Der Krieg der Elben, Dritter Band der Elben-Trilogie
Erstes Buch
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
KÖNIGE IN DUNKELHEIT
Ein König des Schwertes.
Ein König der Schatten.
Ein König des Geistes.
So hieß man in jener Zeit die Könige der Elben.
Einer gründete das Elbenreich mit dem Schwert Schicksalsbezwinger und der dunklen Kraft, die seiner Seele innewohnte, seit er dem Augenlosen Seher von Naranduin begegnet war – das war Keandir.
Einer, erfüllt von der dunklen Kraft wie sein Vater Keandir, schuf sich sein eigenes Reich und herrschte über die Rhagar-Länder Aratan, Norien, Südwestlande und Karanor. Doch die Liebe zu einer Menschenfrau machte ihn zum Sklaven von Xaror, dem Herrn der Schatten, dem Gebieter der Nachtkreaturen – das war Magolas.
Einer floh in die Gefilde der reinen Erkenntnis und in die Einsamkeit der Berge von Hoch-Elbiana. Ein König des Geistes war er, ein Magier, wie das Volk der Elben keinen zweiten hatte. Doch war er auch eine einsame Seele, die nichts so sehr fürchtete, als dass auch in ihm die Kraft der Dunkelheit erwachte, die sich in seinem Vater Keandir so stark und in seinem Zwillingsbruder Magolas noch stärker manifestierte –
das war Andir.
Die Verbotenen Schriften
(früher bekannt als: Das Buch Branagorn – Codex II, abweichende und vermutlich durch Redaktor B
ergänzte Fassung)
Zwei Menschengeschlechter aber gab es im Zwischenland: Die Tagoräer, die in Tagora, Perea, Soria und Tebana siedelten –
und die Rhagar, deren barbarische Heimat die unwirtlichen Sandlande von Rhagardan waren, bevor sie das Pereanische Meer überquerten und unter der Führung des Eisenfürsten Comrrm von Cosanien viele Länder eroberten. Die Rhagar waren ein wüstes, grobes und sehr primitives Menschenvolk, das sich von den kultivierten Tagoräern in jeder nur erdenklichen Weise unterschied. Ihre Neigung zur Gewalt und ihr Eroberungswille zeigten sich schon früh, wie auch ihre Wissbegier und ihre Lernfähigkeit. Verehrten sie das Elbenvolk zunächst als Lichtgötter, so zogen sie später unter der Führung des Eisenfürsten gegen das Elbenreich ins Feld und brachten es in der Schlacht an der Aratanischen Mauer an den Rand des Abgrunds. Inzwischen leben viele Rhagar auf der elbischen Seite dieses Schutzwalls, vor allem in den südlichen Herzogtümern Nuranien und Elbara. Und auch in den nördlichen Herzogtümern Nordbergen und Meerland sowie in dem Herzogtum Noram, das König Keandir dereinst als Bollwerk gegen die Trorks des Wilderlandes gründete, bauen sie ihre Häuser, zeugen ihre Kinder und sterben nach einem kurzen, bedeutungslosen Dasein. Noch findet man sie kaum in Elbiana, dem unter direkter Herrschaft von König Keandir stehenden Kernland des Elbenreichs. Doch auch das wird sich mit der Zeit ändern, denn ihre Frauen sind gebärfreudig, und ihre Zahl nimmt ständig zu, während die der Elben stagniert.
Manch Elb blickt auf diese Elben-Rhagar hochmütig herab.
Aber er sollte dabei bedenken, dass es auch ihre Krieger sind, die das Elbenreich an der Aratanischen Mauer verteidigen.
Aus den Schriften Hyrondisils des Vielwissenden
Und Magolas schuf ein Reich, das größer war als alle Menschenreiche, die es bis dahin gegeben hatte, und man verglich ihn alsbald mit dem legendären Eisenfürsten von Cosanien, der es Zeitalter zuvor gewagt hatte, das Elbenreich herauszufordern.
Zuerst nahm sich Magolas die Tochter des Königs von Aratan zur Gemahlin und herrschte alsdann als König von Aratan.
Schon bald entriss er dem Kaiser der Südwestlande die Provinz Norien und machte sich schließlich sogar dessen gesamtes Reich Untertan. Auch das Land Karanor fiel ihm zu, und später besiegte sein Heer die Armee des Rhagar-Reichs von Aybana, das er seinem Imperium ebenfalls einverleibte.
Bei der Stadt Milorn im hand Kossarien besiegte Magolas die Armeen des mächtigen Reichs von Kossar, dessen Bewohner es fortan vorzogen, ihm Tribut zu entrichten, statt dass seine Krieger ihr Land verwüsteten. Auch vom Reich der Halblinge in Osterde nahm Magolas Tribut, und die Rhagar-Herrscher von Haldonia und Marana schlossen sich ihm als Verbündete an, während die Tagoräer im Süden vor seiner Macht zitterten.
Ihnen nahm er das Land Soria fort und gliederte es in sein Reich ein. Einen Großkönig nannte man Magolas oder auch einen König der Könige, und sein Imperium wurde das Magolasische Reich genannt. Das Schicksal wollte es, dass einzig das Elbenreich seines Vaters Keandir in der Lage war, seinem Eroberungswillen die Stirn zu bieten. Doch war es Magolas prophezeit worden, dass sein Schwert einst den Namen Elbentöter erhalten würde, und inzwischen erschien dies dem langlebigen Elbenherrscher eines von kurzlebigen Menschen bewohnten Reichs keineswegs mehr absurd. Mit der Rhagar-Prinzessin Larana aber zeugte er die magisch über die Maßen begabten Zwillinge Dar on und Sarwen und setzte so die Blutlinie der Elbenkönige Péandir, Eandorn und Keandir fort.
Die Chronik von Elbara
(ursprüngliche Fassung vor der Redaktion
unter Herzog Deranos I. dem ersten
Rhagar-Herrscher von Elbara)
Nur ein Jahr später ward Larana schwanger, und so erfüllte sich ihr sehnlichster Wunsch. Magolas aber spürte das heraufdämmernde
Verhängnis so deutlich, als wäre es schon geschehen. Die Finsternis, die seine Augen auf einmal ständig ausfüllte, war das äußere Zeichen dafür, dass er zum Sklaven der dunklen Kräfte geworden war.
Es war die Liebe zu der Rhagar-Prinzessin Larana, die ihn zum Diener des Schattenherrschers Xaror und zum Feind seines Vaters hatte werden lassen. Denn nur Xarors Magie konnte Laranas kurze menschliche Lebensspanne über das naturgegebene Maß hinaus verlängern. Und diese Magie war es letztendlich auch, die dafür verantwortlich war, dass Larana in einem Alter, in dem von einer gewöhnlichen Rhagar-Frau nur noch bleiche Gebeine geblieben wären, mit Zwillingen gesegnet wurde. Der Großkönig hatte keine andere Wahl, als Xarors Willen zu erfüllen und dem ehemaligen Herrscher des Dunklen Reichs die Rückkehr aus dem Limbus zu ermöglichen, in den es ihn vor vielen Zeitaltern durch ein fehlgeschlagenes magisches Experiment verschlagen hatte.
