang über die Grenzen des Kreises,
der sie umgab, nichts war jenseits davon, nichts zeigte aus den Toren hinaus, und
keine Erwartung war offen nach außen. Wie groß auch die Bewegung eines
Bildwerkes sein mag, sie muß, und sei es aus unendlichen Weiten, sei es aus der
Tiefe des Himmels, sie muß zu ihm zurückkehren, der große Kreis muß sich
schließen, der Kreis der Einsamkeit, in der ein Kunst-Ding seine Tage verbringt.
Da war das Gesetz, welches, ungeschrieben, lebte in den Skulpturen vergangener
Zeiten. Rodin erkannte es. Was die Dinge auszeichnet, dieses Ganz-mit-sich-
Beschäftigtsein, das war es, was einer Plastik ihre Ruhe gab; sie durfte nichts
von außen verlangen oder erwarten, sich auf nichts beziehen, was draußen lag,
nichts sehen, was nicht in ihr war. Ihre Umgebung mußte in ihr liegen. Es war
der Bildhauer Lionardo, der der Gioconda die Unnahbarkeit gegeben hat, diese
Bewegung, die nach innen geht, dieses Schauen, dem man nicht begegnen kann.
Wahrscheinlich wird sein Francesco Sforza ebenso gewesen sein, von einer
Gebärde bewegt, die, gleich einem stolzen Gesandten seines Staates nach vollbrachtem Auftrag, zu ihm zurückkehrte.
In den langen Jahren, die zwischen der Maske des Homme au nez cassé und
jener Figur des Mannes der ersten Zeiten vergingen, vollzogen sich viele stille
Entwickelungen in Rodin. Neue Beziehungen verbanden ihn fester mit der
Vergangenheit seiner Kunst. Diese Vergangenheit und ihre Größe, an der so viele
wie an einer Last getragen hatten, ihm wurde sie der Flügel, der ihn trug. Denn
wenn er in jener Zeit je eine Zustimmung empfangen hat, eine Bestärkung
dessen, was er wollte und suchte, so kam sie von den Dingen der Antike und aus
dem faltigen Dunkel der Kathedralen. Menschen redeten nicht zu ihm. Steine
sprachen.
Der Homme au nez cassé hatte geoffenbart, wie Rodin den Weg durch ein
Gesicht zu gehen wußte, der Mann der ersten Zeiten bewies seine
unumschränkte Herrschaft über den Körper. "Souverain tailleur d'ymaiges",
dieser Titel, den die Meister des Mittelalters einander in neidloser ernster
Wertung gaben, kam ihm zu. Hier war ein lebensgroßer Akt, auf dessen allen
Stellen das Leben nicht nur gleich mächtig war, es schien auch überall zur Höhe
desselben Ausdrucks erhoben zu sein. Was im Gesichte stand, dieselbe
Schmerzhaftigkeit eines schweren Erwachens und zugleich diese Sehnsucht nach
dem Schweren, war auf dem kleinsten Teil dieses Körpers geschrieben; jede
Stelle war ein Mund, der es sagte, in seiner Art. Das strengste Auge konnte an
dieser Figur keinen Platz entdecken, der weniger lebendig, weniger bestimmt
und klar gewesen wäre. Es war, als stiege in die Adern dieses Mannes Kraft aus
den Tiefen der Erde. Das war die Silhouette eines Baumes, der die Märzstürme
noch vor sich hat und bange ist, weil die Frucht und Fülle seines Sommers nicht
mehr in den Wurzeln wohnt, sondern schon, langsam steigend, im Stamme steht,
um den die großen Winde jagen werden.
Diese Gestalt ist auch noch in anderem Sinne bedeutsam. Sie bezeichnet im
Werke Rodins die Geburt der Gebärde. Jene Gebärde, die wuchs und sich
allmählich zu solcher Größe und Gewalt entwickelte, hier entsprang sie wie eine
Quelle, welche leise an diesem Leibe niederrann. Sie erwachte im Dunkel der
ersten Zeiten, und sie scheint, in ihrem Wachsen, durch die Weite dieses Werkes
wie durch alle Jahrtausende zu gehen, weit über uns hinaus zu denen, die
kommen werden. Zögernd entfaltet sie sich in den erhobenen Armen; und diese
Arme sind noch so schwer, daß die Hand des einen schon wieder ausruht auf der
Höhe des Hauptes. Aber sie schläft nicht mehr, sie sammelt sich; ganz hoch oben
auf dem Gipfel des Gehirnes, wo es einsam ist, bereitet sie sich vor auf die
Arbeit, auf die Arbeit der Jahrhunderte, die nicht Absehn noch Ende hat. Und in dem rechten Fuße steht wartend ein erster Schritt.
Man könnte von dieser Gebärde sagen, daß sie wie in einer harten Knospe
eingeschlossen ruht. Eines Gedankens Glut und ein Sturm im Willen: sie öffnet
sich, und es entsteht jener Johannes mit den redenden, erregten Armen, mit dem
großen Gehen dessen, der einen anderen hinter sich kommen fühlt. Der Körper
dieses Mannes ist nicht mehr unerprobt: die Wüsten haben ihn durchglüht, der
Hunger hat ihm weh getan, und alle Dürste haben ihn geprüft. Er hat bestanden
und ist hart geworden. Sein hagerer Asketenleib ist wie ein Holzgriff, in dem die
weite Gabel seines Schrittes steckt. Er geht. Er geht, als wären alle Weiten der
Welt in ihm und als teilte er sie aus mit seinem Gehen. Er geht. Seine Arme
sagen von diesem Gang, und seine Finger spreizen sich und scheinen in der Luft
das Zeichen des Schreitens zu machen.
Dieser Johannes ist der erste Gehende im Werke Rodins. Es kommen viele nach.
Es kommen die Bürger von Calais, die ihren schweren Gang beginnen, und alles
Gehen scheint vorzubereiten auf den großen herausfordernden Schritt des
Balzac.
Aber auch die Gebärde des Stehenden entwickelt sich weiter, sie schließt sich,
sie rollt sich zusammen wie brennendes Papier, sie wird stärker, geschlossener,
erregter. So ist jene Figur der Eva, die ursprünglich bestimmt war, über dem
Höllentor zu stehen. Der Kopf senkt sich tief in das Dunkel der Arme, die sich
über der Brust zusammenziehen wie bei einer Frierenden. Der Rücken ist
gerundet, der Nacken fast horizontal, die Haltung vorgebogen wie zu einem
Lauschen über dem eigenen Leibe, in dem eine fremde Zukunft sich zu rühren
beginnt. Und es ist, als wirkte die Schwerkraft dieser Zukunft auf die Sinne des
Weibes und zöge sie herab aus dem zerstreuten Leben in den tiefen demütigen
Knechtdienst der Mutterschaft.
Immer und immer wieder kam Rodin bei seinen Akten auf dieses Sich-nach-
innen-Biegen zurück, auf dieses angestrengte Horchen in die eigene Tiefe; so ist
die wundervolle Gestalt, die er La Méditation genannt hat, so ist jene
unvergeßliche Voix intérieure, die leiseste Stimme Viktor Hugoscher Gesänge,
die auf dem Denkmal des Dichters fast verborgen unter der Stimme des Zornes
steht. Niemals ist ein menschlicher Körper so um sein Inneres versammelt
gewesen, so gebogen von seiner eigenen Seele und wieder zurückgehalten von
seines Blutes elastischer Kraft. Und wie auf dem tief seitwärts gesenkten Leibe
der Hals sich ein wenig aufrichtet und streckt und den horchenden Kopf über das
ferne Rauschen des Lebens hält, das ist so eindringlich und groß empfunden, daß
man sich keiner ergreifenderen und verinnerlichteren Gebärde zu erinnern weiß. Es fällt auf, daß die Arme fehlen. Rodin empfand sie in diesem Fall als eine zu
leichte Lösung seiner Aufgabe, als etwas, was nicht zu dem Körper gehört, der
sich in sich selber hüllen wollte, ohne fremde Hilfe. Man kann an die Duse
denken, wie sie in einem Drama d'Annunzios, schmerzhaft verlassen, ohne Arme
zu umarmen versucht und zu halten ohne Hände. Diese Szene, in der ihr Körper
eine Liebkosung lernte, die weit über ihn hinausging, gehört zu den
Unvergeßlichkeiten ihres Spieles. Es vermittelte den Eindruck, daß die Arme ein
Überfluß waren, ein Schmuck, eine Sache der Reichen und der Unmäßigen, die
man von sich werfen konnte, um ganz arm zu sein. Nicht als hätte sie Wichtiges
eingebüßt, wirkte sie in diesem Augenblick; eher wie einer, der seinen Becher
verschenkt, um aus dem Bache zu trinken, wie ein Mensch, der nackt ist und
noch ein wenig hilflos in seiner tiefen Blöße. So ist es auch bei den armlosen
Bildsäulen Rodins; es fehlt nichts Notwendiges. Man steht vor ihnen als vor
etwas Ganzem, Vollendetem, das keine Ergänzung zuläßt. Nicht aus dem
einfachen Schauen kommt das Gefühl des Unfertigen, sondern aus der
umständlichen Überlegung, aus der kleinlichen Pedanterie, welche sagt, daß zu
einem Körper Arme gehören und daß ein Körper ohne Arme nicht ganz sein
könne, auf keinen Fall. Es ist nicht lange her, da lehnte man sich in derselben
Weise gegen die vom Bildrande abgeschnittenen Bäume der Impressionisten auf;
man hat sich sehr rasch an diesen Eindruck gewöhnt, man hat, für den Maler
wenigstens, einsehen und glauben gelernt, daß ein künstlerisches Ganzes nicht
notwendig mit dem gewöhnlichen Ding-Ganzen zusammenfallen muß, daß,
unabhängig davon, innerhalb des Bildes neue Einheiten entstehen, neue
Zusammenschlüsse, Verhältnisse und Gleich-gewichte. Es ist in der Skulptur
nicht anders. Dem Künstler steht es zu, aus vielen Dingen eines zu machen und
aus dem kleinsten Teil eines Dinges eine Welt. Es gibt im Werke Rodins Hände,
selbständige, kleine Hände, die, ohne zu irgendeinem Körper zu gehören,
lebendig sind. Hände, die sich aufrichten, gereizt und böse, Hände, deren fünf
gesträubte Finger zu bellen scheinen, wie die fünf Hälse eines Höllenhundes.
