Der Kaufmann von Venedig

William Shakespeare · Kapitel 1 von 5 · Teil 3/3

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Der Kaufmann von Venedig

Project Gutenberg's Der Kaufmann von Venedig, by William Shakespeare

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Jessica.

Das wäre in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann würden die Sünden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.

Lanzelot. Wahrhaftig, dann fürchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die andre Art verloren.

Jessica.

Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer Christin gemacht.

Lanzelot. Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne für Geld mehr zu haben.

(Lorenzo kommt.)

Jessica. Ich will meinem Mann erzählen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt er.

Lorenzo.

Bald werde ich eifersüchtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine Frau so in die Ecken zieht.

Jessica. Ihr habt nichts zu befürchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine Gnade für mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er behauptet, daß Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid, weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des Schweinefleisches steigert.

Lorenzo.

Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weißer seid, Lanzelot, hättet Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.

Lanzelot.

Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.

Lorenzo.

Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewähren und Gesprächigkeit bloß noch an Papageien gelobt werden.—Geht ins Haus, Bursch, sagt, daß sie zur Mahlzeit zurichten.

Lanzelot.

Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Mägen.

Lorenzo. Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, daß sie die Mahlzeit anrichten.

Lanzelot.

Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken.

Lorenzo.

Wollt Ihr also decken?

Lanzelot.

Mich, Herr? Ich weiß besser, was sich schickt.

Lorenzo. Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen Kameraden, heiß sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.

Lanzelot. Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei laßt Lust und Laune walten.

(Ab.)

Lorenzo.

O heilige Vernunft, was eitle Worte!

Der Narr hat ins Gedächtnis sich ein Heer

Wortspiele eingeprägt. Und kenn ich doch

Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle,

So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort

Die Sache preisgibt. Wie geht's dir, Jessica?

Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,

Wie Don Bassanios Gattin dir gefällt?

Jessica.

Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,

Daß Don Bassanio fromm sein Leben führe;

Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,

Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.

Und will er das auf Erden nicht, so wär's

Ihm recht, er käme niemals in den Himmel.

Ja, wenn zwei Götter irgendeine Wette

Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten,

Und Porzia wär die eine, tät es not,

Noch sonst was mit der andern auf das Spiel Zu setzen; denn die arme rohe Welt

Hat ihresgleichen nicht.

Lorenzo.

Und solchen Mann

Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.

Jessica.

Ei, fragt doch darum meine Meinung auch.

Lorenzo.

Sogleich; doch laß uns erst zur Mahlzeit gehn.

Jessica.

Nein, laßt mich vor der Sättigung Euch loben.

Lorenzo.

Nein, bitte, spare das zum Tischgespräch;

Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern Werd ich's verdaun.

Jessica.

Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen.

(Ab.)

 

Vierter Aufzug

 

Erste Szene

Venedig. Ein Gerichtssaal

(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino, Solanio und andre)

Doge.

Nun, ist Antonio da?

Antonio.

Eur Hoheit zu Befehl.

Doge.

Es tut mir leid um dich; du hast zu tun

Mit einem felsenharten Widersacher;

Es ist ein Unmensch, keines Mitleids fähig.

Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm.

Antonio.

Ich hörte,

Daß sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern

Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt Und kein gesetzlich Mittel seinem Haß

Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld

Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet

Mit Ruhe des Gemütes, auszustehn

Des seinen ärgsten Grimm und Tyrannei.

Doge.

Geh wer und ruf den Juden in den Saal.

Solanio.

Er wartet an der Tür; er kommt schon, Herr.

(Shylock kommt.)

Doge.

Macht Platz, laßt ihn uns gegenüberstehn.—

Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch,

Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit

Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,

So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen

Und deine Milde, wunderbarer noch

Als deine angenommne Grausamkeit.

Statt daß du jetzt das dir Verfallne eintreibst,

Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch, Wirst du nicht nur die Buße fahren lassen,

Nein, auch gerührt von Lieb und Menschlichkeit, Die Hälfte schenken von der Summe selbst,

Ein Aug des Mitleids auf die Schäden werfend,

Die kürzlich seine Schultern so bestürmt:

Genug, um einen königlichen Kaufmann

Ganz zu erdrücken und an seinem Fall

Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,

So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen

Von Türken und Tataren, nie gewöhnt

An Dienste zärtlicher Gefälligkeit.

Wir all erwarten milde Antwort, Jude.

Shylock.

Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor:

Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es,

Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht. Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr

Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt.

Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht

Von schnödem Fleisch will haben, als dreitausend Dukaten zu empfangen? Darauf will ich

Nicht Antwort geben; aber setzet nun,

Daß mir's so ansteht: ist das Antwort gnug?

Wie? wenn mich eine Ratt im Hause plagt?

Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend

Dukaten geben will?—Ist's noch nicht Antwort gnug? Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel

Ausstehen können; manche werden toll,

Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre können,

Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,

Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe, Der Leidenschaften Meister, lenken sie

Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort: Wie sich kein rechter Grund angeben läßt,

Daß (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann,

(Der) keine Katz, ein harmlos nützlich Tier,

(Der) keinen Dudelsack; und muß durchaus

Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben, Daß er, belästigt, selbst belästgen muß;

So weiß ich keinen Grund, will keinen sagen,

Als eingewohnten Haß und Widerwillen,

Den mir Antonio einflößt, daß ich so

Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.

Habt Ihr nun eine Antwort?

Bassanio.

Nein, es ist keine, du fühlloser Mann,

Die deine Grausamkeit entschuldgen könnte.

Shylock.

Muß ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?

Bassanio.

Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?

Shylock.

Wer haßt ein Ding und brächt es nicht gern um?

Bassanio.

Beleidigung ist nicht sofort auch Haß.

Shylock.

Was? läßt du dich die Schlange zweimal stechen?

Antonio.

Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.

Ihr mögt so gut hintreten auf den Strand,

Die Flut von ihrer Höh sich senken heißen;

Ihr mögt so gut den Wolf zur Rede stellen,

Warum er nach dem Lamm das Schaf läßt blöken? Ihr mögt so gut den Bergestannen wehren,

Ihr hohes Haupt zu schütteln und zu sausen,

Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;

Ihr mögt so gut das Härteste bestehn,

Als zu erweichen suchen—was wär härter?—

Sein jüdisch Herz.—Ich bitt Euch also, bietet

Ihm weiter nichts, bemüht Euch ferner nicht

Und gebt in aller Kürz und gradezu Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen.

Bassanio.

Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.

Shylock.

Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten

Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat,

Ich nähm sie nicht, ich wollte meinen Schein.

Doge.

Wie hoffst du Gnade, da du keine übst?

Shylock.

Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht? Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch,

Die Ihr wie Eure Esel, Hund' und Maultier'

In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,

Weil Ihr sie kauftet. Sag ich nun zu Euch—

Laßt sie doch frei, vermählt sie Euren Erben;

Was plagt Ihr sie mit Lasten? laßt ihr Bett

So weich als Eures sein, labt ihren Gaum'

Mit eben solchen Speisen.—Ihr antwortet:

Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich

Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange, Ist teur gekauft, ist mein, und ich will's haben.

Wenn Ihr versagt, pfui über Eur Gesetz!

So hat das Recht Venedigs keine Kraft.

Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich's haben?

Doge.

Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,

Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,

Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,

Hier heut erscheint.

Salarino.

Eur Hoheit, draußen steht

Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor, Er kommt soeben an von Padua.

Doge.

Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor.

Bassanio.

Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts!

Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,

Eh dir ein Tropfen Bluts für mich entgeht.

Antonio.

Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,

Zum Tod am tauglichsten; die schwächste Frucht Fällt vor der andern, und so laßt auch mich.

Ihr könnt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio, Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.

(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)

Doge.

Kommt Ihr von Padua, von Bellario?

Nerissa.

Von beiden, Herr; Bellario grüßt Eur Hoheit.

(Sie überreicht einen Brief.)

Bassanio.

Was wetzest du so eifrig da dein Messer?

Shylock.

Die Buß dem Bankrottierer auszuschneiden.

Graziano.

An deiner Seel, an deiner Sohle nicht,

Machst du dein Messer scharf, du harter Jude!

Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil, Hat halb die Schärfe deines scharfen Grolls.

So können keine Bitten dich durchdringen?

Shylock.

Nein, keine, die du Witz zu machen hast.

Graziano.

O sei verdammt, du unbarmherzger Hund!

Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.

Du machst mich irre fast in meinem Glauben,

Daß ich es halte mit Pythagoras,

Wie Tieresseelen in die Leiber sich

Von Menschen stecken; einen Wolf regierte

Dein hündscher Geist, der, aufgehenkt für Mord, Die grimme Seele weg vom Galgen riß

Und, weil du lagst in deiner schnöden Mutter,

In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren

Ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig.

Shylock.

Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst, Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh.

Stell deinen Witz her, guter junger Mensch,

Sonst fällt er rettungslos in Trümmern dir.

Ich stehe hier um Recht.

Doge.

Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt

Uns einen jungen und gelehrten Doktor.—

Wo ist er denn?

Nerissa.

Er wartet dicht bei an

Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergönnt.

Doge.

Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch

Und gebt ihm höfliches Geleit hieher.

Hör das Gericht indes Bellarios Brief.

Ein Schreiber (liest). "Eur Hoheit dient zur Nachricht, daß ich beim Empfange Eures Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio bekannt; wir schlugen viele Bücher nach. Er ist von meiner Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann), mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner Statt Genüge zu leisten. Ich ersuche Euch, laßt seinen Mangel an Jahren keinen Grund sein, ihm eine anständige Achtung zu versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Körper mit einem so alten Kopf. Ich überlasse ihn Eurer gnädigen Aufnahme; seine Prüfung wird ihn am besten empfehlen."

