Briefe Schillers und Goethes an A. W. Schlegel

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 1 von 2

PDF-Seiten

Briefe Schillers und Goethes an A. W. Schlegel

Briefe Schillers an A. W. Schlegel.

B r i e f e S c h i l l e r s

 

an

 

A. W. Schlegel.

 

Aus den Jahren 1795 bis 1801.

Jena den 12. Jun. 95.

 

Sie haben durch den schönen Beitrag, den Sie in Ihrem Dante zu den Horen

gegeben, ein zu entschiedenes Verdienst um den glücklichen Fortgang dieses

Journals, als dass ich Ihnen nicht den verbindlichsten Dank dafür sagen sollte.

Ich thue dieß um so lieber, da es mich zugleich veranlaßt, Ihre schriftliche

Bekanntschaft zu machen, und Ihnen die Versicherung meiner

freundschaftlichen Achtung zu geben.

 

Ich habe schon Ihren HEn Bruder in Dresden ersuchen lassen, Ihnen zu

sagen, daß Sie uns durch Ihren ferneren Antheil an den Horen außerordentlich

verbinden würden. Senden Sie uns was Sie nur irgend zum Druck bestimmt

haben. Es wird dem Journal immer zur Zierde gereichen, und mit dem Verleger

sollen Sie gewiss auch zufrieden seyn. Ich lege hier ein Avertissement bey,

welches Sie mit dem Plan und den Grenzen des Journals bekannt machen wird.

 

Noch eine zweyte Bitte hätte ich an Sie, welche darinn besteht, einen

MusenAlmanach welchen ich nächste Michaelis Messe herausgebe, mit einigen

Beyträgen zu beschenken. Sie werden in keiner schlechten Gesellschaft darin

auftreten. Göthe, Herder, Engel, Matthisson u. s. f. werden Antheil daran

nehmen. Ich müßte Sie aber bitten mir binnen dem heutigen Datum und dem 1

August Ihre Beyträge zu senden, die directe an mich nach Jena laufen können.

 

Von Herdern, der Ihren Aufsatz über Dante sehr schäzt und bewundert habe

ich Ihnen viel schönes zu sagen.

 

Kommen Sie bald wieder in Ihr Vaterland, und leben Sie den Musen ein

Leben, das Sie im Dienst derselben so schön eröfnet haben.

 

S c h i l l e r.

 

* *

*

 

Jena den 14. Sept 95.

 

Ich habe es lange anstehen lassen, Ihnen, mein vortreflicher Freund, für Ihren

schönen Beytrag zu dem Almanach Dank zu sagen. Aber ich wollte Ihnen nicht

eher schreiben, als biß ich über das Schicksal des Almanachs selbst mehr im

reinen seyn würde, welches durch eine sonderbare Verknüpfung von Umständen eine Zeit lang ganz zweifelhaft gewesen ist. Sie haben vielleicht schon gehört,

daß der Geschäftsträger von Michaelis 1000 rthl. von demselben zu

Auszahlungen bestimmt auf der Post unterschlagen, so wie alle Briefe a n

Michaelis von hier aus, und v o n demselben zurückgehalten hat. Da sich die

Ursache dieses unbegreiflichen Stillschweigens unmöglich vermuthen liess, so

veranlaßte solches ein großes Mistrauen gegen Michaelis, welches sich auch mir

mittheilte, und mich nöthigte, die Uebergabe des Mscrpts an denselben biß zu

weiterer Aufklärung der Sache zu verschieben. Diese ist nun erfolgt, und der

Almanach wie ich höre schon unter der Presse.

 

Ihr Beytrag, der Ihr Gepräge ganz unverkennbar trägt, war mir sehr

willkommen, so wie es alles seyn wird was Sie mir senden. Erfreuen Sie mich

bald mit einem neuen Beytrage zu den Horen. Es wäre mir besonders lieb, den

letzten 3 Stücken soviel Mannichfaltigkeit als nur immer möglich ist, zu geben.

Könnten Sie nicht Musse und Bücher finden, um uns zuweilen einen kleinen

Aufsatz von historischem Innhalt zu verschaffen. Daran sind wir vorzüglich arm,

sobald etwas vorzügliches erwartet wird.

 

Was die Herausgabe Ihres ganzen Dante anbetrifft, so sollen Sie darinn

durch die Gesetze unsers Journals auf keine Weise geniert seyn. Diese gelten in

ihrer ganzen Strenge nur von solchen Aufsätzen, die für sich ein Ganzes

ausmachen, und wo freylich ein neuer Abdruck ein Nachdruck seyn würde. Ist

aber die Schrift nur theilweise in den Horen eingerückt und die größere Parthie

zurückgeblieben, so sind anderthalb Jahre ein hinlänglicher Zwischenraum.

 

Das VII. Horenstück habe ich nach Dresden für Sie gesendet. Das VIII folgt

hier.

 

Im IXten das in 14 Tagen erscheint, werden Sie viel Poesie antreffen. Der

Almanach hat mich aus meinen metaphysischen Distractionen mit neuem

Vergnügen zu derselben zurück geführt.

 

Leben Sie recht wohl, und erscheinen Sie mir bald in einem schönen Gedicht

oder in einer lieblichen Erzählung. Ganz der

 

Ihrige

 

S c h i l l e r.

 

* *

*

Jena den 5. 8br. 95.

 

Meinen Brief vom 14. Sptbr haben Sie wie ich hoffe erhalten. Ich vergaß in

demselben bey Ihnen anzufragen, ob der Roman, zu welchem die Zwey im

Almanach abgedruckten Gedichte gehören, nicht ein Beytrag für die Horen

werden könnte? Wir könnten ihn in den Monathstücken des nächsten Jahrs

vertheilen, und biß auf wenige Bogen, welche die Entwicklung betreffen, würde

er ganz in diesem Journal stehen können. Ein Jahr nach dem Abdruck des letzten

Fragments aus demselben würde er ohne Anstand besonders erscheinen können.

Haben Sie die Güte mir diese Anfrage zu beantworten.

