Der Fall Deruga
Kapitel XX
Als die Baronin bei Deruga eingetreten war, der an einem Tische saß und schrieb, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte dann: »Sie sehen nicht aus wie ein Sieger. Mir entfällt der Mut, Ihnen Glück zu wünschen.«
»Sie irren sich,« antwortete Deruga, »ich habe soeben einen Entschluß gefaßt, um dessentwillen ich zu beglückwünschen bin: Ich will den Schauplatz, der mir nicht gefällt, verlassen.«
»Das habe ich vorausgesetzt,« sagte die Baronin. »Hätten Sie nicht Lust, uns nach Paris zu begleiten?«
»Nein, ich will weiter, viel weiter fort,« sagte Deruga.
»Nun, das ist auch gut,« meinte die Baronin. »In der Ferne werden Sie die häßlichen Eindrücke, die Sie hier gehabt haben, vergessen, und wenn Sie wissen, daß Sie in dem trüben Wust einen kostbaren Schatz gewonnen haben, nämlich ein reines, warmes, treues Herz, so wird Sie das allmählich zurückziehen.«
»Ich bin nicht so verwegen, mir einzubilden, ich hätte Ihr Herz gewonnen, Frau Baronin,« sagte Deruga, gutmütig spottend, »auf das Ihre Schilderung auch wohl so ganz nicht paßt.«
»Nein, nicht so ganz,« sagte die Baronin, indem sie mit wehmütiger Koketterie den Kopf wiegte, »immerhin dachte ich an eines, das dem meinigen nah, sehr nah verwandt ist.«
»Kleiner Mingo,« sagte Deruga träumerisch, und dann rascher, zu seinem Gast gewendet: »Ach, glauben Sie denn, Baronin, ich könnte es ertragen, ein Wesen an meiner Seite zu haben, das mich immer an meinen kleinen Mingo erinnerte, den ich verloren habe? Wenn Sie das für möglich halten, so wissen Sie nicht, was Elternliebe ist.«
»O doch, ich habe es erfahren,« sagte die Baronin, indem sie langsam den verschleierten Blick auf ihn richtete.
»Ich glaube Ihnen,« sagte Deruga, »aber vielleicht können Sie sich nicht in meine Lage denken.«
»Es ist natürlich,« sagte die Baronin, »daß ich zunächst die meine und die meines Kindes empfinde. Daß eine Mutter ihre Tochter nicht gern einem um so viel älteren Manne gibt, das versteht sich doch wohl von selbst. Wenn ich trotzdem mich entschlossen habe, Ihnen von dieser Neigung zu sprechen, so geschah es, weil ihre Stärke und unschuldige Zuversicht mich rührten und mir den Glauben erweckten, es könne doch vielleicht — wie man so sagt — Gottes Wille sein. Dazu kommt freilich, daß ich mich davor fürchte, das Kind leiden zu sehen.«
»Wirkliches Leiden,« sagte Deruga, »würde ihr die Erfüllung ihres Wunsches bringen. Sie kennt mich nicht. Und auch Sie, Baronin, kennen mich offenbar nicht genügend.«
»Die Natur will nicht, daß wir Frauen die Männer ganz kennen,« sagte die Baronin leicht errötend. »Hat sie uns nicht blind gemacht, so müssen wir uns wohl oder übel die Augen verbinden. Aber von Ihnen, gerade von Ihnen glaubte ich, daß es nur von Ihrem Willen abhinge, wenn nicht ein großer, so doch ein sehr guter Mensch zu sein.«
»Wenn das wahr wäre,« sagte Deruga, »so wäre ich es ja. Mein Wille hängt aber nicht von mir ab, sondern von meinem Blut, von meinen Nerven, von den Eindrücken, die ich empfange, von tausenderlei Strömungen und Stockungen, über die ich nicht Herr bin. Ich habe Augenblicke gehabt, wo es mir vor mir selbst ekelte, und ich will verhindern, daß sie wiederkommen, nachdem ich einmal hoch über allen irdischen Niedrigkeiten war.«
»Und könnten Sie das nicht am besten dadurch verhindern,« sagte die Baronin, liebevoll dringend, »daß Sie Ihr Leben mit einem jungen, reinen, vertrauenden verbänden?«
»Wenn ich stark wäre, ja,« sagte Deruga. »Aber da ich schwach bin, bleibt mir doch nur der andere Weg, daß ich fortgehe.«
Etwas in seinen Mienen oder im Ton seiner Worte machte, daß die Baronin ihn plötzlich richtig verstand. Ihre Hand, die auf der Lehne seines Stuhles lag, zitterte, und sie wurde bleich. Eine schreckliche Angst, er könne jetzt gleich, ihr gegenüber Hand an sich legen, befiel sie, und zugleich durchzitterte sie der Gedanke, daß dies die beste Lösung für sie wäre.
