Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Freiburg. Von Jerusalem, ja.
Der zweite Köhler. Und das Weibsen, das herangetragen wird—?
Georg (auf den Burggrafen zeigend). Das ist des Herren kranke Schwester, ihr ehrlichen Leute, und begehrt-Freiburg (unterbricht ihn). Das ist jenes Schwester, du Schuft, und meine Gemahlin; todkrank, wie du siehst, von Schloßen und Hagel halb erschlagen, so daß sie kein Wort vorbringen kann: die begehrt eines Platzes in deiner Hütte, bis das Ungewitter vorüber und der Tag angebrochen ist.
Der erste Köhler. Die begehrt einen Platz in meiner Hütte?
Georg. Ja, ihr guten Köhler; bis das Gewitter vorüber ist, und wir unsre Reise fortsetzen können.
Der zweite Köhler. Mein Seel, da habt ihr Worte gesagt, die waren den Lungenodem nicht wert, womit ihr sie ausgestoßen.
Der erste Köhler. Isaak!
Freiburg. Du willst das tun?
Der zweite Köhler. Des Kaisers Hunden, ihr Herrn, wenn sie vor meiner Tür darum heulten.—Isaak! Schlingel! hörst nicht?
Junge (in der Hütte). Hei sag ich. Was gibts?
Der zweite Köhler. Das Stroh schüttle auf, Schlingel, und die Decken drüberhin; ein krank Weibsen wird kommen und Platz nehmen, in der Hütten! Hörst du?
Freiburg. Wer spricht drin?
Der erste Köhler. Ei, ein Flachskopf von zehn Jahren, der uns an die Hand geht.
Freiburg. Gut.—Tritt heran, Schauermann! hier ist ein Knebel losgegangen.
Schauermann. Wo?
Freiburg. Gleichviel!—In den Winkel mit ihr hin, dort!—Wenn der Tag anbricht, werd ich dich rufen.
(Schauermann trägt das Fräulein in die Hütte.)
Sechster Auftritt
Die Vorigen ohne Schauermann und das Fräulein.
Freiburg. Nun, Georg, alle Saiten des Jubels schlag ich an: wir haben sie; wir haben diese Kunigunde von Thurneck! So wahr ich nach meinem Vater getauft bin, nicht um den ganzen Himmel, um den meine Jugend gebetet hat, geb ich die Lust weg, die mir beschert ist, wenn der morgende Tag anbricht!—Warum kamst du nicht früher von Waldstätten herab?
Georg. Weil du mich nicht früher rufen ließest.
Freiburg. O, Georg! Du hättest sie sehen sollen, wie sie daher geritten kam, einer Fabel gleich, von den Rittern des Landes umringt, gleich einer Sonne, unter ihren Planeten! Wars nicht, als ob sie zu den Kieseln sagte, die unter ihr Funken sprühten: ihr müßt mir schmelzen, wenn ihr mich seht? Thalestris, die Königin der Amazonen, als sie herabzog vom Kaukasus, Alexander den Großen zu bitten, daß er sie küsse: sie war nicht reizender und göttlicher, als sie.
Georg. Wo fingst du sie?
Freiburg. Fünf Stunden, Georg, fünf Stunden von der Steinburg, wo ihr der Rheingraf, durch drei Tage, schallende Jubelfeste gefeiert hatte. Die Ritter, die sie begleiteten, hatten sie kaum verlassen, da werf ich ihren Vetter Isidor, der bei ihr geblieben war, in den Sand, und auf den Rappen mit ihr, und auf und davon.
Georg. Aber, Max! Max! Was hast du—?
Freiburg. Ich will dir sagen, Freund-Georg. Was bereitest du dir, mit allen diesen ungeheuren Anstalten, vor?
Freiburg. Lieber! Guter! Wunderlicher! Honig von Hybla, für diese vom Durst der Rache zu Holz vertrocknete Brust. Warum soll dies wesenlose Bild länger, einer olympischen Göttin gleich, auf dem Fußgestell prangen, die Hallen der christlichen Kirchen von uns und unsersgleichen entvölkernd? Lieber angefaßt, und auf den Schutt hinaus, das Oberste zu unterst, damit mit Augen erschaut wird, daß kein Gott in ihm wohnt.
Georg. Aber in aller Welt, sag mir, was ists, das dich mit so rasendem Haß gegen sie erfüllt?
Freiburg. O Georg! Der Mensch wirft alles, was er sein nennt, in eine Pfütze, aber kein Gefühl. Georg, ich liebte sie, und sie war dessen nicht wert. Ich liebte sie und ward verschmäht, Georg; und sie war meiner Liebe nicht wert. Ich will dir was sagen—Aber es macht mich blaß, wenn ich daran denke. Georg! Georg! Wenn die Teufel um eine Erfindung verlegen sind: so müssen sie einen Hahn fragen der sich vergebens um eine Henne gedreht hat, und hinterher sieht, daß sie, vom Aussatz zerfressen, zu seinem Spaße nicht taugt.
Georg. Du wirst keine unritterliche Rache an ihr ausüben?
Freiburg. Nein; Gott behüt mich! Keinem Knecht mut ich zu, sie an ihr zu vollziehn.—Ich bringe sie nach der Steinburg zum Rheingrafen zurück, wo ich nichts tun will, als ihr das Halstuch abnehmen: das soll meine ganze Rache sein!
Georg. Was! Das Halstuch abnehmen?
Freiburg. Ja Georg; und das Volk zusammen rufen.
Georg. Nun, und wenn das geschehn ist, da willst du—?
Freiburg. Ei, da will ich über sie philosophieren. Da will ich euch einen metaphysischen Satz über sie geben, wie Platon, und meinen Satz nachher erläutern, wie der lustige Diogenes getan. Der Mensch ist—Aber still: (Er horcht.)
Georg. Nun! der Mensch ist?-Freiburg. Der Mensch ist, nach Platon, ein zweibeinigtes ungefiedertes Tier; du weißt, wie Diogenes dies bewiesen; einen Hahn, glaub ich, rupft' er, und warf ihn unter das Volk.—Und diese Kunigunde, Freund, diese Kunigunde von Thurneck, die ist nach mir—Aber still! So wahr ich ein Mann bin: dort steigt jemand vom Pferd!
Siebenter Auftritt
Der Graf vom Strahl und Ritter Flammberg treten auf.
Nachher Gottschalk.—Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl (an die Hütte klopfend). Heda! Ihr wackern Köhlersleute!
Flammberg. Das ist eine Nacht, die Wölfe in den Klüften um ein Unterkommen anzusprechen.
Der Graf vom Strahl. Ists erlaubt, einzutreten?
Freiburg (ihm in den Weg). Erlaubt, ihr Herrn! Wer ihr auch sein mögt dort-Georg. Ihr könnt hier nicht einkehren.
Der Graf vom Strahl. Nicht? Warum nicht?
Freiburg. Weil kein Raum drin ist, weder für euch noch für uns. Meine Frau liegt darin todkrank, den einzigen Winkel der leer ist mit ihrer Bedienung erfüllend: ihr werdet sie nicht daraus vertreiben wollen.
Der Graf vom Strahl. Nein, bei meinem Eid! Viel mehr wünsche ich, daß sie sich bald darin erholen möge.—Gottschalk!
Flammberg. So müssen wir beim Gastwirt zum blauen Himmel übernachten.
Der Graf vom Strahl. Gottschalk sag ich!
Gottschalk (draußen). Hier!
Der Graf vom Strahl. Schaff die Decken her! Wir wollen uns hier ein Lager bereiten, unter den Zweigen.
(Gottschalk und der Köhlerjunge treten auf.)
Gottschalk (indem er ihnen die Decken bringt). Das weiß der Teufel, was das hier für eine Wirtschaft ist. Der Junge sagt, drinnen wäre ein geharnischter Mann, der ein Fräulein bewachte: das läge geknebelt und mit verstopftem Munde da, wie ein Kalb, das man zur Schlachtbank bringen will.
Der Graf vom Strahl. Was sagst du? Ein Fräulein? Geknebelt und mit verstopftem Munde?—Wer hat dir das gesagt?
Flammberg. Jung! Woher weißt du das?
Köhlerjunge (erschrocken). St!—Um aller Heiligen willen! Ihr Herren, was macht ihr?
Der Graf vom Strahl. Komm her.
Köhlerjunge. Ich sage: St!
Flammberg. Jung! Wer hat dir das gesagt? So sprich.