Doge.

Ihr hört, was der gelehrte Mann uns schreibt,

Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.

(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)

Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten Bellario?

Porzia.

Zu dienen, gnädger Herr!

Doge.

Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz.

Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,

Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?

Porzia.

Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.

Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?

Doge.

Antonio, alter Shylock, tretet vor!

Porzia.

Eur Nam ist Shylock?

Shylock.

Shylock ist mein Name.

Porzia.

Von wunderlicher Art ist Euer Handel,

Doch in der Form, daß das Gesetz Venedigs

Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.—

Ihr seid von ihm gefährdet; seid Ihr nicht?

Antonio.

Ja, wie er sagt.

Porzia.

Den Schein erkennt Ihr an?

Antonio.

Ja.

Porzia.

So muß der Jude Gnad ergehen lassen.

Shylock.

Wodurch genötigt, muß ich? Sagt mir das.

Porzia.

Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.

Sie träufelt wie des Himmels milder Regen

Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:

Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;

Am mächtigsten in Mächtgen, zieret sie

Den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone. Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,

Das Attribut der Würd und Majestät,

Worin die Furcht und Scheu der Könge sitzt.

Doch Gnad ist über diese Zeptermacht,

Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,

Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,

Und irdsche Macht kommt göttlicher am nächsten, Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude, Suchst du um Recht schon an, erwäge dies:

Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner

Zum Heile käm; wir beten all um Gnade, Und dies Gebet muß uns der Gnade Taten

Auch üben lehren. Dies hab ich gesagt,

Um deine Forderung des Rechts zu mildern;

Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs

Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort

Zum Nachteil einen Spruch tun.

Shylock.

Meine Taten

Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz,

Die Buße und Verpfändung meines Scheins.

Porzia.

Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?

Bassanio.

O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht,

Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genügt,

Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen,

Und setze Hände, Kopf und Herz zum Pfand.

Wenn dies noch nicht genügt, so zeigt sich's klar, Die Bosheit drückt die Redlichkeit. Ich bitt Euch, Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:

Tut kleines Unrecht um ein großes Recht

Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.

Porzia.

Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig

Vermag ein gültiges Gesetz zu ändern.

Es würde als ein Vorgang angeführt,

Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel

Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein.

Shylock.

Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!

Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!

Porzia.

Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.

Shylock.

Hier ist er, mein ehrwürdger Doktor, hier!

Porzia.

Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.

Shylock.

Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel.

Soll ich auf meine Seele Meineid laden?

Nicht um Venedig.

Porzia.

Gut, er ist verfallen,

Und nach den Rechten kann der Jud hierauf

Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen Des Kaufmanns auszuschneiden.—Sei barmherzig! Nimm dreifach Geld, laß mich den Schein zerreißen.

Shylock.

Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.—

Es zeigt sich klar, Ihr seid ein würdger Richter;

Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war

Der bündigste; ich fordr Euch auf beim Recht,

Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,

Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwör ich, Daß keines Menschen Zunge über mich

Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.

Antonio.

Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht,

Den Spruch zu tun.

Porzia.

Nun wohl, so steht es denn!

Bereitet Euren Busen für sein Messer.

Shylock.

O weiser Richter! wackrer junger Mann.

Porzia.

Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid

Hat volle Übereinkunft mit der Buße,

Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.

Shylock.

Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter!

Um wieviel älter bist du, als du aussiehst!

Porzia.

Deshalb entblößt den Busen.

Shylock.

Ja, die Brust,

So sagt der Schein—nicht wahr, mein edler Richter? "Zunächst dem Herzen", sind die eignen Worte.

Porzia.

So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch

Zu wägen?

Shylock.

Ja, ich hab sie bei der Hand.

Porzia.

Nehmt einen Feldscher, Shylock, für Eur Geld,

Ihn zu verbinden, daß er nicht verblutet.

Shylock.

Ist das so angegeben in dem Schein?

Porzia.

Es steht nicht da; allein was tut's? Es wär

Doch gut, Ihr tätet das aus Menschenliebe.

Shylock.

Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.

Porzia.

Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen?

Antonio.

Nur wenig; ich bin fertig und gerüstet.

Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!

Es kränk Euch nicht, daß dies für Euch mich trifft, Denn hierin zeigt das Glück sich gütiger

Als seine Weis ist; immer läßt es sonst

Elende ihren Reichtum überleben,

Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter

Der Armut anzusehn; von solcher Schmach

Langwier'ger Buße nimmt es mich hinweg.

Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt Ihr

Den Hergang von Antonios Ende; sagt,

Wie ich Euch liebte; rühmt im Tode mich;

Und wenn Ihr's auserzählt, heißt sie entscheiden, Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.

Bereut nicht daß Ihr einen Freund verliert

Und er bereut nicht, daß er für Euch zahlt:

Denn schneidet nur der Jude tief genug,

So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.

