Aus dem Matrosenleben

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 19 von 25

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Aus dem Matrosenleben

Siebenzehntes Capitel. Die Landung.

S i e b e n z e h n t e s C a p i t e l .

 

Die Landung.

 

Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und die anderen lachten.

»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf d i e Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein, die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen Decimalbruch gekriegt. – Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre – da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen, und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter, Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen und was wir thun sollen.«

»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie seine nächste Umgebung zu beobachten.

Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte – der Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt, seine Durchfahrt antrat.

»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?«

Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den Rest wieder in die Mütze – dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt hatte: – »Ne – so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich – ich bin sie nicht werth und – ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. – Wenn wieder ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.«

»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig nicht abhalten. – Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen, denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?«

»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts, Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen Widersetzlichkeit – wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu meint. – Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. – Aus dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.«

»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat aber jedenfalls d e n Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande, dann können wir immer noch thun was wir wollen.«

»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem, der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen Anker aufholte.

»Was ich mache? – ich mache uns flott,« lautete die Antwort – »oder wollen wir heute hier liegen bleiben?«

»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel zu erreichen.«

»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da gedrückt wird oder nicht.«

Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen, aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen.

»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte und fest machte – »hol sie der Henker!«

»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt, daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten stören.«

Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte. Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese Quelle sicher vertrocknete.

Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich, zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande.