Das Reich der Elben, Erster Band der Elben-Trilogie
Tag um Tag gingen die Arbeiten voran.…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Tag um Tag gingen die Arbeiten voran. Tage sammelten sich zu Wochen und Monaten. Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wurden Wochen und Monate bei den Elben überhaupt wieder gezählt. Als sich die Flotte im Nebelmeer verloren hatte, war jeglicher Bezug zur Zeit unwichtig geworden, und man hatte daher ihre Messung auch nahezu vollkommen aufgegeben. Die kleineren Einheiten waren dabei als Erste bedeutungslos geworden. Was war ein Herzschlag, wenn eine Ewigkeit verging? Kam es da auf Stunden, Tage oder Wochen an?
Doch jetzt beobachtete man wieder den Lauf der Zeit. Alte Sonnen-, Sand-und Wasseruhren wurden wieder in Betrieb genommen, um das Verrinnen der Zeit genauer verfolgen zu können.
Neben dem Fortschritt beim Bau der Hauptstadt legte Keandir auch großes Gewicht auf die Erforschung des umliegenden Landes. Falls dort bisher verborgen gebliebene Feinde lauerten, so wollte er dies frühzeitig wissen. Außerdem hatte er in seiner Vorstellung die Entwicklung Elbianas bereits weit vorweggenommen. Er dachte daran, dass die Elben sich ausbreiteten und weitere Städte, Burgen und Häfen errichteten, sodass schließlich ein Reich entstand, das diese Bezeichnung auch verdiente.
Von Natur aus waren Elben eigentlich nicht für das Leben in drangvoller Enge geschaffen, und manch ein Heiler vermutete in der Missachtung dieser Tatsache auch die Ursache dafür, dass die Krankheit des Lebensüberdrusses während der großen Seereise um so vieles häufiger aufgetreten war als in all den Epochen davor. So war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, wann neue Kolonien gegründet werden würden.
Keandir wollte jedoch, dass die Verbindung untereinander gehalten wurde und es nicht etwa zu einer Verstreuung der Elben kam. Die künftige Expansion, an die außer dem König im Moment noch kaum einer jener Elben dachte, da sie genug damit zu tun hatten, Elbenhaven zu errichten, musste gut vorbereitet werden. Expeditionen zur See und zu Lande waren dafür unerlässlich.
Zunächst schickte König Keandir Kundschaftertrupps in die Umgebung von Elbenhaven aus. Der junge Elbenkrieger Branagorn meldete sich freiwillig, um an diesen Erkundungen teilzunehmen. Während der Lebensüberdruss bei den anderen Betroffenen selbst in schweren Fällen durch dieses neue, so völlig andere Leben zumindest gedämpft wurde, zeigte sich bei seiner geliebten Cherenwen keinerlei Verbesserung ihres Zustands. Alle Bemühungen der Heilerin Nathranwen schienen vergebens. Allenfalls zeitweise war eine Linderung der Symptome und eine leichte Aufhellung der Stimmung zu verzeichnen. Aber zu einem durchschlagenden Erfolg führte dies nicht.
Und so hoffte Branagorn in den Weiten des Landes, das er erkunden sollte, vielleicht bisher unbekannte Pflanzen oder Heilkräuter zu finden. Nathranwen unterwies ihn darin, solche Pflanzen zu erkennen, von denen es in den alten Schriften teilweise sehr detaillierte Abbildungen, verbunden mit genauesten Beschreibungen, gab. »Allerdings bedenkt, dass dies alles Kräuter und Heilmittel aus Athranor waren«, sagte die Heilerin zu dem jungen Krieger. »Es ist nicht gesagt, dass dieselben Pflanzenarten auch hier in Elbiana wachsen. Und darüber hinaus fehlt uns bei vielen dieser Gewächse inzwischen die Erfahrung bei der Dosierung und das genaue Wissen um die Wirkung.«
Während der elbischen Seereise hatten die Heiler Unmengen an Essenzen und Konzentraten mitgeführt, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Doch dieser Vorrat war inzwischen zu großen Teilen aufgebraucht. So hatten schon bei der Durchquerung des Nebelmeeres viele Heilmittel gar nicht mehr zur Verfügung gestanden und andere lediglich in so geringen Mengen, dass man sie nur in sehr schweren Fällen, bei denen man aber dennoch die Möglichkeit einer Heilung sah, verwendete.
»Ich sagte ja schon, dass Ihr Euch nicht zu große Hoffungen machen dürft«, setzte Nathranwen noch hinzu, die sehr wohl registrierte, wie sehr Branagorn darunter litt, dass es offenbar nichts gab, was er tun konnte, um seiner Liebsten zu helfen.
»Wenn ich ehrlich bin, dann ist es nicht nur die Hoffnung für Cherenwen, die mich hinaus in dieses Land treibt«, gestand er,
»sondern auch die Aussicht, meinen Kummer zumindest für eine gewisse Zeit zurücklassen zu können.«
»Das ist nur allzu verständlich«, erwiderte Nathranwen mit nachsichtigem Lächeln, doch in ihren Zügen war Besorgnis zu lesen.
So erforschte Branagorn und ein Trupp von fünfzig Elbenkriegern nach und nach das Hochland, das sich an die Küste anschloss. Hoch-Elbiana würde dieses Gebiet schon bald genannt werden.
Die Erforschung dieses Landes ging recht langsam vonstatten, da den Elben nur die eigenen Füße als Transportmittel blieben und das Gebiet recht unwegsam war.
Erst als sie nach und nach die Hügel- und Grasländer von Mittel-Elbiana erreichten, stießen sie auf Herden wilder Pferde.
In der Alten Zeit hatten die Elben Pferde gezüchtet und sie wie kein anders Volk zu zähmen gewusst. Aber auf die Seereise hatte man sie nicht mitnehmen können. Obwohl die Pferde aus den elbischen Züchtungen viel älter wurden als jene in freier Natur oder gar die grobschlächtigen Exemplare, auf denen die legendären Menschen angeblich zu reiten pflegten, war ihre Lebensspanne noch immer so verschwindend kurz, dass sie schon in der ersten Phase der Seereise eingegangen wären. Und an eine Züchtung und vor allem Ausbildung von Pferden während einer Seereise, deren Ende unabsehbar war, war überhaupt nicht zu denken gewesen. Nicht einmal die feinfühligsten elbischen Pferdeausbilder hatten sich dieses zugetraut. So hatte man auf die Mitnahme von Pferden notgedrungen verzichtet, die Bestände an hochwertigen Zuchttieren wieder ausgewildert und darauf vertraut, dass es in der neuen Heimat entweder landeseigene Pferderassen gab, die sich durch Zucht zu brauchbaren Reittieren machen ließen, oder die Erfindungsgabe der Elben sie über kurz oder lang andere mechanische oder magische Transportmittel entwickeln ließen.
Branagorn und seinen Begleitern gelang es nach einigen Mühen, ein paar der wilden Pferde einzufangen. Sie gehörten einer widerstandsfähigen Rasse an, die sich darüber hinaus durch eine gewisse Eigenwilligkeit auszeichnete. Noch schwieriger, als sie zu fangen, gestaltete es sich allerdings, die Tiere durch das zerklüftete Hoch-Elbiana nach Elbenhaven zu bringen.
Ein Heilkraut gegen den Lebensüberdruss fand Branagorn auf dieser Reise nicht, aber er war entschlossen, nicht aufzugeben.
Die Pferde konnten der Beginn einer eigenen Zucht von Reittieren sein, sodass sich der Aktionskreis der Elben schon sehr bald stark ausdehnen würde. Und das wiederum verbesserte Branagorns Ansicht nach die Möglichkeit, eines Tages doch ein Kraut zu finden oder auf eine Magie zu stoßen, die hilfreich sein konnte.
Während Branagorn monatelang Richtung Westen unterwegs war, sandte Keandir auch Schiffsexpeditionen aus, um die Küste zu erforschen und nach geeigneten Plätzen abzusuchen, an denen man Häfen errichten konnte.
Kapitän Isidorn drang mit der »Morantor« Richtung Süden vor. Jenseits der Küste Hoch-Elbianas schloss sich eine Kette fruchtbarer Inseln an, die sich zur Besiedlung und zur Errichtung von Stützpunkten gut eigneten. Sie wurden von nun an zusammenfassend West-Elbiana genannt.
All diese Inseln wurden von Kapitän Isidorns Mannen angefahren und zumindest oberflächlich erforscht. Auf keiner von ihnen waren Spuren einer Besiedlung zu finden.
Keandir hatte den Seefahrern und Kriegern, die er aussandte, aufgetragen, nach solchen Spuren Ausschau zu halten. Wenn die Worte des Augenlosen Sehers der Wahrheit entsprachen –
und daran gab es für König Keandir nicht den Hauch eines Zweifels –, dann war das Zwischenland vor undenkbar langer Zeit von seinem Bruder Xaror beherrscht worden. Auch wenn es Keandir einerseits unwahrscheinlich erschien, dass von diesem Reich und den Geschöpfen, die in ihm lebten, noch irgendwelche Überreste geblieben waren, so beunruhigte ihn doch der Gedanke, dass das Schicksal Xarors bisher ungeklärt war. Ein Wesen, dessen Fähigkeiten und Bosheit dem Augenlosen auch nur annähernd ähnlich waren, wäre gewiss ein ernst zu nehmender und unangenehmer Gegner gewesen.
Doch Prinz Sandrilas und Siranodir mit den zwei Schwertern schafften es, ihren König in dieser Hinsicht zu beruhigen.
Jemand, der das Schicksal selbst bezwungen und nun die Macht hätte, es selbst zu formen, bräuchte sich nicht vor dem Bruder des Augenlosen zu fürchten, so überzeugten sie ihn, gleichgültig wie viel Macht der noch immer besäße.
Die größte und nordöstlichste Insel West-Elbianas nannte Kapitän Isidorn nach einem Helden der legendären Vorzeit Athranors, die der Alten Zeit vorangegangen war. Sie hieß nun Elralon, und an der Südwestseite richtete Isidorn ein Lager mit Vorräten ein, um von dort aus weiter gen Süden vordringen zu können. An jener Stelle sollte später eine Stadt entstehen, die mit der Insel den Namen teilte.
Kapitän Isidorn kehrte zunächst nach Elbenhaven zurück, um seinem König sein Vorhaben zu unterbreiten. Schon wenige Tage darauf – und ausgerüstet mit neuen Vorräten – brach Isidorn mit seiner »Morantor« erneut auf.
Diesmal führte ihn sein Vorstoß die gesamte Küste Hoch-Elbianas und dem sich anschließenden Mittel-Elbiana entlang, und er ankerte schließlich an der Mündung eines großen Flusses, der »Tir« genannt wurde, was nichts anders war als ein alter, in Athranor noch gebräuchlicher und später nahezu in Vergessenheit geratener Begriff für »Wasserstraße«.
Mit mehreren Barkassen drang Isidorn flussaufwärts vor und stieß auch dort auf fruchtbares Land. Der Fluss war zwar eigentlich auch für größere Schiffe wie die »Morantor« gut schiffbar, aber da Isidorn nicht wusste, was seine Männer und ihn in dem fremden Land erwartete, wollte er auf Nummer sicher gehen. Die »Morantor« wartete also im Mündungsgebiet des Flusses und konnte notfalls zu einer Rettungsmission aufbrechen, falls die flussaufwärts fahrenden Elben durch feindselige Bewohner oder die Unbilden der Natur in Schwierigkeiten gerieten. Außerdem ließen sich die Barkassen beim Auftreten von Stromschnellen schneller aus dem Wasser ziehen und über Land transportieren, um die Reise oberhalb des jeweiligen Katarakts fortzusetzen.
Von feindseligen Geschöpfen war – abgesehen von ein paar Raubtieren – nichts zu sehen. Es gab Wölfe und Bären und in den flachen, Nieder-Elbiana genannten Grasländern südöstlich des Tir auch ein paar vereinzelte Großkatzen. Aber die ließen sich schon mit Magie der einfacheren Art, die jeder Elb von Kindesbeinen an beherrschte, leicht verscheuchen.
Wochenlang drang Isidorn mit seinen Männern flussaufwärts vor ohne irgendeine der befürchteten Schwierigkeiten. Dieser Fluss versprach die starke Lebensader eines großen Reiches zu werden. Schließlich teilte sich der Tir in einen nördlichen und einen südlichen Flusslauf. Von dort kehrten die Barkassen zur
»Morantor« zurück.
Die »Morantor« setzte ihre Fahrt in Richtung Süden fort und folgte der Küste Nieder-Elbianas bis zu einer weiteren Flussmündung, bei dem es sich um einen gewaltigen, breiten Strom handelte, dem Isidorn den Namen »Nur« gab; der größte Strom Athranors hatte der Legende nach so geheißen. Das Land südlich des Nur erhielt den Namen Nuranien.
Diesmal ließ Kapitän Isidorn keine Barkassen aussetzen, sondern die »Morantor« selbst flussaufwärts rudern. Teilweise war der Nur so breit, dass es möglich war, die Segel zu setzen und sogar gegen den Wind zu kreuzen.
Immer weiter ging die Fahrt zunächst nach Westen. Der Nur war die Grenze zwischen zwei deutlich verschiedenen Landschaften, die sich offenbar auch in der Bodenbeschaffenheit unterschieden. Im Norden die fruchtbaren, grasbewachsenen Ebenen Nieder-Elbianas, im Süden das karge, felsige Hochland Nuraniens. Mit der Zeit zog sich der Nur immer weiter nordwärts, und an seinem südlichen Ufer wurde das nuranische Hochland durch einen dichten, bis in das flache Uferwasser wuchernden Urwald abgelöst. Ein Chor unheimlicher Stimmen drang aus dem Dunkel dieses Waldes, dumpfe, grollende Laute, aber auch schrille Schreie.
Manchmal bewegte sich etwas im Unterholz, und Äste und Zweige knackten, oder man hörte leises Rascheln und Schaben.
»Fühlt Ihr es auch?«, fragte Isidorn, während er aufmerksam in diesen finsteren, von unheimlichem Leben erfüllten Wald starrte. »Dies ist ein Ort, an dem Magie wirksam ist. Und zwar auf eine so mächtige Weise, wie ich es zuvor nie erlebt habe.«
»Ohne Zweifel«, stimmte Maltanuir zu, der seegeborene Steuermann, der am Ruder der »Morantor« stand. »Nicht einmal an der Küste der Insel des Augenlosen Sehers oder als wir gegen den magischen Sturm ankämpften, der uns von der zwischenländischen Küste fernhielt, haben meine Sinne etwas Vergleichbares empfunden.« Die Elben verfügten über einen feinen Sinn für Magie, der zwar unterschiedlich stark ausgeprägt, aber bei jedem von ihnen vorhanden war.
»Vielleicht sollten wir besser umkehren«, fügte der Steuermann hinzu.
Doch Isidorn war anderer Ansicht. »Wenn jenseits der Grenzen unseres neuen Reichs Gefahren lauern, sollten wir sie zumindest kennen«, entschied er.
An einer günstigen Stelle ging die »Morantor« vor Anker, und Isidorn begab sich mit ein paar seiner Männer an Land, um einen besseren Eindruck von diesem geheimnisvollen Waldreich zu bekommen. Mit ihren Schwertern bahnten sich die Elben den Weg durchs Unterholz. Myriaden von Insekten schwirrten durch die Luft und wurden durch die Schwertstreiche, mit denen sich die Eindringlinge den Weg frei machten, noch zusätzlich aufgescheucht. Leichte Magie hielt diese Quälgeister einigermaßen auf Distanz. Aber Isidorn und seine Gefährten merkten schnell, dass diese Zauberformeln, die jedem Elben geläufig waren, in diesem Dschungel längst nicht so wirksam waren wie sonst.