Bassanio.

Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe,

Die mir so lieb ist als mein Leben selbst;

Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt

Gilt höher als dein Leben nicht bei mir.

Ich gäbe alles hin, ja opfert' alles

Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.

Porzia.

Da wüßt Eur Weib gewiß Euch wenig Dank,

Wär sie dabei und hört Eur Anerbieten.

Graziano.

Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe;

Doch wünscht ich sie im Himmel, könnte sie

Dort eine Macht erflehn, des hündschen Juden

Gemüt zu ändern.

Nerissa.

Gut, daß Ihr's hinter ihrem Rücken tut,

Sonst störte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.

Shylock (beiseite).

So sind die Christenmänner; ich hab 'ne Tochter: Wär irgendwer vom Stamm des Barrabas

Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!—

Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.

Porzia.

Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein. Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.

Shylock.

O höchst gerechter Richter!—

Porzia.

Ihr müßt das Fleisch ihm schneiden aus der Brust: Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.

Shylock.

O höchst gelehrter Richter!—Na, ein Spruch!

Kommt, macht Euch fertig.

Porzia.

Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken!

Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut; Die Worte sind ausdrücklich: ein Pfund Fleisch! Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch; Allein vergießest du, indem du's abschneidst,

Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt

Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs

Dem Staat Venedigs heim.

Graziano.

Gerechter Richter!—merk, Jud!—o weiser Richter!

Shylock.

Ist das Gesetz?

Porzia.

Du sollst die Akte sehn.

Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiß:

Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.

Graziano.

O weiser Richter!—merk, Jud! ein weiser Richter!

Shylock.

Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach

Mir meinen Schein und laßt den Christen gehn.

Bassanio.

Hier ist das Geld.

Porzia.

Halt!

Dem Juden alles Recht—still! keine Eil!

Er soll die Buße haben, weiter nichts.

Graziano.

O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter!

Porzia.

Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden.

Vergieß kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr

Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel,

Es leichter oder schwerer an Gewicht

Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil

Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal Nur um die Breite eines Haares neigt,

So stirbst du, und dein Gut verfällt dem Staat.

Graziano.

Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!

Ungläubiger, ich hab dich bei der Hüfte.

Porzia.

Was hält den Juden auf? Nimm deine Buße.

Shylock.

Gebt mir mein Kapital und laßt mich gehn.

Bassanio.

Ich hab es schon für dich bereit: hier ist's.

Porzia.

Er hat's vor offenem Gericht geweigert:

Sein Recht nur soll er haben und den Schein.

Graziano.

Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel!

Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.

Shylock.

Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?

Porzia.

Du sollst nichts haben als die Buße, Jude,

Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.

Shylock.

So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen!

Ich will nicht länger Rede stehn.

Porzia.

Wart, Jude!

Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.

Es wird verfügt in dem Gesetz Venedigs,

Wenn man es einem Fremdling dargetan,

Daß er durch Umweg' oder gradezu

Dem Leben eines Bürgers nachgestellt,

Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,

Die Hälfte seiner Güter an sich ziehn;

Die andre Hälfte fällt dem Schatz anheim,

Und an des Dogen Gnade hängt das Leben

Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen.

In der Benennung, sag ich, stehst du nun,

Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,

Daß du durch Umweg' und auch gradezu Recht eigentlich gestanden dem Beklagten

Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn

Die Androhung, die ich zuvor erwähnt.

Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!

Graziano.

Bitt um Erlaubnis, selber dich zu hängen;

Und doch, da all dein Gut dem Staat verfällt,

Behältst du nicht den Wert von einem Strick;

Man muß dich hängen auf des Staates Kosten.

Doge.

Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,

So schenk ich dir das Leben, eh du bittest.

Dein halbes Gut gehört Antonio,

Die andre Hälfte fällt dem Staat anheim,

Was Demut lindern kann zu einer Buße.

Porzia.

Ja, für den Staat, nicht für Antonio.

Shylock.

Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht! Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stütze nehmt, Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben, Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.

Porzia.

Was könnt Ihr für ihn tun, Antonio?

Graziano.

Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!

Antonio.

Beliebt mein gnädger Herr und das Gericht

Die Buße seines halben Guts zu schenken,

So bin ich es zufrieden, wenn er mir

Die andre Hälfte zum Gebrauche läßt,

Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,

Der kürzlich seine Tochter stahl.

Noch zweierlei beding ich: daß er gleich

Für diese Gunst das Christentum bekenne;

Zum andern, stell er eine Schenkung aus

Hier vor Gericht von allem, was er nachläßt,

An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.

Doge.

Das soll er tun, ich widerrufe sonst

Die Gnade, die ich eben hier erteilt.

Porzia.

Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?

Shylock.

Ich bin's zufrieden.

Porzia.

Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.

Shylock.

Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn:

Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,

Und ich will zeichnen.

Doge.

Geh denn, aber tu's.

Graziano.

Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;

Wär ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr—

Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

(Shylock ab.)

