Der Mörder

Arthur Schnitzler · Anhang

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Der Mörder

Der Mörder

D e r M ö r d e r

Eine Novelle

 

von

 

Arthur Schnitzler

Mit 8 Holzschnitten

 

von

 

Ernst Huber

 

Signet

W i e n

 

Verlag Paul Knepler

 

Wallishaussersche Buchhandlung

 

Ein junger Mann, Doktor beider Rechte, ohne seinen Beruf auszuüben, elternlos,

in behaglichen Umständen lebend, als liebenswürdiger Gesellschafter wohl

gelitten, stand nun seit mehr als einem Jahre in Beziehungen zu einem Mädchen

geringerer Abkunft, das, ohne Verwandtschaft gleich ihm, keinerlei Rücksichten

auf die Meinung der Welt zu nehmen genötigt war. Gleich zu Beginn der

Bekanntschaft, weniger aus Güte oder Leidenschaft als aus dem Bedürfnis, sich

seines neuen Glückes auf möglichst ungestörte Weise zu erfreuen, hatte Alfred

die Geliebte veranlaßt, ihre Stellung als Korrespondentin in einem ansehnlichen

Wiener Warenhause aufzugeben. Doch nachdem er sich längere Zeit hindurch,

von ihrer dankbaren Zärtlichkeit umschmeichelt, im bequemsten Genusse

gemeinsamer Freiheit wohler befunden hatte als in irgendeinem früheren

Verhältnis, begann er nun allmählich jene ihm wohlbekannte verheißungsvolle

Unruhe zu verspüren, wie sie ihm sonst das nahe Ende einer Liebesbeziehung

anzukündigen pflegt, ein Ende, das nur in diesem Falle vorläufig nicht

abzusehen schien. Schon sah er sich im Geiste als Schicksalsgenossen eines

Jugendfreundes, der, vor Jahren in eine Verbindung ähnlicher Art verstrickt, nun

als verdrossener Familienvater ein zurückgezogenes und beschränktes Leben zu

führen gezwungen war; und manche Stunden, die ihm ohne Ahnungen solcher

Art an der Seite eines anmutigen und sanften Wesens, wie Elise es war, das

reinste Vergnügen hätten gewähren müssen, begannen ihm Langeweile und Pein

zu bereiten. Wohl war ihm die Fähigkeit und, was er sich noch höher anrechnen

mochte, die Rücksicht eigen, Elise von solchen Stimmungen nichts merken zu

lassen, immerhin aber hatten sie die Wirkung, ihn wieder öfter die Geselligkeit

jener gutbürgerlichen Kreise aufsuchen zu lassen, denen er im Laufe des letzten

Jahres sich beinahe völlig entfremdet hatte. Und als ihm bei Gelegenheit einer

Tanzunterhaltung eine vielumworbene junge Dame, die Tochter eines begüterten

Fabrikbesitzers, mit auffallender Freundlichkeit entgegenkam, und er so plötzlich die leichte Möglichkeit einer Verbindung vor sich sah, die seiner

Stellung und seinem Vermögen angemessen war, begann er jene andere, die wie

ein heiter zwangloses Abenteuer angefangen, als lästige Fessel zu empfinden,

die ein junger Mann von seinen Vorzügen unbedenklich abschütteln dürfte. Doch

die lächelnde Ruhe, mit der Elise ihn immer wieder empfing, ihre sich stets

gleichbleibende Hingabe in den spärlicher werdenden Stunden des

Zusammenseins, die ahnungslose Sicherheit, mit der sie ihn aus ihren Armen in

eine ihr unbekannte Welt entließ, all dies drängte ihm nicht nur jedesmal das

Abschiedswort von den Lippen, zu dem er sich vorher stets fest entschlossen

glaubte, sondern erfüllte ihn mit einer Art von quälendem Mitleid, dessen kaum

bewußte Äußerungen einer so herzlich vertrauenden Frau wie Elise nur als neue

und innigere Zeichen seiner Neigung erscheinen mußten. Und so kam es dahin,

daß Elise sich niemals heißer von ihm angebetet glaubte, als wenn er von einer

neuen Begegnung mit Adele, wenn er durchbebt von der Erinnerung

süßfragender Blicke, verheißender Händedrücke und zuletzt im Rausch der

ersten heimlichen Brautküsse in jenes stille, ihm allein und seiner treulosen

Liebe geweihte Heim zurückgekehrt war; und statt mit dem Lebewohl, das er

sich noch auf der Schwelle vorgenommen, verließ Alfred die Geliebte

allmorgendlich mit erneuten Schwüren ewigen Angehörens.

 

So liefen die Tage durch beide Abenteuer hin; endlich blieb nur mehr zu

entscheiden, welcher Abend für die unvermeidlich gewordene Aussprache mit

Elisen besser gewählt wäre, der vor oder der nach der Verlobung mit Adelen;

und an dem ersten dieser beiden Abende, da ja doch noch eine Frist vor ihm lag,

erschien Alfred in einer durch die Gewohnheit seines Doppelspiels fast

beruhigten Seelenverfassung bei der Geliebten.

 

Er fand sie blaß, wie er sie vorher niemals gesehen, in der Ecke des Diwans

lehnen; auch erhob sie sich nicht wie sonst bei seinem Eintritt, um ihm Stirn und

Mund zum Willkommskuß zu bieten, sondern zeigte ein müdes, etwas

gezwungenes Lächeln, so daß zugleich mit einem Gefühl der Erleichterung die

Vermutung in Alfred aufstieg, die Nachricht von seiner bevorstehenden

Verlobung sei trotz aller Geheimhaltung nach der rätselhaften Art der Gerüchte

doch schon bis zu ihr gedrungen. Aber auf seine sich überstürzenden Fragen

erfuhr er nichts anderes, als daß Elise, was sie ihm bisher verschwiegen, von Zeit

zu Zeit an Herzkrämpfen leide, von denen sie sich sonst rasch zu erholen pflegte,

deren Nachwirkung aber diesmal länger anzuhalten drohe als je. Alfred, im

Bewußtsein seiner schuldvollen Vorsätze, war von dieser Eröffnung so heftig

berührt, daß er sich in Ausdrücken der Teilnahme, in Beweisen von Güte gar nicht genug tun konnte; und vor Mitternacht, ohne zu begreifen, wie es so weit

gekommen, hatte er mit Elisen den Plan einer gemeinsamen Reise entworfen,

auf der sie gewiß dauernde Genesung von ihren üblen Zufällen finden sollte.