»Entweder haben wir uns während der Seereise zu wenig darin geübt«, meinte Isidorn, denn im Nebelmeer waren sie nicht von Insekten belästigt worden, »oder diese Viecher haben sich gegen Magie immunisiert, weil sie in diesen Wäldern seit Urzeiten wirkt.«
Sie lauschten – und auf einmal hörten sie in der Ferne dunkel raunende Stimmen. Gleichzeitig spürten sie, dass der Einfluss der Magie immer größer wurde, je weiter sie vordrangen.
Raschelnde Bewegungen zwischen den Bäumen ließen sie aufschrecken. Die Baumkronen ragten ungewöhnlich hoch empor, und ihre Kronen bildeten ein geschlossenes Dach, das kaum Licht durchließ. Riesige Faultiere, die man auf den ersten Blick für moosbewachsene Holzverwachsungen halten konnte, hingen mit ihren Krallenpranken an den Baumstämmen und bewegten sich derart langsam, dass es selbst den Elben kaum auffiel.
Geflügelte Affen sprangen in den Ästen umher. Sie glichen den Ouroungour von der Insel des Augenlosen Sehers, allerdings waren sie deutlich kleiner, und ihre Flügel waren verkümmert; sie dienten nur noch zum Gleitflug von Baum zu Baum oder um sich mit heftigem Flügelschlag aus großer Höhe zu Boden sinken zu lassen. Vor allem aber waren diese Wald-Ouroungour vollkommen friedlich. Neugierig, aber scheu näherten sie sich den Elben. Als Isidorn eine unbedachte Bewegung machte, wichen sie sofort kreischend zurück, nur um wenig später erneut näher zu kommen. Sie trugen keine Kleidung oder Schmuck, geschweige denn Waffen.
Ein ganzes Stück begleiteten die Wald-Ouroungour die Elben, hielten aber respektvollen Abstand. Dann gelangten Isidorn und seine Männer an einen Ort, der vollkommen frei vom sonst so dichten Unterholz war. Dennoch bildeten die Baumkronen auch über diesem Platz ein dichtes Blätterdach, sodass es ziemlich dunkel war. Doch obwohl kaum ein Lichtstrahl die Erde berührte, wuchsen hier Blumen mit blauen Blüten, die in der Dunkelheit leuchteten wie kleine Laternen.
Die Affen mieden diesen Ort. Sie wurden von einer seltsamen Scheu befallen und wichen zurück. Die verspielte Unbekümmertheit, die sie zuvor an den Tag gelegt hatten, war auf einmal weg, und sie starrten die Blumen an auf eine Weise, die ihre Angst deutlich erkennen ließ. Auch stießen einige von ihnen Schreie aus, so als ob sie sich dunkel an schreckliche Ereignisse erinnerten. Ein Instinkt schien sie auf Distanz zu diesen eigenartigen Gewächsen zu halten.
Und auch Isidorn warnte seine Männer. »Abgesehen von den Bäumen gibt es hier keine anderen Pflanzen – und die Waldbewohner meiden diesen Ort!«, stellte der Kapitän fest.
»Entweder liegt das an einer üblen Magie oder an einem Gift, das diese Blumen absondern. Also kommen wir diesen Gewächsen besser nicht zu nahe. Außerdem sind wir nicht botanischer Studien wegen hier.«
Schon wenig später sollte sich Isidorns Verdacht bestätigen.
Ein rattenähnliches Tier von der Größe eines Schweins wurde von einem der Wald-Ouroungour durch das angrenzende Unterholz gejagt und geriet auf diese Weise in die Blumenkolonie. Plötzlich war ein zischender Laut zu hören.
Mehrere der Blütenkelche hatten sich dem Tier zugewandt und stießen weißliche Wolken hervor. Das Tier winselte, stoppte mitten im Lauf, brach nieder, wurde weiß und zersetzte sich.
Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft.
»Offenbar ist dies eine Pracht, die man aus der Ferne genießen sollte«, stellte Isidorn fest.
Die Expedition erreichte schließlich den Quellsee des Nur, der am Fuße eines schroffen Gebirgszugs lag. Nordbergen sollte dieses Land, das mit diesem Gebirgszug begann, von nun an genannt werden. Das Waldreich hatte hier ebenso seine Nordwestgrenze wie die später zu Elbiana gehörenden Ebenen.
Inzwischen waren Monate vergangen, und der Jahreszeitenwechsel machte sich bemerkbar. Anfangs führte Isidorn die Tatsache, dass die Nächte immer kälter wurden, darauf zurück, dass sie auf ihrer Fahrt den Nur hinauf so weit nach Norden vorgedrungen waren. Aber auf der Reise zurück zur Flussmündung wurde den Elben die Veränderung des Wetters bewusst.
Auf der Fahrt flussabwärts hatten sie die Strömung auf ihrer Seite. Sie brauchten weder Segel zu setzen, noch zu rudern.
Der Fluss selbst trug sie zur Mündung.
Obwohl viele lieber schon nach Elbenhaven zurückgekehrt wären, entschied Isidorn, die Küste Richtung Süden noch ein Stück weiter zu erforschen, denn die nächste Expedition würde vielleicht erst wieder im Frühjahr möglich sein, schließlich wusste man noch nicht, was die Winter des Zwischenlands an Stürmen und anderen Unbilden brachten. Noch dreimal ging Isidorn mit einer kleinen Schar von Männern an Land. Aber nirgends waren Anzeichen dafür zu finden, dass jemand hier siedelte oder gelebt hatte.
Dann erreichten sie eine tief eingeschnittene Bucht. Die Küste, die danach in südlicher Richtung folgte, war flach, trocken und sandig – und unterschied sich damit deutlich von dem eher felsigen Hochland Nuraniens. Die Küste südlich der Bucht nannte Isidorn Elbara, nach einer Elbenprinzessin aus den athranorischen Legenden. Diesen Legenden nach hatte Prinzessin Elbara einen Troll namens Gororok geheiratet, wovon ihr die elbische Verwandtschaft natürlich dringend abgeraten hatte. Daraufhin hatte sie versucht, ihren Trollgemahl zu einem Prinzen mit elbischen Umgangsformen zu erziehen, was natürlich niemals gelingen konnte und den Rahmen zu einer Unzahl lustiger Anekdoten lieferte.
Als die »Morantor« schließlich nach Elbenhaven zurückkehrte, waren die Anhöhen Hoch-Elbianas bereits mit Schnee bedeckt, und ein kalter Nordwind blies…
Isidorn und seine Mannschaft wurden begeistert empfangen.
Noch war Elbenhaven eine Zeltstadt, aber die ersten Gebäude nahmen bereits Gestalt an. Auch waren die Ausmaße der künftigen Festungsanlagen schon zu erahnen, und Isidorn war tief bewegt, als er dies sah. Die Fortschritte, die während seiner Abwesenheit gemacht worden waren, beeindruckten ihn sehr.
Natürlich musste er sofort König Keandir Bericht erstatten, der sich mit einem Kreis von Vertrauten in seinem inzwischen winterfest gemachten Hauptzelt beratschlagte. Darunter war auch Branagorn, der auf seinen Reisen zu Lande einen Großteil Hoch-Elbianas erforscht und dabei aber leider keine Pflanze entdeckt hatte, aus der man ein Mittel gegen den Lebensüberdruss hätte machen können.
»Dafür haben sich Branagorn und seine Begleiter als immens geschickte Pferdefänger erwiesen«, sagte Keandir dem Kapitän der »Morantor« und schlug Branagorn auf die Schulter.
Keandirs Respekt vor dem jungen Elben war mittlerweile gewaltig gestiegen, und er war längst mehr als nur ein Elbenkrieger des königlichen Gefolges. Da jeder wusste, dass er ein Mittel gegen den Lebensüberdruss suchte, und niemand annahm, dass diese Suche in absehbarer Zeit von Erfolg gekrönt sein würde, nannte man ihn inzwischen auch Branagorn den Suchenden, obwohl viele der älteren Elben der Meinung waren, dass Branagorn viel zu jung für das Tragen eines Beinamens wäre. Branagorn seinerseits hatte nichts dagegen.