Und die beiden Zwillinge, die ihm sein Weib gebar, trugen den Keim der Finsternis in sich. So waren sie wie geschaffen, um Xarors willfährige Diener zu werden. » Was wir aus Hass tun, ist furchtbar, aber noch furchtbarer ist das, was wir manchmal aus Liebe tun«, so sprach Großkönig Magolas einmal, und dieser Gedanke bewegte ihn wohl auch, als er an die Betten seiner Kinder trat, um ihnen mit dem schwarzen Blut einer aybanitischen Giftkröte jene magischen Zeichen auf die Stirn zu malen, die Xaror ihm in den Mauern seines sechstürmigen Tempels im Wald von Karanor gezeigt hatte. Dazu sprach er jene Worte im Idiom des Volkes der Sechs Finger, die Xaror, der ehemalige Herrscher des Dunklen Reichs, in seinen Geist gebrannt hatte. In zwei aufeinanderfolgenden Generationen war die Blutlinie von König Keandir mit der Geburt von Zwillingen gesegnet worden. Auf Andir und Magolas, einem Sohn des Lichts und einem Prinz der Finsternis, hatte lange Zeit die Last einer Prophezeiung gelegen, der zufolge sie das Schicksal der Elbenheit bestimmen würden. Daron und Sarwen, ein Junge und ein Mädchen, waren Halbelben nur und doch mit einer magischen Kraft versehen, wie sie seit Langem in der Elbenheit nicht mehr vorhanden gewesen war. Nachdem das Ritual vollendet ward, fand Magolas keinen Schlaf mehr in jener Nacht. Er stieg auf den Hauptturm des Königspalasts seiner Hauptstadt Aratania und rief gleichermaßen die Namenlosen Götter der Elben als auch den Sonnengott der Rhagar an: »Soll sich denn abermals der Segen einer Zwillingsgeburt in einen Fluch verwandeln, wie es bei meinem Bruder und mir der Fall gewesen ist? Sollen aus lichten Elbenseelen Kinder der Finsternis werden?« Aber die Götter blieben stumm. Und gleichgültig.
Sowohl die elbischen als auch jene der Rhagar.
Großkönig Magolas hatte in der Öffentlichkeit den barbarischen Glauben an den Sonnengott angenommen, damit ihn seine Rhagar-Untertanen als dessen Sohn verehrten, wie sie es schon bei dem Eisenfürsten Comrrm getan hatten. Doch ohnehin schienen die primitiven Idole der Rhagar den angeblich so hehren Namenlosen Göttern der Elben nicht unähnlich, zumindest hinsichtlich ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Sterblichen. Weder inbrünstige Anbetung noch aufwendige Opferrituale vermochten sie zu veranlassen, zumindest ein Zeichen ihres Mitleids zu geben.
Doch obwohl Magolas von Aratan wusste, dass er etwas Kaltes, Gleichgültiges
und Unpersönliches verfluchte, erleichterte dies seine Seele zumindest für den Moment.
Und Magolas sprach: »Unsterblicher König der Könige nennt man mich oder auch einen Gott in Herrschergestalt – und doch bin ich nichts als ein Sklave!«
Die Götter schwiegen, nur der heulende Wind und das Rauschen des Zwischenländischen Meeres antworteten ihm.
Das Buch Magolas
Was König Keandir über seinen Sohn Magolas dachte, ließ er nie wirklich nach außen dringen. Allerdings traf er sich einmal mit ihm an der Aratanischen Mauer. Sie schritten aufeinander zu, dann aber wich Keandir zurück, so entsetzt war er, als er die dauerhaft von Schwärze erfüllten Augen seines Sohnes sah.
»Schaudert nicht«, sagte dieser. »Ihr müsstet sonst vor Euch selbst schaudern. «
Das Jüngere Buch Keandir
Der Krieg zwischen dem Reich der Elben und dem Magolasischen Reich war unvermeidbar. Er dämmerte herauf wie die blutfarbene Glut der
Morgensonne, wenn sie hinter den Bergmassiven von Hoch-Elbiana aufstieg. Geschöpfe des Lichts hatte man die Elben genannt – doch ihre Existenz wurde nicht nur durch die uralten Geschöpfe der Finsternis bedroht, sondern vor allem durch die Finsternis in den Seelen ihrer Könige. Ja, Letzteres war die größere Bedrohung.
Das Ältere Buch Keandir
Ein Elbenkönig der Schatten, der zum Diener der Finsternis wurde.
Ein Elbenkönig des Schwertes, der die Finsternis mit Finsternis bekämpfen wollte.
Ein Elbenkönig des Geistes; der seine Seele frei von Finsternis wähnte und den die Furcht vor ihr fest im Griff hatte.
Könige in Dunkelheit waren sie. Alle drei.
Aus den »Gesängen der Verdammten«
(in den Apokryphen des Jüngeren Buchs Keandir) 1
EIN SCHWARM RABEN
Einige Meilen von Elbenhaven entfernt lag auf einem Felsmassiv, das aufgrund seiner annähernd zylindrischen Form auch als »Elbenturm« bezeichnet wurde, die Manufaktur des elbischen Waffenmeisters Thamandor, den man inzwischen auch Thamandor den Erfindungsreichen nannte.
Dass man die Waffenmanufaktur des Thamandor einst aus den Mauern der Hauptstadt Elbenhaven verbannt hatte, hatte seinen guten Grund, denn es war wiederholt zu folgenschweren Unfällen gekommen, sodass die Elbenbürger der Stadt nicht mehr bereit gewesen waren, dieses Risiko in Zukunft hinzunehmen. Ganze Gebäude waren durch den Brand magischen Feuers zerstört worden, und der Gedanke an die zum Teil hochgiftigen Essenzen, die der Waffenmeister in seiner Werkstatt aufbewahrte, hatte die Einwohner Elbenhavens schaudern lassen.
Seitdem befand sich die Manufaktur auf dem Gipfelplateau des Elbenturms. Schmale, beschwerliche Pfade führten dorthin. Teilweise hatte man sie mithilfe von Magie in den Fels fräsen müssen, denn schließlich war die Manufaktur darauf angewiesen, dass Transportgespanne sie erreichten.
Aber die Lage der Manufaktur machte es auch Rhagar-Spionen schwerer, dorthin zu gelangen und vielleicht Einzelheiten über die Produktion von Flammenspeeren und Einhandarmbrüsten zu erfahren. Viel genutzt hätte den Menschen-Barbaren dieses Wissen wahrscheinlich aber nicht, waren doch ihre technischen Fähigkeiten im Vergleich zu denen der Elben nach wie vor recht begrenzt.
König Keandir befand sich mit einem kleinen Trupp auf dem Weg zur Manufaktur des Thamandor. Sie durchquerten dabei eine lang gezogene Schlucht, durch deren Talsohle inzwischen eine breite Straße ins Landesinnere führte. Rechts und links erhoben sich schroffe Felsenhänge. Und hinter den Kämmen der nächsten Anhöhen überragte der Elbenturm das Land.
Der König hatte wichtige Dinge mit Thamandor dem Waffenmeister zu beratschlagen. Dinge, die mit der Sicherheit des Elbenreichs zu tun hatten. Davon abgesehen hatte es sich Keandir zur Gewohnheit werden lassen, der Manufaktur mehr oder minder regelmäßig einen Besuch abzustatten, um sich persönlich von den Fortschritten zu überzeugen, die dort bei der Herstellung noch wirksamerer Waffen gemacht wurden.
Das Elbenreich hatte schließlich mächtige Feinde, und ein kommender Krieg dämmerte bereits wie ein unvermeidliches Verhängnis herauf. Dass sein eigener Sohn die Heere der Rhagar anführte, versetzte Keandir jedes Mal einen schmerzhaften Stich, wenn er nur daran dachte.
Er selbst hatte sich auch ein eigenes Reich geschaffen, versuchte er sich dann immer wieder vor Augen zu halten. Wie hätte er also allzu hart über Magolas urteilen können, wenn er nicht auch gleichzeitig ein Urteil über sich selbst fällen wollte.
König Keandir sog die kühle Bergluft in seine Lungen. Die Sonne schien, aber der König und sein Gefolge aus zwei Dutzend Reitern bewegten sich gerade durch eine Zone innerhalb der Schlucht, die im Schatten lag. Eisig war es dort, und obgleich Elben Kälte wenig ausmachte, fühlte der König von Elbiana ein Frösteln. Es war ein kalter Hauch, der selbst das tiefste Innere seiner Seele zu erfassen schien.