Köhlerjunge (heimlich nachdem er sich umgesehen). Habs geschaut, ihr Herren. Lag auf dem Stroh, als sie sie hineintrugen, und sprachen, sie sei krank. Kehrt ihr die Lampe zu und erschaut, daß sie gesund war, und Wangen hatt als wie unsre Lore. Und wimmert' und druckt' mir die Händ und blinzelte, und sprach so vernehmlich, wie ein kluger Hund: mach mich los, lieb Bübel, mach mich los! daß ichs mit Augen hört und mit den Fingern verstand.
Der Graf vom Strahl. Jung, du flachsköpfiger; so tus!
Flammberg. Was säumst du? Was machst du?
Der Graf vom Strahl. Bind sie los und schick sie her!
Köhlerjunge (schüchtern). St! sag ich.—Ich wollt, daß ihr zu Fischen würdet!— Da erheben sich ihrer drei schon und kommen her, und sehen, was es gibt? (Er bläst seine Laterne aus.)
Der Graf vom Strahl. Nichts, du wackrer Junge, nichts.
Flammberg. Sie haben nichts davon gehört.
Der Graf vom Strahl. Sie wechseln bloß um des Regens willen ihre Plätze.
Köhlerjunge (sieht sich um). Wollt ihr mich schützen?
Der Graf vom Strahl. Ja, so wahr ich ein Ritter bin; das will ich.
Flammberg. Darauf kannst du dich verlassen.
Köhlerjunge. Wohlan! Ich wills dem Vater sagen.—Schaut was ich tue, und ob ich in die Hütte gehe, oder nicht? (Er spricht mit den Alten, die hinten am Feuer stehen, und verliert sich nachher in die Hütte.)
Flammberg. Sind das solche Kauze? Beelzebubs-Ritter, deren Ordensmantel die Nacht ist? Eheleute, auf der Landstraße mit Stricken und Banden an einander getraut?
Der Graf vom Strahl. Krank, sagten sie!
Flammberg. Todkrank, und dankten für alle Hülfe!
Gottschalk. Nun wart! Wir wollen sie scheiden.
(Pause.)
Schauermann (in der Hütte). He! holla! Die Bestie!
Der Graf vom Strahl. Auf, Flammberg; erhebe dich!
(Sie stehen auf.)
Freiburg. Was gibts?
(Die Partei des Burggrafen erhebt sich.)
Schauermann. Ich bin angebunden,! Ich bin angebunden!
(Das Fräulein erscheint.)
Freiburg. Ihr Götter! Was erblick ich?
Achter Auftritt
Fräulein Kunigunde von Thurneck im Reisekleide, mit entfesselten Haaren.—Die Vorigen.
Kunigunde (wirft sich vor dem Grafen vom Strahl nieder). Mein Retter! Wer Ihr immer seid! Nehmt einer Vielfach geschmähten und geschändeten Jungfrau Euch an! Wenn Euer ritterlicher Eid Den Schutz der Unschuld Euch empfiehlt: hier liegt sie In Staub gestreckt, die jetzt ihn von Euch fordert!
Freiburg. Reißt sie hinweg, ihr Männer!
Georg (ihn zurückhaltend). Max! hör mich an.
Freiburg. Reißt sie hinweg, sag ich; laßt sie nicht reden!
Der Graf vom Strahl. Halt dort ihr Herrn! Was wollt ihr!
Freiburg. Was wir wollen? Mein Weib will ich, zum Henker!—Auf! ergreift sie!
Kunigunde. Dein Weib? Du Lügnerherz!
Der Graf vom Strahl (streng). Berühr sie nicht! Wenn du von dieser Dame was verlangst, So sagst dus mir! Denn mir gehört sie jetzt, Weil sie sich meinem Schutze anvertraut. (Er erhebt sie.)
Freiburg. Wer bist du, Übermütiger, daß du Dich zwischen zwei Vermählte drängst? Wer gibt Das Recht dir, mir die Gattin zu verweigern?
Kunigunde. Die Gattin? Bösewicht! Das bin ich nicht!
Der Graf vom Strahl. Und wer bist du, Nichtswürdiger, daß du Sie deine Gattin sagst, verfluchter Bube, Daß du sie dein nennst, geiler Mädchenräuber, Die Jungfrau, dir vom Teufel in der Hölle, Mit Knebeln und mit Banden angetraut?
Freiburg. Wie? Was? Wer?
Georg. Max, ich bitte dich.
Der Graf vom Strahl. Wer bist du?
Freiburg. Ihr Herrn, ihr irrt euch sehr-Der Graf vom Strahl. Wer bist du, frag ich?
Freiburg. Ihr Herren, wenn ihr glaubt, daß ich-Der Graf vom Strahl. Schafft Licht her!
Freiburg. Dies Weib hier, das ich mitgebracht, das ist-Der Graf vom Strahl. Ich sage Licht herbeigeschafft!
(Gottschalk und die Köhler kommen mit Fackeln und Feuerhaken.)
Freiburg. Ich bin-Georg (heimlich). Ein Rasender bist du! Fort! Gleich hinweg! Willst du auf ewig nicht dein Wappen schänden.
Der Graf vom Strahl. So, meine wackern Köhler; leuchtet mir!
(Freiburg schließt sein Visier.)
Der Graf vom Strahl. Wer bist du jetzt, frag ich? Öffn' das Visier.
Freiburg. Ihr Herrn, ich bin-Der Graf vom Strahl. Öffn' das Visier.
Freiburg. Ihr hört.
Der Graf vom Strahl. Meinst du, leichtfertger Bube, ungestraft Die Antwort mir zu weigern, wie ich dir?
(Er reißt ihm den Helm vom Haupt, der Burggraf taumelt.)
Schauermann. Schmeißt den Verwegenen doch gleich zu Boden!
Wetzlaf. Auf! Zieht!
Freiburg. Du Rasender, welch eine Tat!
(Er erhebt sich, zieht und haut nach dem Grafen; der weicht aus.)
Der Graf vom Strahl. Du wehrst dich mir, du Afterbräutigam?
(Er haut ihn nieder.) So fahr zur Hölle hin, woher du kamst, Und feire deine Flitterwochen drin!
Wetzlaf. Entsetzen! Schaut! Er stürzt, er wankt, er fällt!
Flammberg (dringt vor). Auf jetzt, ihr Freunde!
Schauermann. Fort! Entflieht!
Flammberg. Schlagt drein! Jagt das Gesindel völlig in die Flucht!
(Die Burggräflichen entweichen; niemand bleibt als Georg, der über den Burggrafen beschäftigt ist.)
Der Graf vom Strahl (zum Burggrafen). Freiburg! Was seh ich? Ihr allmächtgen Götter! Du bists?
Kunigunde (unterdrückt). Der undankbare Höllenfuchs!
Der Graf vom Strahl. Was galt dir diese Jungfrau, du Unsel'ger? Was wolltest du mit ihr?
Georg.—Er kann nicht reden. Blut füllt, vom Scheitel quellend, ihm den Mund.
Kunigunde. Laßt ihn ersticken drin!
Der Graf vom Strahl. Ein Traum erscheint mirs! Ein Mensch wie der, so wacker sonst, und gut. - Kommt ihm zu Hülf, ihr Leute!
Flammberg. Auf! Greift an! Und tragt ihn dort in jener Hütte Raum.
Kunigunde. Ins Grab! Die Schaufeln her! Er sei gewesen!
Der Graf vom Strahl. Beruhigt Euch!—Wie er darnieder liegt, Wird er auch unbeerdigt Euch nicht schaden.
Kunigunde. Ich bitt um Wasser!
Der Graf vom Strahl. Fühlt Ihr Euch nicht wohl?
Kunigunde. Nichts, nichts—Es ist—Wer hilft?—Ist hier kein Sitz? -Weh mir! (Sie wankt.)
Der Graf vom Strahl. Ihr Himmlischen! He! Gottschalk! hilf!
Gottschalk. Die Fackeln her!
Kunigunde. Laßt, laßt!
Der Graf vom Strahl (hat sie auf einen Sitz geführt). Es geht vorüber?
Kunigunde. Das Licht kehrt meinen trüben Augen wieder.-Der Graf vom Strahl. Was wars, das so urplötzlich Euch ergriff?
Kunigunde. Ach, mein großmütger Retter und Befreier, Wie nenn ich das? Welch ein entsetzensvoller, Unmenschlicher Frevel war mir zugedacht? Denk ich, was ohne Euch, vielleicht schon jetzt, Mir widerfuhr, hebt sich mein Haar empor, Und meiner Glieder jegliches erstarrt.
Der Graf vom Strahl. Wer seid Ihr? Sprecht! Was ist Euch widerfahren?
