Der G'wissenswurm

Ludwig Anzengruber · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/2

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Der G'wissenswurm

The Project Gutenberg eBook of Der G'wissenswurm: Bauernkomödie in drei Akten

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Dusterer. No, lachst du a no dazu!

Wastl. Na, weinen wird er, müßt ja a Kuh lachen, wann s' dich hizt anschaut!

Dusterer. Beispielmäßig lacht a Kuh gar net

Wastl. Na, aber a Ochs wird gleich flehnen.

Grillhofer. Dich hobn s' orndli.

Wastl. Lachst a wieder amal, Bauer? Lustig warn mer schon lang net.

Grillhofer. Ja, lustig—schaut's mich an—so alt und …

Liesel. I kenn ein ältern. Hahn mer ein Bauern in Ellersbrunn, der hat seine achtzig auf'm Buckel und am Kirtag schreit er no um sein Musi und singt:

Lied

No will ich amal lustig sein,
Bin glei a alter Mon,
Doch will ich so, no Sikra h'nein,
Wem gang denn dös was an!
(Jodler. Grillhofer singt den Jodler mit.)

Wastl. Jesses, jesses, Bauer, geh, tu mir Bscheid!

Grillhofer. Du hast ja koan Glasl!

Liesel. Mir trinken aus oan!

Wastl. U, mein Jegerl, ja, Liesel, mir trinken aus oan! (Nimmt das Glas.)

Grillhofer. Schau 'n Wastl—du Hoamlicher—is dös die Rechte amal? Hehe!

Wastl. A wohl—dö war's schon! (Stoßen an.)

Liesel (singt).

Warum soll i nöt lustig sein? Gott is a guter Mon, Mir gfallt es Lebn, mir schmeckt der Wein, Und neamad geht's was an! (Jodler.)

Grillhofer (klopft dem Dusterer auf den Rücken). No, brumm a mit, alts
Eisen! (Alle singen mit.)

Liesel (singt).

Hon i doch all dö Lebtag mein Koan Schlechtigkeit net ton, Und will i amal lustig sein, Wem gang denn dös was an?! (Setzt zu dem Jodler ein.)

Dusterer (stößt sein Glas hart auf den Tisch). Do singst nöt mit,
Schwager! Möcht wissen, wie d' da mitsingst, ohne daß dir der Stimmstock
umfallt! Sing mit, wann d' kannst! Hast all dein Lebtag koan
Schlechtigkeit nöt tan? Hast nöt? Han?

Grillhofer (der schon beim Jodler der ersten Strophe mit aufgestanden war, sinkt jetzt zurück auf die Bank; finster). I sing eh net mit!

Dusterer (leise und angelegentlich). Und laß der sagen: So is die Weis
net, wie mer d' armen Seeln derlöst, und so verstirbt a der Wurm net!
Wann d'n a jetzt mit Wein einschlaferst, moanst, er wird neamer munter?
Oh, er wird schon.

Liesel (ganz verwundert, tritt hinzu). Ja, was is's denn? Was hast denn auf einmal, Bauer?

Grillhofer. Laß's gut sein, laß's gut sein, Dirndl! Ich dank dir schön, hast es recht gut gmeint, aber ich und du sein a gar z' ungleich Gspann, tauget mir schon, kunnt ich no Schritt halten mit dir, aber so bin halt ich der Stützige. Jo, jo, d' Lustbarkeit findt da in mein'm Einwendigen ein gar strengen Herrn, der s' austreibt! Es leidt sich amal koan Fröhlichkeit auf mein Hof, no, wirst selber kaum verbleibn wolln und ich darf dich a net verhaltn, 's wird völlig Ernst mit 'm Furtschicken—na, na, daß d' mer net ganz harb bist, soll der Wastl, wann Feierabend is, a Stuck Weg mit dir gehn.

Liesel. No sollt ich fort und is dir 's Lustigsein doch so gut angstanden; geh ich, fangst mer wieder zun Duckmausern an.

Grillhofer. Mein lieb Dirndl, anders schickt sa sich neamer für mich.

Liesel. Möcht doch wissen, warum?

Grillhofer. Jo siehst, Dirndl, du bist für Leut, was nöt schwer tragn unterm Brustfleck, für solchene aber (auf Dusterer) is er der rechte. Vor ein halbn Jahrl hob ich mein Deuter kriegt. Sunst allwal gsund, streift mich af amal der Schlag. Elendig bin ich daglegn, hon aber no net gwußt, wo dös h'naus soll; aber der hat sich gleich auskennt, is gleich zu mir ins Haus grennt und hat gsagt: "Schwoger", hat er gsagt, "du hast a Sünd af dir, was d' nie noch recht bereut hast, hast's alleweil af d' leichte Achsel gnummen und unter der Zeit is der Wurm in dir foast wordn, so foast, daß d'r hizt, wo er sich aufdammt hat, bald Seel und Leib vonandgangen wärn! No schau halt hizt dazu. Besser spot wie gar nöt!" No, redet bot er ghabt, recht hot er ghabt! War wohl schon a verschlafene Gschicht, aber recht hot er doch ghabt, wie er mir's vorgstellt hat! Jo, jo!

Liesel. Hättst es net aufwecken lassen, dö verschlafene Gschicht. Wär gscheiter. Soll hizt der Floh, den dir der ins Ohr gsetzt hat, 'n Wurm fressen?

Grillhofer. Mußt nöt gspassen mit sölchene Sachen, mein lieb Derndl! Du weißt halt no von wenig. Aber ich will dich net ohne Einsehn lassen; sündig, wie ich war, und reuig, wie ich bin, sollst mich kennenlernen; ich will der dö Gschicht am Weg mitgebn, so Versündigungssachen sein allmal lehrreich für dö Weibsleut! Mag wohl schon a fünfundzwanzg Jahrl her sein, hat damal mei Weib noch glebt, da is a Dirn zu mir in Dienst kämma, war a klein mollets Ding, bißl hoffartig, hat sich mit koan Bubn nöt abgebn, nur af mi hat s' freundlich gschaut; daß ich sag, mei Weib hot koan oanzigs Kind af d' Welt bracht, allweil is's krank gwest und um dö Zeit is's gar elendig dahinglegn, ich aber war allzeit a kerngsunder Mon, und so schickt sich's halt amal, ich triff die Dirn allein und so is's halt kämma, wie's oft kimmt und zugeht af derer Welt. Bin mir nöt ganz klar, dö Dirn war nie so recht offen, war dös Wahrheit oder hat s' nur dö schwere Arbeit loswerdn wolln, sie hat a so tan, als war s' af dö Versündigung neamer recht richtig mit ihr. Aber lang, vor sich's hätt weisen können, is mein Weib ihr Vertraulichkeit zu mir aufgfallen, dö hat s' zu sich rufen lassen, hat s' beicht oder net, weiß net, aber sie hat af amal fortbegehrt und ich hab s' a net ungern fortlassen.

Liesel (an der Schürze spielend) Was d' da verzählst, Bauer, dös is freilich wohl nöt recht, kann aber doch nöt allein af dein Rechnung kämma, sein ja doch zwei dabei gwest.

Grillhofer. Wohl, wohl, zu solchene Dummheiten sein für gwöhnlich zwei vonnöten. Aber ich hätt solln 'n Gscheitern machen. Wie s' amal furt war, war s' wie vom Erdboden wegblasen, weit und breit da h'rum hat s' neamand mit kein Augn mehr gsehn. Was wohl mit ihr gschehn is? Hizt liegt's mer halt schwer auf, weil ich s' aufn Sündenweg gbracht hab, wie weit s' wohl drauf fortgrennt sein mag, immer naheter und naheter der Höll zuhi! Und hizt leicht gar net weit davon einloschiert! Jo, jo!

Wastl. Und dös ist dö ganze Gschicht? Zwegn dem tust so verzagt, zwegn dem willst Haus und Hof in fremde Händ gehn, nur damitst mehr freie Zeit und a Gsellschaft zur Bußübung kriegst?!

Grillhofer. Wohl—wohl.

Wastl. Na hörst, Bauer, meinst, wann mer amal dumm war, ma macht's besser, wann ma dann no dümmer is?