 

Alfred bei Elise am Diwan

 

Niemals so zärtlich geliebt, nie aber auch so durchtränkt von eigener Zärtlichkeit

hatte er je von ihr Abschied genommen als in dieser Nacht, so daß er auf dem

Heimweg ernstlich einen Absagebrief an Adele erwog, in dem er seine Flucht

aus Verlobung und Eheband wie ein Gebot seiner für ein dauernd stilles Glück

nicht geschaffenen unsteten Natur zu entschuldigen gedachte. Die kunstvollen

Verschlingungen der Sätze verfolgten ihn noch in den Schlaf; aber schon das

Morgenlicht, das durch die Spalten der Jalousien auf seiner Decke spielte, ließ

ihm die aufgewandte Mühe ebenso töricht als überflüssig erscheinen. Ja, er war

kaum zu staunen fähig, daß ihm nun die leidende Geliebte der verflossenen

Nacht traumhaft fern wie eine Verlassene erschien, während Adele blühend im

Duft unermeßlicher Sehnsucht vor seiner Seele stand. Um die Mittagsstunde

brachte er dem Vater Adelens seine Werbung vor, die wohl sehr freundlich, aber

doch nicht mit völliger Zustimmung aufgenommen wurde. In gutmütig

spöttischer Anspielung auf des Bewerbers oft versuchte Jugend stellte der Vater

vielmehr die Forderung, Alfred möge sich vorerst für ein Jahr auf Reisen

begeben, um so in der Entfernung die Kraft und die Widerstandsfähigkeit seiner

Gefühle zu prüfen, und er widersetzte sich sogar dem Vorschlag eines

Briefwechsels zwischen den jungen Leuten, um die Möglichkeit einer

Selbsttäuschung auch auf diesem Wege mit Sicherheit ausgeschaltet zu wissen.

Wenn Alfred mit den Absichten von heute wiederkehrte, und wenn er dann bei

Adelen die gleichen Empfindungen wiederfände, die sie heute zu hegen

überzeugt sei, so werde der sofortigen Vermählung des jungen Paares von seiner

Seite nicht das geringste im Wege stehen. Alfred, der sich diesen Bedingungen

nur widerstrebend zu fügen schien, nahm sie in Wahrheit wie eine neue

Fristerstreckung des Geschicks innerlich aufatmend entgegen, und nach kurzem

Besinnen erklärte er, unter diesen Umständen sich schon heute verabschieden zu

wollen, wäre es auch nur, um damit zugleich das Ende der geforderten

Trennungszeit näher heranzurücken. Adele schien zuerst von dieser unerwarteten

Fügsamkeit verletzt zu sein, doch nach einer kurzen vom Vater verstatteten

Unterredung unter vier Augen hatte Alfred seine Braut dahin gebracht, daß sie

ihn um seiner Liebesklugheit willen bewunderte und ihn mit Schwüren der Treue, ja mit Tränen in den Augen in eine gefährliche Trennungsferne entließ.

 

Kaum auf die Straße gelangt, begann Alfred schon allerlei Möglichkeiten zu

erwägen, die im Laufe dieses ihm zur Verfügung stehenden Jahres eine Lösung

seiner Beziehungen zu Elisen herbeiführen könnten. Und sein Drang, die

schwierigsten Angelegenheiten des Lebens ohne tätiges Eingreifen zu erledigen,

war so übermächtig, daß jener nicht nur über seine Eitelkeit den Sieg davontrug,

sondern auch dem Aufschweben düsterer Ahnungen günstig war, von denen sein

wehleidiges Wesen sonst gerne zurückschreckte. In dem Zwang ungewohnt

engen Zusammenseins, wie es die Reise mit sich brachte, so dachte er, könnte es

wohl geschehen, daß Elise, erkaltend, sich allmählich von ihm abwendete; und

auch das Herzleiden der Geliebten bot den Ausblick auf eine freilich

unerwünschtere Art der Befreiung. Bald aber wies er beides, Hoffnung wie

Befürchtung, mit so heftiger Bewegung von sich, daß am Ende nichts in ihm war

als die kindlich-freudige Erwartung einer bunten Lustfahrt ins Weite in

Gesellschaft eines liebenswürdig anhänglichen Geschöpfes; und noch am Abend

des gleichen Tages plauderte er mit der arglosen Geliebten in heiterster Laune

über die reizvollen Aussichten der bevorstehenden Reise.

 

Da der Frühling im Anzug war, suchte Alfred mit Elisen zuerst die milden Ufer

des Genfersees auf. Später stiegen sie zu kühleren Gebirgshöhen empor,

verbrachten den Spätsommer in einem englischen Seebad, besuchten im Herbst

holländische und deutsche Städte, um endlich dem einbrechenden trüberen

Wetter unter den Trost südlicher Sonne zu entfliehen. Bis dahin war nicht nur

Elise, die über die nahe Umgebung Wiens früher nicht hinausgekommen war,

wie eine köstlich Träumende an der Hand ihres geliebten Führers durch dieses

Jahr der Wunder geschwebt; auch Alfred, so klar er sich immerfort der Zukunft

mit ihren nur aufgeschobenen Schwierigkeiten bewußt war, hatte, von dem

Glück Elisens wie mitgefangen, sich der anmutigen Gegenwart unbedenklich

hingegeben. Und während er zu Beginn der Reise Begegnungen mit Bekannten

vorsichtig auszuweichen gesucht, es möglichst vermieden hatte, mit Elisen sich

auf belebteren Promenaden und in den Speisesälen großer Hotels zu zeigen,

forderte er später mit einer gewissen Absichtlichkeit das Schicksal heraus und

war gerne gefaßt, durch eine Depesche seiner Braut des Treubruchs bezichtigt

und damit zwar eines noch immer heiß ersehnten Besitzes, zugleich aber alles

Zwiespalts, aller Unruhe und aller Verantwortung ledig zu werden. Doch keine

Depesche, noch sonst eine Nachricht aus der Heimat drang zu ihm, denn Adele

hielt sich gegen Alfreds eitle Erwartung so streng wie er selbst nach der vom

Vater geforderten Übereinkunft.

Doch es kam die Stunde, in der, für Alfred wenigstens dies Wunderjahr ein jähes

Ende nahm und mit einem Male zauberlos, ja öder als irgendein anderes, das er

erlebt, in der Zeit stillezustehen schien. Dies ereignete sich im Botanischen

Garten zu Palermo an einem hellen Herbsttag, da Elise, die bis dahin sich frisch,

lebhaft und blühend gezeigt hatte, plötzlich mit beiden Händen an ihr Herz griff,

den Geliebten angstvoll anblickte und sofort wieder lächelte, als sei sie sich's

wie einer Pflicht bewußt, ihm keinerlei Ungelegenheiten zu verursachen. Dies

aber, statt ihn zu rühren, füllte ihn mit Erbitterung, die er freilich vorerst unter

der Miene des Besorgten zu verbergen wußte. Er warf ihr vor, ohne selbst daran

zu glauben, daß sie ihm dergleichen Zufälle gewiß schon etliche Male

geheimgehalten, gab seiner Kränkung Ausdruck, daß sie ihn offenbar für herzlos

hielte, beschwor sie, heute noch, sofort, mit ihm einen Arzt aufzusuchen, und

war recht froh, als sie diesen Vorschlag mit Rücksicht auf ihr geringes Vertrauen

zu den Heilkünstlern des Landes ablehnte. Doch als sie plötzlich, wie

überströmend von Dankbarkeit und Liebe, hier, unter freiem Himmel, auf der

Bank, an der Leute vorübergingen, seine Hand an ihre Lippen drückte, fühlte er,

gleich einer fliegenden Welle, Haß durch seine Pulse jagen, dessen

Vorhandensein ihn zwar selbst in Erstaunen setzte, den er aber bald vor sich mit

der Erinnerung vieler Stunden der Langweile und Leere entschuldigte, an denen

die Reise, wie er mit einmal zu wissen glaubte, allzu reich gewesen war.