Hände, die gehen, schlafende Hände, und Hände, welche erwachen;
verbrecherische, erblich belastete Hände und solche, die müde sind, die nichts
mehr wollen, die sich niedergelegt haben in irgendeinen Winkel, wie kranke
Tiere, welche wissen, daß ihnen niemand helfen kann. Aber Hände sind schon
ein komplizierter Organismus, ein Delta, in dem viel fernherkommendes Leben
zusammenfließt, um sich in den großen Strom der Tat zu ergießen. Es gibt eine
Geschichte der Hände, sie haben tatsächlich ihre eigene Kultur, ihre besondere
Schönheit; man gesteht ihnen das Recht zu, eine eigene Entwickelung zu haben,
eigene Wünsche, Gefühle, Launen und Liebhabereien. Rodin aber, der durch die
Erziehung, die er sich gegeben hat, weiß, daß der Körper aus lauter Schauplätzen des Lebens besteht, eines Lebens, das auf jeder Stelle individuell und groß
werden kann, hat die Macht, irgendeinem Teil dieser weiten schwingenden
Fläche die Selbständigkeit und Fülle eines Ganzen zu geben. Wie der
menschliche Körper für Rodin nur so lange ein Ganzes ist, als eine gemeinsame
(innere oder äußere) Aktion alle seine Glieder und Kräfte im Aufgebot hält, so
ordnen sich ihm andererseits auch Teile verschiedener Leiber, die aus innerer
Notwendigkeit aneinander haften, zu einem Organismus ein. Eine Hand, die sich
auf eines anderen Schulter oder Schenkel legt, gehört nicht mehr ganz zu dem
Körper, von dem sie kam: aus ihr und dem Gegenstand, den sie berührt oder
packt, entsteht ein neues Ding, ein Ding mehr, das keinen Namen hat und
niemandem gehört; und um dieses Ding, das seine bestimmten Grenzen hat,
handelt es sich nun. Diese Erkenntnis ist die Grundlage für die Gruppierung der
Gestalten bei Rodin; aus ihr kommt jenes unerhörte Aneinandergebunden-Sein
der Figuren, jenes Zusammenhalten der Formen, jenes Sich-nicht-Loslassen, um
keinen Preis. Er geht nicht von den Figuren aus, die sich umfassen, er hat keine
Modelle, die er anordnet und zusammenstellt. Er fängt bei den Stellen der
stärksten Berührung als bei den Höhepunkten des Werkes an; dort, wo etwas
Neues entsteht, setzt er ein und widmet alles Wissen seines Werkzeugs den
geheimnisvollen Erscheinungen, die das Werden eines neuen Dinges begleiten.
Er arbeitet gleichsam beim Schein der Blitze, die an diesen Punkten entstehen,
und sieht nur diejenigen Teile der ganzen Körper, die beschienen sind. Der
Zauber der großen Gruppe des Mädchens und des Mannes, die Der Kuß genannt
wird, liegt in dieser weisen und gerechten Verteilung des Lebens; man hat das
Gefühl, als gingen hier von allen Berührungsflächen Wellen in die Körper
hinein, Schauer von Schönheit, Ahnung und Kraft. Daher kommt es, daß man
die Seligkeit dieses Kusses überall auf diesen Leibern zu schauen glaubt; er ist
wie eine Sonne, die aufgeht, und sein Licht liegt überall. Aber noch wunderbarer
ist jener andere Kuß, um den sich, wie die Mauer um einen Garten, jenes Werk
erhebt, welches Eternelle Idole heißt. Eine der Wiederholungen dieses Marmors
war im Besitze Eugène Carrières, und in der stillen Dämmerung seines Hauses
lebte dieser klare Stein wie ein Quell, in dem immer dieselbe Bewegung ist,
derselbe Aufstieg und Niederfall verzauberter Kraft. Ein Mädchen kniet. Ihr
schöner Leib hat sich sanft zurückgelehnt. Ihr rechter Arm hat sich nach hinten
gestreckt, und ihre Hand hat tastend ihren Fuß gefunden. In diese drei Linien,
aus denen kein Weg hinausführt in die Welt, schließt sich ihr Leben mit seinem
Geheimnis ein. Der Stein unter ihr hebt sie empor, wie sie so kniet. Und man
glaubt plötzlich in der Haltung, in die dieses junge Mädchen aus Trägheit, aus
Träumerei oder aus Einsamkeit verfiel, eine uralte heilige Gebärde zu erkennen,
in welche die Göttin ferner, grausamer Kulte versunken war. Der Kopf dieses Weibes neigt sich ein wenig vor; mit einem Ausdruck von Nachsicht, Hoheit und
Geduld sieht sie, wie aus der Höhe einer stillen Nacht, auf den Mann hinab, der
sein Gesicht in ihre Brust versenkt wie in viele Blüten. Auch er kniet, aber tiefer,
tief im Stein. Seine Hände liegen hinter ihm, wie wertlose und leere Dinge, Die
Rechte ist offen; man sieht hinein. Von dieser Gruppe geht eine geheimnisvolle
Größe aus. Man wagt (wie so oft bei Rodin) nicht, ihr eine Bedeutung zu geben.
Sie hat tausende. Wie Schatten gehen die Gedanken über sie, und hinter jedem
steigt sie neu und rätselhaft auf in ihrer Klarheit und Namenlosigkeit.
Etwas von der Stimmung eines Purgatorio lebt in diesem Werke. Ein Himmel ist
nah, aber er ist noch nicht erreicht; eine Hölle ist nah, aber sie ist noch nicht
vergessen. Auch hier strahlt aller Glanz von der Berührung aus, von der
Berührung der beiden Körper und von der Berührung des Weibes mit sich selbst.
Und nichts anderes als eine immer neue Ausgestaltung des Themas von der
Berührung lebendiger und bewegter Flächen ist jene gewaltige Porte de l'Enfer,
an der Rodin seit zwanzig Jahren einsam gearbeitet hat und deren Guß immer
noch bevorsteht. Gleichzeitig im Erforschen der Bewegung von Flächen und
ihrer Vereinigung fortschreitend, kam Rodin dazu, Körper zu suchen, die sich
mit vielen Stellen berührten, Körper, deren Berührungen heftiger waren, stärker,
ungestümer. Je mehr Berührungspunkte zwei Körper einander boten, je
ungeduldiger sie aufeinander zustürzten, gleich chemischen Stoffen von großer
Verwandtschaft, desto fester und organischer hielt das neue Ganze, das sie
bildeten, zusammen. Erinnerungen aus Dante tauchten auf. Ugolino und die
Wandernden selbst. Dante und Virgil aneinandergedrängt, das Gewühl der
Wollüstigen, aus dem, wie ein verdorrter Baum, die greifende Gebärde des
Geizigen ragte. Die Zentauren, die Riesen und Ungeheuer, Sirenen, Faune und
Weiber von Faunen, alle die wilden und reißenden Gott-Tiere des vorchristlichen
Waldes kamen auf ihn zu. Und er schuf. Er verwirklichte alle die Gestalten und
Formen des Dantischen Traumes, hob sie empor wie aus der bewegten Tiefe
eigener Erinnerungen und gab ihnen, einem nach dem anderen, des Dingseins
leise Erlösung. Hunderte von Figuren und Gruppen entstanden auf diese Art.
Aber die Bewegungen, die er in den Worten des Dichters fand, gehörten einer
anderen Zeit; sie erweckten in dem Schaffenden, der sie auferstehen ließ, das
Wissen von tausend anderen Gebärden, Gebärden des Greifens, Verlierens,
Leidens und Lassens, die inzwischen entstanden waren, und seine Hände, die
keine Ermüdung kannten, gingen weiter und weiter, über die Welt des
Florentiners hinaus zu immer neuen Gesten und Gestalten.
Dieser ernste, gesammelte Arbeiter, der nie nach Stoffen gesucht hatte und keine andere Erfüllung wollte als die, welche seinem immer reiferen Werkzeug
erreichbar war, kam auf diesem Wege durch alle Dramen des Lebens: jetzt tat
sich ihm die Tiefe der Liebesnächte auf, die dunkle lust- und kummervolle
Weite, in der es, wie in einer noch immer heroischen Welt, keine Kleider gab, in
der die Gesichter verlöscht waren und die Leiber galten. Er kam mit
weißglühenden Sinnen, als ein Suchender des Lebens, in die große Wirrnis
dieses Ringens, und was er sah, war: Leben. Es wurde nicht eng um ihn, klein
und schwül. Es wurde weit. Die Atmosphäre der Alkoven war fern. Hier war das
Leben, war tausendmal in jeder Minute, war in Sehnsucht und Weh, in Wahnsinn
und Angst, in Verlust und Gewinn. Hier war ein Verlangen, das unermeßlich war,
ein Durst so groß, daß alle Wasser der Welt in ihm wie ein Tropfen
vertrockneten, hier war kein Lügen und Verleugnen, und die Gebärden von
Geben und Nehmen, hier waren sie echt und groß. Hier waren die Laster und die
Lästerungen, die Verdammnisse und die Seligkeiten, und man begriff auf einmal,
daß eine Welt arm sein mußte, die das alles verbarg und vergrub und tat, als ob
es nicht wäre. Es war. Neben der ganzen Geschichte der Menschheit ging diese
andere Historie her, die keine Verkleidungen kannte, keine Konventionen, keine
Unterschiede und Stände—nur Kampf. Auch sie hatte ihre Entwickelung gehabt.