Grillhofer. Red nur du nix drein, Wastl, dös verstehst du net; sei froh, daß d' nix af dir hast, und schau dazu, daß d' a nix h'naufkriegst, wo d' dös möchst verstehn lernen!

Dusterer. Is a rechte Lehr—is a wahre Christenlehr, Wastl; nimm dir's z'
Herzen! Beispielmäßig möcht einem 's Leben anlachen wie a schöner
Obstgarten, aber zulangen is net verlaubt, dös verwihrt ein'm der liebe
Gott.

Liesel. Geh zu, Schwarzer, mußt unsern Herrgottn nöt zum Vogelschrecker machen! Hat er doch selber die Kirschen so rotbacket und d' Weinbeer so glanzend gmacht, no, und übernimmt sich eins, is dös sein eigene Sach, wie er wieder mit sein Magn auf gleich kimmt, und beispielmäßig gibt's koan bessere Lehr als so ein überessenen Spatzen, was marod auf 'm Astel sitzt und 'n andern zuschreit: Zviel is ungsund!

Dusterer. Mein liebe Dirn, beispielmäßig kennst du dich lang no net aus, is a gar koan Red vom lieben Gott, der ein'm alls Gute vergunna möcht, sundern vom höllischen Erbfeind, was ein'm zum übermaß verlockt, wo 'n ein'm drauf net gut wird und ma nachhert in der Höll sein Kamillentee kriegt, was aber kein net schmeckt! Ja, ja, unter dö Kirschen liegent eben 'n Höllischen seine Fallstrick, und wo sich hizt der Schwoger alser Bußfertiger davon loslöst, hat er scho recht, wann er a a jedes Faderl von sich tat, wo do nochmal der Höllische amal anknüpfen kunnt.

Grillhofer. No, sehts es—sehts es. Dös is a Red. Der versteht sich halt drauf—ja dadrauf versteht er sich!

Wastl. No, is a a schöne Profession!

Grillhofer. Und hizt laß mer dö unnötig Wartlerei sein. Mei lieb Dirndl, magst d'r, vor d' gehst, noch a weng mein Hof anschaun! Tu's ohne Neidigkeit, ist dir vielleicht zum Bessern und bleibt d'r manche Versuchung derspart, wann nöt wird, wie deiner Mahm ihr Absehn war. Wann d' zu ihr hoamkimmst, magst ihr sagn, ich lass' s' schön grüßen, und sag nur, wie's wahr is, du wärst wirklich schon z' spat kämma. Morgn, wann a schöner Tag is, fahr ich vielleicht schon nach der Kreisstadt und tu a jed Faderl von mir, wo no der Teuxel mich anfassen kunnt; ich tu's 'm Schwager verschreibn, der is scho mehr auf seiner Hut. Und no bhüt dich Gott, Dirn! Daß d' da warst, war mer doch a klein Aufheiterung, wann's a bei mir net recht verfangen will, und no vergelt dir's Gott! Und wonn amal alls in Ordnung is und ich bei mein'm Schwogern in der Ausnahm bin, dann such mich hoam, vielleicht bin ich dann scho a weng lustiger wordn.

Dusterer (tätschelt die Hand Grillhofers). Ja, ja, freilich, mein lieben
Ausnehmer magst nachhert schon bsuchen.

Liesel. No, bhüt dich Gott, Bauer.

Grillhofer. Bhüt Gott und spater vergiß net auf mich und kumm fein.

Liesel (kehrt zurück). Oh, ich schau dir schon nach! Ich weiß net, mir gschieht so viel hart um dich—es is mir, als wär dir dös traurige Wesen naufzwungen und stund drum a net 'n lieben Gott noch 'n Menschen an, is mir, als sollt ich dir noch a ganz a Menge sagn, aber ich wußt wahrhaftig selber net, wie ich's vorbringa sollt. Bhüt dich recht Gott! (Läuft ab.)

Wastl. Schickst es richtig furt? (Grillhofer schupft die Achsel.) Bauer, mir is, als solltst es dahalten—dahalten.

Grillhofer (lachend). War wohl neamd lieber als dir! Bist a Feiner du!

Wastl (wendet sich ab und geht der Liesel nach, unter dem Abgehen räsonierend). Is a recht! Setz morgn den Duckmauser auf'm Hof, so renn ich übermorgn schon nach Ellersbrunn, und müßt ich ins Taglohn! Möcht nachher so a Wirtschaft mit ansehn, so a Wirtschaft—heilig Kreuzdonnerwetter! (Beide durch die Haustür ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 5. Szene

Fünfte Szene

Dusterer und Grillhofer.

Dusterer. Ob ich mir's net denkt hab, Grillhofer! Ich hab mer's aber denkt! Wie s' vermeinen, es gibt bei dir was z' holen, so kommen dir Leut ins Haus grennt, mit denen dein Lebtag nix hast z' tun habn wölln!

Grillhofer. No, sucht halt jeds af der Welt sein Vorteil. Kummen s', sein s' da, gibt's nix, gehen s' wieder! Beirrt mich net und kann dir wohl a gleich sein.

Dusterer. Wann d' a so denkst, freilich wohl.—Dein Weib, mein Schwester, hat eh amal gsagt—wart a weng wie war denn dös? Daß ich's net nur beispielmäßig, sundern Wartl für Wartl fürbring, wie's gwesen is! Ja, ja, fallt mer schon ein. Dein Weib hat eh a amal gsagt: Nikodemi hat s' gsagt, auf'n Mathis schau mir und weis mer'n fein nachi in Himmel. Bringt dir wohl a ein Lohn, denn nach dem, wie der Mathis sich an mir versündigt hat—jo wie er mir weh tan hat, war's net schön, wann er net das Seine bei unserer Famili lasset!

Grillhofer (hatte den Kopf in beide Hände gestützt, blickt jetzt auf).
Dös hätt mei Weib zu dir gsagt? Hat dich do nie gut leiden mögn. Schau,
Dusterer, du bist ja hizt eh am Ziel, was bringst denn solchene Sachen
für? Kam ich dir af a Lug, möcht's dich reun.

Dusterer. No, wirst doch net meinen—Schwoger—wirst doch net meinen?…

Grillhofer. So hat mein Weib nie gredt.

Dusterer. Aber, Schwoger, glaub mir…—no, soll sie's nöt gsagt habn—du bist krank, ich will net streiten mit dir.

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 6. Szene

Sechste Szene

Vorige. Leonhardt.

Leonhardt (Fuhrknecht, hat ein breites, rotes Gesicht mit pfiffigem Ausdruck, trägt breitkrempigen Hut, blaue Bluse, hohe Stiefel, kommt durch das Zaungatter den Anstieg herunter; ist etwas angeheitert). öha! Grüß Gott miteinander! Dusterer, dich such ich! Hat mer dein Alte gsagt, ich traf dich do, is mer recht, muß gleich wieder furt mit meine Roß—geht eahner wie mir—kinnen nöt lang stehn.

Dusterer. Was gibt's?

Leonhardt. Vorerst liegt a klein Fassel Essig für dich in der Kreisstadt, möchst 'n bald abholn—ja—da hast vom Spediteur 'n Frachtbrief. (Gibt ihm einen roten Zettel.)

Dusterer. Was hast 'n nöt glei mitbracht?

Leonhardt. Weil er no nöt zahlt is!

Dusterer (steckt den Frachtbrief zu sich). Noch was?

Leonhardt. A Seitel Wacholder hon i mir verdient, mein ich.

Dusterer. Dös war dös Fassel nöt wert.

Leonhardt. Ah, wer redt hizt vom Essig. Hast a schlechts Angedenken! Vor ein halben Jahrl host mer's versprochen, wonn ich dir was auskundschaft.

Dusterer (fährt vom Sitz empor). Was sagst? So, so, no, da kimm nur glei mit hoam.

Leonhardt. Kumm eh grad her! Wonn i so viel umanandrenn, wird mer schwindli, no jo, bin nur 's Fahren gwohnt. Bleibn mer da—is jo nur der Grillhofer, dein Schwager!

Dusterer (ungeduldig). Sakra h'nein: Mitkimmst, sog ich!

Leonhardt (sieht ihn starr an). Wos?!