Kunigunde. O Seligkeit, Euch dies jetzt zu entdecken! Die Tat, die Euer Arm vollbracht, ist keiner Unwürdigen geschehen; Kunigunde, Freifrau von Thurneck, bin ich, daß Ihrs wißt; Das süße Leben, das Ihr mir erhieltet, Wird, außer mir, in Thurneck, dankbar noch Ein ganz Geschlecht Euch von Verwandten lohnen.
Der Graf vom Strahl. Ihr seid?—Es ist nicht möglich? Kunigunde Von Thurneck?-Kunigunde. Ja, so sagt ich! Was erstaunt Ihr?
Der Graf vom Strahl (steht auf). Nun denn, bei meinem Eid, es tut mir leid, So kamt Ihr aus dem Regen in die Traufe: Denn ich bin Friedrich Wetter Graf vom Strahl!
Kunigunde. Was! Euer Name?—Der Name meines Retters?-Der Graf vom Strahl. Ist Friedrich Strahl, Ihr hörts. Es tut mir leid, Daß ich Euch keinen bessern nennen kann.
Kunigunde (steht auf). Ihr Himmlischen! Wie prüft ihr dieses Herz?
Gottschalk (heimlich). Die Thurneck? hört ich recht?
Flammberg (erstaunt). Bei Gott! Sie ists!
(Pause.)
Kunigunde. Es sei. Es soll mir das Gefühl, das hier In diesem Busen sich entflammt, nicht stören. Ich will nichts denken, fühlen will ich nichts, Als Unschuld, Ehre, Leben, Rettung—Schutz Vor diesem Wolf, der hier am Boden liegt.—Komm her, du lieber, goldner Knabe, du, Der mich befreit, nimm diesen Ring von mir, Es ist jetzt alles, was ich geben kann: Einst lohn ich würdiger, du junger Held, Die Tat dir, die mein Band gelöst, die mutige, Die mich vor Schmach bewahrt, die mich errettet, Die Tat, die mich zur Seligen gemacht!
(Sie wendet sich zum Grafen.) Euch, mein Gebieter—Euer nenn ich alles, Was mein ist! Sprecht! Was habt Ihr über mich beschlossen? In Eurer Macht bin ich; was muß geschehn? Muß ich nach Eurem Rittersitz Euch folgen?
Der Graf vom Strahl (nicht ohne Verlegenheit). Mein Fräulein—es ist nicht eben allzuweit. Wenn Ihr ein Pferd besteigt, so könnt Ihr bei Der Gräfin, meiner Mutter, übernachten.
Kunigunde. Führt mir das Pferd vor!
Der Graf vom Strahl (nach einer Pause). Ihr vergebt mir, Wenn die Verhältnisse, in welchen wir-Kunigunde. Nichts, nichts! Ich bitt Euch sehr! Beschämt mich nicht! In Eure Kerker klaglos würd ich wandern.
Der Graf vom Strahl. In meinen Kerker! Was! Ihr überzeugt Euch-Kunigunde (unterbricht ihn). Drückt mich mit Eurer Großmut nicht zu Boden!—Ich bitt um Eure Hand!
Der Graf vom Strahl. He! Fackeln! Leuchtet! (Ab.)
Neunter Auftritt
Szene: Schloß Wetterstrahl. Ein Gemach in der Burg.
Kunigunde, in einem halb vollendeten, romantischen Anzuge, tritt auf, und setzt sich vor einer Toilette nieder. Hinter ihr Rosalie und die alte Brigitte.
Rosalie (zu Brigitten). Hier, Mütterchen, setz dich! Der Graf vom Strahl hat sich bei meinem Fräulein anmelden lassen; sie läßt sich nur noch die Haare von mir zurecht legen, und mag gern dein Geschwätz hören.
Brigitte (die sich gesetzt). Also Ihr seid Fräulein Kunigunde von Thurneck?
Kunigunde. Ja Mütterchen; das bin ich.
Brigitte. Und nennt Euch eine Tochter des Kaisers?
Kunigunde. Des Kaisers? Nein; wer sagt dir das? Der jetzt lebende Kaiser ist mir fremd; die Urenkelin eines der vorigen Kaiser bin ich, die in verflossenen Jahrhunderten, auf dem deutschen Thron saßen.
Brigitte. O Herr! Es ist nicht möglich? Die
Urenkeltochter-Kunigunde. Nun ja!
Rosalie. Hab ich es dir nicht gesagt?
Brigitte. Nun, bei meiner Treu, so kann ich mich ins Grab legen: der Traum des Grafen vom Strahl ist aus!
Kunigunde. Welch ein Traum?
Rosalie. Hört nur, hört! Es ist die wunderlichste Geschichte von der Welt!—Aber sei bündig, Mütterchen, und spare den Eingang; denn die Zeit, wie ich dir schon gesagt, ist kurz.
Brigitte. Der Graf war gegen das Ende des vorletzten Jahres, nach einer seltsamen Schwermut, von welcher kein Mensch die Ursache ergründen konnte, erkrankt; matt lag er da, mit glutrotem Antlitz und phantasierte; die Ärzte, die ihre Mittel erschöpft hatten, sprachen, er sei nicht zu retten. Alles, was in seinem Herzen verschlossen war, lag nun, im Wahnsinn des Fiebers, auf seiner Zunge: er scheide gern, sprach er, von hinnen; das Mädchen, das fähig wäre, ihn zu lieben, sei nicht vorhanden; Leben aber ohne Liebe sei Tod; die Welt nannt er ein Grab, und das Grab eine Wiege, und meinte, er würde nun erst geboren werden.—Drei hintereinander folgende Nächte, während welcher seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzählte er ihr, ihm sei ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue, vertraue! Auf der Gräfin Frage: ob sein Herz sich, durch diesen Zuruf des Himmlischen, nicht gestärkt fühle? antwortete er: "Gestärkt? Nein!"—und mit einem Seufzer setzte er hinzu: "doch! doch, Mutter! Wenn ich sie werde gesehen haben!"—Die Gräfin fragt: und wirst du sie sehen? "Gewiß!" antwortet er. Wann? fragt sie. Wo?—"In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er mich zu ihr führen." Wer? fragt sie, Lieber; zu wem? "Der Engel", spricht er, "zu meinem Mädchen"—wendet sich und schläft ein.
Kunigunde. Geschwätz!
Rosalie. Hört sie nur weiter.—Nun?
Brigitte. Drauf in der Silvesternacht, in dem Augenblick, da eben das Jahr wechselt, hebt er sich halb vom Lager empor, starrt, als ob er eine Erscheinung hätte, ins Zimmer hinein, und, indem er mit der Hand zeigt: "Mutter! Mutter! Mutter!" spricht er. Was gibts? fragt sie. "Dort! Dort!" Wo? "Geschwind!" spricht er.—Was?—"Den Helm! Den Harnisch! Das Schwert!"—Wo willst du hin? fragt die Mutter. "Zu ihr", spricht er, "zu ihr. So! so! so!" und sinkt zurück; "Ade, Mutter ade!" streckt alle Glieder von sich, und liegt wie tot.
Kunigunde. Tot?
Rosalie. Tot, ja!
Kunigunde. Sie meint, einem Toten gleich.
Rosalie. Sie sagt, tot! Stört sie nicht.—Nun?
Brigitte. Wir horchten an seiner Brust: es war so still darin, wie in einer leeren Kammer. Eine Feder ward ihm vorgehalten, seinen Atem zu prüfen: sie rührte sich nicht. Der Arzt meinte in der Tat, sein Geist habe ihn verlassen; rief ihm ängstlich seinen Namen ins Ohr; reizt' ihn, um ihn zu erwecken, mit Gerüchen; reizt' ihn mit Stiften und Nadeln, riß ihm ein Haar aus, daß sich das Blut zeigte; vergebens: er bewegte kein Glied und lag, wie tot.
Kunigunde. Nun? Darauf?
Brigitte. Darauf, nachdem er einen Zeitraum so gelegen, fährt er auf, kehrt sich, mit dem Ausdruck der Betrübnis, der Wand zu, und spricht: "Ach! Nun bringen sie die Lichter! Nun ist sie mir wieder verschwunden!"—gleichsam, als ob er durch den Glanz derselben verscheucht würde.—Und da die Gräfin sich über ihn neigt und ihn an ihre Brust hebt und spricht: Mein Friedrich! Wo warst du? "Bei ihr", versetzt er, mit freudiger Stimme; "bei ihr, die mich liebt! bei der Braut, die mir der Himmel bestimmt hat! Geh, Mutter geh, und laß nun in allen Kirchen für mich beten: denn nun wünsch ich zu leben."
Kunigunde. Und bessert sich wirklich?
Rosalie. Das eben ist das Wunder.
