Der Steppenwolf
Fortsetzung der „Aufzeichnungen“
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
„Es waren meine Eltern,“ rechtfertigte ich mich, „sie haben mich Latein und Griechisch und all das Zeug lernen lassen. Aber tanzen lernen ließen sie mich nicht, es war bei uns nicht Mode, meine Eltern haben selber nie getanzt.“
Ganz kalt sah sie mich an, voller Verachtung, und wieder sprach aus ihrem Gesicht etwas, was mich an frühe Jugendzeiten erinnerte.
„So, also deine Eltern müssen schuldig sein! Hast du sie auch gefragt, ob du heut abend in den Schwarzen Adler gehen dürfest? Hast du? Sie sind schon lange tot, sagst du? Na also! Wenn du aus lauter Folgsamkeit in deiner Jugend nicht hast tanzen lernen wollen – meinetwegen! Obwohl ich nicht glaube, daß du damals so ein Musterknabe warst. Aber nachher – was hast du denn nachher alle die Jahre lang getrieben?“
„Ach,“ gestand ich, „ich weiß es selber nicht mehr. Ich habe studiert, Musik gemacht, Bücher gelesen, Bücher geschrieben, Reisen gemacht –“
„Merkwürdige Ansichten, die du vom Leben hast! Du hast also immer schwierige und komplizierte Sachen getrieben, und die einfachen hast du gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine Lust? Na meinetwegen, Gott sei Dank bin ich nicht deine Mutter. Aber dann so tun, als hättest du das Leben durchprobiert und nichts daran gefunden, nein, das geht nicht!“
„Schelten Sie nicht!“ bat ich. „Ich weiß schon, daß ich verrückt bin.“
„Ach was, sing mir keine Lieder vor! Du bist keineswegs verrückt, Herr Professor, du bist mir sogar viel zu wenig verrückt! Du bist so auf eine dumme Art gescheit, scheint mir, richtig wie ein Professor. Komm, iß noch ein Brötchen! Nachher erzählst du weiter.“
Sie besorgte mir nochmals ein Brötchen, tat etwas Salz daran, strich ein wenig Senf darauf, schnitt ein Stückchen für sich selber ab und hieß mich essen. Ich aß. Ich hätte alles getan, was sie mich geheißen hätte, alles außer Tanzen. Es tat ungeheuer wohl, jemand zu gehorchen, neben jemand zu sitzen, der einen ausfragte, einem befahl, einen ausschalt. Hätte der Professor oder seine Frau das vor ein paar Stunden getan, es wäre mir viel erspart geblieben. Aber nein, es war gut so, es wäre mir viel entgangen!
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte sie plötzlich.
„Harry.“
„Harry? Ein Bubenname! Und ein Bub bist du auch, Harry, trotz den paar grauen Flecken im Haar. Du bist ein Bub, und du solltest jemand haben, der ein wenig nach dir schaut. Vom Tanzen sage ich nichts mehr. Aber wie du frisiert bist! Hast du denn keine Frau, keinen Schatz?“
„Ich habe keine Frau mehr, wir sind geschieden. Einen Schatz habe ich schon, aber er wohnt nicht hier, ich sehe ihn nur selten, wir kommen nicht sehr gut miteinander aus.“
Sie pfiff leise durch die Zähne.
„Du scheinst ein recht schwieriger Herr zu sein, daß keine bei dir bleibt. Aber sag’ jetzt: was war denn heut abend Besonderes los, daß du so vergeistert in der Welt herumgelaufen bist? Krach gehabt? Geld verspielt?“
Das war nun schwierig zu sagen.
„Sehen Sie,“ fing ich an, „es war eigentlich eine Kleinigkeit. Ich war eingeladen, bei einem Professor – ich selber bin aber keiner –, und eigentlich hätte ich gar nicht hingehen sollen, ich bin es nicht mehr gewohnt, so bei Leuten zu sitzen und zu schwatzen, ich habe es verlernt. Ich ging auch schon in das Haus hinein mit dem Gefühl, es werde nicht gut gehen – als ich meinen Hut aufhängte, kam mir schon der Gedanke, ich würde ihn vielleicht schon bald wieder brauchen. Ja, und bei diesem Professor also, da stand auf dem Tisch so ein Bild herum, ein dummes Bild, das mich ärgerte ...“
„Was für ein Bild? Warum ärgerte?“ unterbrach sie mich.
„Ja, es war ein Bild, das den Goethe vorstellte – wissen Sie, den Dichter Goethe. Er war aber darauf nicht so, wie er wirklich ausgesehen hat – das weiß man nämlich überhaupt nicht genau, er ist seit hundert Jahren tot. Sondern irgendein moderner Maler hatte den Goethe da so zurechtfrisiert, wie er sich ihn vorstellt, und dieses Bild ärgerte mich und war mir scheußlich zuwider – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen?“
„Kann ich sehr gut verstehen, sei ohne Sorge. Weiter!“
„Schon vorher war ich mit dem Professor uneins; er ist, wie die Professoren fast alle, ein großer Patriot und hat während des Krieges brav mitgeholfen, das Volk anzulügen – im besten Glauben natürlich. Ich aber bin ein Kriegsgegner. Na, einerlei. Also weiter. Ich hätte ja das Bild gar nicht anzusehen brauchen ...“
„Hättest du allerdings nicht.“
„Aber erstens tat es mir wegen Goethe leid, der ist mir nämlich sehr, sehr lieb, und dann war es so, daß ich dachte – – nun, ich dachte oder fühlte etwa so: da sitze ich nun bei Leuten, die ich für meinesgleichen ansehe und von denen ich dachte, auch sie werden den Goethe ähnlich wie ich lieben und sich etwa ein ähnliches Bild von ihm machen wie ich, und nun haben sie da dieses geschmacklose, verfälschte, versüßte Bild stehen und finden es herrlich und merken gar nicht, daß der Geist dieses Bildes genau das Gegenteil von Goethes Geist ist. Sie finden das Bild wunderbar, und meinetwegen können sie das ja auch – aber für mich ist dann auf einmal alles Vertrauen zu diesen Leuten, alle Freundschaft für sie und alles Gefühl von Verwandtschaft und Zusammengehören aus und vorbei. Übrigens war die Freundschaft ohnehin nicht groß. Also da wurde ich wütend und traurig und sah, daß ich ganz allein war und niemand mich verstand. Begreifen Sie?“
„Leicht zu begreifen, Harry. Und dann? Hast du ihnen das Bild an die Köpfe gehauen?“
„Nein, ich habe geschimpft und bin fortgelaufen, ich wollte nach Hause, aber – –“
„Aber da wäre keine Mama gewesen, um den dummen Buben zu trösten oder auszuschelten. Nun ja, Harry, du tust mir beinah leid, du bist ein Kindskopf ohnegleichen.“
Gewiß, das sah ich ein, wie mir schien. Sie gab mir ein Glas Wein zu trinken. Sie war in der Tat wie eine Mama mit mir. Zwischenein aber sah ich für Augenblicke, wie schön und jung sie war.