 

Ihrem versprochenen Beytrage zu dem nächsten Stücke d. H. sehe ich mit

Verlangen entgegen.

 

Beyliegendes Neuntes Stück enthält einige Gedichte von mir, die Sie aus den

übrigen wohl herausfinden werden. Sie haben in Bürgers Academie d.

Redekünste ein so geistreiches Urtheil über meine Künstler gefällt, dass ich

einem solchen Leser und Kunstrichter Genüge zu thun lebhaft interessiert bin.

 

A u f A p o l l o s G e b u r t ist von Göthen übersetzt. H o m e r &c. hat

Herdern zum Verfasser, von dem im nächsten Stück auch eine Abhandlung über

Ossian folgt.

 

Wie gefielen Ihnen die Göthischen Elegien im VI. Stück?

 

Ich bin begierig zu erfahren, wo diesen Winter Ihr Auffenthalt seyn wird?

 

Leben Sie recht wohl und widmen mir ein freundschaftliches Andenken

 

F S c h i l l e r.

 

* *

*

 

Jena den 29. 8br. 95.

 

Ihre Briefe über Poesie haben mir, mein vortreflicher Freund, sehr viel

Vergnügen gemacht, und ich bin ungeduldig, die Fortsetzung zu lesen. Sie

scheinen mir auf einem sehr glücklichen Weg zu seyn, und schon die sorgfältige

Verbindung des subjectiven und objectiven Theils der Sprache, wird so wie Sie

sie anstellen, zu sehr fruchtbaren Resultaten in dieser Materie führen. Man könnte allenfalls wünschen, daß Sie etwas schneller zum Ziel gegangen wären;

aber ich zweifle nicht, daß Sie den kleinen Auffenthalt bey dem Allgemeinen

über die Sprache und ihren Ursprung in der Folge rechtfertigen werden. Ueber

das Ganze will ich erst urtheilen, wenn ich mehr von Ihren Gedanken übersehe.

Die Abhandlung ist sehr grazios und lebhaft geschrieben, und muss jedem, den

die mühseligen Zugänge zu dieser Materie sonst abgeschreckt haben,

willkommen seyn.

 

Ihren Auftrag an Hofr. Schütz habe ich besorgt und Sie können voraussetzen,

daß er mit Vergnügen angenommen worden ist. Sollten Ihnen aber die Arbeiten

für die L. Z. etwas von beßeren Stunden rauben, so sollte es mir ordentlich leid

thun, daß diese Zeitung eine Acquisition an Ihnen gemacht hat; denn je mehr

Zeit Sie uns widmen wollen, desto lieber wird es mir seyn. Auch Recensionen,

sobald Sie nur ein für sich bestehendes Interesse haben, vertragen sich mit

unserm Zweck.

 

Hätten Sie vielleicht Lust, den poetischen Theil der Horen in der L. Z. zu

recensieren? Es war vor kurzem davon die Rede, und es wird keinen Anstand

haben, wenn Sie es wünschen. In diesem Falle bedarf es nur einiger Worte an

mich oder noch beßer, an Hofr. Schütz; Schon die Göthischen Elegien wären

dieses Geschäftes werth. Ihre Uebersetzung des Dante müßte dann einem

anderen zur Beurtheilung gegeben werden.

 

Ihre Zufriedenheit mit den S c h a t t e n und mit N a t u r u n d S c h u l e ist

mir sehr erfreulich. Diese Gedichte zeichnen nebst noch einigen andern meinen

Uebergang von der Speculation zur Poesie. Ich hoffe aber, wenn ich nur Zeit

und Stimmung finde, nicht immer so ängstlich mehr am Ufer der Philosophie

hinsteuren zu müssen, sondern etwas weiter ins freye Meer der Erfindung zu

segeln.

 

Der MusenAlmanach ist im Drucke schon ziemlich vorgerückt, und wird

gegen Ende Novembers sicherlich erscheinen.

 

Das Stück der Berl. Monathschrift, welches den Aufsatz Ihres HE. Bruders

enthält erwarte ich jeden Tag. Ich habe ihm schon längst eine Crise in der

Schreibart gewünscht, und ich hoffe, die Zeichen derselben in diesem Aufsatz zu

finden. Der Gehalt kämpfte noch in seinen Arbeiten zu sehr mit der Form und es

fehlte an Leichtigkeit und Licht. Aber es ist sehr viel Realität in ihm, und siegt er

in diesem Kampf, so ist in ihm ein vortreflicher Schriftsteller zu erwarten.

 

Sie urtheilen von dem Voßischen Almanach günstiger, als ich biß jetzt vermag. Ich weiss schlechterdings nicht, wie ich die Härte und Undeutschheit

seiner Sprache (ich begehe selbst eine, indem ich davon spreche) bey so vieler

Trivialität, oft Plattitüde des Gedankens entschuldigen soll. Wenn es ja so

schwer ist, ein edles Gefühl, einen gehaltreichen Gedanken leicht und schön

auszudrücken, so sollte wenigstens das Gemeine angenehm klingen, und das

rauhklingende den Geist durch Gehalt entschädigen. Doch das sey unter uns

gesagt!

 

Leben Sie recht wohl. Hier das neue Stück der Horen . Das Eilfte oder

Zwölfte wird Ihre Briefe enthalten.

 

S c h i l l e r.

 

Jena den 10. Dec. 95.

 

Sie erhalten hier, mein vortreflicher Freund, das Eilfte Stück, worinn der

Anfang Ihrer Briefe abgedruckt ist. Die Fortsetzung bringe ich im ersten Stück

des neuen Jahrganges nach, da ich einen sehr bogenreichen historischen Aufsatz

im XII. Stück nicht habe abbrechen dürfen. Diese Fortsetzung hat mich sehr

interessiert und auf das Ganze noch begieriger gemacht. Das nüchterne

Anschließen an die Natur und daß Sie überal lieber eine physische

Nothwendigkeit als einen Akt der Freyheit und des Verstandes zur Quelle des

Rhythmus machen wollen, erweckt Ihren Behauptungen ein großes Vertrauen,

und wird durch eine sehr allgemeine und durchgreifende Analogie unterstützt.