Die zunehmende Wertschätzung seines Königs gefiel ihm und ließ ihn manchmal sogar sein Misstrauen vergessen, das er Keandir gegenüber noch immer empfand. Doch seine Erinnerungen an die Geschehnisse auf der Insel des Augenlosen Sehers verblassten bereits und verloren ihre Eindringlichkeit. Vielleicht hatte sich das Böse, das in den König gedrungen und seine Augen mit Schwärze gefüllt hatte, ja tatsächlich verflüchtigt. Konnte es nicht sein, dass diese unheimliche abgrundtiefe Finsternis, dieses Gewimmel aus dunklen Funken, Keandirs Seele und seinen Körper wieder vollständig verlassen hatten? Schließlich waren auf der Insel magische Kräfte von einer Art im Spiel gewesen, die selbst den Elben bis dahin unbekannt gewesen war. Eine Stimme in Branagorns Hinterkopf warnte ihn zwar davor, sich selbst etwas einreden zu wollen, aber Branagorn war immer weniger geneigt, auf diese Stimme zu hören.
Auch Lirandil der Fährtensucher, Prinz Sandrilas und der Waffenmeister Thamandor lauschten gespannt dem Bericht Isidorns. »An der Küste sind überall geeignete Buchten, um Häfen zu errichten«, erklärte der Kapitän der »Morantor«.
»Und das Land, in das wir vordrangen, macht einen guten Eindruck. Nirgends scheint es Feinde zu geben, vor denen wir uns fürchten müssten.«
»Das höre ich gern«, sagte Keandir.
Dann aber berichtete Isidorn von dem geheimnisvollen Waldgebiet. »Es war voller Magie, und ich bin überzeugt davon, dass sich dort uralte Geschöpfe verborgen halten.«
»Geschöpfe aus der Zeit, da der Augenlose und sein Bruder über das Zwischenland herrschten?«, fragte Keandir.
»Das ließ sich nicht erforschen«, antwortete Isidorn und erzählte dann von den seltsamen Blumen, auf die er gestoßen war.
An dieser Stelle mischte sich Lirandil ein. »Diese Art von Blumen ist aus entlegenen Gegenden Athranors bekannt«, erklärte er. »Man nennt diese Blumenart ›Die Sinnlose‹.«
»Die Sinnlose?« Kapitän Isidorn hob die Augenbrauen. »Ein seltsamer Name für eine Blume.«
»Der Legende nach soll die Heilerin Máthrawina ihr diesen Namen gegeben haben, nachdem sie bei einer ihrer Waldwanderungen, die sie zur inneren Versenkung oft über Monate hinweg durchführte, als Erste auf eine Kolonie dieser Blumen stieß. Eine Blüte unter einem so dichten Laubdach, dass kaum Licht den Boden erreicht, erschien Máthrawina sinnlos, da sich Pflanzen normalerweise unter diesen Bedingungen nicht entfalten können. Daher der Name.«
»Da sich diese Pflanze aber trotzdem zu entfalten vermag, muss also Magie im Spiel sein«, schloss Branagorn.
Lirandil nickte. »Die Sinnlose ist eine der mächtigsten Heilpflanzen, und es lassen sich aus ihren Blütenblättern und ihrem Stängel sehr starke Drogen gewinnen. Als in Athranor die ersten Fälle von Lebensüberdruss auftraten, gab es unter den Heilern die weit verbreitete Ansicht, dass ein Extrakt aus den Blütenblättern der Sinnlosen die Beschwerden zumindest lindern könnte.«
»Habt Ihr in Eurem ungeheuer langen Leben jemals erfahren, ob dieses Extrakt tatsächlich wirkt oder nicht?«, hakte Branagorn sofort nach.
»Nein.« Lirandil schüttelte den Kopf. »Ihr müsst wissen, dass diese Pflanze bereits zu meiner Jugendzeit in Athranor so gut wie ausgestorben war. In den Jahrtausenden zuvor wurde diese Pflanze wahrscheinlich überall aus dem Boden gerupft, um magische Heilmittel aus ihr herzustellen, ohne dass man dabei an die Zukunft dachte.«
»Ein für Elben eigentlich untypisches Verhalten«, kommentierte Thamandor. »Gerade die Athranor-Geborenen behaupten doch oft, dass es all die unelbischen Laster und Verirrungen der heutigen Zeit früher nicht gegeben hätte.«
»Über die Zeitalter hinweg trifft die Erinnerung manchmal eine sehr spezielle Auswahl«, sagte Lirandil dazu.
»Aber was ist mit den ätzenden Wolken, die diese Blumen ausstoßen?«, erkundigte sich Branagorn. »So wie ich Isidorn verstanden habe, gerät jedes Lebewesen, das sich der Sinnlosen nähert, in Gefahr, ein Opfer ihrer Dämpfe zu werden.«
»Es gibt gewiss einen Zauber, um sich davor zu schützen«, meinte Lirandil. »Aber erwartet nicht von mir, dass ich ihn wüsste.«
»In den Büchern der Alten Heiler könnte etwas darüber stehen«, sagte Thamandor. »Aus ihnen habe ich unter anderem ja auch das Wissen über die Gifte für die Bolzen meiner Armbrüste.«
Branagorn wandte sich an den König. »Es muss noch einmal eine Expedition den Nur hinauf bis an die Ufer des Waldreichs fahren«, forderte er. »Wenn auch nur die vage Hoffnung besteht, ein Mittel gegen den Lebensüberdruss zu finden, dann sollte dies jeden Einsatz wert sein.«
»Ich habe im Prinzip nichts dagegen«, antwortete Keandir,
»auch wenn die Zahl der Betroffenen in den letzten Monaten stark zurückgegangen ist.«
»Dennoch gibt es einige, für die dieses Land allein keine Heilung bringt«, erinnerte Branagorn.
»So wie bei Eurer geliebten Cherenwen«, sagte der König.
»Ich weiß sehr wohl, wie Ihr empfindet, werter Branagorn.«
Keandir musterte den Elbenkrieger. »Doch bedenkt bitte, dass der Winter kurz bevorsteht, und keiner von uns weiß, wie hart dieser Winter wird. Die See ist jetzt schon aufgewühlt, und wir warten noch immer vergebens auf die Rückkehr von Kapitän Ithrondyr und seiner ›Jirantor‹.«
Vor Monaten schon war Ithrondyr aufgebrochen, um die Küste in nördlicher Richtung zu erforschen. Aber bislang hatte man noch nichts von ihm gehört.
»Heißt das, Ihr lehnt eine Expedition ab?«, fragte Branagorn.
»Das heißt, ich lehne sie zu diesem Zeitpunkt ab«, erklärte der König, »denn ich will kein Schiff und keine Mannschaft in Gefahr bringen.«
»Das Frühjahr kommt schneller, als ihr denkt«, sagte Isidorn zu dem jungen Elben, der die Ansicht des Königs in dieser Frage zu teilen schien. »Dann bin ich gern bereit, die Strapazen dieser Reise noch einmal auf mich zu nehmen, und wäre stolz darauf, wenn Ihr mich begleiten würdet.«
Branagorn atmete tief durch, und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Ungeduld war dem Mann, den man inzwischen den Suchenden nannte, deutlich anzusehen. »Ich hoffe, dass es bis dahin nicht zu spät ist«, murmelte er düster und verließ das Zelt. Ein Schwall eisiger Kälte drang herein, als Branagorn ins Freie trat.
»Der Kummer beherrscht ihn«, sagte Keandir. »Und doch muss die Vernunft der Ursprung aller Entscheidungen sein.«
Prinz Sandrilas musterte den König einige Augenblicke. Es herrschte auf einmal Schweigen im Zelt des Königs, bis der Prinz leise, aber bestimmt sagte: »Jemandem, dessen Gemahlin Zwillinge erwartet, fällt es wohl leichter, sich von der Vernunft leiten zu lassen, als jemandem, dessen Gefährtin von Tag zu Tag einem Todesschatten aus dem finsteren Maldrana ähnlicher wird.«
Kein anderer sonst, seit Fürst Bolandor mit seinen Getreuen Elbiana verlassen hatte, hätte es wohl gewagt, derart offene Worte gegenüber dem König vorzubringen.
