Der Steppenwolf
Fortsetzung der „Aufzeichnungen“
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Sie hob eine von den braunvioletten, grüngeäderten Orchideen ein wenig im Glase, beugte ihr Gesicht einen Augenblick darüber und starrte die Blume an.
„Du wirst es nicht leicht haben, aber du wirst es tun. Du wirst meinen Befehl erfüllen und wirst mich töten. Das ist es. Frage nicht mehr!“
Mit dem Blick noch bei der Orchidee, verstummte sie, ihr Gesicht entspannte sich, wie eine aufgehende Blumenknospe entrollte es sich aus Druck und Spannung, und plötzlich stand ein entzückendes Lächeln auf ihren Lippen, während die Augen noch einen Augenblick starr und gebannt blieben. Und jetzt schüttelte sie den Kopf mit der kleinen Bubenlocke, trank einen Schluck Wasser, sah plötzlich wieder, daß wir am Essen waren und fiel mit freudigem Appetit über die Speisen her.
Ich hatte Wort für Wort ihrer unheimlichen Rede deutlich gehört, hatte sogar ihren „letzten Befehl“ erraten, noch ehe sie ihn aussprach, und war über das „Du wirst mich töten“ nicht mehr erschrocken. Alles, was sie sagte, klang mir überzeugend und schicksalhaft, ich nahm es an und wehrte mich nicht dagegen, und doch war alles, trotz dem grauenhaften Ernst, mit dem sie gesprochen hatte, für mich ohne volle Wirklichkeit und Ernsthaftigkeit. Ein Teil meiner Seele sog ihre Worte auf und glaubte ihnen, ein andrer Teil meiner Seele nickte begütigend und nahm zur Kenntnis, daß also doch auch diese so kluge, gesunde und sichere Hermine ihre Phantasien und Dämmerzustände habe. Kaum war ihr letztes Wort gesprochen, so überzog eine Schicht von Unwirklichkeit und Unwirksamkeit die ganze Szene.
Immerhin konnte ich nicht mit derselben seiltänzerischen Leichtigkeit wie Hermine den Sprung ins Wahrscheinliche und Wirkliche zurück tun.
„Also ich werde dich einmal töten?“ fragte ich, leise nachträumend, während sie schon wieder lachte und voll Eifer ihr Geflügel zerschnitt.
„Natürlich,“ nickte sie obenhin, „genug davon, es ist Essenszeit. Harry, sei nett und bestelle mir noch ein wenig grünen Salat! Hast du denn keinen Appetit? Ich glaube, du mußt alles erst lernen, was sich bei andern Menschen von selber versteht, sogar die Freude am Essen. Also sieh, Kleiner, dies hier ist ein Entenbeinchen, und wenn man das helle hübsche Fleisch vom Knochen löst, dann ist das ein Fest, und es muß einem dabei gerade so appetitlich und spannend und dankbar ums Herz sein, wie einem Verliebten, wenn er seinem Mädchen zum erstenmal aus der Jacke hilft. Hast du verstanden? Nicht? Du bist ein Schaf. Paß auf, ich gebe dir ein Stück von diesem schönen Entenbeinchen, du wirst sehen. So, mach’ den Mund auf! – Oh, was für ein Scheusal du bist! Jetzt hat er, weiß Gott, zu den andern Leuten hinübergeschielt, ob sie es nicht sehen, wenn er einen Bissen von meiner Gabel kriegt! Sei ohne Sorge, du verlorener Sohn, ich werde dir keine Schande machen. Aber wenn du zu deinem Vergnügen erst die Erlaubnis anderer Leute brauchst, dann bist du wirklich ein armer Tropf.“
Immer unwirklicher wurde die vorige Szene, immer unglaublicher, daß diese Augen noch vor Minuten so schwer und grauenvoll gestarrt hatten. Oh, darin war Hermine wie das Leben selbst: stets nur Augenblick, nie im voraus zu berechnen. Jetzt aß sie, und das Entenbein und der Salat, die Torte und der Likör wurde ernst genommen, wurde zum Gegenstand von Freude und Urteil, von Gespräch und Phantasie. War der Teller weggetragen, so begann ein neues Kapitel. Diese Frau, die mich so vollkommen durchschaut hatte, die mehr über das Leben zu wissen schien als alle Weisen, betrieb das Kindsein, das kleine Lebensspiel des Augenblicks mit einer Kunst, die mich ohne weiteres zu ihrem Schüler machte. Mochte das nun hohe Weisheit sein oder einfachste Naivität: wer so dem Augenblick zu leben verstand, wer so gegenwärtig lebte und so freundlich-sorgsam jede kleine Blume am Weg, jeden kleinen spielerischen Augenblickswert zu schätzen wußte, dem konnte das Leben nichts anhaben. Und dieses frohe Kind mit seinem guten Appetit, mit seiner spielerischen Feinschmeckerei sollte zugleich eine Träumerin und Hysterikerin sein, die sich den Tod wünschte, oder eine wachsame Rechnerin, die mich bewußt und kühlen Herzens verliebt und zu ihrem Sklaven machen wollte? Das konnte nicht sein. Nein, sie war einfach so ganz dem Augenblick ergeben, daß sie, ebenso wie jedem lustigen Einfall, auch jedem flüchtigen dunklen Schauer aus fernen Seelentiefen her offenstand und ihn sich ausleben ließ.