Nichts desto weniger gestehe ich, daß ich Ihre Erklärungsart doch ein wenig zu

physiologisch finde, denn so gewiss ich glaube, daß man alles was der Mensch

in jener GeistesEpoche thut, und was er besonders in so verschiedenen Lagen

auf gleiche Weise thut, zugleich aus physischen Gründen deducieren muss, so

glaube ich doch daß immer zugleich auf die Wirkung seiner Selbstthätigkeit

muss Rücksicht genommen werden. Mir däucht, sobald seine Persönlichkeit sich

zu deklarieren angefangen und die Reflexion eingetreten ist, so entstehen gleich

nothwendige Foderungen aus seiner selbstständigen und moralischen Natur, und

eine von diesen scheint mir auch das Zeitmaaß in seinen Bewegungen zu seyn;

es ist das Beharrliche im Wechsel, und eben das ist der Charakter seiner

Selbstheit, die sich in dieser Erscheinung ausdrückt. Meine Idee wäre also diese,

daß man in Erklärung so früher und so allgemein und gleichförmigeintretender

Phænomene, auf den g a n z e n Menschen, also den moralischen wie den

physischen, Rücksicht nehmen sollte, und hierinn die Analogie auf seiner Seite

hat, welche lehrt, daß überal wo die Natur rein wirket, die B e d ü r f n i ß e der

Sinnlichkeit den F o d e r u n g e n der Vernünftigkeit begegnen. Dafür aber bin ich sehr, daß der Verstand als das Vermögen deutlicher Begriffe an diesem

Geschäft schlechterdings keinen Antheil hat. Es ist eine doppelte

Nothwendigkeit der physischen und moralischen Natur, aber kein Werk der

Freyheit, keine absichtliche Handlung. Der Verstand wird hier, wie auch bey der

Schönheit, übersprungen, indem die Vernunft sich, wie instinktmäßig, äußert,

und, wie bey der dichterischen Einbildungskraft, mit der Sinnlichkeit

unmittelbar verbunden wirket.

 

Von Schütz werden Sie in dieser Zeit wohl Antwort erhalten haben. Er hat

sich, und zwar sehr gegen meinen Wunsch entschloßen, die Horen selbst zu

recensieren; ein Geschäft, dem er bey der jetzigen Beschaffenheit seines Körpers

und Geistes schwerlich gewachsen ist. Da ich aber dabey interressiert bin, so

konnte und wollte ich seinen Entschluß nicht genieren.

 

Ihre Idee, Elegien von Properz für die Horen zu übersetzen, ist schon vor

langer Zeit realisiert. Ein Herr von Knebel in Weimar hat den Versuch schon seit

mehreren Jahren gemacht, und obgleich er nur Dilettant ist, mit nicht gemeinem

Glücke ausgeführt. Göthe und Herder, in deren Umgang er beständig lebt, haben

seine Muße gepflegt und gewartet, und da er selbst einen ziemlich feinen Sinn

hat, sich in eine fremde Manier hineinzustudieren, so hat er sich des Römers

ganz gut bemächtigt. Zwanzig und einige Elegien sind bereits übersetzt, von

Göthen überarbeitet, von uns allen bekritelt und der Anfang davon erscheint in

dem Ersten Horenstücke 1796.

 

Was Sie über Condorcets Schrift niederschreiben wollen, soll mir sehr

willkommen seyn. Er scheint mir ein solcher Autor, bey dem man bloß durch

das was er hätte denken und sagen sollen und nicht gesagt hat, sehr viel Ehre

einlegen kann. Diese Herren nehmen es etwas leicht, und es ist nicht schwer

kühn einherzujagen, wenn man keine große Fracht geladen hat. Uebrigens macht

diese Schrift jetzt viel Aufsehen, bey einzelnen ein gewaltiges Glück, und ein

Aufsatz der sich darauf bezieht wird begierig gelesen werden.

 

Warum können Sie nicht hier in Jena bey uns leben? Dieß sollte mir große

Freude seyn. Das Gespräch würde so manches rege machen, was eine

schriftliche Communication nicht berüht.

 

Erfreuen Sie mich sobald Sie können wieder mit einem Produkte Ihres

Geistes. Ganz der Ihrige

 

S c h i l l e r

* *

*

 

Jena 9. Jenn. 96

 

Gestern endlich, mein vortreflicher Freund bekam ich Ihre Recension zu

Gesichte, und ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie mich, insofern

entweder ich selbst oder mein Journal dabey i n t e r e s s i e r t sind, mehr als

befriedigt hat. Aber auch ohne alle diese Privatrücksichten erfreute mich die

schöne Verbindung poetischer Wärme mit kritischer Kälte, welche darinn

herrscht, und ohne welche ich keinen Kunstrichter anerkennen kann. Es ist zu

umständlich und ich bin heute auch zu sehr überhäuft, um in ein ordentliches

Detail davon einzugehen; selbst die zwey Fragen, welche Sie in Beziehung auf

mich anregten

 

1. Ob eine poetische Unternehmung wie das Reich der Schatten überhaupt

zu vertheidigen sey?

 

und

 

2. Ob der dichterische Geist den ganzen Weg strenger Wißenschaft gehen

müsse und dürfe?

 

muss ich für heute dahingestellt seyn lassen. Vielleicht antwortet Ihnen die hier

folgende Abhandlung über sentimentalische Dichter auf die zweyte dieser

Fragen. Was meine eigne Erfahrung anbetrifft, so fehlt zwar sehr viel daran, daß

ich den Weg der Wißenschaft völlig zurückgelegt hätte; aber was ich davon

zurücklegte, hat mich auf dem poetischen Wege eher gefördert als von

demselben entfernt: wenigstens muss ich dasjenige, was ich nach dieser Epoche

der Speculation und während derselben gedichtet habe, auch in poetischer

Rücksicht für beßer halten, als was ich vor derselben ausgeführt habe. Alle

poetischen Stücke aber, die Sie in dem Almanach und in den Horen von mir

lesen, sind spätere Produkte und alle erst vom Junius des vorigen Jahrs biß zum

September entstanden.

