Der Krieg der Elben, Dritter Band der Elben-Trilogie
Fauchend und zischend versuchten die Katzenkrieger, die…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Fauchend und zischend versuchten die Katzenkrieger, die soeben noch die Leichenteile mit ihren Rapieren aufgespießt und mit ihnen herumgeworfen hatten, weitere Feuerdämonen zu beschwören. Aus schon erloschenen Fackeln schlugen plötzlich Flammen hervor. Aber nur wenige waren stark genug, um sich als Flammenwesen vom Fackelkopf zu lösen.
Der von grellem Licht ausgefüllte Bereich in der Mitte des Hofs wurde immer größer und hatte schließlich einen Durchmesser von fast zwanzig Elbenschritten. Wie ein Feuerschlund sah dieses Phänomen aus. Ein von gleißendem Licht erfüllter Schlund, der in eine unbekannte Tiefe führte.
Aber das Feuer, das dort sichtbar war, unterschied sich deutlich von der Glut, aus der die Flammenwesen und ihre Feuerklingen bestanden. Dieses Feuer aus den Tiefen des Felsmassivs, auf dem die Manufaktur errichtet war, wirkte so hell und rein, dass sich dagegen selbst das Sonnenlicht wie ein flackerndes Kerzenlicht ausnahm.
Keandir war mit seinen pechschwarzen Augen als Einziger in der Lage, in dieses gleißende Licht hineinzublicken, ohne sofort zu erblinden.
Andir… Ich habe es gewusst!
Unwillkürlich berührte König Keandir den Lederbeutel mit den fünf noch existierenden Elbensteinen, die auf einmal aufleuchteten und deren Licht durch die Hand des Königs schimmerte. Ob sie damit auf die Berührung des Königs oder die magische Lichterscheinung im Hof reagierten, war nicht zu bestimmen. Aber das spielte für Keandir im Moment auch keine Rolle.
Dass du in die Gefilde der Diesseitigen und ihrer erbärmlichen Probleme zurückgefunden hast, ehrt dich. Aber bist du wirklich in der Lage, den Schatten entgegenzutreten, die uns bedrohen?
Eine Gedankenstimme antwortete dem König der Elben.
»Das bin ich«, sprach diese Stimme.
Eine Gestalt schälte sich aus dem Licht, das allmählich verblasste; im nächsten Moment war der gleißende Schlund verschwunden, und in der Mitte des Hofs stand ein Elb in einem Gewand aus weißem, so gut wie unbefleckbaren Elbenzwirn.
Es war Andir.
Außer dem Beutel an seinem Gürtel, in dem er die Kristalle aufbewahrte, auf die er die Weisheit seiner Bibliothek gebannt hatte, trug er nichts bei sich. Keine Waffe, kein Werkzeug, kein magisches Artefakt.
Die Katzenkrieger verharrten, bis das grelle Leuchten völlig verschwunden war. Auf sie musste die Lichterscheinung sehr bedrohlich gewirkt haben.
Ein besonders großes Fiedertier rauschte auf seinen gewaltigen Lederschwingen heran. In dem Korb auf dem Rücken dieser Kreatur hockten nicht nur fünf oder sechs Katzenkrieger, sondern ein ganzes Dutzend. Es gab niemanden, der das Riesenfledertier daran hindern konnte, im Hof der Manufaktur niederzugehen. Die Katzenkrieger sprangen aus dem Korb aufs Pflaster des Hofs, wo sie sich geschmeidig abzufedern wussten. Das Riesenfledertier erhob sich wieder in die Lüfte, schlug mit den Flügeln und nutzte die auf dem Elbenturm herrschenden Höhenwinde, um majestätisch davonzugleiten.
Unter den Katzenkriegern schien im ersten Moment Ratlosigkeit über das plötzliche Erscheinen des Elbenmagiers zu herrschen. Zisch- und Fauchlaute wurde zwischen ihnen ausgetauscht.
Dann ließ einer der Katzenkrieger seinen Flammendämon von der Fackel springen.
Andir hob die Arme gen Himmel. Im alten Dialekt Athranors rief er die Elementargeister, die als alte Verbündete der Elben galten. Allerdings war das gegenseitige Verständnis zwischen Elben und Elementargeistern mit den Zeitaltern immer mehr geschwunden, ähnlich wie die Verbindung zu den Namenlosen Göttern und den Eldran schwächer geworden war. Noch immer erzählte man sich vor allem unter den Athranor-Geborenen geradezu phantastische Geschichten über den hohen, nie wieder erreichten Stand, den die Landwirtschaft im Reich der Elben von Athranor zeitweise erreicht hatte, was in erster Linie einem guten Kontakt zu den Elementargeistern von Erde, Luft und Wasser zugeschrieben wurde, wobei sich durch die Anrufung der letzten beiden durch einen entsprechend geübten Magier oder Schamanen nach Belieben Regen erzeugen ließ.
Im Lauf der Zeit war es den Schamanen wohl zu anstrengend geworden, durch eine derartige Beschwörung Regen zu erzeugen. Im neuen Reich der Elben war diese Methode nur in der Anfangszeit eingesetzt worden, als eine für elbische Verhältnisse relativ hohe Geburtenrate eine erhöhte Produktion von Nahrungsmitteln erforderlich machte, denn jungen Elben fiel es sehr viel schwerer, ihren Bedarf an Nahrung willentlich zu reduzieren und nötigenfalls dem Angebot anzupassen.
Inzwischen hatte sich das jedoch grundlegend geändert: Wegen der allgemeinen spirituellen Schwäche der Magiergilde und des Schamanenordens zog man es mittlerweile vielerorts in Elbiana vor, Bewässerungsgräben anzulegen, während man in Elbara und Nuranien angeblich schon dazu übergegangen war, in dieser Hinsicht neue Techniken von den rhagaräischen Zuwanderern zu lernen; ein Gerücht, das am Hof von Elbenhaven niemand wahrhaben wollte.
Andirs Stimme bekam eine ungewöhnliche Intensität. Ein Lichtflor legte sich für Augenblicke um seine Gestalt, während er abermals die Elementargeister anrief. Dabei schloss er die Augen. Der freigelassene Feuerdämon wirbelte auf ihn zu und schwang seine Flammenklinge, aber plötzlich stoppte ihn ein Windstoß, der ihn mehrere Schritte zurückwehte.
Da ließen auch die anderen Katzenkrieger ihre Feuergeister frei. Andere versuchten, diese Wesen erneut zu beschwören, aber mehr als ein schwaches Aufflackern war bei keiner der Fackeln zu verzeichnen.
Ein Luftwirbel bildete sich um Andir und umtoste ihn, zerzauste selbst König Keandir und seinen Kampfgefährten an den Zinnen des Hauptturms die Haare. Der Wirbel, in dessen ruhigem Zentrum Andir mit erhobenen Armen stand, wurde immer heftiger, und die Feuerwesen, die dagegen anzustürmen versuchten, wurden durch den Wind entweder zum Verlöschen gebracht oder zumindest daran gehindert, weiter vorzudringen.
Manche wurden zurückgestoßen, eines der Feuerwesen sogar von den Füßen gerissen und durch die Luft geschleudert, direkt auf einen Katzenkrieger zu, der nicht mehr ausweichen konnte.
Er schrie durchdringend auf, ehe ihn das Feuer des Flammenwesens vollständig verschlang und zu Asche verbrannte, die hinweggeweht wurde.
Augenblicke vergingen. Andir war durch den Wirbel inzwischen nur noch als eine schemenhafte Erscheinung erkennbar, und die Feuerdämonen hauchten einer nach dem anderen ihr flüchtiges Leben aus. Dann schoss der Wirbel plötzlich in die Höhe und bildete genau über der Manufaktur eine Wolke, die zunehmend dunkler wurde. Sie wuchs, bildete ein Gebirge aus dunklem Grau, und dann fiel dichter Regen in den Hof der Manufaktur.
