Aus zwei Welttheilen: Zweiter Band
Civilisation und Wildniß. Skizze aus dem amerikanischen Leben.
Civilisation und Wildniß.
Skizze aus dem amerikanischen Leben.
Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse gleiches Namens, dem roaring river oder r a u s c h e n d e n S t r o m, und etwa nur zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze des »indianischen Territoriums« entfernt, wo nördlich die Kickapoos und südlich von ihnen die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstädtchen, in früherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, jetzt aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch wieder von einem großen Theile der ersten Ansiedler verlassen.
Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Straße und darin sich gegenüber liegenden zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das des Händlers oder Krämers, und das kleinste, einfachste das einer armen Witwe, Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und zurückgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.
Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade um diese Personen wendet, so ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung des Ganzen nöthig ist und was er nun einmal überhaupt wissen muß.
Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier und Vorzügler der Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen ließ er sich durch das Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wälder in seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und geschickte Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und – fiel. Ein Häuptling der Delawaren war von ihm beleidigt worden – wenige Tage später hörte er Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine Büchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und – kehrte nie mehr zurück. Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein – wenige Minuten später überfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das jetzt unbeschützte Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht, in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden Ueberresten ihrer Hütte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges liebes Kind war verschwunden.
Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten Fingern die qualmenden Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewähren. Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald der meilenweit entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer da wohnenden Schwester. Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß sie doch nie und nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mörderhand entrissen worden, und das besonders ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit von des K i n d e s To d erhalten. Wenn sie d e r Ueberzeugung auch Raum geben mußte, ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie sich weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe, vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von anderen Farmern – Reisenden möglicher Weise – aufgenommen sei.
Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens Boonville hörte, das spätere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, nach Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nähe jener Stelle, auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen, und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfüllt werden. Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die größte Mühe gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch Alles Umsonst – der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so heiß und brünstig gesehnt.
Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte ein kühler, labender Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen Wohnungen, theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten auch von Töpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen Mosquitos zu verscheuchen, saßen hier und da die Bewohner von Boonville – die Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und die Männer im dolce far niente an Stücken Holz schnitzelnd, oder auch auf ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell müßig ausgestreckt.
Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war leer, denn Madame schaffte und arbeitete mit feuergeröthetem Angesichte vor dem geräumigen Kamine der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln und Wildpret in das Städtchen gekommen waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher und – Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen.
Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name K r i e g e r überhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig ihre Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr bloß in der einzelnen stolzen Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, von Kletten zu festem Zopfe zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd – aber ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, ließ sich wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen der ziemlich schweren, unbehülflichen Büchse unterbrochen schien – ihre Leggins waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Gürtel aus Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine Scalpirmesser und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trägen Züge der schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des Händlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.
Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen – das, was sie an Pulver nothdürftig haben m u ß t e n , ließen sie sich geben und füllten es in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich in »Uiski«, und damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des Ladens zwischen Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne weitere Vorbereitung, ihr Festmahl.
Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen tretenden Augen zu, als der Andere das gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln ließ – sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar Reihen blendend weißer Zähne wurden sichtbar – die eine Hand streckte er dabei schon wie unwillkürlich nach dem Göttertrank aus, und ein leises, gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an die Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen schien.
»Ugh!« sagte da endlich – nach langem, langem Genusse absetzend – der erste Trinker, und schaute, über das Gefäß hinüber, den Gefährten an – dessen Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf – er streckte die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder losließ, als Jener ihn erst aufs Neue füllte, und schien nun seinerseits r e i c h l i c h e und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so peinliche Folter gespannt.
So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit athemloser Angst das Abnehmen des verführerischen Giftes beobachtend, Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle in dem einen, alles andere ausschließenden Bewußtsein seiner Seligkeit vergessend.
Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit seinen beiden Händen gefaßt, den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten, etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden Augen fest auf das zechende Paar geheftet, saß der Händler Zacharias Smith und hatte, allem Anscheine nach, seine herzliche Freude über dasselbe.
So schweigsam und verdrossen die beiden Wilden aber auch im Anfange gewesen waren, so munter wurden sie jetzt, als ihnen der Feuertrank erst durch die Adern rollte und in diesen mit seinem scharfen, zuerst allerdings belebenden Geist, in ihre Köpfe stieg. Sie fingen an kleine Bruchstücke von Kriegsliedern zu singen, lobten wahrscheinlich – denn Smith verstand ihre Sprache nur sehr unvollkommen – ihre eigenen vortrefflichen und unübertroffenen Eigenschaften, und es schien überhaupt, als ob ihre tolle Lustigkeit in dem Verhältnisse stiege, wie die Fluth in der zwischen ihnen stehenden oder vielmehr immer hin und her gehenden Flasche ebbte.
»Ugh!« rief endlich der Eine, als er eben wieder seinen Becher füllen wollte und nun zu seinem Entsetzen fand, daß die Flasche, die er gerade erst gegen das Licht gehoben und welche danach wohl noch anderthalb Becher halten mußte, kaum einen guten Schluck mehr her gab – »was das? Uiski drin und kommt nicht aus.«
Er drehte, während sich der Andere neugierig und bestürzt zu ihm hinüber bog, die Flasche um und entdeckte hier zu seiner, ihm nichts weniger als angenehmen Ueberraschung die eingedrückte Höhlung.
» Wa h ! « rief er erstaunt aus – »groß Loch hier – weißer Mann hat groß Loch in Flasche – ugh – schlecht – Indianer kriegt Flasche voll – in Loch nichts.«
»Ugh – schlecht!« stimmte der Andere bei und bezeugte durch ein den Gaumenlaut begleitendes Kopfnicken, daß er ganz vollkommen derselben Meinung und eben so mit der gethanen Aeußerung einverstanden sei.
Der Händler erwiederte: »Ei, Indianer, da sieh Dir nur all die anderen Flaschen an – das L o c h ist in allen; sie halten nun einmal so ihr Maß und sind danach eingerichtet; wäre das Loch nicht, würde die ganze Flasche kleiner sein.«
»Ist nicht nöthig,« brummte der Sprecher wieder; »weißer Mann hat Felle gekriegt, ganz – blos Kugelloch drin – Kugelloch kann wieder gemacht werden – weißer Mann muß das Loch auch machen!« Und er hielt, in deutlicher Erklärung dessen, was er meinte, dem Händler die Flasche verkehrt hin, damit dieser solcher Art und gewissenhaft das Versäumte nachholen könne.
»Ha, ha, ha!« lachte der aber – »das ist eine verdammt komische Zumuthung – wie käm' ich denn dazu oben und unten einzuschenken – Ihr habt ohnedies beide gerade so viel in Euch hinein gegossen, wie Ihr bequemer Weise tragen könnt.«
»Schad nichts,« brummte der zweite Indianer und deutete dabei auf die Flasche – »Loch wieder machen!«
»Ei nun, wenn Ihr's nicht anders wollt,« lachte der Händler und sprang, nach der Flasche greifend, von dem Ladentische, »so kommt mir's auf die paar Tropfen auch nicht an – hier Kickapoo – halt denn einmal die Flasche – aber steh fest – Donnerwetter, Bursche, Dir ist ja der Trunk schon jetzt in den Kopf gestiegen, und willst noch immer mehr haben?«
»Schad nichts,« grins'te der Wilde; »sehr gut, m e h r – viel besser Wort wie w e n i g e r – w e n i g e r schlechtes Wort.«
»Also auch nicht weniger heiß – weniger Hunger – weniger D u r s t ?« lachte Smith, während er sich zum Fasse nieder bog.
