Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie
»Mir ist sehr wohl bewusst, welche Geschichten…
»Mir ist sehr wohl bewusst, welche Geschichten aus der Alten Zeit über die Menschen in Umlauf sind«, sagte Ithrondyr. »Ehrlich gesagt, ich selbst habe bis zu meiner Reise nach Tagora nicht wirklich geglaubt, dass es überhaupt jemals Menschen gegeben hat – obwohl Prinz Sandrilas ja offenbar einst sein Auge im Kampf gegen diese Rasse verlor. Doch Ihr wisst es selbst, mein König: Bei den Athranor-Geborenen vermischen sich manchmal Erinnerung und Legende, sodass sie häufig selbst nicht wissen, was von dem, woran sie sich zu entsinnen glauben, wirklich geschehen ist und was nicht.«
Da hatte Ithrondyr leider recht, wie Keandir wusste. Desto älter ein Elb wurde, desto mehr verblasste die Erinnerung an seine frühen Tage, mischte sich mit Geschichten und mit Mythen, und er konnte schließlich kaum mehr unterscheiden zwischen Wahrheit und Legende. Mit Demenz hatte dies nichts zu tun; es waren die Jahrtausende, deren Nebel die Erinnerungen immer mehr verhüllten, und so war nie sicher, ob derart alte Elben wie Prinz Sandrilas oder Fürst Bolandor nicht von einer falschen Erinnerung betrogen wurden, wenn sie beispielsweise von den legendären Menschen sprachen.
»Ich muss meine Meinung hinsichtlich der Menschen jedoch notgedrungen revidieren«, fuhr Ithrondyr fort, »doch frage ich mich auch, ob die Überlieferungen der Alten Zeit nicht recht tendenziös mit ihnen umspringen.«
»Ihr scheint sehr beeindruckt von den Bewohnern dieser Insel zu sein«, stellte König Keandir fest.
»Es könnte sich lohnen, mit den Tagoräern in Handelsverbindungen zu treten«, meinte Ithrondyr. »Ihre Kultur ist erstaunlich hoch entwickelt. Trotz ihrer schnellen Sterblichkeit besitzen sie große Bibliotheken, in denen sie ihr Wissen sammeln. Und auch die Fähigkeiten ihrer Seeleute scheinen mir beachtlich und mit den unseren durchaus vergleichbar. Zum Schutz ihrer Städte haben sie gewaltige Mauern errichtet, hinter denen sich gigantische Kampfmaschinen befinden; mit denen können sie riesige Steinbrocken auf den Feind schleudern. Und Armbrüste, so groß wie Pferdewagen, sind in der Lage, ein herannahendes Schiff mit einem armdicken Bolzen auf eine Distanz von fast dreihundert mittleren Schiffslängen zu durchschlagen.«
Die letzten Bemerkungen des Kapitäns ließen den König aufhorchen. »Also haben die Tagoräer ihre kostbar-knappe Lebenszeit in die Entwicklung derart wirksamer Kampfmaschinen investiert, anstatt alles zu genießen, was das Leben in dieser kurzen Spanne zu bieten vermag. Dafür muss es aber einen Grund geben, werter Ithrondyr.«
Kapitän Ithrondyr lächelte. »Ihr macht Euch Sorgen über einen mächtigen Feind, der möglicherweise irgendwo dort unten darauf wartet, seinen Einfluss Richtung Norden auszubreiten, nehme ich an. Ein Feind, der uns irgendwann gefährlich werden könnte.«
»Ist dieser Gedanke denn so abwegig – angesichts dessen, was Ihr mir berichtet habt?«, fragte Keandir.
»Mein König, ich habe den Tagoräern dieselbe Frage gestellt.
Und die Antwort war, dass diese Kampfmaschinen gegen ihre eigenen Leute gerichtet waren, so erstaunlich dies für elbische Ohren auch klingen mag.«
»Man wollte Euch doch nicht weismachen, auf Tagora herrsche ein ständiger Bürgerkrieg?«, fragte Keandir erstaunt.
Ithrondyr zuckte mit den Schultern. »Unser Aufenthalt in der Stadt Toban im Norden Tagoras dauerte nicht lang genug, um das letztlich beurteilen zu können. Aber man sagte uns, dass die Städte Tagoras lange in erbitterte Kriege mit wechselnden Koalitionen verwickelt gewesen wären und sich erst vor Kurzem zu einem geeinten Reich zusammengeschlossen hätten.« Ithrondyr seufzte. Sein Blick zeigte, wie sehr ihn die Erinnerung an diese Insel noch immer gefangen nahm. »Ihr hättet diese Pracht sehen sollen. Ihr solltet selbst dorthin reisen, um Euch ein Bild zu machen.«
»Das werde ich gewiss«, versprach Keandir. »Aber bis dahin wird es noch eine Weile dauern. Zuerst muss der Aufbau des Reichs weiter vorangetrieben werden.«
So sprach Keandir, in Wirklichkeit aber war er gegenüber den Tagoräern misstrauisch. Nicht nur die Legenden und alten Schriften wussten von den Menschen zu berichten und stellten sie nicht im besten Licht da, auch Prinz Sandrilas hatte dereinst mit ihnen zu tun, und auch wenn der Einäugige kaum etwas von seinen Begegnungen mit den Menschen erzählte, er schien nicht besonders von ihnen eingenommen gewesen zu sein.
Ithrondyr nickte zu den letzten Worten seines Königs. Es mochte gut sein, dass sich kein Tagoräer mehr an die Seefahrer aus dem fernen Elbiana erinnerte, wenn das nächste Mal ein Elb seinen Fuß auf diese Insel setzte, weil dann inzwischen wahrscheinlich schon mehrere Menschengenerationen vergangen waren. »Eines will ich nicht unerwähnt lassen, mein König«, ergriff er noch einmal das Wort. »Im Tagoräer-Hafen von Danabar – dem letzten Punkt unserer Reise – wusste man von den Schiffen Fürst Bolandors zu berichten. Sie haben auf der Insel Tagora angelegt, dort Vorräte an Bord genommen und sind dann weitergesegelt.«
»Weiß man, in welche Richtung?«, fragte Keandir, wobei sich seine Gesichtszüge verhärteten.
»Sie sollen in ein Gewässer, das die Tagoräer als das Pereanische Meer bezeichnen, in Richtung Westen gesegelt sein. Aber wie zuverlässig diese Angaben sind, wage ich nicht zu beurteilen.«
Keandir dachte: Mögen die Namenlosen Götter mit Fürst Bolandor und den Seinen sein, wenn sie schon nicht mit uns sind!
Noch vor dem nächsten Winter war es der Heilerin Nathranwen zusammen mit einigen talentierten Kollegen aus der elbischen Heilerzunft gelungen, aus den Blütenblättern der Sinnlosen einen Extrakt zu gewinnen, der sich wiederum weiterverarbeiten ließ zu einem Mittel, das die Symptome des Lebensüberdrusses so stark abdämpfte, dass sie kaum noch bemerkbar waren. Ein Mittel, das auch jenen neue Hoffnung bot, die bis dahin als aussichtslose Fälle gegolten hatten. Es konnte zwar den Lebensüberdruss nicht gänzlich heilen, aber jemand, der das Mittel aus dem Extrakt der Sinnlosen und ein paar weitere Zutaten regelmäßig und in richtiger Dosierung zu sich nahm, würde zumindest nicht an dieser Krankheit zugrunde gehen. Vorausgesetzt, der Betreffende kam nicht eines Tages auf die irrige Idee, das Mittel abzusetzen, was zu einer umso heftigeren Rückkehr der Symptome führte, während eine Überdosierung den Verstand kosten konnte.
Weit weniger erfolgreich hingegen war Thamandor bei der Verwendung des Extrakts der Sinnlosen. Entgegen der alten Schriften der Heiler ließ sich nicht mal ein brauchbarer Zusatz für die Gifte gewinnen, die der Waffenmeister ohnehin verwendete. Und was die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers betraf, so fand er einfach keinen Zugang zu jener Magie, die diesen Artefakten zweifellos noch immer innewohnte.
Zumindest wurde ihm das Vorhandensein von Magie durch mehrere Schamanen unabhängig voneinander bestätigt, deren Sinne in dieser Hinsicht besonders geschult waren.
Der Oberste Schamane Brass Shelian wollte den Waffenmeister darauf vorbereiten, dass seine Bemühungen möglicherweise von vornherein zum Scheitern verurteilt waren, indem er zu Thamandor sagte: »Es kann durchaus sein, dass die hier verwendete Magie so fremdartig ist, dass Ihr keinen Zugang zu ihr finden werdet.«
»Ich bin nicht als jemand bekannt, der schnell aufgibt«, entgegnete Thamandor. »Bei so mancher Erfindung, die ich gemacht habe, musste ich auch lange Irrwege gehen, bevor ich schließlich doch zum Ziel gelangte.«
»Man sollte allerdings auch wissen, wann man sich auf einem Weg befindet, den weiterzubeschreiten nicht mehr sinnvoll ist«, gab der erhabene Brass zu bedenken. Er hatte seine Worte sehr vorsichtig gewählt, da er das bisweilen recht aufbrausende Temperament des seegeborenen Waffenmeisters nur zu gut kannte.
»Ich kann mich nicht erinnern, je an einen solchen Punkt geraten zu sein, und ich wüsste nicht, weshalb das ausgerechnet jetzt der Fall sein sollte.«
»Oh, ich kann mich aber durchaus an eine Situation erinnern, in der uns Eure Hartnäckigkeit beim Verfolgen Eurer Ziele fast ein Schiff gekostet hätte…«
»Pah!«, machte Thamandor. »Wenn Ihr darauf anspielt, dass meine Armbrustbolzen ein Loch in die Schiffswand rissen, dann solltet Ihr die Schuld für die beinahe eingetretene Katastrophe nicht bei mir suchen – sondern bei denjenigen, die bei der Ausbesserung zu lange zögerten und nicht schnell genug reagierten!«
Brass Shelian hob die Augenbrauen. »Eine interessante Interpretation der Geschehnisse«, sagte er und musste sich dabei große Mühe geben, den ironischen Unterton nicht zu deutlich hervortreten zu lassen.
Sommer und Winter wechselten sich ab, und der Bau von Elbenhaven ging sichtbar voran. Bald schon standen die ersten Wehrmauern und Gebäude. Hafenanlagen wurden errichtet, mit Kaimauern und Anlegestellen.
Die Zelte verschwanden nach und nach, und König Keandir zog mit seiner Gemahlin und den beiden Zwillingen in den Palast ein.
Oft stand er hinter den Zinnen von Elbenhaven und blickte auf die Stadt, die die Keimzelle Elbianas sein sollte. Ein Hafen, so wie es ihn nicht einmal in der Alten Zeit gegeben hatte, wie ihm viele Athranor-Geborene bestätigten.
Möglicherweise war deren Erinnerung dadurch getrübt, dass sie so lange Zeit überhaupt keinen Hafen mehr gesehen hatten, und vielleicht war dies der Grund, warum ihnen Elbenhaven größer und prächtiger erschien als selbst die legendären Elbenstädte Athranors – aber Keandir war es gleich. Die Elben hatten das Gefühl, mit den Mauern von Elbenhaven etwas wirklich Großartiges geschaffen zu haben – und das gab ihnen den Mut für weitere Herausforderungen.
Die Gebäude und Mauern der neuen Stadt waren prächtig in die felsige Landschaft in Ufernähe eingepasst, sodass man sie aus einiger Entfernung für gewachsen und nicht für erbaut halten konnte. »Man hat sich zweifellos der besseren Eigenschaften elbischer Architektur erinnert«, musste selbst der uralte Fährtensucher Lirandil anerkennen, der immer große Zweifel gehabt hatte, ob die Elben der Herausforderung noch in ästhetischer Hinsicht gewachsen waren. Schließlich war es sehr lange her, dass die Athranor-geborenen Baumeister ihr Handwerk hatten ausüben können – und die Seegeborenen waren diesbezüglich ja vollkommen ohne Praxis.
»Meinen Glückwunsch und meine Anerkennung, mein König!«, wandte sich Lirandil einmal an Keandir, als dieser nachdenklich an den Zinnen stand und hinaus auf das tosende Meer blickte. »Ich hatte schon befürchtetet, dass aus Elbenhaven lediglich eine elbische Form irgendeiner Barbarensiedlung wird, die möglicherweise ihren Zweck erfüllt, indem sie uns zu wärmen und zu schützen vermag, aber eine Beleidigung für jedes Auge darstellt, dass sie betrachtet.«
»Und das ist Eurem strengen Urteil nach nicht der Fall?«, fragte Keandir schmunzelnd.
»Nein, ganz und gar nicht. Dies ist eine Stadt, auf die wir stolz sein können.«
»Es wird nicht die letzte sein, werter Lirandil. Die Orte, wo wir weitere Häfen an der elbianitischen Küste errichten werden, wurden von unseren Kapitänen bereits ins Auge gefasst. Spätestens im nächsten Frühjahr werden die ersten Siedler dorthin aufbrechen.«
»Es liegt wohl in der Natur der Elben, dass sie nicht in zu großer Zahl an einem Ort leben wollen«, glaubte der Fährtensucher.
»Vielleicht eine Nachwirkung der langen Seereise«, meinte Keandir.