Die wenigen Feuerdämonen, die inzwischen von den Katzenkriegern neu beschworen worden waren, erloschen im Wolkenbruch, ebenso wie die Fackeln der Katzenkreaturen, die noch in den Körben ihrer Riesenfledertiere hockten, welche die Manufaktur umkreisten.
Das Regengebiet breitete sich rasch aus. Die grauschwarze Wolke wuchs so schnell, dass sie in Kürze eine geschlossene Wolkendecke von Horizont zu Horizont bildete. Die Morgensonne wurde zu einem verwaschenen Fleck im dunklen Grau, aus dem unablässig der Regen fiel.
Keandir klebten bereits nach wenigen Augenblicken die Haare am Kopf, und selbst ein Trockenzauber, mit dessen Hilfe zumindest hochgestellte Elben ein durch Wind und Wetter allzu ramponiertes Erscheinungsbild zu vermeiden pflegten, erwies sich angesichts dieser außergewöhnlichen Regenmengen als wirkungslos.
»Die Fackeln!«, rief Siranodir mit den zwei Schwertern.
»Seht doch! Sie erlöschen überall!«
König Keandir ließ den Blick schweifen. Hunderte von Riesenfledertieren schwebten noch mit ihren Besatzungen rund um den Elbenturm und hatten noch vor Augenblicken einem fliegenden Fackelzug geglichen. Doch das hatte sich nun völlig geändert: Kaum eine Fackel brannte noch, und die wenigen, die noch nicht verloschen waren, taten dies innerhalb der nächsten Augenblicke. Schreie des Entsetzens vermischten sich mit dem Prasseln des Regens. Durch die Elementargeister des Wassers und der Luft waren die Katzenkrieger ihrer stärksten Waffe beraubt.
Einer der Katzenkrieger im Manufakturhof löste sich aus seiner Erstarrung, schleuderte seine erloschene Fackel auf Andir und griff zu Pfeil und Bogen, die er bei sich trug.
Andir fing die erloschene Fackelkeule mit der Linken so sicher auf, als wäre dieser Wurf nicht dazu bestimmt gewesen, ihn zu töten, sondern ihm das Fackelholz zukommen zu lassen.
Seine Hand glühte auf, als würde sie brennen, und das Fackelholz wurde innerhalb weniger Herzschläge zu einem zerbröselnden Stück Holzkohle, bevor es schließlich zu Asche zerfiel. Das Glühen verschwand, und Andirs Hand war vollkommen unversehrt.
»Schert euch hinweg, ihr Diener des Dunklen Herrschers!«
rief er in der gegenwärtig gängigen Sprache der Elbenheit des Zwischenlandes, und gleichzeitig sandte er eine starke Gedankenbotschaft, die seine Worte auch für jeden verständlich machte, die dieser Sprache nicht mächtig waren, und das mit einer derartigen Intensität, dass die Katzenkrieger davon geradezu schmerzhaft getroffen wurden. Sie stöhnten auf, manche hielten sich die Köpfe.
Für einige Augenblicke drohte Panik unter den Katzenkriegern auszubrechen, doch die schlug sehr schnell in Wut um. Ein Pfeil wurde auf den Elbenmagier abgeschossen, doch Andir reagierte überelbisch schnell und lenkte den Pfeil mit der Hand zur Seite ab, sodass er in einer Fuge zwischen zwei Pflastersteinen stecken blieb. Einen weiteren Pfeil wehrte er auf diese Weise ab; der bohrte sich in einen Fensterladen des Haupthauses im Obergeschoss.
Daraufhin stürmten die Katzenkrieger mit ihren Schwertern auf Andir zu. Der streckte die Arme aus, sodass seine offenen Handflächen auf die Angreifer gerichtet waren. Mindestens drei Dutzend Katzenkrieger waren es, denn inzwischen waren die Besatzungen weiterer Fiedertiere im Hof gelandet, ohne dass irgendjemand dagegen hätte einschreiten können.
»Euer Geist ist schwach!«
Keandirs Hände krallten sich förmlich um den Griff Schicksalsbezwingers, aber vom Turm aus konnte er nichts ausrichten. Doch das brauchte er auch nicht. Denn sein Sohn war durchaus Herr der Lage.
»Wer ein so willfähriger Knecht des Dunklen Herrschers ist, mag auch durch andere leicht beeinflussbar sein!«
Die Katzenkrieger blieben plötzlich stehen. Einer von ihnen hatte gerade seinen Bogen gespannt, und der Pfeil, der an der Sehne lag, zeigte auf Andir.
Der Magier sah den Katzenkrieger ruhig an.
»Ein schwacher Geist ist leicht zu lenken.«
Der Katzenkrieger wandte sich ruckartig herum und schoss seinen Pfeil auf einen seiner Kampfgefährten ab. Der Pfeil durchbohrte den Hals des Getroffenen, sodass dieser röchelnd zu Boden sank. Daraufhin ließ der Schütze den Bogen fallen, griff nach seinem Rapier und durchschnitt sich mit der scharfen Klinge die Kehle, dass das Blut in Strömen hervorspritzte. Er sank auf die Knie, kippte um und blieb reglos auf dem Pflaster liegen. Das Blut mäanderte durch die Fugen zwischen den Pflastersteinen und vermischte sich mit den Strömen des Regenwassers.
Auch die anderen Katzenkrieger im Hof der Manufaktur richteten ihre Waffen gegen sich selbst. Ihre Todesschreie und ihr gurgelndes Röcheln hallten durch den immer noch prasselnden, aber inzwischen nachlassenden Regen.
Dann stieg Andir in die Höhe, schwebte immer weiter empor, verharrte gut dreißig Schritte über dem Hof und brachte mit einer einzigen Handbewegung ein herannahendes Riesenfledertier dazu, die Flugbahn zu ändern, sodass es mit voller Wucht gegen das Felsmassiv rammte, auf dem die Manufaktur errichtet war. Betäubt taumelte das Ungeheuer in die Tiefe und riss seine Reiterbesatzung, bestehend aus sieben Katzenkriegern, mit sich. Ihre Schreie hallten schauerlich zwischen den Felsen wider.
Unter den Angreifern brach jegliche Ordnung auseinander, doch offenbar unterlagen Andirs Einflussmöglichkeiten auf den Geist der Katzenkrieger räumlichen Begrenzungen.
Jedenfalls hielten sie nun einen gewissen Abstand zu dem Elbenmagier, der zurück auf das Pflaster des Hofs sank.
Keandir machte sich Sorgen um ihn, denn was er getan hatte, musste ungeheuer anstrengend gewesen sein.
Einige Riesenfledertiere umflatterten noch immer in einiger Entfernung den Elbenturm, trauten sich aber nicht näher, als wären ihre Reiterbesatzungen unschlüssig darüber, was sie tun sollten.
»Sie haben Angst davor, sich zurückzuziehen, weil ihnen ihr Meister ein Scheitern übel nehmen würde«, vermutete Prinz Sandrilas.
»Oder sie warten ab, bis Andirs magische Kräfte erlahmen«, befürchtete Keandir.
»Gut möglich«, murmelte der Einäugige.
Keandir steckte Schicksalsbezwinger zurück in die Scheide.
Im Moment war der Hauptturm nicht mehr Angriffsziel der unheimlichen Kreaturen, und die Katzenkrieger auf den anderen Türmen hatten sich ebenso wie jene im Hof der Manufaktur selbst umgebracht. Manche, indem sie sich in die Tiefe stürzten, andere, indem sie sich die eigenen Waffen entweder selbst oder gegenseitig in die Leiber stießen.
Doch weiter reichte auch die immense magische Kraft Andirs nicht. Entfernten sich die Riesenfledertiere mit ihren Besatzungen über eine bestimmte Distanz hinaus, so übte er auf sie keinen geistigen Einfluss mehr aus.
Keandir hielt es nicht mehr länger auf dem Hauptturm.