»Nein, nein!« rief der Kickapoo, und seine Augen verschlangen schon jeden einzelnen Tropfen, der ihnen noch zugemessen wurde – »immer m e h r Durst – Durst viel gut – sehr viel gut!«
Das »Loch« hatte freilich nicht so viel gegeben, als die Beiden erwartet haben mochten; denn sie hielten den Inhalt, nachdem sie ihn vorher in den Becher ausgeschüttet, lange Zeit zwischen sich und schwatzten viel und eifrig in ihrer eigenen Sprache mit einander; endlich aber leerten sie ihn doch, und als der Händler hiernach unerbittlich blieb, ihnen n o c h mehr auszufüllen, holte Einer von ihnen ein kleines zusammengerolltes Päcktchen aus seiner Decke vor, das er aufwickelte und ein fein gegerbtes Otterfell zum Vorscheine brachte. Es war augenscheinlich, sie hatten dieses im Anfange nicht um Whiskey hingeben, sondern vielleicht irgend andere Bedürfnisse, vielleicht für die Squaw[11] daheim, die derlei Arbeiten auch gewöhnlich verfertigen, eintauschen wollen; die furchtbare Gier aber, die der rothe Sohn der Wälder – einmal verführt – nach dem für ihn so verderblichen Genuß des Feuerwassers nährt und hegt, ließ den Kampf, den in ihrer Brust wahrscheinlich jetzt noch das bessere Gefühl kämpfte, einen sehr kurzen sein.
[11]: Squaw, indianische Frauen.
Der Indianer warf das Fell, das der Amerikaner sorgfältig prüfte, auf den Ladentisch und verlangte im Anfange »halbe Flasche Uiski – nachher anderes« – dafür – sie wollten nur einen Theil des anvertrauten Gutes vertrinken. M i t dem Genusse stieg aber auch die Gier danach, und Becher nach Becher voll ließen sie sich von dem kopfschüttelnden und keineswegs ganz damit einverstandenen Krämer nachgießen, bis auch der letzte Cent vertrunken worden und die unersättlichen Kehlen dennoch m e h r verlangten.
»Mehr Uiski!« lallte jetzt der Eine mit stieren, glanzlosen Augen und streckte den einen Arm mit der Flasche dem Amerikaner entgegen, während er mit dem anderen den schwankenden Körper am Ladentische zu stützen suchte – »mehr Uiski – Fell ein Flasche mehr werth.«
»Ihr bekommt k e i n e n Whiskey mehr!« sagte aber, und zwar auf das bestimmteste, der Händler; denn er fürchtete nicht mit Unrecht den wilden zügellosen Geist seiner Gäste, der sich, so friedlich sie auch im nüchternen Zustande sein mochten, im trunkenen nur zu oft die Bahn brach und dann zu allem Schlimmen, fähig war – »Ihr Zwei habt mehr getrunken, als Sechsen zuträglich gewesen wäre, und es ist besser jetzt, Ihr legt Euch ein paar Stunden aufs Ohr, Euren Rausch auszuschlafen.«
»Rausch? ausschlafen?« lallte der älteste der Beiden, indem er die Flasche am Halse ergriff und in die Ecke schleuderte, daß sie in tausend Scherben zerbrach – »hahahaha! weißer Mann – mehr, Po-co-mo-con nüchtern wie junges Waschbär – weißer Mann, trunken – wackelt hin und her wie junge Birke – hahaha – mehr Uiski – Blaßgesicht – mehr Uiski – bei G o t t !«
»Ihr bekommt keinen Tropfen mehr,« sagte der Händler und deutete nach der zerschmetterten Flasche – »seid Ihr g u t e Indianer? thun das g u t e Indianer? thun das nüchterne Waschbären? Packt Eure Siebensachen zusammen, und ich will Euch nebenan in mein Waarenhaus bringen, da könnt Ihr bis zum Morgen ausschnarchen, und morgen früh sollt Ihr dann auch noch Jeder einen Becher voll auf den Weg haben – seid Ihr damit zufrieden?«
»Ja!« sagte der Aelteste, »ja, sehr gut, Becher voll, sehr gut – aber g l e i c h trinken – dam morgen, morgen anderen.«
»Du bist gescheidt – nein, schlaft nur erst aus,« lautete die Antwort.
»Go to hell!« knurrte jetzt gereizt der Jüngere – »Bleichgesicht cheats – betrügt rothen Mann – Bleichgesicht thut nichts umsonst.«
»Würde schon Uiski geben,« lallte der Andere schluckend, »wenn wüßte – hick – wenn wüßte, was ich weiß – hick!«
»Möglich!« sagte Smith lakonisch.
»Nich m ö g l i c h !« rief, durch die Ruhe des Weißen gereizt, der Indianer; »nich – hick – nich möglich, g e w i ß ! Indian weiß großes Geheimniß für weißen Mann, dam you – hick – großes Geheimniß von Konzas – hick – aber Uiski, mehr Uiski.«
» No, you d'ont!« lachte der Händler, der nicht anders glaubte, als der Wilde mache ihm hier etwas weiß, um nur noch einen Becher voll Whiskey heraus zu pressen; »Du behältst Dein Geheimniß und ich meinen Whiskey, das wird das Gescheidteste sein.«
»Dam you!« brummte der Wilde; »Ihr gebt ganz Faß voll – hick – vor Geheimniß – weißer Mann – hick – ugh – ganz zwei Faß voll – hick – weißer Mann unter Indian – ugh – sieht gut – hick – sieht gut aus – hick – großer Krieger – hick – hahahaha – wohl auch Faß voll werth – hick?«
Der Jüngere, der doch nicht so ganz trunken sein mochte, als sein älterer Gefährte, und vielleicht eine Art Ahnung hatte, wie Jener durch sein Schwatzen sie beide in Unannehmlichkeiten verwickeln könne, ergriff seinen Arm und suchte ihn fort zu ziehen; der aber stieß ihn mit mürrischem Fluche von sich.
»Dam you! – mehr U i s k i – h a i h ! « Und sein gellender Schlachtschrei tönte die ganze Straße hinab, daß die Kinder im Spielen aufhörten und die Einzelnen, die in dem mehr und mehr anbrechenden Abend noch draußen vor den Thüren weilten, überrascht die Köpfe hoben, dem unheimlichen Tone, der vielleicht bei Manchem gar trübe Erinnerungen in's Gedächtniß zurück rief, zu lauschen.
Smith war aber auch aufmerksam geworden – ein Weißer unter den Indianern a l s Indianer – denn etwas Aehnliches schien unfehlbar die wirre Rede anzudeuten – er wußte selbst nicht, woher es kam, aber fast unwillkürlich zuckte ihm der Gedanke an Mrß. Rowland durch den Kopf, und er beschloß jetzt, jedenfalls dieser Spur so rasch als möglich zu folgen.
»Hallo Indian – ist das wahr, was Du da sprichst?« redete er diesen an und trat, um den Ladentisch herum, auf ihn zu.
»Aha« – grins'te die Rothhaut – »hat Po-co-mo-con Recht? – hick – Bleichgesicht gäb ganz Faß voll – hick – für – hick – für Geschichte – hier Becher.«
Smith füllte kopfschüttelnd den Becher aus einem auf dem Ladentische stehenden Krug und schaute dabei forschend und von der Seite den Indianer an – der aber hatte des Guten schon zu viel gethan – mit gläsernen Augen und mattem Lächeln hob er das Gefäß noch einmal an die Lippen – aber er vermochte schon nicht mehr zu schlucken.