Sie war aus einem Trieb eine Sehnsucht geworden, aus einer Begierde zwischen
Mann und Weib ein Begehren von Mensch zu Mensch. Und so erscheint sie im
Werke Rodins. Noch ist es die ewige Schlacht der Geschlechter, aber das Weib
ist nicht mehr das überwältigte oder das willige Tier. Sie ist sehnsüchtig und
wach wie der Mann, und es ist, als hätten sie sich zusammengetan, um beide
nach ihrer Seele zu suchen. Der Mensch, der nachts aufsteht und leise zu einem
anderen geht, ist wie ein Schatzgräber, der das große Glück, das so notwendig
ist, ergraben will am Kreuzweg des Geschlechts. Und in allen Lastern, in allen
Lüsten wider die Natur, in allen diesen verzweifelten und verlorenen Versuchen,
dem Dasein einen unendlichen Sinn zu finden, ist etwas von jener Sehnsucht, die
die großen Dichter macht. Hier hungert die Menschheit über sich hinaus. Hier
strecken sich Hände aus nach der Ewigkeit. Hier öffnen sich Augen, schauen den
Tod und fürchten ihn nicht; hier entfaltet sich ein hoffnungsloses Heldentum,
dessen Ruhm wie ein Lächeln kommt und geht und wie eine Rose blüht und
bricht. Hier sind die Stürme des Wunsches und die Windstillen der Erwartung;
hier sind Träume, die zu Taten werden, und Taten, die in Träumen vergehen.
Hier wird, wie in einer Riesenspielbank, ein Vermögen von Kraft gewonnen oder
verloren. Das alles steht in dem Werke Rodins. Er, der schon durch soviel Leben
gegangen war, hier fand er des Lebens Fülle und Überfluß. Die Körper, an denen
jede Stelle Wille war, die Munde, die die Form von Schreien hatten, welche aus
den Tiefen der Erde zu steigen schienen. Er fand die Gebärden der Urgötter, die Schönheit und Geschmeidigkeit der Tiere, den Taumel alter Tänze und die
Bewegungen vergessener Gottesdienste seltsam verbunden mit den neuen
Gebärden, die entstanden waren in der langen Zeit, während welcher die Kunst
abgewendet war und allen diesen Offenbarungen blind. Diese neuen Gebärden
waren ihm besonders interessant. Sie waren ungeduldig. Wie einer, der lange
nach einem Gegenstand sucht, immer ratloser wird, zerstreuter und eiliger, und
um sich herum eine Zerstörung schafft, eine Anhäufung von Dingen, die er aus
ihrer Ordnung zieht, als wollte er sie zwingen mitzusuchen, so sind die Gebärden
der Menschheit, die ihren Sinn nicht finden kann, ungeduldiger geworden,
nervöser, rascher und hastiger. Und alle die durchwühlten Fragen des Daseins
liegen um sie her. Aber ihre Bewegungen sind zugleich auch wieder zögernder
geworden. Sie haben nicht mehr die gymnastische und entschlossene Geradheit,
mit der frühere Menschen nach allem gegriffen haben. Sie gleichen nicht jenen
Bewegungen, die in den alten Bildwerken aufbewahrt sind, den Gesten, bei
denen nur der Ausgangspunkt und der Endpunkt wichtig war. Zwischen diese
beiden einfachen Momente haben sich unzählige Übergänge eingeschoben, und
es zeigte sich, daß gerade in diesen Zwischen-Zuständen das Leben des heutigen
Menschen verging, sein Handeln und sein Nicht-handeln-Können. Das Ergreifen
war anders geworden, das Winken, das Loslassen und das Halten. In allem war
viel mehr Erfahrung und zugleich auch wieder mehr Unwissenheit; viel mehr
Mutlosigkeit und ein fortwährendes Angehen gegen Widerstände; viel mehr
Trauer um Verlorenes, viel mehr Abschätzung, Urteil, Erwägung und weniger
Willkür. Rodin schuf diese Gebärden. Er machte sie aus einer oder aus mehreren
Gestalten, formte sie zu Dingen in seiner Art. Er gab Hunderten und Hunderten
von Figuren, die nur ein wenig größer waren als seine Hände, das Leben aller
Leidenschaften zu tragen, das Blühen aller Lüste und aller Laster Last. Er schuf
Körper, die sich überall berührten und zusammenhielten wie ineinander
verbissene Tiere, die als ein Ding in die Tiefe fallen; Leiber, die horchten wie
Gesichter und ausholten wie Arme; Ketten von Leibern, Gewinde und Ranken,
und schwere Trauben von Gestalten, in welche der Sünde Süße stieg aus den
Wurzeln des Schmerzes. Gleich machtvoll und überlegen hat nur Lionardo
Menschen zusammengefügt in seiner grandiosen Beschreibung des
Weltuntergangs. Wie dort, gab es auch hier solche, die sich in den Abgrund
warfen, um das große Weh vergessen zu können, und solche, die ihren Kindern
die Köpfe zerschlugen, damit sie nicht hineinwüchsen in das große Weh.—Das
Heer dieser Figuren war viel zu zahlreich geworden, um in den Rahmen und die
Türflügel des Höllentores hineinzupassen. Rodin wählte und wählte. Er schied
alles aus, was zu einsam war, um sich der großen Gesamtheit zu unterwerfen,
alles, was nicht ganz notwendig war in diesem Zusammenhang. Er ließ die Gestalten und Gruppen selbst sich ihren Platz finden; er beobachtete das Leben
des Volkes, das er geschaffen hatte, belauschte es und tat jedem seinen Willen.
So erwuchs allmählich die Welt dieses Tores. Seine Fläche, an welche die
plastischen Formen angefügt wurden, begann sich zu beleben; mit immer leiser
werdenden Reliefs verhallte die Erregung der Figuren in die Fläche hinein. Im
Rahmen ist von beiden Seiten ein Aufsteigen, ein Sich-empor-Ziehen und
Hochheben, in den Flügeln des Tores ein Fallen, Gleiten und Stürzen die
herrschende Bewegung. Die Flügel treten ein wenig zurück, und ihr oberer Rand
ist von dem vorspringenden Rand des Querrahmens noch durch eine ziemlich
große Fläche getrennt. Vor diese, in den still geschlossenen Raum, ist die Gestalt
des Denkers gesetzt, des Mannes, der die ganze Größe und alle Schrecken dieses
Schauspieles sieht, weil er es denkt. Er sitzt versunken und stumm, schwer von
Bildern und Gedanken, und alle seine Kraft (die die Kraft eines Handelnden ist)
denkt. Sein ganzer Leib ist Schädel geworden und alles Blut in seinen Adern
Gehirn. Er ist der Mittelpunkt des Tores, obwohl noch über ihm auf der Höhe
des Rahmens drei Männer stehen. Die Tiefe wirkt auf sie und formt sie aus der
Ferne. Sie haben ihre Köpfe zusammengebogen, ihre drei Arme sind
vorgestreckt, laufen zusammen und zeigen hinunter auf dieselbe Stelle, in
denselben Abgrund, welcher sie niederzieht mit seiner Schwere. Der Denker
aber muß sie in sich tragen. Unter den Gruppen und Bildwerken, die aus Anlaß
dieses Tores entstanden sind, gibt es viele von großer Schönheit. Es ist
unmöglich, sie alle aufzuzählen, wie es unmöglich ist, sie zu beschreiben. Rodin
selbst hat einmal gesagt, er müßte ein Jahr reden, um eines seiner Werke mit
Worten zu wiederholen. Man kann nur sagen, daß diese kleinen Bildwerke,
welche in Gips, Bronze und Stein erhalten sind, ähnlich wie manche von den
kleinen Tierfiguren der Antike, den Eindruck ganz großer Dinge machen. Es gibt
in Rodins Atelier den Abguß eines kaum handgroßen Panthers griechischer
Arbeit (das Original befindet sich im Medaillen-Kabinett der Pariser National-
Bibliothek); wenn man unter seinem Leibe durch von vorn in den Raum blickt,
der von den vier geschmeidig-starken Tatzen gebildet wird, kann man glauben,
in die Tiefe eines indischen Felsentempels zu sehen; so wächst dieses Werk und
weitet sich zur Größe seiner Maße. Ähnlich ist es bei den kleinen Plastiken
Rodins. Indem er ihnen viele Stellen gibt, unzählbar viele, vollkommene und
bestimmte Flächen, macht er sie groß. Die Luft ist um sie wie um Felsen. Wenn
in ihnen ein Aufstehen ist, dann scheint es, als hüben sie die Himmel empor, und
die Flucht ihres Falles reißt die Sterne mit.