Zugleich flammte ein so glühendes Verlangen nach Adelen in ihm auf, daß er,

allen Abmachungen zu Trotz, noch am gleichen Tag eine Depesche an sie

sandte, in der er sie um ein Wort nach Genua anflehte und die er unterschrieb:

Ewig der Deine.

 

Im Botanischen Garten zu Palermo

 

Wenige Tage später fand er in Genua ihre Erwiderung, die lautete: Und ich

die Deine für ebensolang. Mit dem zerknitterten Blatt auf dem Herzen, das ihm

nun trotz des fragwürdig scherzhaften Tones den Inbegriff aller Hoffnungen

bedeutete, trat er in Elisens Begleitung die Fahrt nach Ceylon an, die als

voraussichtlich schönster Teil der Reise an deren Ende gesetzt war. Elise hätte

von verschlagenerer Gemütsart sein müssen, als sie war, wenn sie auf dieser

Fahrt zu ahnen vermocht hätte, daß nur das kühne Spiel von Alfreds

Einbildungskraft ihr reichere Wonnen des Geliebtseins schenkte als je zuvor;

wenn sie gewußt hätte, daß nicht sie selbst es mehr war, die nun in den

schweigenden dunklen Meeresnächten an seinem Halse lag, sondern die ferne, durch seine Sehnsucht in aller Lebensfülle herbeigezauberte Braut. Doch auf der

endlich erreichten glühenden Insel, in der dumpfen Gleichförmigkeit des letzten

Aufenthaltes, da er erkannte, daß die allzu stürmisch aufgeforderte Phantasie

ihm den Dienst versagen wollte, begann er sich von Elisen fernzuhalten und war

tückisch genug, eine neue leichte Mahnung des Herzleidens, das sie beim ersten

Betreten des festen Bodens angewandelt, als die Ursache seiner Zurückhaltung

anzugeben. Sie nahm es hin wie alles, was von ihm kam, als Zeichen einer

Liebe, die ihr nun allen Sinn und alle Seligkeit des Daseins bedeutete. Und wenn

sie, unter dem wilden Glanz eines blaugoldenen Himmels, fest an ihn

geschmiegt und geborgen, durch die rauschenden Schatten der Wälder fuhr,

wußte sie nicht, daß ihr Begleiter nur die einsame Stunde herbeiwünschte, in der

ihm, ungestört von Elisen, Gelegenheit geboten war, mit fliegender Feder

beschwörende, sengende Worte an eine andere auf das Papier zu werfen, von

deren Dasein in der Welt Elise bis zu diesem Augenblick nichts ahnte und

niemals etwas ahnen sollte. In solchen Stunden des Alleinseins stieg sein

Verlangen nach der Entfernten so mächtig an, daß er die Eine, die Nahe, die ihm

Gehörende, die, mit der er nun bald ein Jahr lang die Welt durchquerte, bis auf

die Züge des Antlitzes, ja bis auf die Stimme zu vergessen vermochte. Und als er

in der Nacht vor dem Antritt der Heimreise, aus dem Schreibzimmer kommend,

Elise in einem neuen schweren Anfall halb bewußtlos auf das Bett hingestreckt

fand, erkannte er, was er sonst eher wie eine leise Angst in sich zu fühlen

geglaubt hatte, mit leichtem, beinahe süßem Grauen als die nie erloschene,

finster glimmende Hoffnung seiner Seele. Dennoch sandte er ohne Aufschub und

in wirklich schmerzlicher Erregung nach dem Arzt, der unverzüglich erschien

und der Kranken durch eine Morphiumeinspritzung Linderung verschaffte. Dem

vermeintlichen Gatten aber, der die nun bedenklich gewordene Reise aus

gewichtigen Gründen nicht aufschieben zu können erklärte, gab er ein Billett

mit, das die Leidende der besonderen Sorgfalt des Schiffsarztes empfahl.

 

Gleich in den ersten Tagen schien die Seeluft auf Elise den wohltätigen Einfluß

auszuüben. Ihre Blässe verschwand, ihr Wesen war aufgeschlossener, ihr

Gebaren freier, als Alfred es jemals an ihr wahrgenommen. Und während sie

früher sich gegen jede, selbst die harmloseste Annäherung von fremder Seite

gleichgültig, ja abwehrend verhalten hatte, wich sie diesmal gemeinsamen

Unterhaltungen, wie sie das Leben auf dem Schiffe mit sich brachte, keineswegs

aus und nahm die achtungsvollen Huldigungen einiger mitreisender Herren mit

Befriedigung entgegen. Insbesondere ein deutscher Baron, der auf dem Meere

Heilung eines langwierigen Lungenleidens suchte, hielt sich in Elisens Nähe so

viel auf, als es eben noch ohne Zudringlichkeit geschehen konnte, und Alfred hätte sich gern überredet, das aufmunternde Benehmen, das Elise diesem

liebenswürdigsten ihrer Bewunderer gegenüber zur Schau trug, als die

willkommenen Zeichen einer neukeimenden Neigung anzusehen. Doch als er

Elise einmal scheinbar ärgerlich über ihre auffallende Freundlichkeit zur Rede zu

stellen versuchte, erklärte sie ihm lächelnd, daß all dies entgegenkommende

Wesen andern gegenüber nichts anderes bezweckt hätte, als des Geliebten

Eifersucht zu erregen, und sie der gelungenen List sich unsäglich freute. Diesmal

vermochte Alfred seine Ungeduld, seine Enttäuschung nicht mehr zu verbergen.

Er erwiderte ihr Geständnis, durch das sie ihn beruhigt und beglückt zu haben

glaubte, mit Worten von einer ihr unbegreiflichen Härte; in dumpfer Ratlosigkeit

hielt sie ihnen eine Weile stand, bis sie plötzlich auf dem Verdeck, wo die

Unterredung stattgefunden hatte, bewußtlos zusammenstürzte und in die Kajüte

hinuntergetragen werden mußte. Der Schiffsarzt, durch das Schreiben seines

Kollegen genügend unterrichtet, hielt eine nähere Untersuchung nicht für nötig

und brachte dem gequälten Herzen durch das schon einmal bewährte Mittel

vorübergehende Linderung. Doch konnte er nicht verhindern, daß sich die

Anfälle am nächsten und am dritten Tage ohne jede äußere Veranlassung

wiederholten, und wenn das Morphium auch nie seine Wirkung versagte, so

durfte er doch seine Befürchtung nicht verhehlen, daß die Krankheit ein übles

Ende nehmen könnte, und mahnte Alfred in angemessener, aber höchst

bestimmter Form, seiner schönen Gattin in jeder Hinsicht Schonung angedeihen

zu lassen.

