Aus zwei Welttheilen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 6 von 22

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Aus zwei Welttheilen: Zweiter Band

Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange.«

 

E r s t e r T h e i l .

 

Erster Brief.

N e w Yo r k, den 12. März 1848.

L i e b e r T h e o d o r !

Motto: Freiheit oder Tod.

I c h b i n i n A m e r i k a – o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen könntest, mit welcher wonneathmenden Seligkeit mich d e r Gedanke durchfluthet, wenn Dir aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern könnte, die mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! – dann brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen, das schildern zu wollen, was sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefühlt sein will –

»Nenn' es dann wie Du willst – nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott – Ich habe keinen Namen dafür, Gefühl ist Alles –

Nam' ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth.«

I c h a t h m e a m e r i k a n i s c h e L u f t ! Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser Aktenmensch – Bücherwurm – Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? – Hier komme her – hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne, wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt.

Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder Herz noch Geist die Zeit.

Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten Vaterlandes endlich enthoben sind – rege Geschäftigkeit füllt die Straßen – der edle Stolz – »ich bin ein freier Mann« – spricht schon aus dem Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der Knechtschaft erinnern – kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten nicht auch noch verhungere – keine »königliche Constitution« lügt uns von Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe – »es gehören auch Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir erst heranbilden.« – Ausflüchte sind's – feige Angst vor der Krisis, die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die – der Whigparthei so fürchterlich – der demokratischen Sache im freudigen Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach »allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem Kopfe nicken und schütteln.