Vielleicht ist damals auch die Danaïde entstanden, die sich aus dem Knien
niedergeworfen hat in ihr fließendes Haar. Es ist wunderbar, um diesen Marmor langsam herumzugehen: den langen, langen Weg um die reichentfaltete Rundung
dieses Rückens, zu dem sich im Stein wie in einem großen Weinen verlierenden
Gesicht, zu der Hand, die, wie eine letzte Blume, noch einmal leise vom Leben
spricht, tief im ewigen Eise des Blockes. Und die Illusion, die Tochter des
Ikarus, diese blendende Dingwerdung eines langen hilflosen Falles. Und die
schöne Gruppe, die L'homme et sa pensée genannt worden ist. Die Darstellung
eines Mannes, der kniet und, mit seiner Stirne Berührung, aus dem Stein vor ihm
die leisen Formen eines Weibes weckt, die an den Stein gebunden bleiben; wenn
man hier auslegen will, so mag man sich freuen über den Ausdruck dieser
Untrennbarkeit, mit der der Gedanke an des Mannes Stirne haftet: denn es ist
immer nur sein Gedanke, der lebt und vor ihm steht; gleich dahinter ist Stein.
Verwandt damit ist auch der Kopf, der sich sinnend und still bis zum Kinn, aus
einem großen Steine löst, der Gedanke, dieses Stück Klarheit, Sein und Gesicht,
das sich langsam aus dem schweren Schlafe des dumpf Dauernden erhebt. Und
dann die Karyatide. Nicht mehr die aufrechte Figur, die leicht oder schwer das
Tragen eines Steines erträgt, unter den sie sich doch nur gestellt hat, als er schon
hielt; ein weiblicher Akt, kniend, gebeugt, in sich hineingedrückt und ganz
geformt von der Hand der Last, deren Schwere wie ein fortwährender Fall in alle
Glieder sinkt. Auf jedem kleinsten Teile dieses Leibes liegt der ganze Stein wie
ein Wille, der größer war, älter und mächtiger, und doch hat seines Tragens
Schicksal nicht aufgehört. Er trägt, wie man im Traum das Unmögliche trägt,
und findet keinen Ausweg. Und sein Zusammengesunkensein und Versagen ist
immer noch Tragen geblieben, und wenn die nächste Müdigkeit kommt und den
Körper ganz niederzwingt ins Liegen, so wird auch das Liegen noch Tragen sein,
Tragen ohne Ende. So ist die Karyatide.
Man kann, wenn man will, die meisten Werke Rodins mit Gedanken begleiten,
erklären und umgeben. Für alle, denen das einfache Schauen ein zu ungewohnter
und schwerer Weg zur Schönheit ist, gibt es andere Wege, Umwege über
Bedeutungen, die edel sind, groß und voll Gestalt. Es ist, als ob das unendliche
Gut- und Richtig-sein dieser Akte, das vollkommene Gleichgewicht aller ihrer
Bewegungen, die wunderbare innere Gerechtigkeit ihrer Verhältnisse, ihr Vom-
Leben-durchdrungen-Sein, als ob alles das, was sie zu schönen Dingen macht,
ihnen auch die Kraft verliehe, unübertreffliche Verwirklichungen der Stoffe zu
sein, die der Meister in die Nähe rief, da er sie benannte. Nie ist ein Stoff bei
Rodin an ein Kunstding gebunden, wie ein Tier an einen Baum. Er lebt irgendwo
in der Nähe des Dinges und lebt von ihm, etwa wie der Kustos einer Sammlung.
Man erfährt manches, wenn man ihn ruft; wenn man es aber versteht, ohne ihn
auszukommen, ist man mehr allein und ungestört und erfährt noch mehr.
Wo die erste Anregung vom Stofflichen ausging, wo eine antike Sage, die Stelle
eines Gedichtes, eine historische Szene oder eine wirkliche Person
Schaffensanlaß war, da übersetzt sich, wenn Rodin beginnt, während der Arbeit
das Stoffliche immer mehr in Sachliches und Namenloses: in die Sprache der
Hände übertragen, haben die Anforderungen, die sich ergeben, alle einen neuen,
ganz auf die plastische Erfüllung bezüglichen Sinn.
In den Zeichnungen Rodins geht, vorbereitend, dieses Vergessen und
Verwandeln der stofflichen Anregung vor sich. Er hat auch in dieser Kunst seine
eigenen Ausdrucksmittel sich erzogen, und das macht diese Blätter (es sind viele
Hunderte) zu einer selbständigen und originellen Offenbarung seiner
Persönlichkeit.
Da sind zunächst, aus früherer Zeit, Tuschzeichnungen mit überraschend starken
Licht- und Schattenwirkungen, wie der berühmte Homme au Taureau, bei dem
man an Rembrandt denken möchte, wie der Kopf des jungen Saint Jean-Baptiste
oder die schreiende Maske für den Genius des Krieges; lauter Notizen und
Studien, welche dem Künstler das Leben der Flächen erkennen halfen und ihr
Verhältnis zur Atmosphäre. Dann kommen Akte, die mit jagender Sicherheit
gezeichnet sind, Formen, ausgefüllt von allen ihren Konturen, modelliert mit
vielen schnellen Federstrichen, und andere, eingeschlossen in die Melodie eines
einzigen vibrierenden Umrisses, aus dem sich mit unvergeßlicher Reinheit eine
Gebärde erhebt. So sind die Zeichnungen, mit denen Rodin, auf den Wunsch
eines feinsinnigen Sammlers hin, ein Exemplar der "Fleurs du mal" begleitet hat.
Man sagt nichts, wenn man da von einem sehr tiefen Verständnis
Baudelairescher Verse spricht; man versucht mehr zu sagen, wenn man sich
erinnert, wie diese Gedichte in ihrem Mit-sich-Gesättigt-sein keine Ergänzung
zulassen und keine Steigerung über sich hinaus: und daß man doch beides
empfindet, Ergänzung und Steigerung, wo Rodinsche Linien sich diesem Werke
anschmiegen, das ist ein Maßstab für die hinreißende Schönheit dieser Blätter.
Die Federzeichnung, die neben das Gedicht "La mort des pauvres" gestellt ist,
reicht mit einer Gebärde von so einfacher, fortwährend wachsender Großheit
über diese großen Verse hinaus, daß man meint, sie erfülle die Welt von Aufgang
nach Untergang.
Und so sind auch die Radierungen mit der kalten Nadel, in denen der Lauf
unendlich zarter Linien wie der äußerste Umriß eines schönen gläsernen Dinges
erscheint, der, in jedem Augenblicke genau bestimmt, hinfließt über das Wesen
einer Wirklichkeit.
Endlich aber entstanden auch jene seltsamen Dokumente des Momentanen, des unmerklich Vorübergehenden. Rodin vermutete, daß unscheinbare Bewegungen,
die das Modell tut, wenn es sich unbeobachtet glaubt, rasch zusammengefaßt,
eine Stärke des Ausdrucks enthalten könnten, die wir nicht ahnen, weil wir nicht
gewohnt sind, sie mit gespannter und tätiger Aufmerksamkeit zu begleiten.
Indem er das Modell nicht aus dem Auge verlor und seiner erfahrenen und
raschen Hand ganz das Papier überließ, zeichnete er eine Unmenge nie
gesehener, immer versäumter Gebärden auf, und es ergab sich, daß die Kraft des
Ausdrucks, die von ihnen ausging, ungeheuer war; Bewegungszusammenhänge,
die noch nie als Ganzes überschaut und erkannt worden waren, stellten sich dar,
und sie enthielten alle Unmittelbarkeit, Wucht und Wärme eines geradezu
animalischen Lebens. Ein Pinsel voll Ocker, schnell, mit wechselnder Betonung
durch diesen Kontur geführt, modellierte so unglaublich stark die
eingeschlossene Fläche, daß man meinte, plastische Figuren aus gebrannter Erde
zu sehen. Und wieder war eine ganz neue Weite entdeckt, namenlosen Lebens
voll; eine Tiefe, über die alle hallenden Schrittes gegangen waren, gab ihre
Wasser dem, in dessen Händen die Weidenrute gewahrsagt hatte.
Auch wo es galt, Porträts zu geben, gehörte der zeichnerische Ausdruck des
Themas zu den Vorbereitungen, über welche Rodin, langsam und sich
sammelnd, zu dem fernen Werke geht. Denn, so unrecht man hat, in seiner
plastischen Kunst eine Art von Impressionismus zu sehen, so ist doch die Menge
präzis und kühn erfaßter Impressionen immer der große Reichtum, aus welchem
er schließlich das Wichtige und Notwendige auswählt, um es in reifer Synthese
zusammenzufassen. Wenn er von den Körpern, die er erforscht und bildet, zu
den Gesichtern kommt, muß es ihm manchmal sein, als träte er aus einer
windigen, bewegten Weite in eine Stube, in welcher viele beisammen sind: hier
ist alles gedrängt und dunkel, und die Stimmung eines Interieurs herrscht unter
den Bogen der Brauen und im Schatten des Mundes. Während über den Leibern
immer Wechsel und Wellenschlag ist, Ebbe und Flut, steht in den Gesichtern die
Luft. Es ist wie in Zimmern, in denen sich viel ereignet hat, Freudiges und
Banges, Schweres und Erwartungsvolles. Und kein Ereignis ist ganz vergangen,
keins hat das andere ersetzt; eines ist neben das andere gestellt worden und
stehen-geblieben und welk geworden wie eine Blume im Glase. Wer aber von
draußen kommt, aus dem großen Wind, der bringt Weite herein in die Stuben.