Diese Hermine, die ich heut zum zweiten Male sah, wußte alles von mir, es schien mir nicht möglich, je vor ihr ein Geheimnis zu haben. Es mochte sein, daß sie mein geistiges Leben vielleicht nicht ganz verstanden hätte; in meine Beziehungen zur Musik, zu Goethe, zu Novalis oder Baudelaire vermöchte sie mir möglicherweise nicht zu folgen – aber auch dies war sehr fraglich, wahrscheinlich würde auch dies ihr keine Mühe machen. Und wenn auch – was war denn von meinem „geistigen Leben“ noch übrig? Lag das nicht alles in Scherben und hatte seinen Sinn verloren? Aber meine anderen, meine persönlichsten Probleme und Anliegen, die würde sie alle verstehen, daran zweifelte ich nicht. Bald würde ich mit ihr über den Steppenwolf, über den Traktat, über alles und alles reden, was bisher nur für mich allein existiert, worüber ich nie mit einem Menschen ein Wort gesprochen hatte. Ich konnte nicht widerstehen, gleich zu beginnen.
„Hermine,“ sagte ich, „mir ist neulich etwas Wunderliches begegnet. Da gab ein Unbekannter mir ein kleines gedrucktes Büchlein, ein Ding wie ein Jahrmarktsheft, und darin stand meine ganze Geschichte und alles, was mich angeht, genau beschrieben. Sag’, ist das nicht merkwürdig?“
„Wie heißt denn das Büchlein?“ fragte sie leichthin.
„Es heißt ‚Traktat vom Steppenwolf‘.“
„Oh, Steppenwolf ist großartig! Und der Steppenwolf bist du? Das sollst du sein?“
„Ja, ich bin es. Ich bin einer, der halb ein Mensch ist und halb ein Wolf, oder der sich das einbildet.“
Sie gab keine Antwort. Sie sah mir mit forschender Aufmerksamkeit in die Augen, sah auf meine Hände, und für einen Moment kam in ihren Blick und ihr Gesicht wieder der tiefe Ernst und die düstere Leidenschaftlichkeit von vorhin. Ich glaubte, ihre Gedanken zu erraten, ob ich nämlich Wolf genug sei, um ihren „letzten Befehl“ vollziehen zu können.
„Es ist natürlich eine Einbildung von dir“, sagte sie, sich zurück ins Heitere wandelnd, „oder, wenn du willst, eine Poesie. Aber es hat etwas. Heute bist du kein Wolf, aber neulich, wie du da in den Saal hereinkamst, wie vom Mond gefallen, da warst du schon so ein Stück Bestie, gerade das hat mir gefallen.“
Sie unterbrach sich mit einem plötzlichen Einfall und sagte wie betroffen: „Das klingt so dumm, so ein Wort wie ‚Bestie‘ oder ‚Raubtier‘! Man sollte nicht so von den Tieren reden. Sie sind ja oft schrecklich, aber sie sind doch viel richtiger als die Menschen.“
„Was ist ‚richtig‘? Wie meinst du das?“
„Nun, sieh dir doch ein Tier an, eine Katze, einen Hund, einen Vogel oder gar eins von den schönen großen Tieren im Zoologischen, einen Puma oder eine Giraffe! Du mußt doch sehen, daß sie alle richtig sind, daß gar kein einziges Tier in Verlegenheit ist oder nicht weiß, was es tun und wie es sich benehmen soll. Sie wollen dir nicht schmeicheln, sie wollen dir nicht imponieren. Kein Theater. Sie sind, wie sie sind, wie Steine und Blumen oder wie Sterne am Himmel. Verstehst du?“
Ich verstand.
„Meistens sind Tiere traurig“, fuhr sie fort. „Und wenn ein Mensch sehr traurig ist, nicht weil er Zahnweh hat oder Geld verloren, sondern weil er einmal für eine Stunde spürt, wie alles ist, das ganze Leben, und er ist dann richtig traurig, dann sieht er immer ein wenig einem Tier ähnlich – er sieht dann traurig aus, aber richtiger und schöner als sonst. So ist es, und so hast du ausgesehen, Steppenwolf, als ich dich zuerst gesehen habe.“
„Nun, Hermine, und was denkst du über jenes Buch, in dem ich beschrieben stehe?“
„Ach weißt du, ich mag nicht immer denken. Wir sprechen ein andermal davon. Du kannst es mir ja einmal zu lesen geben. Oder nein, wenn ich einmal wieder zum Lesen kommen sollte, dann gib mir eins von den Büchern, die du selber geschrieben hast.“
Sie bat um Kaffee und schien eine Weile unaufmerksam und zerstreut, dann plötzlich strahlte sie und schien mit ihren Grübeleien zu einem Ziel gelangt zu sein.
„Hallo,“ rief sie freudig, „jetzt hab’ ich’s!“
„Was denn?“
„Das mit dem Foxtrott, ich mußte die ganze Zeit daran denken. Also sag’: hast du ein Zimmer, in dem wir zwei hie und da eine Stunde tanzen könnten? Es kann klein sein, das macht nichts, bloß darf nicht gerade irgendeiner unter dir wohnen, der dann heraufkommt und Skandal macht, wenn es über ihm ein wenig wackelt. Also gut, sehr gut! Dann kannst du zu Hause tanzen lernen.“
„Ja,“ sagte ich schüchtern, „desto besser. Aber ich dachte, man brauche auch Musik dazu.“
„Natürlich braucht man. Also paß auf, die Musik wirst du dir kaufen, das kostet höchstens soviel wie ein Tanzkurs bei einer Lehrerin. Die Lehrerin sparst du, die mache ich selber. Dann haben wir Musik, sooft wir wollen, und das Grammophon bleibt uns obendrein.“
„Das Grammophon?“
„Selbstverständlich. Du kaufst so einen kleinen Apparat und ein paar Tanzplatten dazu ...“
„Herrlich,“ rief ich, „und wenn es dir wirklich gelingt, mir das Tanzen beizubringen, dann bekommst du das Grammophon als Honorar. Einverstanden?“
Ich sagte das sehr forsch, aber es kam nicht von Herzen. In meinem Studierstübchen mit den Büchern konnte ich mir einen solchen, mir keineswegs sympathischen Apparat nicht vorstellen, und auch gegen das Tanzen hatte ich vieles einzuwenden. So gelegentlich, hatte ich gedacht, konnte man es ja einmal probieren, obwohl ich überzeugt war, ich sei viel zu alt und steif und würde es nicht mehr lernen. Aber nun so Schlag auf Schlag, das war mir zu rasch und heftig, und ich spürte alles in mir Widerstand leisten, was ich als alter verwöhnter Musikkenner gegen Grammophone, Jazz und moderne Tanzmusiken einzuwenden hatte. Daß jetzt in meiner Stube, neben Novalis und Jean Paul, in meiner Gedankenklause und Zuflucht amerikanische Tanzschlager erklingen und ich dazu tanzen sollte, das war eigentlich mehr, als ein Mensch von mir verlangen konnte. Aber es war ja nicht „ein Mensch“, der es verlangte; es war Hermine, und sie hatte zu befehlen. Ich gehorchte. Natürlich gehorchte ich.
Wir trafen uns am nächsten Nachmittag in einem Café. Hermine saß schon dort, als ich kam, trank Tee und zeigte mir lächelnd eine Zeitung, in der sie meinen Namen entdeckt hatte. Es war eines der reaktionären Hetzblätter meiner Heimat, in welchen immer von Zeit zu Zeit heftige Schmähartikel gegen mich die Runde machten. Ich war während des Krieges Kriegsgegner gewesen, ich hatte nach dem Kriege gelegentlich zu Ruhe, Geduld, Menschlichkeit und Selbstkritik gemahnt und mich gegen die täglich schärfer, törichter und wilder werdende nationalistische Hetzerei gewehrt. Da stand nun wieder solch ein Angriff, schlecht geschrieben, halb vom Redakteur selbst verfaßt, halb aus den vielen ähnlichen Aufsätzen der ihm nahestehenden Presse zusammengestohlen. Niemand schreibt bekanntlich so schlecht wie die Verteidiger alternder Ideologien, niemand treibt sein Handwerk mit weniger Sauberkeit und Mühewaltung. Den Aufsatz hatte Hermine gelesen und hatte daraus erfahren, daß Harry Haller ein Schädling und vaterlandsloser Geselle sei und daß es natürlich mit dem Vaterland nicht anders als übel stehen könne, solange solche Menschen und solche Gedanken geduldet würden und die Jugend zu sentimentalen Menschheitsgedanken statt zur kriegerischen Rache am Erbfeind erzogen werde.
„Bist du das?“ fragte Hermine und zeigte auf meinen Namen. „Nun, da hast du dir ordentlich Feinde gemacht, Harry. Ärgert es dich?“
Ich las einige Zeilen, es war das Gewohnte, jedes einzelne dieser klischierten Schmähworte war mir seit Jahren bis zum Überdruß bekannt.
„Nein,“ sagte ich, „es ärgert mich nicht, ich bin längst daran gewöhnt. Ich habe ein paarmal die Meinung geäußert, jedes Volk und sogar jeder einzelne Mensch müsse, statt sich mit verlogenen politischen „Schuldfragen“ in Schlummer zu wiegen, bei sich selber nachforschen, wie weit es selbst durch Fehler, Versäumnisse und üble Gewohnheiten mit am Kriege und an allem andern Weltelend schuldig sei, das sei der einzige Weg, um den nächsten Krieg vielleicht zu vermeiden. Das verzeihen sie mir nicht, denn natürlich sind sie selber vollkommen unschuldig: der Kaiser, die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die Zeitungen – niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine Schuld! Man könnte meinen, es stehe alles herrlich in der Welt, nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der Erde. Und sieh, Hermine, wenn solche Schmähartikel mich auch nicht mehr ärgern können, manchmal machen sie mich doch traurig. Zwei Drittel von meinen Landsleuten lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahnt, verhetzt, unzufrieden und böse gemacht, und das Ziel und Ende von dem allem ist wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg, der wohl noch scheußlicher sein wird, als dieser es war. Alles das ist klar und einfach, jeder Mensch könnte es begreifen, könnte in einer einzigen Stunde Nachdenkens dasselbe Ergebnis finden. Aber keiner will das, keiner will den nächsten Krieg vermeiden, keiner will sich und seinen Kindern die nächste Millionenschlächterei ersparen, wenn er es nicht billiger haben kann. Eine Stunde nachdenken, eine Weile in sich gehen und sich fragen, wie weit man selber an der Unordnung und Bosheit in der Welt teil hat und mitschuldig ist – sieh, das will niemand! Und so wird es also weitergehen, und der nächste Krieg wird von vielen tausend Menschen Tag für Tag mit Eifer vorbereitet. Es hat mich, seit ich es weiß, gelähmt und zur Verzweiflung gebracht, es gibt für mich kein „Vaterland“ und keine Ideale mehr, das ist alles ja bloß Dekoration für die Herren, die das nächste Schlachten vorbereiten. Es hat keinen Sinn, irgend etwas Menschliches zu denken, zu sagen, zu schreiben, es hat keinen Sinn, gute Gedanken in seinem Kopf zu bewegen – auf zwei, drei Menschen, welche das tun, kommen Tag für Tag tausend Zeitungen, Zeitschriften, Reden, öffentliche und geheime Sitzungen, die alle das Gegenteil anstreben und auch erreichen.“
Hermine hatte mit Teilnahme zugehört.
„Ja,“ sagte sie nun, „da hast du schon recht. Natürlich wird es wieder Krieg geben, man braucht keine Zeitungen zu lesen, um das zu wissen. Darüber kann man natürlich traurig sein, einen Wert hat das aber nicht. Es ist gerade so, wie wenn einer darüber traurig ist, daß er trotz allem und allem, was er dagegen tun mag, unweigerlich einmal wird sterben müssen. Der Kampf gegen den Tod, lieber Harry, ist immer eine schöne, edle, wunderbare und ehrwürdige Sache, also auch der Kampf gegen den Krieg. Aber er ist auch immer eine hoffnungslose Donquichotterie.“
„Das ist vielleicht wahr,“ rief ich heftig, „aber mit solchen Wahrheiten wie der, daß wir doch alle bald sterben müssen und also alles wurst und egal ist, macht man das ganze Leben flach und dumm. Ja sollen wir denn also alles wegwerfen, auf allen Geist, auf alles Streben, auf alle Menschlichkeit verzichten, den Ehrgeiz und das Geld weiter regieren lassen und bei einem Glas Bier die nächste Mobilmachung abwarten?“
Merkwürdig war der Blick, mit dem Hermine mich nun ansah, ein Blick voll Belustigung, voll Spott und Schelmerei und verständnisvoller Kameradschaft und zugleich so voll Schwere, Wissen und abgründigem Ernst!
„Das sollst du nicht“, sagte sie ganz mütterlich. „Dein Leben wird auch dadurch nicht flach und dumm, wenn du weißt, daß dein Kampf erfolglos sein wird. Es ist viel flacher, Harry, wenn du für etwas Gutes und Ideales kämpfst und nun meinst, du müssest es auch erreichen. Sind denn Ideale zum Erreichen da? Leben wir denn, wir Menschen, um den Tod abzuschaffen? Nein, wir leben, um ihn zu fürchten und dann wieder zu lieben, und gerade seinetwegen glüht das bißchen Leben manchmal eine Stunde lang so schön. Du bist ein Kind, Harry. Sei jetzt folgsam und komm mit mir, wir haben heut viel zu tun. Ich werde mich heut nicht mehr um den Krieg und die Zeitungen kümmern. Und du?“
O nein, auch ich war bereit.
Wir gingen zusammen – es war unser erster gemeinsamer Gang in der Stadt – in ein Musikaliengeschäft und sahen Grammophone an, klappten sie auf und zu, ließen sie uns vorspielen, und als wir eines davon sehr passend und nett und wohlfeil gefunden hatten, wollte ich es kaufen, aber so schnell war Hermine nicht fertig. Sie hielt mich zurück, und ich mußte erst noch einen zweiten Laden mit ihr aufsuchen und auch dort alle Systeme und Größen vom teuersten bis zum billigsten ansehen und anhören, und erst jetzt war sie damit einverstanden, in den ersten Laden zurückzugehen und den dort gefundenen Apparat zu kaufen.
„Siehst du,“ sagte ich, „das hätten wir einfacher haben können.“
„Meinst du? Und dann hätten wir vielleicht morgen den gleichen Apparat in einem andern Schaufenster um zwanzig Franken billiger ausgestellt gesehen. Und außerdem macht Einkaufen Spaß, und was Spaß macht, muß man auskosten. Du mußt noch viel lernen.“
Mit einem Dienstmann brachten wir unsern Einkauf in meine Wohnung.
Hermine betrachtete mein Wohnzimmer genau, lobte den Ofen und den Diwan, probierte die Stühle, nahm Bücher in die Hand, blieb lang vor der Photographie meiner Geliebten stehen. Das Grammophon hatten wir zwischen Bücherhaufen auf eine Kommode gestellt. Und nun begann mein Unterricht. Sie ließ einen Foxtrott spielen, machte mir die ersten Schritte vor, nahm meine Hand und begann, mich zu führen. Ich trabte gehorsam mit, stieß an Stühle, hörte auf ihre Befehle, verstand sie nicht, trat sie auf die Füße und war ebenso ungeschickt wie pflichteifrig. Nach dem zweiten Tanz warf sie sich in den Diwan und lachte wie ein Kind.