„Also,“ fing sie dann wieder an, „also der Goethe ist vor hundert Jahren gestorben, und der Harry hat ihn sehr gern, und er macht sich eine wunderbare Vorstellung von ihm, wie er ausgesehen haben mag, und dazu hat Harry auch das Recht, nicht? Aber der Maler, der auch für den Goethe schwärmt und sich ein Bild von ihm macht, der hat kein Recht dazu, und der Professor auch nicht, und überhaupt niemand, denn das paßt Harry nicht, er verträgt das nicht, er muß dann schimpfen und davonlaufen! Wenn er klug wäre, so würde er über den Maler und den Professor einfach lachen. Wenn er verrückt wäre, würde er ihnen ihren Goethe ins Gesicht schmeißen. Da er aber bloß ein kleiner Bub ist, läuft er heim und will sich aufhängen – –. Ich habe deine Geschichte gut verstanden, Harry. Es ist eine komische Geschichte. Sie macht mich lachen. Halt, trink nicht so rasch! Burgunder trinkt man langsam, er macht sonst zu heiß. Aber dir muß man alles sagen, kleiner Bub.“
Ihr Blick war streng und mahnend wie der einer sechzigjährigen Gouvernante.
„O ja,“ bat ich zufrieden, „sagen Sie mir nur alles.“
„Was soll ich dir sagen?“
„Alles, was Sie mögen.“
„Gut, ich sage dir etwas. Seit einer Stunde hörst du, daß ich du zu dir sage, und du sagst immer noch Sie zu mir. Immer Lateinisch und Griechisch, immer möglichst kompliziert! Wenn ein Mädchen du zu dir sagt und sie dir nicht zuwider ist, dann sagst du auch du zu ihr. So, da hast du etwas zugelernt. Und zweitens: seit einer halben Stunde weiß ich, daß du Harry heißt. Ich weiß es, weil ich dich gefragt habe. Du aber willst nicht wissen, wie ich heiße.“
„O doch, sehr gern will ich es wissen.“
„Zu spät, Kleiner! Wenn wir uns einmal wiedersehen, kannst du wieder fragen. Heut sag’ ich’s nicht mehr. So, und jetzt will ich tanzen.“
Da sie Miene machte aufzustehen, sank plötzlich meine Stimmung tief, ich bekam Angst, sie würde gehen und mich allein lassen, und dann würde alles wieder, wie es vorher gewesen war. Wie ein vorübergehend verschwundener Zahnschmerz plötzlich wieder da ist und wie Feuer brennt, so war in einem Augenblick die Angst und das Grauen wieder da. O Gott, hatte ich denn vergessen können, was auf mich wartete? War denn etwas anders geworden?
„Halt,“ rief ich flehend, „gehen Sie – geh nicht fort! Natürlich kannst du tanzen, soviel du willst, aber bleib nicht lange fort, komm wieder, komm wieder!“
Lachend stand sie auf. Ich hatte sie mir stehend größer gedacht, sie war schlank, aber nicht groß. Wieder erinnerte sie mich an jemand – an wen? Es war nicht zu finden.
„Du kommst wieder?“
„Ich komme wieder, aber es kann eine Weile dauern, eine halbe Stunde oder auch eine ganze. Ich will dir was sagen: mach’ die Augen zu und schlafe ein wenig; das ist, was du nötig hast.“
Ich machte ihr Platz, und sie ging; ihr Röckchen streifte meine Knie, im Gehen blickte sie in einen runden, winzig kleinen Taschenspiegel, zog die Augenbrauen hoch, wischte mit einem winzigen Puderquästchen über ihr Kinn und verschwand im Tanzsaal. Ich blickte um mich: fremde Gesichter, rauchende Männer, verschüttetes Bier auf dem Marmortisch, Geschrei und Gekreische überall, nebenan die Tanzmusik. Ich solle schlafen, hatte sie gesagt. Ach, gutes Kind, du hast eine Ahnung von meinem Schlaf, der scheuer ist als ein Wiesel! In diesem Jahrmarkt schlafen, am Tisch sitzend, zwischen den klappernden Bierkrügen! Ich nippte am Wein, zog eine Zigarre aus der Tasche, sah mich nach Streichhölzern um, aber eigentlich war mir nichts am Rauchen gelegen, ich legte die Zigarre vor mir auf den Tisch. „Mach’ die Augen zu“, hatte sie zu mir gesagt. Weiß Gott, woher das Mädchen diese Stimme hatte, diese etwas tiefe, gute Stimme, eine mütterliche Stimme. Es war gut, dieser Stimme zu gehorchen, ich hatte es erfahren. Gehorsam machte ich die Augen zu, lehnte den Kopf an die Wand, hörte hundert heftige Geräusche mich umtosen, lächelte über die Idee, an diesem Ort zu schlafen, beschloß, an die Saaltür zu gehen und einen Blick in den Tanzsaal zu erhaschen – ich mußte doch mein schönes Mädchen tanzen sehen –, bewegte unterm Stuhl die Füße, fühlte erst jetzt, wie unendlich müde ich vom stundenlangen Umherirren war, und blieb sitzen. Und da schlief ich schon, dem mütterlichen Befehl getreu, schlief gierig und dankbar und träumte, träumte klarer und hübscher, als ich seit langem geträumt hatte. Mir träumte:
Ich saß und wartete in einem altmodischen Vorzimmer. Zuerst wußte ich nur, daß ich bei einer Exzellenz angemeldet sei, dann fiel mir ein, daß es ja Herr von Goethe sei, von dem ich empfangen werden sollte. Leider war ich nicht ganz als Privatmann hier, sondern als Korrespondent einer Zeitschrift, das störte mich sehr, und ich konnte nicht begreifen, welcher Teufel mich in diese Situation hineingeritten habe. Außerdem beunruhigte mich ein Skorpion, der soeben noch sichtbar gewesen war und an meinem Bein hochzuklettern versucht hatte. Ich hatte mich zwar gegen das kleine schwarze Kriechtier gewehrt und geschüttelt, wußte aber nicht, wo es jetzt stecke, und wagte nirgends hinzugreifen.