Doge.

Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.

Porzia.

Ich bitt Eur Hoheit um Entschuldigung.

Ich muß vor Abend fort nach Padua

Und bin genötigt, gleich mich aufzumachen.

Doge.

Es tut mir leid, daß Ihr Verhindrung habt.

Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:

Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich dünkt.

(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)

Bassanio.

Mein würdger Herr, ich und mein Freund, wir sind Durch Eure Weisheit heute losgesprochen

Von schweren Bußen; für den Dienst erwidern

Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend

Dukaten, willig die gewogne Müh.

Antonio.

Und bleiben Euer Schuldner überdies

An Liebe und an Diensten immerfort.

Porzia.

Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;

Ich bin zufrieden, da ich euch befreit,

Und halte dadurch mich für wohl bezahlt;

Lohnsüchtiger war niemals mein Gemüt.

Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen; Ich wünsch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.

Bassanio.

Ich muß noch in Euch dringen, bester Herr:

Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,

Nur als Tribut; gewährt mir zweierlei,

Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn.

Porzia.

Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach:

Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen,

Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch. Zieht nicht die Hand zurück, ich will nichts weiter, Und weigern dürft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.

Bassanio.

Der Ring—ach, Herr! ist eine Kleinigkeit,

Ihn Euch zu geben, müßt ich mich ja schämen.

Porzia.

Ich will nichts weiter haben als den Ring,

Und, wie mich dünkt, hab ich nun Lust dazu.

Bassanio.

Es hängt an diesem Ring mehr als sein Wert;

Den teursten in Venedig geb ich Euch

Und find ihn aus durch öffentlichen Ausruf.

Für diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.

Porzia.

Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten;

Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,

Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.

Bassanio.

Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr;

Sie steckte mir ihn an und hieß mich schwören,

Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.

Porzia.

Mit solchen Worten spart man seine Gaben.

Ist Eure Frau nicht gar ein töricht Weib

Und weiß, wie gut ich diesen Ring verdient,

So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,

Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!

(Porzia und Nerissa ab.)

Antonio.

Laßt ihn den Ring doch haben, Don Bassanio;

Laßt sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe

Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.

Bassanio.

Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein,

Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst, Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich!

(Graziano ab.)

Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,

Und früh am Morgen wollen wir dann beide

Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!

(Ab.)

 

Zweite Szene

Eine Straße

(Porzia und Nerissa kommen)

 

Porzia.

Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte

Und laß ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht

Und einen Tag vor unsern Männern noch

Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen

Gar sehr willkommen sein.

(Graziano kommt.)

Graziano.

Schön, daß ich Euch noch treffe, werter Herr.

Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser

Es überlegt, den Ring und bittet Euch,

Mittags bei ihm zu speisen.

Porzia.

Das kann nicht sein;

Den Ring nehm ich mit allem Danke an

Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,

Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.

Graziano.

Das will ich tun.

Nerissa (zu Porzia).

Herr, noch ein Wort mit Euch.—

(Heimlich.)

Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring Zu kriegen, den ich immer zu bewahren

Ihn schwören ließ.

Porzia.

Ich steh dafür, du kannst es.

Da wird's an hoch und teuer Schwören gehn,

Daß sie die Ring an Männer weggegeben;

Wir leugnen's keck und überschwören sie.

Fort! eile dich! Du weißt ja, wo ich warte.

Nerissa.

Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen?

(Ab.)

 

Fünfter Aufzug

 

Erste Szene

Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause

(Lorenzo und Jessica treten auf)

 

Lorenzo.

Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese, Da linde Luft die Bäume schmeichelnd küßte

Und sie nicht rauschen ließ, in solcher Nacht

Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas

Und seufzte seine Seele zu den Zelten

Der Griechen hin, wo seine Cressida Die Nacht in Schlummer lag.

Jessica.

In solcher Nacht

Schlüpft' überm Taue Thisbe furchtsam hin

Und sah des Löwen Schatten eh als ihn

Und lief erschrocken weg.

Lorenzo.

In solcher Nacht

Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand,

Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten

Zur Rückkehr nach Karthago.

Jessica.

In solcher Nacht

Las einst Medea jene Zauberkräuter,

Den Äson zu verjüngen.

Lorenzo.

In solcher Nacht

Stahl Jessica sich von dem reichen Juden

Und lief mit einem ausgelaßnen Liebsten

Bis Belmont von Venedig.

Jessica.

In solcher Nacht

Schwor ihr Lorenzo, jung und zärtlich, Liebe

Und stahl ihr Herz mit manchem Treugelübd,

Wovon nicht eines echt war.

Lorenzo.

In solcher Nacht

Verleumdete die artge Jessica

Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten,

Und er vergab es ihr.

Jessica.

Ich wollt Euch übernachten, käme niemand.

Doch horcht! ich hör den Fußtritt eines Manns.

(Ein Bedienter kommt.)

Lorenzo.

Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?