Seine Augen wurden schmal. Er wandte den Kopf und ließ den Blick über die Felsen schweifen. Da war etwas in der Nähe. Etwas Kaltes, Böses.
Er spürte die Unruhe seines Pferdes und strich dem Tier über den Hals, woraufhin es sich etwas beruhigte; der Herzschlag des Rosses aus edler Elbenzucht verriet es. Für ein Elbenohr bedeutete es keine Schwierigkeit, das Pochen des Tierherzens aus der Unzahl von Naturgeräuschen herauszuhören.
»Wenn wir hundert Flammenspeere hätten, wäre das Elbenreich zumindest für das nächste Jahrtausend nicht mehr in Gefahr!« Es war die Stimme von Siranodir mit den zwei Schwertern, die Keandir aus seinen Gedanken riss, und auch das kalte Etwas, dieser Hauch des Bösen, war plötzlich wie verflogen.
Wurde er bereits zu misstrauisch? Sah er schon überall Mächte am Werk, die aus dem Verborgenen heraus daran arbeiteten, ihm die Herrschaft über sein Schicksal zu entreißen und die Elbenheit wieder in jene Lethargie des Lebensüberdrusses versinken zu lassen, aus der Keandir sein Volk befreit hatte, indem er das neue Elbenreich im Zwischenland gegründet hatte?
Ein Ruck ging durch den König. Er sah seinen getreuen Gefolgsmann Siranodir an und sagte: »Verzeiht, ich bin nicht sehr aufmerksam.«
»Wir müssen Thamandor dazu bringen, dass er seinen Drang nach Perfektion zügelt und endlich mit der Massenproduktion beginnt.«
Der von Thamandor entwickelte Flammenspeer war inzwischen zur Gänze ausgereift. Während des Feldzugs gegen die Trorks im Wilderland war er wiederholt eingesetzt worden und hatte jene ungeschlachten, augenlosen Barbaren, die wie eine groteske Mischung aus Trollen und Orks wirkten, das Fürchten gelehrt. Nur dem Einsatz von Thamandors Flammenspeer war es zu verdanken, dass die nordbergische, an den Ufern des Nur-Quellsees gelegene Elbenstadt Turandir gehalten werden konnte und die Angreifer zurückgeschlagen wurden.
Inzwischen hatte Thamandor bereits einen weiteren Speer fertiggestellt. Eine ganze Jahrhunderthälfte hatte der Waffenmeister dazu gebraucht, denn der Mechanismus dieser Waffe war äußerst kompliziert, und für seine Akribie war Thamandor der Waffenmeister ebenso bekannt wie für seinen Erfindungsreichtum. Aber um wirklich eine Massenproduktion dieser Waffen beginnen zu können – gedacht war an mindestens fünf Waffen pro Jahrhundert – musste zunächst die Versorgung mit einer Substanz sichergestellt werden, die man
»Naranduinitisches Steingewürz« nannte, und deren Hauptbestandteil war ein pulverisierter Stein des Magischen Feuers, der auf der Insel Naranduin zu finden war. Ohne diese Substanz war ein Flammenspeer in keinem Fall funktionsfähig.
Thamandor hatte seinerzeit einen einzigen dieser Steine in seinen Besitz gebracht und für die Entwicklung des Flammenspeers benutzt. Doch die Vorräte an diesem Pulver waren inzwischen verbraucht, und selbst bei dem bisher einzigen funktionstüchtigen Exemplar dieser Waffe – für den zweiten Flammenspeer hatte das Steingewürz nicht mehr gereicht – konnte man sich nicht sicher sein, wie lange sie funktionieren würde.
Thamandor forderte seit Langem, dass man Naranduin, diese Insel namenloser Schrecken, erneut aufsuchen müsse, um sich weitere Steine des Magischen Feuers zu beschaffen. Dabei hatte er allerdings nicht nur die Massenproduktion von Flammenspeeren im Auge, die er insgeheim wohl noch für verfrüht hielt; er träumte davon, diese Steine zur Herstellung weiterer magischer Substanzen mit verwandten Eigenschaften zu verwenden.
Doch König Keandir hatte es stets abgelehnt, noch einmal nach Naranduin zurückzukehren, jene von einer düsteren, bösen Aura umgebene Insel, an deren Küste die Elbenflotte nach ihrer Ewigkeiten dauernden Odyssee durch das zeitlose Nebelmeer gelandet war. Jeder kannte die Geschichte jener fünfzig Elbenkrieger, die seinerzeit ihrem König ins Innere der Insel gefolgt und mit dem namenlosen Grauen konfrontiert worden waren. Keandir hatte sogar ein Gesetz erlassen, dass jedem Elben das Betreten der Insel untersagte, denn es stand zu befürchten, dass der Besucher des verwunschenen Eilands sonst unter den Einfluss der finsteren Magie fiel, die diese Insel beherrschte.
Auf einmal vernahm Keandir das Krächzen eines Raben. Es klang ganz leise; offenbar befand sich das Tier noch in großer Entfernung. Keandirs Linke umschloss den Griff des Schwerts mit dem Namen Schicksalsbezwinger an seiner Seite, während sich die Rechte um einen kleinen Lederbeutel legte, den er an einer Kordel aus geflochtenem Elbengarn vor der Brust trug.
Ein Schimmern durchdrang seine Handfläche und ließ sie für einen Moment transparent erscheinen, sodass jeder einzelne Handknochen sichtbar wurde.
Fünf der sechs Elbensteine befanden sich in diesem Beutel; eines dieser magischen Juwelen, die das Elbentum symbolisierten, fehlte, war unwiederbringlich verloren, aber die anderen fünf hatte Keandir zurückerobert, nachdem sie geraubt worden waren. Und seitdem erfüllte ihn wieder die alte Kraft und Entschlossenheit, mit der er einst das Reich der Elben im Zwischenland gegründet hatte.
Um das Pferd zu lenken, auf dessen Rücken er saß, genügte ein Gedankenbefehl. Pferde aus Elbenzucht waren sensibel genug, solche geistigen Befehle sofort zu erfassen; der Reiter musste seine Gedanken nur so weit disziplinieren, dass das Tier sie nicht missverstehen konnte.
Während zur Rechten des Königs Siranodir mit den zwei Schwertern ritt, begleitete ihn zur Linken Prinz Sandrilas, der einer Seitenlinie des Königshauses entsprang und für den König stets eine Art väterlicher Mentor gewesen war. Während der Prinz vor Urzeiten sein rechtes Auge verloren hatte, angeblich im Kampf gegen jenes legendäre Menschenvolk, das einst in Athranor gelebt haben sollte, hatte Siranodir während der Schlacht von Turandir eine Verletzung am Ohr erlitten und dadurch einen Teil seines Gehörs eingebüßt. Normalerweise war das elbische Gehör viel empfindlicher als das eines Menschen, doch Siranodir konnte wegen der Verwundung nicht mehr besser hören als ein Rhagar, sodass er nach Elbischer Empfindung nahezu taub war.
Darüber hinaus wurde der König von einem Trupp berittener Einhandarmbrustschützen begleitet, über zwanzig an der Zahl, die unter dem Kommando von Hauptmann Rhiagon standen.
Die Sicherheit des Königs hatte allerhöchste Priorität, und obgleich Keandir kein furchtsamer Mann war und diese Eskorte nur wenige Meilen von seiner Hauptstadt entfernt für völlig übertrieben hielt, hatte der gewissenhafte Prinz Sandrilas darauf bestanden.