Während er Yintaril, Shorindorn und Uéndorn befahl, dort auszuharren, stieg er zusammen mit Thamandor, Sandrilas und Siranodir die Treppe hinunter, die in den Hof der festungsartigen Anlage führte.
Ein Bild des Schreckens bot sich ihnen dort, und auch der Blutgeruch war kaum zu ertragen und für die feinen Elbensinne eine Qual.
Andir stand mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht. Er war voll und ganz konzentriert und hielt den Zauber aufrecht. Aber wie lange schaffte er dies noch?
»Werter Thamandor, gibt es hier auf der Manufakturburg nicht noch ein paar Lagerstätten für Bolzen für die Einhandarmbrüste?«, fragte Keandir. »Die wenigen Überlebenden könnten dann ihre Waffen nachladen.«
Mit diesen Worten nahm Keandir eine der Einhandarmbrüste vom Boden auf. Der Elbenkrieger, dem sie gehört hatte, war so arg zugerichtet, dass man nicht einmal mehr erkennen konnte, dass es sich um einen Elb gehandelt hatte. Die Schlaufen seiner blutgetränkten Schärpe waren leer; auch er hatte vor seinem Ende sämtliche Bolzenmunition aufgebraucht.
»Nein«, antwortete Waffenmeister Thamandor, wobei sich in der Mitte seiner glatten Stirn jene Falte bildete, die so charakteristisch für ihn war. »Ihr wisst, dass wir mit der Produktion unserer handgefertigten Bolzen arg im Rückstand sind, seit die Zahl der Einhandschützen im elbischen Heer so stark vergrößert wurde. Und obwohl jeder dieser Schützen nur eine Waffe bekommen hat und an ihr ausgebildet wurde, kommen wir mit der Fertigung einfach nicht hinterher.
Deswegen war die Wachmannschaft der Manufaktur auch nur mit einem unerlässlichen Vorrat ausgerüstet, der uns allerdings ausreichend erschien, um einen Angriff auf den Elbenturm abzuwehren.«
»Offensichtlich war er das nicht«, warf Prinz Sandrilas ein.
»Ihr wart es doch, der immer wieder neue Lieferungen gefordert hat, mein Prinz!«, warf Thamandor ihm, der auch Befehlshaber des Elbenheeres war, vor.
»Dieser Streit führt zu nichts«, beschwichtigte Keandir den Waffenmeister. »Niemand hat damit rechnen können, dass ein so massiver Angriff ins Herz des Elbenreichs erfolgen würde.
Auch ich habe das nicht kommen sehen.«
»Euer Sohn Magolas geht aufs Ganze«, sagte Sandrilas bekümmert.
Aber Keandir schüttelte den Kopf. »Nein, ich fürchte, mein Sohn hat schon längst die Kontrolle über sein eigenes Reich verloren.« Tiefe Traurigkeit schwang in den Worten des Königs mit. Eine Traurigkeit, die durch den Anblick des unvorstellbar grausigen Schlachtfelds im Hof der Manufaktur noch genährt wurde. »Lasst uns diesen furchtbaren Ort nach einzelnen Bolzen absuchen, die nicht abgeschossen wurden«, sagte er düster, obwohl ihm bewusst war, dass sie dadurch kaum gerettet werden konnten. Alles hing von Andir ab, der unbewegt und starr wie eine Statue in der Mitte des Hofs stand, die Arme erhoben, die Augen geschlossen und völlig in Konzentration versunken. Wenn seine Kräfte erlahmten, waren sie alle dem Untergang geweiht.
Thamandor fand die blutige Lederschärpe eines zerstückelten Einhandschützen. Drei Bolzen, die der Elbenkrieger nicht mehr hatte abschießen können, steckten noch in den Schlaufen.
Der Waffenmeister nahm sie heraus. Das Blut des Getöteten troff dabei zu Boden. Thamandor lud seine beiden Einhandarmbrüste und gab den dritten blutigen Bolzen an Keandir weiter, sodass dieser damit die Waffe laden konnte, die er gerade vom Boden aufgehoben hatte.
Hier und dort fanden der König und seine Getreuen sowohl weitere Einhandarmbüste als auch Bolzen. Viele waren es nicht; kaum mehr als ein Dutzend Schuss waren auf diese Weise möglich. Keandir schickte Siranodir mit den zwei Schwertern aus, um einen Teil der Bolzen zu Hauptmann Yintaril auf den Hauptturm zu bringen.
Die Katzenkrieger auf ihren Riesenfledertieren hatten den ersten Schrecken über das Eingreifen des Elbenmagiers inzwischen verwunden, und ein Teil von ihnen startete einen blindwütigen Angriff auf die festungsähnliche Manufaktur.
Der Regen verhinderte, dass sie ihre Fackeln entzünden oder ihre Flammendämonen mit Brandpfeilen ausschicken konnten.
Sie versuchten es zwar, aber mehr als ein kurzes Aufflackern hier und dort war nicht zu sehen.
Stattdessen setzten sie alles daran, mit ihren Fiedertieren im Hof der Manufaktur niederzugehen. Pfeile wurden auf sie abgeschossen. Kamen die Riesenfledertiere näher, so beeinflusste Andir mental ihre Reiterbesatzungen und veranlasste sie, ihre Waffen gegen ihre eigenen Reittiere zu richten. Dann schlugen und hackten sie auf die Fledertiere ein, auf denen sie selbst saßen, und schafften sie es, ihnen eine entscheidende Verletzung zuzufügen, stürzten sie mit ihnen in die Tiefe. Fauchen, Zischen und schrilles, kaum erträgliches Geschrei mischten sich mit dem Rauschen des Regens.
Keandir schoss eines der Fiedertiere mit seiner Einhandarmbrust ab. Der Giftbrand tötete und verformte es, während das Tier mitsamt seiner Besatzung unter gellenden Todesschreien in die Tiefe trudelte.
»Sollten wir unsere Bolzenmunition nicht besser zurückhalten?«, fragte Prinz Sandrilas. Sein Blick ging dabei zu Andir herüber, der mittlerweile auf die Knie gesunken war.
Er zitterte. Noch immer hielt er die Arme zum Himmel erhoben und hatte die Augen geschlossen. Es war unverkennbar, dass er am Ende seiner Kräfte war: Sein Gesicht wirkte eingefallen, die Haut pergamentartig, das tiefschwarze Haar war zu einem dunklen Grau geworden und wurde immer heller. Er setzte inzwischen mehr ein als nur seine magischen Kräfte, begriff Keandir, und diese Erkenntnis versetzte ihm einen Stich. Andirs geistiges Reservoir war verbraucht, und er griff auf seine Lebensenergie zurück! »Schießt eure Bolzen ab! Wir müssen Andir entlasten!«, rief der König. Er entriss Thamandor dessen Waffen und schoss damit auf ein sich näherndes Riesenfledertier, das er zielsicher traf und tötete. Seinem Sohn ersparte er damit die Notwendigkeit, die Seelen der Katzenkrieger zu beeinflussen, damit die auf ihr Reittier einhackten.
Der König wandte sich zu seinem Sohn um.
»Andir! Lass mich dir helfen!«, bat er ihn in Gedanken.
»Nimm meine Kraft!«
Die Antwort ernüchterte den Elbenkönig.
»Nicht deine Finsternis… «
8
SECHSHUNDERT EINHANDSCHÜTZEN
Königin Ruwen war lange vor Morgengrauen erwacht. Die Angst um Keandir hatte sie geweckt und die plötzliche Erkenntnis, dass er in Gefahr war. Kurz danach hatten die Hörner auch das restliche Elbenhaven aus dem Schlaf gerissen: Die Armada der Fiedertiere, die in der Ferne durch die Lüfte zog, war von den Wächtern erspäht worden.