Brigitte. Bessert sich, mein Fräulein, bessert sich, in der Tat; erholt sich, von Stund an, gewinnt, wie durch himmlischen Balsam geheilt, seine Kräfte wieder, und ehe der Mond sich erneut, ist er so gesund wie zuvor.
Kunigunde. Und erzählte?—Was erzählte er nun?
Brigitte. Ach, und erzählte, und fand kein Ende zu erzählen: wie der Engel ihn, bei der Hand, durch die Nacht geleitet; wie er sanft des Mädchens Schlafkämmerlein eröffnet, und alle Wände mit seinem Glanz erleuchtend, zu ihr eingetreten sei; wie es dagelegen, das holde Kind, mit nichts, als dem Hemdchen angetan, und die Augen bei seinem Anblick groß aufgemacht, und gerufen habe, mit einer Stimme, die das Erstaunen beklemmt. "Mariane!" welches jemand gewesen sein müsse, der in der Nebenkammer geschlafen; wie sie darauf, vom Purpur der Freude über und über schimmernd, aus dem Bette gestiegen, und sich auf Knieen vor ihm niedergelassen, das Haupt gesenkt, und: mein hoher Herr! gelispelt; wie der Engel ihm darauf, daß es eine Kaisertochter sei, gesagt, und ihm ein Mal gezeigt, das dem Kindlein rötlich auf dem Nacken verzeichnet war,—wie er, von unendlichem Entzücken durchbebt, sie eben beim Kinn gefaßt, um ihr ins Antlitz zu schauen: und wie die unselige Magd nun, die Mariane, mit Licht gekommen, und die ganze Erscheinung bei ihrem Eintritt wieder verschwunden sei.
Kunigunde. Und nun meinst du, diese Kaisertochter sei ich?
Brigitte. Wer sonst?
Rosalie. Das sag ich auch.
Brigitte. Die ganze Strahlburg, bei Eurem Einzug, als sie erfuhr, wer Ihr seid, schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief: sie ists!
Rosalie. Es fehlte nichts, als daß die Glocken ihre Zungen gelöst, und gerufen hätten: ja, ja, ja!
Kunigunde (steht auf). Ich danke dir, Mütterchen, für deine Erzählung. Inzwischen nimm diese Ohrringe zum Andenken, und entferne dich.
(Brigitte ab.)
Zehnter Auftritt
Kunigunde und Rosalie.
Kunigunde (nachdem sie sich im Spiegel betrachtet, geht gedankenlos ans Fenster und öffnet es.—Pause.) Hast du mir alles dort zurecht gelegt, Was ich dem Grafen zugedacht, Rosalie? Urkunden, Briefe, Zeugnisse?
Rosalie (am Tisch zurück geblieben). Hier sind sie. In diesem Einschlag liegen sie beisammen.
Kunigunde. Gib mir doch—(Sie nimmt eine Leimrute, die draußen befestigt ist, herein.)
Rosalie. Was, mein Fräulein?
Kunigunde (lebhaft). Schau, o Mädchen! Ist dies die Spur von einem Fittich nicht?
Rosalie (indem sie zu ihr geht). Was habt ihr da?
Kunigunde. Leimruten, die, ich weiß Nicht wer? an diesem Fenster aufgestellt! —Sieh, hat hier nicht ein Fittich schon gestreift?
Rosalie. Gewiß! Da ist die Spur. Was wars? Ein Zeisig?
Kunigunde. Ein Finkenhähnchen wars, das ich vergebens Den ganzen Morgen schon herangelockt.
Rosalie. Seht nur dies Federchen. Das ließ er stecken!
Kunigunde (gedankenvoll). Gib mir doch-Rosalie. Was, mein Fräulein? Die Papiere?
Kunigunde (lacht und schlägt sie). Schelmin!—Die Hirse will ich, die dort steht.
(Rosalie lacht, und geht und holt die Hirse.)
Eilfter Auftritt
Ein Bedienter tritt auf. Die Vorigen.
Der Bediente. Graf Wetter vom Strahl, und die Gräfin seine Mutter!
Kunigunde (wirft alles aus der Hand). Rasch! Mit den Sachen weg.
Rosalie. Gleich, gleich! (Sie macht die Toilette zu und geht ab.)
Kunigunde. Sie werden mir willkommen sein.
Zwölfter Auftritt
Gräfin Helena, der Graf vom Strahl treten auf. Fräulein Kunigunde.
Kunigunde (ihnen entgegen). Verehrungswürdge! Meines Retters Mutter, Wem dank ich, welchem Umstand, das Vergnügen, Daß ihr mir Euer Antlitz schenkt, daß Ihr Vergönnt, die teuren Hände Euch zu küssen?
Gräfin. Mein Fräulein, Ihr demütigt mich. Ich kam, Um Eure Stirn zu küssen, und zu fragen, Wie Ihr in meinem Hause Euch befindet?
Kunigunde. Sehr wohl. Ich fand hier alles, was ich brauchte. Ich hatte nichts von Eurer Huld verdient, Und Ihr besorgtet mich, gleich einer Tochter. Wenn irgend etwas mir die Ruhe störte So war es dies beschämende Gefühl; Doch ich bedurfte nur den Augenblick, Um diesen Streit in meiner Brust zu lösen.
(Sie wendet sich zum Grafen.) Wie stehts mit Eurer linken Hand, Graf Friedrich?
Der Graf vom Strahl. Mit meiner Hand? mein Fräulein! Diese Frage, Ist mir empfindlicher als ihre Wunde! Der Sattel wars, sonst nichts, an dem ich mich Unachtsam stieß, Euch hier vom Pferde hebend.
Gräfin. Ward sie verwundet?—Davon weiß ich nichts.
Kunigunde. Es fand sich, als wir dieses Schloß erreichten, Daß ihr, in hellen Tropfen, Blut entfloß.
Der Graf vom Strahl. Die Hand selbst, seht Ihr, hat es schon vergessen. Wenns Freiburg war, dem ich im Kampf um Euch, Dies Blut gezahlt, so kann ich wirklich sagen: Schlecht war der Preis, um den er Euch verkauft.
Kunigunde. Ihr denkt von seinem Werte so—nicht ich.
(Indem sie sich zur Mutter wendet.) - Doch wie? Wollt Ihr Euch, Gnädigste, nicht setzen?
(Sie holt einen Stuhl, der Graf bringt die andern. Sie lassen sich sämtlich nieder.)
Gräfin. Wie denkt Ihr, über Eure Zukunft, Fräulein? Habt Ihr die Lag, in die das Schicksal Euch Versetzt, bereits erwogen? Wißt Ihr schon, Wie Euer Herz darin sich fassen wird?
Kunigunde (bewegt). Verehrungswürdige und gnädge Gräfin, Die Tage, die mir zugemessen, denk ich In Preis und Dank, in immer glühender Erinnrung des, was jüngst für mich geschehn, In unauslöschlicher Verehrung Eurer, Und Eures Hauses, bis auf den letzten Odem, Der meine Brust bewegt, wenns mir vergönnt ist, In Thurneck bei den Meinen hinzubringen. (Sie weint.)
Gräfin. Wann denkt Ihr zu den Euren aufzubrechen?
Kunigunde. Ich wünsche—weil die Tanten mich erwarten, - Wenns sein kann, morgen,—oder mindestens—In diesen Tagen, abgeführt zu werden.
Gräfin. Bedenkt ihr auch, was dem entgegen steht?
Kunigunde. Nichts mehr, erlauchte Frau, wenn Ihr mir nur Vergönnt, mich offen vor Euch zu erklären.
(Sie küßt ihr die Hand; steht auf und holt die Papiere.) Nehmt dies von meiner Hand, Herr Graf vom Strahl.
Der Graf vom Strahl (steht auf). Mein Fräulein! Kann ich wissen, was es ist?
Kunigunde. Die Dokumente sinds, den Streit betreffend, Um Eure Herrschaft Stauffen, die Papiere Auf die ich meinen Anspruch gründete.
Der Graf vom Strahl. Mein Fräulein, Ihr beschämt mich, in der Tat! Wenn dieses Heft, wie Ihr zu glauben scheint, Ein Recht begründet: weichen will ich Euch, Und wenn es meine letzte Hütte gälte!
Kunigunde. Nehmt, nehmt, Herr Graf vom Strahl! Die Briefe sind Zweideutig, seh ich ein, der Wiederkauf, Zu dem sie mich berechtigen, verjährt; Doch wär mein Recht so klar auch, wie die Sonne, Nicht gegen Euch mehr kann ichs geltend machen.