5
DIE ZWILLINGE
Ruwens Bauch hatte sich in den letzten Monaten sichtlich gewölbt, und ihre Schwangerschaft schritt deutlich voran.
Neun Monate waren die Mindestzeit, die ein Elbenkind im Mutterleib verbrachte, ansonsten aber waren Schwangerschaften bei den Elben keiner zeitlichen Eingrenzung unterworfen.
Es hatte während der Seereise Elbenfrauen gegeben, die zunächst zwar schwanger geworden waren und sich sogar auf ihr Kind gefreut hatten, anschließend aber plötzlich die Verantwortung scheuten oder meinten, dass dies kein günstiger Moment wäre, um Nachwuchs in die Welt zu setzen. Die Furcht vor der Schwangerschaft hatte bei diesen Frauen dafür gesorgt, dass die Entwicklung ihres Kindes zum Erliegen kam.
Manche von ihnen trugen noch immer uralte Föten unter ihrem Herzen, die niemals zur Reife gekommen waren – ungeborene Elbenkinder, die in einem zumeist frühen Stadium ihrer Entwicklung aufgehört hatten zu wachsen.
Doch inzwischen hatte sich die Stimmung unter den Elben in vielerlei Hinsicht geändert. Sie alle waren lebenszugewandter und deutlich optimistischer geworden. Selbst bei vielen, die vom Lebensüberdruss bereits gezeichnet gewesen waren, hatte sich das Gemüt aufgehellt, und das Beispiel der Königin hatte viele Elbinnen dazu veranlasst, ebenfalls schwanger zu werden oder ihre bereits uralten Leibesfrüchte endlich wieder wachsen zu lassen.
»Es ist wie in einem Traum«, sagte Ruwen einmal zu Keandir, als sie allein in ihrem Zelt waren. Sie legte dabei die Hände auf den sich immer deutlicher hervorwölbenden Bauch.
»Ein Traum, von dem ich niemals geglaubt habe, dass er mehr sein könnte als eben nur ein Traum, Kean.«
Keandir lächelte. »Ich weiß, was du meinst, Ruwen. Es ist die Kraft der Imagination, die alles Neue hervorbringt. Wenn ich die Baustellen von Elbenhaven sehe, dann sehe ich bereits das, was daraus werden wird.«
»Ähnlich ergeht es mir mit Andir und Magolas«, entgegnete Ruwen. »Sie sind bereits da, obwohl sie noch nicht geboren wurden. Ich spreche mit ihnen. Ich spüre ihre Bewegungen, und ich höre ihren Herzschlag, nachdem die Heilerin mich darin unterwiesen hat, darauf zu achten und dieses feine Pochen von all den anderen Wahrnehmungen meines Körpers zu unterscheiden.«
Ein milder Zug trat auf Keandirs Gesicht. In diesen Momenten fühlte er eine starke Verbundenheit mit Ruwen, von der er glaubte, dass sie durch nichts erschüttert werden könnte.
Das waren die Augenblicke, in denen ihn keinerlei Selbstzweifel plagten und er zutiefst davon überzeugt war, den richtigen Weg zu gehen – allen düsteren Ahnungen zum Trotz.
»Wie sehr hat sich unser aller Leben verändert«, murmelte er, und es war ihm anzumerken, wie ergriffen er war. »Und das in einer Spanne von wenigen Monaten. Einer Zeitspanne, die uns früher wie ein Augenaufschlag in einem Ozean der Langeweile und des Gleichmaßes vorgekommen wäre.«
Ihre Blicke trafen sich. Keandir strich seiner Gemahlin zärtlich über das Haar und die Wangen. Sein Blick verlor sich in ihren dunklen Augen, die vor Glück zu leuchten schienen.
Aber der König war aufmerksam genug, um zu bemerken, dass da auch noch etwas anderes war in diesen Augen. Eine Nuance, die mit dem Glück, das sie zu empfinden schien, nicht übereinstimmte. Wie ein kleiner dunkler Fleck auf einem blütenweißen Gewandt. Ein Makel. Ein Schönheitsfehler.
Etwas, dass das elbische Empfinden für Gleichmaß und Harmonie auf jeden Fall unterschwellig störte.
Ruwen wiederum begriff sofort, dass ihr Gemahl diese Regung in ihren Zügen bemerkt hatte und sie ihm eine Erklärung dafür geben musste. »Wir kennen uns zu gut, als dass der eine dem anderen etwas verbergen könnte«, stellte sie fest. »Also werde ich es gar nicht erst versuchen. Es wäre sinnlos.«
Keandir nickte und sah sie prüfend an. »Ja, das ist wahr.«
Ruwen schluckte. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. »Ich wollte dir eigentlich nicht deinen Traum von Elbiana trüben, denn ich weiß, dass du all deine Kraft dafür aufwenden musst, um ihn in die Tat umzusetzen. Und doch gibt es da etwas, was ich dir nicht länger verschweigen kann.«
Keandirs Augen verengten sich, eine Falte erschien auf seiner Stirn. »Wovon sprichst du? Was immer es auch sein mag, du kannst mir vertrauen.«
Ein melancholisches Lächeln spielte um ihre Lippen. In ihren fein geschnittenen Zügen spiegelten sich Furcht und Zuversicht, Glück und Traurigkeit wider. »Das brauchst du mir nicht zu versichern, Kean – das weiß ich nur zu gut.«
Er fasste sie sanft bei den Schultern. »Worum geht es also?«
»Um einen Traum, den ich hatte, während du auf der Insel des Augenlosen Sehers warst.«
»Ein Traum?« Keandir lachte erleichtert. »Wenn es weiter nichts ist.«
»Du selbst hast gerade über die Macht der Imagination gesprochen. Und was sind Träume anderes als Vorstellungskraft – von einer Intensität, wie wir sie im Wachzustand kaum je erleben.«
Das Gesicht des Königs veränderte sich, er zog die Augenbrauen zusammen und machte einen nachdenklichen Eindruck, während er leise sagte: »Ja, das ist wahr.«
»Es ging in diesem Traum um Andir und Magolas. Sie kämpften miteinander. Zwei erwachsene Männer – und jeder von ihnen hielt einen dieser entsetzlichen Zauberstäbe in der Hand, die Waffenmeister Thamandor von der Insel mitbrachte.« Sie atmete tief durch, ihr Blick war nach innen gekehrt. Allein die Erinnerung an den Traum erfüllte sie mit so viel Angst, dass ein leichtes Zittern ihren grazilen Körper durchlief. Sie schüttelte stumm den Kopf, so als gäbe es noch viel darüber zu sagen, was jedoch unaussprechlich war.
Schrecken, die nicht in Worte gefasst werden konnten.
Keandir nahm seine Gemahlin in die Arme und drückte sie an sich.
Aber das vermochte sie keineswegs zu beruhigen. Sie schmiegte sich zwar an ihn, aber ihr war genau bewusst, dass dieser Schrecken von außen nicht abgemildert werden konnte, weil er aus ihrem innersten Selbst kam.
»Kean!«, flüsterte sie.
»Es war nur ein Traum«, versuchte Keandir sie zu beruhigen.
»Es mag sein, dass die Schamanen den Träumen eine große Bedeutung beimessen – aber manchmal ist ein Traum eben einfach nur ein Traum und nichts weiter.«
»Wenn du das sagst, dann klingt das so tröstlich, Kean. Aber dieser Traum war von einer Intensität, die ich nie zuvor erlebt habe. Es war ein Bild des Grauens – und ich konnte nichts tun, um zu verhindern, dass die beiden ihren Kampf fortführten.