 

Ihre Erinnerungen, die Metrik in meinem und Göthens Gedichten betreffend

finde ich, in den mehresten Punkten, sehr richtig; nur in wenigen Kleinigkeiten

sind wir verschiedener Meinung. So ist der halbe Pentameter:

 

Die zwischen mir und dir

freilich kein guter Vers, aber D i e als relativum muß offenbar lang seyn. Das

Zeitwort in dem halben Pentameter:

 

Dir gilt es nicht

 

wird dadurch entschieden kurz, daß auf D i r ein doppelter Accent liegt. Es

wäre ganz unmöglich, jenes g i l t, bey gehöriger Declamation nicht merklich zu

verkürzen. Ich bin darinn völlig von Moritz Meinung, daß in unserer Sprache der

Verstandes Gehalt die Länge und Kürze bestimmt.

 

Sonst bin ich übrigens weit davon entfernt, mich meines Hexameters gegen

Ihre Critik sehr anzunehmen; denn ich selbst habe es von jeher mit der

Rigoristischen Parthey gehalten, und wenn ich dagegen excipiere, so ist es

nicht, weil ich dem Dichter das Spiel leichter sondern weil ich es dem Critiker

schwerer machen will; denn offenbar ist noch zuviel willkührliches in unsern

prosodischen Gesetzen. Leider habe ich noch keine Musse gehabt, durch eigene

Praxis zu zeigen, wie ich den deutschen Hexameter behandelt wünsche, denn

alles was Sie in dieser Versart von mir gelesen ist bloß der erste Wurf, an dem

ich, der Kürze der Zeit wegen, die Feile gar nicht versuchen konnte. Seitdem

z. B. die Elegie gedruckt ist, habe ich schon über 40 corrigenda darinn

entdeckt, den bloßen Versbau betreffend. Zu meiner Entschuldigung muss ich

jedoch anführen, daß dieses die ersten Hexameter sind, die ich in meinem

Leben gemacht, einige jugendliche Versuche in meinem sechzehnten Jahre

abgerechnet.

 

Göthe, der eben hier ist, war mir Ihrer Recension so wie überhaupt mit Ihrer

Art zu urtheilen, sehr zufrieden, nur daß auch Er sowohl gegen Ihre, als gegen

die Voßische Prosodie noch manches einzuwenden hat. Er glaubt, und muß

s e i n e r Natur nach diese Meinung haben, daß in Rücksicht auf den Versbau den

Foderungen des Moments und der Convenienz des individuellen Falles weit

mehr als einem allgemeinen Gesetz müsse nachgegeben werden.

 

Die Hofnung, welche Sie mir machen, Sie diesen Sommer nicht nur zu

sehen, sondern hier zu behalten war mir der willkommenste Theil Ihres Briefes.

Ich freue mich höchlich darauf, und da ich für eine ziemlich lange Zeit der

Speculation entsagt habe um wieder ganz in der Poesie zu leben, so werden

auch unsre Beschäftigungen einander näher berühren.

 

Mit gewöhnlichen Docenten macht die philosophische Facultät seit einiger

Zeit Schwierigkeiten, aber bey Ihnen ist von Remonstrationen nichts zu

besorgen. Ich hoffe auch, es wird sich machen lassen, Sie auf eine noch honorablere Art hier zu fixieren, besonders da man auf Schützens Gesundheit

gar nicht mehr zählen kann. Wenn Sie nur erst hier sind, so wird sich alles

geben.

 

Darf ich mir bald wieder einen Beytrag von Ihnen versprechen? Wenn Sie

ihn noch in das 2te Stück zu bringen wünschten, so müßte ich ihn in spätestens

14 Tagen erhalten. In dem Ersten Stück war kein Platz mehr übrig, darum

schrieb ich Ihnen auf Ihre Anfrage nichts zurück. Leben Sie recht wohl. Ihr

aufrichtiger

 

Freund

 

S c h i l l e r

 

Von Michaelis habe ich dato noch keinen Almanach erhalten.

 

* *

*

 

Jena 31. Jenn. 96.

 

Es ist von mir vergessen worden, Ihnen zu schreiben lieber Freund, daß die

Zahlungen unsers Horen-Verlegers von einer Jubilate Messe zur andern

festgesetzt sind. Ich sende Ihnen also hier einstweilen 20 Ldors auf Abschlag,

welche mir gerade da liegen. Auf Ostern wird sich Cotta genauer mit Ihnen

berechnen. Es versteht sich, daß Ihnen auch jetzt das Ganze, so bald Sie es

wünschen, zu Diensten steht.

 

Heute nichts mehr. Die Post geht sogleich. In 6 Tagen erhalten Sie das 1

Stück der Horen nebst Ihrem Aufsatz

 

Ihr

 

S c h.

 

Jena den 29 Febr 96

 

Ich habe Ihnen, mein theurer Freund, vom 1 Februar einen Brief, mit 20

Ldors, gesendet, von dessen Empfang Sie mir noch keine Nachricht gegeben.

Haben Sie die Güte, dieses mit umgehender Post zu thun, auch mir zu melden,

ob ich Ihnen noch mehr senden soll, oder ob Sie, welches mir freilich das liebste

wäre, es in derselben Zeit persönlich bey mir in Empfang nehmen wollen. Biß zu diesem Zeitpunkt, der hoffentlich sehr nahe ist, verspare ich alles übrige. Lassen

Sie mich in Ihrem nächsten Briefe hören, daß Sie Selbst ihm auf dem Fuße

folgen werden. Sie werden in diesem Sommer auch Voss hier finden, der mir

verspricht, mit Anfang Sommer hieher zu kommen. Auch Körner aus Dresden,

ein guter Freund Ihres HE Bruders wird Ende Aprils hier seyn und einige

Wochen bleiben.