»Hick!« lallte er, und der Whiskey strömte über seine braune Brust und das blutige Hemd – »hick – weißer Mann, gut – hick – Uiski besser – hick – sehr bess – er – hick!«
Und der Becher entfiel seiner Hand – Po-co-mo-con that einen Schritt vor, um sich im Gleichgewichte zu halten, glitt auf dem nassen Boden aus und wäre, hätte ihn der Händler nicht noch gefaßt, auf die Erde niedergeschlagen. Aber an Red'-und-Antwort-stehen durfte er an diesem Abend nicht mehr denken, selbst der Jüngere schien so trunken, oder stellte sich wenigstens so, um vielleicht den Fragen zu entgehen, daß auf eine vernünftige Antwort bei allen Beiden nicht mehr zu hoffen war. Smith also that das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte – er schleppte die Bewußtlosen, da es unterdessen überhaupt fast dunkel geworden, ohne Weiteres in ein neben seiner Wohnung leer stehendes kleines Gebäude, das er zugleich mit als Waarenlager benutzte, warf sie hier auf eine Parthie Hirsch- und Bärenhäute, die in der einen Ecke ausgebreitet lagen, und verließ sie hier hinter vorsichtig verschlossener Thür, mit dem festen Entschlusse, sie am nächsten Morgen nicht eher ziehen zu lassen, bis sie auf das genaueste gebeichtet hätten, wie es mit dem Weißen unter den Indianern stand, und ob sich die Sache wirklich so verhielt, wie er jetzt noch glaubte.
Als aber der nächste Morgen kam und Smith mit dem Frühesten in der Absicht hinüberging, seine Gefangenen zu wecken, fand er zu seinem unbegrenzten Erstaunen das Nest schon leer und von den Indianern keine Spur; ja, bei näherer Untersuchung ergab sich sogar, daß sie durch eine Ecke des niederen Daches, wohin sie auf den rauhen Balken leicht gelangen konnten, ausgebrochen seien und ihm zwei vortrefflich geräucherte Hirschkeulen, für die er erst gestern per Stück einen silbernen Viertel-Dollar bezahlt, als Zehrung mitgenommen hatten. Der Verlust der Keulen schmerzte ihn aber am wenigsten; sie hatten getrunken, und er würde ihnen auch gern zu essen, ja, die Keulen vielleicht mit auf den Weg gegeben haben, wenn er nur gewußt hätte, wie es mit dem »Geheimniß« stand. Der Wunsch blieb aber Wunsch, und wenn er auch im ersten Augenblick an eine Verfolgung dachte, so gab er den Gedanken gleich wieder als unausführbar auf; denn daß die Wilden sich alle Mühe geben würden, k e i n e Fährten, wenigstens keine sichtbaren zu hinterlassen, ließ sich denken.
Was aber nun thun? Smith zerschnitzte in allem Brüten und Nachdenken ein paar Stücke Holz, die ihm bei ruhigem Blut einen ganzen Tag gehalten hätten, und kam immer noch zu keinem Resultat; denn Mrß. Rowland etwas von der gefundenen Spur zu sagen, ohne ihr eine Gewißheit geben zu können, wäre grausam gegen die arme alte Frau gewesen, die nachher in, vielleicht nicht einmal befriedigter, Hoffnung vergangen wäre. Denn ließ es sich nicht denken, daß der lügnerische Wilde doch am Ende nur ein Märchen erfunden haben konnte, um noch einen Schluck Whiskey zu erpressen? Aber der Andere, sein jüngerer Gefährte, war augenscheinlich bestürzt geworden, als der Aeltere das Thema berührte – ha – da ging ein Mann vorüber, der ihm, gerade hierin, gar nicht erwünschter hätte kommen können.
»Heda, Tom – oh, Tom!« rief er, rasch in die Thür tretend.
»Hallo, Smith, was giebt's so früh?« nickte ihm der Angerufene freundlich hinüber; »guten Morgen! schon ausgeschlafen?«
Er ging zu dem Hause hinüber und blieb in der Thür, auf seine Büchse gestützt, stehen.
Tom Fairfield war eine kräftige, edle Gestalt, ein echter Hinterwäldler, Jäger mit Leib und Seele, und nie zufriedener, als wenn er draußen in seinem Walde einer Fährte folgen oder eine Falle stellen konnte. Er schien auch jetzt wieder unterwegs, trug die Büchse in der Hand, den leichten spanischen Packsattel und Zaum auf der Schulter, um sein Pferd draußen im Busche zu suchen und zu besteigen, und hatte die wollene Decke übergeschnallt, um da zu lagern, wo ihn die Nacht gerade überraschen würde.
»Hört, Tom,« sagte aber Smith mit einem weit ernsthafteren Gesicht, als das sonst seine Sache war, und zog dabei den jungen Mann in den Laden herein – »Ihr seid doch mit Rowland's gut bekannt – nun, braucht nicht roth zu werden, mein Junge – hier, nehmt einmal einen Schluck, es ist Dogwood und Cherry Bitteres und wird Euch in dem Thaue heute Morgen gut thun – das ganze Städtchen weiß ja doch, daß Ihr Rosy auf unmenschliche Art den Hof macht.«
»Unsinn, Smith!« sagte Tom Fairfield und leerte, seine Verlegenheit zu verbergen, das dargebotene Glas auf Einen Zug.
»Bah, Mann!« rief aber dieser, »was wollt Ihr da noch läugnen? Aus bloßer Freundschaft versorgt Ihr nicht die ganze Wirthschaft mit Feuerholz, Wild und Mühlereiten für die Leute, das sollt Ihr mir nicht weiß machen.«
»Und wen hätten denn die allein stehenden Frauen ...«
»Ach, papperlapap – das sind Redensarten und thun hier auch nichts zur Sache. Rosy ist ein liebes, gutes Mädchen, und Ihr seid ein hübscher junger Kerl, ein guter Jäger und – wenn es sein muß – auch ein guter Arbeiter; was sollte Euch also hindern, selber Wirthschaft anzufangen? Doch hier ist etwas, um das ich Euch fragen will – wollt Ihr Rowland's einen großen, einen sehr großen Dienst leisten?«
»Rowland's, was ist es, sprecht!« rief Tom, augenscheinlich bestürzt über die Feierlichkeit des Mannes: »steht es in meinen Kräften?«
»Das müßt Ihr selbst beurtheilen,« sagte Smith und machte ihn nun in kurzen Worten mit dem bekannt, was er sowohl gestern Abend von den Indianern gehört, wie auch, was er selber über die Sache denke. Fairfield hörte ihm schweigend und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, er schien jedes Wort von den Lippen des Redenden zu nehmen, und nickte nur manchmal, wenn der Händler irgend etwas äußerte, das seinen Ideen begegnete, leise mit dem Kopf.
»Und Ihr glaubt, daß Mrß. Rowland's Sohn unter den Konzas lebe?« sagte er endlich, als der Händler schwieg, und sah diesen fragend an.
»Lieber Gott,« meinte Smith, »man weiß wahrhaftig nicht, w a s man glauben soll; lebt aber wirklich Einer dort a l s Indianer, und die Rede des trunkenen Schufts läßt mich das in der That vermuthen, ei, warum sollte es denn nicht eben so gut der junge Rowland, wie irgend wer anders sein können? Es käme auf die Reise an; die ist aber allerdings keine Kleinigkeit, und ein Mann, wie Ihr gerade seid, gehört dazu, ein so kühnes Wagniß auszuführen. Wie weit glaubt Ihr, daß es bis zum Stamm der Konzas ist?«
»Auf die Entfernung kommt es da nicht so an,« sagte sinnend der junge Jäger, »aber der Stamm der Konzas ist groß und weit verbreitet; die Indianer werden dabei, wenn sie es wirklich wissen, nicht so gesprächig über einen Fall sein, der sie vielleicht in gefährliche Berührungen mit ihren weißen Nachbarn bringen könnte.«
»Wie alt wäre denn der Junge jetzt?« fragte Smith.