 

Alfred, in seinem dumpf wühlenden Groll gegen Elise, wäre leicht geneigt

gewesen, dem Arzte besonders in dem einen Punkte, der einem strengen Verbote

gleichkam, Folge zu leisten, wenn nicht Elise, von Sehnsucht verzehrt, in einer

einsamen Nachtstunde den Widerstrebenden, als gälte es, ihn durch Zärtlichkeit

zu versöhnen, endlich wieder in ihr Herz zu ziehen verstanden hätte. Doch wie

sie mit halbgeschlossenen Augen vergehend in seinen Armen lag und er über

ihrer feuchten Stirne den bläulichen Wellenschein verschimmern sah, der durch

das kleine Kajütenfenster hereinbrach, da fühlte er, wie ihm gleichsam aus den

tiefsten Seelengründen auf die Lippen ein Lächeln stieg, das er selbst erst

allmählich als eines des Hohns, ja des Triumphes erkannte. Und noch während

er seiner dunklen Hoffnung erschauernd sich bewußt ward, mußte er sich sagen,

daß ihre Erfüllung nicht nur für ihn das Heil und die Rettung aus allem Wirrsal,

sondern daß auch Elise, wenn sie das Ende als unausbleiblich erkannt hätte und

ihr eine Wahl verstattet wäre, kein anderes wünschen würde, als unter seinen

Küssen zu verscheiden. Und wie sie nun, wohl vertraut mit der Gefahr, in immer

leidenschaftlicherer Hingabe gleichsam bereit schien, aus Liebe und in Liebe dahinzugehen, so glaubte er sich stark genug, ein Opfer anzunehmen, durch das,

so ungeheuer es auch war, im Ineinanderwirken schicksalhafter Zusammenhänge

das Los dreier Menschen zuletzt doch nur günstig gewendet würde.

 

Aber während er Nacht für Nacht das matte Verschimmern ihrer Augen, das

selige Verhauchen ihres Atems mit erwartungsvollem Grauen beobachtete,

erschien er sich wie ein Betrogener, wenn eine Minute später ihre erwachenden

Blicke dankbar in die seinen glänzten, der warme Hauch ihrer Lippen mit

frischer Lust den seinen eintrank und so der ganze Aufwand seiner tödlichen

Tücke zu nichts anderem vertan war, als neues schöneres Leben durch Elisens

Pulse zu treiben. Und sie war seiner Liebe so sicher, daß sie bei Tag, wenn er sie

auf Stunden sich selbst oder der Gesellschaft anderer überlassen hatte, um auf

dem obersten Verdeck die fiebernde Stirn dem kühlenden Meerwinde

preiszugeben, ohne Mißtrauen zurückblieb und das ratlos irre Lächeln des

Wiederkehrenden leuchtenden Auges wie einen zärtlichen Gruß erwiderte.

 

In Neapel, wo das Schiff zu eintägiger Rast anlegen sollte, um dann ohne

weiteren Zwischenaufenthalt nach Hamburg abzugehen, hoffte Alfred von

Adelen einen Brief zu finden, um den er sie zuletzt aus Ceylon in glühenden

Worten angefleht hatte. Das stürmische Wetter enthob ihn der Mühe, einen

Vorwand dafür zu suchen, daß er sich ohne Elise in Gesellschaft anderer

gleichgültiger Reisender durch einen der bereitliegenden Kähne ans Land setzen

ließ. Er fuhr zur Post, trat zum Schalter, nannte seinen Namen und mußte sich

mit leeren Händen zurückziehen. Wenn er sich auch damit zu beruhigen

versuchte, daß Adelens Brief nicht rechtzeitig abgesandt oder verloren gegangen

war, so ließ ihn doch das Gefühl von Vernichtung, das nach dieser Enttäuschung

über ihn kam, erkennen, daß ein künftiges Leben ohne Adele für ihn nicht mehr

zu denken war. Am Ende seiner Verstellungskräfte angelangt, dachte er zuerst

daran, sofort nach seiner Rückkehr auf das Schiff Elisen schonungslos die

Wahrheit mitzuteilen. Gleich aber kam die Überlegung, daß die Folgen eines

solchen Geständnisses nicht abzusehen wären, daß es Elise nicht nur auf der

Stelle tödlich treffen, daß es sie auch in Wahnsinn oder Selbstmord treiben, daß

aber eine solche Begebenheit in ihren Ursachen kaum geheim bleiben und damit

seinen Beziehungen zu Adele verhängnisvoll werden könnte. Das gleiche blieb

zu befürchten, wenn er das Geständnis bis zum letzten Augenblick, bis zur

Landung in Hamburg oder gar bis zur Ankunft in Wien aufschieben wollte. In so

verzweifelten Gedanken und ihrer Hinterhältigkeit sich kaum mehr bewußt,

wandelte Alfred zur Mittagszeit im brennenden Sonnenschein am Meeresstrand

umher, als er sich plötzlich schwindeln und einer Ohnmacht nahe fühlte. Angsterfüllt sank er auf eine Bank und blieb sitzen, bis der Krampf sich löste

und die Nebel vor seinen Augen schwanden. Dann aber atmete er wie erwachend

auf. Er wußte mit einemmal, daß in dem unbegreiflichen Augenblick, da seine

äußeren Sinne ihn zu verlassen gedroht hatten, ein Entschluß furchtbar und klar

zu Ende gereift war, der längst in den Tiefen seiner Seele sich vorbereitet hatte.

Seinen heißen, grausamen Wunsch, dessen Erfüllung er all die Tage her

gleichsam aus feiger Verborgenheit zu fördern gesucht hatte, er mußte ihn nun

ohne weiteren Aufschub mit eigenem Willen, mit eigenen Händen zur Tat

machen. Und wie das Ergebnis langer innerer Überlegung stieg ein fertiger Plan

aus seiner Brust hervor.

 

Am Meeresstrand von Neapel

 

Er erhob sich und begab sich vorerst in ein Hotel, um dort mit dem

trefflichsten Appetit sein Mittagmahl einzunehmen. Dann suchte er nacheinander

drei Ärzte auf, gab sich überall als einen von unerträglichen Schmerzen

gepeinigten Kranken aus, der, seit Jahren an Morphium gewöhnt, mit seinem

Vorrat zu Ende gekommen sei, nahm die erbetenen Rezepte in Empfang, ließ sie

in verschiedenen Apotheken anfertigen und fand sich, als er bei sinkender Sonne

wieder an Bord ging, im Besitze einer Dosis, die er für seine Zwecke mehr als

genügend halten durfte. An der Abendtafel auf dem Schiff erzählte er im Tone

höchsten Entzückens von einer Wanderung durch Pompeji, zu der er den

verflossenen Tag ausgenützt hätte, und mit einer brennenden Lust am Lügen, als

müßte er nun sein eigenes Wesen ins Teuflische steigern, verweilte er bei der

Schilderung einer Viertelstunde, die er im Garten des Appius Claudius verbracht

hatte, vor einer Statuette, die er natürlich in Wirklichkeit nie gesehen und von

der er zufällig im Reisehandbuch gelesen. Elise saß an seiner Seite, ihr

gegenüber der Baron, die Blicke der beiden begegneten sich, und Alfred

vermochte die Vorstellung nicht abzuwehren, daß hier zwei Gespenster aus

leeren Augenhöhlen einander anstarrten.