 

Ihrem HE. Bruder sagen Sie von mir recht viel freundschaftliches, und dass

ich mit nächstem selbst an ihn schreiben würde. Viele Geschäfte und noch mehr

meine Krämpfe und Schlaflosigkeiten haben mich, so wie von so vielem andern,

auch von diesem Geschäft abgehalten.

 

Erhalte ich bald etwas neues von Ihnen für die Horen? Ich warte begierig

darauf. Ganz der Ihrige

 

S c h i l l e r

 

* *

*

 

Sehr angenehm haben Sie mich mit Ihrem Aufsatz über Shakespear und

Ihrer schönen Uebersetzung dieses Dichters überrascht. Mehr will ich Ihnen

heute nicht davon sagen, weil der Versendungstag der Horen und eine starke

Brief Expedition mir den Kopf zu sehr zerstreuen. Ich habe meine Rechte an der

Uebersetzung ein wenig überschritten, und die mittlere Scene (ja auch die

beyden andern, wenn Platz dafür ist) zum Druck in die Horen abgesandt. Da ich

aus Ihrem Briefe schloß, dass bloß der frühere Gebrauch, den Sie von dieser

Uebersetzung für den Druck zu machen willens wären, gegen den Abdruck in

den Horen sey, so trug ich um so weniger Bedenken, das dritte Stück der Horen

mit diesem interessanten Beytrag zu bereichern. Sie können, da es nur ein sehr

kleiner Theil des Ganzen ist, das ganze Schauspiel abdrucken lassen, sobald Sie

wollen. Eine vorausgeschickte Probe der neuen beßeren Uebersetzung

Shakesp. in den Horen wird selbst für Ihren Aufsatz gut seyn, denn immer ist

es gut, wenn die That dem Raisonnement vorhergeht, und der Leser, dem jene

Proben noch in frischem Gedächtniß sind, ergreift die Abhandlung mit um so

größerer Begierde.

 

Ueber die ganze Unternehmung, den Shakespear zu übersetzen werden wir

wohl mündlich am beßten sprechen können. Der Gedanke ist sehr glücklich, und der Himmel lohne es Ihnen, dass Sie uns von dem traurigen Eschenburg

befreyen wollen. Mit diesem sind Sie glimpflicher umgegangen als ers verdient,

bey seiner lächerlichen Anmassung als Critiker und Aesthetiker verdient. Man

sollte diese Erzphilister, die doch Menschen zu seyn sich einbilden, nicht so gut

traktieren. Käme es auf sie und ihre Hohlköpfe an, sie würden alles genialische

in Grundsboden zertreten und zerstören.

 

Auch Bürgers Makbeth und die übersetzten Hexengesänge haben Sie mir

zu raisonnabel behandelt. Ich halte die letztern für eine recht Bürgerische

Pfuscherey, so arg als irgend eine von ihm, und das ist nicht bloß meine Privat-

Meinung. Göthe z. B. mit dem ich erst kurz noch davon sprach, findet sie

greulich, und er hat, da er den Macbeth gern einmal in Weimar spielen lassen

wollte, schon darauf gedacht, wie er sie anders übersetzt bekommen könnte. Ich

will, wenn Sie es nicht contremandieren, wozu es binnen 14 Tagen noch Zeit

ist, jene Stelle in Ihrer Abhandlung, welche die Bürgerischen Hexengesänge

betrifft, herauslassen. Es ist mir bloß deßwegen, weil man nicht weiss, ob man

einander nicht über kurz oder lang in Rücksicht auf diesen Punkt in demselben

Journal widersprechen könnte, welches das Publicum irre machen würde.

 

Herzlich freue ich mich Sie binnen 8 Wochen hier zu sehen, wo wir dann

recht viel in die Länge und Breite miteinander durchsprechen wollen. Leben Sie

recht wohl.

 

Ganz der Ihrige

 

S c h i l l e r.

 

* *

*

 

Ich sehe nicht warum ich Sie mit dem Honorar warten lassen soll, biß Cotta

es schickt oder anweißt: daher sende ichs Ihnen lieber gleich und bitte mir bloß

die 8 Ldors für Horenbeyträge, der Cottaischen Rechnung wegen, zu quittieren.

Die Kleinigkeit darüber ist für den Almanach, wovon ich aber gegen niemand

weiter zu sprechen bitte, weil die lyrische Muse in Almanachen der Regel nach

nicht bezahlt wird, und außer Ihnen auch nur G. und H. ihre Gedichte im

Almanach bezahlt bekommen. Dieß gilt für die künftigen Jahre auch – Machen

Sie daß ich Ihnen, für den Almanach sowohl als für die Horen, künftig größere

Summen zu bezahlen habe.

1. Dec. 96

 

S c h.

 

Da Sie, wie mir HE. Gries sagte, früher von hier reisen, als Cotta

hieherkommt und die Horenrechnung für 1797. abschließt, so sende ich Ihnen

den Betrag dessen, was wir Ihnen für Ihre Gedichte zum Almanach und den

Aufsatz in den Horen zu bezahlen haben. Ich bitte um ein paar Zeilen zur

Quittung.

 

Meine Einladung zum künftigen Almanach wiederhohle ich Ihnen nicht,

denn die alte gilt für Immer.

 

Jena 7. May.

1797.

 

S c h.

 

* *

*

 

Sie erhalten hier, was ich Ihnen nach Abzug des kleinen Rests von der

Böhmischen Assignation noch zu bezahlen habe, und so wäre unsre Rechnung

geschloßen.

 

Es hat mir Vergnügen gemacht, Ihnen durch Einrückung Ihrer

Uebersetzungen aus Dante und Shakespear in die Horen zu einer Einnahme

Gelegenheit zu geben, wie man sie nicht immer haben kann, da ich aber

vernehmen muß, dass mich HE. Frid. Schlegel zu der nehmlichen Zeit, wo ich

Ihnen diesen Vortheil verschaffe, öffentlich deßwegen schilt, und der

Uebersetzungen zuviele in den Horen findet, so werden Sie mich für die

Zukunft entschuldigen.

