Das Blubbern der Titanen in Oz

AnBi Öz, Bernd Schroeder · Kapitel 3 von 3

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Das Blubbern der Titanen in Oz

Ein Hund lief in die Küche

Ein Geschichtchen von

Bernd Schroeder

 

Welcher Esel mich auch immer geritten hat, diesen bescheuerten Entschluss zu fassen - ich könnte ihm in den Arsch treten.

„Erleben Sie die Kultur-Wochen in Bad Burtz an der Wahn“ stand in diesem dummen Flyer, der mir unaufgefordert in den Briefkasten geworfen wurde und ich Vollidiot bin wirklich darauf hereingefallen.

Ausgerechnet Bad Burtz, ein Nest in dem sich Fuchs und Hase `gute Nacht´ sagen, wählte ich zu meinem Urlaubsziel. In der Wahn konnte man nicht einmal Schwimmen. Kur-Vater Sebastian Kneipp wäre begeistert gewesen, denn zum Wassertreten reichte dieser bewegliche Tümpel bestenfalls gerade noch aus.

Ich wollte unbedingt das Stück „Nachtgebet“ sehen, denn den Regisseur Jörn Abkann kannte ich aus vergangenen Inszenierungen. Ich mochte seine unkonventionelle Art, mit der er Goethe, Shakespeare oder Kleist zu Leibe rückte. Moderne Stücke waren für ihn ein Kinderspiel und selbst an das Musiktheater traute sich der junge Theatermacher skrupellos heran. Seine „Carmen“ spielte in einem Discountmarkt an der Kasse, sein Parsifal war das Geschehen auf einer Baustelle und seine Boheme war in einem Freudenhaus angesiedelt. Mir gefiel sein manchmal respektloser Umgang mit den Stücken. Theaterbegeistert, wie ich nun einmal bin, suchte ich im begleitenden Programm der Sommerfestspiele nach einer weiteren Beschäftigung. Meine Wahl fiel auf einen VHS-Kurs „kreatives Schreiben“, der von der Stiftung „Kultursommer Wahn“ angeboten wurde. Warum auch immer habe ich schließlich gebucht und sitze nun hier in einer Schule, in der ansonsten eigentlich Ferien herrschen.

Ich kann es selbst noch nicht glauben, aber nach so viel verflossener Zeit seit meinem spärlich, aber immerhin bestandenem Abitur, sitze ich nun wieder in einem Klassenzimmer und fühle mich um mehr als Jahre zurückversetzt. Von wie vielen Jahren ich spreche, lasse ich jetzt einmal dahingestellt. Ich schaue mich um, beobachte meine Mitschüler und lächle ihnen einfach zu. Lächeln kostet nichts, wirkt erst einmal freundlich und wer mich nicht näher kennt weiß mein Lächeln von einem dümmlichen Grinsen oder einer hämischen Grimasse wohl auch nicht zu unterscheiden.

Man kann nicht gerade behaupten, dass dieser Kurs wegen Überfüllung geschlossen werden müsste. Genau 4 Menschen sitzen mit mir in demselben Raum - mich eingeschlossen - und sind wohl mehr oder weniger genauso verunsichert wie ich. Jeder Tisch hat eigentlich Platz für zwei Personen, doch dank der Übersichtlichkeit der Interessenten findet jeder einen großzügigen Raum für sich allein.

Gott sei Dank, rückt mir niemand auf die Pelle.

Die Tür öffnet sich und eine Dame tritt ein, die auf mich wirkt, als hätte ich einen Kurs für französische Grammatik gebucht. Sie ist schlank, drahtig – ich schätze sie nicht älter als 50 - und hat ihre Haare zu einem strengen Dutt gebunden.

Aua! Die ginge auch in jedem Spielfilm über die schwärzeste Zeit Deutschlands als nationalsozialistischer Blockwart durch. Sie schaut wirklich sehr streng in die Runde.

Genau wie in meinen Schulzeiten verstummen alle Gespräche, als sie sich an das Lehrerpult stellt, doch dann vollzieht sich eine wunderbare Metamorphose. Mit einem einfachen Griff löst sie ihre soldatisch straffe Frisur einfach auf und ihre wundervollen Haare fallen locker auf die Schultern. Sie beginnt zu Lächeln und die Temperatur des Raumes steigt auf ein behagliches Maß wieder an. Da soll doch niemand behaupten, dass ein freundliches Gesicht die ganze Welt verändern kann.