Aber in diesem Punkt war Lirandil anderer Ansicht. »Ich glaube nicht, dass darin der Grund liegt. Schon in Athranor neigten die Elben dazu, sehr verstreut zu leben.«
»Der Ausbreitung unseres Reichs wird das nur entgegenkommen«, war Keandir überzeugt.
Kinderlachen drang an seine Ohren, und er wandte sich vom Meer ab. Er sah Ruwen mit den Zwillingen, die bereits ihre ersten unsicheren Schritte über das Pflaster des inneren Burghofs von Elbenhaven machten.
»Andir und Magolas!«, sagte der König, und ein verklärtes Lächeln erschien auf seinem Gesucht. »Sie sind die Zukunft…«
»Sie entwickeln sich erstaunlich schnell«, meinte Lirandil.
»In der Alten Zeit war es üblich, dass Elbenkinder im Durchschnitt hundert Winter brauchten, um erwachsen zu werden. Aber deine beiden Sprösslinge können es offenbar gar nicht abwarten, groß zu werden.«
»Keiner von ihnen will hinter dem anderen zurückstehen«, glaubte Keandir. »Sie haben bereits damit begonnen, einzelne Worte zu sprechen.«
»Viele Elbenkinder sind in den letzten Sommern geboren worden«, sagte Lirandil. »Mehr als in all den letzten Zeitaltern zusammen.«
Keandir nickte. »Eines Tages werden die Zwischenland-Geborenen die Mehrheit sein. Sie können sich mit vollem Recht als Elbianiter bezeichnen – als die Bewohner Elbianas, deren Heimat dieses Land ist.«
Damit wandte sich Keandir ab und ging zu Ruwen und den Zwillingen.
Von dem Feuermal, das Magolas’ Kopf zeichnete, war nichts zu sehen. Ruwen achtete sehr darauf, dass dieser Makel vom Haar des Jungen bedeckt war, und ließ es aus diesem Grund lang wachsen, obwohl es in seinem Alter eigentlich üblich war, es kurz zu scheren. Als Keandir sie einmal darauf ansprach, hatte sie gesagt: »Es ist nun mal Teil unserer Art, dass wir nach Vollkommenheit streben, Kean. Das ist unser Schicksal.«
»Welches Schicksal auch immer für uns gegolten haben mag, es existiert nicht mehr«, hatte Keandir erwidert. »Es bindet uns nicht mehr, weil ich seine Fesseln zerschlug. Und vielleicht müssen alle in Zukunft Makel der einen oder anderen Art akzeptieren. Sowohl an uns selbst als auch an jedem anderen.
Und vor allem an unseren Kindern. Dies ist kein zeitloses Nebelmeer, in dem uns nichts weiter zustoßen kann als der Lebensüberdruss, von dem es keine Heilung gab. Dies ist Elbiana – ein wildes Land, das uns mehr prägen wird, als wir es bisher auch nur erahnen.«
»Ich kann nicht aus meiner Haut, Kean. Ich bin nun einmal eine Elbin, und das Trachten nach Harmonie und Gleichmaß wurde mir in die Wiege gelegt. Aber Magolas…«
»Magolas entspricht nicht der Harmonie? Willst du das damit sagen?«
»Es ist, wie es ist, Kean. Vielleicht hat sich bereits sehr viel schneller ein neues Netz des Schicksals herausgebildet, als Ihr dachtet.«
Keandir hatte diese Unterredung mit seiner Gemahlin noch gut in Erinnerung, als er in die Knie ging und die Arme ausstreckte. Die beiden Jungen stolperten mit noch unsicheren Schritten auf ihn zu. Ihre Augen leuchteten freudig erregt.
Kurz bevor sie ihren Vater erreichten, gab Magolas seinem Bruder einen Schubs, sodass dieser auf das Pflaster fiel.
Magolas warf sich in die Arme seines Vaters, während Andir wütend schrie. Schon im nächsten Moment war Ruwen bei ihm, nahm ihn vom Boden auf und tröstete ihn.
Im darauffolgenden Sommer wurde nördlich von Elbenhaven eine zweite Elbenstadt gegründet – Westgard. Und noch im Herbst brachen mehrere Schiffe auf, um an der Meerenge zwischen West-Elbiana und dem Kontinent die Orte Elralon und Hochgond zu gründen.
Sommer für Sommer breitete sich das Reich der Elben ein Stück weiter aus. Auf dem Seeweg drangen die Elben nach Norden und nach Süden entlang der Küste vor, während die Fortschritte in der Pferdezucht es möglich machten, auch über Land Vorstöße zu unternehmen.
Andir und Magolas wuchsen in diesen Jahren zu aufgeweckten Jungen heran, die sich zwar äußerlich –
abgesehen von Magolas’ Feuermal – vollkommen glichen, aber ansonsten sehr verschieden waren. Andir war der Ruhigere von beiden. Er war oft in sich gekehrt und konnte stundenlang damit verbringen, das Meer zu beobachten oder in den uralten Schriften des Elbenvolks zu stöbern, die in einer großen Bibliothekshalle in Elbenhaven untergebracht waren. In seinem vierten Sommer erlernte er das Lesen fast wie von selbst, und sein Wissensdurst fiel auch den schriftgelehrten Schamanen auf, die in der Bibliothek Dienst taten: Eines Tages überraschte er diese, indem er sie in einer Geheimsprache anredete, die sich ein Elb namens Padarondir der Wie-ein-Wasserfall-Sprechende während der Seereise zum Zeitvertreib ausgedacht und darüber ein Wörterbuch verfasst hatte. Schon bald packte Andir sogar der Ehrgeiz, auch die Geheimsprache der Alten Heiler zu erlernen; vor vielen Epochen waren einige unter ihnen der Ansicht gewesen, dass in falsche Hände geratenes Heilerwissen nur Schaden anrichten könnte, und daher hatten sie sich dieser Sprache bedient.
Sein Bruder Magolas hingegen tat alles, um möglichst rasch die Kampftechniken eines Kriegers zu erlernen. Gespannt hörte der Junge zu, wenn die Kapitäne Isidorn, Ithrondyr oder Garanthor, von ihren Entdeckungsfahrten zurückgekehrt, berichteten, was sie gesehen und erlebt hatten. Gleiches galt für die Mitglieder der Expeditionen ins Inland, die zunächst ganz Hoch- und West-Elbiana erforschten, bevor sie in Mittel-Elbiana bis zum östlichen Arm des Flusses Tir vordrangen.