Auch war ich nicht ganz sicher, ob man mich nicht aus Versehen, statt bei Goethe, bei Matthisson angemeldet habe, den ich aber im Traum mit Bürger verwechselte, denn ich schrieb ihm die Gedichte an Molly zu. Übrigens wäre mir ein Zusammentreffen mit Molly höchst erwünscht gewesen, ich dachte sie mir wundervoll, weich, musikalisch, abendlich. Wäre ich nur nicht im Auftrag jener verwünschten Redaktion dagesessen! Mein Unmut hierüber stieg mehr und mehr und übertrug sich allmählich auch auf Goethe, gegen den ich nun mit einemmal alle möglichen Bedenken und Vorwürfe hatte. Das konnte eine schöne Audienz geben! Der Skorpion aber, wenn auch gefährlich und vielleicht in meiner nächsten Nähe versteckt, war doch vielleicht nicht so schlimm; er konnte, so schien mir, vielleicht auch Freundliches bedeuten, es schien mir sehr möglich, daß er irgend etwas mit Molly zu tun habe, eine Art Bote von ihr sei oder ihr Wappentier, ein schönes, gefährliches Wappentier der Weiblichkeit und der Sünde. Konnte das Tier nicht vielleicht Vulpius heißen? Aber da riß ein Diener die Tür auf, ich erhob mich und ging hinein.
Da stand der alte Goethe, klein und sehr steif, und richtig hatte er einen dicken Ordensstern auf seiner Klassikerbrust. Immer noch schien er zu regieren, immer noch Audienzen zu empfangen, immer noch die Welt von seinem Weimarer Museum aus zu kontrollieren. Denn kaum hatte er mich erblickt, so nickte er ruckend mit dem Kopf wie ein alter Rabe und sprach feierlich: „Nun, ihr jungen Leute, ihr seid ja wohl mit uns und unseren Bemühungen recht wenig einverstanden?“
„Ganz richtig“, sagte ich, von seinem Ministerblick durchkältet. „Wir jungen Leute sind in der Tat nicht mit Ihnen einverstanden, alter Herr. Sie sind uns zu feierlich, Exzellenz, und zu eitel und wichtigtuerisch und zu wenig aufrichtig. Dies dürfte das Wesentliche sein: zu wenig aufrichtig.“
Der kleine alte Mann bewegte den strengen Kopf etwas nach vorn, und indem sein harter, amtlich gefalteter Mund sich in einem kleinen Lächeln entspannte und entzückend lebendig wurde, schlug mir plötzlich das Herz, denn es fiel mir auf einmal das Gedicht ein „Dämmrung senkte sich von oben“ und daß dieser Mann und dieser Mund es sei, aus dem die Worte jenes Gedichtes gekommen waren. Eigentlich war ich in diesem Augenblick schon vollkommen entwaffnet und übermannt und wäre am liebsten vor ihn hingekniet. Aber ich hielt mich stramm und hörte aus seinem lächelnden Munde die Worte: „Ei, also der Unaufrichtigkeit zeihen Sie mich? Was das für Worte sind! Wollen Sie sich nicht näher erklären?“
Gerne wollte ich das, sehr gerne.
„Sie haben, Herr von Goethe, gleich allen großen Geistern die Fragwürdigkeit, die Hoffnungslosigkeit des Menschenlebens deutlich erkannt und gefühlt: die Herrlichkeit des Augenblicks und sein elendes Verwelken, die Unmöglichkeit, eine schöne Höhe des Gefühls anders zu bezahlen als durch die Kerkerhaft des Alltags, die brennende Sehnsucht nach dem Reich des Geistes, die mit der ebenso brennenden und ebenso heiligen Liebe zur verlornen Unschuld der Natur in ewigem tödlichen Kampfe liegt, dies ganze furchtbare Schweben im Leeren und Ungewissen, dies Verurteiltsein zum Vergänglichen, niemals Vollgültigen, ewig Versuchhaften und Dilettantischen – kurz, die ganze Aussichtslosigkeit, Verstiegenheit und brennende Verzweiflung des Menschseins. Dies alles haben Sie gekannt, sich je und je auch dazu bekannt, und dennoch haben Sie mit Ihrem ganzen Leben das Gegenteil gepredigt, haben Glauben und Optimismus geäußert, haben sich und andern eine Dauer und einen Sinn unsrer geistigen Anstrengungen vorgespiegelt. Sie haben die Bekenner der Tiefe, die Stimmen der verzweifelten Wahrheit abgelehnt und unterdrückt, in sich selbst ebenso wie in Kleist und Beethoven. Sie haben jahrzehntelang so getan, als sei das Anhäufen von Wissen, von Sammlungen, das Schreiben und Sammeln von Briefen, als sei Ihre ganze Weimarer Altersexistenz in der Tat ein Weg, um den Augenblick zu verewigen, den Sie doch nur mumifizieren konnten, um die Natur zu vergeistigen, die Sie doch nur zur Maske stilisieren konnten. Das ist die Unaufrichtigkeit, die wir Ihnen vorwerfen.“
Nachdenklich blickte der alte Geheimrat mir in die Augen, sein Mund lächelte noch immer.
Dann fragte er zu meiner Verwunderung: „Die Zauberflöte von Mozart muß Ihnen dann wohl recht sehr zuwider sein?“
Und noch ehe ich protestieren konnte, fuhr er fort: „Die Zauberflöte stellt das Leben als einen köstlichen Gesang dar, sie preist unsere Gefühle, die doch vergänglich sind, wie etwas Ewiges und Göttliches, sie stimmt weder dem Herrn von Kleist noch dem Herrn Beethoven zu, sondern predigt Optimismus und Glauben.“
„Ich weiß, ich weiß!“ rief ich wütend. „Weiß Gott, wie Sie gerade auf die Zauberflöte verfallen sind, die mir das Liebste auf der Welt ist! Aber Mozart ist nicht zweiundachtzig Jahre alt geworden und hat nicht in seinem persönlichen Leben diese Ansprüche an Dauer, an Ordnung, an steife Würde gestellt wie Sie! Er hat sich nicht so wichtig gemacht! Er hat seine göttlichen Melodien gesungen und ist arm gewesen und ist früh gestorben, arm, verkannt – –“
Der Atem ging mir aus. Tausend Dinge hätten jetzt in zehn Worten gesagt werden müssen, ich begann an der Stirn zu schwitzen.