„Mein Name ist Bettina Bernhold-Breitenburg und ich freue mich Sie herzlich begrüßen zu dürfen.“ ,Aha´, denke ich. Eine Fachfrau für Alliterationen. Nicht nur die Eltern, sondern auch ihre eigene Wahl des Ehemannes hat sie auf den sprachlich passenden Namen angepasst. Ich bin begeistert und seufze, während ich in meinen Stuhl niedersinke.

Es folgt, was selbstverständlich folgen muss. Nachdem die Kursleiterin sich als gelernte Germanistin und freie Autorin vorgestellt hat, ist es an uns zu erklären, wer wir sind und was wir von diesem Kurs erwarten. Immerhin haben wir uns auf das „Du“ als Anrede einigen können.

Ich denke, dass sie wohl nicht sehr erfolgreich sein kann, denn obwohl ich viel und gerne lese habe ich von ihr noch nie etwas gehört. Und ob sie sich wirklich den Urlaub mit uns untalentierten Laien verbringen würde, wenn sie es nicht finanziell nötig hätte, wage ich zu bezweifeln.

Die Erste, die die Hand hebt, ist die leicht übergewichtige Frau in der ersten Reihe. Sie nennt uns ihren Künstlernamen Clarissa Clarc und ist von Beruf Hausfrau, die sich jetzt mit dem Schreiben ein 2. Standbein aufbauen möchte. Ihr Gesicht strahlt beim Reden. Sie schreibt bereits an ihrem 2. Liebesroman, der in Cornwall spielt und in dem sich ein Mädchen aus einfachen Kreisen in einen waschechten Lord verliebt.

, Nachtigall ick hör dir trapsen´, denke ich nur. Gibt es das nicht bereits? Sogar mit Fernseh-Verfilmungen, bei denen man nicht weiß was schlimmer ist, die dünne Handlung oder die kitschigen Landschaftsaufnahmen? Sie bekommt Applaus, nachdem sie sagt, dass sie von dem Kursbesuch nette Freundschaften und Inspiration wünscht.

Der Nerd neben mir ist ein recht schüchterner junger Mann. Eigentlich ist er ein wirklich hübscher Kerl, der eventuell mit einer Typenberatung viel mehr aus sich machen könnte. Zumindest die schwule Welt würde ihm hinterherlaufen.

Er ist der Nächste und erklärt, wenn auch ein wenig stockend, dass er bereits auf der Internetplattform „Lies Mix“ einige Geschichten veröffentlicht hat. Seine Welt ist die Welt der Fantasy-Romane, denn er liebt solche Spiele auf dem PC und denkt, dass er diese virtuellen Handlungen unbedingt für die Nachwelt aufheben muss. Er möchte gerne lernen, wie er aus seinen Kurzgeschichten einen richtigen Roman machen kann. Ich wünsche ihm innerlich viel Erfolg und schon springt mein Kopf Kino an. Ich frage mich, wie der Kleine wohl in Badeshorts aussehen würde. Naja, ich kann ja später noch versuchen, ihn näher kennenzulernen, obwohl er eigentlich viel zu jung für mich ist. Doch was soll´s, alt werden sie schließlich von ganz alleine.

Die Dritte in der Runde ist Claudia Schrammer. Sie ist unsere Lyrikerin in der Runde und eigentlich Bankangestellte. Sie liebt es, Gedichte zu verfassen und stellt die Frage, ob ein Gedicht wirklich nur ein literarischer Schnellimbiss sein muss. „Und ist der Reim auch noch so klein, wichtig ist, er ist fein und auch so klar und zusätzlich dann unbedingt ganz rein“, beendet sie ihre Vorstellung. Ich kann mir schon denken, was sie sich von diesem Kurs erhofft. Eine kleine Abhandlung über Rhythmus und Versmaß kann ja niemandem schaden. Dennoch klatsche auch ich mit den Händen und nicke ihr freundlich und aufmunternd zu.