»Fünfundzwanzig Jahre; Mrß. Rowland sprach noch gestern von ihm und sagte, sein Geburtstag sei an dem Tage gewesen; aber,« setzte er leiser hinzu, »sie dürfte keine Sylbe davon erfahren, die Angst und Erwartung würde sie tödten.«
»Das ist's ja eben, was mir so im Kopf herumgegangen,« meinte Smith, »und deßhalb war mir Euer Anblick heute so willkommen; d i e Freude aber, wenn Ihr mit ihm zurückkehrtet. ...«
Auch vor Tom's innerem Geiste schien ein derartiges Bild vorüber zu schweben, er lächelte still vor sich hin und strich sich dann mit der Hand leicht über die Stirn.
»Smith,« sagte er und bog sich zu ihm hinüber, »Ihr scheint Euch für die Leute zu interessiren, und das freut mich von Euch. Ihr wißt aber nicht, Ihr könnt das nicht gut wissen, w i e glücklich m i c h die Erfüllung dieses heißen Seelenwunsches der armen alten Frau machen würde, und schon deßhalb bin ich Euch zu unendlichem Danke verpflichtet, daß Ihr mir auch nur eine Aussicht auf die mögliche Verwirklichung dieser Hoffnung gebt. – Ich gehe zu den Konzas, und das noch in dieser Stunde!«
»Was! jetzt gleich?« rief Smith erstaunt, »das ist ja aber gar nicht möglich! Zu einer Reise von wenigstens 120 Meilen müßt Ihr Euch doch wahrhaftig mehr vorbereiten, als wenn Ihr bis an den nächsten Wasser-Cours einen Bären oder Hirsch schießen geht!«
»Weßhalb?« lachte Tom, »ob ich acht Tage hier in der Nähe oder irgend eine Strecke weiter entfernt auslagere, bleibt sich das nicht gleich? Im Walde bin ich doch, und was sollt' ich sonst zu meiner Bequemlichkeit noch mitnehmen?«
»Doch wenigstens Provisionen.«
»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und mein Kopfkissen« – er deutete dabei lachend auf den Sattel –, »und was braucht's da mehr.«
Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ sich Tom Fairfield nicht mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck und Maisbrod und etwas gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben. Eine halbe Stunde später nahm er von dem Händler herzlichen Abschied, bat ihn noch einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht gegen seine Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, daß er nämlich seiner Frau ein Geheimniß anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem kleinen Waldpfad rüstig dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden entzog.
Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den freien Platz nach dem Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden war, und die freundlich, hinter ihm über dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen eigenen Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im Zickzack über die Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich rasch in den Laden zurück, öffnete die hintere Thür und rief in die Küche hinaus:
»Mrß. Smith!«
»Sir!« lautete die Antwort.
»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinüber nach Cowley's gegangen.«
Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend auf dem Rücken gekreuzt, langsam die Straße hinunter, dem bezeichneten Hause zu.
»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden grauen Augen sichtbar. »Hm – bin zu Cowley's gegangen – das ist immer so die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die Frau geht nie zu C o w l e y ' s , die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen. Na, d a s Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist – mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden – das ist vor seinem Ende – und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. Rowland. – Oh, ich hab' es wohl gehört, mein guter Mr. Smith« – und sie wandte sich in triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt vermuthete – »Mrß. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas hören w i l l –, M r ß . R o w l a n d s p r a c h v o n i h m u n d s a g t e – und der j u n g e R o w l a n d u n t e r d e n I n d i a n e r n – und Mr. To m h i n g e s c h i c k t , i h n z u h o l e n – oho, Mr. Smith, so g a n z auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen, daß wir uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. Also haben sie den Jungen endlich gefunden – ein schöner Strick wird das geworden sein – und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer mit den ekelhaften Indianern ab – heiliger Gott, war das gestern Abend wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich ihm das erzähle. – Und ich erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte – o Gott bewahr! seiner ihm ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswörtchen, aber zu Cowley's geht er hinüber. Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, my dear Sir. D e r Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. Rowland selber hingehen sollte, mich zu erkundigen – tausend Mal hab' ich mir's gefallen lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen, ob ich mit m e i n e m Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.«
Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich wieder in ihre Küche unter, und ließ die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und standen, in unbegränztem Erstaunen über die so schöne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede allein zurück.
Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja, zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem Blute auch gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie gegen das schwere Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen sein könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche lange Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger zähmen und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland – sie war ihr das ja doch aus nachbarlichen Rücksichten schuldig – einmal freundlich zu besuchen. Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise, nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen Verhältnisse zu bekommen.
Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten, wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost nach West stürmisch hinüberjagte.
Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher, auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las.
Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren Angesicht ihrer m e h r als Mutter emporschaute – leise berührte sie ihre Hand und flüsterte:
»Soll ich weiter lesen, Mutter?«
»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone und legte schmeichelnd die abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau – »laß es, Du hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun, die ebenfalls gethan sein müssen – wie wär's denn, wenn Du einmal zu Cowley's hinüber gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf ein halb Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz zum Hause schaffte – nur ganz wenig – Tom kommt gewiß heute wieder.«
»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy schnell: »ich ging, weil wir doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für Dich zu kochen, und als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen Wagenladung voll herübergesandt und ging eben daran, es in Kaminlänge zu hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück hereingetragen; Du schliefst nur noch, Mütterchen.«
»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, »Gott vergelte es ihnen! Es ist doch bös, wenn man so ganz allein in der Welt steht – keinen Sohn – keinen Freund ....«
»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.
»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield gewesen und – doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt – wenn auch er nun – –. Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber nach ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie trüb und traurig mir gerade an dem heutigen Tage zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen Morgens – ich sehe da Alles schwärzer, als es vielleicht wirklich ist, und begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich – ich – alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle überleben mußte. O, es ist recht hart, nicht sterben zu können, weil man nicht weiß, ob man nicht doch noch das Liebste – das eigene Kind – allein zurückläßt in der Welt – es ist recht hart, nicht leben zu können, weil das arme Herz die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen, verzehrt.«
»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der Kranken und flüsterte mit leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie meine eigene Mutter.«
Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme um das blühende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.
Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und froh erschreckt und mit freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß. Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen anzupochen pflegte – und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt!
Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurück, der, einfach von innen vorgesteckt, die Thür verschloß, und öffnete rasch – ein schmerzlich erstauntes » A c h « entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mrß. Rowland wandte sich enttäuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in ihre Kissen zurück, als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade heut gewiß nicht willkommene Angesicht der Mrß. Smith auf der Schwelle sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken – die Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit löblichem Eifer herein stürmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und dann zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so ohne alle Anmeldung hereinbreche, daß aber das Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben an zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich hinüber gewollt, sich aber die Freude unmöglich habe versagen können, diese Gelegenheit, wo sie gerade in der Nähe sei – sie wohnte überhaupt kaum fünfhundert Schritte von Mrß. Rowland entfernt –, einmal zu benutzen und zu sehen, wie es der »lieben, lieben Kranken« denn eigentlich gehe.
Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bündigster Kürze; sie hoffte vielleicht dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. War das aber wirklich ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besaß. Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire, und als sie darauf ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes N e i n zur Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick länger, es sich so bequem als möglich zu machen, legte ihre Haube und den großen baumwollenen Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus der Tasche, die sie schon gestopft – oder geladen, wie Mr. Smith manchmal sagte – bei sich trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und befand sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle zurecht rückte, so wohl und vergnügt hier, wie zu Hause.
Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit so an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl zurück sank und die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith fühlte, daß sie der Kranken erst einige Ruhe wieder gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem jungen Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu rücken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht.
»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden,« sagte sie, als Rosy der Mutter die Kissen zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas abzuwehren, eingenommen hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache gleich anders.«
Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwätzigen auf.