Goethe aber sagte sehr freundlich: „Daß ich zweiundachtzig Jahre alt geworden bin, mag immerhin unverzeihlich sein. Mein Vergnügen daran war indessen geringer, als Sie denken mögen. Sie haben recht: ein großes Verlangen nach Dauer hat mich stets erfüllt, ich habe stets den Tod gefürchtet und bekämpft. Ich glaube, der Kampf gegen den Tod, das unbedingte und eigensinnige Lebenwollen ist der Antrieb, aus welchem alle hervorragenden Menschen gehandelt und gelebt haben. Daß man am Ende dennoch sterben muß, dies hingegen, mein junger Freund, habe ich mit zweiundachtzig Jahren ebenso bündig bewiesen, wie wenn ich als Schulknabe gestorben wäre. Wenn es zu meiner Rechtfertigung dienen kann, möchte ich dies noch sagen: in meiner Natur ist viel Kindliches gewesen, viel Neugierde und Spieltrieb, viel Lust zum Zeitvergeuden. Nun, und da habe ich eben etwas lange gebraucht, bis ich einsah, es müsse des Spielens einmal genug sein.“
Während er dies sagte, lächelte er ganz durchtrieben, geradezu schlingelhaft. Seine Gestalt war größer geworden, die steife Haltung und die krampfhafte Würde im Gesicht war verschwunden. Und die Luft um uns her war jetzt ganz voll von lauter Melodien, lauter Goetheliedern, ich hörte Mozarts „Veilchen“ und Schuberts „Füllest wieder Busch und Tal“ deutlich heraus. Und Goethes Gesicht war jetzt rosig und jung und lachte und glich bald dem Mozart, bald dem Schubert wie ein Bruder, und der Stern auf seiner Brust bestand aus lauter Wiesenblumen, eine gelbe Primel blühte froh und feist aus seiner Mitte hervor.
Es paßte mir nicht ganz, daß der alte Mann sich meinen Fragen und Anklagen auf eine so scherzhafte Art entziehen wollte, und ich blickte ihn vorwurfsvoll an. Da neigte er sich vor und brachte seinen Mund, den schon ganz kindlich gewordenen Mund, dicht an mein Ohr und flüsterte leise in mein Ohr hinein: „Mein Junge, du nimmst den alten Goethe viel zu ernst. Alte Leute, die schon gestorben sind, muß man nicht ernst nehmen, man tut ihnen sonst unrecht. Wir Unsterblichen lieben das Ernstnehmen nicht, wir lieben den Spaß. Der Ernst, mein Junge, ist eine Angelegenheit der Zeit; er entsteht, soviel will ich dir verraten, aus einer Überschätzung der Zeit. Auch ich habe den Wert der Zeit einst überschätzt, darum wollte ich hundert Jahre alt werden. In der Ewigkeit aber, siehst du, gibt es keine Zeit; die Ewigkeit ist bloß ein Augenblick, gerade lang genug für einen Spaß.“
In der Tat war kein ernstes Wort mehr mit dem Mann zu reden, er tänzelte vergnügt und gelenkig auf und nieder und ließ die Primel aus seinem Stern bald wie eine Rakete herausschießen, bald klein werden und verschwinden. Während er mit seinen Tanzschritten und Figuren glänzte, mußte ich denken, daß dieser Mann es wenigstens nicht versäumt habe, tanzen zu lernen. Er konnte es wundervoll. Da fiel der Skorpion mir wieder ein, oder vielmehr Molly, und ich rief Goethe zu: „Sagen Sie, ist Molly nicht da?“
Goethe lachte laut. Er ging zu seinem Tisch, schloß ein Schubfach auf, nahm eine kostbare lederne oder samtene Dose heraus, öffnete sie und hielt sie mir unter die Augen. Da lag klein, tadellos und schimmernd ein winziges Frauenbein auf dem dunklen Samt, ein entzückendes Bein, im Knie ein wenig gebogen, der Fuß nach unten gestreckt, in die zierlichsten Zehen spitz auslaufend.
Ich streckte die Hand aus und wollte das kleine Bein an mich nehmen, das mich ganz verliebt machte, aber sowie ich mit zwei Fingern zugreifen wollte, schien das Spielzeug sich mit einem winzigen Zuck zu bewegen, und es kam mir plötzlich der Verdacht, dies könne der Skorpion sein. Goethe schien das zu begreifen, schien sogar gerade dies gewollt und bezweckt zu haben, diese tiefe Verlegenheit, diesen zuckenden Zwiespalt von Begehren und Angst. Er hielt mir das reizende Skorpiönchen ganz nahe vors Gesicht, sah mich danach verlangen, sah mich davor zurückschaudern, und dies schien ihm ein großes Vergnügen zu machen. Während er mich mit dem holden gefährlichen Ding neckte, war er wieder ganz alt geworden, uralt, tausend Jahre alt, mit schneeweißem Haar, und sein welkes Greisengesicht lachte still und lautlos, lachte heftig in sich hinein mit einem abgründigen Greisenhumor.
Als ich erwachte, hatte ich den Traum vergessen, erst später fiel er mir wieder ein. Ich hatte wohl gegen eine Stunde geschlafen, mitten in Musik und Getriebe, am Wirtstisch, nie hätte ich das für möglich gehalten. Das liebe Mädchen stand vor mir, eine Hand auf meiner Schulter.
„Gib mir zwei oder drei Mark,“ sagte sie, „ich habe drüben etwas verzehrt.“
Ich gab ihr meinen Geldbeutel, sie ging damit und kam bald wieder.
„So, jetzt kann ich noch ein kleines Weilchen bei dir sitzen, dann muß ich gehen, ich habe eine Verabredung.“
Ich erschrak. „Mit wem denn?“ fragte ich schnell.
„Mit einem Herrn, kleiner Harry. Er hat mich in die Odeon-Bar eingeladen.“
„Oh, ich dachte, du würdest mich nicht allein lassen.“
„Dann hättest eben du mich einladen müssen. Es ist dir einer zuvorgekommen. Nun, du sparst hübsch Geld dabei. Kennst du das Odeon? Nach Mitternacht nur Champagner. Klubsessel, Negerkapelle, sehr fein.“
Dies alles hatte ich nicht bedacht.
„Ach,“ sagte ich bittend, „laß dich doch von mir einladen! Ich hielt das für selbstverständlich, wir sind doch Freunde geworden. Laß dich einladen, wohin du willst, ich bitte dich.“
„Das ist nett von dir. Aber schau’, ein Wort ist ein Wort, ich habe angenommen, und ich werde hingehen. Gib dir keine Mühe mehr! Komm, nimm noch einen Schluck, wir haben ja noch Wein in der Flasche. Den trinkst du aus und gehst dann hübsch nach Hause und schläfst. Versprich mir’s.“
„Nein, du, nach Hause kann ich nicht gehen.“
„Ach du, mit deinen Geschichten! Bist du noch immer nicht mit dem Goethe fertig? (In diesem Augenblick fiel mir der Goethetraum wieder ein.) Aber wenn du wirklich nicht heimgehen kannst, dann bleib hier im Haus, es sind Fremdenzimmer da. Soll ich dir eins besorgen?“
Ich war damit zufrieden und fragte, wo ich sie wiedersehen könne. Wo sie denn wohne? Das sagte sie mir nicht. Ich solle nur ein wenig suchen, dann fände ich sie schon.