Der Letzte, der sich zu erkennen geben soll, bin ich. Ich erkläre, dass ich Bernd bin, mir von dem Kurs ein wenig Auffrischung in Sachen perfekter Grammatik wünsche und im Bereich Gay Romance schreibe. Fragende Gesichter schauen mich an. Mit diesem Begriff kann hier wohl niemand etwas anfangen. „Schwule Hausfrauenromane“, sage ich, „wenn ich zum Beispiel den netten Jungen mit dem asiatischen Aussehen in der letzten Reihe ansehe, kann ich mir durchaus vorstellen, ihn mit einem gutgebauten Türsteher zu verkuppeln. Erwartungsgemäß drehen sich alle nach hinten um. Immerhin ist niemand böse, dass da selbstverständlich niemand sitzt und ich meine Klappe einfach wieder einmal nicht halten konnte. Lieber einen guten Freund verlieren, als einen schlechten Witz. War schon immer so bei mir.

Kursleiterin Bettina begreift meinen kleinen Scherz als Erste. Sie lacht und schüttelt den Kopf.

„Dann schlage ich vor, jeder von euch schreibt jetzt in der nächsten Stunde auf, was ihm durch den Kopf geht, liest uns seine Ergebnisse nach der Pause vor und wir reden dann darüber.“ Das ist ihre erste fachliche Anweisung und ich finde die Idee gar nicht so schlecht.

Dichterin Claudia ist die Einzige, die einen Schreibblock und ein Federmäppchen aus ihrer Tasche kramt. Wir anderen drei öffnen unser unterschiedlich Laptop-Taschen, fahren die PCs hoch und die Stille im Raum wird durch heftiges Klappern auf den Tastaturen durchbrochen. Claudias Kritzeln mit dem Designer-Bleistift stört uns dabei nicht.

Während der angesagten Pause, die ich mit zwei Kippen und einem Kaffee aus meinem Thermobecher bestreite, habe ich Clarissa an der Backe. Ein Date mit dem süßen Nerd kann ich mir eh aus dem Kopf schlagen. Der Kleine verzieht sich mit einem Comic unter den nächsten Baum zurück und gibt so zu verstehen, dass er wohl nicht angesprochen werden möchte. Währenddessen erklärt mit Clarissa, dass ich doch bitte unbedingt ihren ersten Roman lesen soll. Sie wäre ja so gespannt, wie ihre Vorstellung von Romantik unter Schwulen ankommen würde. Schließlich hat sie nichts gegen Homosexuelle und ihr bester Freund steht auch ausschließlich auf Männer. Gott, bin ich froh, dass sie nichts gegen Homosexuelle hat. Wäre es anders würde für mich bestimmt eine ganze Welt zusammenbrechen.

Nach der kleinen Arbeitsunterbrechung haben wir noch 15 Minuten Zeit, um unsere literarischen Ergüsse zu Ende zu bringen. Das ist für mich zu schaffen und ausgerechnet ich soll der erste sein, der seinen Text vorliest.

Mein Herz schlägt ein wenig schneller, denn ich weiß, dass ich mir hier an diesem ersten Tag bestimmt keine Freunde machen werde. Dennoch räuspere ich mich und beginne mit klarer Stimme meine Geschichte vorzulesen:

„Welcher Esel mich auch immer geritten hat, diesen bescheuerten Entschluss zu fassen - ich könnte ihm in den Arsch treten.

„Erleben Sie die Kultur-Wochen in Bad Burtz an der Wahn“ stand in diesem dummen Flyer, der mir unaufgefordert in den Briefkasten geworfen wurde und ich Vollidiot bin wirklich darauf hereingefallen.

Ausgerechnet Bad Burtz, ein Nest in dem sich Fuchs und Hase `gute Nacht´ sagen, wählte ich zu meinem Urlaubsziel. In der Wahn konnte man nicht einmal …“

 

Alles Gute zum Geburtstag, liebe Freundin ;)

Texte: AnBiÖz/Bernd Schroeder

Bildmaterialien: Pixabay Bearbeitung: Caro Sodar Lektorat: AnBiÖz/Bernd Schroeder

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 06.05.2016

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AnBi Öz, Bernd Schroeder

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