Doch so unterschiedlich die Interessen der beiden Elbenjungen zunächst auch sein mochten, so blieben sie doch stark aufeinander bezogen. Wenn der eine etwas bekam, wollte der andere das Gleiche oder etwas noch Besseres. Und wenn einer von ihnen etwas erlernt hatte, so ließ der andere nicht locker, bis er dieselbe Fähigkeit und dasselbe Wissen auch erworben hatte. So verbrachte Magolas unzählige Stunden mit Andir in der Bibliothek und erlernte die Schriftsprache nur wenig später als sein Bruder – wenn auch mit mehr Mühe –, während Andir sich mit Magolas stundenlang im Kampf mit Holzschwertern maß. Die Geschichten der Kapitäne versäumte keiner von ihnen.
Nachdem Andir das Wörterbuch des Padarondir entdeckt hatte, schlug er Magolas vor, doch ebenfalls eine Geheimsprache zu entwickeln, sodass sie sich untereinander verständigen könnten, ohne dass die Eltern oder andere Elbenkinder sie verstünden. Magolas war von der Idee begeistert.
Als Ruwen zum ersten Mal mitbekam, dass sich ihre Söhne untereinander in einer eigenen Sprache berieten, war sie glücklich, denn sie hielt es für einen Beweis, dass es trotz aller Rivalität offenbar auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden gab und dass das Verbindende das Trennende aufhob.
Immer wieder musste Ruwen nämlich an den Traum denken, in dem sie zwei erwachsene, sich völlig ähnlich sehende Elben in einem erbitterten Kampf gesehen hatte. Sie war sich sicher gewesen, dass diese beiden Elben ihre beiden Zwillinge waren.
Dass dieser Traum nur ein Spiegelbild ihrer damaligen Ängste gewesen sein könnte, ließ sie nicht gelten, denn sie hatte in diesem Traum die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers genau erkannt.
Aber womöglich hatte Keandir recht: Das vorbestimmte Schicksal, dass ihr der Traum gezeigt hatte, existierte nicht mehr, seit Keandir den Furchtbringer besiegt hatte. Die Einigkeit der beiden Zwillinge schien ihr ein Beweis dafür…
Als die Jungen den achten Sommer erlebten, sollte sich Ruwens Hoffnung jäh zerschlagen. Brass Shelian und ein Schamanen-Novize griffen die beiden Jungen in der »Halle des Gedenkens« auf, die König Keandir in Elbenhaven eingerichtet hatte. Sie bestand aus einem großen Kuppelbau, in denen der Geschichte Elbianas gedacht werden sollte. So waren dort unter anderem der hölzerne Altar von Gorthráwen der Schwermütigen und die beiden Zauberstäbe des Augenlosen Sehers zu finden. Thamandor hatte inzwischen die Hoffnung weitgehend aufgegeben, die den Stäben innewohnende Magie irgendwann noch einmal wecken zu können. Zuletzt hatte der Waffenmeister sogar versucht, mithilfe einer Überdosis des Extrakts der Sinnlosen genügend geistige Kraft dafür zu gewinnen, und war bei diesem Experiment beinahe wahnsinnig geworden; nach Ansicht der Heiler konnte er froh sein, nicht ins Reich der verblassenden Schatten eingegangen zu sein.
Dies war dem Waffenmeister eine Warnung gewesen, und er hatte sich anderen Projekten zugewandt. Insbesondere die Erzählungen Kapitän Ithrondyrs von den riesigen Katapulten, welche die Tagoräer zur Verteidigung ihrer Städte gebaut hatten, interessierten ihn, und er verbrachte inzwischen den Großteil seiner Zeit damit, Konstruktionspläne für ähnliche Kriegsmaschinen zu erstellen, die die Städte und Burgen der Elben schützen sollten.
So waren die Zauberstäbe innerhalb weniger Jahre zu reinen Devotionalien der jüngeren elbischen – genauer gesagt: der elbianitischen – Geschichte geworden.
Was die beiden Jungen in die »Halle des Gedenkens«
getrieben hatte, vermochte niemand zu sagen, und die Betroffenen selbst schwiegen dazu. Tatsache war, dass Brass Shelian sie in einem wütenden Kampf miteinander erlebt hatte
– unmittelbar vor dem Altar der Gorthráwen, auf dem die Zauberstäbe noch immer gekreuzt aufgebahrt waren. Beide Jungen waren in einer so großen Heftigkeit aufeinander losgegangen, dass Brass Shelian um ihr Leben gefürchtet hatte.
Keiner von ihnen wollte später den Grund ihres Streits preisgeben. Auch nicht, nachdem Brass Shelian sie zu ihrer Mutter gebracht und Ruwen sie eindringlich danach gefragt hatte. Stattdessen gifteten sie sich gegenseitig in ihrer für alle anderen unverständlichen Geheimsprache an und wären um ein Haar erneut aufeinander losgegangen.
Ruwen erschrak zutiefst über dieses Vorkommnis, schien sich doch darin der Traum zu bewahrheiten, den sie während Keandirs Aufenthalt auf der Insel Naranduin gehabt hatte.
Auch Keandir versuchte in langen Gesprächen herauszufinden, was in der »Halle des Gedenkens« vorgefallen und der Anlass des Streits gewesen war. Doch die beiden Elbenjungen verloren darüber nicht ein einziges Wort.
Aber für einen kurzen Moment, als Keandir besonders eindringlich auf Magolas einredete, um ihn dazu zu bewegen, doch endlich mit der Wahrheit herauszurücken, füllten sich die Augen des Elbenjungen vollkommen mit Schwärze.
Für Keandir war dies wie ein Stich ins Herz.
Also auch du, mein Sohn Magolas!, durchfuhr es ihn.
Ruwen gegenüber schwieg Keandir über das, was er bemerkt hatte…
In seinem zehnten Jahr wollte Magolas unbedingt das Segeln und Reiten erlernen. Ersteres geschah mit einer Barkasse, die mit Mast und Segel ausgestattet wurde, sodass man mit ihr im Sommer die Küstengewässer befahren konnte. Kapitän Garanthor nahm sich beider Jungen an und brachte ihnen die Prinzipien des Segelns bei, denn natürlich wollte auch Andir diese Fähigkeit erlernen, als er merkte, dass sich sein Bruder für die Seefahrt zu interessieren begann.
Oft waren sie im Sommer den ganzen Tag auf dem Wasser und segelten die Küste entlang. In südliche Richtung fuhren sie bis zur Meerenge zwischen West-Elbiana und dem Kontinent, im Norden bis zur inzwischen erheblich gewachsenen Siedlung Westgard.
Dann verfiel Magolas auf die Idee, bis hinauf zu Naranduin, der Insel des Augenlosen Sehers, zu segeln, die von den elbischen Seeleuten noch immer gemieden wurde.
»Ist das nicht gefährlich?«, fragte Andir.
»Unser Vater war auch dort, und alles, was uns irgendwie gefährlich werden könnte, hat er mit seinem Schwert Schicksalsbezwinger erschlagen«, erwiderte Magolas.
»Nicht die Ouroungour; sie sollen dort immer noch hausen.