 

Und um Sie, einmal für allemal, von einem Verhältniß frey zu machen, das

für eine offene Denkungsart und eine zarte Gesinnung nothwendig lästig seyn

muß, so lassen Sie mich überhaupt eine Verbindung abbrechen, die unter so

bewandten Umständen gar zu sonderbar ist, und mein Vertrauen zu oft schon

compromittierte.

 

Jena 31. May. 97

S c h.

 

[A. W. Schlegel]

 

A n S c h i l l e r.

 

Im höchsten Grade betroffen über Ihre unerwartete Erklärung, die einem

Verhältnisse ein Ende machen soll, welches ich zu den glücklichsten Umständen

meines hiesigen Lebens rechnete, eile ich nur wenigstens einige Zeilen zu

meiner Rechtfertigung hinzuwerfen, in der Hoffnung daß Sie mir Gelegenheit

geben werden, Ihnen jeden Zweifel über die Geradheit meines Betragens, der

Ihnen beygebracht seyn könnte, zu benehmen.

 

Da ich durchaus keine Art von Autorität über meinen Bruder besitze, keine

Macht ihn von etwas abzuhalten, was ich auch noch so sehr misbilligen möchte,

so würde ich in der That sehr unglücklich seyn, wenn ich für alle seine Schritte

(die ich überdieß erst hinterdrein erfahre wenn Sie schon öffentlich geworden

sind) verantwortlich gemacht werden sollte. Wenn mein Rath und meine

dringenden Vorstellungen etwas gefruchtet hätten, so hätte er seinen Brief über

den Almanach von 96 gar nicht drucken lassen. Daß diese Manier zu urtheilen

mit einigen spottenden Einfällen erwiedert ward, fand ich sehr natürlich und

billig, und hätte von Herzen gewünscht, daß er es dabei hätte bewenden lassen.

Er kannte den Grad meiner Anhänglichkeit an Sie, und es war also eine

ausgemachte Sache unter uns, daß er sich nie gegen mich über irgend etwas

äußerte, was mein Verhältniß zu Ihnen auf das entfernteste betraf. Ich brauche

Ihnen wohl nicht zu betheuern, daß er mir eine Beurtheilung der Horen, die auch

gegen mich mit gerichtet war, weil ich es mir zur Ehre schätze, daran bis jetzt

Theil genommen zu haben, nicht vor dem Drucke wird gezeigt haben. Noch bis

jetzt habe ich sie nicht gelesen. Die Art, wie ich letzthin über die Streitigkeit mit

Woltmann mit Ihnen sprach, muß Sie davon überzeugen. Ich weiß auch nicht

wie viel Antheil er an jener Rezension hat, vermuthe aber aus Aeußerungen von

ihm über die Woltmannsche Sache, daß er sie nicht ganz gemacht.

 

Woltmann hat hier in Jena ausgebreitet, nicht mein Bruder sondern meine

Frau habe das Urtheil über den Theoderich geschrieben. Wenn dieß Gerücht

auch zu Ihnen gekommen ist, wie ich vermuthen muß (ich hatte schon am

Sonnabend Abend die Absicht, mit Ihnen davon zu sprechen), so betheure ich

Ihnen hiermit auf meine Ehre daß es eine Unwahrheit ist, daß meine Frau weder

über den Theoderich noch sonst auch nur eine Zeile an jener Rezension

geschrieben hat. Ich bin zu Woltmann gegangen, und habe ihn über dieses unbesonnene und, da er das Urtheil für unverschämte Lüge oder Ignoranz erklärt

hat, höchst beleidigende Geschwätz sehr ernsthaft zur Rede gestellt. Er hat auch

gleich so weit zurückgezogen, daß er vorgegeben hat, er habe es nur aus

Vermuthung geäußert, weil er aus den Billetern meines Bruders vermuthe daß

dieser nicht selbst Verfasser sey, aber den ihn nahe angehenden Verfasser

vertreten wolle. Dieß ist indessen nur eine Ausflucht von ihm, und wenn er

länger hier geblieben wäre, so würde ich ihn genöthigt haben, jene Behauptung

bei Personen wo er sie bestimmt geäußert förmlich zu widerrufen.

 

Ich bin mir bewußt, ihr Vertrauen nie, auch in der geringsten Kleinigkeit

nicht gemisbraucht und nie der Dankbarkeit entgegen gehandelt zu haben, die

ich Ihnen für so viel Güte und Theilnahme an meinem Glück ewig schuldig bin.

Wenn Sie je einige Freundschaft für mich gehegt haben, so versagen Sie mir die

Bitte nicht, Ihnen bald mündlich meine gänzliche Unschuld an diesem

unglücklichen Misverhältniß darzulegen; soll es mich aber durchaus ihres

Umganges berauben, so werde ich doch nie aufhören mit der wärmsten

Verehrung und Anhänglichkeit zu seyn

 

Ihr ergebenster

 

* *

*

 

Sehr ungern, seyen Sie versichert, entschloß ich mich zu dem unangenehmen

Schritt, aber die Umstände forderten ihn längst. Ihnen mache ich keinen

Vorwurf, und ich will Ihrer Versicherung, daß Sie Sich gegen mich nichts

vorzuwerfen haben, gerne glauben, aber dadurch wird leider nichts verändert,

weil bei den großen Ursachen zum Mißvergnügen, die Ihr Herr Bruder mir

gegeben hat und noch immer zu geben fortfährt, das gegenseitige Vertrauen

zwischen Ihnen und mir nicht bestehen kann. Ein Verhältniß, das durch eine

natürliche Verbindung von Umständen unmöglich gemacht wird läßt sich mit

dem beßten Willen nicht erhalten. In meinem engen Bekanntschaftskreise muß

eine volle Sicherheit und ein unbegränztes Vertrauen seyn, und das kann, nach

dem was geschehen, in unserm Verhältniß nicht statt finden. Beßer also wir

heben es auf, es ist eine unangenehme Nothwendigkeit, der wir, beide

unschuldig wie ich hoffe, nachgeben müssen; dieß bin ich mir schuldig, da

niemand begreifen kann, wie ich zugleich der Freund Ihres Hauses und der

Gegenstand von den Insulten Ihres Bruders seyn kann.