Dusterer. Sunst verspielst'n Wacholder!

Leonhardt. So redst?—Wer—wer bist denn du? Bist leicht mei Herr, daß d' mit mir so h'rumschreist? Han, schau dich an, notiger Ding! Möchst es jetzt gern ablaugnen? Wann d' mer a so kimmst, brauch ich 'n gar net, dein Wacholder, brauch 'n net! Ein andermal such der anderne aus zu sölchene Gschäften, mich net! (Zu Grillhofer.) Schau der 'n an—a Seitel Wacholder hat's golten, um d' RieslerMagdalen is gangen, was vor fünfundzwanzg Jahr in dein Dienst war…

Grillhofer (fährt empor). Was sagst, um d' Magdalen?

Leonhardt. Jo, wo s' verbliebn is, ob s' no lebt oder schon verstorbn is. Jo. Seit oan halben Jahr, zeit- und randweis hon ich nachgfragt. Und hizt reut's ihm, hizt reut ihm dös Seitel Branntwein…

Grillhofer (aufgeregt). No red, red, Lenhardt!

Leonhardt. No, verdient hab ich mer'n!

Dusterer (schreit). Kriegst 'n net!

Leonhardt (schreit gleichfalls). Brauch 'n net, hab ich gsagt, solltst dich schamen gegn ein Fuhrknecht! Bauer willst hoaßen? Nix bist!

Grillhofer. Laß 'n, Lenhardt, laß 'n! Was is mit der Magdalen?

Leonhardt. Auskundschaft hon ich's!

Grillhofer (aufschreiend). Sie lebt?!

Leonhardt (schreit gleichfalls). Jawohl!—Ah so, du bist's gwest, Grillhofer—ah ja, du, ich hon gmeint (auf Dusterer), der schreit wieder gegn meiner.

Grillhofer. Um Gottes willn, Lenhardt, bsinn dich af d'Wahrheit, hast a recht gsehn?

Leonhardt. No, wohl recht gsehn und recht gfragt.

Grillhofer. Du wöllt s' hizt ausgfunden habn, wo es Gericht sie die lang
Zeit her scho sucht!

Leonhardt. Ausgschriebn war a Erbschaft, aber gmeldt hat sa sö net, weil ihr dös Gspiel z'viel verschuldt war.

Grillhofer. Und wo, wo hast es denn aufgfunden?

Leonhardt. A drei Stund von da, wann d' ins Gebirg einfahrst, an der
Kahlen Lehnten hat s' ihr Wirtschaft.

Grillhofer. Ich muß hin—wird mich net umbringen, dös bissel Fahrn, wird mich nöt umbringen; mit meine eigenen Augen muß ich mich überzeugen, wie's mit ihr steht, in was für oan Elend als s' lebt! (Ist bis zur Haustür gegangen.) Rosl—he, Rosl, hörst! (Kommt, in der Westentasche nachsuchend, wieder vor.) Lenhardt, dank der schön, hast mer a rechte Wohltat derwiesen. Dank der schön, da hast. (Gibt ihm Geld.)

Leonhardt. Is gern gschehn, Bauer (betrachtet den Betrag sehr befriedigt), no, vergelt dir's Gott!

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 7. Szene

Siebente Szene

Vorige. Rosl (erscheint unter der Haustür).

Rosl. Was willst, Bauer?

Grillhofer. Eil dich, Rosl, der Michl soll hurtig einspanna, er muß mich führen, er weiß sich aus, nach der Kahlen Lehnten fahrn mer.

Rosl. Aber, Bauer!

Grillhofer. Sei stad, Rosl, es muß sein, hätt sonst kein Ruh und kein Rast. 'm Wastl sag, tät mer leid, aber er konn sei Derndl hizt neamer begleiten, muß hoam bleiben, weil ma net wissen kann, was leicht no wird oder gschiecht. Und hizt tu dich um, richt mer mein Rock und mein Hut und 'n Schofpelz konnst mer a af'n Wagen werfen, für dö Nacht etwa.

Rosl. Aber…

Grillhofer. Geh zu und tu, wie ich sag! (Rosl ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 8. Szene

Achte Szene

Vorige ohne Rosl.

Grillhofer (kehrt zurück und will den Kopfpolster von der Bank nehmen).

Dusterer (stürzt herzu und faßt an dem andern Ende an). I trag 'n schon!

Grillhofer (zerrt ihn an sich). Laß los!

Dusterer. Aber, Schwoger! (Zerrt den Polster an sich.)

Grillhofer. Rühr mir an nix Meinigs mehr! (Zerrt ihn zurück.)

Dusterer (läßt den Polster fahren und will den Arm Grillhofers fassen).
Schwoger—laß reden…

Grillhofer (deckt sich mit dem Polster gegen jede Berührung des zudringlich werdenden Dusterer). Mir habn ausgredt! Alsdann dö Magdalen lebt, lebt s' nöt? Erzlugner!! Is die Höll a drei Stund von da an der Kahlen Lehnten? Is dort die Höll? Erzlugner!

Dusterer (ist ihm bis zur Haustüre gefolgt). Grillhofer! (Faßt ihn am
Rockzipfel.)

Grillhofer (zornig). Erzlugner!! (Stülpt ihm den Polster auf den Kopf, wird dadurch frei und verschwindet unter der Haustüre.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 9. Szene

Neunte Szene

Vorige ohne Grillhofer.

Leonhardt (gutmütig). Teufi, is der Grillhofer schichti wordn! No' mach der nix draus, kimm mit, zahl ich dir a Glasl! (Zeigt das erhaltene Geld. ) Schau, wie der Wacholder blüht!

Dusterer (wütend zu Leonhardt). Vergreifa kunnt ich mich an dir—völlig vergreifa!

Leonhardt (indem er sich zum Gehen wendet). No, aber nachhert gute Nacht! 'n Polster hast schon, und ich tat dich schon a orndlich zudecken.

Dusterer. Der leidig Höllteufl hat dich herbracht.

Leonhardt (schon beim Anstieg). Nöt wahr is, dein Weib hat mich hergwiesen! (Ab.)

Dusterer (allein). Sikra h'nein, is eh so, mein Weib hättn hoam halten solln, den versoffenen Lump, hätt doch selbn herrennen können, hätt ihr d' Füß net kost't!—No, gfreu dich, wonn ich hoam kimm!—Sand an all'm Elend schuld, scho von Paradeis her, dö Weibsleut!—A holb Jahr plag i mich obi, dank 'n Himmel für jeden guten Einfall, den er mir schickt, womit ich den alten Sünder ins Gwissen reden konn! Und hizt soll alls umasunst gwest sein, zwegn so oaner Dummheit! Aber no gib ich's net auf, ich muß a dabei sein, ich muß mit hin nach der Kahlen Lehnten, ob er mich mit habn will oder net—ich weiß schon—ich schleich mich in Hof, und wonn dö Rosl 'n Schofpelz auf'm Wagn wirft, so kriech ich drunter. Was will er denn mocha, wann ich a so mitkimm? Was will er denn macha? Geht schon, geht schon, weil net anderscht is, kimm ich halt in Schofpelz hin. (Will durch die Haustüre schleichen, prallt aber zurück und schleicht um das Haus; Kulisse vorne rechts ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 10. Szene

Zehnte Szene

Wastl und Liesel (durch die Haustüre).

Wastl. No, gehst wirkli scho, Liesel?

Liesel. Freilich wohl, wo d' mich hizt net begleiten darfst, möcht ich
doch schon vor Einbruch der Nacht wieder in Ellersbrunn sein. Haha, dö
Mahm wird Augen machen, wonn ich sag, mit der Erbschaft is nix, aber ein
Schatz hon ich gfunden. Leicht jagt sie mich dann davon!

Wastl. No rennerst halt glei zu mir!

Liesel. Jo, aber, wo wirst du nachher sein, wann d' bei dein Bauern net verbleibn willst?

Wastl. Is a net zum Verbleibn, seit der sein'm Schwogern sein Norr is! No schau, is doch gut, daß mir uns wieder z'sammgfunden habn, ganz mutterseelenallanig fraget ich ein Teufel darnach, was aus mir wurd, und rennet nur so ins Blaue h'nein davon; aber da a für dich gilt, werd ich mich schon um oan rechten Platz umschaun.