Der Graf vom Strahl. Niemals, mein Fräulein, niemals, in der Tat! Mit Freuden nehm ich, wollt Ihr mir ihn schenken, Von Euch den Frieden an; doch, wenn auch nur Der Zweifel eines Rechts auf Stauffen Euer, Das Dokument nicht, das ihn Euch belegt! Bringt Eure Sache vor, bei Kaiser und bei Reich, Und das Gesetz entscheide, wer sich irrte.
Kunigunde (zur Gräfin). Befreit denn Ihr, verehrungswürdge Gräfin, Von diesen leidgen Dokumenten mich, Die mir in Händen brennen, widerwärtig Zu dem Gefühl, das mir erregt ist, stimmen, Und mir auf Gottes weiter Welt zu nichts mehr, Lebt ich auch neunzig Jahre, helfen können.
Gräfin (steht gleichfalls auf). Mein teures Fräulein! Eure Dankbarkeit Führt Euch zu weit. Ihr könnt, was Eurer ganzen Familie angehört, in einer flüchtigen Bewegung nicht, die Euch ergriff, veräußern. Nehmt meines Sohnes Vorschlag an und laßt In Wetzlar die Papiere untersuchen; Versichert Euch, Ihr werdet wert uns bleiben, Man mag auch dort entscheiden, wie man wolle.
Kunigunde (mit Affekt). Nun denn, der Anspruch war mein Eigentum! Ich brauche keinen Vetter zu befragen, Und meinem Sohn vererb ich einst mein Herz! Die Herrn in Wetzlar mag ich nicht bemühn: Hier diese rasche Brust entscheidet so!
(Sie zerreißt die Papiere und läßt sie fallen.)
Gräfin. Mein liebes, junges, unbesonnes Kind, Was habt Ihr da getan?—Kommt her, Weils doch geschehen ist, daß ich Euch küsse.
(Sie umarmt sie.)
Kunigunde. Ich will daß dem Gefühl, das mir entflammt, Im Busen ist, nichts fürder widerspreche! Ich will, die Scheidewand soll niedersinken, Die zwischen mir und meinem Retter steht! Ich will mein ganzes Leben ungestört, Durchatmen, ihn zu preisen, ihn zu lieben.
Gräfin (gerührt). Gut, gut, mein Töchterchen. Es ist schon gut, Ihr seid zu sehr erschüttert.
Der Graf vom Strahl.—Ich will wünschen, Daß diese Tat Euch nie gereuen möge.
(Pause.)
Kunigunde (trocknet sich die Augen). Wann darf ich nun nach Thurneck wiederkehren?
Gräfin. Gleich! Wann Ihr wollt! Mein Sohn selbst wird Euch führen!
Kunigunde. So seis—auf morgen denn!
Gräfin. Gut! Ihr begehrt es. Obschon ich gern Euch länger bei mir sähe. Doch heut bei Tisch noch macht Ihr uns die Freude?
Kunigunde (verneigt sich). Wenn ich mein Herz kann sammeln, wart ich auf. (Ab.)
Dreizehnter Auftritt
Gräfin Helena. Der Graf vom Strahl.
Der Graf vom Strahl. So wahr, als ich ein Mann bin, die begehr ich Zur Frau!
Gräfin. Nun, nun, nun, nun!
Der Graf vom Strahl. Was, Nicht? Du willst, daß ich mir eine wählen soll; Doch die nicht? Diese nicht? Die nicht? Was willst du?
Gräfin. Ich sagte nicht, daß sie mir ganz mißfällt.
Der Graf vom Strahl. Ich will auch nicht, daß heut noch Hochzeit sei—Sie ist vom Stamm der alten sächsschen Kaiser.
Gräfin. Und der Silvesternachttraum spricht für sie? Nicht? Meinst du nicht?
Der Graf vom Strahl. Was soll ichs bergen: ja!
Gräfin. Laß uns die Sach ein wenig überlegen. (Ab.)
Dritter Akt
Szene: Gebirg und Wald. Eine Einsiedelei.
Erster Auftritt
Theobald und Gottfried Friedeborn führen das Käthchen von einem Felsen herab.
Theobald. Nimm dich in acht, mein liebes Käthchen; der Gebirgspfad, siehst du, hat eine Spalte. Setze deinen Fuß hier auf diesen Stein, der ein wenig mit Moos bewachsen ist; wenn ich wüßte, wo eine Rose wäre, so wollte ich es dir sagen.— So!
Gottfried. Doch hast wohl Gott, Käthchen, nichts von der Reise anvertraut, die du heut zu tun willens warst?—Ich glaubte, an dem Kreuzweg, wo das Marienbild steht, würden zwei Engel kommen, Jünglinge, von hoher Gestalt, mit schneeweißen Fittichen an den Schultern, und sagen. Ade, Theobald! Ade, Gottfried! Kehrt zurück, von wo ihr gekommen seid; wir werden das Käthchen jetzt auf seinem Wege zu Gott weiter führen.—Doch es war nichts; wir mußten dich ganz bis ans Kloster herbringen.
Theobald. Die Eichen sind so still, die auf den Bergen verstreut sind: man hört den Specht, der daran pickt. Ich glaube, sie wissen, daß Käthchen angekommen ist, und lauschen auf das, was sie denkt. Wenn ich mich doch in die Welt auflösen könnte, um es zu erfahren. Harfenklang muß nicht lieblicher sein, als ihr Gefühl; es würde Israel hinweggelockt von David und seinen Zungen neue Psalter gelehrt haben.—Mein liebes Käthchen?
Käthchen. Mein lieber Vater!
Theobald. Sprich ein Wort.
Käthchen. Sind wir am Ziele?
Theobald. Wir sinds. Dort in jenem freundlichen Gebäude, das mit seinen Türmen zwischen die Felsen geklemmt ist, sind die stillen Zellen der frommen Augustinermönche; und hier, der geheiligte Ort, wo sie beten.
Käthchen. Ich fühle mich matt.
Theobald. Wir wollen uns setzen. Komm, gib mir deine Hand, daß ich dich stütze. Hier vor diesem Gitter ist eine Ruhebank, mit kurzem und dichtem Gras bewachsen: schau her, das angenehmste Plätzchen, das ich jemals sah.
(Sie setzen sich.)
Gottfried. Wie befindest du dich?
Käthchen. Sehr wohl.
Theobald. Du scheinst doch blaß, und deine Stirne ist voll Schweiß?
(Pause.)
Gottfried. Sonst warst du so rüstig, konntest meilenweit wandern, durch Wald und Feld, und brauchtest nichts, als einen Stein, und das Bündel das du auf der Schulter trugst, zum Pfühl, um dich wieder herzustellen; und heut bist du so erschöpft, daß es scheint, als ob alle Betten, in welchen die Kaiserin ruht, dich nicht wieder auf die Beine bringen würden.
Theobald. Willst du mit etwas erquickt sein.
Gottfried. Soll ich gehen und dir einen Trunk Wasser schöpfen?
Theobald. Oder suchen wo dir eine Frucht blüht?
Gottfried. Sprich, mein liebes Käthchen!
Käthchen. Ich danke dir, lieber Vater.
Theobald. Du dankst uns.
Gottfried. Du verschmähst alles.
Theobald. Du begehrst nichts, als daß ich ein Ende mache: hingehe und dem Prior Hatto,—meinem alten Freund, sage: der alte Theobald sei da, der sein einzig liebes Kind begraben wolle.
Käthchen. Mein lieber Vater!
Theobald. Nun gut. Es soll geschehn. Doch bevor wir die entscheidenden Schritte tun, die nicht mehr zurück zu nehmen sind, will ich dir noch etwas sagen. Ich will dir sagen, was Gottfried und mir eingefallen ist, auf dem Wege hierher, und was, wie uns scheint, ins Werk zu richten notwendig ist, bevor wir den Prior in dieser Sache sprechen.—Willst du es wissen?
Käthchen. Rede!
Theobald. Nun wohlan, so merk auf, und prüfe dein Herz wohl!—Du willst in das Kloster der Ursulinerinnen gehen, das tief im einsamen kieferreichen Gebirge seinen Sitz hat. Die Welt, der liebliche Schauplatz des Lebens, reizt dich nicht mehr; Gottes Antlitz, in Abgezogenheit und Frömmigkeit angeschaut, soll dir Vater, Hochzeit, Kind, und der Kuß kleiner blühender Enkel sein.
Käthchen. Ja, mein lieber Vater.
Theobald (nach einer kurzen Pause). Wie wärs, wenn du auf ein paar Wochen, da die Witterung noch schön ist, zu dem Gemäuer zurückkehrtest, und dir die Sache ein wenig überlegtest?
Käthchen. Wie?