Bedienter.

Ein Freund.

Lorenzo.

Ein Freund? was für ein Freund? Eur Name, Freund?

Bedienter.

Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden,

Daß meine gnädge Frau vor Tages Anbruch

Wird hier in Belmont sein; sie streift umher

Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet

Um frohen Ehestand.

Lorenzo.

Wer kommt mit ihr?

Bedienter.

Ein heilger Klausner und ihr Mädchen bloß.

Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurück?

Lorenzo.

Nein, und wir haben nichts von ihm gehört.

Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein;

Laß uns auf einen feierlichen Willkomm

Für die Gebieterin des Hauses denken.

(Lanzelot kommt.)

Lanzelot.

Holla, holla! he! heda! holla! holla!

Lorenzo.

Wer ruft?

Lanzelot.

Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!

Lorenzo.

Laß dein Hollarufen, Kerl! Hier!

Lanzelot.

Holla! wo? wo?

Lorenzo.

Hier!

Lanzelot. Sagt ihm, daß ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens hier sein.

(Lanzelot ab.)

Lorenzo.

Komm, süßes Herz, erwarten wir sie drinnen.

Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn? Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich

Im Haus die Ankunft Eurer gnädgen Frau

Und bringt die Musikanten her ins Freie.

(Stephano ab.)

Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!

Hier sitzen wir und lassen die Musik

Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still und Nacht,

Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie.

Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur

Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!

Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,

Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,

Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.

So voller Harmonie sind ewge Geister:

Nur wir, weil dies hinfällge Kleid von Staub

Und grob umhüllt, wir können sie nicht hören.

(Musikanten kommen.)

He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen, Rührt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,

(Musik)

Zieht mit Musik sie heim.

Jessica.

Nie macht die liebliche Musik mich lustig.

Lorenzo.

Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.

Bemerkt nur eine wilde flüchtge Herde,

Der ungezähmten jungen Füllen Schar:

Sie machen Sprünge, brüllen, wiehern laut,

Wie ihres Blutes heiße Art sie treibt;

Doch schaut nur die Trompete oder trifft

Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,

So seht Ihr, wie sie miteinander stehn;

Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,

Durch süße Macht der Töne. Drum lehrt der Dichter, Gelenkt hab Orpheus Bäume, Felsen, Fluten,

Weil nichts so stöckisch, hart und voll von Wut, Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.

Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,

Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,

Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;

Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,

Sein Trachten düster wie der Erebus.

Trau keinem solchen!—Horch auf die Musik!

(Porzia und Nerissa in der Entfernung)

Porzia.

Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal;

Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!

So scheint die gute Tat in arger Welt.

Nerissa.

Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.

Porzia.

So löscht der größre Glanz den kleinern aus.

Ein Stellvertreter strahlet wie ein König,

Bis ihm ein König naht; und dann ergießt

Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach

Ins große Bett der Wasser. Horch, Musik!

Nerissa.

Es sind die Musikanten Eures Hauses.

Porzia.

Ich sehe, nichts ist ohne Rücksicht gut;

Mich dünkt, sie klingt viel schöner als bei Tag.

Nerissa.

Die Stille gibt den Reiz ihr, gnädge Frau.

Porzia.

Die Krähe singt so lieblich wie die Lerche,

Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,

Die Nachtigall, wenn sie bei Tage sänge,

Wo alle Gänse schnattern, hielt' man sie

Für keinen bessern Spielmann als den Spatz.

Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt

Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!—

Still! Luna schläft ja beim Endymion

Und will nicht aufgeweckt sein.

(Die Musik hört auf.)

Lorenzo.

Wenn nicht alles

Mich trügt, ist das die Stimme Porzias.

Porzia.

Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck, An meiner schlechten Stimme.

Lorenzo.

Gnädge Frau, willkommen!

Porzia.

Wir beteten für unsrer Männer Wohlfahrt

Und hoffen, unsre Worte fördern sie:

Sind sie zurück?

Lorenzo.

Bis jetzt nicht, gnädge Frau.

Allein ein Bote ist vorausgekommen,

Sie anzumelden.

Porzia.

Geh hinein, Nerissa,

Sag meinen Leuten, daß sie gar nicht tun,

Als wären wir vom Haus entfernt gewesen;—

Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr!

(Trompetenstoß.)

Lorenzo.

Da kommt schon Eur Gemahl, ich höre blasen;

Wir sind nicht Plaudertaschen, fürchtet nichts.

Porzia.

Mich dünkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht, Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag

Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.

(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)

Bassanio.

Wir hielten mit den Antipoden Tag,

Erschient Ihr, während sich die Sonn entfernt.

Porzia.

Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut, So mag mein Fußtritt wohl im Dunkeln wandeln: Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!

Bassanio.

Ich dank Euch, heißt willkommen meinen Freund! Dies ist der Mann, dies ist Antonio, Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.

Porzia.

Ihr müßt in allem ihm verpflichtet sein;

Ich hör, er hat sich sehr für Euch verpflichtet.