Und außerdem soll die gesamte Insel ein Ort finsterer Magie sein.«
»Ich dachte, du interessierst dich so für die Magie der alten Schriften, Andir.«
»Das ist wahr.«
»Doch die Magie Naranduins soll um Äonen älter sein als alles, was unser Volk kennt.«
Sie stritten sich, ohne dass ein Außenstehender den Grund dafür mitbekam, denn sie benutzten ihre eigene geheime Sprache, von der sie sich gegenseitig geschworen hatten, niemand anderen darin einzuweihen, und zwar unter keinen Umständen. Schließlich einigten sie sich, den guten Wind zu nutzen und nur bis Westgard zu segeln. Dafür waren sie mehrere Tage unterwegs – eine Zeitspanne, die bei Elbeneltern noch keineswegs Anlass zur Sorge war, wenn ihre Kinder so lange von zu Hause wegblieben; für einen seegeborenen Elben waren ein paar Tage nichts weiter als ein Dutzend Atemzüge, für das Zeitempfinden vieler Athranor-Geborener glichen sie einem Herzschlag. Für ein paar Tage konnten Elbenkinder zudem ihr Wachstum einstellen und ihre Körperfunktionen einschränken, sodass sie in dieser Zeit ohne Nahrung auskamen. Also bestand auch in dieser Hinsicht kein Grund zur Sorge.
So fuhren Andir und Magolas mit ihrer Barkasse die Küste entlang bis Westgard, und dort machte Magolas erneut einen Vorschlag: Sie sollten wenigstens weitersegeln, bis sie die Küste Naranduins erspähen könnten. »Einmal möchte ich jenen Ort sehen, an dem unser Vater das alte Schicksal zerschlug und die neue Welt geschaffen wurde.«
Nach einer längeren Diskussion gab Andir schließlich nach, machte aber zur Bedingung, dass man zunächst Brass Zerobastir, den Schamanen von Westgard, nach den Wetteraussichten befragte, und als Brass Zerobastir voraussagte, dass sich das Wetter und die Windrichtung in den nächsten Tagen nicht ändern würden, brachen sie auf. Andir verlangte jedoch, dass sie einen Abstand von der Küste dieses Eilands hielten, der gerade noch klare Sicht für Elbenaugen erlaubte. »Und wir werden nicht in das Nebelmeer vordringen«, fügte er noch hinzu.
»Bist du denn gar nicht neugierig, wie es dort ist?«, fragte Magolas.
»Ich bin jedenfalls nicht neugierig darauf, mich dort zu verlieren und die Zeit zu vergessen«, erklärte Andir.
Magolas zuckte daraufhin mit den Schultern. »Ein paar Jahrhunderte im zeitlosen Nebelmeer und danach zurückkehren und Einzug in ein bereits prächtig erblühtes Elbenreich Elbiana halten, das wär’s doch. Sobald wir groß sind, wird uns unser Vater sicherlich mit allerlei Pflichten am Aufbau des Reiches beteiligen wollen, doch dieser Anstrengung könnten wir auf diese Weise entkommen.«
»Es könnte sein, dass wir nie wieder aus dem Nebelmeer herausfinden, Magolas.«
Magolas seufzte. »Du bist so verflucht ängstlich! Kaum zu glauben, dass wir von denselben Eltern abstammen.«
»Nein, ich bin nur vorsichtig. Das ist etwas anderes.«
Sie segelten also auf Naranduin zu, bis sie in der Ferne dessen Küste auftauchen sahen und schließlich das Bergmassiv mit dem Affenkopf. Im Nordwesten war eine graue Nebelwand zu sehen.
Andirs Sinne waren längst geschärft genug, um die Nähe magischer Kräfte deutlich zu spüren. Das Unbehagen in ihm wuchs, je näher sie Naranduin kamen.
Bei Magolas jedoch war von diesem Unbehagen nichts zu spüren. Er saß an der Ruderpinne und wirkte zufrieden. Der Wind fuhr ihm durch das dunkle Haar, und sein Gesichtssausdruck wirkte entschlossen.
»Lass uns umkehren«, sagte Andir. »Die Magie, die hier herrscht, können wir nicht in die Schranken weisen!«
»Nicht einmal ein Vielleser alter Schriften wie du?«, höhnte Magolas.
»Wir wissen nicht, ob der alte Zauber, der die Insel damals umgab, vielleicht wieder aktiv ist und wir Naranduin nie wieder verlassen können, wenn wir ihr uns zu weit nähern.«
»Unser Vater hat den Bann gebrochen«, sagte Magolas.
»Was soll uns geschehen? Und die Ouroungour scheinen nicht hinaus aufs offene Meer zu fliegen, sonst wären sie längst schon in Westgard gesichtet worden, was nicht der Fall ist. Du weißt, dass ich mich danach erkundigt habe.«
»Was wissen wir schon, Magolas!«, sagte Andir besorgt.
Sein Bruder lachte. »Nach dieser Fahrt werden wir jedenfalls mehr wissen!«
»Nein, wir kehren um!«, beharrte Andir.
Erneut lachte Magolas, und für einen Moment sah Andir, wie sich die Finsternis in den Augen seines Bruders ausbreitete und sie vollkommen ausfüllte. Dann beugte sich Magolas und zog das Segel etwas strammer, sodass er härter am Wind fahren konnte.
Andir stürzte sich auf ihn, riss ihn von der Ruderpinne weg.
Die Barkasse drehte in den Wind, das Segel hing schlaff herab, und das Boot verlor innerhalb eines Augenblicks die Fahrt und dümpelte nur noch in den Wellen. Die beiden Elben kämpften, rangen miteinander, und die Barkasse schaukelte dabei so stark, dass ein Schwall Wasser über die Bordwand schwappte.
Dann ergriff Andir eines der eingezogenen Ruder, die bei Flaute benutzt wurden, schlug zu und traf Magolas am Kopf.
Elbenblut rann aus einer Platzwunde, die sich schon zwei, drei Herzschläge danach wieder zu schließen begann. Aber der Schlag war zu heftig gewesen. Wie ein gefällter Baum fiel Magolas der Länge nach ins Boot und blieb bewusstlos liegen.
Andir wendete das Boot, während sein Bruder bewusstlos dalag. Zunächst sickerte noch Blut aus der Wunde an seinem Kopf und wurde vom Holz der Barkasse aufgesogen, sodass dort für immer ein dunkler Fleck bleiben würde, aber nachdem Andir nach der Wende das Segel wieder festgezurrt und die Barkasse mit seitlichem Wind auf Kurs gebracht hatte, bemerkte er, dass der Blutfluss verebbt war und sich die Kopfwunde bereits wieder schloss. Es dauerte nicht mehr lange, und es war nichts mehr von ihr zu sehen, so als hätte es sie nie gegeben. Lediglich der Blutfleck im Holz zeugte davon, dass sie existiert hatte.