Liesel. No, recht is's, nur a weng wart noch zu und mach's fein manierli, daß 'm Bauern net hart gschieht. ös mögts ja doch selber einander leiden!

Wastl. Awohl—wohl…

Liesel. Mir derbarmt der alte Mon. Möcht ihm gern helfen, laßt ein'm aber kein Zeit dazu. I traf's schon, meinst net? Is heunt doch lustig wordn, gelt?

Wastl. Oh, du brachst alls z'wegn!

Liesel. Und no bhüt dich Gott, Wastl.

Wastl. Bhüt Gott, mein Dirn, ich denk dir gwiß an dich bei Tag und Nacht!

Liesel. No, bei Tag mag i dir's a versprechen, aber bei der Nacht, da schlaf ich.

Wastl (lacht). Du bist halt d' Horlacher-Lies, wie von ehnder, und so sollst a sein, weil nur hizt mein bist! Mein ich doch, ich halt's gar net aus, so weit von dir z' sein, möcht all Stund wissen, was tust und treibst, ob d' mein a a bissel denkst, und möcht dich wohl tags z' tausendmal grüßen lassen, fand ich ein Boten, kunnt alls zwischen Himmel und Erd drum angehn, was sich drauf verstund! Mei Dirndl!

Duett

Wastl.

Du kleins Bacherl, wunderklar,
Rinnst so flink daher,
Grüß mer schön mein lieben Schatz,
Na, du weißt schon wer!

Liesel.

Und da sagt 's Bacherl drauf:
Ich bin net so schnell,
Dorten halt mich 's Mühlrad auf,
Kimm net von der Stell.

Wastl.

Schneeweiß Täuberl überm Haus,
Grüß mer du mein Schatz,
Flieg in alle Weiten aus,
Findst'n schon am Platz!

Liesel.

Schneeweiß Täuberl putzt sich fein,
Sagt: I richt's net aus,
Heut spricht ja mein Tauber ein
Und ich bleib schön z' Haus.

Wastl.

Du kloan Herz in meiner Brust,
Schlag voll Freudigkeit,
Denn mein Schatz ist mein bewußt
Hizt und allezeit!

Beide.

Und wie gestern so a heut
Denkt er an mich schon,
Zwischen brave, treue Leut
Braucht's koan Botenlohn.
(Jodler.)
Du nur hast, {der | dö} Einzigi,
In mein Herzen Platz,
Denk an mich, i denk an di!
Bhüt dich Gott, mein Schatz!
(Liesel geht den Anstieg hinan.)
Denk an mich, i denk an di!
Bhüt dich Gott, mein Schatz!

(Jodler, unter welchem Liesel, nachdem sie das Zaungatter passiert, sich auf demselben aufstützt, zum Schluß wirft sie einen Kuß dem Wastl zu, der mit einem Juchzer ihr nachläuft.—Der Vorhang fällt.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 11. Szene

Verwandlung

Wirtschaft an der "Kahlen Lehnten". Die Bühne zeigt den Hofraum. Links vorne ein Teil des Hauses mit der Eingangstüre, rechts ein Teil einer Scheuer. Beide sind in einem stumpfen Winkel gegeneinander gebaut und durch eine sogenannte offene Einfahrt (leeren Torbogen, etwa durch einen Balken, "Schranne", verschließbar) verbunden. Hinter dem Hause steigen gewaltige Felsmassen hinan, welche weit in den Hintergrund verlaufen, wo dieselben an den aufrecht stehenden, bewaldeten Bergkronen als nacktes Getäfel schief angelehnt erscheinen (Kahle Lehnten). Ab und zu hört man das Grollen eines fernen Gewitters.

Elfte Szene

Der Bauer, Natzl und Hans (mit Sensen und Rechen, kommen durch den offenen
Torbogen zögernd nach vorne).

Natzl. Oba, Voda, was wöllt's denn hizt schon dahoam?

Hans. Z'wegn we hättn mer denn fruher Feierabnd gmocht?

Bauer (alter Mann, schon an die Siebzig, geht gebeugt, hat graues Haar und dunkle, buschige Augenbrauen, die Lodenjoppe schlottert ihm um den Leib und auch im übrigen Anzuge zeigt sich eine arge Vernachlässigung—erstaunt). No, z'wegn'm Wetter do!

Hans. Hehe, freilich, z'wegn 'm Wetter! (Lehnen die Werkzeuge an die
Scheuer.)

Natzl. Kunnt ja do der Voda a weng ins Dörfl schaun, af a Glasl Wein!

Bauer. Wißts ja do, daß mer d'Muada koan Geld loßt.

Natzl (gibt ihm Geld). Habn do mir oans für'n Vodan!

Bauer. ös seid, s doch gute Buama. No, do gehn ich schon, hehe, freili gehn i! Wonn mi aber leicht es Wetter derwischt?

Natzl. Beileib!

Hans. Hehe, sogn mer do schon 'n Vodern a fufzgimal, von derer Seiten kimmt's jo nie übri, bleibt ja allmal entern Berg!

Bauer. Hehe, ös seid's Hallodri und alle fufzgimal hon ich's richti vergessa! No, und wo gangt's denn ös hin?

Natzl. In Wold!

Bauer. In Wold? Wonn eng aber 's Wetter derwischt?

Hans. Hehe—hehe -'s kimmt ja net!

Bauer. Hehe—richti—jo-Natzl. Wonn's a kam, mir fanden schon oan
Unterstand.

Hans. A wohl—und was f ür oan.

Bauer. No, nachhert, wo denn?

Natzl. In der Köhlerhüttn.

Bauer. Ui, ui, ös Schlankeln, a wohl in der Köhlerhütten, no, no, ös seid's mer Feine! Der Kohlnferdl is heunt mit oaner Fuhr nach der Stadt und ös fandets seine zwoa Dirndeln allanig.

Hans. Wohl—wohl—is eh a so.

Bauer. ös Lotter, schau—schau. ös treibts es nöt schlecht, ich war scho a achtavierzgi, wie ich enger Muada gheirat hab.

Hans. Weil halt da Voda a Trauminöt war!

Bauer (beleidigt). So, a so! So meinst es! A Trauminöt war ich gwest.
So? und dir fahlet Kuraschi nöt—gelt na, fahlet eng nöt, dö Kuraschi!
Moants, ös kunnts zeitli dazuschaun, warts koane Trauminöt! Stund eng dö
Ehrbarigkeit von engern Vodern nöt an, han, wöllts es besser habn?—Was?
Na! Hoam bleibt's hizt! Hoam bleibt's! Leni!

Natzl (zu Hans). Du bist a rechter Lapp, mußt allwal dein dumm Maul auftun, möcht der glei oans draufgebn!

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 12. Szene

Zwölfte Szene

Vorige. Die Bäuerin.

Bäuerin (erscheint unter der Türe, sieht heraus). Ah, ös seids scho hoam? (Verschwindet wieder.)

Natzl. No, is dir leichter, hizt kannst wieder Strümpf stricken.

Hans. Hehe, du aber a und der Voda a. Hehe.

Bäuerin (kommt mit drei Gestricken, angefangene Strümpfe und große
Wollknäuel daran, gibt jedem eines). Da schauts dazu—mir bleibt koan
Zeit, und dö Kloan verreißen so viel, daß ich froh sein muß, sie
verrichten ihner Sach! (Ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 13. Szene

Dreizehnte Szene

Vorige, ohne die Bäuerin. Kleine Pause, während welcher alle drei sich das Strickzeug zurechtrichten und zu stricken beginnen.

Natzl. Heiligkreuzdunnerwetter, dös is a Unterhaltlichkeit.

Bauer. Aber ehrbar—halt ehrbar!

Natzl. Dös schon.

Hans. Mir is nur, was sich dö Rosl wird denken.

Natzl. Du, Hiesl, dö halt dich eh nur zun Narren, unter der Wocha darfst ihr schöntan und 'n Sunntag geht s' mit 'm Jaga!

Hans. D' Wocha hat sieben Täg!

Natzl. Kimmt fürn Sunntag viel z'samm zun Lacha! Mir is nur um mei
Kathrein!-Hans. Halt hizt es Maul—ich muß zähln!