Ruwen stand auf dem Ostturm der Burg Elbenhaven. Bei ihr war Lirandil, der uralte, in Athranor geborene Fährtensucher, der wieder einmal von einer seiner langen Reisen durch die Länder des zwischenländischen Kontinents zurückgekehrt war; seit gut einem halben Jahr weilte er auf der Burg, um den König und den Kronrat über alles zu informieren, was es Neues über die Rhagar-Reiche zu berichten gab, die inzwischen allesamt zu mehr oder minder unselbstständigen Provinzen des Magolasischen Reichs herabgesunken waren, selbst jene, die nominell noch eigenständig waren – wie Kossarien – oder sich selbst nur als Verbündete Magolas’
bezeichneten – wie Haldonia und Marana.
Abgesehen von der Königin und dem Fährtensucher sowie einigen Wachsoldaten und einem Hornbläser befanden sich noch Admiral Ithrondyr, der Oberbefehlshaber der Elbenflotte, und Gelrond der Sprachkundige auf dem Ostturm. Letzterer hatte den Admiral in jenen Tagen auf seinen Fahrten begleitet, als Ithrondyr noch Kapitän des Kundschafterschiffs »Jirantor«
gewesen war.
Vom Turm aus war das Unwetter zu sehen, das nur wenige Meilen entfernt tobte, um den Gipfel des Elbenturm-Massivs herum. Ein dunkles Wolkengebiet mit Regen und Sturm spannte sich bis zu den Anhöhen im Süden des Elbenturms. In Elbenhaven allerdings war bislang nicht ein einziger Tropfen niedergegangen.
Dass dies kein gewöhnliches Unwetter war, sondern die Elementargeister beschworen worden waren, war auch jedem in magischen Dingen ungebildeten Elben sofort klar. Ruwen aber spürte, dass es mit Andir zu tun hatte, der in die Geschehnisse dort auf dem Elbenturm auf unbekannte Weise verstrickt war.
Als die Armada der Riesenfledermäuse gesichtet worden war, hatten die Hornbläser sofort Alarm gegeben. Inzwischen hatte Königin Ruwen befohlen, dass alle Elbenkrieger in Elbenhaven, die über Fernwaffen verfügten, sich dafür bereit machen sollten, zum Elbenturm zu ziehen. Dies waren in erster Linie natürlich die Mitglieder der Einhandgarde, aber auch Bogenschützen und Schützen mit konventionellen Armbrüsten, die ganz herkömmliche Bolzen verschossen, in denen sich kein magisches Gift befand. Der spezielle Mechanismus der Einhandarmbrüste erlaubte es nicht, sie mit gewöhnlichen Bolzen zu bestücken, und umgekehrt konnten die mit magischem Gift versehenen Bolzen nicht in herkömmliche Armbrüste gespannt werden. Beim Herausschnellen des Giftbolzens aus der Waffe wurde nämlich an dem Bolzen ein Schalter betätigt, der dann beim Aufprall die Entladung des Gifts erlaubte. Viele Elben hielten Thamandor mangelndes Risikobewusstsein vor, und sein Name würde wohl auf ewig mit einigen spektakulären Unglücksfällen in Verbindung gebracht werden. Doch dieses in der elbischen Öffentlichkeit verbreitete Bild des Erfinders wurde ihm nicht gerecht, hatte er sich doch bei der Konstruktion der Bolzen sehr viel Mühe gegeben, um jede Gefahr eines unbeabsichtigten Giftaustritts auszuschließen.
Erneut ertönte ein Hornsignal.
»Die Elbenkrieger sind bereit«, übersetzte es Admiral Ithrondyr für die Königin.
»Verzeiht mir, dass ich Euch bei der Auswahl des Kommandanten übergangen habe, werter Admiral Ithrondyr«, sagte Ruwen. »Aber Ihr seid ein Seekrieger und mit den Kampftechniken an Land wenig vertraut.« Sie wandte sich Lirandil zu. »Ich weiß, dass Ihr alle Ehrenbezeugungen und Ränge abgelehnt habt, obwohl mein Gemahl Euch gern zum Herzog erhoben hätte.«
»Was mir die Möglichkeit genommen hätte, Elbiana auf eine Weise zu dienen, für die ich mich viel besser eigne, nämlich die Erkundung der Länder der Rhagar und anderer Völker, meine Königin. Auch wäre es mir, wäre ich auf das freundliche Angebot Eures Gemahls eingegangen, nicht möglich gewesen, eine Fährtensucherschule zu gründen, damit das uralte Wissen der Fährtensucher von Athranor für die Elbenheit bewahrt bleibt.« Der uralte, grauhaarige Elb deutete eine Verbeugung an.
Ruwen nickte huldvoll, aber ihr Gesicht blieb ernst. »Gewiss, werter Lirandil. Aber heute möchte ich, dass Ihr unsere Krieger in die Schlacht führt. Eure jahrtausendealte Erfahrung ist mehr wert als jeder Rang.« Ruwen ergriff die Hand des Fährtensuchers. »Ich bitte Euch! Ich weiß, dass Ihr es schaffen könnt, so furchtbar die Gefahr auch sein mag.«
»Ihr wisst, dass ich mein Bestes geben und all meine Erfahrung in die Waagschale werfen werde«, versicherte Lirandil. Er wandte sich an einen der Wachsoldaten. »Man sattle mein Elbenross und bringe mir Pfeilköcher und Bogen aus meinem Gemach!«
»Mit Verlaub, meine Königin«, mischte sich da Admiral Ithrondyr ein. »Elbenhaven wird ziemlich schutzlos zurückbleiben!«
»Das mag sein«, sagte Ruwen. »Ich glaube jedoch nicht, dass Elbenhaven im Moment in Gefahr ist. Dennoch, für den Fall, dass ich mich irre, lasst Eure Schiffe bereit machen, Admiral.«
»Damit wir die Stadt evakuieren können?«, fragte er.
Ruwen nickte. »Ich hoffe jedoch und bin sogar nahezu überzeugt davon, dass dieser Fall nicht eintreten wird.«
In diesem Moment verspürte sie einen heftigen Schmerz, der ihr durch den Brustkorb stach, und ein Gefühl der Schwäche und der Verzweiflung durchflutete sie.
Andir, dachte sie. Und der Elbenkönigin wurde in diesem Augenblick bewusst, dass noch sehr viel mehr getan werden musste, als ein Elbenheer mit Fernwaffen auszuschicken, um der Bedrohung zu begegnen, die sich am Himmel zwischen dem Elbenturm-Massiv und dem südlichen Gebirge manifestierte.
Kaum, dass Lirandil und die Elbenkrieger den inneren Burghof von Elbenhaven verlassen hatten, ließ Königin Ruwen alle Schamanen und Magier der Stadt zusammenrufen, darunter auch Brass Shelian, den amtierenden Oberen des Schamanenordens und damit Nachfolger des legendären Brass Elimbor in diesem Amt.
Im inneren Burghof von Elbenhaven empfing Ruwen die versammelten Magier und Schamanen der Hauptstadt. An die hundert Personen waren es, darunter auch einige als begabt geltende Novizen sowohl der Magiergilde als auch des Ordens der Schamanen.
Unter den Magiern und Schamanen herrschte helle Aufregung, denn natürlich war ihnen das Unwetter in den nahen Bergen nicht verborgen geblieben, und sie hatten freilich auch erkannt, dass es sich um das Resultat angewandter Magie handelte. Und nicht zuletzt hatten sie auch die von Xaror ausgesandten Kreaturen des Limbus gesehen, und der Schrecken darüber stand so manchem noch immer ins Gesicht geschrieben.
Die Tatsache, dass eine Invasion wie jene, deren ferne Zeugen sie geworden waren, überhaupt möglich war, hatte auch etwas mit ihrer eigenen spirituellen Schwäche zu tun. Das wurde vielen von ihnen mit einem Mal sehr schmerzlich bewusst.