Die Maske des Mannes mit der gebrochenen Nase war das erste Porträt, das
Rodin geschaffen hat. In diesem Werke ist seine Art, durch ein Gesicht zu gehen,
schon ganz ausgebildet, man fühlt seine unbegrenzte Hingabe an das
Vorhandene, seine Ehrfurcht vor jeder Linie, die das Schicksal gezogen hat, sein
Vertrauen zu dem Leben, das schafft, auch wo es entstellt. In einer Art von blindem Glauben hatte er den Homme au nez cassé geschaffen, ohne zu fragen,
wer der Mann war, dessen Leben in seinen Händen noch einmal verging. Er
hatte ihn gemacht, wie Gott den ersten Menschen gemacht hat, ohne die Absicht,
etwas anderes zu wirken als das Leben selbst, namenloses Leben. Aber immer
wissender, immer erfahrener und größer kam er zu den Gesichtern der Menschen
zurück. Er konnte ihre Züge nicht mehr sehen, ohne an die Tage zu denken, die
daran gearbeitet hatten, an dieses ganze Heer von Handwerkern, die fortwährend
um ein Gesicht herumgehen, als könnte es niemals fertig werden. Aus einer
stillen und gewissenhaften Wiederholung des Lebens wurde so in dem reifen
Manne eine erst tastende und versuchende, immer sicherer und kühner werdende
Auslegung der Schrift, mit der die Gesichter über und über bedeckt waren. Er
gab seiner Phantasie nicht Raum; er erfand nicht. Er verachtete nicht einen
Augenblick den schweren Gang seines Werkzeugs. Es wäre ja so leicht gewesen,
es auf irgendwelchen Flügeln zu überholen. Wie früher ging er neben ihm einher,
ging die ganzen weiten Strecken, die gegangen sein mußten, ging wie der
Pflüger hinter seinem Pflug. Aber während er seine Furchen zog, dachte er über
sein Land nach und über die Tiefe seines Landes, über den Himmel, der darüber
war, über den Gang der Winde und über der Regen Fall, über alles das, was war
und wehe tat und verging und wiederkam und nicht aufhörte zu sein. Und er
glaubte in alledem jetzt, besser und weniger verwirrt von dem Vielen, das Ewige
zu erkennen, das, um dessentwillen auch das Leid gut und die Schwere
Mutterschaft war und der Schmerz schön.
Diese Auslegung, die bei den Porträts begann, wuchs von da immer weiter in
sein Werk hinein. Sie ist die letzte Stufe, der äußerste Kreis seiner weiten
Entwickelung. Sie fing langsam an. Mit unendlicher Vorsicht betrat Rodin diesen
neuen Weg. Wieder drang er von Fläche zu Fläche vor, ging der Natur nach und
hörte auf sie. Sie selbst bezeichnete ihm gleichsam die Stellen, von denen er
mehr wußte, als zu sehen war. Wenn er dort einsetzte und aus kleinen
Verworrenheiten eine große Vereinfachung schuf, so tat er, was Christus den
Leuten tat, wenn er die unklar Fragenden mit einem erhabenen Gleichnis reinigte
von ihrer Schuld. Er erfüllte eine Intention der Natur. Er vollendete etwas, was
im Werden hilflos war, er deckte die Zusammenhänge auf, wie der Abend eines
Nebeltages die Berge aufdeckt, die in großen Wellen sich fortpflanzen in die
Ferne.
Voll von seines ganzen Wissens lebendiger Last, sah er wie ein Zukünftiger in
die Gesichter derer hinein, die um ihn lebten. Das gibt seinen Porträts die
ungemein klare Bestimmtheit, aber auch jene prophetische Größe, die in den
Bildern des Victor Hugo oder des Balzac sich zu einer unbeschreiblichen Vollendung erhob. Ein Bildnis schaffen hieß für ihn, in einem gegebenen
Gesichte Ewigkeit suchen, jenes Stück Ewigkeit, mit dem es teilnahm an dem
großen Gange ewiger Dinge. Er hat keinen gebildet, den er nicht ein wenig aus
den Angeln gehoben hätte in die Zukunft hinein; wie man ein Ding vor den
Himmel hält, um seine Formen reiner und einfacher zu verstehen. Das ist nicht,
was man verschönern heißt, und auch charakteristisch machen ist kein passender
Ausdruck dafür. Es ist mehr; es ist: das Dauernde vom Vergänglichen scheiden,
Gericht halten, gerecht sein.
Sein Porträtwerk umfaßt, auch wenn man von den Radierungen absieht, eine
sehr große Zahl vollendeter und meisterhafter Bildnisse. Es gibt da Büsten in
Gips, in Bronze, in Marmor und Sandstein, Köpfe in gebranntem Ton und
Masken, die man einfach hat eintrocknen lassen. Frauenbildnisse kehren immer
wieder zu allen Zeiten seines Werkes. Die berühmte Büste des Luxembourg-
Museums ist eines der frühesten. Sie ist voll eigentümlichen Lebens, schön, von
einem gewissen frauenhaften Zauber, aber sie wird von vielen späteren Werken
an Einfachheit und Zusammenfassung der Flächen übertroffen. Sie ist vielleicht
das einzige unter Rodins Werken, dem nicht nur die diesem Bildhauer
eigentümlichen Tugenden seine Schönheit gegeben haben; dieses Porträt lebt
zum Teil auch durch die Gnade jener Grazie, die in der französischen Plastik seit
Jahrhunderten erblich ist. Es glänzt ein wenig mit der Eleganz, die auch die
schlechte Skulptur französischer Tradition immer noch aufweist; es ist nicht
ganz frei von jener galanten Auffassung der belle femme, über welche der Ernst
und die tief einsetzende Arbeit Rodins so rasch hinauswuchs. Aber man tut gut,
sich an dieser Stelle zu erinnern, daß er auch dieses angestammte Gefühl zu
überwinden hatte; er mußte ein angeborenes Können unterdrücken, um ganz arm
zu beginnen. Er mußte deshalb nicht aufhören, Franzose zu sein: auch die
Meister der Kathedralen waren es.
Die späteren Frauenbildnisse haben eine andere, tiefer begründete und weniger
geläufige Schönheit. Dabei ist vielleicht zu sagen, daß es meistens
Ausländerinnen waren, Amerikanerinnen, deren Porträts Rodin ausgeführt hat.
Es gibt darunter solche von wunderbarer Arbeit, Steine, die wie antike Kameen
rein und unberührbar sind. Gesichter, deren Lächeln nirgends befestigt ist und so
schleierleise über den Zügen spielt, daß es sich zu heben scheint bei jedem
Atemholen. Rätselhaft verschlossene Lippen und Augen, die, über alles fort, in
eine ewige Mondnacht schauen, traumhaft weit aufgetan. Und doch ist es, als
empfände Rodin das Angesicht des Weibes am liebsten als einen Teil seines
schönen Körpers, als wollte er, daß seine Augen Augen des Leibes seien und der
Mund seines Leibes Mund. Wo er es so im ganzen erschafft und schaut, da erhält auch das Gesicht einen so starken und ergreifenden Ausdruck unverkündeten
Lebens, daß die Porträts von Frauen (obwohl sie scheinbar "ausgeführter" sind)
weit übertroffen werden.
Anders ist es bei den Männerbildnissen. Das Wesen eines Mannes kann man sich
leichter im Räume seines Gesichtes versammelt denken. Man kann sich sogar
vorstellen, daß es Augenblicke gibt (solche der Ruhe und solche der inneren
Erregung), in welchen alles Leben in sein Gesicht eingetreten ist. Solche
Augenblicke wählt Rodin, wo er ein männliches Porträt geben will; oder besser:
er schafft sie. Er holt weit aus. Er gibt nicht dem ersten Eindruck recht, und nicht
dem zweiten, und von allen nächsten keinem. Er beobachtet und notiert. Er
notiert Bewegungen, die keines Wortes wert sind, Wendungen und
Halbwendungen, vierzig Verkürzungen und achtzig Profile. Er überrascht sein
Modell in seinen Gewohnheiten und Zufälligkeiten, bei Ausdrücken, die erst im
Entstehen sind, bei Müdigkeiten und Anstrengungen. Er kennt alle Übergänge in
seinen Zügen, weiß, woher das Lächeln kommt und wohin es zurückfällt. Er
erlebt das Gesicht des Menschen wie eine Szene, an der er selbst teilnimmt, er
steht mitten drin, und nichts, was passiert, ist ihm gleichgültig oder entgeht ihm.
Er läßt sich nichts von dem Betreffenden erzählen, er will nichts wissen, als was
er sieht. Aber er sieht alles.
So vergeht über jeder Büste viel Zeit. Das Material wächst, zum Teil in
Zeichnungen, in ein paar Federstrichen und Tuschflecken festgehalten, zum Teil
im Gedächtnisse angesammelt; denn dieses hat Rodin sich zu einem ebenso
verläßlichen als bereiten Hilfsmittel ausgebildet. Sein Auge sieht während der
Sitzungsstunden viel mehr, als er in dieser Zeit ausführen kann. Er vergißt nichts
davon, und oft, wenn das Modell ihn verlassen hat, beginnt für ihn das
eigentliche Arbeiten aus der Fülle seiner Erinnerung. Seine Erinnerung ist weit
und geräumig; die Eindrücke verändern sich nicht in ihr, aber sie gewöhnen sich
an ihre Wohnung, und wenn sie von da in seine Hände steigen, so ist es, als
wären sie natürliche Gebärden dieser Hände.