Die Selbstheilungskräfte der Elben waren sprichwörtlich und übertrafen wahrscheinlich diejenigen fast aller anderen Geschöpfe. Und im Laufe der Jahrtausende hatten die elbischen Heiler ein reichhaltiges Wissen darüber angesammelt, wie diese körpereigenen Heilungskräfte durch den Einsatz von Magie oder wirksame Essenzen noch gefördert werden konnten. Aber das, was Andir bei seinem Bruder sah, übertraf alles, wovon er je gehört hatte, selbst die Geschichten über wundersame Heilungen, die sich die Athranor-Geborenen erzählten.
Andir schauderte es vor seinem Bruder, und er fragte sich, ob diese besondere Heilkraft vielleicht in irgendeiner Form mit der Finsternis zusammenhing, die er in den Augen von Magolas gesehen hatte. Eine dunkle Magie schien in ihm beheimatet, und sie war vielleicht dafür verantwortlich, dass Wunden, die er sich zuzog, so rasch heilten. Doch da war noch ein anderer Gedanke, der Andir zu schaffen machte.
Sie waren Zwillinge und glichen sich in beinahe jeder Hinsicht. War es da nicht naheliegend anzunehmen, dass die Finsternis, die offenbar von seinem Bruder Besitz ergriffen hatte, auch tief in Andirs Seele verborgen war? Andir versuchte sein Inneres zu erforschen und fand nichts dergleichen. Aber das musste nichts heißen. Möglicherweise wusste sich die Finsternis in ihm gut zu verbergen und wartete nur auf den richtigen Augenblick, um sich entfalten zu können.
Andir hatte in den alten, noch in Athranor mit Elbenseide gebundenen Folianten, die die Bibliothek von Elbenhaven füllten, vom Unterschied zwischen schwarzer und weißer Magie gelesen – und davon, wie zerstörerisch Erstere letztlich auf denjenigen wirkte, der sie anwandte und von ihr besessen wurde. Aber wie so häufig hatte es zu diesem Thema schon in Athranor unter den elbischen Gelehrten sehr unterschiedliche Meinungen gegeben, sodass sich in den Schriften zu jeder Theorie auch die gegenteilige Position mit guten Argumenten untermauert finden ließ.
Als Magolas erwachte, sagte er kein Wort. Er blickte in Richtung der Insel Naranduin, so als wäre dies ein Ort unerfüllter Sehnsucht und nicht eine Stätte namenlosen Schreckens, und schwieg.
Sie gingen bei den Anfurten von Westgard kurz an Land. Dort war man sehr mit dem Aufbau des Hafens beschäftigt, und der Anteil von Elbenkindern unter den dort siedelnden Elben war sehr hoch. Sie waren schon beim ersten Besuch der Zwillinge am Strand zusammengelaufen und hatten die beiden aufgrund ihrer Ähnlichkeit bestaunt. Das taten sie auch diesmal, aber zum ersten Mal wurde Andir bewusst, dass da eine unsichtbare Grenze zwischen ihm und seinem Zwillingsbruder auf der einen Seite und all diesen anderen Kindern bestand, die in den letzten Jahren das Licht der Welt erblickt hatten.
Vielleicht war es nicht nur die gemeinsam erfundene Sprache und ihre verblüffende Ähnlichkeit, was sie beide von allen anderen absonderte. Dass sie königlichen Geblütes waren, spielte dabei keine große Rolle, denn Elbenkönige hatten sich immer als Teil ihres Volkes verstanden und weder hinsichtlich der eigenen Person noch bezüglich ihrer Familien eine besondere Distanz zur Bevölkerung aufkommen lassen.
Nein, es könnte auch ein gemeinsamer Fluch sein, der Magolas und ihn von allen anderen innerlich trennte, erkannte Andir. Ein Fluch, der mit den düsteren Mächten zu tun haben musste, denen ihr Vater auf Naranduin begegnet war…
Irgendwann, wenn er stark genug war, diesen Kräften zu widerstehen, würde er vielleicht auf dieser verfluchten Insel nach den Ursprüngen dieses Fluchs suchen, sagte sich Andir.
Vielleicht hatte Magolas etwas Ähnliches in sich gespürt und deshalb den unstillbaren Drang gehabt, den Boden Naranduins zu betreten.
Auch auf der gesamten Fahrt die Küste zwischen Westgard und Elbenhaven entlang sprachen die Brüder kein Wort mehr miteinander, weder am Tag noch in der Nacht. Andir hatte die ganze Zeit über die Ruderpinne in der Hand. Für einen Elben war es keine Schwierigkeit, das Schlafbedürfnis für ein paar Tage oder sogar Wochen zu unterdrücken, auch wenn es insbesondere bei sehr jungen Elben meistens noch so war, dass sich der Schlaf-Wach-Rhythmus am Wechsel von Tag und Nacht orientierte; bei sehr alten Elben war er häufig völlig losgelöst davon.
Magolas beteiligte sich nicht an den an Bord anfallenden Aufgaben. Er half beim Wenden nicht, das Segel festzuzurren, und er schöpfte auch kein Wasser, wenn eine Welle Gischt über die Bugwand spritzte. Er saß einfach nur da und starrte vor sich hin. Andir sprach ihn in ihrer gemeinsamen Sprache endlich an, etwa einen halben Tag, bevor sie Elbenhaven erreichten.
Magolas blickte nur auf und antwortete: »Du redest eigenartiges Kauderwelsch, Andir. Elbensprache kann das nicht sein.«
Andir verstand. Sein Bruder wollte nicht mit ihm reden.
Vielleicht war vor der Küste Naranduins etwas zwischen ihnen zerbrochen, was sie bis dahin bei aller Unterschiedlichkeit miteinander verbunden hatte.
Nachdem sie Elbenhaven erreicht hatten, legten sie mit der Barkasse im Hafen an und gingen anschließend in verschiedene Richtungen davon.
Ruwen fragte Andir danach, wo sie denn so lange gewesen seien.
»Sind ein paar Tage Abwesenheit schon neuerdings Grund, sich Sorgen zu machen?«, fragte Andir zurück. »Den Geschichten nach, die man sich erzählt und die ich las, fanden es Elbeneltern in Athranor durchaus nicht ungewöhnlich, wenn sich ein Kind mal für einen ganzen Sommer in den Wald zurückzog, um einem Setzling beim Wachsen zuzusehen.«
»Ja, aber das sind eben nun mal Geschichten, Andir, und wir wissen nicht, welche Übertreibungen sie enthalten«, entgegnete Ruwen, die irgendwie spürte, dass die Bootsfahrt der beiden Brüder nicht so verlaufen war wie die vielen anderen davor. Aber so sehr sie sich auch bemühte, Andir weigerte sich, mit ihr darüber zu sprechen. Und auch, als sie später Magolas auf ihre Seereise nach Norden ansprach, wollte dieser darüber kein Wort verlieren.