»I nun, Miß,« fuhr Madame – dadurch, daß sich das junge Mädchen ihrer Meinung nach gar so gleichgültig stellte, etwas gereizt – fort, »Sie brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß die ganze Geschichte – bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte – von m i r erfährt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«
»Aber, beste Mrß. Smith ...«
»Aber, beste Rosy Baywood – wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn aber nun schon eigentlich verloren?«
»Verloren? also glauben auch Sie, daß er verloren ist?« rief jetzt Rosy in der Angst um den geliebten Mann – denn auf diesen mußte sie doch natürlich das Gesagte beziehen.
»Ist? g e w e s e n ist, beste Miß,« sagte Mrß. Smith lächelnd: »und das war ja noch das Glücklichste, was Sie sich hätten denken können. Aber nach so langer Zeit einen Menschen unter den entsetzlichen rothen Wilden wieder zu finden, scheint mir doch wirklich etwas erschrecklich Merkwürdiges. Was ich doch sagen wollte: wie lange ist es also her, daß ihn Mrß. Rowland verloren hat?«
»Mrß. Rowland?« wiederholte, jetzt wieder ganz irre gemacht, das junge Mädchen, und die alte Frau, ob nun durch Nennung ihres Namens aus ihrem Halbschlaf geweckt, oder schon längst vielleicht den Worten mit geschlossenen Augen lauschend, wendete leise den Kopf nach der Redenden und schaute zu ihr auf. »Mrß. Rowland? ich weiß gar nicht ...«
»Nun, eine zwanzig Jahre muß es doch gewiß sein,« fuhr die unverwüstliche Mrß. Smith, der es jetzt nur darum zu thun schien, die beiden Frauen wissen zu lassen, sie kenne die ganzen Verhältnisse genau und sei vollkommen vertraut mit denselben, ruhig fort: »ich weiß mir's noch recht gut zu erinnern, wie mein Seliger, John Rosbeard von Connecticut, der auch damals hier eine Bleimine angelegt oder gefunden hatte, davon sprach. Aber wenn sie ihn nur vorher erst abwaschen, ehe sie ihn mit herein bringen – Jesus, meine Zuversicht! so ein gemalter Mensch ist doch was Fürchterliches, wenn er blaue Backen, eine gelbe Nase, rothe Ohren und grüne Lippen hat – und die Scalpe! Denken Sie sich, Miß Baywood, wie mir einmal mein Seliger das Scalpiren beschrieb und seinen Scalp, der ihm doch noch ganz fest und gesund auf dem Kopfe saß, mir zeigte, fiel ich Ihnen wahrhaftig um wie ein Stück Holz, so ohnmächtig wurde ich – wenn sie nur nicht scalpiren wollten! das Andere ließe man sich noch immer gefallen, aber das Scalpiren ist fürchterlich.«
»Mrß. Smith!« rief da plötzlich Mrß. Rowland, von ihrem Stuhle in Angst und peinlicher Ueberraschung emporfahrend, denn der Dame Reden, die so ganz zu dem stimmten, über das sie ja den ganzen thränenlangen Tag getrauert, trieben ihr das Blut in rasender Schnelle durch die Adern und machten ihr Herz fast hörbar klopfen.
»Mutter,« bat Rosy, die bestürzt der Leidenden erregten Zustand erkannte und rasch auf sie zusprang, sie zu beruhigen, »Mutter, es ist ja nur ein Mißverständniß!«
»Gott bewahre, Mrß. Rowland,« fiel da rasch die Dame ein, »ich glaubte ja gar nicht, daß Sie es hören würden; nein, an's Scalpiren wird er nicht mehr denken, wenn er das auch früher gethan hat, denn das lassen die erschrecklichen Menschen nun einmal nicht – es sind ihre Sieges-Trophäen, wie sie's nennen –; aber Mr. Billygoat wird ihn schon lehren, was guter und echter Christen Pflicht ist – nein, es ist doch ein herrlicher Mann, dieser Mr. Billygoat.«
»Mrß. Smith,« sagte die Kranke leise, und die Hand, die Rosy zurück schob, zitterte wie in Fieberfrost, » w e r wird nicht mehr an's Scalpiren denken? w e r trägt die Farben und Abzeichen der Wilden – w e r – großer Gott, die ganze Stube dreht sich mit mir – w e r war verloren – zwanzig Jahre – und ist – und ist wieder gefunden?«
»Aber, liebe Mrß. Rowland,« lächelte gutmüthig die würdige Kaufmannsfrau, »was thun Sie denn nur gegen m i c h so geheimnißvoll? ich weiß ja die ganze Geschichte – ist denn nicht jetzt eben Tom Fairfield fort geritten, ihn zu holen? Ich weiß nur noch nicht bei welchem Stamme er ist, denn den Namen konnte ich nicht recht verstehen; wenn Sie's aber nicht wollen, will ich ja auch wahrhaftig mit keinem Menschenkinde ein Wort darüber wechseln.«
»Tom Fairfield fort, ihn zu holen – bei welchem Stamme?« wiederholte die alte Frau mit zitternder, halblauter Stimme und preßte sich die Stirn zwischen die eisigen Hände – »heiliger Gott! träume ich denn, oder bin ich wahnsinnig geworden in Kummer und Gram?«
»Nein, ist mir so eine Frau schon vorgekommen!« sagte Mrß. Smith kopfschüttelnd, aber jetzt doch auch durch die Aufregung der Kranken etwas besorgt gemacht.
Rosy schrak empor – eine Ahnung dessen, was geschehen, was vielleicht im Werke sein konnte, zuckte ihr durch den Sinn, und einen Blick auf die unglückliche alte Frau werfend, winkte sie ängstlich Mrß. Smith zu und bat sie durch Zeichen, kein Wort weiter von dem Begonnenen, was es auch sei, zu erwähnen. Aber es war zu spät: ehe des Händlers Frau verstand, was sie sollte, oder ehe sich Rosy zu ihr überbiegen konnte, sie mit Worten darum zu bitten, hob Mrß. Rowland wieder den Kopf, und ihr Auge begegnete in demselben Moment dem ängstlich und bittend auf die Schwatzhafte gerichteten Blicke der Pflegetochter. Rasch begriff sie dessen Meinung und wurde dadurch nur noch mehr in der peinlichen Gewißheit dessen bestärkt, was sie nicht einmal auszusprechen wagte, weil sie selbst dadurch schon den Zauber zu zerstören fürchtete, der ihr jetzt wie in einem süßen, wenn auch ängstlichen Traume die Sinne förmlich gefesselt hielt. Wie aber der Wahnsinnige schlau die Wachsamkeit seines Wächters zu täuschen weiß, so benutzte auch die Kranke mit fast convulsivischer Hast die Gelegenheit, der geschwätzigen Frau das Geheimniß, das für sie Tod oder Leben enthielt, abzulocken.
»Sie haben Recht, Mrß. Smith,« sagte sie und versuchte dabei, mit der Qual im Herzen, zu lächeln; »wir brauchen Ihnen nichts, gar nichts mehr zu verheimlichen.«
»Sehen Sie, beste Mrß. Rowland,« rief die Dame jetzt völlig beruhigt, in triumphirender Freude aus, »das habe ich Ihnen ja auch gleich vom Anfange an gesagt; aber mein Mann ...«
»Und Tom Fairfield – ist ausgegangen – ihn – ihn zu holen – hierher nach Boonville zu holen.«
»Liebe, beste Mutter,« bat Rosy in ihrer Herzensangst, denn sie fürchtete nicht mit Unrecht die bösen Folgen, die solche Aufregung für die Kranke haben mußte.