Diese Arbeitsweise führt zu gewaltigen Zusammenfassun-gen von hundert und
hundert Lebensmomenten: und so ist auch der Eindruck, den diese Büsten
machen. Die vielen fernen Kontraste und die unerwarteten Übergänge, die einen
Menschen bilden und eines Menschen fortwährende Entwicklung, treffen
einander hier in glücklichen Begegnungen und halten aneinander mit einer
inneren Adhäsionskraft fest. Aus allen Weiten ihres Wesens sind diese Menschen
zusammengeholt, alle Klimaten ihres Temperamentes entfalten sich auf den
Hemisphären ihres Hauptes. Da ist der Bildhauer Dalou, in dem neben einer ausdauernden und geizigen Energie eine nervöse Müdigkeit vibriert, da ist Henri
Rocheforts abenteuerliche Maske, da ist Octave Mirbeau, bei dem hinter einem
Tatmenschen eines Dichters Traum und Sehnsucht dämmert, und Puvis de
Chavannes und Victor Hugo, den Rodin so genau kennt, und da ist vor allem die
unbeschreiblich schöne Bronze, das Bildnis des Malers Jean-Paul Laurens, von
dem eine gute Abbildung diesem Buch beigegeben wurde. Diese Büste ist
vielleicht die schönste Sache im Luxembourg-Museum. Sie ist von einer so
tiefen und zugleich so groß empfundenen Durchbildung der Oberfläche, so
geschlossen in der Haltung, so stark im Ausdruck, so bewegt und wach, daß man
das Gefühl nicht verliert, die Natur selbst habe dieses Werk aus den Händen des
Bildhauers genommen, um es zu halten wie eines ihrer liebsten Dinge. Die
prachtvolle Patina, deren rauchschwarzen Belag das Metall wie Feuer, flammend
und sprühend, durchbricht, trägt viel dazu bei, die unheimliche Schönheit dieses
Bildwerkes zu vollenden.
Auch eine Büste von Bastien-Lepage existiert, schön und melancholisch, mit
dem Ausdruck des Leidenden, dessen Arbeit ein fortwährender Abschied von
seinem Werke ist. Sie ist für Damvillers, das kleine Heimatdorf des Malers,
gemachtworden und ist dort auf dem Kirchhofe aufgestellt. Sie ist also eigentlich
ein Denkmal. Und die Büsten Rodins in ihrer Vollständigkeit und ihrer ins Große
gehenden Zusammenfassung haben alle etwas vom Denkmal an sich. Es kommt
bei diesem nur eine weitere Vereinfachung der Flächen, eine noch strengere
Auswahl des Notwendigen und die Bedingung des Weithinsichtbaren dazu. Die
Denkmäler, die Rodin geschaffen hat, näherten sich immer mehr diesen
Ansprüchen. Er begann mit dem Denkmal des Claude Gelée für Nancy; und es
ist ein steiler Aufstieg von diesem ersten, interessanten Versuch bis zu dem
grandiosen Gelingen des Balzac.
Mehrere von den Denkmälern Rodins sind nach Amerika gegangen, und das
reifste von diesen ist bei den Unruhen in Chile zerstört worden, noch ehe es an
seinen Platz gebracht worden war. Es war das Reiterstandbild des Generals
Lynch. Gleich dem verlorenen Meisterwerke Lionardos, dem es sich vielleicht
durch die Macht des Ausdrucks und durch die wundervoll beseelte Einheit von
Mann und Roß näherte, sollte auch diese Statue nicht erhalten bleiben. Nach
einem kleinen Gipsmodell im Musée Rodin in Meudon muß man schließen, daß
sie das plastische Bild eines mageren Mannes war, der sich gebietend im Sattel
aufrichtete, nicht in der brutalen Herrenart eines Kondottiere, sondern nervöser
und erregter, mehr wie einer, der die Macht zu befehlen nur ausübt als Amt und
sie nicht als Leben lebt. Hier schon erhob sich übrigens die vorwärtsweisende
Hand des Generals aus der ganzen Masse des Standbildes, aus Mensch und Tier; und dieser Umstand ist es auch, welcher der Gebärde Victor Hugos ihre
unvergeßliche Hoheit, dieses Weit-Herkommende gibt, diese Macht, an die man
glaubt, auf den ersten Blick. Die große, lebendige Greisenhand, die mit dem
Meere redet, kommt nicht aus dem Dichter allein; sie steigt herab von dem
Gipfel der ganzen Gruppe wie von einem Berge, auf dem sie betete, ehe sie
sprach. Victor Hugo ist hier der Verbannte, der Einsame von Guernsey, und es ist
eines von den Wundern dieses Denkmales, daß die Musen, die ihn umgeben,
nicht wie Gestalten wirken, die den Verlassenen heimsuchen: sie sind, im
Gegenteil, seine sichtbar gewordene Einsamkeit. Durch die Verinnerlichung der
einzelnen Figuren und die Konzentration, man möchte sagen: um das Innere des
Dichters, hat Rodin diesen Eindruck erreicht; indem er auch hier wieder von
einer Individualisierung der Berührungsstellen ausging, ist es ihm gelungen, die
wundervoll bewegten Akte gleichsam zu Organen des sitzenden Mannes zu
machen. Sie sind um ihn wie große Gebärden, die er einmal getan hat, Gebärden,
die so schön und jung waren, daß ihnen eine Göttin die Gnade verlieh, nicht zu
vergehen und in der Gestalt schöner Frauen immer zu dauern. Für die Figur des
Dichters selbst hat Rodin viele Studien gemacht. Während der Empfänge im
Hôtel Lusignan beobachtete und notierte er, von einer Fensternische aus, hundert
und hundert Bewegungen des Greises und alle Ausdrücke seines belebten
Gesichtes. Aus diesen Vorbereitungen entstanden die Porträts Hugos, die Rodin
geschaffen hat. Für das Denkmal bedurfte es einer noch weiteren Vertiefung. Er
drängte alle die Einzeleindrücke zurück, faßte sie in der Ferne zusammen, und,
wie man vielleicht aus einer Reihe von Rhapsoden eine Gestalt gebildet hat:
Homer, so schuf er aus allen Bildern seiner Erinnerung dieses eine. Und diesem
einen, letzten Bilde gab er die Größe des Sagenhaften; als könnte das alles am
Ende nur ein Mythos gewesen sein und zurückgehen auf einen phantastisch
ragenden Felsen am Meer, in dessen seltsamen Formen entfernte Völker eine
Gebärde schlafen sahen.
Diese Macht, Vergangenes zum Unvergänglichen zu erheben, offenbarte Rodin
immer, wenn historische Stoffe oder Gestalten in seiner Kunst aufzuleben
verlangten; am überlegensten vielleicht in den Bürgern von Calais. Was hier
Stoff war, beschränkte sich auf einige Spalten in der Chronik des Froissart. Es
war die Geschichte, wie die Stadt Calais von Eduard III., dem englischen
Könige, belagert wird; wie der König der in der Furcht des Hungers verzagenden
Stadt nicht Gnade geben will; wie derselbe König endlich einwilligt, von der
Stadt abzulassen, wenn sechs ihrer vornehmsten Bürger sich in seine Hände
geben, "damit er mit ihnen tue nach seinem Willen". Und er verlangt, daß sie die
Stadt verlassen sollen, barhaupt, nur mit dem Hemde bekleidet, einen Strick um
den Hals und die Schlüssel von Stadt und Kastell in der Hand. Der Chronist
erzählt nun die Szene in der Stadt; er berichtet, wie der Bürgermeister Messire
Jean de Vienne die Glocken läuten läßt, und wie die Bürger sich auf dem
Marktplatze versammeln. Sie haben die bange Botschaft gehört und warten und
schweigen. Aber schon stehen unter ihnen die Helden auf, die Auserwählten, die
den Beruf in sich fühlen, zu sterben. Hier drängt sich durch die Worte des
Chronisten das Schreien und Weinen der Menge. Er selbst scheint eine Weile
ergriffen zu sein und mit zitternder Feder zu schreiben. Aber er sammelt sich
wieder. Er nennt vier von den Helden beim Namen, zwei vergißt er. Er sagt von
dem einen, daß er der reichste Bürger der Stadt war, von dem zweiten, daß er
Ansehen und Vermögen besaß und "zwei schöne Fräulein zu Töchtern hatte",
von dem dritten weiß er nur, daß er reich an Besitz und Erbschaft war, und von
dem vierten, daß er des dritten Bruder gewesen ist. Er berichtet, daß sie sich bis
auf das Hemde entkleideten, daß sie Stricke um ihren Hals banden und daß sie
so aufbrachen, mit den Schlüsseln von Stadt und Kastell. Er erzählt, wie sie in
das Lager des Königs kamen; er schildert, wie hart sie der König empfing und
wie der Henker schon neben ihnen stand, als der Fürst, auf die Bitten der
Königin hin, ihnen das Leben schenkte. "Er hörte auf seine Gemahlin"—sagt
Froissart, "weil sie sehr schwanger war." Mehr enthält die Chronik nicht.
Für Rodin aber war das Stoff genug. Er fühlte sofort, daß es in dieser Geschichte
einen Augenblick gab, wo etwas Großes geschah, etwas, was von Zeit und
Namen nicht wußte, etwas Unabhängiges und Einfaches. Er wandte alle
Aufmerksamkeit dem Moment des Aufbruchs zu. Er sah, wie diese Männer
ihren Gang begannen; er fühlte, wie in jedem noch einmal das ganze Leben war,
das er gehabt hatte, wie jeder, beladen mit seiner Vergangenheit, dastand, bereit,
sie hinauszutragen aus der alten Stadt. Sechs Männer tauchten vor ihm auf, von
denen keiner dem anderen glich; nur zwei Brüder waren unter ihnen, zwischen
denen vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit bestand. Aber jeder einzelne hatte auf seine Art den Entschluß gefaßt und lebte diese letzte Stunde auf seine Weise,
feierte sie mit seiner Seele und litt sie an seinem Leibe, der am Leben hing. Und
dann sah er auch die Gestalten nicht mehr. In seiner Erinnerung stiegen
Gebärden auf, Gebärden der Absage, des Abschiedes, des Verzichts. Gebärden
über Gebärden. Er sammelte sie. Er bildete sie alle. Sie flössen ihm aus der Fülle
seines Wissens zu. Es war, als stünden in seinem Gedächtnis hundert Helden auf
und drängten sich zu dem Opfer. Und er nahm alle hundert an und machte aus
ihnen sechs. Er bildete sie nackt, jeden für sich, in der ganzen Gesprächigkeit
ihrer fröstelnden Leiber. Überlebensgroß: in der natürlichen Größe ihres
Entschlusses.