Ruwen sprach mit König Keandir darüber, doch dieser versuchte sie zu beruhigen. »Die beiden teilen eine Welt, zu der niemand sonst Zugang hat«, sagte er. »Das zeigt sich nicht nur in der gemeinsamen Sprache, mit der sie uns von ihren Unterhaltungen bisweilen ausschließen. Da ist noch sehr viel mehr – trotz ihrer Rivalität und der harten Auseinandersetzungen, die es manchmal zwischen ihnen gibt.«
»Du meinst also, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen?«
»Ich denke nicht.«
»Nun, ich habe eher den Eindruck, dass dieses Schweigen der beiden kein Zeichen für den Bestand ihrer Gemeinsamkeit ist, sondern eher dafür, dass diese – aus welchem Grund auch immer – während dieser Bootsfahrt zerbrach.«
»Wäre nicht auch das der normale Gang der Dinge, Ruwen?
Jeder von ihnen muss zu einer eigenen Persönlichkeit heranwachsen. Irgendwann muss es zu einer Trennung kommen.«
Ruwen lächelte ihren Mann an. »Die unerschütterliche Zuversicht, die aus deinen Worten spricht, macht mir Mut.
Wahrscheinlich mache ich mir ganz umsonst Sorgen.«
»Gewiss«, sagte Keandir, nahm sie in den Arm und strich ihr zärtlich über das Haar.
Seine Sorglosigkeit hinsichtlich seiner Söhne war jedoch nur vorgetäuscht. In Wahrheit machte er sich Sorgen, seit er zum ersten Mal die Finsternis in Magolas Augen gesehen hatte.
Spätestens aber seit dem unerbittlichen Kampf der beiden Brüder in der Halle des Gedenkens vor zwei Jahren war ihm klar, dass sich der Fluch der Finsternis, den er von Naranduin mitgenommen hatte, auf geheimnisvolle Weise auch auf seinen Sohn Magolas übertragen haben musste. Dieselben dunklen Kräfte, die in den Tiefen seiner eigenen Seele wuchsen, waren zweifellos auch in den Jungen gedrungen, auch wenn er sich nicht erklären konnte, wie das geschehen war. Er fühlte sich Magolas auch näher, denn sie teilten ein Schicksal. Aber gleichzeitig war Magolas für Keandir auch wie ein Spiegelbild seiner selbst, das ihm die Abgründe der eigenen inneren Dunkelheit umso bewusster machte. Lange Zeit hatte Keandir es geschafft, den Gedanken an jene Finsternis, die in ihm und in seinem Sohn war, zu verdrängen. Der Aufbau von Elbenhaven und später der von Westgard waren vordringlich gewesen. Aber nun konnte er nicht länger vor sich selbst leugnen, dass irgendetwas in ihm war – etwas, das ihn beunruhigte. Und es war nicht nur in ihm. Zu qualvoll war das Schaudern geworden, das er immer öfter empfand, wenn er seinen Söhnen begegnete.
Vor Magolas schauderte ihn, weil er in ihm die Schatten seiner eigenen Seele sah. Aber vor Andir schauderte ihm ebenfalls, wenn auch aus genau dem entgegengesetzten Grund.
Denn so sehr er sich auch bemühte, er fand beim Älteren seiner Zwillinge keinen vergleichbaren Makel. Weder hatte er je gesehen, wie Finsternis Andirs Augen ausfüllte, noch spürte er bei ihm eine Aura dunkler Magie. Und so führte Andir seinem Vater allein durch seine Existenz Tag für Tag vor, dass es vielleicht doch so etwas wie eine reine Seele geben konnte und die Abstriche, die der König am elbischen Ideal der Perfektion zu machen bereit war, vielleicht voreilig waren.
Hatte er sich nur nicht genug bemüht, die Schatten in seinem Inneren zu tilgen? War er nur zu schwach gewesen, um ihnen auf der Insel Naranduin zu widerstehen und ihnen den Eingang in seine Seele zu versperren?
Auch wenn er annahm, dass diese Dunkelheit schon immer Teil seiner selbst und jedes anderen Elben gewesen war und nur die besondere Magie des Augenlosen sie zum Vorschein gebracht hatte, dann beantwortete das nicht die Frage, wieso Andir im Gegensatz zu seinem Bruder vollkommen frei davon zu sein schien.
Ruwen hatte in den folgenden Nächten wieder jenen Traum von den beiden Elben, die sich mit den Zauberstäben des Augenlosen Sehers gegenseitig bekämpften. Sie berichtete Keandir davon, und das verstärkte die Sorgen des Königs noch.
Die beiden Jungen gingen sich aus dem Weg, seit sie aus dem Norden zurückgekehrt waren. Andir ließ sich von Branagorn dabei helfen, sich im Reiten zu vervollkommnen, und Magolas verbrachte ganze Tage in der Halle des Gedenkens; oft sah man ihn wie gebannt die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers anstarren. Als Keandir ihn dabei antraf und ihn darauf ansprach, entgegnete Magolas nur mit ein paar lakonischen Phrasen, doch den Grund für das Interesse, das er den Zauberstäben entgegenbrachte, nannte er nicht. Dennoch – die Faszination, die sie auf ihn ausübten, war unverkennbar.
Wochen vergingen, dann suchte Andir seinen Vater in dessen Turmzimmer auf, von wo aus der König weit über das Meer und über das zerklüftete Gebiet von Hoch-Elbiana blicken konnte. »Ich muss mit Euch sprechen, Vater«, sagte der Junge.
Keandir sah ihn an, hob die Augenbrauen und entgegnete:
»Du weißt, dass ich immer ein offenes Ohr für dich habe, Andir.«
»Es geht um meinen Bruder Magolas.«
»Geht es auch um das, was während eurer Fahrt nach Norden geschah?«
»Ja«, bestätigte Andir und nickte, »und es fällt mir schwer, darüber zu sprechen, denn in gewisser Weise verrate ich damit meinen Bruder. Wir haben uns nämlich geschworen, über gewisse Dinge nie mit anderen zu reden. Aber das Band zwischen uns ist zerrissen, und ich kann nun nicht mehr schweigen.«
»Du kannst mir alles sagen, Andir.«
Und so berichtete Andir erstmals von den Geschehnissen während der Bootsfahrt – davon, wie sie beinahe nach Naranduin gelangt waren, und dass Andir die vollkommen schwarzen Augen seines Bruders gesehen hatte.
Keandir versetzten die Worte seines Sohnes einen Stich.