»Es ist entsetzlich, mir das zu sagen,« stöhnte sie, die Augen schließend und den Kopf zurücklehnend.
»Nicht so sehr,« sagte Deruga, »ich hätte es nicht gesagt, wenn ich nicht wüßte, wie verständig Sie sind. Ich will Ihnen gestehen, als mich Ihre Augen zum ersten Male mit einem Blick trafen, der aus Abneigung und plötzlich erregter Zuneigung gemischt war, wurde eine starke Begierde zu leben in mir wach, wie ich sie jahrelang nicht empfunden hatte. Denn eigentlich lebte ich nur so hin, weil ich einmal da war, ohne daß etwas mich sonderlich reizte. Der Trieb, den Sie in mir entzündeten, war nichts Hohes oder Schönes, es war ein Durcheinander von Genußsucht, Eitelkeit und Selbstliebe, was eben bei uns Männern der Leidenschaft hauptsächlich zugrunde liegt. Der Reichtum, der mir in den Schoß gefallen war, bekam plötzlich doppelten Wert für mich. Von ihm getragen, wollte ich leben um jeden Preis, was für Opfer es auch kosten möchte, leben, um ungeschränkt zu genießen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn der gute Dr. Bernburger nicht den Brief von meiner armen Marmotte gefunden hätte!«
»Da verblaßte die neue vor der alten Liebe,« sagte die Baronin leise.
»Sie mögen es immerhin so ausdrücken,« sagte Deruga. »Vom Finger der Erinnerung berührt, stieg die göttliche Zeit vor mir auf, die mir einmal geschenkt war. Ich sah, wie flach, zerbrechlich, alltäglich und ekelhaft alles das war, was mich glänzend und genußreich umgaukelt hatte, verglichen mit der Seligkeit, die ich empfand, als ich meiner armen, kranken Marmotte den Tod gab. Ja, ich würde reicher und angesehener sein, es würden mir feinere, höher gestellte Frauen zu Verfügung stehen als früher, aber ich würde mit jedem Schritt tiefer in den Schlamm der Alltäglichkeit versinken und mich weiter von jenem Götterglück entfernen, bis ich meine Fähigkeit dazu endlich vergessen und verloren hätte.«
»Man kann nicht immer auf den Höhen verweilen,« wandte die Baronin zaghaft ein.
»Ich wenigstens kann es nicht,« sagte Deruga. »Aber ich war doch einmal begnadet, in ätherischer Luft zu atmen. Mir schmeckt eure Zeit nicht mehr nach jenen ewigen Augenblicken.«
»Vielleicht,« sagte die Baronin zögernd, »könnte Mingo Sie umstimmen, wenn sie zu Ihnen käme.«
»Das wäre zum Unglück für uns beide,« sagte Deruga. »Lassen Sie dem Kinde eine schöne, heilige Erinnerung, die vielleicht einmal dunkle Stellen des Lebens verklären kann. Mich beglückt der Gedanke, daß sie ein unbeflecktes Bild von mir in liebevollem Herzen festhält. Versprechen Sie mir, es nicht zu zerstören, Baronin!«
»Es ist ja mir so teuer wie ihr,« sagte sie mit erstickter Stimme. Sie drückte das Taschentuch an die Augen und saß ihm lange stumm gegenüber. Plötzlich kam ihr inmitten verworrener Gefühle und Gedanken ein Einfall, dem nachgebend sie sich schnell aufrichtete und fragte: »Und die verhängnisvolle Erbschaft? Was wird aus der, wenn Sie — fortgehen?«
Deruga lachte. »Wahrhaftig, Baronin,« sagte er, »wenn Gundel Schwertfeger nicht wäre, würde ich sie Ihnen von Herzen gönnen. Aber, sehen Sie, Gundel Schwertfeger kommt das Geld eigentlich zu, weil die Marmotte es ihr zugedacht hatte, und weil sie es in ihrem Sinne anwenden wird. Und um mich hat sie es verdient, das treue, tapfere Herz, obwohl ich ihr einmal böse war, weil sie mich zu hart beurteilte. Im Grunde galt mein Zorn nur ihrer Unbestechlichkeit.«
»Ach,« sagte die Baronin schmollend, »Sie und das Fräulein Schwertfeger gehören zu den Leuten, die nur ein Herz für die Leiden der Armen haben. Glauben Sie mir, verhältnismäßig bin ich ärmer als die ärmste Taglöhnersfrau.«
»Ja, aber nur verhältnismäßig,« lachte Deruga.