Admiral Ithrondyr und Gelrond der Sprachkundige begleiteten Königin Ruwen, als sie vor die versammelten Magier und Schamanen trat. »Ihr werdet bemerkt haben, welche magischen Kräfte in den nahen Bergen rund um das Elbenturm-Massiv wirksam sind. Es ist dort einer, der sich der Finsternis entgegenzustellen versucht. Einer von Euch, auch wenn er Eure Gemeinschaft seit langer Zeit nicht mehr gesucht hat und sich stattdessen in die Einsamkeit zurückzog. Ich spreche von meinem Sohn Andir. Ich weiß, dass er Eure Hilfe benötigt. Also schließt Euch zusammen, so wie es in den Anfängen des Reichs der Elben vom Zwischenland geschah, als auf diese Weise die Brücke von Minasar und die Aratanische Mauer geschaffen wurden. Ein Steinhagel wurde von den vereinigten Schamanen und Magiern auf das übermächtige Heer des Eisenfürsten Comrrm vom Himmel herunterfallen gelassen. Damals brauchte Andir den Strom eurer Kräfte, um ihn zu bündeln und auf ein Ziel hin zu lenken.
Und jetzt ist es wieder so weit. Ich ersuche Euch, schließt Euch zusammen und übertragt Eure Kraft an ihn. Stützt seinen Geist, sodass er standzuhalten vermag. Ich bin seine Mutter und habe eine besondere Verbindung zu ihm, wie niemand bezweifeln wird. Und ich weiß, wie verzweifelt er ist.«
Schweigen herrschte unter den Elben, als die Königin geendet hatte. Brass Shelian fühlte die Blicke auf sich gerichtet, und so trat er schließlich hervor. Er deutete eine Verbeugung an, doch es schien eher eine Geste der Verlegenheit zu sein als eine Treuebekundung gegenüber der Königin, denn der Obere des Schamanenordens sagte einen Augenblick später: »Meine Königin, Ihr überschätzt, so fürchte ich, unsere Möglichkeiten!«
Ruwen war fassungslos. »Soll das heißen, Ihr werdet es nicht einmal versuchen?«
»Unsere spirituelle Schwäche ist bekannt«, sagte Brass Shelian. »Im Lande Estorien hat Fürst Bolandor die Eldran beschwören lassen und bevölkert mit ihnen sein Reich der Geister, wie Ihr wisst. Das schwächt uns zusätzlich, denn wir stehen nicht mehr auf dieselbe Weise mit den Jenseitigen in Kontakt, wie es früher der Fall war.«
»Das alles weiß ich«, entgegnete Ruwen. »Aber soll das bedeuten, dass die vereinigten Magier und Schamanen Elbenhavens nicht mehr in der Lage sind, einen geistigen Verbund zu bilden, um einem der ihren, der für die ganze Elbenheit kämpft, zu helfen? Jeder dieser Bogen- und Armbrustschützen, die gerade die Stadttore von Elbenhaven hinter sich gelassen haben, wird seinen Teil dazu beitragen, dass unser König überlebt, dass der Elbenturm nicht fällt und dass Elbiana nicht zur Beute dieser furchtbaren Kreaturen der Finsternis wird, die im Schutz der Nacht zu uns gelangten.«
Auf einmal herrschte quälend langes Schweigen.
Mutlosigkeit machte sich unter den Versammelten breit.
Mutlosigkeit, die wie ein lähmendes Gift wirkte.
»Es ist so lange her«, meinte Brass Mentabondir, ein gerade vom Novizen zum vollwertigen Schamanen aufgestiegener Elb, der zwar bereits in Athranor geboren worden war, aber erst vor gut einer Jahrhunderthälfte seine Bestimmung zum Schamanentum entdeckt hatte; zuvor war er lange Steuermann auf verschiedenen Schiffen in der Elbenflotte gewesen, und dort bedauerte man es bis heute, auf seine Dienste verzichten zu müssen, seit sich Mentabondir der Steuermann zu Brass Mentabondir gewandelt hatte. »Natürlich besteht die Möglichkeit, dass wir kläglich scheitern und die Wesen des Schattenherrschers die Oberhand gewinnen. Und es mag auch sein, dass hier so mancher sich von Andir verraten fühlte, weil dieser den Weg in die Einsamkeit wählte, anstatt das zu sein, was viele zuvor in ihm gesehen haben: nämlich einen spirituellen Anführer für die verunsicherten Seelen der Elbenheit. Aber das wollte er vielleicht nie sein. Und vielleicht war diese Aufgabe auch einfach zu groß für ihn, und er musste sich erst einmal zurückziehen, um sich selbst zu finden.«
»Früher war es Andir, der für die Verschmelzung der Kräfte gesorgt hat«, stellte ein weiterer Schamane fest. Er wurde Brass Jelindil genannt und gehörte zu den ersten Elbenkindern, die nach der Ankunft im Zwischenland geboren worden waren.
»Wer soll es jetzt sein? Niemand von uns hat die geistige Größe dafür.«
»So wird es jemand versuchen müssen, dem man diese Größe vielleicht noch nicht zutraut, bei dem sie sich aber hoffentlich zeigen wird«, sagte Brass Mentabondir.
»Ihr sprecht von Euch selbst?«, fragte Brass Shelian.
»Wenn Ihr vor der Verantwortung zurückschreckt, stehe ich bereit«, erwiderte Brass Mentabondir.
Dies war ein Affront sondergleichen gegen Brass Shelian, erkannte Königin Ruwen sofort. Aber dieser Affront wurde von der Versammlung ohne eine erkennbare Reaktion hingenommen. Doch auch keine Reaktion war eine Art Reaktion, wusste Ruwen. Offenbar gab es unter den Magiern und Schamanen viele, welche die Meinung Brass Mentabondirs teilten.
Das begriff auch Brass Shelian. »Also gut«, sagte er. »Wir werden es versuchen…«
»Wovor sollten wir uns fürchten, außer davor, dass unsere spirituelle Schwäche auf eine Weise manifest werden könnte, wie es bisher noch nie der Fall war?«, sagte Brass Mentabondir. »Aber dieses Risiko sollten wir bereit sein einzugehen.«
Zustimmendes Gemurmel erhob sich hier und da in der Versammlung. Eigentlich war es nicht Ruwens Art, derartige Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Zumeist war es besser, abzuwarten und zu sehen, welchen Weg das Schicksal einschlug. Aber in diesem Fall musste schnell gehandelt werden. Also griff sie abermals ein, indem sie beschwörend auf die Versammlung einredete: »Lasst diesen Worten Taten folgen! Eure Schwäche wird die Elbenheit Euch verzeihen –
nicht aber Eure Untätigkeit!«
»Also gut«, erklärte sich Brass Shelian schließlich bereit. Die Schamanen und Magier bildeten einen Kreis und führten jene Rituale durch, die in der Frühzeit Elbianas, als so viele Gebäude mit der Kraft purer Magie und dem Zauber Riboldirs hatten geschaffen werden müssen, zu ihrem täglichen Geschäft gehört hatten.
Brass Shelian blieb in diesem Augenblick nichts anderes übrig, als sich an die Spitze dieser Versammlung zu setzen, die auf diese Weise im Handumdrehen zu einer spirituell geprägten Zusammenkunft geworden war.
Lirandil ritt an der Spitze des Zugs der Elbenkrieger in Richtung des tobenden Unwetters. Ein kühler Wind war schon bald zu spüren und Nieselregen benetzte die Gesichter der Elben. Von ihren Gewändern aus Elbenzwirn perlte die Nässe ab, und selbst im Haar der Krieger konnte sie sich zunächst kaum festsetzen, sofern der Betreffende rechtzeitig daran gedacht hatte, einen entsprechenden Zauber zu wirken. Erst als sie sich dem Elbenturm so weit genähert hatten, dass es wie aus Pferdetränken schüttete, nützten auch diese Maßnahmen kaum noch etwas.