Er schuf den alten Mann mit den hängenden Armen, die in den Gelenken
gelockert sind; und er gab ihm den schweren, schleppenden Schritt, den
abgenützten Gang der Greise, und einen Ausdruck von Müdigkeit, der über sein
Gesicht fließt bis in den Bart.
Er schuf den Mann, welcher den Schlüssel trägt. In ihm ist Leben noch für viele
Jahre und alles in die plötzliche letzte Stunde gedrängt. Er erträgt es kaum. Seine
Lippen sind zusammengepreßt, seine Hände beißen in den Schlüssel. Er hat
Feuer an seine Kraft gelegt, und sie verbrennt in ihm, in seinem Trotze. Er schuf
den Mann, der den gesenkten Kopf mit beiden Händen hält, wie um sich zu
sammeln, um noch einen Augenblick allein zu sein.
Er schuf die beiden Brüder, von denen der eine noch zurückschaut, während der
andere mit einer Bewegung der Entschlossenheit und Ergebung das Haupt neigt,
als hielte er's schon dem Henker hin.
Und er schuf die vage Gebärde jenes Mannes, der "durch das Leben geht". "Le
Passant" hat Gustave Geffroy ihn genannt. Er geht schon, aber er wendet sich
noch einmal zurück, nicht zu der Stadt, nicht zu den Weinenden und nicht zu
denen, die mit ihm gehen. Er wendet sich zurück, zu sich selbst. Sein rechter
Arm hebt sich, biegt sich, schwankt; seine Hand tut sich auf in der Luft und läßt
etwas los, etwa so, wie man einem Vogel die Freiheit gibt. Es ist ein Abschied
von allem Ungewissen, von einem Glück, das noch nicht war, von einem Leid,
das nun umsonst warten wird, von Menschen, die irgendwo leben und denen
man vielleicht einmal begegnet wäre, von allen Möglichkeiten aus morgen und
übermorgen, und auch von jenem Tod, den man sich fern dachte, milde und still,
und am Ende einer langen, langen Zeit. Diese Gestalt, allein in einen alten,
dunklen Garten gestellt, könnte ein Denkmal sein für alle Jungverstorbenen.
Und so hat Rodin jedem dieser Männer ein Leben gegeben in dieses Lebens letzter Gebärde.
Die einzelnen Figuren wirken erhaben in ihrer einfachen Größe. Man denkt an
Donatello und vielleicht noch mehr an Claux Sluter und seine Propheten in der
Chartreuse von Dijon.
Es scheint zunächst, als hätte Rodin nichts weiter getan, sie zusammenzufassen.
Er hat ihnen die gemeinsame Tracht gegeben, das Hemd und den Strick, und hat
sie nebeneinandergestellt in zwei Reihen; die drei, welche schon im Schreiten
begriffen sind, in die erste Reihe, die anderen, mit einer Wendung nach rechts,
dahinter, als ob sie sich anschlössen. Der Platz, für den das Denkmal bestimmt
war, war der Markt von Calais, dieselbe Stelle, auf der einst der schwere Gang
begonnen hatte. Dort sollten jetzt die stillen Bilder stehen, von einer niedrigen
Stufe nur wenig emporgehoben über den Alltag, so als stünde der bange
Aufbruch immer bevor, mitten in jeder Zeit.
Man weigerte sich aber in Calais, einen niedrigen Sockel zu nehmen, weil es der
Gewohnheit widersprach. Und Rodin schlug eine andere Aufstellungsart vor.
Man sollte, verlangte er, hart am Meer einen Turm bauen, viereckig, im
Umfange der Basis, mit schlichten, behauenen Wänden und zwei Stockwerke
hoch, und dort oben sollte man die sechs Bürger aufstellen in der Einsamkeit des
Windes und des Himmels. Es war vorauszusehen, daß auch dieser Vorschlag
abgelehnt wurde. Und doch lag er im Wesen des Werkes. Hätte man den Versuch
gemacht, man hätte eine unvergleichliche Gelegenheit gehabt, die
Geschlossenheit dieser Gruppe zu bewundern, die aus sechs Einzelfiguren
bestand und doch so fest zusammenhielt, als wäre sie nur ein einziges Ding. Und
dabei berührten die einzelnen Gestalten einander nicht, sie standen
nebeneinander wie die letzten Bäume eines gefällten Waldes, und was sie
vereinte, war nur die Luft, die an ihnen teilnahm in einer besonderen Art. Ging
man um diese Gruppe herum, so war man überrascht, zu sehen, wie aus dem
Wellenschlag der Konturen rein und groß die Gebärden stiegen, sich erhoben,
standen und zurückfielen in die Masse, wie Fahnen, die man einzieht. Da war
alles klar und bestimmt. Für einen Zufall schien nirgends Raum zu sein. Wie alle
Gruppen des Rodinschen Werkes war auch diese in sich selbst verschlossen, eine
eigene Welt, ein Ganzes, erfüllt von einem Leben, das kreiste und sich nirgends
ausströmend verlor. An Stelle der Berührungen waren hier die
Überschneidungen getreten, die ja auch eine Art von Berührung waren,
unendlich abgeschwächt durch das Medium der Luft, die dazwischen lag,
beeinflußt von ihr und verändert. Berührungen aus der Ferne waren entstanden,
Begegnungen, ein Übereinander-Hinziehen der Formen, wie man es manchmal bei Wolkenmassen sieht oder bei Bergen, wo auch die dazwischengelagerte Luft
kein Abgrund ist, der trennt, vielmehr eine Leitung, ein leise abgestufter
Übergang.
Für Rodin war immer schon die Teilnahme der Luft von großer Bedeutung. Er
hatte alle seine Dinge, Fläche für Fläche, in den Raum gepaßt, und das gab ihnen
diese Größe und Selbständigkeit, dieses unbeschreibliche Erwachsensein, das sie
von allen Dingen unterschied. Nun aber, da er, die Natur auslegend, allmählich
dazu gekommen war, einen Ausdruck zu verstärken, zeigte es sich, daß er damit
auch das Verhältnis der Atmosphäre zu seinem Werke steigerte, daß sie die
zusammengefaßten Flächen bewegter, gleichsam leidenschaftlicher umgab.
Hatten seine Dinge früher im Räume gestanden, so war es jetzt, als risse er sie zu
sich her. Nur bei einzelnen Tieren auf den Kathedralen konnte man Ähnliches
beobachten. Auch an ihnen nahm die Luft in eigentümlicher Weise teil: es
schien, als würde sie Stille oder Wind, je nachdem sie über betonte oder über
leise Stellen ging. Und in der Tat, wenn Rodin die Oberfläche seiner Werke in
Höhepunkten zusammenfaßte, wenn er Erhabenes erhöhte und einer Höhlung
größere Tiefe gab, verfuhr er ähnlich mit seinem Werke, wie die Atmosphäre mit
jenen Dingen verfahren war, die ihr preisgegeben waren seit Jahrhunderten.
Auch sie hatte zusammengefaßt, vertieft und Staub abgesetzt, hatte mit Regen
und Frost, mit Sonne und Sturm diese Dinge erzogen für ein Leben, das
langsamer verging in Ragen, Dunkeln und Dauern. Schon bei den Bürgern von
Calais war Rodin auf seinem eigenen Wege zu dieser Wirkung gekommen; in ihr
lag das monumentale Prinzip seiner Kunst. Mit solchen Mitteln konnte er
weithin sichtbare Dinge schaffen, Dinge, die nicht nur von der allernächsten Luft
umgeben waren, sondern von dem ganzen Himmel. Er konnte mit einer
lebendigen Fläche, wie mit einem Spiegel, die Fernen fangen und bewegen, und
er konnte eine Gebärde, die ihm groß schien, formen und den Raum zwingen,
daran teilzunehmen.
So ist jener schmale Jüngling, der kniet und seine Arme emporwirft und zurück
in einer Geste der Anrufung ohne Grenzen. Rodin hat diese Figur Der verlorene
Sohn genannt, aber sie hat, man weiß nicht woher, auf einmal den Namen Prière.
Und sie wächst auch über diesen hinaus. Das ist nicht ein Sohn, der vor dem
Vater kniet. Diese Gebärde macht einen Gott notwendig, und in dem, der sie tut,
sind alle, die ihn brauchen. Diesem Stein gehören alle Weiten; er ist allein auf
der Welt.