Natzl. Jo, Voda—sikra h'nein—'s Arbeitszeug därf net dort an der Scheun lehnen bleibn.

Hans. Kunnts es Wetter derwischen!

Natzl. Du, ich sag der's! (Schiebt sein Strickzeug dem eifrig strickenden Bauer unter den einen Arm.) Halt no der Voda a kleins Wengl! (Eilt gegen den Hintergrund.)

Hans. Faß nöt alls af amal, greifst sunst in a Sensen. I hilf dir. Voda, a wengerl nur! (Schiebt ihm sein Strickzeug unter den andern Arm und rennt dem Natzl nach.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 14. Szene

Vierzehnte Szene

Der Bauer (allein), dann die Bäuerin.

Bauer (mit beiden Gestricken unter den beiden Armen, strickt emsig, aber behindert an dem dritten weiter—zieht eine Nadel aus). Jetzt weiß ich nöt, ob's gfahlt is! (Kratzt sich mit der Nadel am Kinn.) Kunnt doch sein, muß mer halt nachschaun…

Bäuerin (unter der Türe). Mögts essen … jo wo sein denn die Buama?

Bauer. 's Arbeitszeug tun s' in d' Scheun!

Bäuerin. 's Arbeitszeug lehnt ja no dort!

Bauer (wendet sich). Wos?!—Teufi, dö sein durchbrennt!

Bäuerin. No kannst es suchen! (Ab.)

Bauer. Ho, dö find ich mer scho aus! (Wendet sich, fortstrickend, zum Abgehen, es entfällt ihm ein Knäuel.) Eh, eh, halt dich, Sakra. (In der Bemühung, diesen aufzuheben, der zweite und dann der dritte.) Teufi h'nein! —Oha—no, krieg eng schon! (Schleift sie ein Stück an langen Fäden hinter sich.) No, wanns nöt wöllts, hol eng allz'samm der Teufel, braucht er neama bloßfüaßet z' gehn! (Stößt das ganze Strickzeug mit dem Fuß in einen Winkel.) No, gfreuts eng, Buama, alle miteinander kriegn mer's, wann mer hoamkimmen. Wonn uns nur nöt es Wetter derwischt! (Den Abgegangenen nach.—Kleine Pause. Erneuerte dumpfe Wetterschläge.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 15. Szene

Fünfzehnte Szene

Grillhofer, Dusterer (durch die offene Einfahrt), darauf die Bäuerin (aus dem Hause).

Dusterer. No, Schwoger, is doch recht, daß ich mit bin, gelt ja? Daß d' net mußt so allanig herumsteign! Hon's gleich gsehn, daß mer mit 'n Wagen net zukönnen. Dös is es oanzige Ghöft an der Lehnten.

Grillhofer (auf einen Stock gestützt, kommt langsam vor). Jo, jo, kimmt mer aber a weng z' groß für, als daß sich's ließt von oan oanschichtigen Weib bewirtschäften.

Dusterer. No, no, werdn mer ja sehn, wer darauf sitzt! Wer weiß, was dem versoffenen Unfriedstifter, dem Lenhardt, fürkämma is?! Am End is er noch a verlogener Spitzbua dazu und hat uns nur hergnarrt.

Bäuerin (von innen). Wer is draußt? (Tritt unter die Tür.) Seids ös es schon?

Grillhofer. Gutn Abend!

Bäuerin. Gutn Abend—was wöllts denn?

Grillhofer (tritt zitternd näher). Bist du die Riesler Magdalen?

Bäuerin (keifend, wobei sie aus der Türe den Angesprochenen immer näher tritt). Wer fragt darnach? Ich frag, wer darnach z' fragen hat?! D' Poltner bin ich, die Bäurin an der Lehnten, hat neamand darnach z' fragen, was ich sunst bin oder war! War allweil a Ruh, hizt af amal war es Fragens kein End! Vor paar Tägn erst hat a Fuhrknecht da h'rumgfragt, daß's orndlich auffällig war, und hizt kamen wieder oan. Was habts der Riesler-Magdalen nachz'fragn? In mein ledigen Tagen is zwischen mir und oan Bauern a Dummheit gwest, is eh schon bald neamer wahr. Is er leicht verstorbn und seids ös vom Gricht und bringts mer a Erbteil?!

Grillhofer (tritt näher). Magdalen—(Donner, fernes Aufleuchten.) Kennst mich neamer?

Bäuerin. Neamd kenn ich! (Aufleuchten.)

Grillhofer. Bin ja der Grillhofer!

Bäuerin (auf schreiend). Jesses—der Grillhofer! (Donner, kleine Pause.)

Bäuerin (äußerst zungenfertig). Was willst denn da? Bringt dich der Fürwitz her, nachschaun? Hon mer's eh gwunschen, ich möcht dir amal all's einesagn kinna! Hast wohl gmeint, es rnüßt mehr so gehn, wie mir's von dir aus hätt gehn können? Von dir aus hätt ich amal elendig im Armenleuthaus versterbn mögn, aber der Herrgott hat a rechters Einsehn ghabt und drei Jahr darnach, wie ich von dir weg bin, hon ich's besser troffa; der alte Poltner hat mich gheirat und hizt sitz ich als Bäuerin do am Hof, schau dir'n an, ob er dem dein'n viel nachgibt. Hast denn glaubt, ich hätt mich um was anderscht mit dir abgebn, als weil ich vermeint hab, dein Bäurin segnt bald es Zeitliche und ich kimm an ihrer Stell z' sitzen?! Nöt a so viel (schlägt ein Schnippchen), sixt, war mer sonst an dir glegn!

Grillhofer (ist erstaunt einen Schritt zurückgetreten). Schwager, z'wegn der werd ich mich net z'viel am Todbett abiängstigen!

Bäuerin. Dein Bäurin is aber net so bald versturbn, und wie s' mer hinter mein Trachten kämma is, hat s' all ihre Ersparnus drauf gwendt, daß s' mich loswordn is, denn mit leere Händ war ich net weg, a es Kind hat s' mer verpflegn müssen.

Grillhofer. 's Kind!? So war richtig oans af d' Welt kämma?! Um Gottes wölln, Magdalen, sag mer nur oans: wo dös verbliebn is?!

Bäuerin (etwas bewegt). Kunnt der's net sagen, Grillhofer, wonn i a möcht! A Dirndl is gwest, is mer ja gleich nach der Geburt furtgnummen wordn! (Wieder barsch.) Such dir's hizt! Damal hon ich für mich allanig gnug Sorg tragn müssen und nachert im Ehstand sein nacheinander zwölf Kinder kämmen und alle—als hätt mich der leidige Höllteufel frotzeln wölln—han af der Linken dein ausdrehten klein Finger mitbracht! Alle rennen s' no af der Welt herum, fünfe hon mer hizt no auf der Schüssel; meinst, ich hätt noch Luft ghabt, mich ums dreizehnte außer der Eh umz'schaun?

Grillhofer. Hättst nur oan Fingerzeig…

Bäuerin. Nix hon ich und jetzt han mer ausgredt! Gsehn hast es, daß mer's geht, wie mer's gehn kann, ich mein, net schlecht, siehst, daß ich da af mein'm Eignen bin, und no mach, daß d' weiterfindst samt dein Spießgselln, bevor meine Leut kämmen—wann's net schleunig gnug seids, so mach ich eng Füß und lass' dö Hund von der Ketten-Dusterer. Hizt jagt s' uns gar aus!

Bäuerin. Ratet's a koan, er kam wieder! In meiner Ruhigkeit will ich verbleibn—wie mir hizt is, is's mir recht—hon mir nie unnötig Gedanken gmacht—brauch koane alten Gsichter z' sehn—brauch dös net! (Ab.)

Grillhofer. Gehn mer, gehn mer furt! Mir is so schlecht da h'rum (deutet auf das Herz), so viel schlecht! Ein Stein war mir h'runter, aber a schwererer druckt hizt drauf! (Ab.—Die Szene, welche nur wenig vom Düster der Gewitterwolken beeinflußt war, erglänzt jetzt im hellen Mondlichte.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, II. Akt, 16. Szene

Sechzehnte Szene

Dusterer (allein), dann Bäuerin, Bauer, Natzl und Hans.