Theobald. Wenn du wieder hingingst, mein ich, nach der Strahlburg, unter den Holunderstrauch, wo sich der Zeisig das Nest gebaut hat, am Hang des Felsens, du weißt, von wo das Schloß, im Sonnenstrahl funkelnd, über die Gauen des Landes herniederschaut?
Käthchen. Nein, mein lieber Vater!
Theobald. Warum nicht?
Käthchen. Der Graf, mein Herr, hat es mir verboten.
Theobald. Er hat es dir verboten. Gut. Und was er dir verboten hat, das darfst du nicht tun. Doch wie, wenn ich hinginge und ihn bäte, daß er es erlaubte?
Käthchen. Wie? Was sagst du?
Theobald. Wenn ich ihn ersuchte, dir das Plätzchen, wo dir so wohl ist, zu gönnen, und mir die Freiheit würde, dich daselbst mit dem, was du zur Notdurft brauchst, freundlich auszustatten?
Käthchen. Nein, mein lieber Vater.
Theobald. Warum nicht?
Käthchen (beklemmt). Das würdest du nicht tun; und wenn du es tätest, so würde es der Graf nicht erlauben; und wenn der Graf es erlaubte, so würd ich doch von seiner Erlaubnis keinen Gebrauch machen.
Theobald. Käthchen! Mein liebes Käthchen! Ich will es tun. Ich will mich so vor ihm niederlegen, wie ich es jetzt vor dir tue, und sprechen: mein hoher Herr! erlaubt, daß das Käthchen unter dem Himmel, der über Eure Burg gespannt ist, wohne; reitet Ihr aus, so vergönnt, daß sie Euch von fern, auf einen Pfeilschuß, folge, und räumt ihr, wenn die Nacht kömmt, ein Plätzchen auf dem Stroh ein, das Euren stolzen Rossen untergeschüttet wird. Es ist besser, als daß sie vor Gram vergehe.
Käthchen (indem sie sich gleichfalls vor ihm niederlegt). Gott im höchsten Himmel; du vernichtest mich! Du legst mir deine Worte kreuzweis, wie Messer, in die Brust! Ich will jetzt nicht mehr ins Kloster gehen, nach Heilbronn will ich mit dir zurückkehren, ich will den Grafen vergessen, und, wen du willst, heiraten; müßt auch ein Grab mir, von acht Ellen Tiefe, das Brautbett sein.
Theobald (der aufgestanden ist und sie aufhebt). Bist du mir bös, Käthchen?
Käthchen. Nein, nein! Was fällt dir ein?
Theobald. Ich will dich ins Kloster bringen!
Käthchen. Nimmer und nimmermehr! Weder auf die Strahlburg, noch ins Kloster!—Schaff mir nur jetzt, bei dem Prior, ein Nachtlager, daß ich mein Haupt niederlege, und mich erhole; mit Tagesanbruch, wenn es sein kann gehen wir zurück. (Sie weint.)
Gottfried. Was hast du gemacht, Alter?
Theobald. Ach! Ich habe sie gekränkt!
Gottfried (klingelt). Prior Hatto ist zu Hause?
Pförtner (öffnet). Gelobt sei Jesus Christus!
Theobald. In Ewigkeit, Amen!
Gottfried. Vielleicht besinnt sie sich!
Theobald. Komm, meine Tochter! (Alle ab.)
Szene: Eine Herberge.
Zweiter Auftritt
Der Rheingraf vom Stein und Friedrich von Herrnstadt treten auf, ihnen folgt: Jakob Pech, der Gastwirt. Gefolge von Knechten.
Rheingraf (zu dem Gefolge). Laßt die Pferde absatteln! Stellt Wachen aus, auf dreihundert Schritt um die Herberge, und laßt jeden ein, niemand aus! Füttert und bleibt in den Ställen, und zeigt euch, so wenig es sein kann; wenn Eginhardt mit Kundschaft aus der Thurneck zurückkommt, geh ich euch meine weitern Befehle.
(Das Gefolge ab.)
Wer wohnt hier?
Jakob Pech. Halten zu Gnaden, ich und meine Frau, gestrenger Herr.
Rheingraf. Und hier?
Jakob Pech. Vieh.
Rheingraf. Wie?
Jakob Pech. Vieh.—Eine Sau mit ihrem Wurf, halten zu Gnaden; es ist ein Schweinstall, von Latten draußen angebaut.
Rheingraf. Gut.—Wer wohnt hier?
Jakob Pech. Wo?
Rheingraf. Hinter dieser dritten Tür?
Jakob Pech. Niemand, halten zu Gnaden.
Rheingraf. Niemand?
Jakob Pech. Niemand gestrenger Herr, gewiß und wahrhaftig. Oder vielmehr jedermann. Es geht wieder aufs offne Feld hinaus.
Rheingraf. Gut.—Wie heißest du?
Jakob Pech. Jakob Pech.
Rheingraf. Tritt ab, Jakob Pech.-(Der Gastwirt ab.)
Rheingraf. Ich will mich hier, wie die Spinne, zusammen knäueln, daß ich aussehe, wie ein Häuflein argloser Staub; und wenn sie im Netz sitzt, diese Kunigunde, über sie herfahren—den Stachel der Rache tief eindrücken in ihre treulose Brust: töten, töten, töten, und ihr Gerippe, als das Monument einer Erzbuhlerin, in dem Gebälke der Steinburg aufbewahren!
Friedrich. Ruhig, ruhig Albrecht! Eginhardt, den du nach Thurneck gesandt hast, ist noch, mit der Bestätigung dessen, was du argwohnst, nicht zurück.
Rheingraf. Da hast du recht, Freund; Eginhardt ist noch nicht zurück. Zwar in dem Zettel, den mir die Bübin schrieb, steht: ihre Empfehlung voran; es sei nicht nötig, daß ich mich fürder um sie bemühe; Stauffen sei ihr von dem Grafen vom Strahl, auf dem Wege freundlicher Vermittlung, abgetreten. Bei meiner unsterblichen Seele, hat dies irgend einen Zusammenhang, der rechtschaffen ist: so will ich es hinunterschlucken, und die Kriegsrüstung, die ich für sie gemacht, wieder auseinander gehen lassen. Doch wenn Eginhardt kommt und mir sagt, was mir das Gerüchte schon gesteckt, daß sie ihm mit ihrer Hand verlobt ist: so will ich meine Artigkeit, wie ein Taschenmesser, zusammenlegen, und ihr die Kriegskosten wieder abjagen: müßt ich sie umkehren, und ihr den Betrag hellerweise aus den Taschen herausschütteln.
Dritter Auftritt
Eginhardt von der Wart tritt auf. Die Vorigen.
Rheingraf. Nun, Freund, alle Grüße treuer Brüderschaft über dich! —Wie stehts auf dem Schlosse zu Thurneck?
Eginhardt. Freunde, es ist alles, wie der Ruf uns erzählt! Sie gehen mit vollen Segeln auf dem Ozean der Liebe, und ehe der Mond sich erneut, sind sie in den Hafen der Ehe eingelaufen.
Rheingraf. Der Blitz soll ihre Masten zersplittern, ehe sie ihn erreichen!
Friedrich. Sie sind miteinander verlobt?
Eginhardt. Mit dürren Worten, glaub ich, nein; doch wenn Blicke reden, Mienen schreiben und Händedrücke siegeln können, so sind die Ehepakten fertig. Rheingraf. Wie ist es mit der Schenkung von Stauffen zugegangen? Das erzähle!
Friedrich. Wann machte er ihr das Geschenk?
Eginhardt. Ei! Vorgestern, am Morgen ihres Geburtstags, da die Vettern ihr ein glänzendes Fest in der Thurneck bereitet hatten. Die Sonne schien kaum rötlich auf ihr Lager: da findet sie das Dokument schon auf der Decke liegen; das Dokument, versteht mich, in ein Briefchen des verliebten Grafen eingewickelt, mit der Versicherung, daß es ihr Brautgeschenk sei, wenn sie sich entschließen könne, ihm ihre Hand zu geben.
Rheingraf. Sie nahm es? Natürlich! Sie stellte sich vor den Spiegel, knixte, und nahm es?
Eginhardt. Das Dokument? Allerdings.
Friedrich. Aber die Hand, die dagegen gefordert ward?
Eginhardt. O die verweigerte sie nicht.
Friedrich. Was! Nicht?
Eginhardt. Nein. Gott behüte! Wann hätte sie je einem Freier ihre Hand verweigert?
Rheingraf. Aber sie hält, wenn die Glocke geht, nicht Wort?
Eginhardt. Danach habt Ihr mich nicht gefragt.