»Laß nur, mein Kind – laß nur,« beruhigte sie aber die Leidende, »mir ist jetzt vollkommen wohl – recht wohl, Rosy – und Tom Fairfield, Madame ...«
»Nun der kann doch wahrhaftig nicht lange mehr bleiben; aber – nicht wahr – er soll ihn mitbringen?«
»Ihn? ja – ja wohl – nicht wahr – Sie – Sie meinen doch ...«
»Nun, Ihren Sohn!«
» H a ! « schrie die alte Frau mit einem Laut, der den Beiden durch Mark und Seele schnitt – Rosy warf sich augenblicklich über die zusammenbrechende Gestalt und rief nur noch mit vorwurfsvoller Stimme: »O, Mrß. Smith, was haben Sie gemacht, Sie haben sie getödtet!« Und diese würdige Dame stand im Anfange selbst zum Tode erschrocken, denn noch begriff sie den ganzen Zusammenhang nicht, und nur der Gedanke begann allmählich in ihr zu dämmern, daß sie doch wohl am Ende einen gewaltig dummen Streich gemacht und sich selbst in eine äußerst fatale Sache hinein gearbeitet habe.
Hierin wurde sie auch bald durch Rosy's Erklärung bestätigt, und als sie erfuhr, daß sie beide die Ursache von Tom Fairfield's Abwesenheit gar nicht gewußt und über den Zweck seiner Sendung keine Ahnung gehabt, war sie außer sich. Sonst von Herzen seelengut, und gewiß die Letzte, die irgend einer ihrer Nachbarinnen – und nun noch besonders der wackeren, unglücklichen, k r a n k e n alten Frau – mit Willen weh gethan hätte, wurde ihr der Gedanke unerträglich, durch ihre Schwatzhaftigkeit, die sie jetzt gar nicht genug verwünschen konnte, solches Unheil angerichtet zu haben. Sie wich nun auch nicht von Mrß. Rowland's Seite, that alles, was in ihren Kräften stand, Rosy die Pflege zu erleichtern, und beruhigte sich nicht eher, als bis sie sah, daß sich die Ohnmächtige wieder erholt hatte und, aus Erschöpfung wahrscheinlich, in einen tiefen, gesunden Schlaf gefallen war.
Wunderbar war die Veränderung, die, nachdem sie sich wieder erholt, mit ihr vorgegangen schien. Rosy hatte schon von der Erinnerung an das Gehörte das Schlimmste befürchtet und deshalb auch mit klopfendem Herzen der Mutter Erwachen beobachtet – dem aber gerade entgegengesetzt zeigte sich die Kranke vollkommen ruhig und hatte nicht etwa das Geschehene vergessen, sondern fing selbst wieder zuerst davon an, indem sie fragte, ob Tom mit i h m noch nicht zurück gekommen sei. Rosy wollte ihr jetzt das Ganze noch ausreden und meinte, es seien ja doch nur Vermuthungen der Frau – einzelne Worte, welche sie hinter der Thür erhorcht und die wahrscheinlich etwas ganz Anderes bedeutet hätten. Mrß. Rowland bat sie aber ruhig, ihr nicht durch solche freilich gut gemeinte Reden nur weh zu thun, indem sie ihr die einzige Hoffnung zu rauben suche, an der ihr Herz jetzt noch auf dieser Welt hange und mit deren Zerstörung es ebenfalls, wie sie das recht gut fühle, zu Grunde gehen müsse. Sie war dabei so gefaßt, sprach so vernünftig über das Selige und Schmerzliche des ersten Begegnens, daß es Rosy'n, dem armen Kinde, ordentlich unheimlich vorkam und sie den Gedanken nicht los werden konnte, der Zustand der Kranken sei ein übernatürlich erregter, und ihr Körper werde jetzt nur auf kurze Zeit von dem stärkeren Geiste aufrecht gehalten.
Wie dem aber auch war, Mrß. Rowland blieb den ganzen Tag so still und gefaßt, erkundigte sich mehrere Male, ob s i e denn noch nicht gekommen seien, und ließ es sich von Rosy fest versprechen, ihr nun, da das doch nichts mehr helfen könne, auch die Ankunft der Beiden nicht zu verheimlichen – nur den Namen vermied sie zu nennen – das Wort Sohn war noch nicht über ihre Lippen gekommen.
So mochte es fünf Uhr Nachmittags geworden sein. Mrß. Smith hatte schon mehrere Male nachgefragt, wie es der Kranken gehe, und sich eben wieder, wohl zum zwanzigsten Mal, über ihr ungeschicktes Benehmen am Morgen entschuldigt, als es wieder an die Thür klopfte und Mrß. Rowland mit einem kaum unterdrückten Schrei in ihrem Stuhle emporfuhr, denn als sich die nur angelehnte Thür öffnete, trat Tom Fairfield herein, aber – allein.
Rosy erschrak ebenfalls; ehe aber sie oder Tom ein Wort sprechen konnte – streckte ihm Mrß. Rowland mit stierem, entsetztem Blick den Arm entgegen und rief mit vor innerer Bewegung kaum hörbarer Stimme: »Wo ist e r ?«
»Um Gott!« sagte Tom erschreckt und sah Rosy an, »woher weiß Ihre Mutter ...«
»Wo ist e r ? Tom, wenn Ihr mich tödten wollt, so zögert mit der Antwort.«
»Sie weiß Alles,« bestätigte Rosy unter Thränen, und Tom, der bald fand, daß es aller der von ihm für nöthig gehaltenen Vorbereitungen gar nicht mehr bedürfe, beruhigte, wenn er auch nicht begriff, durch wen sie es erfahren haben konnte, die Frau nun wenigstens vor allen Dingen in so weit, daß er ihr versicherte, er habe ihren Sohn gefunden und mitgebracht, und er sei wohl und gesund, sie aber solle sich heute Abend sammeln und vorbereiten, daß er ihr denselben morgen früh herüber bringen könne.
Davon wollte die Mutter aber nichts länger hören – »morgen? – weshalb nicht heute? – jetzt? War sie jetzt weniger gesammelt, als sie es morgen sein würde? sicherlich nicht – die lange Nacht der Erwartung würde ihre Kräfte nur abspannen, und jetzt, jetzt wollte sie den so lange Jahre beweinten Knaben sehen – nicht morgen.«
Vorstellungen halfen nichts, und da auch Tom selber fühlen mochte, wie Recht sie unter diesen Umständen habe, versprach er, ihr den Sohn in einer halben Stunde zu bringen, und bat sie nur, dann hübsch ruhig und gefaßt zu sein und sich nicht, damit ihr das nicht schade, zu sehr von ihrem mütterlichen Gefühle hinreißen zu lassen.
Indessen war Mr. Smith daheim schon emsig beschäftigt, aus dem bei ihm eingeführten Wi l d e n , der sich nach mehreren, von Mrß. Rowland schon früher und oft bezeichneten Merkmalen wirklich als der verloren gegangene Sohn herausstellte, wieder einen anständigen weißen Menschen zu machen. Vor allen Dingen wurde ihm die bunte Farbe abgewaschen, mit der er sein Angesicht noch viel mehr als die Indianer selber bestrichen hatte, um die weißere Haut nicht durchschimmern zu lassen; dann mußte er zu seinem anscheinenden Leidwesen allen Schmuck ablegen, mit dem er sich behängt – besonders alles beseitigen, was an Scalpe und andere dem ähnliche Entsetzlichkeiten erinnerte, und zuletzt noch – und er stellte sich ungeschickt genug dabei an – in »menschliche Hosen,« wie sie Smith nannte, und nicht in solch oben abgeschnittene Dinger, die gerade da aufhörten, wo anständige Hosen erst recht anfangen sollten, hineinfahren. Auch Weste und Rock, Hemd und Schuhe bekam er nun. Wenn er aber auch mit Allem so ziemlich einverstanden schien, oder es wenigstens ohne Widerstand über sich ergehen ließ, so warf er doch die letzteren augenblicklich wieder ab, weil sie ihn drückten und er die Füße darin nicht vom Boden heben konnte, und verschmähte auch auf das hartnäckigste den schönen schwarzen Seidenhut, den ihm Smith schon mit wirklichem Behagen auf das zottig dunkelbraune Haar gedrückt hatte. Jeder Ueberredung hielt er standhafte Weigerung entgegen, und es blieb zuletzt nichts übrig, als ihn mit bloßem Kopf und barfuß seiner Mutter zuzuführen.