Antonio.

Zu mehr nicht, als ich glücklich bin gelöst.

Porzia.

Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen!

Es muß sich anders zeigen als in Reden,

Drum kürz ich diese Wortbegrüßung ab.

(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)

Graziano.

Ich schwör's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht! Fürwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber:

Wär er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,

Weil Ihr Euch, Liebste, so darüber kränkt!

Porzia.

Wie? schon ein Zank? worüber kam es her?

Graziano.

Um einen Goldreif, einen dürftgen Ring,

Den sie mir gab; der Denkspruch war daran

Genau der Art, wie Vers' auf einer Klinge

Vom Messerschmied: "Liebt mich und laßt mich nicht."

Nerissa.

Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?

Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde;

Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.

Ihr mußtet ihn um Eurer Eide willen,

Wo nicht um mich, verehren und bewahren.

Des Richters Schreiber!—o ich weiß, der Schreiber, Der ihn bekam, trägt niemals Haar am Kinn.

Graziano.

Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwächst.

Nerissa.

Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwächst.

Graziano.

Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen,

'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,

Nicht höher als du selbst, des Richters Schreiber. Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn:

Ich konnt ihm das um alles nicht versagen.

Porzia.

Ihr wart zu tadeln, offen sag ich's Euch,

Euch von der ersten Gabe Eurer Frau

So unbedacht zu trennen; einer Sache,

Mit Eiden angesteckt an Euren Finger

Und so mit Treu an Euren Leib geschmiedet.

Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring

Und hieß ihn schwören, nie ihn wegzugeben;

Hier steht er, und ich darf für ihn beteuern,

Er ließ' ihn nicht, er riss' ihn nicht vom Finger

Für alle Schätze, so die Welt besitzt.

Ihr gabt fürwahr, Graziano, Eurer Frau

Zu lieblos eine Ursach zum Verdruß;

Geschäh es nur, es machte mich verrückt.

Bassanio (beiseite).

Ich möchte mir die linke Hand nur abhaun

Und schwören, ich verlor den Ring im Kampf.

Graziano.

Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter,

Der darum bat und in der Tat ihn auch

Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber, Der Müh vom Schreiben hatte, meinen sich,

Und weder Herr noch Diener wollten was

Als die zwei Ringe nehmen.

Porzia.

Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl?

Nicht den, hoff ich, den Ihr von mir empfingt.

Bassanio.

Könnt ich zum Fehler eine Lüge fügen,

So würd ich's leugnen; doch Ihr seht, mein Finger Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort.

Porzia.

Gleich leer an Treu ist Euer falsches Herz.

Beim Himmel, nie komm ich in Euer Bett,

Bis ich den Ring gesehn.

Nerissa.

Noch ich in Eures,

Bis ich erst meinen sehe.

Bassanio.

Holde Porzia,

Wär Euch bewußt, wem ich ihn gab, den Ring,

Wär Euch bewußt, für wen ich gab den Ring,

Und säht Ihr ein, wofür ich gab den Ring

Und wie unwillig ich mich schied vom Ring,

Da nichts genommen wurde als der Ring,

Ihr würdet Eures Unmuts Härte mildern.

Porzia.

Und hättet Ihr gekannt die Kraft des Rings,

Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring,

Und Eure Ehre, hangend an dem Ring,

Ihr hättet so nicht weggeschenkt den Ring.

Wo wär ein Mann so unvernünftig wohl,

Hätt es Euch nur beliebt, mit einger Wärme

Ihn zu verteidgen, daß er ohne Scheu

Ein Ding begehrte, das man heilig hält?

Nerissa lehrt mich, was ich glauben soll:

Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring.

Bassanio.

Bei meiner Ehre, nein! bei meiner Seele!

Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor

Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend

Dukaten ausschlug und den Ring erbat;

Ich weigert's ihm, ließ ihn verdrießlich gehn,

Den Mann, der meines teuern Freundes Leben

Aufrechterhielt. Was soll ich sagen, Holde?

Ich war genötigt, ihn ihm nachzuschicken;

Gefälligkeit und Scham bedrängten mich,

Und meine Ehre litt nicht, daß sie Undank

So sehr befleckte. Drum verzeiht mir, Beste!

Denn, glaubt mir, bei den heilgen Lichtern dort,

Ihr hättet, wärt Ihr dagewesen, selbst

Den Ring erbeten für den würdgen Doktor.

Porzia.

Daß nur der Doktor nie mein Haus betritt.

Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte,

Das Ihr meintwillen zu bewahren schwurt,

So will ich auch freigebig sein wie Ihr:

Ich will ihm nichts versagen, was ich habe,

Nicht meinen Leib noch meines Gatten Bett;

Denn kennen will ich ihn, das weiß ich sicher.