Und das mit einer Härte und Unerbittlichkeit, die mich bis ins tiefste Mark erschaudern ließ.«
»Dennoch war es nur ein Traum, den du nicht überinterpretieren solltest.«
»Es war mehr als ein Traum, Kean«, sagte Ruwen voller Überzeugung. »Damals wusste ich nicht, dass ich Zwillinge bekommen würde, und trotzdem träumte ich von zwei Elben, die sich völlig ähnlich sahen. Und ich sah die Stäbe des Augenlosen Sehers in diesem Traum, sah jedes Detail, obwohl ich sie erst viel später zu Gesicht bekam.«
Diese Argumente Ruwens klangen überzeugend, und Keandir dachte einen Moment darüber nach. Dann sagte er: »Selbst wenn es eine prophetische Vision war, Ruwen – indem ich den Furchtbringer besiegte, besiegte ich auch das Schicksal.
Unsere Zukunft hat sich geändert und liegt jetzt in unseren eigenen Händen. Was du gesehen hast, war eine Zukunft, die nicht mehr eintritt, seit ich das Schicksal des Elbenvolks mit seinem Schwert durchschlug.«
König Keandir dachte aber auch an die Finsternis, die der Augenlose seinen Körper, sein Herz und seine Seele hatte durchdringen lassen, sodass sie ihn für einige schreckliche Augenblicke völlig beherrscht hatte. Doch er redete sich ein, das Quäntchen Finsternis, das in seiner Seele zweifellos zurückgeblieben war, unter Kontrolle zu haben.
Dies zu tun forderte viel Kraft, das war dem König durchaus bewusst. Aber manchmal fragte er sich auch, ob dieses dunkle Etwas in ihm nicht auch Kraft spendete. Kraft, die es ihm zum Beispiel ermöglicht hatte, den Bau von Elbenhaven mit einer Tatkraft anzugehen, die viele als ganz und gar unelbisch empfunden hatten.
»Wir dürfen nicht in unsere alten Angewohnheiten zurückfallen«, sagte er schließlich sehr ernst zu Ruwen.
»Damit meine ich, dass wir uns nicht weiterhin von schicksalhaften Mächten treiben lassen dürfen, dass wir unsere Existenz nicht weiterhin bestimmen lassen dürfen von Visionen und Prophezeiungen. Und ich meine die Neigung der Elben, die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen, immer zu denken, dass der Augenblick nichts anderes wäre als eine Träne im Ozean der Äonen, auf die es nicht ankäme, weil es doch Milliarden davon gibt. Aber das ist nicht die Wahrheit, Ruwen…«
»Was ist dann die Wahrheit, die du erkannt haben willst, Kean?«, fragte sie. »Die Wahrheit ist, dass nichts existiert außer diesem Augenblick. Dass nichts geschieht, außer es geschieht jetzt.
Dass es kein vorherbestimmtes Schicksal gibt, keine Visionen und Vorhersagen, die Realität werden können. Und dass die Ewigkeit, so wie wir sie wahrzunehmen gelernt haben, nichts anderes als eine Illusion ist. Und eine Ausrede.«
»Eine Ausrede?«, fragte sie.
»Eine Ausrede, um die Hände in den Schoß legen zu können.
Eine Ausrede, um die Zeit verstreichen zu lassen und den Dingen einfach ihren Lauf zu geben, weil man der Illusion nachhängt, man habe eine Ewigkeit, um alles rückgängig zu machen, was sich in die falsche Richtung entwickelt. Aber das ist eine Täuschung. Das, was jetzt geschieht, bestimmt die Zukunft, und es wird sich nicht so schnell ein weiteres Mal die Gelegenheit ergeben, dass wir uns von den Verstrickungen unseres vergangenen Schicksals befreien können.«
»Was wir Elben dir verdanken«, sagte Ruwen. »Dir und deinem Mut, mit dem du den Furchtbringer bekämpft hast.«
Ihr Blick war forschend. »Alles, was du mir bisher über die Dinge berichtet hast, die damals auf der Insel geschehen sind, waren jedoch kaum mehr als vage Andeutungen, und ich bin begierig, mehr über die Ereignisse dort zu erfahren.«
Keandirs Haltung straffte sich, und er hob fragend die Augenbrauen. »Meiner Erinnerung nach habe ich Euch sehr ausführlich berichtet – und nicht nur Euch!«
Ihr fiel auf, dass er wieder höflich-distanziert zu ihr sprach und die intimere Anrede nicht mehr benutzte. »Ja, was das äußere Geschehen betrifft, mögt Ihr recht haben.« Auch sie verfiel wieder in die distanziertere Anrede. »Und manchmal war ich geistig bei Euch und habe den Schmerz und die Furcht mit Euch geteilt. Und doch habe ich das Gefühl, dass da noch etwas ist. Etwas, dass Ihr bisher vor mir verborgen haltet, mein König.«
Auch Keandir registrierte, dass sie ihn mein König genannt hatte und in die Höflichkeitsform gewechselt war. Es zeigte an, dass es da etwas Trennendes zwischen ihnen gab. Etwas, das Keandir bisher mit Schweigen auszublenden versucht und das mit dem dunklen Fleck in seiner Seele zu tun hatte. Aber wie konnte er mit Ruwen über etwas sprechen, das er sich nicht selbst eingestand? Und wie konnte er in einem Augenblick, da er all seine Kraft für die Errichtung des Reichs Elbiana brauchte, sich der Ahnung stellen, dass da in seinem Inneren etwas wuchs, das zerstörerisch und finster war und vielleicht sogar den Keim des Verderbens in sich trug?
»Ihr irrt Euch, geliebte Ruwen.«
Sie sah ihn an, dann küsste sie ihn sanft auf die Wange. »Das würde ich so gern glauben, mein König«, flüsterte sie.
»Kean…«
Die Tage des Winters gingen dahin. Eisige Stürme fegten über Hoch-Elbiana und seine felsigen Küsten, und die Fälle von Schwermut und Lebensüberdruss nahmen wieder zu. Immer wieder kam es vor, dass sich Verzweifelte an den nahen Klippen ins Meer stürzten. Die Heilerin Nathranwen vertrat die Ansicht, dass dies vor allem mit der Kürze der Tage und weniger mit der Kälte zu tun hatte. Denn schließlich hatten Elben eine sehr weitgehende Kontrolle über ihren Köper, die es ihnen gestattete, die Lebensvorgänge ihrer Physis so zu verändern, dass sie immun gegen Kälte waren und kaum noch Nahrung brauchten.
Doch Keandir warnte davor, von dieser Fähigkeit Gebrauch zu machen. »Bekämpft die Kälte nicht, indem ihr selbst kalt werdet und euch daran gewöhnt, so bedürfnislos wie Tote zu sein. Das haben wir während unserer langen Reise getan, und ihr seht, wohin es uns gebracht hat. Wenn ihr friert, dann entzündet Feuer. Und wenn ihr hungrig seid, dann geht auf die Jagd. Sonst werdet ihr schneller zu Jeradran, als ihr es für möglich haltet.«
Jeradran – ein uralter, in den Legenden nicht selten abfällig gebrauchter Begriff für die Jenseitigen, der sowohl Eldran als auch Maladran umfasste. Ein Wort, das Keandir in den aktiven Sprachschatz der Elben zurückführte, um seinem Volk bewusst zu machen, wie sie niemals werden durften, wenn der Traum von Elbiana nicht bereits im Keim verkümmern sollte.
Die Monate gingen dahin. Schnee und Eis bedeckten die nahen Klippen, aber Keandir sorgte dafür, dass die Bautätigkeiten an der neuen Stadt nicht ins Stocken gerieten.