 

Später aber, wie an so manchem Abend vorher, wandelte er mit Elisen auf dem

obersten Verdeck im Mondenschein umher, während fern die Lichter der Küste

verglänzten. Da er eine Sekunde lang sich schwach werden fühlte, jagte er

seinen Entschluß durch die Einbildung neu auf, daß es Adelens Arm wäre, den

er an den seinen preßte; und an der Glutwelle, die ihm durch die Adern schoß,

erkannte er, daß das Glück, das seiner wartete, auch durch die furchtbarste

Schuld nicht zu teuer erkauft wäre. Zugleich aber regte sich in ihm geheimnisvoll etwas wie Neid auf das junge Geschöpf an seiner Seite, dem es

beschieden sein sollte, aus aller Lebenswirrnis so bald ohne Leiden und

ahnungslos den erlösenden Ausgang zu finden.

 

Als er Elise in der Kajüte mit vollkommener, fast ins Unerträgliche gesteigerter

Klarheit und doch mit verzweifelter Lust zum letztenmal in die Arme schloß,

empfand er sich wie den Vollzieher eines Schicksals, an dem sein Wille keinen

Anteil mehr hatte. Nur eines Griffes von seinen Fingern hätte es bedurft, das

Glas umzustoßen, das bläulich vom Tischchen herüberschillerte, und die

Gifttropfen wären, ein harmloses Naß, in die gleichgültigen Dielen versickert.

Aber Alfred lag regungslos und wartete. Er wartete, bis er endlich, mit

stillstehendem Herzen, einer ihm wohlvertrauten Bewegung Elisens gewahr

wurde, die mit halb geschlossenen Augen ihre Hand nach dem Glas ausstreckte,

um, wie sie immer vor dem Einschlafen tat, ihren letzten Durst zu stillen. Er sah

mit weit aufgerissenen Lidern, ohne sich zu rühren, wie sie sich ein wenig

aufrichtete, das Glas an die Lippen setzte und dessen Inhalt in einem Zuge

hinunterstürzte. Dann legte sie sich wieder hin mit einem leichten Seufzer, den

Kopf, ihrer Gewohnheit nach, zum Schlummer an seine Brust bettend. Alfred

hörte in seinen Schläfen ein langsames, dumpfes Hämmern, hörte Elisens

ruhiges Atmen und hörte die Wellen wie klagend an den Bug des Schiffes

schlagen, das gleichsam durch eine stillestehende Zeit hinschwebte.

 

Mit einem Male fühlte er, wie ein heftiges Beben durch Elisens Körper ging.

Ihre beiden Hände griffen nach seinem Nacken, ihre Finger schienen sich in

seine Haut einbohren zu wollen, dann erst, mit einem langen Stöhnen öffnete sie

die Augen. Alfred löste sich aus ihrer Umklammerung, sprang aus dem Bett, sah,

wie sie versuchte, sich zu erheben, mit den Armen ins Leere schlug, einen irren

Blick in der Dämmerung hin und her flackern ließ, und plötzlich der Länge nach

wieder zurücksank, um mit kurzen flachen Atemzügen, aber völlig

bewegungslos liegenzubleiben. Alfred erkannte sofort, daß sie ohne jedes

Bewußtsein war, und fragte sich kalt, wie lange dieser Zustand wohl währen

könnte, ehe er zum Ende führte. Es fiel ihm zugleich ein, daß sie in diesem

Augenblick vielleicht noch zu retten wäre; und mit dem dunklen Gefühl, auf

diese Art ein letztes Mal das Schicksal zu versuchen: entweder selbst die Früchte

seines bisherigen Tuns zu vernichten oder durch ein kühnes Wagnis sich zu

entsühnen, eilte er davon, den Arzt zu holen. Erkannte der, was hier geschehen

war, so sollte das Spiel endgültig verloren sein; im andern Falle aber sprach er

sich selbst für alle Zukunft von Schuld und Reue los.

Abends in der Kajüte

 

Als Alfred mit dem Arzt in die Kajüte trat, lag Elise bleich mit halb offenen

verglasten Augen, die Finger in die Decke verkrampft und schimmernde Tropfen

auf Stirn und Wangen. Der Arzt beugte sich nieder, legte sein Ohr an ihre Brust,

horchte lang, nickte bedenklich, schob Elisens Lider auseinander, hielt die

eigene Hand vor ihre Lippen, horchte noch einmal; dann wandte er sich zu

Alfred und eröffnete ihm, daß der Todeskampf zu Ende sei. Mit einem irren

Blick, der nicht geheuchelt war, schlug Alfred die Hände über dem Kopf

zusammen, sank vors Bett hin und blieb, die Stirn auf Elisens Knie gepreßt, eine

kurze Weile so liegen. Dann wandte er sich um und starrte wie verloren den Arzt

an, der mit bedauerndem Blick ihm die Hand bot. Alfred nahm sie nicht,

schüttelte den Kopf, und, im völligen Besitze seiner inneren Klarheit, wie in

allzu spätem Selbstvorwurf, flüsterte er vor sich hin: »Hätten wir Ihnen doch

gefolgt.« Dann verbarg er kummervoll das Gesicht in den Händen. »Das hab ich

mir denken können,« hörte er den Arzt tadelnd, aber mild erwidern: und in

einem übermächtigen Gefühl des Triumphes spürte er hinter seinen zuckenden

Lidern das Glühen und Leuchten seiner Augen.

 

Beerdigung am Tage darauf

 

Schon am Tage darauf, wie es die Vorschrift verlangte, wurde Elisens

Leichnam ins Meer gesenkt, und Alfred als Witwer fühlte sich von allgemeiner,

doch stumm zurückhaltender Teilnahme umgeben. Niemand wagte ihn zu stören,

wenn er stundenlang auf dem Verdeck hin und her ging und in eine Weite

blickte, die für ihn, was niemand ahnen konnte, vom Dufte seligster Hoffnungen

durchweht war. Nur der Baron schloß sich zuweilen auf kurze Minuten dem hin

und her Wandelnden an, wobei er es mit deutlicher Absicht unterließ, auch nur

mit einem Worte des Trauerfalls zu gedenken. Alfred wußte wohl, daß den

Baron nichts anderes zu diesen Begleitgängen veranlaßte, als die Sehnsucht, sich

für kurze Minuten wieder im Dunstkreis der geliebten Verstorbenen zu fühlen.