„Mein Gott, wie steif du bist! Geh doch einfach vor dich hin, wie wenn du spazierengehst! Anstrengungen sind gar nicht nötig. Ich glaube, dir ist sogar schon heiß geworden? Na, ruhen wir fünf Minuten aus! Schau’, das Tanzen ist, wenn man es kann, gerade so einfach wie das Denken, und zu lernen ist es viel leichter. Du wirst jetzt weniger ungeduldig darüber werden, daß die Menschen sich das Denken nicht angewöhnen wollen, sondern lieber den Herrn Haller einen Landesverräter heißen und ruhig den nächsten Krieg kommen lassen.“
Nach einer Stunde ging sie fort, mit der Versicherung, das nächste Mal werde es schon besser gehen. Ich dachte darüber anders und war sehr enttäuscht über meine Dummheit und Schwerfälligkeit, ich hatte, wie mir schien, in dieser Stunde überhaupt nichts gelernt und glaubte nicht daran, daß es ein andermal besser gehen werde. Nein, zum Tanzen mußte man Fähigkeiten mitbringen, die mir vollkommen fehlten: Fröhlichkeit, Unschuld, Leichtsinn, Schwung. Nun, ich hatte es mir ja längst gedacht.
Aber siehe, beim nächsten Mal ging es in der Tat besser und begann mir sogar Spaß zu machen, und am Schluß der Stunde behauptete Hermine, den Foxtrott könne ich jetzt. Aber als sie daraus folgerte, nun müsse ich morgen mit ihr in einem Restaurant tanzen gehen, erschrak ich heftig und wehrte mich mit Leidenschaft. Kühl erinnerte sie mich an mein Gelübde des Gehorsams und bestellte mich für morgen zum Tee ins Hotel Balances.
An jenem Abend saß ich zu Hause, wollte lesen und konnte nicht. Ich hatte Angst vor morgen; der Gedanke war mir entsetzlich, daß ich alter, scheuer und empfindlicher Sonderling nicht nur eines dieser öden modernen Tee- und Tanzlokale mit Jazzmusik besuchen, sondern mich dort unter den fremden Menschen als Tänzer zeigen sollte, ohne noch irgend etwas zu können. Und ich gestehe, daß ich über mich selber lachte und mich vor mir selber geschämt habe, als ich allein in meinem stillen Studierzimmer den Apparat aufzog und laufen ließ und leise, auf Socken, die Schritte meines Fox repetierte.
Im Hotel Balances andern Tages spielte eine kleine Kapelle, es wurde Tee und Whisky serviert. Ich versuchte Hermine zu bestechen, setzte ihr Kuchen vor, versuchte, sie zu einer Flasche guten Wein einzuladen, aber sie blieb unerbittlich.
„Du bist heute nicht zum Vergnügen hier. Es ist Tanzstunde.“
Ich mußte zwei-, dreimal mit ihr tanzen, und zwischenein machte sie mich mit dem Saxophonbläser bekannt, einem dunklen, schönen, jungen Menschen von spanischer oder südamerikanischer Herkunft, der, wie sie sagte, alle Instrumente spielen und alle Sprachen der Welt sprechen konnte. Dieser Señor schien mit Hermine sehr gut bekannt und befreundet zu sein, er hatte zwei Saxophone von verschiedener Größe vor sich stehen, die er abwechselnd blies, während seine schwarzen gleißenden Augen aufmerksam und vergnügt die Tanzenden studierten. Zu meiner eigenen Verwunderung empfand ich gegen diesen harmlosen, hübschen Musikanten etwas wie Eifersucht, nicht Liebeseifersucht, denn von Liebe war ja zwischen mir und Hermine gar nicht die Rede, aber eine mehr geistige Freundschaftseifersucht, denn er schien mir des Interesses und der auffallenden Auszeichnung, ja Verehrung, die sie für ihn zeigte, nicht so recht würdig zu sein. Komische Bekanntschaften muß ich da machen, dachte ich mißmutig.
Dann wurde Hermine einmal ums andre zum Tanz gebeten, ich blieb allein beim Tee sitzen, hörte der Musik zu, einer Art von Musik, die ich bisher nicht hatte ausstehen können. Lieber Gott, dachte ich, nun soll ich also hier eingeführt und heimisch werden, in dieser mir so fremden und widerwärtigen, in dieser bisher von mir so sorgfältig gemiedenen, so tief verachteten Welt der Bummler und Vergnügungsmenschen, in dieser glatten, klischierten Welt der Marmortischchen, der Jazzmusik, der Kokotten, der Handlungsreisenden! Betrübt sog ich meinen Tee und starrte in die halbelegante Menge. Zwei schöne Mädchen zogen meine Blicke an, beide gute Tänzerinnen, denen ich mit Bewunderung und Neid nachblickte, wie sie elastisch, schön, fröhlich und sicher dahintanzten.
Da erschien Hermine wieder und war mit mir unzufrieden. Ich sei nicht hier, schalt sie, um ein solches Gesicht zu machen und regungslos am Teetisch zu sitzen, ich möge mir jetzt bitte einen Ruck geben und tanzen. Wie, ich kenne niemanden? Das sei ganz unnötig. Ob denn gar keine Mädchen da seien, die mir gefielen?
Ich zeigte ihr die eine, schönere, die eben in unsrer Nähe stand und in ihrem hübschen Sammetröckchen, mit den kurzgeschnittenen kräftigen Blondhaaren und den vollen, fraulichen Armen entzückend aussah. Hermine bestand darauf, daß ich sofort hingehe und sie auffordere. Ich wehrte mich verzweifelt.
„Ich kann doch nicht!“ sagte ich unglücklich. „Ja, wenn ich ein hübscher junger Kerl wäre! Aber so ein alter steifer Trottel, der nicht einmal tanzen kann – sie würde mich ja auslachen!“
Verächtlich sah Hermine mich an.