»Das Magolasische Reich wird alles tun, um Elbiana zu vernichten, mein König«, sagte Prinz Sandrilas in die Stille hinein, die wieder entstanden war, nachdem Siranodir gesprochen hatte. Der einäugige Elbenprinz lächelte, und sein uraltes, aber auf gewisse Art zeitloses Gesicht bekam dabei harte Konturen. »Ihr solltet Euch dieser Tatsache stellen.«
»Aber was auch immer unsere Reiche trennen mag –
Magolas ist mein Sohn«, hielt Keandir dem entgegen. »Er wird kein Attentat auf seinen eigenen Vater befehlen, davon bin ich überzeugt!«
»Ich glaube, da schätzt Ihr die Lage nicht richtig ein, mein König.«
»So?«
»Magolas steht im Bann einer dunklen Magie«, stellte Sandrilas fest. »Wer mag schon wissen, inwiefern er tatsächlich noch Herr seiner Entscheidungen ist oder nur das Werkzeug einer finsteren Macht.
Xaror will sein dunkles Reich erneut errichten, so wie es in seiner morbiden Pracht wohl vor langer Zeit bereits existiert hat. Da er aber bisher nicht in dieser Welt agieren kann, missbraucht er Magolas als seinen Helfershelfer.«
Insgeheim gab Keandir seinem Mentor ja recht, aber der König der Elben weigerte sich einfach, das Offensichtliche zu akzeptieren. Obwohl die Nachrichten, die Keandir aus Aratan erhielt, eigentlich keine Zweifel ließen. Die Heilerin Nathranwen war vor einiger Zeit aus Magolas’ Hauptstadt Aratania zurückgekehrt, wo sie in den Diensten des Großkönigs gestanden hatte. Über das neutrale Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos hatte sie sich einschiffen müssen, da es schon seit Längerem keine direkten Schiffsverbindungen mehr zwischen den Häfen der Rhagar und dem Elbenreich gab. Nathranwen hatte Larana bei der Geburt ihrer Zwillinge geholfen, aber schon recht bald war ihr der Kontakt zu den Säuglingen verwehrt worden. Man fürchtete offenbar ihren Einfluss auf die Enkel König Keandirs und hatte Nathranwen fortgeschickt.
Von düsteren Ritualen hatte sie berichtet, an denen die Kinder teilnehmen mussten – und davon, dass die Menschenfrau Larana offenbar von der Einnahme eines magischen Tranks abhängig war, der ihr Leben verlängerte.
Keandir erfasste kalter Grimm, wenn er daran dachte. Offenbar war Magolas dazu bereit, alles zu opfern – selbst seine Kinder
–, um seiner geliebten Gemahlin Larana ein Leben über das von den Namenlosen Göttern gesetzte Zeitmaß hinaus zu ermöglichen.
Erneut ließ ein fernes Krächzen den Elbenkönig aufhorchen.
Wieder umfasste er den Beutel mit den Elbensteinen und fühlte einen angenehmen Strom der Kraft, der von ihnen ausging und seinen gesamten Körper durchflutete.
Kurz danach nahmen alle Reiter des Elbentrupps die krächzenden Laute wahr – abgesehen von Siranodir mit den zwei Schwertern, der etwas verwirrt dreinblickte. Er würde sich nie daran gewöhnen, allenfalls noch über das Hörvermögen eines Menschen zu verfügen, und es war ihm kein Trost, dass Gesinderis, der größte Komponist der elbischen Geschichte, tatsächlich völlig taub gewesen war.
Er drehte sich im Sattel um und erkannte, dass bis auf ihn sämtliche Elben des Trupps etwas gehört haben mussten; sie wirkten angespannt und lauschten. Nach dem teilweisen Verlust des Gehörs hatten sich Siranodirs andere Sinne zwar leicht geschärft, doch das konnte seine Beeinträchtigung nicht ausgleichen. Er sog die kühle, klare Bergluft durch seine Nasenlöcher ein, aber da war nichts Auffälliges zu riechen. Mit den Augen suchte er die Ränder der Schlucht ab und entdeckte ebenfalls nichts.
»Das muss das Krächzen eines Raben gewesen sein, der hinter einem dieser Berge seine Kreise zieht«, sagte Prinz Sandrilas, und doch ließ er die Hand am Schwertgriff.
»Das Krächzen eines Raben?«, mischte sich Hauptmann Rhiagon ein und schüttelte den Kopf. »Das ist ein ganzer Schwarm, mindestens hundert!«
»Wenn es nur Raben wären«, murmelte König Keandir. Da war noch etwas anderes, das seine sensiblen Sinne auffingen.
Eine Aura von Finsternis und Tod. König Keandir konzentrierte sich darauf und nahm sie in aller Deutlichkeit wahr. Eine Aura der Magie!, durchfuhr es ihn, dann sah er den Rabenschwarm hinter einem der nahen Gipfel auftauchen.
Die Pferde der Elben wurden unruhig; sie schienen die Aura ebenfalls zu fühlen. Keandir murmelte eine kurze Beschwörungsformel, die vor dem Einfluss schwarzer Magie schützte, und für einen Moment wurden die Augen des Königs völlig schwarz, so wie es die seines Sohnes inzwischen stets waren, wie Keandir bei einem Treffen mit Magolas an der Aratanischen Mauer mit Bestürzung hatte feststellen müssen.
Die Raben kamen rasch näher, flogen unnatürlich schnell.
Schon bald waren für die scharfen Elbenaugen Einzelheiten zu erkennen: Jeder dieser Vögel hatte die Größe eines Adlers, und doch handelte es sich ihrer Form und ihrem Gefieder nach zweifellos um Raben.
Die magische Aura… Der eisige Hauch…
Ein Wiehern hallte zwischen den Felshängen wider. Der König zügelte sein Pferd, das durchzugehen drohte, da es die Ausstrahlung des Bösen ebenso deutlich spürte wie sein Reiter.
Mit einer weiteren Formel versuchte Keandir, den schwachen Geist des Tieres gegen den magischen Einfluss abzuschirmen, aber es fiel ihm schwer, seine Gedanken zu konzentrieren.
Vater…
Da war eine Gedankenstimme, die zu ihm sprach. Die Stimme von jemandem, der ihm gleichermaßen vertraut und fremd war.
Magolas – mein Sohn…
Für einen kurzen Moment spürte er eine geistige Verbindung zu ihm – und das mit einer Intensität, wie sie schon lange nicht mehr zwischen ihnen geherrscht hatte.
Schmerz! Unerträglicher Schmerz… Verzeih mir, Vater…
»Magolas!«, rief Keandir so laut, dass es zwischen den schroffen Felswänden des hoch-elbischen Gebirges widerhallte.
Die ersten Riesenraben waren heran. Sie erinnerten Keandir unwillkürlich an Râabor, ein riesiges Vogelmonstrum, das in den Felsen von Naranduin seit Urzeiten gehaust hatte und schließlich durch einen Schuss aus Thamandors Einhandarmbrust getötet worden war.
Die Raben bildeten eine keilförmige Formation. Ihre krächzenden Schreie wurden so durchdringend, dass sie für empfindliche Elbenohren beinahe unerträglich waren. Schreie, in denen eine besondere Form der Schadensmagie liegen musste, denn sie verursachten höllische Schmerzen, die von den Ohren und dem Kopf aus den gesamten Körper durchfluteten.
Die Elbenpferde, deren Sinne durch eine lange Zuchtfolge geschärft waren, auch wenn sie nicht an die Empfindlichkeit der Elben heranreichten, scheuten, halb wahnsinnig vor Schmerz und Furcht, richteten sich auf und bockten. Die gedankliche Lenkung durch den Reiter versagte vollkommen.
Das Einzige, was die Tiere noch erfüllte, war heillose Panik.
Keandir griff nach den Zügeln, die von elbischen Reitern normalerweise kaum benutzt wurden; mitunter verzichteten sie sogar ganz darauf, da die Führung durch einen halbwegs disziplinierten Elbengeist viel sicherer war als jener Grad des Gehorsams, den man durch Zügel bei einem Reittier erreichen konnte.