„Darf ich dich nicht einladen?“
„Wohin?“
„Wohin du magst, und wann du magst.“
„Gut. Am Dienstag zum Abendessen im Alten Franziskaner, im ersten Stock. Auf Wiedersehen!“
Sie gab mir die Hand, und erst jetzt fiel diese Hand mir auf, eine Hand, die ganz zu ihrer Stimme paßte, schön und voll, klug und gütig. Sie lachte spöttisch, als ich ihr die Hand küßte.
Und im letzten Augenblick wandte sie sich nochmals zu mir um und sagte: „Ich will dir noch etwas sagen, wegen des Goethe. Schau’, so, wie es dir mit dem Goethe gegangen ist, daß du das Bild von ihm nicht vertragen konntest, so geht es mir manchmal mit den Heiligen.“
„Den Heiligen? Bist du so fromm?“
„Nein, ich bin nicht fromm, leider, aber ich bin es einmal gewesen und werde es einmal wieder sein. Man hat ja keine Zeit zum Frommsein.“
„Keine Zeit? Braucht man denn Zeit dazu?“
„O ja. Zum Frommsein braucht man Zeit, man braucht sogar noch mehr: Unabhängigkeit von der Zeit! Du kannst nicht ernstlich fromm sein und zugleich in der Wirklichkeit leben und sie auch noch ernst nehmen: die Zeit, das Geld, die Odeon-Bar und all das.“
„Ich verstehe. Aber wie ist das mit den Heiligen?“
„Ja, da gibt es manche Heilige, die habe ich besonders gern: den Stefan, den heiligen Franz und andere. Von ihnen sehe ich nun manchmal Bilder und auch vom Heiland und der Muttergottes, solche verlogene, verfälschte, verdummte Bilder, und die kann ich gerade so wenig ausstehen wie du jenes Goethebild. Wenn ich so einen süßen dummen Heiland oder heiligen Franz sehe und sehe, wie andere diese Bilder schön und erbaulich finden, dann spüre ich es wie eine Beleidigung des richtigen Heilands und denke: ach, wozu hat er gelebt und so furchtbar gelitten, wenn den Leuten schon so ein dummes Bild von ihm genügt! Aber ich weiß trotzdem, daß auch mein Heiland- oder Franzbild bloß ein Menschenbild ist und an das Urbild nicht hinreicht, daß dem Heiland selbst mein inneres Heilandbild gerade so dumm und unzulänglich vorkommen würde wie mir jene süßlichen Nachbilder. Ich sage dir das nicht, um dir in deiner Verstimmung und Wut gegen das Goethebild recht zu geben, nein, du bist da im Unrecht. Ich sage es bloß, um dir zu zeigen, daß ich dich verstehen kann. Ihr Gelehrte und Künstler habt ja allerlei aparte Sachen in euren Köpfen, aber ihr seid Menschen wie andre, und auch wir andern haben unsre Träume und Spiele im Kopf. Ich habe nämlich gemerkt, gelehrter Herr, daß du ein bißchen in Verlegenheit kamst, wie du mir deine Goethegeschichte erzählen solltest – du mußtest dich anstrengen, um deine idealen Sachen so einem einfachen Mädchen verständlich zu machen. Nun, und da möchte ich dir doch zeigen, daß du dich nicht so anzustrengen brauchst. Ich verstehe dich schon. So, und jetzt Schluß! Du gehörst ins Bett.“
Sie ging, und mich führte ein greiser Hausdiener zwei Treppen hinauf, vielmehr, erst fragte er nach meinem Gepäck, und als er hörte, es sei keines da, mußte ich das, was er „Schlafgeld“ nannte, vorausbezahlen. Dann brachte er mich, durch ein altes finstres Treppenhaus, in eine Kammer hinauf und ließ mich allein. Da stand ein dürres Holzbett, sehr kurz und hart, und an der Wand hing ein Säbel und ein farbiges Bildnis von Garibaldi, auch ein verwelkter Kranz von einer Vereinsfeier. Für ein Nachthemd hätte ich viel gegeben. Wenigstens war Wasser und ein kleines Handtuch da, ich konnte mich waschen, dann legte ich mich in den Kleidern aufs Bett, ließ das Licht brennen und hatte Zeit zum Nachdenken. Also mit Goethe war ich jetzt in Ordnung. Herrlich, daß er im Traum zu mir gekommen war! Und dieses wunderbare Mädchen – wenn ich doch ihren Namen gewußt hätte! Plötzlich ein Mensch, ein lebendiger Mensch, der die trübe Glasglocke meiner Abgestorbenheit zerschlug und mir die Hand hereinstreckte, eine gute, schöne, warme Hand! Plötzlich wieder Dinge, die mich etwas angingen, an die ich mit Freude, mit Sorge, mit Spannung denken konnte! Plötzlich eine Türe offen, durch die das Leben zu mir hereinkam! Ich konnte vielleicht wieder leben, ich konnte vielleicht wieder ein Mensch werden. Meine Seele, in der Kälte eingeschlafen und nahezu erfroren, atmete wieder, schlug schläfrig mit kleinen schwachen Flügeln. Goethe war bei mir gewesen. Ein Mädchen hatte mich essen, trinken, schlafen geheißen, hatte mir Freundliches erwiesen, hatte mich ausgelacht, hatte mich einen dummen kleinen Jungen genannt. Und sie hatte mir auch, die wunderbare Freundin, von den Heiligen erzählt und mir gezeigt, daß ich sogar in meinen wunderlichsten Verstiegenheiten gar nicht allein und unverstanden und eine krankhafte Ausnahme sei, daß ich Geschwister habe, daß man mich verstehe. Ob ich sie wiedersehen würde? Ja, gewiß, sie war zuverlässig. „Ein Wort ist ein Wort.“
Und schon schlief ich wieder, schlief vier, fünf Stunden. Es war zehn Uhr vorüber, als ich aufwachte, in zerknitterten Kleidern, zerschlagen, müde, die Erinnerung an irgend etwas Gräßliches von gestern im Kopf, aber lebendig, hoffnungsvoll, voll guter Gedanken. Bei der Heimkehr in meine Wohnung empfand ich nichts mehr von den Schrecken, die diese Heimkehr gestern für mich gehabt hatte.