Rheingraf. Wie beantwortete sie den Brief?
Eginhardt. Sie sei so gerührt, daß ihre Augen, wie zwei Quellen, niederträufelten, und ihre Schrift ertränkten;—die Sprache, an die sie sich wenden müsse, ihr Gefühl auszudrücken, sei ein Bettler.—Er habe, auch ohne dieses Opfer, ein ewiges Recht an ihre Dankbarkeit, und es sei, wie mit einem Diamanten, in ihre Brust geschrieben;—kurz, einen Brief voll doppelsinniger Fratzen, der, wie der Schillertaft, zwei Farben spielt, und weder ja sagt, noch nein.
Rheingraf. Nun, Freunde; ihre Zauberei geht, mit diesem Kunststück zu Grabe! Mich betrog sie, und keinen mehr; die Reihe derer, die sie am Narrenseil geführt hat, schließt mit mir ab.—Wo sind die beiden reitenden Boten?
Friedrich (in die Tür rufend). He!
Vierter Auftritt
Zwei Boten treten auf. Die Vorigen.
Rheingraf (nimmt zwei Briefe aus dem Kollett). Diese beiden Briefe nehmt ihr —diesen du, diesen du; und tragt sie—diesen hier du an den Dominikanerprior Hatto, verstehst du? Ich würd Glock sieben gegen Abend kommen, und Absolution in seinem Kloster empfangen. Diesen hier du an Peter Quanz, Haushofmeister in der Burg zu Thurneck; Schlag zwölf um Mitternacht stünd ich mit meinem Kriegshaufen vor dem Schloß, und bräche ein. Du gehst nicht eher in die Burg, du, bis es finster ist, und lässest dich vor keinem Menschen sehen; verstehst du mich?—Du brauchst das Tageslicht nicht zu scheuen.—Habt ihr mich verstanden?
Die Boten. Gut.
Rheingraf (nimmt ihnen die Briefe wieder aus der Hand). Die Briefe sind doch nicht verwechselt?
Friedrich. Nein, nein.
Rheingraf. Nicht?—Himmel und Erde!
Eginhardt. Was gibts?
Rheingraf. Wer versiegelte sie?
Friedrich. Die Briefe?
Rheingraf. Ja!
Friedrich. Tod und Verderben! Du versiegeltest sie selbst!
Rheingraf (gibt den Boten die Briefe wieder). Ganz recht! hier, nehmt! Auf der Mühle, beim Sturzbach, werd ich euch erwarten!—Kommt meine Freunde!
(Alle ab.)
Fünfter Auftritt
Szene: Thurneck. Ein Zimmer in der Burg.
Der Graf vom Strahl sitzt gedankenvoll an einem Tisch, auf welchem zwei Lichter stehen. Er hält eine Laute in der Hand, und tut einige Griffe darauf. Im Hintergrunde, bei seinen Kleidern und Waffen beschäftigt, Gottschalk.
Stimme (von außen). Macht auf! Macht auf! Macht auf!
Gottschalk. Holla!—Wer ruft?
Stimme. Ich, Gottschalk, bins; ich bins, du lieber Gottschalk!
Gottschalk. Wer?
Stimme. Ich!
Gottschalk. Du?
Stimme. Ja!
Gottschalk. Wer?
Stimme. Ich!
Der Graf vom Strahl (legt die Laute weg). Die Stimme kenn ich!
Gottschalk. Mein Seel! Ich hab sie auch schon wo gehört.
Stimme. Herr Graf vom Strahl! Macht auf! Herr Graf vom Strahl!
Der Graf vom Strahl. Bei Gott! Das ist-Gottschalk. Das ist, so wahr ich lebe-Stimme. Das Käthchen ists! Wer sonst! Das Käthchen Das kleine Käthchen von Heilbronn!
Der Graf vom Strahl (steht auf). Wie? Was? zum Teufel!
Gottschalk (legt alles aus der Hand). Du, Mädel? Was? O Herzensmädel! Du?
(Er öffnet die Tür.)
Der Graf vom Strahl. Ward, seit die Welt steht, so etwas—?
Käthchen (indem sie eintritt). Ich bins.
Gottschalk. Schaut her, bei Gott! Schaut her, sie ist es selbst!
Sechster Auftritt
Das Käthchen mit einem Brief. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus. Ich will nichts von ihr wissen.
Gottschalk. Was! Hört ich recht—?
Käthchen. Wo ist der Graf vom Strahl?
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus! Ich will nichts von ihr wissen!
Gottschalk (nimmt sie bei der Hand). Wie, gnädiger Herr, vergönnt—!
Käthchen (reicht ihm den Brief). Hier! nehmt, Herr Graf!
Der Graf vom Strahl (sich plötzlich zu ihr wendend). Was willst du hier? Was hast du hier zu suchen?
Käthchen (erschrocken). Nichts!—Gott behüte! Diesen Brief hier bitt ich-Der Graf vom Strahl. Ich will ihn nicht!—Was ist dies für ein Brief? Wo kommt er her? Und was enthält er mir?
Käthchen. Der Brief hier ist-Der Graf vom Strahl. Ich will davon nichts wissen! Fort! Gib ihn unten in dem Vorsaal ab.
Käthchen. Mein hoher Herr! Laßt bitt ich, Euch bedeuten-Der Graf vom Strahl (wild). Die Dirne, die landstreichend unverschämte! Ich will nichts von ihr wissen! Hinweg, sag ich! Zurück nach Heilbronn, wo du hingehörst!
Käthchen. Herr meines Lebens! Gleich verlaß ich Euch! Den Brief nur hier, der Euch sehr wichtig ist, Erniedrigt Euch, von meiner Hand zu nehmen.
Der Graf vom Strahl. Ich aber will ihn nicht! Ich mag ihn nicht! Fort! Augenblicks! Hinweg!
Käthchen. Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Die Peitsche her! An welchem Nagel hängt sie? Ich will doch sehn, ob ich, vor losen Mädchen, In meinem Haus nicht Ruh mir kann verschaffen.
(Er nimmt die Peitsche von der Wand.)
Gottschalk. O gnädger Herr! Was macht Ihr? Was beginnt Ihr? Warum auch wollt Ihr, den nicht sie verfaßt, Den Brief, nicht freundlich aus der Hand ihr nehmen?
Der Graf vom Strahl. Schweig, alter Esel, du, sag ich.
Käthchen (zu Gottschalk). Laß, laß!
Der Graf vom Strahl. In Thurneck bin ich hier, weiß, was ich tue; Ich will den Brief aus ihrer Hand nicht nehmen! - Willst du jetzt gehn?
Käthchen (rasch). Ja, mein verehrter Herr!
Der Graf vom Strahl. Wohlan!
Gottschalk (halblaut zu Käthchen da sie zittert).
Sei ruhig. Fürchte nichts.
Der Graf vom Strahl. So fern dich!—Am Eingang steht ein Knecht, dem gib den Brief, Und kehr des Weges heim, von wo du kamst.
Käthchen. Gut, gut. Du wirst mich dir gehorsam finden. Peitsch mich nur nicht, bis ich mit Gottschalk sprach.—(Sie kehrt sich zu Gottschalk um.) Nimm du den Brief.
Gottschalk. Gib her, mein liebes Kind. Was ist dies für ein Brief? Und was enthält er?
Käthchen. Der Brief hier ist vom Graf vom Stein, verstehst du? Ein Anschlag, der noch heut vollführt soll werden, Auf Thurneck, diese Burg, darin enthalten, Und auf das schöne Fräulein Kunigunde, Des Grafen, meines hohen Herren, Braut.
Gottschalk. Ein Anschlag auf die Burg? Es ist nicht möglich! Und vom Graf Stein?—Wie kamst du zu dem Brief?
Käthchen. Der Brief ward Prior Hatto übergeben, Als ich mit Vater just, durch Gottes Fügung, In dessen stiller Klause mich befand. Der Prior, der verstand den Inhalt nicht, Und wollt ihn schon dem Boten wiedergeben; Ich aber riß den Brief ihm aus der Hand, Und eilte gleich nach Thurneck her, euch alles Zu melden, in die Harnische zu jagen; Denn heut, Schlag zwölf um Mitternacht, soll schon Der mörderische Frevel sich vollstrecken.
Gottschalk. Wie kam der Prior Hatto zu dem Brief?
Käthchen. Lieber, das weiß ich nicht; es ist gleichviel. Er ist, du siehst, an irgend wen geschrieben, Der hier im Schloß zu Thurneck wohnhaft ist; Was er dem Prior soll, begreift man nicht. Doch daß es mit dem Anschlag richtig ist, Das hab ich selbst gesehn; denn kurz und gut, Der Graf zieht auf die Thurneck schon heran: Ich bin ihm, auf dem Pfad hieher, begegnet.