Mehrere tausend Mann waren in die Berge um den Elbenturm aufgebrochen. Jeder, der einen Bogen oder eine Einhandarmbrust bedienen konnte und für den es möglich war, eine solche Waffe bereitzustellen, hatte sich dem Zug angeschlossen. Dazu zählten auch die Bogen- und Einhandschützen, die normalerweise zur Besatzung der am Kai von Elbenhaven liegenden Elbenflotte gehörten.
Der Regen wurde heftiger, je weiter sie sich dem Elbenturm-Massiv näherten. Gleichzeitig wurde es allmählich hell im Westen. Die furchtbare Schlacht um den Elbenturm wurde so zur Gänze offenbar – und auch die Aussichtslosigkeit, mit der sich die wenigen Verteidiger noch zu wehren vermochten.
Eine magische Kraft hielt die Flugbestien davon ab, in der festungsähnlichen Manufaktur zu landen; Dutzende dieser Monstren sah Lirandil der Fährtensucher in die Tiefe stürzen, und die Schreie der Riesenfledertiere und ihrer Besatzungen hallten gespenstisch zwischen den Berghängen Hoch-Elbianas wider.
»Nur einer vermag genug magische Kraft aufzubringen, um so etwas zu vollbringen«, sprach Lirandil. »Andir! Er scheint sein selbst gewähltes Exil in der Einsamkeit der Berge tatsächlich aufgegeben zu haben!« Königin Ruwen hatte offenbar ein sicheres Gespür für ihren Sohn.
Der Vormarsch wurde zunehmend mühsamer. Die Hänge waren durch den Regen so rutschig geworden, dass die Krieger von ihren Rössern steigen mussten. Und dort, in den Höhen, wurde der aufkommende Regen sogar gleich zu Eis und bildete einen spiegelglatten Film über dem kalten Gestein. Damit wurde es selbst für leichtfüßige Elben schwierig, sicheren Tritt zu finden.
Lirandil teilte die Krieger in mehrere Gruppen auf, die sich nach und nach in der Nähe des Elbenturms verteilten. Bisher hatten die Katzenkrieger auf den Riesenfledertieren dem Elbenheer kaum Beachtung geschenkt. Nur hin und wieder wurde ein vereinzelter Pfeil in Richtung der heranrückenden Elbenkrieger abgeschossen. Ansonsten waren die rund um den Elbenturm kreisenden Reiterbesatzungen der Riesenfledertiere einzig und allein darauf bedacht, die Manufakturburg doch noch einzunehmen.
Teile des Elbenheers mussten bei ihren Vorstößen die Pferde zurücklassen, da es einfach unmöglich war, sie über die vereisten Bergpfade zu führen. Ein energischer geistiger Befehl reichte dabei aus, um sie am Fortlaufen zu hindern; sie festzubinden war völlig überflüssig.
Sobald die, einzelnen Gruppen ihre Positionen erreicht hatten und in Stellung gegangen waren, ertönten entsprechende Hornsignale. Auch diese beachteten die Katzenkrieger auf den Riesenfledertieren kaum. Ihr Herr und Meister hatte ihnen befohlen, den Elbenturm zu erobern und den König der Elben zu töten, und nur dieses Ziel kannten sie, sodass sie blind waren für die Gefahr, die ihnen drohte.
Unter den Elbenkriegern gab es insgesamt sechshundert Einhandschützen, darunter sowohl die Mitglieder der erheblich aufgestockten Einhandgarde, als auch jene, die auf den Schiffen der Elbenflotte dienten. Alle anderen an diesem Kriegszug teilnehmenden Elbenkrieger waren mit herkömmlichen Fernwaffen ausgerüstet, die meisten mit den Elbenbögen, wie sie schon in der Vorzeit Athranors benutzt worden waren und die sich seitdem wenig verändert hatten. Es schien, als hätten diese Bögen damals schon einen Grad an Perfektion erreicht, der einfach kaum noch übertroffen werden konnte.
Neben den Bogenschützen gab es ungefähr zweihundert Schützen mit konventionellen Armbrüsten verschiedener und mitunter höchst individueller Bauweisen, die sich im Allgemeinen durch eine enorme Durchschlagskraft auszeichneten. Es gab keinen Harnisch und keinen Schild, die einem Bolzen standhalten konnten, der aus solch einer Waffe abgeschossen wurde.
Lirandil der Fährtensucher wandte sich an seinen Hornbläser Pasadanir, den man aufgrund seiner besonders kraftvollen Blastechnik Pasadanir den Durchdringenden nannte.
»Hornbläser! Blast zum Angriff!«
»Jawohl, werter Lirandil!«
Das Angriffssignal ertönte, und im nächsten Moment wurden die Riesenfledertiere und ihre katzenartigen Reiter mit einem wahren Geschosshagel eingedeckt. Dutzendweise trafen die Bolzen der Einhandschützen die Fiedertiere und vernichteten sie durch den unaufhaltsamen Giftbrand. Aber auch die konventionellen Pfeile und Bolzen richteten verheerende Schäden unter dem Feind an. Der Pfeilbeschuss, der den Elben daraufhin antwortete, war dagegen nur ein schwaches Gegengewicht. Nur vereinzelt wurden Elben getroffen, denn auf den häufig bereits verletzten und daher schwankenden Fledertieren hockend, vermochten die Katzenwesen kaum mehr richtig zu zielen. Hier und dort gab es ein paar letzte verzweifelte Versuche, erneut Flammendämonen zu beschwören, aber in dem andauernden, phasenweise leicht nachlassenden und dann wieder etwas stärker werdenden Regen konnte dies nicht gelingen; ehe das Pech an den Spitzen der Fackeln richtig brannte, löschte es das Regenwasser schon wieder.
Gleich reihenweise stürzten die Riesenfledertiere getroffen in die Tiefe. Bereits nach wenigen Augenblicken waren die Verluste des Feindes so furchtbar, dass die noch unversehrten Fiedertiere in größere Höhen zu entkommen versuchten, um außerhalb der Reichweite der elbischen Waffen zu gelangen.
Aber hinsichtlich der Armbrüste – sowohl der einhändig abzuschießenden als auch der konventionellen Waffen – war das gar nicht so leicht.
Hinzu kam der Regen, denn in den Mannschaftskörben der Katzenkrieger sammelte sich das Wasser, dessen Gewicht die Riesenfledertiere zusätzlich nach unten drückte. Hier und dort sah man die Besatzungen in verzweifelter Hast Wasser schöpfen, wozu ihnen jedoch das geeignete Werkzeug fehlte.
Schließlich befanden sich die Katzenkrieger ja nicht an Bord von Schiffen, auf denen man stets eine entsprechende Anzahl von Schöpfgefäßen parat hatte.
Die Angriffe auf die Manufakturburg verebbten schließlich.
Die Katzenkrieger suchten nur noch sich selbst und ihre Reittiere, soweit es ging, zu schützen. Sie stiegen höher und höher empor. Diejenigen Riesenfledertiere, die dazu nicht mehr in der Lage waren, weil Dutzende von Pfeilwunden sie schwächten, wurden früher oder später völlig vernichtetet – sei es, dass sie einen tödlichen Treffer durch einen Pfeil oder einen herkömmlichen Bolzen erhielten oder dass das Geschoss eines Einhandschützen ihnen den Garaus machte.
Hier und dort stürzten Fiedertiere ab, ohne dass dabei die komplette Korbbesatzung getötet wurde. In diesen Fällen sorgten die Kommandanten der einzelnen Gruppen des von Lirandil angeführten Elbenheers dafür, dass die Überlebenden aufgespürt und niedergemacht wurden, sofern dies mit einem einigermaßen vertretbaren Aufwand möglich war; Lirandil wollte seine Männer dafür nicht in unwegsames Gebiet schicken und der Gefahr aussetzen, abzurutschen und in die Tiefe zu stürzen.