Für Alfred waren diese Minuten die einzigen, in denen er sich von der

Vergangenheit angerührt fühlte; sonst hatte er sich völlig über seine Tat, und was

sie den Menschen bedeuten mochte, emporgehoben. In lebendiger Gegenwart

stand das Bild der Heißersehnten, in Schuld Errungenen vor ihm; und wenn er

vom Bug des Schiffes aus hinab ins Wasser schaute, so war ihm, als sähe er sie friedevoll über begrabene Welten dahinrinnen, denen es in ihrer Schlummertiefe

gleich war, ob sie gestern oder vor tausend Jahren versunken waren.

 

Alfred fährt durch Hamburg

 

Erst als die deutsche Küste sichtbar wurde, gingen seine Pulse schneller.

Seine Absicht war es, in Hamburg nicht länger zu verweilen, als nötig war, den

Brief zu beheben, der ja hier seiner warten mußte, und mit dem nächsten Zuge

heimwärts zu reisen. Die Langwierigkeit der Ausschiffung verursachte ihm

quälende Ungeduld; und wie erlöst atmete er auf, als das Gepäck endlich auf den

Wagen geschafft war und er durch die Straßen der Stadt, über denen mit kleinen

rosa Wolken der späte Frühlingsnachmittag hing, zum Postgebäude fuhr. Er

überreichte dem Beamten seine Karte, sah ihm mit heißen Augen zu, die

Briefschaften durchblättern, hielt die Hand schon zum Empfang bereit und

empfing die Antwort, daß nichts für ihn da wäre, kein Brief, keine Karte, kein

Telegramm. Er versuchte ein ungläubiges Lächeln und bat den Beamten in fast

demütigem Tone, dessen er sich gleich schämte, nochmals nachzusehen. Und

nun versuchte Alfred, über die Ränder der Briefumschläge weg die Adressen zu

entziffern, glaubte immer wieder seinen Namen in Adelens Schriftzügen zu

erkennen, streckte ein paarmal schon hoffnungsvoll die Hände aus – und mußte

immer wieder erfahren, daß er sich getäuscht hatte. Endlich legte der Beamte das

Päckchen in das Fach zurück, schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Alfred

empfahl sich mit übertriebener Höflichkeit und fand sich in der nächsten Minute

halb betäubt vor dem Tore stehen. Klar war ihm nur das eine, daß er vorläufig

hier festgebannt war und keineswegs nach Wien fahren konnte, ohne irgend eine

Nachricht von Adelen in Händen zu haben. Er fuhr in ein Hotel, nahm ein

Zimmer und warf vor allem die folgenden Worte auf eines der bereitliegenden

Blankette: »Keine Silbe von dir. Unbegreiflich. Fassungslos. Bin übermorgen

daheim. Wann kann ich dich sehen? Antworte sofort.« Er setzte seine Adresse

dazu und gab die Depesche mit bezahlter Rückantwort auf. Als er in die schon

abendlich erleuchtete Halle trat, spürte er zwei Augen auf sich gerichtet; von

einem Lehnstuhl her, eine Zeitung auf dem Knie, ernst, ohne sich zu erheben,

grüßte ihn der Baron, von dem er auf dem Schiff nur flüchtigen Abschied

genommen hatte. Alfred zeigte sich von der unverhofften Begegnung erfreut,

glaubte sogar, es wirklich zu sein, und machte dem Baron von seiner Absicht

Mitteilung, bis morgen hier zu bleiben. Der Baron, der trotz seiner bleichen

Wangen und seines fortgesetzten Hüstelns behauptete, sich sehr wohl zu fühlen, schlug während des Abendessens vor, gemeinsam eine Singspielhalle

aufzusuchen, und bemerkte auf Alfreds Zögern hin leise und mit gesenkten

Wimpern, daß Trauer noch niemanden von den Toten auferweckt habe. Alfred

lachte, erschrak über sein Lachen, glaubte seine Verlegenheit von dem Baron

bemerkt und fühlte sofort, daß er nichts Klügeres tun konnte, als sich ihm

anzuschließen. Bald darauf saß er mit ihm in einer Loge, trank Champagner, sah

durch Rauch und Dunst bei den gemeinen Klängen eines schrillen Orchesters

Gymnastiker und Clowns ihre Künste und Späße treiben, hörte halbnackte

Weiber freche Lieder singen und lenkte des schweigsamen Genossen

Aufmerksamkeit wie unter einem wütenden Zwang auf wohlgeformte Beine und

üppige Brüste, die sich auf der Bühne zur Schau stellten. Dann scherzte er mit

einer Blumenverkäuferin, warf einer Tänzerin, die verführerisch ihre schwarzen

Locken schüttelte, eine gelbe Rose vor die Füße und lachte auf, als er die

schmalen Lippen des Barons wie in Bitternis und Ekel zucken sah. Später war

ihm, als blickten aus dem Saal unten Hunderte mit böser Neugier ihn an, und als

gälte das Raunen und Summen ihm allein. Fröstelnde Angst kroch ihm über den

Rücken, dann fiel ihm ein, daß er ein paar Gläser Champagner allzu geschwind

hinuntergestürzt hatte, und war wieder beruhigt. Er merkte mit Befriedigung,

daß, während er über die Brüstung gebeugt gewesen, zwei geschminkte Weiber

den Baron in eine Unterhaltung gezogen hatten, atmete auf, als wäre er einer

Gefahr entronnen, erhob sich, nickte dem Gefährten wie ermutigend und zu dem

Abenteuer glückwünschend zu; und bald ging er, allein, durch Straßen, die er nie

gesehen und niemals wieder sehen würde, irgend eine Melodie vor sich

hinpfeifend und im Gefühl, eine Traumstadt zu durchirren, in der kühlen

Nachtluft nach dem Hotel zurück.

 

In der Singspielhalle

 

Als er des Morgens nach dumpfem, tiefem Schlaf erwachte, mußte er sich

erst besinnen, daß er nicht mehr auf dem Schiff dahinfuhr und daß der weiße

Schimmer dort nicht Elisens Morgenkleid, sondern einen Fenstervorhang

bedeutete. Mit einer ungeheuren Willensanstrengung wehrte er eine drohend

aufsteigende Erinnerung ab und klingelte. Zugleich mit dem Frühstück brachte

man ihm ein Telegramm. Er ließ es auf dem Tablett liegen, solange sich der

Kellner noch im Zimmer aufhielt; und es war ihm, als verdiente diese

Selbstüberwindung irgendwie ihren Lohn. Kaum hatte sich die Türe wieder

geschlossen, so öffnete er das Telegramm mit zitternden Fingern, die Buchstaben schwammen zuerst vor seinen Augen, plötzlich aber standen sie starr und

riesengroß: »Morgen Mittag 11 Uhr. Adele.« Er rannte hin und her, lachte durch

die Zähne und ließ sich von dem knappen, kalten Ton der Aufforderung

durchaus nicht anfrösteln. So war nun einmal ihre Art. Und wenn er auch

daheim nicht alles fände, wie er noch vor kurzem gehofft hatte, ja selbst wenn

ihm irgendwelche unangenehme Eröffnungen bevorstünden, was hatte es weiter

zu bedeuten? Er würde ihr doch wieder gegenüberstehen, im Lichte ihrer Augen,

im Duft ihres Atems, und so war das Ungeheure nicht vergebens getan.