Das Wort M u t t e r war aber auch der einzige Zauberspruch, der ihn aus seinem wilden freien Leben hierher geführt hatte in das »Dorf der Weißen« – M u t t e r , der Klang tönte ihm wie eine in der Kindheit gehörte und lang' vergessene Harmonie leise, aber mit solcher süßen Gewalt durch die Seele, daß er alle seine Herzensfibern erbeben fühlte, und nicht zurückbleiben – dem Himmelslaute folgen mußte.
Und jetzt stand er vor der Thür, die ihm die weißen Männer an seiner Seite bezeichnet, und scheu wandte er nach rechts und links den Kopf, als ob er dem Augenblick, den er mit klopfendem Herzen herbeigesehnt, nun, da er endlich erschienen, rasch und ängstlich entfliehen wolle. Krampfhaft und wie Hülfe suchend, erfaßte er den Arm Tom's, der dicht an seiner Seite ging, und er schämte sich, daß ihn das »Bleichgesicht« in solcher Aufregung sehen sollte – »Ugh – wie mich friert,« flüsterte er leise und zog sich den Rock vorn, wie er das früher mit seiner Decke gewohnt gewesen, fest über der Brust zusammen.
Und drinnen im Hause saß, mit von innerer Aufregung frisch gerötheten Wangen und lebendigen, glänzenden Augen, die Matrone und hielt der Tochter Hand fest in der ihrigen, daß diese sie jetzt, nur jetzt nicht verlasse; denn draußen hörte sie Schritte – Stimmen, und in athemloser Spannung lauschte sie den Tönen, ob sie – heiliger Gott, wie ihr das Herz pochte! – die Stimme des Kindes – des Sohnes nicht zu unterscheiden vermöge.
Und jetzt – jetzt öffnete sich die Thür, in die mit höflicher, freundlicher Verbeugung der Händler trat, und hinter ihm – Mrß. Rowland sah die freie männliche Stirn Tom Fairfield's und – an seiner Seite – einen braunen, unbedeckten Kopf – sie richtete sich in ihrem Stuhl auf – alle Schwäche der Krankheit hatte sie verlassen, stark und allein stand sie, von Niemand gehalten, von Niemand unterstützt.
»Meine gute Mrß. Rowland,« sagte Smith; aber die Mutter sah nicht den Fremden, der sich zwischen sie und ihr Kind stellte.
»Mein Sohn – mein Sohn!« rief sie, die Arme streckte sie sehnend, bittend nach den Männern aus, und jetzt – jetzt vermochte auch der Halbwilde nicht länger zu schweigen – er riß sich von Tom, der ihn noch zurückhalten wollte, los, schob den Händler bei Seite und flog mit raschem Sprung und dem leise – jubelnd gerufenen Laut: »Mutter!« in die Arme der alten Frau. Fest, fest hielt ihn diese umklammert, fest, als ob sie ihn im Leben nicht wieder loslassen wollte; aber ihre Kräfte schwanden auch in der einen Empfindung seligen Entzückens, und nur noch durch die Arme des Sohnes fühlte sie sich gestützt, gehoben.
»Mein Sohn, mein Kind!« rief sie schmeichelnd, als er sie endlich leise auf den Stuhl zurückgleiten ließ und, halb unwillkürlich, halb von ihr gezogen, vor ihr auf die Kniee niedersank – »mein liebes, liebes Kind! Und doch endlich den Verlornen wieder gefunden – doch jahrelange Sorge und Schmerzen noch belohnt bekommen, ehe das flüchtige Leben den alten schwachen Körper verließ – mein theures, theures Kind!«
John blieb lange und schweigend in ihrer Umarmung, und es war fast, als ob er sich schäme, von den »weißen« Männern so schwach und weibisch gesehen zu werden – wenigstens warf er den Blick, als er endlich den Kopf erhob, scheu im Zimmer umher – aber er war allein mit der Mutter. A l l e hatten das Zimmer verlassen, selbst Mrß. Smith, die jetzt, da ihre Voreiligkeit weiter keine bösen Folgen gehabt, wieder guten Muthes hergekommen war, dem Wiedersehen beizuwohnen; sie wurde aber, sehr wider ihren Wunsch und Willen, von Mr. Smith freundlicher als das sonst gewöhnlich geschah, unter den Arm gefaßt und zur Thür hinaus begleitet.
Mutter und Sohn blieben lange allein. Dieser hatte bald auch die letzte Scheu überwunden und saß jetzt neben der Mutter, streichelte ihre Hand und nannte sie in seinem gebrochenen Englisch mit den süßesten, sanftesten Namen, die er finden konnte.
Erst wohl nach Verlauf einer halben Stunde, und als sie sich beide vollkommen gesammelt hatten, traten die Uebrigen wieder ein, und Tom mußte jetzt vor allen Dingen erzählen, wie er den Verlorenen gefunden und ihn bewogen habe, mitzukommen. Er that das, wenn auch nur in sehr kurzen Worten und Umrissen.
Den Stamm der Konzas hatte er am vierten Tage nach seiner Abreise von Boonville schon erreicht und dort augenblicklich seine Nachforschungen begonnen, aber eine bestimmte Antwort konnte er weder von Krieger noch Häuptling erhalten – theils stellten sich alle, an die er sich wandte, als ob sie seine Sprache nicht verstehen könnten, theils läugneten sie, irgend etwas von einem Weißen in ihrer Nation zu wissen. Aber gerade dieses Läugnen bestärkte den Amerikaner nur mehr und mehr in dem Glauben, daß diese nicht die Wahrheit sprächen; denn Einige sahen ihn erstaunt an, als ob sie nicht begreifen könnten, wie er das erfahren hätte, Andere wurden verlegen und sagten, sie wüßten es nicht genau, sie glaubten, es sei einmal früher einer bei ihnen gewesen, – bis er endlich einen Halb-Indianer, einen canadischen Franzosen traf, der ihn rasch auf die richtige Spur brachte. Noch an dem nämlichen Abend führte er ihn in das Dorf, wo sich der »weiße Hirsch,« wie sie ihn nannten, aufhielt, und wenn dieser auch im Anfang gar keinen Verkehr mit dem »Bleichgesicht« haben wollte, ja, sich sogar hartnäckig weigerte, ein Wort Englisch mit ihm zu sprechen, so ließ er sich doch zuletzt wenigstens willig von dem Dorf der Weißen erzählen, und fing sogar an, aufmerksam den Worten des Fremden zu lauschen, als dieser ihm von der Mutter sagte, die daheim in Sorge und Kummer so lange Jahre sehnsüchtig seiner geharrt und auf das Wiedersehen ihres Kindes gehofft habe. Besonders und ordentlich auffällig erschütterte ihn aber Tom's Rede, als dieser – wie sich der Verwilderte immer noch nicht bewegen ließ, ihm zu folgen – endlich ausrief: »Und so will denn der weiße Hirsch, daß seine kranke alte Mutter daheim a l l e i n dem Grabe zusiecht und keinen Sohn hat, der ihren Wigwam deckt – ihr Wild jagt und das erlegte bereitet, sie zu stärken? Sollen F r e m d e ihr Grab graben, daß nicht Wolf und Aasgeier ihre Gebeine entheiligen?« – »Ugh!« hatte er da ausgerufen – »weißer Mann hat Recht – weißer Hirsch böser Sohn« – und in die Höhe sprang er, und eilte hinaus in den Wald.