Ein besonders intensives Krächzen schnitt wie ein scharfes Messer in Keandirs Seele. Er konnte für Augenblicke keinen klaren Gedanken fassen. Vor seinen Augen wurde es zuerst schwarz und dann grellrot, so als würde er sich mit geschlossenen Lidern der Sonne zuwenden.
Der Elbenkönig kippte aus dem Sattel, als sich sein Pferd auf die Hinterhand stellte, und schlug zu Boden. Den Schmerz des Aufpralls spürte er kaum. Schicksalsbezwinger entglitt seiner Hand.
Sammle die Kraft der Finsternis deiner Seele!
Er rappelte sich auf. Ihm war schwindelig, er fühlte sich wie betäubt, und die krächzenden Schreie der Riesenraben hörte er wie aus weiter Ferne. Nur verschwommen vermochte er seine Umgebung wahrzunehmen. Seine Hand zuckte zu den Elbensteinen. Er umfasste sie, und ein Kraftstrom durchflutete ihn und drängte die grausamen Schmerzen zurück. Er schaute sich schnell um, sah Schicksalsbezwinger auf dem Boden liegen. Das Pferd, auf dem er geritten war, war in Panik davongestoben und schien völlig den Verstand verloren zu haben, denn es versuchte, einen der Steilhänge emporzulaufen. Das Tier rutschte ab und ließ dabei ein markerschütterndes Wiehern hören, ein Laut, derart erfüllt von Schmerz, Qual und Todesfurcht, dass er einem durch Mark und Bein ging.
Lass die Finsternis dich ganz und gar ausfüllen. Denn nur die Finsternis hilft gegen die Finsternis…
Er fasste Schicksalsbezwinger mit beiden Händen, so fest, dass es beinahe schmerzte und die Handknöchel unter der blassen Haut deutlich hervortraten, und blickte sich um. Elben und Elbenpferde wälzten sich am Boden. Manche der Pferde waren schon nicht mehr am Leben, und mit einem zweiten Blick stellte Keandir voller Entsetzen fest, dass auch einige der Elben den fürchterlichen Zauberschreien der Riesenraben zum Opfer gefallen waren; reglos und mit weit aufgerissenen, starren Augen lagen sie da, der Geist zerstört durch die Magie der Rabenschreie.
Noch immer war es für Keandir kaum möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Sandrilas war offenbar ebenfalls vom Pferd geworfen worden; er erhob sich schwankend.
Hauptmann Rhiagon schoss seine Einhandarmbrust ab und traf damit einen der Riesenraben. Doch in dem Moment, als der Bolzen auftraf und der feine Mechanismus eigentlich das magische Gift hätte freisetzen müssen, löste sich der Riesenrabe auf; er zerfiel in Dutzende von Rabenwinzlingen, die kaum größer waren als ein Elbendaumen. Ihre Schreie aber waren so schrill, dass sie sich wie glühende Nägel in den Geist der Elben bohrten. Rhiagon stöhnte sogleich schmerzerfüllt auf.
Auch andere Mitglieder der Einhandschützengarde des Königs setzten ihre Waffen ein. Manche waren vor Schmerzen kaum in der Lage, einigermaßen zu zielen. Andere schafften es trotz der Beeinträchtigung durch die Rabenschreie, eines dieser magischen Wesen zu treffen. Aber die Wirkung ging stets ins Leere: Bevor das Gift des Bolzens seine Wirkung entfalten konnte, zerfiel der jeweilige Vogel in Rabenwinzlinge, die wenige Augenblicke später wieder zu einem Riesenraben verschmolzen. Manche von ihnen waren noch größer als die ursprünglichen Vögel. Hier und dort vereinigten sich auch Riesenraben zu noch größeren Wesen.
Doch sie griffen nicht an – abgesehen davon, dass sie den Elbentrupp mit ihren magischen Schreien traktierten.
Stattdessen kreisten sie über den Elben und warteten ab, was geschah.
Keiner der Elben saß noch auf dem Rücken seines Pferds. Ein Drittel lag reglos am Boden, ein weiteres Drittel rührte sich zwar noch, war aber schwer angeschlagen. Nur wenige hielten sich noch auf den Beinen.
Einzig Siranodir mir den zwei Schwertern wirkte vollkommen unbeeindruckt.
»Was ist los mit Euch?«, rief er, denn er war nicht betroffen von den Auswirkungen der Zauberschreie; er konnte sie offenbar nicht einmal wahrnehmen. Die Schwäche seines Gehörs, über die er sich schon so oft gegrämt hatte, war in diesem Fall ein Vorteil.
Siranodir griff nicht zu den beiden auf dem Rücken gegürteten Klingen, denen er die Namen »Hauen« und
»Stechen« gegeben hatte, sondern sprang von seinem bockenden und ausschlagenden Pferd, schnappte sich die Einhandarmbrust eines am Boden liegenden Elbenkriegers und zielte auf eines der größten am Himmel kreisenden Rabengeschöpfe; das hatte etwa die Ausmaße von anderthalb Elbenpferden angenommen, und immer noch verschmolzen Rabenwinzlinge mit ihm auf magische Weise.
Obwohl er kein geübter Einhandschütze war, traf er das monströse Geschöpf, und das magische Gift im Inneren des Bolzens wurde durch den hochempfindlichen Mechanismus freigesetzt. Ein zischender, säureartiger Brand breitete sich aus, Flammen schlugen hervor, doch abermals teilte sich das Monstrum in Hunderte von Winzlingen. Einige von ihnen fielen als amorphe Klumpen zu Boden, von dem magischen Gift völlig verformt. Diesmal hatte der Teilungsprozess mit einer kleinen Verzögerung stattgefunden, aber den meisten Winzlingen konnte der Giftbrand nichts anhaben, denn sie lösten sich rechtzeitig von der Kreatur, die sie eben noch gebildet hatten.
Die Rabenungetüme kreisten immer schneller, teilten sich in immer kleinere Winzlinge, sodass sie aus der Ferne wie ein Schwarm Fliegen wirkten. Ein Strudel entstand in dieser schwarzen Wolke, und dann erfolgte ein weiterer Angriff.
Die Winzlinge stürzten sich auf die noch lebenden Elbenkrieger. Der Großteil der Elben war kaum fähig, sich zu wehren, und die Rabenwinzlinge verstärkten ihre magischen Schreie noch; Keandir glaubte, dass ihm der Schädel zerspringen müsse.
Die Angreifer stürzten sich auf ihn und stachen an Dutzenden Stellen mit ihren Schnäbeln zu. Ganz besonders hatten sie es aber auf die Augen abgesehen. Keandir hieb mit Schicksalsbezwinger um sich. Manche der Angreifer zerteilte die scharfe Klinge im Flug, aber es waren zu viele, und sie waren zu klein, um sie alle abzuwehren. Dazu kam, dass der Elbenkönig durch die Schreie der Angreifer in seinem Reaktionsvermögen erheblich beeinträchtigt war.
Taumelnd schlug er blindlings um sich, um sich so gut wie möglich vor den Rabenwinzlingen zu schützen, die ihn umschwirrten. Was mit Siranodir, Sandrilas und den anderen noch lebenden Mitgliedern des ihn begleitenden Elbentrupps war, bekam er kaum mit.
Vater…
Wieder war da die Gedankenstimme seines Sohnes Magolas.
Keandir erkannte sie diesmal sofort, und der Schmerz, der sich in ihr ausdrückte, erschreckte den Elbenherrscher bis tief in die Seele.
Was ist mit dir geschehen, mein Sohn?