Dusterer. Glei kimm ich nach, Schwager!—Schau hizt her, no wär gar a Kind da! Hätt ich dös nur fruher gwiß gwüßt! Aber mein Schwester—Gott tröst s'!—dö dumme Gredl, hat mi ja nie in ihr Haus zulassen; weil s' krank war und keine Kinder ghabt hat, hat s' ihm allweil durch d' Finger gschaut und alles vertuscht! Ob der Bankert no lebt oder schon verstorbn is? No, dasselb wird die Bäurin do wissen—ich muß's a wissen—hat zwar 'n Teufel im Leib, dö Bäurin—aber ich muß's wissen! (Geht in das Haus ab. —Im Hintergrunde treten Hans, Natzl und der Bauer, einer hinter dem andern langsam durch die offene Einfahrt auf.)

Hans (weinerlich). No sein mer wieder da!

Natzl. No hat der Voda sein Willn.

Bauer. Jo, no—oba wird glei d' Muada ihrn habn! (Schaut gegen den
Himmel.) Schau, hat uns doch net derwischt, dös Wetter!

Natzl. Dös freili net—oba leicht hizt a anders!

Bäuerin (innen). Wissen mußt der's—han—wissen mußt der's!

Dusterer (innen). Auweh!

Hans. Ui! D' Muada rafft mit oan!

Dusterer (stürzt heraus, ein Besen fliegt ihm nach).

Bauer. Ho—faßts an, Buama, hauts zu! (Fallen über ihn her.)

Dusterer. Aushalten a weng, Mona! (Reißt den Frachtbrief aus der Tasche.)
Sehts dös rote Papier do?

Alle. Jo.

Dusterer. Kinnts lesen?

Alle. Na.

Dusterer (beiseite). Gott sei Dank!—Schauts dös Petschaftsiegel drauf an. Alles in Ordnung! Dös is a Dispens vom Konsisturi; Mona, ich derf net ghaut wern! (Indem sich Dusterer gravitätisch zum Abgehen wendet und die anderen verblüfft dareinstarren, fällt der Vorhang.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 1. Szene

Dritter Akt

Dekoration: Bauernstube wie im ersten Akte.

Erste Szene

Rosl, dann Wastl. Wie der Vorhang aufgeht, ist die Bühne leer, durch die
Fenster rechts fällt helles Mondlicht in die Stube. Eine Schwarzwälder
Uhr schlägt zehn.

Rosl (kommt mit einer öllampe, an der der Schirm herabgelassen ist, von links). So, war lang scho alls fertig zun Niederlegn! Wollt nur, ich wußt 'n Bauern scho in sein Bett. Wo er nur verbleibt? Zehni is's, no rührt sich nix. Es is frei schon zun Fürchten! (Stellt die Lampe auf den Tisch.) Jesses, in der Kuchel geht oans! (Mit erstickter Stimme.) Wer is draußt? Ah, is leicht nur unser Saunigel. (Geht näher zur Türe, lauter.) Wer is draußt?

Wastl (die Türe im Hintergrunde rechts ein wenig öffnend.) A gut Gwissen!

Rosl. Ah, der Wastl is's!

Wastl (kommt herein). Wohl, Rosl! Aber mit dir is's net richtig, fürchtst dich in der Finstern. (Zeigt seine Pfeife.) A weng Feuer hon ich mer holn wolln, is aber koan Fünkerl mehr am Herd.

Rosl. Is a schon spat! Wo nur der Bauer verbleibt?

Wastl. Wer weiß, muß er heunt nöt wo anderscht übernachten! Kunnt ja noch gar net da sein! Rechne dir's selber aus, zwischen a drei und vieri is er furt, drei Stund sein hin bis zur Kahlen Lehnten, drei Stund z'ruck, braucht er sich gar net viel aufzuhalten, muß's zehni vorbei werdn!

Rosl. Was er nur dort macht?

Wastl. Wann d' es net besser weißt wie ich, so ersparn mer einand's
Ausfragn.

Rosl. Horch! Es fahrt a Wagn!

Wastl. Richtig, hör'n a. Aber der kimmt von der andern Seiten, von der
Ellersbrunner!

Rosl. Schau, haha, bei dir kimmt hizt alls von Ellersbrunn.

Wastl. No, ohne Frotzeln, horch doch nur, hizt poltern s' über dö Brucken und hizt fahrn s' beim Kreuzwirt ins Tor und stelln ein.

Rosl. Hast a recht, aber hizt is der still und ma hört no oan Wagn, der kimmt von der andern Seiten und immer naheter!

Wastl. Hör 'n schon.—Hizt wär er ganz nah—no?—Richtig fahrt er in' Hof ein. No möcht 's doch wohl der Bauer sein. Schau ich halt nach. (Ab.)

Rosl. No, Gott sei Dank, daß er nur da is! Is a Zeit—nach a zehni! Nur a Glück, daß er sein Schofpelz mit hat, geht zwar a wacherlwarmi Luft, aber halt do, im Fahrn!

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 2. Szene

Zweite Szene

Vorige. Grillhofer, auf Wastl gestützt, zuletzt folgt Dusterer, der sich an der Türe aufstellt, als wollte er gar nicht bemerkt werden.

Wastl (geleitet Grillhofer zu dem Sorgenstuhl). Muß schön dreinteufelt habn, der Michl, daß's schon wieder da seids. Hizt derf ich nur gleich nach'm Stall schaun!

Rosl. Je, dö armen Rösser!

Grillhofer (sehr erschöpft). Gilt mer gleich! Hon kein Erbarmnus mehr mit dö Viecher, habn's do allmal besser af der Welt wie unsereins!

Rosl. Bist gscheit?

Grillhofer. Lebn do und kennen kein Vorschrift.—No, schau halt nach 'm
Stall, Wastl.

Wastl. Gute Nacht, Bauer. (Ab.)

Grillhofer. Gute Nacht!—Kannst a gehn, Rosl!

Rosl. No, willst allanig ins Bett kraln? Wird mühselig gehn.

Grillhofer. Sollt ich schlafen, werd ich mich schon ins Bett finden.
Gute Nacht!

Rosl. No, gute Nacht, Bauer! (Ab.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 3. Szene

Dritte Szene

Grillhofer und Dusterer. Kleine Pause.

Grillhofer (stützt den Kopf in beide Hände).

Dusterer (kommt langsam aus dem Winkel nach vorne). Schwoger!

Grillhofer. Wer is's? (Blickt auf.) Du? Was willst du noch da?—Hab ja 'n Wagn vor dein Haus halten lassen, daß d' aussteign solltst.

Dusterer. Hat nöt sein mögn, weil ich halt mit dir noch z' reden hätt!

Grillhofer. Weißt a neuere Lug?!

Dusterer (beleidigt). Schwoger!?—Glaub mir, wann ich dir was sag! Beispielmäßig-Grillhofer. Ich brauch nix Beispielmäßigs mehr, hob gnug an dem, was wirkli vorgeht und wo ma umsonst a Auslegung sucht.

Dusterer. Schau, Grillhofer, es is mir vergangen—na ja, weil du ja selber es Rechte angebn hast, daß mein Traum doch a Vorbedeutung hat. Hast ja selbn gmeint, im Rauchen und Feuer sieht mer schlecht, dö Riesler-Magdalen konn dös im Fegfeuer net gwest sein, aber—Grillhofer—dein Kind is's gwest, dös hon ich für sö gnumma, no ja, weils ihr gleich schaut, weil ebn a der Magdalen ihr Kind is!

Grillhofer. Dummheiten!

Dusterer. Grillhofer! Hör mich aus, glaub mir, wann ich dir was sag! I mein, es verbleibt bei unsern Abkämmen—es geht halt hizt um dein Kind!

Grillhofer. Weil dir's taugt, steckst dös hizt ins Fegfeuer.

Dusterer (eifrig). Na, na—weil die Sünden der Eltern an den Kindern gstraft werden, steckt's drein und wohl wegn der eignen Sündhaftigkeit a, meinst, so vater- und mutterlos war's rechtschaffen wordn?!

Grillhofer. Wer aber sagt dir denn, daß's versturbn sein muß?!