Und so ist auch der Balzac. Rodin hat ihm eine Größe gegeben, die vielleicht die
Gestalt dieses Schriftstellers überragt. Er hat ihn im Grunde seines Wesens erfaßt, aber er hat an den Grenzen dieses Wesens nicht haltgemacht; um seine
äußersten und fernsten Möglichkeiten, um sein Unerreichtes hat er diesen
mächtigen Kontur gezogen, der in den Grabsteinen fernvergangener Völker
vorgebildet scheint. Jahre und Jahre hat er ganz in dieser Gestalt gelebt. Er hat
Balzacs Heimat besucht, die Landschaften der Touraine, die in seinen Büchern
immer wieder aufsteigen, er hat Briefe von ihm gelesen, er hat die Bilder
studiert, die von Balzac existieren, und er ist durch sein Werk gegangen, wieder
und wieder; auf allen den verzweigten und verschlungenen Wegen dieses Werkes
begegneten ihm die Balzacschen Menschen, ganze Familien und Generationen,
eine Welt, die immer noch an das Dasein ihres Schöpfers zu glauben, aus ihm zu
leben und ihn zu schauen schien. Er sah, daß alle diese tausend Figuren, mochten
sie tun, was sie wollten, doch ganz mit dem Einen beschäftigt waren, der sie
gemacht hatte. Und wie man vielleicht aus den vielen Mienen eines
Zuschauerraumes das Drama erraten kann, das sich auf der Bühne vollzieht, so
suchte er in allen diesen Gesichtern nach dem, der für sie noch nicht vergangen
war. Er glaubte, wie Balzac, an die Wirklichkeit dieser Welt, und es gelang ihm
eine Weile, sich ihr einzuordnen. Er lebte, als ob Balzac auch ihn geschaffen
hätte, unauffällig gemischt unter die Menge seiner Existenzen. So kam er zu den
besten Erfahrungen. Was sonst da war, schien bei weitem weniger beredt. Die
Daguerreotypien boten nur ganz allgemeine Anhaltspunkte und nichts Neues.
Man kannte dieses Gesicht, das sie darstellten, schon von der Schulzeit her. Nur
die eine, die im Besitze Stephan Mallarmes gewesen war und Balzac ohne Rock
mit Hosenträgern zeigte, war charakteristischer. Und dann mußten die
Aufzeichnungen der Zeitgenossen helfen. Théophile Gautiers Worte, die Notizen
der Goncourts und das schöne Porträt Balzacs, das Lamartine geschrieben hatte.
Außerdem war nur noch die Büste von David da in der Comédie-Française und
ein kleines Bildnis von Louis Boulanger.—Ganz vom Geiste Balzacs erfüllt,
ging Rodin mit diesen Hilfsmitteln nun daran, seine äußere Erscheinung
aufzurichten. Er benutzte lebende Modelle von ähnlichen Körperverhältnissen
und bildete in verschiedenen Stellungen sieben vollkommen ausgeführte Akte.
Es waren dicke, gedrungene Männer mit schwerfälligen Gliedern und kurzen
Armen, deren er sich bediente, und er schuf nach diesen Vorarbeiten einen
Balzac, ungefähr in der Auffassung, wie die Nadarsche Daguerreotypie ihn
überlieferte. Aber er fühlte, daß damit noch nichts Endgültiges gegeben war. Er
kehrte zu der Beschreibung Lamartines zurück. Dort stand: "Er hatte das Gesicht
eines Elementes" und: "Er besaß so viel Seele, daß sie seinen schweren Körper
trug wie nichts." Rodin fühlte, daß in diesen Sätzen ein großer Teil der Aufgabe
lag. Er kam ihrer Lösung näher, indem er allen den sieben Akten Mönchskutten
anzulegen versuchte, von der Art, wie Balzac sie bei der Arbeit zu tragen pflegte. Es entstand hierauf ein Balzac in Kapuze, viel zu intim, zu sehr
zurückgezogen in die Stille seiner Verkleidung. Aber langsam wuchs Rodins
Vision von Form zu Form. Und endlich sah er ihn. Er sah eine breite,
ausschreitende Gestalt, die an des Mantels Fall all ihre Schwere verlor. Auf den
starken Nacken stemmte sich das Haar, und in das Haar zurückgelehnt lag ein
Gesicht, schauend, im Rausche des Schauens, schäumend von Schaffen: das
Gesicht eines Elementes. Das war Balzac in der Fruchtbarkeit seines
Überflusses, der Gründer von Generationen, der Verschwender von Schicksalen.
Das war der Mann, dessen Augen keiner Dinge bedurften; wäre die Welt leer
gewesen: seine Blicke hätten sie eingerichtet. Das war der, der durch sagenhafte
Silberminen reich werden wollte und glücklich durch eine Fremde. Das war das
Schaffen selbst, das sich der Form Balzacs bediente, um zu erscheinen; des
Schaffens Überhebung, Hochmut, Taumel und Trunkenheit. Der Kopf, der
zurückgeworfen war, lebte auf dem Gipfel dieser Gestalt wie jene Kugeln, die
auf den Strahlen von Fontänen tanzen. Alle Schwere war leicht geworden, stieg
und fiel.
So hatte Rodin in einem Augenblick ungeheuerer Zusammenfassung und
tragischer Übertreibung seinen Balzac gesehen, und so machte er ihn. Die Vision
verging nicht; sie verwandelte sich.
Diese Entwickelung Rodins, welche die großen und monumentalen Dinge seines
Werkes mit Weite umgab, beschenkte auch die anderen mit einer neuen
Schönheit. Sie gab ihnen eine eigene Nähe. Es gibt unter den neueren Werken
kleine Gruppen, die durch ihre Geschlossenheit wirken und durch die wunderbar
sanfte Behandlung des Marmors. Diese Steine behalten auch mitten im Tage
jenes geheimnisvolle Schimmern, das weiße Dinge ausströmen, wenn es
dämmert. Das kommt nicht allein von der Belebtheit der Berührungsstellen her;
es zeigt sich, daß auch sonst zwischen den Figuren und zwischen ihren einzelnen
Teilen hier und da flache Steinbänder stehengeblieben sind, Stege gleichsam, die
in der Tiefe eine Form mit der anderen verbinden. Das ist kein Zufall Diese
Füllungen verhüten das Entstehen wertloser Durchblicke, die aus dem Dinge
hinausführen in leere Luft; sie bewirken, daß die Ränder der Formen, die vor
solchen Lücken immer scharf und abgeschliffen scheinen, ihre Rundung
behalten, sie sammeln das Licht wie Schalen und fließen fortwährend leise über.
Wenn Rodin das Bestreben hatte, die Luft so nahe als möglich an die Oberfläche
seiner Dinge heranzuziehen, so ist es, als hätte er hier den Stein geradezu in ihr
aufgelöst: der Marmor scheint nur der feste, fruchtbare Kern zu sein und sein
letzter leisester Kontur schwingende Luft. Das Licht, welches zu diesem Steine
kommt, verliert seinen Willen; es geht nicht über ihn hin zu anderen Dingen; es schmiegt sich ihm an, es zögert, es verweilt, es wohnt in ihm. Dieses
Verschlossenlassen unwesentlicher Durchblicke war eine Art von Annäherung
an das Relief. Und in der Tat plant Rodin ein großes Reliefwerk, bei dem alle die
Wirkungen des Lichtes, die er mit den kleinen Gruppen erreichte,
zusammengefaßt werden sollen. Er denkt daran, eine hohe Säule zu schaffen, um
die ein breites Reliefband sich aufwärts windet. Neben diesen Windungen wird
eine gedeckte Treppe hergehen, die nach außen durch Arkaden abgeschlossen
ist. In diesem Gange werden die Gestalten an den Wänden, wie in ihrer eigenen
Atmosphäre, leben; eine Plastik wird entstehen, die das Geheimnis des
Helldunkels kennt, eine Skulptur der Dämmerung, verwandt jenen Bildwerken,
die in den Vorhallen alter Kathedralen stehen.
So wird das Denkmal der Arbeit sein. Auf diesen langsam aufsteigenden Reliefs
wird eine Geschichte der Arbeit sich entwickeln. In einer Krypta wird das lange
Band beginnen, mit den Bildern derer, die in den Bergwerken altern, und es wird
sich in seinem weiten Weg durch alle Gewerbe ziehen, von den lärmenden und
bewegten zu den immer leiseren Werken, von den Hochöfen zu den Herzen, von
den Hämmern zu den Gehirnen. Am Eingang sollen zwei Gestalten aufragen:
Tag und Nacht, und auf dem Gipfel werden zwei geflügelte Genien stehen, die
Segnungen, die sich aus hellen Höhen zu diesem Turme niederließen. Denn
dieses Denkmal der Arbeit wird ein Turm sein. Nicht in einer großen Gestalt
oder Gebärde versuchte Rodin die Arbeit darzustellen; sie ist nicht das weithin
Sichtbare. Sie geht in den Werkstätten vor sich, in den Stuben, in den Köpfen; im
Dunkel.
Er weiß es, denn auch seine Arbeit ist so; und er arbeitet unaufhörlich. Sein
Leben geht wie ein einziger Arbeitstag.
Er hat mehrere Ateliers; bekanntere, in denen ihn Besuche und Briefe finden,
und andere, entlegene, von denen niemand weiß. Da sind Zellen, kable, ärmliche
Räume voll Staub und Grau. Aber ihre Armut ist wie jene große graue Armut
Gottes, in der im März die Bäume aufwachen. Etwas von einem Frühlingsanfang
ist darin: eine leise Verheißung und ein tiefer Ernst.
Vielleicht wächst in einer dieser Werkstätten eines Tages der Turm der Arbeit
auf. Jetzt, da seine Verwirklichung noch bevorsteht, mußte man von seiner
Bedeutung reden; und sie schien im Stofflichen zu liegen. Wenn dieses Denkmal
aber einmal erstanden sein wird, wird man fühlen, daß Rodin auch mit diesem
Werke nichts gewollt hat über seine Kunst hinaus. Der arbeitende Körper hat
sich ihm gezeigt, wie früher der liebende. Es war eine neue Offenbarung des
Lebens. Aber dieser Schaffende lebt so sehr unter seinen Dingen, ganz in der Tiefe seines Werkes, daß er Offenbarungen gar nicht anders empfangen kann, als