Als Herrscher verschiedener Reiche standen sie sich seit mehr als einem Menschenalter gegenüber – aber es waren die Umstände, die sie getrennt hatten, nicht die Gefühle, die Vater und Sohn füreinander empfanden. Auch wenn Magolas inzwischen von den Menschen als Großkönig verehrt wurde und durch seine Liebe zu der Menschenprinzessin Larana dunklen Kräften verfallen war, die ihn zu einem willfährigen Diener Xarors machten, Keandirs Sorge um seinen Sohn war damit nicht erloschen, ganz im Gegenteil.
Mein Sohn, was tut man dir gerade an?
Keandir gelang es, eine magische Formel zu murmeln.
Sammle dich, Finsternis meiner Seele… Er versuchte, den höllischen Schmerz in seinem Kopf zu ignorieren, und dies gelang ihm sogar ein wenig, während er gleichzeitig mit dem Schwert nach den immer wieder auf ihn herabstoßenden Rabenwinzlingen schlug, deren Gekrächze daraufhin aber nur um so schriller und schmerzhafter wurde.
Der durchdringende Schrei eines Elben ließ ihm im nächsten Moment beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Es war Hauptmann Rhiagon.
»Meine Augen!«, schrie er heiser. »Meine Augen!«
Keandir spürte, wie die dunkle Kraft, die seit seinem Zusammentreffen mit dem Augenlosen Seher von Naranduin in ihm war, ihn wieder vollkommen erfüllte. Sie schwächte den Schmerz durch das Krächzen der Rabenwesen enorm ab, drängte die Schreie in den Hintergrund, und seine Augen füllten sich mit Dunkelheit; nichts Weißes blieb dort noch.
Doch dann geschah etwas, was bisher noch nicht geschehen war: Die Finsternis, dieses schwarze Etwas, drang ihm in Form winziger insektengleicher Teilchen aus Augen, Mund und Nase. Ein Schwarm aus unruhig durcheinanderschwirrenden Teilchen, der an schwarzen Rauch erinnerte, breitete sich aus und hüllte einen Teil der Rabenwinzlinge ein. Deren Krächzen verwandelte sich in einen kreischenden Laut, dessen Schrillheit zwar noch immer eine Qual für jedes Elbengehör war, dem aber die Schadensmagie völlig fehlte. Hunderte von Rabenwinzlingen fielen wie Steine zu Boden. Sie waren hart gefroren, als wären sie in einem der sehr kalten Winter Nordbergens der Witterung zum Opfer gefallen.
Diejenigen Rabenwesen, die noch existierten, stoben augenblicklich davon und vereinigten sich – offenbar einem inneren Instinkt folgend – zu größeren Rabenungeheuern.
Siranodir hatte sich noch am besten gegen die Angriffe der Winzlinge zur Wehr setzen können, indem er Hauen und Stechen mit einer so großen Geschwindigkeit durch die Luft hatte wirbeln lassen, dass er Hunderte von ihnen regelrecht zersäbelt hatte. Schwarzes Gefieder unterschiedlichster Größe sowie zerschnittene und zerhackte Vogelkörper lagen um ihn herum am Boden und legten davon Zeugnis ab.
Aber im Gegensatz zu seinen Gefährten war Siranodir mit den zwei Schwertern auch im Vollbesitz seiner Kräfte und daher seine Schnelligkeit nicht beeinträchtigt. Seit der Verletzung, als deren Folge sich sein Gehör dauerhaft auf das erbarmungswürdige Niveau eines Menschen herabgesenkt hatte, waren seine Augen merklich schärfer geworden, sodass er seine beiden Klingen noch präziser einsetzen konnte. Ein Objekt von der Größe einer Fingerkuppe im freien Fall mit dem Schwert zu zerteilen war für ihn keine Schwierigkeit.
Dementsprechend tödlich war seine Bilanz gegenüber den Rabenwinzlingen.
Allerdings hatte auch Siranodir einige üble Schnabelverletzungen davongetragen, denn aufgrund der großen Zahl der Angreifer war es auch ihn nicht möglich gewesen, alle Angriffe abzuwehren. Am Hals klaffte eine blutende Wunde, die sich nur allmählich schloss, obgleich Siranodir den Heilungsprozess mit ein paar entsprechenden Zauberformeln unterstützte.
Er stellte sich vor den am Boden kauernden, völlig hilflosen Hauptmann Rhiagon, dessen Augen durch die Schnäbel der Raben völlig zerstört waren. Blut rann Rhiagon übers Gesicht, und er war halb wahnsinnig vor Schmerz. Die Einhandarmbrust lag auf dem Boden, und mit dem Schwert versuchte er sich gegen die angreifenden Rabenwinzlinge mehr schlecht als recht zu verteidigen.
Prinz Sandrilas war ebenfalls schwer verletzt. Der einäugige Elbenprinz hieb mit seinem Schwert um sich und versuchte auf diese Weise, die Angreifer zu verscheuchen. Nur selten traf er einen von ihnen, denn in der Abschätzung von sich bewegenden Objekten war er aufgrund seiner Einäugigkeit längst nicht so gut wie Siranodir. Außerdem hatten ihm die Schreie zu Anfang mehr zugesetzt als vielen anderen Elben.
Nur die Erfahrung eines selbst für elbische Verhältnisse schon sehr langen Lebens hatte Sandrilas vor der Zerstörung seines Geistes bewahrt. In den Jahrtausenden, die seit seiner Geburt in der alten Heimat Athranor vergangen waren, hatte er gelernt, seine Sinne im Notfall abzuschirmen, um sich gegen zu intensive Empfindungen zu schützen – eine Fähigkeit, über die jeder Elb verfügte, aber mit zunehmendem Alter pflegten Elben sich darin zu perfektionieren. Es war letztlich eine Frage der Erfahrung.
Die Folgen Dutzender Schnabelattacken waren an Sandrilas’
Körper unübersehbar. Vor allem an der rechten Seite, die er den Angreifern zugewandt hatte, um sich zu verteidigen, hatte er zahlreiche, zum Teil schwere Verletzungen davongetragen.
Das Blut rann ihm vom Hals und an der Schulter herab. Der Ärmel seines Wamses war blutdurchtränkt, und manch einem dieser kleinen Ungeheuer war es sogar gelungen, seinen Kopf und das Gesicht zu attackieren. Knapp oberhalb seines einzigen Auges klaffte eine Wunde. Das Blut rann ihm übers Gesicht, und die Heilzauber halfen nur unzureichend.
Die Wolke aus schwirrenden dunklen Teilchen, die König Keandir entwichen war, kündete jedoch die Wende an. Sie breitete sich aus und hüllte immer weitere Gruppen von Raben ein, die daraufhin gefroren und hart wie Stein zu Boden fielen.
Ein Gefühl der Kraft durchströmte Keandir erneut. Er hob sein Schwert Schicksalsbezwinger, reckte es in die Höhe, und erneut kam ein Schwall purer Finsternis aus Mund, Nase, Ohren und Augen. Dieser Schwarm aus winzigsten Teilchen bildete zunächst eine gestaltlose Wolke, die zur Spitze Schicksalsbezwingers strebte. Dort begann sich die Wolke zu drehen und einen Strudel zu bilden. Dieser Strudel glitt die Klinge hinab – genau bis zu jener Stelle, an der Schicksalsbezwinger einst während Keandirs Kampf gegen den Furchtbringer geborsten war.
Das Tempo, in dem die kleinsten Partikel um die Klinge schwirrten, wurde immer rasender. Ein dumpfer, summender Laut entstand dabei. Die feinen Partikel verdichteten sich, wurden erneut zu einer Schwärze, die das Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermochte. Dann schoss dieser finstere Wirbel die Klinge entlang, über die Schwertspitze hinaus und fuhr auf den bereits ziemlich zerstobenen Rabenschwarm zu. Jene, die von dieser Finsternis berührt wurden, wurden in die Schwärze gesogen und völlig von ihr verschlungen. Ein offenbar unentrinnbarer Sog entstand, dem sich selbst jene Rabenwinzlinge, die schon ein ganzes Stück davongeflogen waren, nicht entziehen konnten. Ihrem Kreischen wohnte keinerlei Schadenszauber mehr inne. Es waren Schmerzens-und Schreckenslaute.