Versichern Sie Madame Schlegel, dass ich von dem lächerlichen Gerüchte,

Sie sey die Verfaßerin von jener Recension nie Notiz genommen habe, und sie

überhaupt für zu verständig halte, als daß sie sich in solche Dinge mische.

 

S c h i l l e r.

 

* *

*

 

Ich hatte in jedem Falle darauf gerechnet, daß Sie Ihren Antheil an dem

Almanach fortsetzen würden, und Göthe hat es mir, wie er hier war, auch in

Ihrem Nahmen bestätigt. Mit der angenehmsten Erwartung sehe ich daher Ihrem

Beitrag entgegen. Es ist noch nichts am Druck angefangen und kommt

wahrscheinlich vor einem Monat nicht dazu, weil Schrift und Papier noch

erwartet werden.

 

S c h.

 

* *

*

 

An Kosegarten hab ich vor etwa 3 Wochen geschrieben, und ersuche Sie

also, wenn Sie ihm antworten, sich darauf zu beziehen und ihn von meinetwegen

zu grüßen. Die Ankündigung, welche ich eben durchlas, ist possierlich genug.

 

Gotters Geisterinsel wird mir ein sehr angenehmer Beitrag zu den Horen

seyn, und auch das andre Stück, wenn es hergestellt werden kann, nehme ich mit

Vergnügen. Wollen Sie also einstweilen um das erstere schreiben, so erweisen

Sie mir ein Gefallen. Sobald es abgedruckt ist, werde ich Cotta bitten, das

Honorar von 4 Ldor pr Bogen gleich zu bezahlen.

 

J. 3. Jul. 97

 

S c h i l l e r.

 

* *

*

 

Sie haben mir mit Ihrem Gedicht eine große Freude gemacht, der Gegenstand ist mit einer edlen Würde und einem philosophischen Schwung

behandelt, Sprache und Vers sind vortrefflich. Manche möchten das Silbenmaß

bei einem so uralten Stoffe zu modern finden. Diesen können Sie aber sehr

befriedigend antworten, daß die philosophische Behandlung des Stoffes

denselben an sich schon aus seiner Urwelt heraus in ein modernes

raisonnierendes Zeitalter versetzt. Zu Ihrer Behandlung würde der Hexameter

sich durchaus nicht geschickt haben, da er schlechterdings eine eigentliche und

nicht allegorische Ausführung des Gedankens gefodert hätte, und ich finde

daher, daß Ihr Gefühl Sie ganz richtig geleitet hat.

 

Indeßen wünschte ich, eben dieser symbolischen und allegorischen

Behandlung wegen, daß man noch weniger als geschehen ist an den alten

Prometheus erinnert würde. Dieser stiehlt das wirkliche und natürliche Feuer,

und mit diesem macht er den Menschen ein Geschenk; der Actus des

Feuerraubes durfte also von dem alten Dichter mit aller Umständlichkeit

versinnlicht werden; weil aber bey Ihrer Behandlung der symbolische Verstand

gleich aufgefodert wird, das natürliche Feuer zu verlaßen und in einer

übersinnlichen Bedeutung zu nehmen, so kommt die Imagination des Lesers

durch alle diejenigen Schilderungen ins Gedränge, die dem Feuer als Feuer

gelten. Ich würde deßwegen rathen über diesen delicaten Punkt so leis als nur

möglich ist wegzugehen. Auch würde es, däucht mir, eine beßere Wirkung thun,

wenn Sie das Feuer nicht vom Wagen selbst, sondern etwa von einer Fackel

nehmen ließen, weil die Phantasie weit eher mit einer brennenden Fackel als mit

einem lichtausstrahlenden Wagen die Idee des geistischen Feuers verknüpfen

kann, und überhaupt wird das Feuer um so kostbarer und edler, je einfacher und

sparsamer seine Quelle ist.

 

Noch wäre mein Rath, um den Leser gleich an der Fronte des Gedichts in

den rechten Standpunkt zu rücken und aller Mißdeutung vorzubeugen, daß Sie

das Gedicht: E i n e A l l e g o r i e überschrieben, denn das ist es im strengsten

Sinne und der Beurtheiler muß diesen Begriff vor Augen haben.

 

Da Sie es noch nicht überschrieben haben, so lege ich es hier bey, bitte aber,

es mir bald wieder zurückzuschicken, so wie ich auch das andere, was Sie noch

für den Almanach bestimmt haben, mit Verlangen erwarte.

 

Jena 27. Jul. 97.

 

S.

 

Der symbolische Gebrauch des Feuers verwickelt Sie in eine Schwierigkeit, die ich kaum für auflöslich halte, doch muß ich Sie darauf aufmerksam machen.

Wie das n a t ü r l i c h e Feuer dem ganzen Menschengeschlecht kann mitgetheilt

werden, indem ein Gott es einem einzelnen Menschen schenkt, das ist

begreiflich: aber um das übersinnliche Feuer d e n Menschen mitzutheilen,

müßte Prometheus es entweder allen existierenden Individuen einflößen, und

also den Actus hunderttausendfältig wiederhohlen, oder er muß einen neuen

Menschen (oder vielmehr ein neues Menschenpaar) bilden, von dem das ganze

Geschlecht entspringt und das Feuer erbt. Wo kommen aber nun die

existierenden Menschen hin, von denen eben ja die Rede war, für welche

Prometheus das Mitleid empfand, die den Gedanken in ihm veranlaßt haben? Eh

er seinen neuen Menschen bildet, ist schon ein ganzes lebendes Geschlecht da –

wohin kommt das? u. dergleichen Fragen mehr, die sich von selber aufdringen.

 

* *

*

 

Ihr Gedicht überrascht mich sehr angenehm. Es ist überaus zart und lieblich,

und eben so schön ausgedrückt als empfunden.