»Nun, lassen wir das,« sagte die Baronin, »nur um eines bitte ich Sie: Lassen Sie die Nadel, den Mohrenkopf, den Sie in der Krawatte tragen, nicht in fremde Hände fallen!«
»Sie sollen ihn als Andenken erhalten,« sagte Deruga, »wenn ich meine Reise antrete. Machen Sie sich aber niemals Gedanken, Baronin, als hätten Sie den Aufbruch verschuldet! Schon oft, lange vor diesem Prozeß, habe ich die Absicht gehabt, diese öde Station zu verlassen, wo ich mich ebenso langweilte wie Sie in Ihrer Ehe. Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich einmal im Anfang der Verhandlungen erzählte, wie ich fortgereist und aufs Geratewohl querfeldein gegangen sei, um irgendwo draußen in der Einsamkeit wie ein Tier zu sterben. Das war keine Erfindung, wenn es auch nicht gerade an dem Tag vorgefallen war.«
Die Baronin war aufgestanden und hielt ihm zögernd die Hand hin. »Lieber Doktor,« sagte sie, »alles, was Sie nur eben sagten, war der Ausdruck einer Stimmung, die nach den vorausgegangenen Eindrücken erklärlich ist, die aber vorübergehen wird. Ihre zahlreichen Freunde werden darauf hinzuwirken suchen, und ich bin überzeugt, schon morgen werden Sie irdischer, menschlicher empfinden. Ich wäre nicht imstande Ihnen Lebewohl zu sagen, wenn ich nicht fest darauf rechnete.«
»Küß die Hand, Baronin, und grüßen Sie Mingo!«
Auf der Treppe zog die Baronin einen Spitzenschleier aus der kleinen Handtasche, die sie in der Hand trug, und band ihn vor ihr Gesicht, über das unaufhaltsame Tränen flossen. Erst nachdem sie eine Zeitlang in den entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war, versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen, fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren und einige für die Abreise notwendige Einkäufe zu machen.
Der Gedanke an Paris hatte etwas Befreiendes für sie. Auf der neuen Szene, dachte sie, würden neue Auftritte mit neuen Eindrücken kommen und sie heilen; denn sie bedürfte es doch mehr als Mingo. Ja, für Mingo war es gut so, das fühlte sie mit jedem Augenblick deutlicher. Eine kurze Zeit leidenschaftlicher Wonne hätte sie vermutlich, wenn sie Deruga geheiratet hätte, mit einem Leben voll Enttäuschungen und mannigfacher Bitterkeit erkauft; denn was für Schätze sein Herz auch bergen mochte, ihr gegenüber wäre er bald der alternde, launenhafte, überdrüssige, erloschene Mann geworden. Der Schmerz hingegen, den sie jetzt erfuhr, würde sich bald, wie Deruga vorausgesagt hatte, in eine heilig behütete Erinnerung verwandeln, bei der man gern in Träumen verweilt. Vielleicht war sie infolge der Erregungen, die sie durchgemacht hatte, gerade in der rechten Verfassung, um für Peter Hases Werbung empfänglich zu sein, der sie begleitete, oder es würde einem anderen gelingen, sie zu interessieren. Dies Erlebnis hatte den Boden ihrer Seele erst lockern müssen, der sich bisher vor der Liebe verschlossen hatte. Es lag jetzt nur an ihr, sich eine reiche Ernte für die Zukunft zu sichern.
Sie dagegen, so dachte die Baronin, hatte einen dürren Herbst und einen öden Winter zu erwarten. Es schauderte sie, und sie zog das Pelzgehänge, das sie an den kühlen Frühlingstagen noch trug, dicht um sich zusammen. Gab es denn irgendwo auf Erden die göttliche Zeit, das himmliche Klima, wovon Deruga gefabelt hatte? Ach, mit was für fremdartigen Gedanken hatte er sie gestört! Nein, das Verstiegene und Überschwängliche hatte sie sich immer fern gehalten und wollte es auch ferner tun, das ihrem guten Geschmack widerstrebte. Das Leben war reich an heiteren, reizenden Augenblicken; die Kunst, diese Schmetterlinge einzufangen, sich an ihrem Schmelz zu erfreuen, ohne sie zu betasten, wollte sie sich immer mehr zu eigen machen. Konnte sie dazu eine bessere Gelegenheit finden als in Paris, in Gesellschaft ihrer Tochter und Peter Hasens? War nicht endlich auch ihr Mann ein schätzbarer Begleiter? Ansehnlich, elegant, zuvorkommend, eben durch seine langweilige Farblosigkeit bequem? Ihr Schritt wurde immer elastischer und ihre Mienen heiterer. Als sie im Hotel ankam, strömte ihr Wesen einen so frischen Reisemut aus, daß ein wenig davon auf Mingo überging.
Ein paar Tage später erhielt sie in Paris ein Paketchen, in dem Derugas Nadel mit dem Mohrenkopf war. Ihre Augen wurden feucht, aber sie verbarg das Kleinod schnell in einer Schatulle, wo sie ihre Kostbarkeiten zu verschließen pflegte, um es erst dann wieder hervorzunehmen, wenn ihr Herz ganz still und sicher geworden wäre.
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