Während sie unaufhaltsam in den dunklen Schlund gezogen wurden, vereinigten sie sich teilweise zu größeren Rabenvögeln – offenbar in der Hoffnung, dem magischen Sog auf diese Weise widerstehen zu können. Doch das Gegenteil war der Fall. Ein Rabenungeheuer von der Größe eines Pferdes wurde regelrecht zerrissen, bevor die Einzelteile und selbst das zunächst in alle Richtungen spritzende Blut in den dunklen Schlund gezogen wurden.
Das summende Geräusch, das an ein zorniges Hornissenvolk erinnerte, verklang, sobald die gesamte magische Rabenbrut verschlungen war.
Keandir fühlte sich leer und kraftlos. Er sank auf die Knie und stützte sich auf Schicksalsbezwinger, dessen Spitze er in den Boden gerammt hatte. Dabei fiel sein Blick auf seine Hände, die den Knauf des Schwerts umklammerten. Sie wirkten wie die eines Menschen, der dem Tode nahe war. Da war nur spröde, von unzähligen Falten durchfurchte Haut, die sich wie brüchiges Pergament über die Knochen spannte.
Kein bekannter Elb hatte jemals solche Hände gehabt. Nicht einmal Brass Elimbor, der dem Ende der natürlichen Lebensspanne eines Elben schon sehr nahe gekommen war, als ihm sein letzter Versuch, die Namenlosen Götter und die Jenseitigen zu beschwören, die verbliebene Lebensenergie genommen hatte.
Keandir war zu schwach, um sich zu erschrecken. Aber er nahm den Schrecken in Siranodirs Blick wahr.
Keandirs Augen waren noch immer pechschwarz wie die Nacht. Er zitterte. Seine Gedanken waren leer. Er suchte in ihnen nach der Stimme seines Sohnes Magolas, aber er fand sie nicht. Die Dunkelheit, die die Raben verschlungen hatte, vereinigte sich mit der Wolke aus rauchartigen Teilchen, die sich schon so sehr verteilt hatte, dass sie kaum noch zu erkennen gewesen war. Beides strömte auf Keandir zu, drang durch die Öffnungen seines Kopfes in ihn hinein, und der König fühlte sich alsbald wieder von Kraft erfüllt.
Er steckte Schicksalsbezwinger in die Scheide und betrachtete anschließend erneut seine Hände. Sie hatten wieder Muskulatur und Fleisch, so wie er es gewohnt war. Er hatte nicht gewusst, dass eine solche Kraft in ihm steckte.
Da antwortete ihm wieder die Gedankenstimme seines Sohnes Magolas: So teilen wir in dieser Hinsicht ein Schicksal!
Keandir nahm diese Stimme wie aus weiter Ferne wahr.
»Magolas!«, flüsterte er.
2
EIN SCHLACHTFELD
»Ihr habt gerade ausgesehen wie ein mumifizierter Leichnam, mein König«, stellte Siranodir mit den zwei Schwertern fest.
»Und Eure Augen… Sie sind so schwarz wie damals auf Naranduin, als das Böse aus dem Augenlosen Seher in Euch fuhr!«
»Ja, möglich ist dies, werter Siranodir. Aber Ihr solltet nicht solches Grauen empfinden gegenüber Eurem König, wie ich es in Euren Zügen lese, denn diese Finsternis, die Ihr in meinen Augen seht, rettete Euch und unseren Gefährten das Leben.«
Doch lange hielt sich die Schwärze in Keandirs Augen nicht; er blinzelte zwei, drei Mal, und sie war verschwunden.
Daraufhin ließ der Elbenkönig den Blick über das Schlachtfeld schweifen, und was er sah, bereitete ihm nacktes Grauen: Die Elbenpferde lagen tot am Boden, und von den Elbenkriegern, die sie begleitet hatten, hatten nur Siranodir, Sandrilas und Hauptmann Rhiagon den Angriff überlebt: Siranodir aufgrund der Schwäche seines Gehörs; Sandrilas, weil er als ein noch in Athranor geborener Elb besser als seine jüngeren Gefährten in der Lage war, seinen Geist gegen zu intensive Sinneseindrücke abzuschirmen; und Keandir…
Ihn hatte die Finsternis in seiner Seele gerettet. Eine Macht, die er nicht einmal im Ansatz beherrschte. Doch er würde es lernen müssen, wenn er nicht riskieren wollte, dass diese Macht eines Tages ihn beherrscht, wie es bei Magolas offenbar der Fall war…
Und Rhiagon?
Keandir sah seinen Hauptmann an. Selbst die hoch entwickelte elbische Heilkunst würde ihm das Augenlicht nicht zurückgeben können. Die Augäpfel waren zerstört, die Augenhöhlen blutige Löcher.
In den blutüberströmten Zügen des Hauptmanns spiegelte sich blankes Entsetzen. »Was ist geschehen?«, stieß er hervor und fuchtelte noch immer mit dem Schwert in der Luft herum.
Aber die Stille, die eingetreten war, sagte ihm, dass der Kampf vorbei war, und so ließ er die Klinge schließlich sinken.
»Die Kreaturen, die uns angegriffen haben, sind vernichtet«, erklärte ihm Sandrilas. Dann murmelte er einen Heilzauber, um die Wunde an seiner Schulter, durch die er viel Blut verloren hatte, schneller zu schließen.
»Ich bin blind!«, flüsterte Rhiagon. Er schluckte, schüttelte den Kopf – und dann richtete er die Spitze seines Schwertes gegen den eigenen Oberkörper. Siranodir reagierte schnell genug, um ihn davon abzuhalten, sich selbst zu entleiben, er fasste ihn beim Arm, als sich der Hauptmann der Einhandgarde das Schwert in die Brust stoßen wollte.
»Nein, Hauptmann, tut das nicht!«, stieß er hervor. »Gebt nicht einem plötzlichen Anfall von Lebensüberdruss nach, nur weil Ihr angesichts Eurer Blindheit verzweifelt! Vielleicht gibt es ja einen Heiler, der Euch zu helfen vermag.«
»Ihr selbst habt doch die Grenzen Elbischer Heilkunst schmerzlich erfahren müssen, werter Siranodir«, erwiderte Rhiagon mit klagender Stimme.
»Zumindest wird Euch ein Schmerzzauber aus der Alten Zeit vorübergehend Linderung verschaffen«, meinte Sandrilas. Er murmelte ein paar Worte in jenem alten Dialekt, wie man ihn einst in Athranor gesprochen hatte, der aber selbst unter den Athranor-Geborenen nicht mehr gebräuchlich war.
Keandir deutete hinauf zum Elbenturm. »Waffenmeister Thamandor lässt für gewöhnlich Posten aufstellen, die die Umgebung beobachten. Sehr wahrscheinlich ist der Angriff des Rabenschwarms beobachtet worden, und man schickt uns eine Eskorte entgegen.«
»Trotzdem sollten wir uns nicht darauf verlassen und uns auf den Weg zur Manufaktur machen«, drängte Sandrilas, dessen Wunden zusehends verheilten. Einige der tieferen Verletzungen würden ihm allerdings wohl noch eine Weile Schmerzen bereiten.