»Wenn das geschieht«, sagte er einmal zu Prinz Sandrilas, der den Vorschlag gemacht hatte, die Arbeiten bis zum Frühjahr ruhen zu lassen, »dann wissen wir nicht, ob wir je wieder die Kraft haben werden, die schwere Arbeit wieder aufzunehmen.«
Prinz Sandrilas hatte leicht genickt, nachdem er seinen König eine ganze Weile gemustert hatte, und gesagt: »Ja, da mögt Ihr vielleicht recht haben.«
»Es ist nicht wichtig, ob unsere Vorhaben während des Winters nennenswert vorankommen«, erklärte der König. »Es ist nur wichtig, dass wir nicht aufhören, uns damit zu beschäftigen, Sandrilas!«
Der Einäugige nickte erneut. »Ich glaube, ich verstehe, was Ihr meint. Aber diese Art zu denken ist mir dennoch fremd, mein König – wenn Ihr mir diese Bemerkung erlaubt.«
Die ersten Monate nach der Wintersonnenwende waren die schlimmsten. Der Lebensüberdruss grassierte wieder, und höchstens die Hälfte der Elben war in der Lage, sich überhaupt an den anfallenden Arbeiten zu beteiligen. Die anderen versanken in Melancholie und Trübsinn oder wurden durch eine Vielzahl von Zweifeln geplagt, die wie eine lähmende Droge wirkten. Keandir hatte geahnt, dass dieser Rückschlag kommen würde. Aber er hatte nicht geglaubt, dass er mit solcher Heftigkeit derart große Schneisen in die Reihen der aufrechten und einsatzfähigen Elben schlagen würde.
Das Schlimmste aber war, dass der König auch in sich selbst durchaus den Keim der Verzweiflung aufgehen bemerkte. Er musste mit aller Kraft dagegen ankämpfen. Der Gedanke, dass dann alles verloren war, noch ehe es richtig begonnen hatte, hielt ihn aufrecht. Das durfte auf keinen Fall geschehen, und Keandir war bereit, nahezu jeden Preis zu bezahlen, um das zu verhindern.
Er besprach sich mit den besten Heilern unter den Elben, und sehr häufig suchte er Brass Shelian auf, der die Nachfolge von Brass Elimbor als Oberster Schamane angetreten hatte. Es hatte viele überrascht, dass ausgerechnet ein so vergleichsweise junger und darüber hinaus der einzige seegeborene Schamane dieses hohe Amt angetreten hatte, was ganz wesentlich auf den Einfluss des Königs zurückzuführen war. Ein seegeborener Oberschamane war dem neuen Reich Elbiana angemessen. Ein Mann, der wie der König auf den schwankenden Planken eines Schiffes geboren war, der die Vision von Bathranor nie wirklich hatte teilen können und der die einmalige Möglichkeit, die sich dem Elbenvolkes durch die Landung im Zwischenland bot, wirklich zu schätzen wusste.
Ein Mann auch, dem Keandir es zutraute, dass er die Elben mit der Tatsache versöhnen konnte, dass sich nicht nur ihre Götter, sondern auch ihre Toten von ihnen abgewandt hatten und sich für die Zukunft Elbianas nicht zu interessieren schienen.
»Gibt es nicht irgendeinen Zauber, der uns helfen könnte?«, fragte Keandir den erhabenen Brass nicht zum ersten Mal.
»Glaubt mir, ich denke von morgens bis abends über nichts anderes als über diese Frage nach«, erklärte ihm der Schamane. »Aber ich fürchte, es gibt keine einfache Lösung, keinen Weg, der auf geradem Weg zum Ziel führt.«
»Ihr wollt damit sagen, dass Eure Zaubermacht nicht ausreicht, nicht wahr?«
»Ihr habt gesehen, wie weit die Zaubermacht von Brass Elimbor noch reichte«, gab der Schamane zu bedenken. »Viele der Alten behaupten, es läge an der Unfähigkeit der Jüngeren, dass die Magie nicht mehr so funktioniert, wie dies angeblich in der Alten Zeit von Athranor noch der Fall war. Ich sage ausdrücklich ›angeblich‹, denn manche dieser Erzählungen scheinen mir doch etwas arg an Wunschbildern anstatt an der Wirklichkeit orientiert zu sein.«
»Ein Fehler, den wir wohl alle begehen, wenn wir nur weit genug in die Vergangenheit sehen«, meinte Keandir.
»Mag sein. Aber der Punkt, auf den ich hinaus will, ist ein anderer, mein König. Es wäre doch denkbar, dass sich nicht unsere Fähigkeiten im Umgang mit der Magie verändert haben, sondern die Natur der Magie selbst. Das ist ein Aspekt, über den ich mir ehrlich gesagt schon lange Gedanken mache.«
»Ohne dabei zu einer wirklich abschließenden Beurteilung gelangt zu sein, wie ich annehme«, sagte Keandir.
»Ganz in der Tradition erkenntnissüchtiger elbischer Schamanen«, gab Brass Shelian zu. Er atmete tief durch, und sein Blick schweifte in die Ferne. »Ich frage mich oft, was Brass Elimbor zu diesen Dingen gesagt hätte…«
Ein anderes Mal unterhielt sich Keandir mit der Heilerin Nathranwen über die grassierende Melancholie.
»Es wird sich ändern, sobald die Tage wieder länger und heller werden«, versicherte sie dem König, der ihr manchmal den Eindruck machte, als würde auch er bereits an der Erreichbarkeit des großen Ziels zweifeln und dies nur mit aller Macht zu verbergen versuchen.
»Ich danke Euch für Eure Worte der Hoffnung«, entgegnete Keandir.
»Grund zur Hoffnung habt Ihr in der Tat, denn die Zwillinge, die unter dem Herzen Eurer Gemahlin heranwachsen, gedeihen prächtig. Und das, obwohl selbst sie in den letzten finsteren Monaten nicht frei von inneren Zweifeln war, wie Ihr sicher auch gemerkt habt.«
Das hatte Keandir durchaus. Ruwen war schweigsamer geworden, und ihr anfänglicher Optimismus war wieder der Schwermut gewichen, die Keandir zwar noch keine Sorge bereitete, in der manche aus der Heilerzunft jedoch eine Vorform des Lebensüberdrusses zu erkennen vermeinten.
»Da Schwangerschaften während der Seereise immer seltener wurden, kann ich als Seegeborner kaum behaupten, sehr viel darüber aus eigener Anschauung zu wissen«, sagte Keandir.
»Aber ich habe viel darüber gelesen. Unter anderem heißt es in den Schriften der Alten Heiler, dass Melancholie das Wachstum des Kindes hemmt.«
»Bei Eurer Gemahlin ist dies nicht der Fall, wie ich Euch versichern kann, mein König«, antwortete Nathranwen. »Es scheint die beiden Jungen regelrecht zu drängen, endlich auf die Welt zu kommen. Möglicherweise liegt das daran, dass es Zwillinge sind, die sich einen Mutterleib teilen und sich instinktiv aneinander orientieren. Wenn der eine etwas wächst, will der andere nicht ins Hintertreffen geraten.«
»Ihr sprecht über sie, als wären sie bereits…«
»… erwachte Seelen? Lebende Wesen? Das sind sie, König Keandir. Ich habe ihre Lebenskraft gespürt. Sie ist ungewöhnlich stark. Und auch wenn sie noch hilflos und unmündig sein mögen – es ist alles angelegt, um sie zu würdigen Königssöhnen werden zu lassen.«
»Das freut mich zu hören.«
»Da war allerdings etwas…« Nathranwen stockte. Ihr Blick wirkte in sich gekehrt, und ihre glatte Stirn umwölkte sich leicht. Sie strich sich das seidige dunkle Haar zurück, sodass eines ihrer zierlichen spitzen Ohren sichtbar wurde.
»Was war da, Nathranwen?«
»Etwas, das ich nicht zu erklären vermag«, antwortete die Heilerin mit leiser Stimme. »Ein Schatten. Etwas Dunkles, das ich noch nie zuvor bei Ungeborenen wahrgenommen habe.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Es hat sicher nichts zu bedeuten, denn ich habe es nur für einen kurzen Moment gespürt. Möglicherweise war es auch nur eine geistige Reflexion von Ruwens Schwermut.«
»Ja, das wird es gewesen sein«, stimmte Keandir zu.