Zwei Drittel der ursprünglichen Armada der Riesenfledertiere war schließlich auf die eine oder andere Weise vernichtet, und vielen anderen Geschöpfen des Limbus stand der Tod noch unmittelbar bevor. Nur einem Bruchteil der Invasoren gelang es, hoch genug zu steigen, dass sie hoffen konnten, den elbischen Waffen zu entkommen. Dort war allerdings die Luft so dünn, dass die Fiedertiere kaum für längere Zeit überleben konnten. Abgesehen davon herrschten so hoch oben eisige Temperaturen. Manches Riesenfledertier fiel wie ein Stein vom Himmel, nachdem es bereits in Höhen aufgestiegen war, die Rettung verhießen.
Ein Teil versuchte über die Berge hinweg zu entkommen, doch nur wenige schaffte es, das Gebiet zu verlassen, in dem das durch die Beschwörung der Elementargeister hervorgerufene Unwetter herrschte.
»Tötet so viele von ihnen, wie ihr könnt!«, rief Lirandil der Fährtensucher grimmig, der selbst seinen Pfeilköcher bereits leer geschossen hatte. »Tötet sie, denn sonst werden sie uns töten, wenn wir ihnen wieder begegnen!«
Die Schlacht rund um den Elbenturm löste sich allmählich auf, und der Kampfeslärm wich einer furchtbaren Stille, die nur noch von der Geräuschkulisse des nachlassenden Regens erfüllt wurde.
Andir sank in sich zusammen, und König Keandir war gerade noch rechtzeitig zur Stelle, um ihn aufzufangen, sodass er nicht zu Boden schlug.
»Andir, mein Sohn!«, stieß er hervor. Er kniete nieder und hielt Andir im Arm, dessen Gesicht einer Totenmaske glich; pergamentartig spannte sich die selbst für einen Elben blasse Haut über die Wangenknochen. Seine Hände waren knochig und dürr geworden, das Haar des größten aller Elbenmagier so schneeweiß wie der Elbenzwirn seines Gewandes.
»Einen Heiler!«, rief Keandir. »Ruft einen Heiler!«
Aber Piandolas war nirgends auffindbar, und nachdem Siranodir mit den zwei Schwertern schließlich den blinden Rhiagon aufgespürt hatte, erfuhr man von dem schrecklichen Ende, das der für die Manufakturburg zuständige Heiler genommen hatte.
»Ich glaube kaum, dass ein Heiler ihm helfen kann«, gestand Prinz Sandrilas, der neben Keandir stand und dem König tröstend eine Hand auf die Schulter legte. Er meinte damit Andir, dessen Zustand sehr bedenklich war.
Lirandil und ein Teil seines Heeres zog schließlich zum Gipfelplateau des Elbenturm-Massivs. Den anderen, größeren Teil seiner Krieger hatte Lirandil zurück in die Hauptstadt Elbenhaven geschickt. Schließlich war nicht auszuschließen, dass einige der Fiedertiere, denen die Flucht gelungen war, an den Bewohnern umliegender Elbensiedlungen Rache verüben würden.
Als Lirandils Krieger die Manufaktur erreichten, hatte der Regen bereits zur Gänze aufgehört, und das lang gestreckte Wolkengebirge, das sich wie ein dunkles Dach über den Himmel zwischen dem Elbenturm und den südlichen Bergen gespannt hatte, begann sich aufzulösen.
König Keandir hatte seinen Sohn ins Haupthaus der Manufaktur getragen und ihn auf ein Lager gebettet. Andir war völlig regungslos. Der eintreffende Lirandil rief sofort nach einem der Kriegsheiler, die das Elbenheer begleitet hatten. Es war Eónatorn, den König Keandir gut kannte; er war bei der Verteidigung Turandirs gegen die Trorks dabei gewesen und hatte den Elbenkönig auf dem anschließenden Feldzug ins Wilderland begleitet.
Eónatorn untersuchte den reglos daliegenden Elbenmagier.
Es dauerte nicht lange, bis er seinen Befund äußerte. »Er hat außer all seiner magischen Kraft auch seine Lebenskraft eingesetzt«, stellte der Heiler fest. »Dadurch ist der Zustand der Verklärung bereits weit fortgeschritten, und es ist fraglich, ob man seine Seele noch daran hindern kann, nach Eldrana einzugehen. Und…« Er schaute auf und sah Keandir direkt an.
»Verzeiht mir das offene Wort, mein König: Es stellt sich auch die Frage, ob wir das Recht haben, dies überhaupt zu tun.«
»Wir haben jedes Recht dazu!«, widersprach Keandir aufgebracht. »Ich bin sein Vater, und ich will, dass mein Sohn lebt!« Der Elbenkönig ballte die Hände zu Fäusten, tiefe Furchen gruben sich in sein Gesicht und bildeten ein Muster von markanten Linien, die es ungewöhnlich hart erscheinen ließen. »Davon abgesehen braucht die Elbenheit ihren größten Magier – jetzt, da wir mit diesem furchtbaren Gegner im Süden konfrontiert sind!« Nein, Andir durfte sie nicht verlassen, dachte er, und dabei suchte er verzweifelt die innere Verbindung zwischen ihnen.
Wo war Andir? Wo war der Geist seines Sohnes?
Er erhielt keine Antwort auf diese drängenden Fragen, kein Zeichen, das ihm gesagt hätte, ob Andirs Geist noch in der Welt der Diesseitigen weilte. Die Vorstellung, dass einer seine Söhne vor ihm sterben würde – oder bereits gestorben war –, war ihm unerträglich. Anfangs hatte es geschienen, als hätte das Schicksal große Dinge mit den Zwillingsbrüdern Andir und Magolas vorgehabt. Doch wie sehr hatte sich diese Verheißung ins Gegenteil verkehrt! Andirs Tod wäre der traurige Gipfel dieser deprimierenden Entwicklung gewesen.
»Er atmet nicht mehr«, stellte Eónatorn fest. Für einen Elben war dies nicht ganz so bedrohlich wie für einen Menschen oder Zentaur, denn gerade stark vergeistigte Elben vermochten die Vorgänge in ihren Körpern zu kontrollieren und mitunter stark zu verlangsamen, sodass sie sehr lange auf Nahrung, Flüssigkeit und im Extremfall sogar auf das Atmen verzichten konnten. Andir hatte dies bei seinem Aufstieg zum Gipfel des Horns von Eldrana ja auch praktiziert wegen der wesentlichen dünneren Luft in diesen Hochgebirgsregionen.
Andererseits aber war auch bei Elben das Aussetzen der Atmung ein Zeichen des beginnenden Todes.
Keandir fasste Eónatorn bei den Schultern. »Ich beschwöre Euch, werter Heiler, rettet meinen Sohn! Ich erhalte keine geistige Verbindung mehr zu ihm, die ich während des Gefechts noch hatte, und…« Er verstummte.
»Ich würde gern die Kollegen der Heilerzunft um Rat fragen«, sagte Eónatorn mit ruhiger Stimme, »und vielleicht auch Brass Shelian und seine Schamanen.«
»Bis dahin ist es zu spät«, widersprach der König. »Die Zeit drängt, das fühle ich!« Seine Augen wurden schmal, während sein durchdringender Blick den Kriegsheiler fixierte. In dessen Gesicht war nicht viel Hoffnung zu lesen.
Eónatorn gab zunächst keine Antwort. Er spreizte die Finger, berührte mit den Spitzen Andirs Stirn und schloss dabei die Augen. Dann murmelte er eine Formel in der Heilsprache, die nur von fortgeschrittenen Heilern beherrscht wurde und nicht ganz unumstritten war. Diese wahrscheinlich bereits in der Vorzeit Athranors geschaffene Heilersprache, die ausschließlich magischen Heilformeln vorbehalten war, stand im Verdacht, starke Nebenwirkungen zu verursachen und war deswegen bei der Mehrheit der Heilerzunft in Verruf geraten.