Schlaft keine Nacht vom Haus! wacht wie ein Argus! Wenn Ihr's nicht tut, wenn Ihr allein mich laßt:

Bei meiner Ehre, die mein eigen noch!

Den Doktor nehm ich mir zum Bettgenossen.

Nerissa.

Und ich den Schreiber; darum seht Euch vor,

Wie Ihr mich laßt in meiner eignen Hut.

Graziano.

Gut! tut das nur, doch laßt ihn nicht ertappen,

Ich möchte sonst des Schreibers Feder kappen.

Antonio.

Ich bin der Unglücksgrund von diesem Zwist.

Porzia.

Es kränk Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch.

Bassanio.

Vergeht mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht, Und vor den Ohren aller dieser Freunde

Schwör ich dir, ja, bei deinen holden Augen,

Worin ich selbst mich sehe—

Porzia.

Gebt doch acht!

In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt,

In jedem Aug einmal—beruft Euch nur

Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid,

Der Glauben einflößt.

Bassanio.

Hört mich doch nur an!

Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwör ich,

Ich breche nie dir wieder einen Eid.

Antonio.

Ich lieh einst meinen Leib hin für sein Gut;

Ohn ihn, der Eures Gatten Ring bekam,

War er dahin; ich darf mich noch verpflichten— Zum Pfande meine Seele—Eur Gemahl

Wird nie mit Vorsatz mehr die Treue brechen.

Porzia.

So seid denn Ihr sein Bürge; gebt ihm den

Und heißt ihn besser hüten als den andern.

Antonio.

Hier, Don Bassanio, schwört, den Ring zu hüten.

Bassanio.

Beim Himmel! eben den gab ich dem Doktor.

Porzia.

Ich hab ihn auch von ihm, verzeiht, Bassanio!

Für diesen Ring gewann der Doktor mich.

Nerissa.

Und Ihr, verzeiht, mein artger Graziano,

Denn jener kleine Bursch, des Doktors Schreiber, War um den Preis hier letzte Nacht bei mir.

Graziano.

Nun, das sieht aus wie Wegebesserung

Im Sommer, wann die Straßen gut genug.

Was? sind wir Hahnrei, eh wir's noch verdient?

Porzia.

Sprecht nicht so gröblich.—Ihr seid all erstaunt; Hier ist ein Brief, lest ihn bei Muße durch,

Er kommt von Padua, vom Bellario;

Da könnt Ihr finden: Porzia war der Doktor,

Nerissa dort ihr Schreiber; hier Lorenzo

Kann zeugen, daß ich gleich nach Euch gereist

Und eben erst zurück bin; ich betrat

Mein Haus noch nicht.—Antonio, seid willkommen! Ich habe beßre Zeitung noch im Vorrat,

Als Ihr erwartet. Diesen Brief erbrecht;

Ihr werdet sehn, drei Eurer Galeonen

Sind reich beladen plötzlich eingelaufen;

Ich sag Euch nicht, was für ein eigner Zufall

Den Brief mir zugespielt hat.

Antonio.

Ich verstumme.

Bassanio.

Wart Ihr der Doktor, und ich kannt Euch nicht?

Graziano.

Wart Ihr der Schreiber, der mich krönen soll?

Nerissa.

Ja, doch der Schreiber, der es niemals tun will,

Wenn er nicht lebt, bis er zum Mann erwächst.

Bassanio.

Ihr müßt mein Bettgenoß sein, schönster Doktor. Wenn ich nicht da bin, liegt bei meiner Frau.

Antonio.

Ihr gabt mir Leben, Teure, und zu leben:

Hier les ich für gewiß, daß meine Schiffe

Im Hafen sicher sind.

Porzia.

Wie steht's, Lorenzo!

Mein Schreiber hat auch guten Trost für Euch.

Nerissa.

Ja, und er soll ihn ohne Sporteln haben.

Hier übergeb ich Euch und Jessica

Vom reichen Juden eine Schenkungsakte

Auf seinen Tod, von allem, was er nachläßt.

Lorenzo.

Ihr schönen Fraun streut Manna Hungrigen

In ihren Weg.

Porzia.

Es ist beinahe Morgen,

Und doch, ich weiß gewiß, seht ihr noch nicht

Den Hergang völlig ein.—Laßt uns hineingehn,

Und da vernehmt auf Fragartikel uns,

Wir wollen auch auf alles wahrhaft dienen.

Graziano.

Ja, tun wir das; der erste Fragartikel,

Worauf Nerissa schwören muß, ist der:

Ob sie bis morgen lieber warten mag,

Ob schlafen gehn zwei Stunden nur vor Tag?

Doch käm der Tag, ich wünscht ihn seiner Wege, Damit ich bei des Doktors Schreiber läge.

Gut! lebenslang hüt ich kein ander Ding

Mit solchen Ängsten als Nerissas Ring.

(Alle ab.)

 

End of Project Gutenberg's Der Kaufmann von Venedig, by William Shakespeare

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