Tom Fairfield war aber nicht wenig bestürzt, als der »weiße Hirsch« am nächsten Morgen verschwunden und auch nirgends aufzufinden war; Hütte bei Hütte durchforschte er nach ihm, und manch zorniges Wort, manche finstere Drohung ertrug er, wenn er vielleicht den Wigwam eines den Bleichgesichtern feindlich gesinnten Kriegers betreten hatte. Schon wollte er die Hoffnung, den Entflohenen für jetzt wieder zu finden, als ganz trostlos aufgeben und eben sein Pferd besteigen, um zu dem Nachbardorfe, wo der Canadier seinen Wigwam aufgeschlagen, zurück zu kehren, als plötzlich der Verschwundene völlig gerüstet wie zu Schlacht oder Kriegszug, auf seinem rauhhaarigen Poney angesprengt kam und sich erbot, ihn zu begleiten. Allerdings wollten sich dem jetzt Einige des Stammes widersetzen und nicht dulden, daß der, welcher einer der Ihrigen geworden, auf solche Art ihnen wieder entführt werde. Der »weiße Hirsch« schien aber nicht leicht durch irgend eine Drohung eingeschüchtert; mit kräftig trotzigen Worten wies er die Unzufriedenen zurück, und seine Kriegskeule in der Rechten, in der Linken die Büchse, und das Pferd nur mit den Schenkeln regierend, sprengte er unerschrocken durch die Schaar, die ihm auch wirklich Raum gab und keinen thätlichen Versuch machte, ihn oder seinen Begleiter zurück zu halten.
So kamen Sie nach Boonville, und John Rowland bog sich liebkosend über der Mutter Hand hinüber, als ihn diese bat und ihm das Versprechen abnahm, sie die wenigen Tage, die sie noch auf dieser Erde zu leben habe, nie – nie wieder zu verlassen.
Ein voller Monat verging so, ohne daß in Boonville irgend etwas Wichtiges vorgefallen wäre. Wenn aber auch die Matrone in dem Glück, ihr Kind wiedergefunden zu haben, die ersten Wochen wie neu geboren und Schwäche und Krankheit gänzlich zu vergessen schien, so kehrte doch bald die natürliche Erschöpfung zurück, die solcher Aufregung auch selbst bei gesundem Zustand hätte folgen müssen, und sie wurde von Tag zu Tag schwächer und hinfälliger.
Was John betraf (denn den Namen »der weiße Hirsch« hatte er gleich von Anfang an abgelegt), so fand sich der in das civilisirte Leben der »Städter« besser und leichter, als man es wohl hätte erwarten können; er trug wenigstens die Kleider, die man ihm angelegt – ja, nach einiger Zeit selbst Schuhe und einen Hut, aß mit am Tische und mit Gabel und Löffel und schien sich besonders bei seiner Mutter wohl zu fühlen, bei der er oft stundenlang, am liebsten, wenn sie schlief, neben dem Bette saß und ihr still und ernst in das bleiche Antlitz schaute. Sonst war aber kein ganz gutes Auskommen mit ihm; er war wild und herrisch, wie er das als Krieger seit seiner Mannbarkeit ja auch nicht anders gewohnt gewesen, und es jetzt nur schwer und ungern ablegen mochte.
Am besten kam noch Rosy mit ihm aus; das liebe sanfte Kind übte den größten Einfluß auf das rauhe Wesen des jungen Mannes, und wo er einmal in Kleidung, Sitte oder Sprache – wie das übrigens gar nicht selten geschah – in seine alten Gewohnheiten zurücksinken wollte, bedurfte es von Rosy nur eines Wortes, ja, oft nur eines Blickes, seinen Sinn, der in einzelnen Fällen selbst nicht unbedingt der Mutter nachgab, zu beugen.
Drei Personen lebten aber in Boonville, denen John auswich, wo er nur irgend konnte, und auf die er, im Laufe der Zeit, nach und nach selbst eine Art von Haß übertrug. Die erste war unsere gute, aber geschwätzige Mrß. Smith, die ihn von vorn herein so mit ihren Fragen und Erkundigungen gepeinigt hatte, daß er sie ordentlich fürchtete, und einmal sogar zum Entsetzen seiner Mutter, die gar nicht begriff, was ihn auf einmal anwandle, aus dem Fenster sprang, als jene zur Thür hereintrat.
Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still sitzen zu bleiben, sobald der Prediger – oder der »Medicin-Mann«[12], wie er ihn unerschütterlich nannte – seine Hand einmal auf ihn gelegt und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt – John haßte den alten Mann wie die Sünde – und vielleicht noch mehr – und durch ihn auch die Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.
[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte, Zauberer und Priester.
Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen werden mußte – und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.
Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand, da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ, und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.
Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst – in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer – noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die Stirn geboten – jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das Herannahen ihrer Auflösung.
Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle. An der Mutter hing er, ja – und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John bleiben – in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen, ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen.
Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter Mund erfuhr, auf John machte – keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals schirmen und wahren könne.
»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort schon eigentlich vorher wisse.
»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit ihm zu werden.«
»Gut – John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das Zimmer – kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen, von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.
Von dem Tage an war John wie ausgewechselt – sonst still und friedlich, wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art; hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends, wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem lauten Aufschrei in die Höhe fuhr – oder die Hühner flatterten Nachts gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.
Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an, grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete.
Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder los zu werden.
Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte; ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war, auf die aufopferndste Art das Leben.
Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach.
[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen Früchten und Beeren naschen gehen.
Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten die Rechte entgegen – der aber wandte sich knurrend ab und verschwand, sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben, lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen, und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen.
So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und unwohl fühlte – ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser Erde zugemessen – die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres Körpers zusammen gehalten.
»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, ach! trügerisches Leben zu verleihen schien – »Rosy – Tom – mir wird so wunderleicht und wohl – die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich sonst so bleiern an mein Lager bannten – ich glaube, der Tod naht – ach! dann ist es schön, zu sterben – aber – Euch lasse ich noch unvereinigt hier zurück, und mein Kind – meinen John, in Eurem Schutze – versprecht mir – versprecht mir, ihn stets – als Euren Bruder zu lieben.«
»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der Sterbenden.
»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung – »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er es jetzt schon ist – John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.«
»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?«
John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft – er schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde – jetzt konnte er sich nicht länger halten – am Bett fiel er nieder auf die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.
»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem Haupte des Sohnes – »guter – lieber John!«
»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte der Kranken – ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe Antlitz.
»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?«
Die Sterbende antwortete nicht mehr – der letzte Druck der Hände galt noch dem Kinde – der Tochter – ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.
Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene – sie hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt – John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so unendlich wohl gethan.
Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens, brachte.
So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher Procession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen Schaar.
An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja gesprochen – als der G a t t e sie leise, leise an sich zog und sie das in holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männlichen Brust barg – da glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer – aus dem Hause und über die Straße hinüber in sein eigenes kleines Gemach.
Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen, und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die schallenden Geigenklänge.
Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den Tomahawk im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum, auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich lachend und tanzend hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf a l l e n Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er unbefriedigt, das e i n e von allen denen zu erkennen das –
Ha – da trat Rosy in den Kreis – die frohe junge Frau an des G a t t e n Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Züge des jungen Weibes.
Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in ihm kämpfte.
Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewußt, dort hinüber, wo er jetzt Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser Welt war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln können – dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die Schulter.
Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen – die wollene Decke, die über seine Schultern hing, zog er fest um sich her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.
Und wohin führte sein Weg?
Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht zurückgekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther der canadische Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm – doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« – er war und blieb spurlos verschwunden.