 

Es hielt ihn nicht länger im Hotel, die kurze Zeit bis zum Abgang des Zuges lief

er in der Stadt umher, mit überoffenen Lidern, aber ohne Menschen und Dinge

zu sehen. Mittags fuhr er von Hamburg ab, starrte durch die Scheiben stunden-

und stundenlang auf die fliehende Landschaft; alles, was von Gedanken,

Hoffnungen und Befürchtungen in ihm sich regen wollte, mit der ganzen

wohlgeübten Anspannung seines Willens niederzwingend; und wenn er, um den

Mitreisenden nicht allzu auffällig zu werden, ein Buch oder eine Zeitung

vornahm, so zählte er, ohne zu lesen, einmal übers andere bis hundert,

fünfhundert, tausend. Als es Nacht wurde, durchbrach die zehrende Sehnsucht

alle seine Bemühungen, sich gefaßt zu halten. Er schalt sich närrisch, das

Ausbleiben der Nachrichten und den Ton der letzten Depesche mißdeutet zu

haben, und wußte keinen andern Vorwurf gegen Adele, als daß sie sich redlicher

an die Abmachung gehalten als er. Aber sollte sie etwa auf irgend eine Weise

doch erfahren haben, daß er mit einer Frau gereist war, so fühlte er sich in seiner

Liebe stark genug, gegen alle Eifersucht und Erbitterung die Beleidigte wieder

zurückzugewinnen. Und so sehr hatte er sich zum Herrn über seine wachen

Träume gesetzt, daß er in dieser endlosen Nacht die Melodie ihrer Stimme zu

hören, die Umrisse ihrer Gestalt und ihre Züge zu sehen, ja, daß er ihren Kuß zu

fühlen vermochte, so versengend süß, wie er ihm in Wirklichkeit von ihren

Lippen niemals beschieden gewesen.

 

Er war daheim. Mit freundlichem Behagen empfing ihn seine Wohnung. Das

sorglich bereitete Frühstück mundete ihm trefflich, und zum erstenmal wieder

seit vielen Tagen, so wollte ihm scheinen, dachte er in völliger Ruhe jener

andern, die, von irdischem Gram für alle Zeit erlöst, im schweigenden Meere

schlummerte. In irgendeinem Augenblicke war ihm, als könnte jene

Stundenfolge von der Landung in Neapel an bis zu Elisens Tod wohl auch eine

Einbildung seiner zerrütteten Nerven sein, und der schlimme Ausgang wäre, wie

ja die Ärzte vorausgesehen, ja prophezeit hatten, nur im gesetzmäßigen Verlaufe

der Krankheit geschehen. Ja, der Mann, der in einer sonnbeglänzten fremden Stadt tückisch von Arzt zu Arzt, von Apotheker zu Apotheker geeilt und mit

grausamem Vorbedacht das tödliche Gift vorbereitet hatte, der Mann, der die

Geliebte, die er ins Jenseits senden wollte, noch eine Stunde vorher zu frevler

Wonne in die Arme geschlossen, schien ihm ein völlig anderer als der, der hier

zwischen traulichen Wänden in einer unveränderten, bürgerlich behaglichen

Umgebung seinen Tee trank; schien ihm einer, der viel mehr war als er, einer, zu

dem er selbst mit schaudernder Bewunderung emporschauen müßte. Doch als

ihm später, da er aus dem Bade stieg, der Spiegel sein schlankes, nacktes Bild

zurückwarf und er sich plötzlich bewußt ward, daß er es doch selber war, der das

Unbegreifliche getan, da sah er seine Augen in hartem Glanze leuchten, fühlte

sich würdiger als je, die wartende Braut an sein Herz zu schließen und,

höhnische Überlegenheit auf den Lippen, ihrer Liebe so sicher wie nie zuvor.

 

Zur bestimmten Stunde trat er in den gelben Salon, den er vor einem Jahre fast

am gleichen Tage zum letztenmal verlassen hatte, und in der nächsten Minute

stand Adele vor ihm, unbefangen, als hätte sie am Tag vorher Abschied von ihm

genommen, reichte ihm die Hand und überließ sie ihm zu einem langen Kuß.

Was hält mich ab, sie zu umarmen? fragte er sich. Da hörte er sie schon reden

mit der dunklen Stimme, die er ja heute Nacht erst im Traum vernommen, und es

ward ihm bewußt, daß er selbst noch kein Wort gesprochen, daß er nur ihren

Namen geflüstert hatte, als sie vor ihn hingetreten war. Er möge ihr nicht

übelnehmen, begann sie, daß sie ihm auf seine schönen Briefe nicht geantwortet

hätte; aber es sei nun einmal so, daß gewisse Angelegenheiten sich Aug' in Aug'

besser und einfacher erledigen ließen als schriftlich. Ihr Schweigen müsse ihn ja

jedenfalls vorbereitet haben, daß sich mancherlei geändert hätte, und der kühle

Ton ihrer Depesche wäre, wie sie sofort gestehen wolle, durchaus beabsichtigt

gewesen. Seit ungefähr einem halben Jahre sei sie nämlich mit einem andern

verlobt. Und sie nannte einen Namen, den Alfred kannte. Es war der eines seiner

vielen guten Freunde aus alter Zeit, dessen er im Laufe dieses Jahres so wenig

gedacht hatte, wie beinah aller Menschen, denen er früher begegnet war. Er hörte

Adele ruhig an, starrte gebannt auf ihre glatte Stirn, dann gleichsam durch sie ins

Leere, und in seinen Ohren rauschte es wie von fernen Wellen, die über

versunkene Welten rannen. Plötzlich sah er es aus Adelens Augen hervorbrechen

wie einen Schimmer von Angst; er wußte, daß er totenblaß mit furchtbarem

Blick ihr gegenüberstand, und er sagte, sich selbst unvermutet, hart und

klanglos: »Das geht nicht, Adele, du irrst dich, du darfst nicht.«

 

Daß er endlich Worte gefunden, beruhigte sie offenbar. Sie lächelte wieder in

ihrer verbindlichen Art und erklärte ihm, daß nicht sie es sei, die sich irrte, sondern er. Sie dürfe nämlich, sie dürfe alles, was sie wolle. Sie sei ja gar nicht

mit ihm verlobt gewesen, sondern als freie Menschen seien sie voneinander

geschieden, ohne jede Verpflichtung, sie wie er. Und da sie ihn nicht mehr liebe,

sondern jenen andern, so sei die Sache eben erledigt. Er müsse das einsehen und

sich fügen; sonst bedaure sie wirklich, daß sie dem väterlichen Rat von heute

Morgen nicht gefolgt und für Alfred einfach nicht mehr zu Hause gewesen sei.