Auf der Treppe, oberhalb der Araukarie, traf ich mit der „Tante“ zusammen, meiner Vermieterin, die ich selten zu Gesicht bekam, deren freundliches Wesen mir aber sehr gefiel. Die Begegnung war mir nicht angenehm, ich war immerhin etwas verwahrlost und übernächtig, nicht gekämmt und nicht rasiert. Ich grüßte und wollte vorübergehen. Sonst respektierte sie mein Verlangen nach Alleinbleiben und Nichtbeachtetwerden stets, heut aber schien in der Tat zwischen mir und der Umwelt ein Schleier zerrissen, eine Schranke gefallen zu sein – sie lachte und blieb stehen.
„Sie haben gebummelt, Herr Haller, Sie waren ja heut nacht gar nicht im Bett. Sie werden schön müde sein!“
„Ja,“ sagte ich und mußte auch lachen, „es ging heut nacht etwas lebhaft zu, und weil ich den Stil Ihres Hauses nicht stören wollte, schlief ich in einem Hotel. Mein Respekt vor der Ruhe und Achtbarkeit Ihres Hauses ist groß, manchmal komme ich mir darin sehr wie ein Fremdkörper vor.“
„Spotten Sie nicht, Herr Haller!“
„Oh, ich spotte bloß über mich selber.“
„Eben das sollten Sie nicht tun. Sie sollen sich in meinem Haus nicht als ‚Fremdkörper‘ fühlen. Sie sollen leben, wie es Ihnen gefällt, und treiben, was Sie mögen. Ich habe schon manche sehr, sehr achtbare Mieter gehabt, Juwelen an Achtbarkeit, aber keiner war ruhiger und hat uns weniger gestört als Sie. Und jetzt – wollen Sie einen Tee haben?“
Ich widerstand nicht. In ihrem Salon mit den schönen Großväterbildern und Großvätermöbeln bekam ich Tee vorgesetzt, und wir schwatzten ein wenig, die freundliche Frau erfuhr, ohne eigentlich zu fragen, dies und jenes aus meinem Leben und meinen Gedanken und hörte zu mit der Mischung von Achtung und mütterlichem Nicht-ganz-ernst-nehmen, welche kluge Frauen für die Verschrobenheiten der Männer haben. Es war auch von ihrem Neffen die Rede, und sie zeigte mir in einem Nebenzimmer dessen neueste Feierabendarbeit, einen Radioapparat. Da saß der fleißige junge Mensch an seinen Abenden und stocherte eine solche Maschine zusammen, hingerissen von der Idee der Drahtlosigkeit, anbetend auf frommen Knien vor dem Gott der Technik, welcher es fertiggebracht hat, nach Jahrtausenden Dinge zu entdecken und höchst unvollkommen darzustellen, welche jeder Denker schon immer gewußt und klüger benutzt hat. Wir sprachen darüber, denn die Tante neigt ein klein wenig zur Frömmigkeit, und religiöse Gespräche sind ihr nicht unlieb. Ich sagte ihr, die Allgegenwart aller Kräfte und Taten sei den alten Indern sehr wohl bekannt gewesen und die Technik habe lediglich ein kleines Stück dieser Tatsache dadurch ins allgemeine Bewußtsein gebracht, daß sie dafür, nämlich für die Tonwellen, einen vorerst noch grauenhaft unvollkommenen Empfänger und Sender konstruiert habe. Die Hauptsache jener alten Erkenntnis, die Unwirklichkeit der Zeit, sei bisher von der Technik noch nicht bemerkt worden, schließlich werde aber natürlich auch sie „entdeckt“ werden und den geschäftigen Ingenieuren in die Finger geraten. Man werde, vielleicht schon sehr bald, entdecken, daß nicht nur gegenwärtige, augenblickliche Bilder und Geschehnisse uns beständig umfluten, so, wie die Musik aus Paris und Berlin jetzt in Frankfurt oder Zürich hörbar gemacht wird, sondern daß alles je Geschehene ganz ebenso registriert und vorhanden sei und daß wir wohl eines Tages, mit oder ohne Draht, mit oder ohne störende Nebengeräusche, den König Salomo und den Walther von der Vogelweide werden sprechen hören. Und daß dies alles, ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben. Aber ich sagte alle diese mir geläufigen Dinge nicht mit dem gewohnten Ton von Erbitterung und Hohn gegen die Zeit und gegen die Technik, sondern scherzhaft und spielend, und die Tante lächelte, und wir saßen wohl eine Stunde beisammen, tranken Tee und waren zufrieden.
Auf Dienstag abend hatte ich das schöne, merkwürdige Mädchen aus dem Schwarzen Adler eingeladen, und die Zeit bis dahin herumzubringen, machte mir nicht wenig Mühe. Und als endlich der Dienstag gekommen war, war mir die Wichtigkeit meiner Beziehung zu dem unbekannten Mädchen bis zum Erschrecken klar geworden. Ich dachte nur an sie, ich erwartete alles von ihr, ich war bereit, ihr alles zu opfern und zu Füßen zu legen, ohne doch im mindesten in sie verliebt zu sein. Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie würde unsere Verabredung brechen oder vergessen können, dann sah ich deutlich, wie es mit mir stand; dann wäre die Welt wieder leer, wäre ein Tag so grau und wertlos wie der andre, wäre um mich her wieder die ganze grauenvolle Stille und Erstorbenheit gewesen und kein Ausgang aus dieser schweigsamen Hölle als das Rasiermesser. Und das Rasiermesser war mir in diesen paar Tagen um nichts lieber geworden, es hatte nichts von seinen Schrecken verloren. Dies eben war ja das Häßliche: ich hatte eine tiefe, herzerdrückende Angst vor dem Schnitt durch meine Kehle, ich fürchtete mich vor dem Sterben mit ebenso wilder, zäher, sich wehrender und bäumender Kraft, als wenn ich der gesundeste Mensch und mein Leben ein Paradies gewesen wäre. Ich erkannte meinen Zustand mit voller, rücksichtsloser Deutlichkeit und erkannte, daß die unerträgliche Spannung zwischen Nichtlebenkönnen und Nichtsterbenkönnen es war, die mir die Unbekannte, die kleine hübsche Tänzerin aus dem Schwarzen Adler, so wichtig machte. Sie war das kleine Fensterchen, das winzige lichte Loch in meiner finstern Angsthöhle. Sie war die Erlösung, der Weg ins Freie. Sie mußte mich leben lehren oder sterben lehren, sie mit ihrer festen und hübschen Hand mußte mein erstarrtes Herz antasten, damit es unter der Berührung des Lebens entweder aufblühe oder in Asche zerfalle. Woher sie diese Kräfte nahm, woher die Magie ihr kam, aus welchen geheimnisvollen Gründen ihr diese tiefe Bedeutung für mich erwachsen war, darüber konnte ich nicht nachdenken, es war auch einerlei; mir lag nichts daran, dies zu wissen. An keinem Wissen, an keiner Einsicht war mir mehr das mindeste gelegen, eben damit war ich ja überfüttert, eben darin lag die schärfste und höhnendste Qual und Schmach für mich, daß ich meinen eigenen Zustand so deutlich sah, seiner so sehr bewußt war. Ich sah diesen Kerl, dieses Vieh von Steppenwolf vor mir wie eine Fliege im Netz und sah zu, wie sein Schicksal der Entscheidung zutrieb, wie er verstrickt und wehrlos im Netze hing, wie die Spinne zum Zubeißen bereit war, wie eine rettende Hand ebenso nahe schien. Ich hätte über die Zusammenhänge und Ursachen meines Leidens, meiner Seelenkrankheit, meiner Verhextheit und Neurose die klügsten und einsichtsvollsten Sachen sagen können, die Mechanik war mir durchsichtig. Aber nicht Wissen und Verstehen war es, was mir not tat, wonach ich mich so verzweifelt sehnte, sondern Erleben, Entscheidung, Stoß und Sprung.