Dusterer. Grillhofer, laß dir sagn, besser, es is versturbn, als es is lebig a so, daß d' der's überlegn rnüßt, ob du's a anerkenne kinna kannst!

Grillhofer (ausbrechend). Sixt, Dusterer, dös is! Lang net, mer wußt oans in der Höll, is mer so gstraft, als ma weiß oans af der Welt, dem ma beispringa möcht, dös vielleicht nach ein'm ruft in Nöten, Drangsal und ein'm zumöcht—und mer kann net—weiß koans vom andern, wo's is!

Dusterer (tritt näher). Armer Schwoger!

Grillhofer. Halt 's Maul! (Ruhiger.) Geh hizt! Hon kein Lust, mich no heunt mit dir h'rum z' dischpatiern.

Dusterer. Na, lass' mer's halt af a ander Mal! Gute Nacht, Schwager!
(An der Türe.) Oan Frag hätt ich no?

Grillhofer. Was denn?

Dusterer. Bleibt's dabei?

Grillhofer. Bei was?

Dusterer. Beispielmäßig, fahrn mer morgn nach der Kreisstadt oder net?

Grillhofer. Heunt weiß ich nix, gar nix! Geh zu!

Dusterer (kommt wieder etwas vor). Nur eins no! Soll mal was sein, hon ich's gern bald richtig!

Grillhofer (sieht ihn groß an, spöttisch). I weiß, mer kennt dich dafür, haltst af Ordnung!

Dusterer. So oder so! Lang h'rumschneiden konn i net leiden! Schau dein Einwendigs an! Brauchst ein Zuspruch, gut, so halt dein Wort, sunst bleib ich dir fern.

Grillhofer. Werdn ma ja sehn, ob ich 'n Zuspruch nötiger brauch als du mein Hof!

Dusterer. Werdn mer sehn, gut is's! Nur kimm mer net z' spot, wann i eppa neamer für dich z' Haus bin. (Wendet sich.) War übel für uns allzwei, aber ich bin a so! (Tut einen Schritt nach rückwärts.) Grillhofer, ich geh hizt—gute Nacht?

Grillhofer. Gute Nacht!

Dusterer. Hast mich grufen?

Grillhofer. Na.

Dusterer. I hon gmeint, es reut dich!—(An der Türe.) Grillhofer, es steht geschrieben: Ich will nicht den Tod des Sünders!—I schau d'r schon morgen nach!

Grillhofer (ungeduldig). No, moch nur heunt no furt—allan will ich sein!
(Sinkt in seine frühere Stellung zurück.)

Dusterer (hat die Türe geöffnet, bleibt aber an derselben stehen und blickt nach Grillhofer). Teufi, 's gute Auskämma hat ein End und mit ihm selber steht's wohl schlecht—mit muß er mir morgn, sunst war alles verschütt. Furt schlepp i 'n, und wann's ihm glei ans Leben gang, 's andere wird scho der liebe Gott gebn!—Wie ich mir 'n betracht, auf d' Hinterfüß stellt er sich wohl net! Dazu no d' heutig Nacht koan Augn zu. I hon's schon gwunna. Selbn hon ich a kein Schlof, ich schleich lieber bis fruh da um sein… um mein Hof, um mein Hof. (Schlüpft zur Türe hinaus, die er leise hinter sich schließt.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 4. Szene

Vierte Szene

Melodram

Leise beginnt die Musik das Bußlied aus dem ersten Akt aufzunehmen und begleitet damit variiert den folgenden Monolog.

Grillhofer (erhebt den Kopf). Viel tausend und tausend Meilen gehen rund um die Erd—können viel hundert zwischen mir und mein Kind liegen—oder kann mer ganz nah sein und ich weiß's net!—(Steht langsam auf, mit gefalteten Händen.) O himmlischer Voda! Wann's neamer lebt—so laß a mich net so allan herumkriechen af der Welt—und wann's in Unehr auf gwachsen is, so bitt ich dich—laß mich's net derlebn!—Himmlischer Herr, ich überheb mich net, aber wann d' a End mit mir machen wolltst—es war wohl 's Gscheiteste!—Und wann's vielleicht hizt in der nämlich Stund, wo ich zu dir bitt—aufschreit in Sünd und Nöten—so hör auf mi—verstopf dein Ohr—wann's sein Dasein reut und sein Vatern verflucht!!

(Die Musik bricht mit einem starken Akkord ab.)

Grillhofer (ist zum Fenster gewankt, das er aufreißt, und sinkt jetzt auf einen davor stehenden Stuhl). Luft!!! (Kleine Pause.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 5. Szene

Fünfte Szene

Voriger. Rosl. Liesel.

Rosl (an der Tür, welche sie leise geöffnet hat, zur Liesel, die hinter ihr eintritt, lästernd). Er is no auf!—(Lauter.) Bauer!

Grillhofer (nickt mit dem gesenkten Haupte). Jo.

Rosl. Schau doch auf! D' Horlacher-Lies is wieder da!

Grillhofer (verloren). So.

Rosl. Sie müßt heunt no zu dir, hat s' gsagt.

Grillhofer. Was will s'mer denn?

Rosl. Na, hör nur auf sie, ich weiß's ja net. (Geht ab, indem sie der
Liesel, die an der Türe stehengeblieben war, vorzutreten winkt.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 6. Szene

Sechste Szene

Grillhofer und Liesel.

Liesel (kommt vor, frisch). Jo, wir habn schon a Kreuz miteinander… (Da sie Grillhofer näher ins Auge faßt.) Um Gotteswilln, Bauer, was is der denn?

Grillhofer. Nix, nix, Dirndl, triffst mich grad, wie ich nach meiner neuchen Wohnung ausschau.

Liesel. Gfreut dich dein alte nimmer? (Sieht hinaus.) Wo zu willst denn hinbaun?

Grillhofer (hinausdeutend). Siehst! Siehst! Durt, wo die Kreuzeln herschimmern.

Liesel. Am Freithof? Geh zu, was kümmert dich der Freithof? Dö er angeht, dö wissen nix davon, und dö davon wissen, dö geht er nix an! Schau lieber, wie heunt dö Stern funkeln und 's Mondschein leucht. Bin hizt durch'n Wald hergfahrn, im Gezweig habn dö Johanneskäferln ihr Gspiel triebn und über der stillen Nacht is der ganze Himmel voll Lichter glegn. Und wann ma so hinaufschaut, wie's leucht und funkelt über der weiten Welt, da is ein, als ziehet's ein d' Seel aus der Brust und reichet dö weit über d' Erd in sternlichten Himmel h'nein.

Grillhofer. O jo—wohl—wohl—wonn mer holt no a freie Seel hat!

Liesel (ermutigter). No geh, Bauer, tu net so verzagt, dö deine wird a no keiner am Strickl führn; laß dir hizt von meiner Mahm verzähln, daß d' auf andere Gedanken kimmst!—Denk dir, dö Mahm leidt's net, daß d' dein Hof weggibst!

Grillhofer (erstaunt). Dein Mahm, dö alte Horlacherin, leidt's net? Dös is bsunders! (Steht auf.)

Liesel. Gelt ja!

Grillhofer. Dö leidt's net! No möcht ich doch wissen…

Liesel. Na siehst, wann d' es wissen möchst, mußt d' mich schon anhörn.
—Geh, ich führ dich.

Grillhofer. A na—na—konn schon no selber gehn. (Geht, von Liesel geleitet, zum Sorgenstuhl, setzt sich.) No, so verzähl halt! Hätt net denkt, es verinteressieret mich noch was, aber dös is doch bsunders—ja, ganz bsunders!

Liesel. Nöt wahr? Dös find ich a! Is a gscheits Weib sunst, die Mahm—mirk a nix, sie war af amal irr wordn, aber da kenn ich mich a neamer mit ihr aus!—Also ich kimm z' Haus, sag ihr, du hättst mich ausgjagt, hoaßt s' mich a ungschickte Gretl; wie ich aber sag, du wölltst wohl morgn mit 'n Dusterer nach der Kreisstadt fahrn, ihm 'n Hof übergebn, da war's aus, no gleich hat der Müller einspannen müssen, gegen Geld und gute Wort, herfahren hab ich müssen, daß ich.ja vor der Fruh da bin—umarmt und bußt hat mich die Mahm beim Wegfahrn, als wann a Abschied auf ewige Zeiten war! Und gar no ein Brief hat s' mir gschriebn.