In der Manufaktur jedoch gab es einen Heiler, das wusste Keandir, denn er hatte gegenüber seinem Waffenmeister darauf bestanden, dass sich ständig ein Heiler dort aufhielt, falls es zu einem Unfall kam mit den gefährlichen Substanzen, mit denen dort gearbeitet wurde. Auch wenn die Arbeit in der Waffenschmiede des einfallsreichen Erfinders und Konstrukteurs keineswegs so gefährlich war, wie viele behaupteten, so hatte es hin und wieder Vorfälle mit schlimmen Folgen für die Elben in unmittelbarer Nähe gegeben.
Sandrilas wandte sich an Keandir. »Ich habe Euch mehrfach den Namen Eures Sohnes aussprechen hören. Hat er etwas mit dieser Magie zu tun, die uns auf so grausame Weise heimgesucht hat?«
»Ich fürchte ja«, bestätigte Keandir.
»Dann hätte Euer Sohn Euch beinahe getötet, mein König.
Daran solltet Ihr denken, wenn Ihr ihm das nächste Mal gegenübertretet.«
»Er tat es nicht freiwillig!«, stellte Keandir klar. »Finstere Mächte haben ihn im Griff. Xaror, dessen Dunkles Reich vor langer Zeit einmal das Zwischenland beherrschte, erpresst ihn.«
»Er hätte sich niemals mit dieser Rhagar-Prinzessin einlassen dürfen«, sagte Sandrilas anklagend. »Aber er war nicht willensstark genug, um dieser Versuchung zu widerstehen, so wie er später nicht akzeptieren konnte, dass die Lebenspanne einer Menschenfrau nun einmal sehr kurz ist.«
»Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wäre ich in Magolas’
Situation gewesen«, erwiderte König Keandir. »Denkt daran, es ist tiefe, innige Liebe, die ihn an diese Menschenfrau bindet.«
»Ihr verteidigt ihn, weil Ihr sein Vater seid«, hielt ihm Sandrilas vor.
»In erster Linie bin ich der König aller Elben«, entgegnete Keandir, »und ich werde im Sinne der Elbenheit handeln, gleichgültig gegen wen.«
»Auch wenn dies bedeutet, dass Ihr gegen Euren Sohn in den Krieg ziehen müsst, mein König?«
»Ja.«
Diese Antwort kam sehr schnell und wirkte entschlossen, denn Keandir hatte über die Frage, die sein Mentor Prinz Sandrilas ihm gestellt hatte, bereits längere Zeit nachgedacht, und er hatte eine klare Entscheidung gefällt.
Sandrilas hoffte nur, dass Keandir auch die innere Stärke hatte, zu diesem Entschluss im Falle einer Konfrontation zu stehen. Und das mit allen Konsequenzen. Der Elbenprinz gab sich selbst eine Mitschuld daran, dass es zur Entstehung des Magolasischen Reichs gekommen war. Sandrilas erinnerte sich noch gut daran, wie der greise König von Aratan mit seiner reizenden und vor allem blutjungen Tochter Larana am Kai von Elbenhaven gelandet und von Bord des Flaggschiffs seiner Flotte gestiegen war. König Keandir war seinerzeit auf seinem Kriegszug gegen die Trorks gewesen, die Turandir belagert hatten; er hatte mit seinen Elbenkriegern die Stadt befreit und war gemeinsam mit Herzog Isidorn von Nordbergen bis ins Wilderland vorgedrungen, die wilde Heimat der Trorks, um die Invasoren so weit wie möglich zurückzudrängen und zu verhindern, dass sie in nächster Zeit noch einmal einen Eroberungszug ins Land der Elben wagten.
Dabei war man auf das Reich Estorien gestoßen, das von jener Handvoll Elben gegründet worden war, die es abgelehnt hatten, ein neues Elbenreich im Zwischenland zu gründen.
Stattdessen hatten sie unter der Führung von Fürst Bolandor weiter nach Bathranor suchen wollen, den Gestaden der Erfüllten Hoffnung. Doch schließlich hatten auch sie irgendwann eingesehen, dass diese Suche sinnlos war, und sich in jenem Landstrich an der Ostküste des Zwischenlands angesiedelt, den man fortan Estorien nannte. Da sie jedoch viel zu wenige waren, um tatsächlich ein Reich zu gründen, hatten die estorischen Elben die Eldran beschworen, jene Bewohner des Reichs der Jenseitigen Verklärung, in das die meisten Elbenseelen eingingen, wenn sie die diesseitige Welt verließen. Nun existierten sie in einem Zustand zwischen Leben und Tod und wandelten über das Land, um es gegen Feinde wie die Trorks zu verteidigen.
Land der Geister – so nannten die Trorks die Küste Estoriens, und die Bezeichnung war gar nicht so verkehrt. Aber die Anwesenheit so vieler Eldran in der diesseitigen Welt hatte schwerwiegende Konsequenzen. Die Zeit verlief in diesem Land sehr viel langsamer, und so waren während Keandirs Aufenthalt in Estorien zu Hause in Elbenhaven, wo seine Gemahlin Ruwen auf ihn gewartet hatte, Jahre vergangen.
In dieser Zeit hatte man im Königreich Elbiana drängende Entscheidungen treffen müssen, auch wenn der König nicht anwesend war. Und eine dieser Entscheidungen war gewesen, die Bitte des aratanischen Königs um ein Bündnis positiv zu bescheiden. Nur so hatte man den aufstrebenden Kaiser der Südwestlande in seine Schranken verweisen können.
Inzwischen waren die Südwestlande nur noch eine Provinz von vielen des Magolasischen Reiches.
König Keandir wandte sich von seinem Mentor ab und schritt zwischen den toten Einhandschützen aus Hauptmann Rhiagons Garde dahin, die nahezu alle durch die Schreie der Riesenraben ihr Leben verloren hatten. Bei dem ein oder anderen ging er aufs Knie und drückte ihm die Augen zu – soweit die überhaupt noch vorhanden waren.
»Die Schreie haben ihren Geist zerstört, bevor ihr Körper den Tod fand«, stellte Sandrilas fest. »Die Überlieferung sagt, dass solche Elbenseelen niemals Eldrana erreichen; sie erhalten keinen Zutritt ins Reich der Jenseitigen Verklärung. Im besten Fall gehen sie ins Reichs der Verblassenden Schatten ein und werden zu Maladran.«
»Das ist grauenvoll«, murmelte Siranodir mit den zwei Schwertern.
»Ich halte es allerdings auch für möglich«, fuhr Prinz Sandrilas fort, »dass sich ihre Seelen vollkommen aufgelöst haben und nichts von ihnen geblieben ist.«
Für einen Elben war das ein entsetzlicher Gedanke.
»Es war eine sehr mächtige Magie, die mit diesem Rabenschwarm verbunden war«, stellte Keandir fest, der gerade wieder vor einer Leiche aufs Knie gesunken war; die Augen des Toten waren von den Raben ausgehackt worden, nur noch zwei blutige Höhlen waren geblieben. Keandir schaute auf und wandte Sandrilas mit einer ruckartigen Bewegung das Gesicht zu. »Ich frage mich, was er damit bezweckte.«
»Sprecht Ihr von Eurem Sohn Magolas«, fragte Sandrilas,
»oder von Xaror, dem Herrn der Schatten, auf dessen sechstürmigen Tempel Lirandil während seiner Reisen stieß?«
»Das macht in diesem Fall wohl keinen Unterschied«, antwortete Keandir betrübt. Er berührte den Beutel mit den Elbensteinen, der ihm vor der Brust hing. Er hatte sich dem Axtherrscher, einem Diener Xarors und einem Gott der Trorks, im Wilderland stellen müssen, um die Steine zurückzuerobern.
»Ihr werdet auf jeden Fall auf der Hut sein müssen«, sagte Prinz Sandrilas. »Die Magie, die von den Feinden der Elbenheit angewandt wird, ist mächtig genug, um Euch überall und zu jeder Zeit erneut anzugreifen, mein König. Auch dann, wenn Ihr es am wenigsten erwartet.«