Alles Verschweigen und Verdrängen half nun nichts mehr.
Auch wenn Andir noch sehr jung war, Keandir musste ihm die Wahrheit sagen. Der König hatte das Gefühl, dass sein Sohn sie ohnehin bereits instinktiv erahnte.
»Damals, als ihr in der Halle des Gedenkens miteinander gekämpft habt…«, begann Keandir mit belegter Stimme zu sprechen, sprach den Satz aber nicht zu Ende.
»… da habe ich dasselbe in Magolas’ Augen gesehen«, vollendete Andir für ihn. »Er sagte mir damals, er könne die Magie in den Zauberstäben wecken, wenn ich ihm dabei helfen würde.«
»Und das hast du verweigert?«
»Ja. Darum ging es bei dem Streit.«
»Magolas war damals ein Kind und ist es immer noch«, sagte Keandir. »Genau wie du. Und selbst würdet ihr beide über eine außergewöhnlich große magische Begabung verfügen, ihr wärt mit Sicherheit zu schwach gewesen, Magolas’ Plan in die Tat umzusetzen.« Der König sagte dies zwar an Andir gerichtet, aber er ahnte, dass er in Wirklichkeit sich selbst damit etwas einreden wollte.
»Es ist nicht zum Versuch gekommen«, sagte Andir. »Daher weiß ich nicht, ob es tatsächlich möglich gewesen wäre. Nur eines ist gewiss: In Magolas ist sehr viel von einer dunklen Kraft.«
Der König sah seinen Sohn offen an. »Diese Kraft ist auch in mir«, bekannte er. »Und es ist durchaus möglich, dass diese dunklen Schatten in Wahrheit nichts Fremdes sind, was von außen unsere reinen Seelen befleckte. Ich glaube viel eher, dass diese Dunkelheit in Wahrheit in der Seele jedes Elben schlummert und nur wachgerufen werden muss.«
Andir wich einen Schritt vor seinem Vater zurück. Er schluckte schwer und sagte schließlich: »Ich bin mir sicher, dass diese Theorie auf mich nicht zutrifft!«
»Wirklich? Hast du dich in den wenigen Sommern, die du schon lebst, bereits so genau erforschen können, dass du dies mit Sicherheit zu sagen vermagst? Ich hätte das in deinem Alter nicht gekonnt.«
»In mir ist nichts von jener Dunkelheit, die ich in Magolas’
Augen sah!«, wehrte Andir heftig ab.
»Ich wünsche dir von Herzen, dass es so ist, mein Sohn. Aber vielleicht wirst du diesen dunklen Kern eines Tages doch entdecken, und dann wirst du dich ihm stellen und die Schatten in dir beherrschen müssen.«
»Ist es wahr, dass der Schlüssel zu all diesen Dingen auf Naranduin zu finden ist?«, fragte Andir nach kurzem Schweigen. »Müssen Magolas und ich vielleicht tatsächlich eines Tages zu dieser Insel segeln, um die Schatten in uns zu besiegen?«
»Nein«, sagte Keandir mit Bestimmtheit. »Dort würdet ihr nichts finden als ein paar primitive Ouroungour und die Überreste eines Schicksals und eine Magie, für die in der neuen Zeit kein Platz mehr ist.«
Andir dachte nach. Er blickte aus einem der Fenster hinaus auf das Meer. »So seid Ihr sicher, dass Magolas nicht dem Bösen verfallen ist, Vater?«
»Ich bin mir so sicher, wie ich mir bei mir selbst sicher sein kann«, erwiderte er.
Noch am selben Tag ordnete Keandir an, dass die beiden Zauberstäbe des Augenlosen Sehers aus der Halle des Gedenkens entfernt und in ein tiefes Verlies unter dem Burgfried von Elbenhaven gebracht wurden, dass ursprünglich als geheime Schatzkammer geplant worden war. Dort ließ er die Stäbe einschließen.
Als Magolas dies bemerkte, suchte er sofort seinen Vater auf.
»Was ist der Grund dafür, dass Ihr die Symbole unseren neuen Reiches einschließt, sodass niemand sie sehen kann?«, rief er aufgebracht.
Keandir suchte nach einer geeigneten Antwort, die den Zorn des Jungen vielleicht zu dämpfen vermochte. »Vielleicht ist es die Anziehungskraft, die diese Gegenstände auf dich ausüben, mein Sohn. Vielleicht auch die Sorge, dass die Zauberstäbe nicht nur das Symbol unseres neuen Reiches sein könnten, sondern genauso das Zeichen deines Fluchs, der seit den Geschehnissen auf Naranduin auf uns lastet.«
Magolas sah seinen Vater an. Für ein Kind war dieser Blick von ungewöhnlicher Entschlossenheit und Festigkeit. »Andir hat dir alles verraten, nicht wahr?« Es war keine Frage, die da über Magolas’ Lippen kam, sondern eine Feststellung. Seine Züge veränderten sich. Ein paar gerade Linien, die zu seinem jungen, glatten Gesicht gar nicht passen wollten, fürchten sein Gesicht. Seine Miene verriet eine Mischung aus Wut und Enttäuschung. »Ich verstehe«, murmelte er. »Ihr habt Angst davor, dass da etwas in mir ist, das sich mit der Magie der Zauberstäbe verbinden könnte, Vater. Eine Finsternis, die meine Augen manchmal für kurze Momente vollkommen dunkel werden lässt. Ich habe es selbst in den Spiegeln unserer Wandelhalle gesehen. Und ich habe das Entsetzen in den Augen meines Bruders gesehen, als er es zum ersten Mal bemerkte.« Magolas’ Gesichtsfarbe wurde dunkelrot. Er schluckte. Es war ihm anzusehen, dass er auf das Äußerste angespannt war.
Keandir machte einen Schritt auf seinen Sohn zu. »Magolas, ich bin nur ein Vater, der voller Sorge um sein Kind ist und nicht möchte, dass es zum Spielball dunkler Kräfte wird, die es nicht zu beherrschen vermag.«
Magolas aber schüttelte den Kopf und hob in einer Geste der Abwehr die Hand. »Nein, Vater, Ihr sorgt Euch nicht nur um mich. Ich habe auch das Entsetzen in Euren Augen gesehen!«
»Magolas…«
»Ihr solltet mich nicht verurteilen und mich nicht als jemanden sehen, in dem die Macht des Bösen schlummert!
Denn die gleiche Finsternis habe ich in Euren Augen bemerkt, mein Vater! Nur einen Herzschlag lang, und ich nehme an, dass es niemand mitbekam, der nicht darauf geachtet hat – aber ich sah sie!«
König Keandir wollte seinen Sohn in die Arme nehmen, um ihn zu trösten, aber Magolas wich ihm aus und rannte mit Tränen in den Augen zur Tür hinaus.
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