Obwohl ich in jenen paar Tagen des Wartens niemals daran zweifelte, daß meine Freundin ihr Wort halten werde, war ich am letzten Tage doch sehr erregt und ungewiß; nie im Leben habe ich ungeduldiger auf den Abend eines Tages gewartet. Und während die Spannung und Ungeduld mir beinahe unerträglich wurde, tat sie zugleich doch wunderbar wohl: unausdenklich schön und neu war es für mich, den Ernüchterten, der seit langer Zeit auf nichts gewartet, sich auf nichts gefreut hatte – wunderbar war es, diesen ganzen Tag voll Unruhe, Bangigkeit und heftiger Erwartung hin und her zu rennen, sich die Begegnung, die Gespräche, die Ergebnisse des Abends im voraus auszudenken, sich dafür zu rasieren und anzukleiden (mit besonderer Sorgfalt, neuem Hemd, neuer Krawatte, neuen Schuhnesteln). Mochte dies kluge und geheimnisvolle kleine Mädchen sein, wer sie wollte, mochte sie auf diese oder auf jene Weise in diese Beziehung zu mir geraten sein, mir war es einerlei; sie war da, das Wunder war geschehen, daß ich nochmals einen Menschen und ein neues Interesse am Leben gefunden hatte! Wichtig war nur, daß dies weiterging, daß ich mich dieser Anziehung überließ, diesem Stern folgte.
Unvergeßlicher Augenblick, als ich sie wiedersah! Ich saß an einem kleinen Tisch des alten behaglichen Restaurants, den ich unnötigerweise vorher telephonisch bestellt hatte, studierte die Speisekarte und hatte im Wasserglase zwei schöne Orchideen stehen, die ich für meine Freundin gekauft hatte. Ich mußte eine ganze Weile auf sie warten, fühlte mich aber ihres Kommens sicher und war nicht mehr erregt. Und nun kam sie, blieb vor der Garderobe stehen und grüßte mich nur durch einen aufmerksamen, etwas prüfenden Blick aus ihren hellgrauen Augen. Mißtrauisch kontrollierte ich, wie sich der Kellner gegen sie benehme. Nein, Gott sei Dank, keine Vertraulichkeit, kein Mangel an Distanz, er war tadellos höflich. Und doch kannten sie sich, sie nannte ihn Emil.
Als ich ihr die Orchideen gab, war sie erfreut und lachte. „Das ist hübsch von dir, Harry. Du wolltest mir ein Geschenk machen, nicht wahr, und wußtest nicht recht, was wählen, du wußtest nicht so ganz, wieweit du eigentlich berechtigt seiest, mich zu beschenken, ob ich nicht beleidigt sein werde, und da hast du denn Orchideen gekauft, das sind bloß Blumen und sind doch hübsch teuer. Also danke schön. Übrigens will ich dir gleich sagen: ich will nicht von dir beschenkt werden. Ich lebe von den Männern, aber von dir will ich nicht leben. Aber wie du dich verändert hast! Man kennt dich nicht wieder. Neulich hast du ausgesehen, als hätte man dich grade vom Strick abgeschnitten, und jetzt bist du schon beinah wieder ein Mensch. Hast du übrigens meinen Befehl ausgeführt?“
„Welchen Befehl?“
„So vergeßlich? Ich meine, ob du jetzt Foxtrott tanzen kannst? Du hast mir gesagt, daß du dir nichts Besseres wünschest, als Befehle von mir zu erhalten, dir sei nichts lieber, als mir zu gehorchen. Erinnerst du dich?“
„O ja, und dabei soll es bleiben! Es war mir Ernst.“
„Und doch hast du noch nicht tanzen gelernt?“
„Kann man denn das so schnell, bloß in ein paar Tagen?“
„Natürlich. Fox kannst du in einer Stunde lernen, Boston in zwei. Tango geht länger, aber den brauchst du gar nicht.“
„Aber jetzt muß ich endlich deinen Namen wissen!“
Sie blickte mich eine Weile schweigend an.
„Du kannst ihn vielleicht erraten. Es wäre mir sehr lieb, wenn du ihn erraten würdest. Paß einmal auf und sieh mich gut an! Ist dir noch nicht aufgefallen, daß ich manchmal ein Knabengesicht habe? Zum Beispiel jetzt?“
Ja, indem ich jetzt ihr Gesicht genau betrachtete, mußte ich ihr recht geben, es war ein Knabengesicht. Und als ich mir eine Minute Zeit ließ, begann das Gesicht zu mir zu sprechen und erinnerte mich an meine eigene Knabenzeit und an meinen damaligen Freund, der hatte Hermann geheißen. Einen Augenblick schien sie ganz in diesen Hermann verwandelt.
„Wenn du ein Knabe wärst,“ sagte ich staunend, „müßtest du Hermann heißen.“
„Wer weiß, vielleicht bin ich einer und bin bloß verkleidet“, sagte sie spielerisch.
„Heißt du Hermine?“
Sie nickte strahlend, froh über mein Erraten. Eben kam die Suppe, wir begannen zu essen, und sie wurde kindlich vergnügt. Von allem, was mir an ihr gefiel und mich bezauberte, war dies das hübscheste und eigenartigste, daß sie ganz plötzlich vom tiefsten Ernst zur drolligsten Lustigkeit übergehen konnte und umgekehrt und sich dabei gar nicht änderte und verzerrte, es war wie bei einem begabten Kinde. Jetzt war sie eine Weile lustig, neckte mich mit dem Foxtrott, stieß mich sogar mit den Füßen an, lobte das Essen mit Eifer, bemerkte, daß ich mir mit dem Anziehen Mühe gegeben habe, hatte aber noch eine Menge an meinem Äußeren auszusetzen.