„Und ob ich dich auslache, ist dir natürlich einerlei. Was du für ein Feigling bist! Das Ausgelachtwerden riskiert ein jeder, der sich einem Mädchen nähert; das ist der Einsatz. Also riskiere, Harry, und im schlimmsten Fall laß dich eben auslachen – sonst ist es mit meinem Glauben an deinen Gehorsam vorbei.“
Sie gab nicht nach. Beklommen stand ich auf und ging auf das schöne Mädchen zu, als eben die Musik wieder anfing.
„Ich bin eigentlich nicht frei,“ sagte sie und blickte mich neugierig aus den großen frischen Augen an, „aber mein Tänzer scheint in der Bar drüben hängenzubleiben. Na, kommen Sie!“
Ich umfaßte sie und tat die ersten Schritte, noch verwundert darüber, daß sie mich nicht weggeschickt hatte, da merkte sie schon, wie es mit mir stehe, und übernahm die Führung. Sie tanzte wunderbar, und mich nahm es mit, ich vergaß für Augenblicke alle meine Tanzpflichten und Regeln, schwamm einfach mit, fühlte die straffen Hüften, die raschen geschmeidigen Knie meiner Tänzerin, sah ihr in das junge, strahlende Gesicht, gestand ihr, daß ich heute zum erstenmal in meinem Leben tanze. Sie lächelte und ermunterte mich und antwortete auf meine entzückten Blicke und schmeichelnden Worte wunderbar geschmeidig, nicht mit Worten, aber mit leisen entzückenden Bewegungen, die uns näher und reizender zusammenbrachten. Fest hielt ich die rechte Hand über ihrer Taille, folgte beglückt und eifrig den Bewegungen ihrer Beine, ihrer Arme, ihrer Schultern, trat ihr zu meinem Erstaunen kein einziges Mal auf die Füße, und als die Musik zu Ende war, blieben wir beide stehen und klatschten, bis der Tanz nochmals gespielt wurde und ich nochmals eifrig, verliebt und andächtig den Ritus vollzog.
Als der Tanz zu Ende war, allzu früh, zog das schöne Sammetmädchen sich zurück, und plötzlich stand Hermine neben mir, die uns zugesehen hatte.
„Merkst du was?“ lachte sie lobend. „Hast du entdeckt, daß Frauenbeine keine Tischbeine sind? Na, bravo! Den Fox kannst du jetzt, Gott sei Dank, morgen gehen wir auf den Boston los, und in drei Wochen ist Maskenball in den Globussälen.“
Es war Tanzpause, wir hatten uns gesetzt, und nun kam auch der hübsche junge Herr Pablo, der Saxophonbläser, nickte uns zu und setzte sich neben Hermine. Er schien mit ihr sehr gut Freund zu sein. Mir aber, gestehe ich, wollte bei jenem ersten Zusammensein dieser Herr durchaus nicht gefallen. Schön war er, das war nicht zu leugnen, schön von Wuchs und schön von Gesicht, weitere Vorzüge aber konnte ich an ihm nicht entdecken. Auch das mit der Vielsprachigkeit machte er sich leicht, er sprach nämlich überhaupt nichts, nur Worte wie bitte, danke, jawohl, gewiß, hallo und ähnliche, die er allerdings in mehreren Sprachen konnte. Nein, er sprach nichts, der Señor Pablo, und er schien auch nicht eben viel zu denken, dieser hübsche Caballero. Seine Beschäftigung war das Saxophonblasen in der Jazzkapelle, und diesem Berufe schien er mit Liebe und Leidenschaft obzuliegen, manchmal klatschte er während des Musizierens auch plötzlich in die Hände oder erlaubte sich andere Begeisterungsausbrüche, stieß etwa laute gesungene Worte aus wie: „o o o o, ha ha, hallo!“ Sonst aber war er sichtlich zu nichts andrem in der Welt, als um schön zu sein, den Frauen zu gefallen, die Kragen und Schlipse neuester Mode zu tragen, auch viele Ringe an den Fingern. Seine Unterhaltung bestand darin, daß er bei uns saß, uns anlächelte, auf seine Armbanduhr sah und Zigaretten drehte, worin er sehr geschickt war. Seine dunklen schönen Kreolenaugen, seine schwarzen Locken verbargen keine Romantik, keine Probleme, keine Gedanken – aus der Nähe besehen, war der schöne exotische Halbgott ein vergnügter und etwas verwöhnter Junge mit angenehmen Manieren, nichts weiter. Ich sprach mit ihm über sein Instrument und über Klangfarben in der Jazzmusik, er mußte sehen, daß er es mit einem alten Genießer und Kenner in musikalischen Dingen zu tun habe. Aber darauf ging er gar nicht ein, und während ich, aus Höflichkeit gegen ihn oder eigentlich gegen Hermine, etwas wie eine musiktheoretische Rechtfertigung des Jazz unternahm, lächelte er harmlos an mir und meinen Anstrengungen vorüber, und vermutlich war es ihm völlig unbekannt, daß es vor und außer Jazz auch noch einige andere Musik gegeben habe. Nett war er, nett und artig, hübsch lächelte er aus seinen großen leeren Augen; aber zwischen ihm und mir schien es nichts Gemeinsames zu geben – nichts von dem, was ihm etwa wichtig und heilig war, könnte es auch für mich sein, wir kamen aus entgegengesetzten Erdteilen, hatten kein Wort unsrer Sprachen gemeinsam. (Aber später erzählte mir Hermine Merkwürdiges. Sie erzählte, daß Pablo nach jenem Gespräch ihr über mich gesagt habe, sie möchte doch mit diesem Menschen recht sorgsam umgehen, er sei ja so sehr unglücklich. Und als sie fragte, woraus er das schließe, habe er gesagt: „Armer, armer Mensch. Sieh seine Augen an! Kann nicht lachen.“)
Als nun der Schwarzäugige sich empfohlen hatte und die Musik wieder anfing, stand Hermine auf. „Jetzt könntest du wieder einmal mit mir tanzen, Harry. Oder magst du nicht mehr?“
Auch mit ihr tanzte ich nun leichter, freier und fröhlicher, wenn auch nicht so unbeschwert und selbstvergessen wie mit jener andern. Hermine ließ mich führen und paßte sich zart und leicht wie ein Blumenblatt an, und auch bei ihr fand und fühlte ich jetzt alle jene bald entgegenkommenden, bald wegfliehenden Schönheiten, auch sie duftete nach Weib und Liebe, auch ihr Tanz sang zart und innig das holde lockende Lied des Geschlechts – und doch konnte ich auf dies alles nicht ganz frei und heiter antworten, konnte mich nicht völlig vergessen und hingeben. Hermine stand mir allzu nah, sie war mein Kamerad, meine Schwester, war meinesgleichen, sie glich mir selbst und glich meinem Jugendfreund Hermann, dem Schwärmer, dem Dichter, dem glühenden Genossen meiner geistigen Übungen und Ausschweifungen.