Es war von Fällen berichtet worden, bei denen die Behandelten anschließend unter starker Verwirrung litten, einige sogar unter dauerhafter geistiger Umnachtung. Da die spirituelle Schwäche der Elben allerdings nicht nur Magier und Schamanen, sondern in weniger gravierender Form auch die Heiler betraf und viele Behandlungsmethoden mehr oder minder schleichend an Wirksamkeit eingebüßt hatten, wurde die Heilsprache inzwischen wieder angewendet. Denn es bestand kein Zweifel daran, dass durch ihren Gebrauch die Wirkung von Heilsprüchen stark erhöht wurde.
»Ich bin mir nicht sicher, ob sein Geist nicht bereits in Eldrana weilt«, sagte Eónatorn mit ernstem Gesicht, nachdem er die Fingerspitzen wieder von Andirs Stirn gelöst hatte.
»Die Elbenheit braucht ihn«, sagte Sandrilas hart. »Das hat die Schlacht um den Elbenturm in aller Deutlichkeit gezeigt.
Jemandem wie Andir darf es nicht gestattet sein, vorzeitig nach Eldrana einzugehen.«
»Wer sagt Euch, dass es vorzeitig wäre?«, fragte Eónatorn und schaute den Prinzen scharf an. »Kennt Ihr die Wege des Schicksals in all ihren Verzweigungen?« Der Kriegsheiler wandte sich an Keandir. »Ich habe selbst unter Verwendung der alten Heilsprache kein Anzeichen dafür gefunden, dass sein Geist noch in der Welt der Diesseitigen weilt. Die letzte Möglichkeit sehe ich darin, ihm eine hohe Dosis der Essenz der Sinnlosen zu verabreichen.«
»Dann tut das, werter Eónatorn«, forderte Keandir.
»Ein Geist, der sich an der Grenze nach Eldrana befindet, könnte dadurch ins Reich der Verblassenden Schatten geschleudert und ein Maladran werden«, warnte der Kriegsheiler.
»Versucht es dennoch«, verlangte Keandir.
»Anstatt der geistigen Aura Andirs habe ich etwas anderes gespürt, mein König.«
Keandir hob die Augenbrauen. »So?«
»Die Schamanen und Magier Elbenhavens scheinen sich zusammengefunden und ihre Kräfte gebündelt zu haben, um Andir bei seiner Abwehr der Schattengeschöpfe zu unterstützen.«
»Wie in alten Zeiten«, murmelte Keandir, der sich sogleich an die Schlacht an der Aratanischen Mauer erinnerte: Andir hatte mit den versammelten Magiern und Schamanen der Elbenheit Riboldirs Zauber angewandt, um gewaltige Felsblöcke über dem Heereszug des Eisenfürsten Comrrm materialisieren zu lassen, die als tödlicher Steinschlag auf den Feind herabgeregnet waren.
Das war lange her. Damals waren Prinz Andir und seine außergewöhnliche magische Begabung noch ein wichtiger Pfeiler des Reichs von Elbiana gewesen, das Keandir gegründet hatte. Im Laufe der Zeit hatte sich Andir immer mehr aus den Regierungsgeschäften zurückgezogen und die Sitzungen des Kronrates kaum noch besucht, um sich seiner Suche nach Erkenntnis und Wahrheit zu widmen. Irgendwann war selbst dem König klar geworden, was viele andere in seiner Umgebung bereits viel früher geahnt hatten: dass Andir nämlich wohl niemals für die Thronfolge infrage kam. Damals begann man ihn einen »König des Geistes« zu nennen, dessen Reich aus Schriften, Gedanken und Theorien bestand und nicht aus Festungsmauern, einem Heer und einer Kriegsflotte.
Eónatorn holte eine perlmuttbesetzte Dose hervor, in der sich ein weißes Pulver befand. Man nannte es auch den »Eldranitischen Blitz«, und Elben, die unter Lebensüberdruss litten, nahmen es gern in viel zu hoher Dosis, da sich die Unglücklichen mit Hilfe dieser Substanz einen Vorgeschmack auf das Reich der Jenseitigen Verklärung erhofften, was nicht selten in immerwährendem Wahnsinn endete. Beim
»Eldranitischen Blitz« handelte es sich um einen besonders hoch konzentrierten Extrakt jener Heilpflanze, die man »Die Sinnlose« nannte und die vorzugsweise in den Zentaurenwäldern des Waldreichs wuchs.
Eónatorn öffnete Andirs Mund, dessen aufgesprungene Lippen eine blaue Färbung angenommen hatten, und ließ reichlich vom »Eldranitischen Blitz« hineinrieseln.
Anschließend füllte er die Nasenlöcher des wie leblos daliegenden Prinzen mit dem Pulver.
Augenblicke später stiegen beißende, bläuliche Dämpfe aus Nase und Mund. Dazu erklang ein Laut, der entfernte Ähnlichkeit mit dem Stöhnen eines Elben hatte, aber so verfremdet und dumpf klang, dass Keandir darin keine Seelenäußerung seines Sohnes erkennen konnte.
Ein Zittern schüttelte den Körper des elbischen Königssohns.
Etwas Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. Erneut waren stöhnende Laute zu vernehmen, die von einer kaum erträglichen Qual zeugten.
Keandir sah vor seinem inneren Auge plötzlich die versammelten Schamanen und Magier der Hauptstadt, die im inneren Burghof Elbenhavens einen Kreis gebildet hatten, um ihre Kräfte zu bündeln und an einen der ihren zu übertragen.
Vielleicht hatten sie gespürt, dass er auch nach der Zerschlagung der Armada der Riesenfledertiere noch immer ihrer geistigen Unterstützung bedurfte.
Am Kopfende des Lagers, auf dem Andir ruhte, sah er im nächsten Moment eine durchscheinende, sehr blasse Gestalt.
»Brass Elimbor!«, flüsterte Keandir.
»Was ist mit Euch, mein König?«, erkundigte sich Prinz Sandrilas. Als Keandir auch von Lirandil, Siranodir und einigen anderen anwesenden Elben verständnislose Blicke erntete, erkannte er, dass er der Einzige war, der diese flüchtige Erscheinung wahrnehmen konnte.
Hilf ihm!
König Keandirs Herzschlag beschleunigte sich. Wer hatte diesen Gedanken geäußert? Die Schamanen und Magier aus Elbenhaven? Brass Elimbor? Oder war es eine Stimme, die aus den Untiefen seiner eigenen Seele kam?
Er entschied, dass dies keine Rolle spielte. Während der Kriegsheiler Eónatorn seine Behandlung fortsetzte, indem er nun die stärksten Heilformeln rezitierte, die jemals in der alten Heilersprache formuliert worden waren, und damit versuchte, den größten aller Elbenmagier im Reich der Diesseitigen zu halten, trat Keandir von der anderen Seite an das Lager seines Sohnes.
»Nimm meine Kraft!«
»Nicht deine Finsternis!«
An diesen Gedanken, den Andir seinem Vater während der Schlacht um den Elbenturm übermittelt hatte, erinnerte sich Keandir. Worte, die wie ein Dolchstoß in die Seele des Königs drangen. Nicht deine Finsternis… Dutzendfach hallte dieser Gedanke in Keandirs Kopf wider und wurde dort zu einem schrillen Klangteppich höchster Dissonanz.
Einen Moment lang zögerte Keandir noch, dann nahm er Andirs Hand. »Nimm meine Finsternis, auf dass du das Licht des Lebens bewahrst…«
Die Augen des Königs, die während der Schlacht um den Elbenturm vollkommen schwarz gewesen waren, sich aber längst wieder in ihren Normalzustand gewandelt hatten, wurden erneut von Dunkelheit erfüllt, und pure Finsternis drang in Form winziger Teilchen aus den Poren seiner Hand.
Sie wirkten zunächst wie aufsteigender schwarzer Rauch, dann sammelten sie sich zu einem Schwarm, der sich verdichtete und schließlich auf Mund und Nase des Elbenmagiers zustrebte.