Zwischenein fragte ich sie: „Wie hast du das gemacht, daß du plötzlich wie ein Knabe aussahest und daß ich deinen Namen erraten konnte?“
„Oh, das hast alles du selber gemacht. Begreifst du das nicht, du gelehrter Herr: daß ich dir darum gefalle und für dich wichtig bin, weil ich wie eine Art Spiegel für dich bin, weil in mir innen etwas ist, was dir Antwort gibt und dich versteht? Eigentlich sollten alle Menschen füreinander solche Spiegel sein und einander so antworten und entsprechen, aber solche Käuze wie du sind eben wunderlich und verlaufen sich leicht in eine Verzauberung, daß sie in den Augen andrer Menschen nichts mehr sehen und lesen können, daß es sie nichts mehr angeht. Und wenn dann so ein Kauz plötzlich doch wieder ein Gesicht findet, das ihn wirklich anschaut, in dem er etwas wie Antwort und Verwandtschaft spürt, ja, dann hat er natürlich eine Freude.“
„Du weißt alles, Hermine“, rief ich erstaunt. „Es ist genau so, wie du sagst. Und doch bist du so ganz und gar anders als ich! Du bist ja mein Gegenteil; du hast alles, was mir fehlt.“
„So kommt es dir vor,“ sagte sie lakonisch, „und das ist gut.“
Und jetzt floß über ihr Gesicht, das mir in der Tat wie ein Zauberspiegel war, eine schwere Wolke von Ernst, plötzlich sprach dies ganze Gesicht nur noch Ernst, nur noch Tragik, bodenlos wie aus den leeren Augen einer Maske. Langsam, Wort für Wort wie widerwillig hergebend, sagte sie:
„Du, vergiß nicht, was du zu mir gesagt hast! Du hast gesagt, ich solle dir befehlen, und es würde dir eine Freude sein, allen meinen Befehlen zu gehorchen. Vergiß das nicht! Du mußt wissen, kleiner Harry: so, wie es dir mit mir geht, daß mein Gesicht dir Antwort gibt, daß etwas in mir dir entgegenkommt und dir Vertrauen macht – ebenso geht es mir auch mit dir. Als ich dich neulich im Schwarzen Adler hereinkommen sah, so müd und abwesend und schon beinah nicht mehr auf dieser Welt, da spürte ich gleich: der wird mir gehorchen, der sehnt sich danach, daß ich ihm befehle! Und das werde ich auch tun, darum habe ich dich angesprochen, und darum sind wir Freunde geworden.“
Sie sprach so voll schweren Ernstes, so unter hohem Druck der Seele, daß ich nicht ganz mitkam und sie zu beruhigen und abzulenken suchte. Sie schüttelte das nur mit einem Zucken der Augenbrauen von sich, sah mich zwingend an und fuhr fort, mit ganz kalter Stimme: „Du mußt dein Wort halten, Kleiner, das sage ich dir, oder du sollst es bereuen. Du wirst viele Befehle von mir erhalten und wirst ihnen folgen, hübsche Befehle, angenehme Befehle, es wird dir eine Lust sein, ihnen zu gehorchen. Und zuletzt wirst du auch meinen letzten Befehl erfüllen, Harry.“
„Ich werde“, sagte ich halb willenlos. „Was wird dein letzter Befehl für mich sein?“ Ich ahnte ihn aber schon, Gott weiß warum.
Sie schüttelte sich wie unter einem leichten Frostschauer und schien aus ihrer Versunkenheit langsam zu erwachen. Ihre Augen ließen mich nicht los. Sie wurde plötzlich noch finsterer.
„Es wäre klug von mir, dir das nicht zu sagen. Ich will aber nicht klug sein, Harry, diesmal nicht. Ich will etwas ganz anderes. Paß auf, hör’ zu! Du wirst es hören, wirst es wieder vergessen, wirst darüber lachen, wirst darüber weinen. Paß auf, Kleiner! Ich will mit dir um Leben und Tod spielen, Brüderchen, und ich will dir meine Karten, noch eh wir anfangen zu spielen, offen zeigen.“
Wie schön war ihr Gesicht, wie überirdisch, als sie das sagte! In den Augen kühl und hell schwamm wissende Trauer, diese Augen schienen schon alles irgend erdenkliche Leid gelitten und ja dazu gesagt zu haben. Der Mund sprach schwer und wie behindert, etwa so, wie man spricht, wenn einem großer Frost das Gesicht erstarrt hat; aber zwischen den Lippen, in den Mundwinkeln, im Spiel der nur selten sichtbar werdenden Zungenspitze floß, im Widerspruch zu Blick und Stimme, lauter süße spielende Sinnlichkeit, inniges Lustverlangen. In die stille glatte Stirn hing eine kurze Locke herab, von dort aus, von dieser Stirnecke mit der Locke her, strömte von Zeit zu Zeit wie lebendiger Atem jene Welle von Knabenähnlichkeit, von hermaphrodisischer Magie. Angstvoll hörte ich ihr zu, und doch wie betäubt, wie nur halb anwesend.
„Du hast mich gern“, fuhr sie fort, „aus dem Grunde, den ich dir schon gesagt habe: ich habe deine Einsamkeit durchbrochen, ich habe dich gerade vor dem Tor der Hölle aufgefangen und wieder aufgeweckt. Aber ich will mehr von dir, viel mehr. Ich will dich in mich verliebt machen. Nein, widersprich mir nicht, laß mich reden! Du hast mich sehr gern, das spüre ich, und du bist mir dankbar, aber in mich verliebt bist du nicht. Ich will machen, daß du es wirst, das gehört zu meinem Beruf; ich lebe ja davon, daß ich Männer in mich verliebt machen kann. Aber paß gut auf, ich tue das nicht darum, weil ich gerade dich so entzückend fände. Ich bin nicht in dich verliebt, Harry, so wenig, wie du in mich. Aber ich brauche dich, wie du mich brauchst. Du brauchst mich jetzt, im Augenblick, weil du verzweifelt bist und einen Stoß nötig hast, der dich ins Wasser wirft und dich wieder lebendig macht. Du brauchst mich, um tanzen zu lernen, lachen zu lernen, leben zu lernen. Ich aber brauche dich, nicht heute, später, auch zu etwas sehr Wichtigem und Schönem. Ich werde dir, wenn du in mich verliebt sein wirst, meinen letzten Befehl geben, und du wirst gehorchen, und das wird für dich und mich gut sein.“