Grillhofer. Dir?

Liesel. Jo, an dich!

Grillhofer. Ah so, no, so gib. Dös kimmt allweil verwunderiger!

Liesel. (zieht den Brief aus ihrer Joppe). Und ich sollt machen, daß d'n heunt no les'st, und für dich solltst 'n vorerst lesen, hat s' gsagt. (Gibt ihm den Brief.)

Grillhofer. No, so lesn mer 'n halt. (Schiebt den Schirm der Lampe in die Höhe.)

Liesel (geht zum Fenster und blickt hinaus).

Grillhofer (entfaltet den Brief und liest). "Lieber Grillhofer! Mit schweren Herzen schick ich Dir a Anvertrauts zruck, doch steht Dir frei, wann D' den Brief glesen hast, ob Du's als das Deine anerkenne willst, sunst nimm ich's mit Freuden wieder an mich! Ich mein, ich brauch mich net z' schämen, wie ich Dir's zuschicke. Dö Dirn, was heunt zun zweitenmal bei Dir einspricht, is im Deckerl in mein Haus bracht wordn, weil s' Dein Weib net hat auf'n Hof vor Augen haben wolln, aber es war ihr Meinung, wann a rechtschaffen Gschöpf aus ihr wordn wär, sollt ich Dir's zuschicken. Lang hab ich mir dös verspart, aber ohne Schaden für sie könnt ich's hizt nimmer bei mir verhalten. Dö Dirn heißt nach ihrn Rufnamen Horlacher-Lies, weil s' von klein auf bei mir war, hat bis heunt für vaterund mutterlos golten und weiß's selber net anders; nach'm Kirchbuch heißt s' Elisabeth Riesler und is, wie dö Magdalen ausgsagt hat, Dein Kind!! Es grüßt Dich und laßt Dir Dein'n freien Willn dö alte Horlacherin." (Legt den Brief vor sich auf den Tisch und hält sich den Kopf mit beiden Händen.) Oh, du mein Gott, is mer denn recht? Steht's wohl a a so da?

Liesel (hat diese Bewegung bemerkt und wendet sich). Was is dir? Was schreibt denn die Mahm?!

Grillhofer. Ich weiß net recht—ich muß's nomal lesen, kimm zu mir—kimm zu mir, mein Dirndl, und halt mer es Licht.

Liesel (eilt hinzu und steht neben Grillhofer und hält die Lampe).

Grillhofer (liest). "Mit schweren Herzen schick ich Dir a Anvertrauts zruck, doch steht Dir frei, wann D' den Brief glesen hast, ob Du's als das Deine anerkenne willst, sunst nimm ich's mit Freuden wieder an mich. I mein, ich brauch mich net z' schamen, wie ich Dir's zuschick. Dö Dirn, was heunt zun zweitenmal bei dir einspricht, is im Deckerl in mein Haus bracht wordn, weil s' Dein Weib net hat auf'n Hof vor Augen habn wolln, aber es war ihr Meinung, wann a rechtschaffen Gschöpf aus ihr wordn wär, sollt ich Dir's zuschicken… " Vergelt dir's Gott, Mirzl, in sein'n Himmel obn, vergelt dir's Gott. Vergelt er's a der Horlacherin und alln braven Weibsleuten, wie s' an uns tun!…

Liesel (ahnungsvoll). Aber ich kenn mi no net aus!

Grillhofer (liest). "Dö Dirn hoaßt mit ihrn Rufnamen Horlacher-Lies, weil s' von klein auf bei mir war, hat bis heunt für vater- und mutterlos golten und weiß's selber net anders; nach'm Kirchbuch heißt s' Elisabeth Riesler und is, wie die Magdalen ausgsagt hat, Dein Kind" Dirndl, was zitterst denn a so? (Faßt ihre Hand, in der sie die Lampe trägt, und führt sie nach dem Tische.)

Liesel (läßt die Lampe fahren). Jesses, is aber dö Mahm a falschs Ding gwest! (Sinkt vor Aufregung in die Knie auf den Schemel zu Grillhofers Füßen.) Also du, du hast mer's Lebn gehn, no, vergelt dir's Gott, es gfallt mer recht gut af der Welt!

Grillhofer. Es reut mich a neamer—es reut mich a neamer. (Sucht mit der zitternden Hand herum und legt sie der Liesel auf den Kopf.) O du mein lieber Herrgott! (Weinerlich.) 's Kind is im Vaterhaus!—Haha, weil nur 's Kind im Vaterhaus is!—(Preßt Liesel an sich.)

(Kleine Pause.—Von außen vor dem Fenster präludiert eine Zither und nimmt dann die Melodie des Liedes aus dem ersten Akt auf.)

Grillhofer (steht auf). Horch—no wird's gar lustig no derf's scho wieder lusti werdn.

Liesel (erhebt sich, deutet nach dem Fenster, und wie auf das Lied aufmerksam zu machen, singt sie piano).

Und Zithern und Derndeln,
Na, dö kenn ich net lon…

Grillhofer. Wer is's denn?

Liesel. Der Wastl! (Umarmt Grillhofer und verbirgt ihr Gesicht an seiner
Schulter.) Weißt es ja eh—Voda!

Grillhofer. Haha! (Das Orchester nimmt den zweiten Teil der Melodie voll auf. Er singt.)

O schön grüne Welt,
Laß sagn, wie d'mer gfallst,
Solang Zithern klingen
(Liesel an sich ziehend.)
Und mei Derndl mich halst!
(Den Jodler bringt die Musik allein.)

Anzengruber: Der Gwissenswurm, III. Akt, 7. Szene

Siebente Szene

Vorige. Dusterer, Wastl, Rosl stürzen zur Türe herein.

Dusterer. Schau, da schau—wie er Buß tut—und wie dein Schatz treu is!

Grillhofer. No—no—is a bissel viel, drei Narren af einmal!

Wastl. Alsdann doch wieder gfoppt! (Greift nach der Türschnalle.)

Liesel. Aber Wastl…

Grillhofer. 's is ja mein Kind!

Rosl. Jesses, der Bauer hat a Kind kriegt!

Wastl. No, is's halt a reich Bauerstochter—und ich kann mer's Maul abwischen.

Grillhofer. Du bist a Trottel! Kannst ja net wissen, ob ich mir net lang scho ein solchen, wie du bist, zum Schwiegersuhn wünsch.

Wastl. Aber Bauer—Jesses und Joseph—dös is doch alles z'viel—aber i nimm's schon!

Grillhofer. Und no weiß ich mir schon mei Ausnehmerei und no fahrn mer morgn doch nach der Kreisstadt.

Dusterer (ganz vergessen, schreit auf). Mir fahrn doch nach der
Kreisstadt!

Grillhofer. Mir!!! (Deutet auf sich und Wastl und Liesel.) Aber net mir! Hast mer viel eingredt und viel vorglogn, damit ich mein, ich war der Schwärzeste, aber unser Herrgott kennt a ein gfarbten Schimmel, hat mich wieder fein sauber gstriegelt und hat mer dö ins Haus gschickt und gsagt: da hast z'gleich dein Buß und dein Sorg und dein Freudigkeit. Du aber, du trauriger Wurmdoktor, du bleibst mer aus mein Haus, deine Kinder magst mer schicken, was net für ihrn Vater können, daß mer an ihnen was tut.

Liesel. Aber für dich weiß ich a Lehr, is a wahre Christenlehr, Dusterer, nimm dir's z'Herzen! (Singt.)

Schlußlied

Der Herrgott hat 's Lebn
Zum Freudigsein gebn,
Und was wir oft schlecht,
Er macht's do no recht!
Drum sorg für das Deine,
Mach niemanden irr—

Grillhofer.

Und misch dich net eini,
Du kriegst nix dafür!

Alle.

Und misch dich net eini,
Du kriegst nix dafür!

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Der Gwissenswurm" von
Ludwig Anzengruber

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Ludwig Anzengruber

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