„Ich weiß es,“ sagte sie nachher, als ich davon sprach, „ich weiß es wohl. Ich werde dich zwar doch noch in mich verliebt machen, aber das hat keine Eile. Vorerst sind wir Kameraden, wir sind Leute, welche Freunde zu werden hoffen, weil wir einander erkannt haben. Jetzt wollen wir beide voneinander lernen und miteinander spielen. Ich zeige dir mein kleines Theater, ich lehre dich tanzen und ein bißchen vergnügt und dumm sein, und du zeigst mir deine Gedanken und etwas von deinem Wissen.“
„Ach, Hermine, da ist nicht viel zu zeigen, du weißt ja viel mehr als ich. Was bist du für ein merkwürdiger Mensch, du Mädchen! Überall verstehst du mich und bist mir voraus. Bin ich dir denn etwas? Bin ich dir denn nicht langweilig?“
Sie sah mit verdunkeltem Blick zu Boden.
„So höre ich dich nicht gerne reden. Denke an den Abend, wo du kaputt und verzweifelt aus deiner Qual und Einsamkeit heraus mir über den Weg gelaufen und mein Kamerad geworden bist! Warum denn, glaubst du, habe ich dich damals erkennen und verstehen können?“
„Warum, Hermine? Sag’ es mir!“
„Weil ich bin wie du. Weil ich gerade so allein bin wie du und das Leben und die Menschen und mich selber gerade so wenig lieben und ernst nehmen kann wie du. Es gibt ja immer einige solche Menschen, die vom Leben das Höchste verlangen und sich mit seiner Dummheit und Roheit schlecht abfinden können.“
„Du, du!“ rief ich tief verwundert. „Ich verstehe dich, Kamerad, niemand versteht dich so wie ich. Und doch bist du mir ein Rätsel. Du wirst ja mit dem Leben so spielend fertig, du hast ja diese wunderbare Hochachtung vor den kleinen Dingen und Genüssen, du bist eine solche Künstlerin im Leben. Wie kannst du am Leben leiden? Wie kannst du verzweifeln?“
„Ich verzweifle nicht, Harry. Aber am Leben leiden – o ja, darin bin ich erfahren. Du wunderst dich, daß ich nicht glücklich bin, weil ich doch tanzen kann und mich an der Oberfläche des Lebens so gut auskenne. Und ich, Freund, wundere mich, daß du vom Leben so enttäuscht bist, da du doch gerade in den schönsten und tiefsten Dingen heimisch bist, im Geist, in der Kunst, im Denken! Darum haben wir einander angezogen, darum sind wir Geschwister. Ich werde dich lehren, zu tanzen und zu spielen und zu lächeln und doch nicht zufrieden zu sein. Und werde von dir lernen, zu denken und zu wissen und doch nicht zufrieden zu sein. Weißt du, daß wir beide Kinder des Teufels sind?“
„Ja, das sind wir. Der Teufel ist der Geist, und seine unglücklichen Kinder sind wir. Wir sind aus der Natur herausgefallen und hängen im Leeren. Aber nun fällt mir etwas ein: in dem Steppenwolftraktat, von dem ich dir erzählt habe, steht etwas darüber, daß es nur eine Einbildung von Harry sei, wenn er glaubt, eine oder zwei Seelen zu haben, aus einer oder zwei Persönlichkeiten zu bestehen. Jeder Mensch bestehe aus zehn, aus hundert, aus tausend Seelen.“
„Das gefällt mir sehr“, rief Hermine. „Bei dir zum Beispiel ist das Geistige sehr hoch ausgebildet, und dafür bist du in allerlei kleinen Lebenskünsten sehr zurückgeblieben. Der Denker Harry ist hundert Jahre alt, aber der Tänzer Harry ist kaum erst einen halben Tag alt. Den wollen wir jetzt weiterbringen und alle seine kleinen Brüderlein, die ebenso klein und dumm und unerwachsen sind wie er.“
Lächelnd sah sie mich an. Und fragte leise, mit veränderter Stimme:
„Und wie hat denn Maria dir gefallen?“
„Maria? Wer ist das?“
„Das ist die, mit der du getanzt hast. Ein schönes Mädchen, ein sehr schönes Mädchen. Du warst ein wenig in sie verliebt, soviel ich sehen konnte.“
„Kennst du sie denn?“
„O ja, wir kennen uns recht gut. Ist dir viel an ihr gelegen?“
„Sie gefiel mir, und ich war froh, daß sie mit meinem Tanzen so nachsichtig war.“
„Na, wenn das alles ist! Du solltest ihr ein wenig den Hof machen, Harry. Sie ist sehr hübsch und tanzt so gut, und verliebt bist du ja auch schon in sie. Ich glaube, du wirst Erfolg haben.“
„Ach, das ist nicht mein Ehrgeiz.“