Gottschalk. Du siehst Gespenster, Töchterchen!
Käthchen. Gespenster!—Ich sage, nein! So wahr ich Käthchen bin! Der Graf liegt draußen vor der Burg, und wer Ein Pferd besteigen will, und um sich schauen, Der kann den ganzen weiten Wald ringsum Erfüllt von seinen Reisigen erblicken!
Gottschalk. - Nehmt doch den Brief, Herr Graf, und seht selbst zu.
Ich weiß nicht, was ich davon denken soll.
Der Graf vom Strahl (legt die Peitsche weg, nimmt den Brief und entfaltet ihn). "Um zwölf Uhr, wenn das Glöckchen schlägt, bin ich Vor Thurneck. Laß die Tore offen sein. Sobald die Flamme zuckt, zieh ich hinein. Auf niemand münz ich es, als Kunigunden, Und ihren Bräutigam, den Graf vom Strahl: Tu mir zu wissen, Alter, wo sie wohnen."
Gottschalk. Ein Höllenfrevel!—Und die Unterschrift?
Der Graf vom Strahl. Das sind drei Kreuze.
(Pause.) Wie stark fandst du den Kriegstroß, Katharina?
Käthchen. Auf sechzig Mann, mein hoher Herr, bis siebzig.
Der Graf vom Strahl. Sahst du ihn selbst den Graf vom Stein?
Käthchen. Ihn nicht.
Der Graf vom Strahl. Wer führte seine Mannschaft an?
Käthchen. Zwei Ritter, Mein hochverehrter Herr, die ich nicht kannte.
Der Graf vom Strahl. Und jetzt, sagst du, sie lägen vor der Burg?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Wie weit von hier?
Käthchen. Auf ein dreitausend Schritt, verstreut im Walde.
Der Graf vom Strahl. Rechts, auf der Straße?
Käthchen. Links, im Föhrengrunde, Wo überm Sturzbach sich die Brücke baut.
(Pause.)
Gottschalk. Ein Anschlag, greuelhaft, und unerhört!
Der Graf vom Strahl (steckt den Brief ein). Ruf mir sogleich die Herrn von Thurneck her! - Wie hoch ists an der Zeit?
Gottschalk. Glock halb auf zwölf.
Der Graf vom Strahl. So ist kein Augenblick mehr zu verlieren.
(Er setzt sich den Helm auf.)
Gottschalk. Gleich, gleich; ich gehe schon!—Komm, liebes Käthchen, Daß ich dir das erschöpfte Herz erquicke!—Wie großen Dank, bei Gott, sind wir dir schuldig? So in der Nacht, durch Wald und Feld und Tal-Der Graf vom Strahl. Hast du mir sonst noch, Jungfrau, was zu sagen?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl.—Was suchst du da?
Käthchen (sich in den Busen fassend). Den Einschlag, der vielleicht dir wichtig ist. Ich glaub, ich hab—? Ich glaub, er ist—?
(Sie sieht sich um.)
Der Graf vom Strahl. Der Einschlag?
Käthchen. Nein, hier.
(Sie nimmt das Kuvert und gibt es dem Grafen.)
Der Graf vom Strahl. Gib her! (Er betrachtet das Papier.)
Dein Antlitz speit ja Flammen!—Du nimmst dir gleich ein Tuch um, Katharina, Und trinkst nicht ehr, bis du dich abgekühlt. - Du aber hast keins?
Käthchen. Nein-Der Graf vom Strahl (macht sich die Schärpe los—wendet sich plötzlich, und wirft sie auf den Tisch.)
So nimm die Schürze.
(Nimmt die Handschuh und zieht sie sich an.) Wenn du zum Vater wieder heim willst kehren, Werd ich, wie sichs von selbst versteht—(Er hält inne.)
Käthchen. Was wirst du?
Der Graf vom Strahl (erblickt die Peitsche). Was macht die Peitsche hier?
Gottschalk. Ihr selbst ja nahmt sie!
Der Graf vom Strahl (ergrimmt). Hab ich hier Hunde, die zu schmeißen sind?
(Er wirft die Peitsche, daß die Scherben niederklirren, durchs Fenster;
hierauf zu Käthchen:) Pferd dir, mein liebes Kind, und Wagen geben, Die sicher nach Heilbronn dich heimgeleiten.—Wann denkst du heim?
Käthchen (zitternd). Gleich, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl (streichelt ihre Wangen). Gleich nicht! Du kannst im Wirtshaus übernachten.
(Er weint.) - Was glotzt er da? Geh, nimm die Scherben auf!
(Gottschalk hebt die Scherben auf. Er nimmt die Schärpe vom Tisch, und gibt sie Käthchen.)
Da! Wenn du dich gekühlt, gib mir sie wieder.
Käthchen (sie will seine Hand küssen). Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (wendet sich von ihr ab). Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl!
(Getümmel und Glockenklang draußen.)
Gottschalk. Gott, der Allmächtige!
Käthchen. Was ist? Was gibts?
Gottschalk. Ist das nicht Sturm?
Käthchen. Sturm?
Der Graf vom Strahl. Auf! Ihr Herrn von Thurneck! Der Rheingraf, beim Lebendgen, ist schon da!
(Alle ab.)
Szene: Platz vor dem Schloß. Es ist Nacht. Das Schloß brennt. Sturmgeläute.
Siebenter Auftritt
Ein Nachtwächter (tritt auf und stößt ins Horn). Feuer! Feuer! Feuer! Erwacht ihr Männer von Thurneck, ihr Weiber und Kinder des Fleckens erwacht! Werft den Schlaf nieder, der, wie ein Riese, über euch liegt; besinnt euch, ersteht und erwacht! Feuer! Der Frevel zog auf Socken durchs Tor! Der Mord steht, mit Pfeil und Bogen, mitten unter euch, und die Verheerung, um ihm zu leuchten, schlägt ihre Fackel an alle Ecken der Burg! Feuer! Feuer! O daß ich eine Lunge von Erz und ein Wort hätte, das sich mehr schreien ließe, als dies: Feuer! Feuer! Feuer!
Achter Auftritt
Der Graf vom Strahl. Die drei Herren von Thurneck. Gefolge. Der Nachtwächter.
Der Graf vom Strahl. Himmel und Erde! Wer steckte das Schloß in Brand?—Gottschalk!
Gottschalk (außerhalb der Szene). He!
Der Graf vom Strahl. Mein Schild, meine Lanze!
Ritter von Thurneck. Was ist geschehn?
Der Graf vom Strahl. Fragt nicht, nehmt was hier steht, fliegt auf die Wälle, kämpft und schlagt um euch, wie angeschossene Eber!
Ritter von Thurneck. Der Rheingraf ist vor den Toren?
Der Graf vom Strahl. Vor den Toren, ihr Herrn, und ehe ihr den Riegel vorschiebt, drin: Verräterei, im Innern des Schlosses, hat sie ihm geöffnet!
Ritter von Thurneck. Der Mordanschlag, der unerhörte!—Auf! (Ab mit Gefolge.)
Der Graf vom Strahl. Gottschalk!
Gottschalk (außerhalb). He!
Der Graf vom Strahl. Mein Schwert! Mein Schild! meine Lanze.
Neunter Auftritt
Das Käthchen tritt auf. Die Vorigen.
Käthchen (mit Schwert, Schild und Lanze). Hier!
Der Graf vom Strahl (indem er das Schwert nimmt und es sich umgürtet). Was willst du?
Käthchen. Ich bringe dir die Waffen.
Der Graf vom Strahl. Dich rief ich nicht!
Käthchen. Gottschalk rettet.
Der Graf vom Strahl. Warum schickt er den Buben nicht?—Du dringst dich schon wieder auf?
(Der Nachtwächter stößt wieder ins Horn.)
Zehnter Auftritt
Ritter Flammberg mit Reisigen. Die Vorigen.
Flammberg. Ei, so blase du, daß dir die Wangen bersten! Fische und Maulwürfe wissen, daß Feuer ist, was braucht es deines gotteslästerlichen Gesangs, um es uns zu verkündigen?
Der Graf vom Strahl. Wer da?
Flammberg. Strahlburgische!
Der Graf vom Strahl. Flammberg?
Flammberg. Er selbst!
Der Graf vom Strahl. Tritt heran!—Verweil hier, bis wir erfahren, wo der Kampf tobt!
Eilfter Auftritt
Die Tanten von Thurneck treten auf. Die Vorigen.
Erste Tante. Gott helf uns!