 

Von den Abänderungen die Herr G. mit seinem Gedicht vorgenommen, soll

Gebrauch gemacht werden. Ich werde ihn recht gerne kennen lernen. Weil ich

aber schon seit mehreren Wochen anfangs durch die entsetzliche Hitze und jetzt

durch einen Catarrh mich sehr angegriffen fühle, daß ich an nichts Interesse

nehmen mag, so will ich noch ein paar Tage abwarten und ihn dann zu mir

einladen.

 

Es wäre schön, wenn Sie noch eine Ballade in den Almanach stiften wollten

und Platz wollte ich schon finden. Ich habe ohnehin gern einen Vorwand bey mir

selbst, manche überlästige Herren, die sich im Almanach aufpakten, wieder

herauszuwerfen. Die Zudringlichkeit dieser Herren ist über alle Begriffe.

 

S.

 

* *

*

 

Ein Herr G. (vielleicht Grieß) schickt mir aus Schwarzburg ein Gedicht

Phaethon zu und schreibt mir dabey, daß er durch Ihre Vermittlung zu erfahren wünsche, ob ich es aufnehmen werde . Ich finde viel Gutes darinn und werde es

noch in den Almanach setzen, wenn ihm auch noch einige Figuranten Platz

machen müßten. Wollen Sie ihn wenn er sich an Sie gewendet hat, davon

benachrichtigen, und zugleich anfragen, ob er seinen Nahmen nicht darunter

setzen will?

 

Die Correctur senden Sie nur unmittelbar an Herrn Göpferdt.

 

S.

 

* *

*

 

Sie haben einen glücklichen Gedanken sehr glücklich ausgeführt. Das

Gedicht ergreift und erhebt, der Schluß an die Gallier besonders nimmt einen

schönen Schwung. Daß Sie die Götter selber sprechen lassen, war für die Würde

der Ausführung entscheidend; so wird alles viel bedeutender und größer, und

schon dieser Umstand allein mußte Sie gegen Ihren Concurrenten in Vortheil

setzen, der an der Klippe der bloßen Declamation zuweilen strandet. Sie

würden Sich um HE. Grieß ein Verdienst erwerben, wenn Sie ihn auf die Fehler

seiner Arbeit aufmerksam machen wollten, denn es ist damit ganz so wie Sie

sagen.

 

Ich will gerade nicht dazu rathen, daß seine Bearbeitung zugleich mit der

Ihrigen in dem Almanach abgedruckt wird, obgleich sie einen recht guten

Begriff von seinem Talent erweckt; ich kann sie aber, wenn er Lust hat, in die

Horen setzen.

 

Von den Balladen, nach denen Sie fragen, sind biß jetzt nur wenige

gedruckt, die übrigen sind gerade in der Arbeit. Hier sende ich indeß um Ihren

Wunsch einigermassen zu erfüllen, die zwey ersten Bogen, welche ein sehr

schönes Gedicht von Göthen eröfnet. Die übrigen Bogen sollen Sie auch noch

erhalten, wenn sie fertig sind.

 

S c h.

 

Der äuserste Termin für Mscrpte

zum Almanach ist zum 12ten Sept.

 

* *

*

 

Weimar 14. May. 1801.

 

Wegen meines neuen Stücks habe ich in Berlin noch keinen Schritt gethan;

da es, meinem Vertrag mit Ungern gemäß, im October gedruckt erscheint, so

wollte ich es erst vor das lesende Publicum, und dann, nach Maaßgabe der

Umstände, auf das Theater bringen. Auch hier in W. bleibt es vor der Hand

unaufgeführt, unser hiesiges Personal ist zu klein, und es müssen sich sonst noch

einige glückliche Umstände zusammenfügen.

 

Sobald das Stück aus der Presse kommt, sende ich die zum Theatergebrauch

abgekürzte Bearbeitung desselben an HE. Ifland, und werde mir, wenn man es

auf die Bühne bringen will, ausbitten, daß die Jungfrau von Orleans durch

diejenige welche die Rolle der Johanna v. Montfaucon dort spielt, besezt wird.

Ausdrücklicher kann ich mich, da ich das Berlinische Theaterpersonal gar

nicht kenne, in die Rollen-Austheilung nicht wohl mischen. Daß es meinem

Stück zum größten Vortheil gereichen würde, wenn eine Künstlerin, wie Mad.

Unzelmann, nach der allgemeinen Stimme, es ist, die Hauptrolle darinn

übernähme, ist gar keinem Zweifel unterworfen. Versichern Sie Ihr in meinem

Nahmen, daß ich mich sehr auf ihre persönliche Bekanntschaft freue und daß die

Aussicht, ihre schönen Darstellungen zu sehen, an meinem Wunsche Berlin zu

besuchen keinen geringen Antheil hat.

 

Für Mad. Fleck ist in demselben Stück eine andre Rolle, die nach dem Bilde,

das ich von Ihr habe, nothwendig ihr zufallen muß. Es ist Agnes Sorel, die der

Johanna zwar sehr untergeordnet aber doch von Bedeutung und für die

Darstellung dankbar ist.

 

Ich sehe der Erscheinung Ihres Almanachs mit Verlangen entgegen. Mein

ernstlicher Wille ist es, Ihnen den Antheil, den Sie so gütig waren an dem

meinigen zu nehmen, nach meinen Kräften zu erwiedern, doch will ich für dieses

Jahr nichts versprechen. Zu lyrischen Arbeiten gehört ein gewißer poetischer

Müßiggang, den ich jetzt nicht habe; eine größere Arbeit, die meine Gedanken

jetzt beschäftigt, läßt mir nicht Raum dazu.

 

Für Ihren Shakespear meinen besten Dank – es thut mir aber leid, daß Sie

mit U. zerfallen, und für die Unternehmung selbst kann eine Veränderung des

Verlags leicht schädlich werden.

Meine Maria Stuart und der Macbeth liegen für Sie parat und ich erwarte

nur zu hören, ob Sie noch länger in B. bleiben oder, wie man sagt, nach Jena

zurückkommen.

 

S.