Und sie saß ihm gegenüber, die schlanken Hände über dem Knie verschlungen,

mit hellen, fernen Augen.

 

Alfred fühlte, daß er seiner ganzen Beherrschung bedurfte, um nicht etwas

Lächerliches oder Gräßliches zu vollbringen. Was er eigentlich wollte, war ihm

nicht klar. Ihr an den Hals fahren und sie würgen, oder sich auf den Boden

hinwerfen und jammern wie ein Kind? Aber was half es darüber nachzudenken.

Er hatte ja keine Wahl, er lag ja schon da wie gefällt und hatte eben noch die

Geistesgegenwart, die Hände Adelens zu fassen, die davoneilen wollte, und

heiser zu ihr emporzuflehen, daß sie bleibe. Eine Viertelstunde nur! Ihn anhören!

Das könnte er doch von ihr verlangen nach all dem, was früher zwischen ihnen

gewesen. Er müsse ihr ja so viel erzählen, mehr als sie ahnen könne, und sie sei

verpflichtet, es anzuhören. Denn wenn sie alles wisse, dann würde sie auch

wissen, daß er ihr zu eigen gehöre und sie ihm allein. Wissen, daß sie keinem

andern gehören dürfe, daß er sie sich errungen in Schuld und Qualen, daß vor

seinen ungeheuren Rechten alle andern in den Staub sänken, tief in den Staub,

daß sie an ihn geschmiedet sei, unauflöslich, für ewige Zeiten, so wie er an sie.

Und auf den Knien vor ihr, ihre Hände in den seinen krampfend, seine Blicke in

den ihren, ließ er seine Worte fliegen, breitete den ganzen Inhalt des

vergangenen Jahres vor ihr aus, erzählte, wie er vor ihr eine andere geliebt, wie

er mit jener andern, die krank gewesen und niemand auf Erden hatte als ihn,

fortgereist war, wie er in Qualen der Sehnsucht sich verzehrt, wie aber die

andere hilflos und klammernd an ihm gehangen; wie er am Ende seiner Pein, aus

Liebe zu i h r , zu i h r , deren Hände er in den seinen halte, aus einer Liebe, wie

die Erde sie noch nie gesehen – wie er jene andere, die ohne ihn nicht hätte leben

wollen und können, aus der Welt geschafft, mitleidig-tückisch vergiftet habe;

wie unter fernen Meereswogen nun das arme Geschöpf schlummerte – das Opfer

für eine Seligkeit, die ja nun auch ohnegleichen sein werde, wie der Preis, um

den sie errungen ward.

 

Adele hatte ihm ihre Hände gelassen, auch ihren Blick hatte sie aus dem seinen

nicht emporgetaucht. Sie hörte an, was er erzählte, und er wußte nicht recht, wie:

ob als ein Märchen von fernen fremden Wesen oder als einen Zeitungsbericht von Menschen, die sie nichts angingen. Vielleicht glaubte sie ihm nicht einmal,

was er ihr erzählte. Aber jedenfalls war es ihr gleich, ob Wahrheit von seinen

Lippen kam oder Lüge. Er fühlte seine Ohnmacht mehr und mehr. Er sah alle

seine Worte leer und kühl an ihr herunterrinnen; und am Ende, da er sein

Schicksal von ihren Lippen lesen wollte, das er doch schon kannte, schüttelte sie

nur den Kopf. Er sah sie an angstvoll, wissend und doch ungläubig, mit einer

irren Frage in den flackernden Augen.

 

»Nein,« sagte sie starr, »es ist aus.«

 

Und er wußte, daß es mit diesem Nein für immer zu Ende war. Völlig unbewegt

blieben Adelens Mienen. Nicht die leiseste Erinnerung entschwundener

Zärtlichkeit, nicht einmal Grauen war in ihnen, nur ein vernichtender Ausdruck

von Gleichgültigkeit und Langeweile.

 

Alfred neigte das Haupt, leer lächelnd wie zum Einverständnis, ergriff ihre

Hände nicht mehr, die sie entfremdet hängen ließ, wandte sich und ging. Die Tür

hinter ihm blieb offen, und er fühlte einen kalten Hauch im Nacken. Als er die

Treppe hinunterging, wußte er, daß ihm nichts zu tun übrig blieb, als ein Ende zu

machen. So über alle Zweifel war das entschieden, daß er gemächlich

schlendernd durch den schmeichelnden Frühlingstag nach Hause spazierte, wie

zum ersehnten Schlummer nach einer wüsten Nacht.

 

In seinem Zimmer aber erwartete ihn jemand. Es war der Baron. Ohne Alfreds

dargebotene Hand zu nehmen, erklärte er, nur eine kurze Aussprache mit ihm zu

wünschen, und auf ein kurzes höfliches Nicken Alfreds fuhr er fort: »Es ist mir

ein Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, daß ich Sie für einen Schurken halte.« Gut so,

dachte Alfred, auch gegen diesen Abschluß ist nichts zu sagen; und er

entgegnete ruhig: »Ich stehe Ihnen zur Verfügung. Morgen früh, wenn's gefällig

ist.« Der Baron schüttelte kurz den Kopf. Es zeigte sich, daß er alles, offenbar

schon von der Reise aus, wohl vorbereitet hatte. Zwei junge Herren von der

deutschen Botschaft harrten nur seiner weiteren Aufträge; und er sprach die

Erwartung aus, daß sein Gegner, der ja hier zu Hause sei, es leicht ermöglichen

werde, die Sache noch vor Abend in Ordnung zu bringen. Alfred glaubte, es

versprechen zu dürfen. Einen Augenblick kam ihm der Einfall, dem Baron die

ganze Wahrheit zu gestehen; aber bei dem ungeheuren Haß, der ihn von dieser

kalten Stirne anstrahlte, mußte er fürchten, daß jener, der die Wahrheit vielleicht

ahnen mochte, ihn dann den Gerichten überliefern würde; und so zog er es vor,

zu schweigen.

Alfred fand die Herren, deren er bedurfte, ohne Mühe. Der eine war Adelens

Verlobter, der andere ein junger Offizier, mit dem er in früherer Zeit manchen

lustigen Tag genossen. Vor Sonnenuntergang in den Auen nächst der Donau, an

einem für solche Zusammenkünfte gern gewählten Platz, stand er dem Baron

gegenüber. Eine Ruhe, die er nach den Wirren der abgelaufenen Tage wie ein

Glück empfand, empfing ihn. Als er den Lauf der Pistole auf sich gerichtet sah,

während dreier Sekunden, die, von einer fernen Stimme abgezählt, gleich drei

kalten Tropfen vom Abendhimmel auf den klingenden Boden fielen, dachte er

einer unsäglich Geliebten, über deren verwesenden Leib die Wogen des Meeres

rannen. Und als er auf dem Boden lag und etwas Dunkles über ihn sich beugte,

ihn umschloß, ihn nicht mehr lassen wollte, fühlte er selig, daß er, ein

Entsühnter, für sie, zu ihr ins Nichts entschwand, nach dem er sich lange gesehnt

hatte.