Im dritten Monat nach der Wintersonnenwende – dem neunten nach der Ankunft der Elben im Zwischenland – kam Ruwen schließlich nieder und gebar zwei Elbensöhne. Der erste von ihnen erhielt den Namen Andir, der zweite wurde Magolas genannt.
Beide glichen sich wie ein Ei dem anderen – bis auf ein sternförmiges Feuermal, dass sich auf Magolas’ kahlem Kopf befand.
»Niemand wird diesen kleinen Makel bemerken, sobald Magolas erst einmal Haare gewachsen sind«, sagte Ruwen; ihr war aufgefallen, dass der Blick ihres Gemahls für wenige Augenblicke auf dieser Stelle ruhte und sich eine Falte auf der Stirn des Königs gebildet hatte.
Düstere Ahnungen beschlichen Keandir. Hatte dieses Feuermahl etwas mit jener Finsternis zu tun, die in ihm schlummerte und die offenbar auch in seine Söhne gefahren war, wenn er Nathranwens Andeutungen in dieser Hinsicht richtig interpretierte? Aber war das möglich? Er hatte diese Kinder gezeugt, lange bevor er den Augenlosen Seher getroffen hatte und mit seiner bösartigen Finsternis in Kontakt geraten war.
Das elbische Ideal war Reinheit. Makellosigkeit.
Vergeistigung. Aber möglicherweise waren diese alten Ideale ohnehin untauglich, um das Volk in die neue Zeit zu führen.
Vielleicht, so kam es Keandir in den Sinn, war das, wovor er sich fürchtete, in Wahrheit ein Anlass zum Optimismus, da der Aufbau von Elbiana nicht Reinheit und Vergeistigung verlangte, sondern Tatkraft und die Bereitschaft, Makel in Kauf zu nehmen.
Ja, so musste es sein. Die Finsternis in seiner Seele hatte möglicherweise gar nichts mit dem Augenlosen Seher und dessen magischen Manipulationen zu tun, sondern einzig und allein mit Keandir selbst. Vielleicht war tatsächlich er selbst die Quelle dieser Dunkelheit. Dann war es auch begreiflich, warum sie auf seine Erben übergegangen war. Und vielleicht täte er gut daran, sie als Teil seines Selbst zu akzeptieren, anstatt sie als etwas Fremdes zu empfinden…
Eine warnende Stimme regte sich in ihm und wollte einfach nicht verstummen, so sehr er sich auch bemühte. Du redest dir etwas ein!, sagte ihm diese Stimme mit einer so kristallenen Klarheit, dass es schwer war, dagegen zu argumentieren. Das Böse ist in dir, Keandir – und du glaubst, dass du es als eine Kraftquelle benutzen kannst? Der Preis dafür wird hoch sein, so hoch, dass du es dir im Moment nicht einmal vorzustellen vermagst…
Nathranwen hatte die beiden Jungen ihrer Mutter an die Brust gelegt, deren anfängliche Schwermut verhaltener Freude gewichen war. »Andir und Magolas sind die ersten Elbiana-Geborenen unseres Volks«, sagte Keandir. »Und dass einer von ihnen einen kleinen Makel trägt, ist vielleicht ein Zeichen.«
»Ein Zeichen?«, fragte Ruwen erstaunt und leicht erschrocken.
»Ein Zeichen dafür, dass wir Elben unser Streben nach Perfektion aufgeben sollten, wenn wir hier, in Elbiana, bestehen wollen«, erklärte Keandir.
»Ich bin mir nicht sicher, ob alle das begreifen werden.«
»Nach und nach schon«, war Keandir überzeugt.
Später schlief Ruwen, um sich von den Anstrengungen der Geburt zu erholen. Keandir saß an der Wiege, in der seine beiden Söhne lagen. Aufmerksam schienen sie ihren Vater zu betrachten.
Und einen Moment lang waren die Augen des kleinen Magolas vollkommen von Schwärze erfüllt, sodass nichts Weißes mehr sichtbar war!
Ein Ruck durchfuhr den Elbenkönig. Er starrte seinen Sohn völlig entgeistert an und hatte das Gefühl, als ob sich eine eiskalte Hand um sein Vaterherz schloss.
Das Ganze dauerte kaum einen Lidschlag lang, und schon im nächsten Moment war da nichts weiter zu sehen als ein neugeborener Säugling, der seinen Vater mit großen Augen anschaute. Die Finsternis in Magolas’ Augen war verschwunden, und Keandir war sich nicht einmal mehr sicher, ob er sie sich vielleicht nur eingebildet hatte und er somit ein Opfer seiner eigenen unterschwelligen Ängste geworden war.
Keandir streckte die Hand aus. Magolas’ Hand griff nach dem Zeigefinger des Königs. Die kleinen Finger schlossen sich mit einer für den König überraschenden Kraft.
»Ich wünschte manchmal, ich könnte einen Blick in die Zukunft werfen«, sagte Keandir später, als er sich mit Nathranwen unterhielt. Sie befanden sich auf dem Vorplatz des königlichen Hauptzeltes, der inzwischen mit Holzbohlen befestigt worden war, sodass man nicht bis zu den Knöcheln in den weichen Sand am Strand von Elbenhaven einsank.
»Dieser Wunsch ist ganz natürlich«, fand die Heilerin. »Alle Eltern wollen wissen, was aus ihren Kindern wird und was die Zukunft bringt.«
»Da mögt Ihr wohl recht haben.«
»Aber Ihr werdet mit der Ungewissheit leben müssen, König Keandir. Schließlich habt Ihr das alte Schicksal zerschlagen, und solange sich kein Netz neuer Verstrickungen herausgebildet hat, ist die Zukunft frei und ungewiss.«
»So habe ich es gewollt«, sagte der König. »Aber wie es scheint, erfüllt sich kein Wunsch, ohne dass dafür ein Preis zu zahlen ist.«
Nathranwen lächelte mild. »Die Namenlosen Götter müssen Kaufleute gewesen sein und haben die Welt offenbar durch Schacherei erschaffen.«
Auch Keandir lächelte verhalten. »Lasst das nicht einen der älteren Schamanen hören!«
»Noch nie wurde jemand aus der Zunft der Heiler wegen Frevels ausgeschlossen. Und im Übrigen habt Ihr ja dafür gesorgt, dass ein vergleichsweise freigeistiger Seegeborener an ihrer Spitze steht.«
Keandir zuckte mit den Schultern. »Je mehr sich offenbart, dass die Namenlosen Götter an den Geschicken der Elben und an denen der sterblichen Welt nicht mehr interessiert sind, desto mehr wird man darauf bestehen, dass sie doch noch existieren und unser Schicksal begleiten. Aber ehrlich gesagt, ich glaube, dass wir ohne die Götter besser dran sind.«
»Nimmt uns das nicht jeden Trost und jede Hoffnung auf eine Existenzmöglichkeit jenseits der materiellen Welt?«, fragte sich Nathranwen laut.
»Nein«, antwortete der König, obwohl die Heilerin diese Frage eher an sich selbst gerichtet hatte. »Es konzentriert unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt – und das Erreichen unserer Ziele.«
Nathranwen schwieg eine Weile. Schließlich sagte sie: »Das soll mir recht sein – vorausgesetzt, es macht uns langfristig gesehen nicht zu kurzlebigen Sterblichen…«
6
DIE REISE ZU DEN SINNLOSEN
Von Tag zu Tag wurde es nun wärmer und heller. Der Schnee schmolz und zog sich auf die höchsten Gipfel von Hoch-Elbiana zurück. Wind und Kälte zeigten mit den letzten Frühjahrstürmen noch einmal ihre Macht, doch die Stimmung der Elben begann sich wieder aufzuhellen. Es kam, wie die Heilerin Nathranwen prophezeit hatte: Mit dem Licht kehrte der Optimismus zurück. Die Geburt der königlichen Zwillinge tat ein Übriges dazu. Ruwens Beispiel schien zu bewirken, dass viele Elbinnen auf einmal schwanger wurden. So musste man sich schließlich mehr und mehr an das Geschrei von Säuglingen in den Zelten von Elbenhaven gewöhnen.