„Jetzt lügst du ein wenig. Ich weiß ja, du hast irgendwo in der Welt eine Geliebte sitzen und siehst sie alle halbe Jahre einmal, um dich dann mit ihr zu streiten. Es ist ja sehr hübsch von dir, wenn du dieser merkwürdigen Freundin treu bleiben willst, aber erlaube mir, das nicht so ganz ernst zu nehmen! Ich habe dich überhaupt im Verdacht, daß du die Liebe furchtbar ernst nimmst. Das magst du tun, du magst auf deine ideale Art lieben, soviel du willst, es ist deine Sache, ich habe dafür nicht zu sorgen. Wofür ich aber zu sorgen habe, das ist, daß du die kleinen, leichten Künste und Spiele im Leben etwas besser erlernst, auf diesem Gebiet bin ich deine Lehrerin und werde dir eine bessere Lehrerin sein, als deine ideale Geliebte es war, darauf verlasse dich! Du hast es recht nötig, wieder einmal bei einem hübschen Mädchen zu schlafen, Steppenwolf.“
„Hermine,“ rief ich gepeinigt, „sieh mich doch an, ich bin ein alter Mann!“
„Ein kleiner Junge bist du. Und ebenso, wie du zu bequem warst, um tanzen zu lernen, bis es beinah zu spät war, so warst du auch zu bequem, um lieben zu lernen. Ideal und tragisch lieben, o Freund, das kannst du gewiß vortrefflich, ich zweifle nicht daran, alle Achtung davor! Du wirst nun lernen, auch ein wenig gewöhnlich und menschlich zu lieben. Der Anfang ist ja gemacht, man kann dich schon bald an einen Ball gehen lassen. Nun, den Boston mußt du erst noch lernen, damit beginnen wir morgen. Ich komme um drei Uhr. Wie hat dir übrigens die Musik hier gefallen?“
„Ausgezeichnet.“
„Siehst du, das ist auch ein Fortschritt, du hast zugelernt. Bisher hast du alle diese Tanz- und Jazzmusik nicht leiden können, sie war dir zu wenig ernsthaft und tief, und nun hast du gesehen, daß man sie gar nicht ernst zu nehmen braucht, daß sie aber sehr nett und entzückend sein kann. Übrigens, ohne Pablo wäre die ganze Kapelle nichts. Er führt sie, er heizt ein.“
Wie das Grammophon die Luft von asketischer Geistigkeit in meinem Studierzimmer verdarb, wie die amerikanischen Tänze fremd und störend, ja vernichtend in meine gepflegte Musikwelt drangen, so drang von allen Seiten Neues, Gefürchtetes, Auflösendes in mein bisher so scharf umrissenes und so streng abgeschlossenes Leben. Der Steppenwolftraktat und Hermine hatten recht mit ihrer Lehre von den tausend Seelen, täglich zeigten sich neben all den alten auch noch einige neue Seelen in mir, machten Ansprüche, machten Lärm, und ich sah nun deutlich wie ein Bild vor mir den Wahn meiner bisherigen Persönlichkeit. Die paar Fähigkeiten und Übungen, in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt und das Leben eines Harry gelebt, der eigentlich nichts war als ein sehr zart ausgebildeter Spezialist für Dichtung, Musik und Philosophie – den ganzen Rest meiner Person, das ganze übrige Chaos von Fähigkeiten, Trieben, Strebungen hatte ich als lästig empfunden und mit dem Namen Steppenwolf belegt.
Indessen war diese Bekehrung von meinem Wahn, diese Auflösung meiner Persönlichkeit keineswegs nur ein angenehmes und amüsantes Abenteuer, sie war im Gegenteil oft bitter schmerzhaft, oft nahezu unerträglich. Das Grammophon klang oft wahrhaft teuflisch inmitten dieser Umgebung, wo alles auf so andre Töne gestimmt war. Und manchmal, wenn ich in irgendeinem Moderestaurant zwischen allen den eleganten Lebemann- und Hochstaplerfiguren meine Onesteps tanzte, kam ich mir wie ein Verräter an allem vor, was mir je im Leben ehrwürdig und heilig gewesen war. Hätte Hermine mich nur acht Tage allein gelassen, so wäre ich diesen mühsamen und lächerlichen Lebemannsversuchen alsbald wieder entflohen. Aber Hermine war immer da; obwohl ich sie nicht jeden Tag sah, war ich doch stets von ihr gesehen, geleitet, bewacht, begutachtet, – auch alle meine wütenden Auflehnungs- und Fluchtgedanken las sie mir lächelnd vom Gesicht.
Mit der fortschreitenden Zerstörung dessen, was ich früher meine Persönlichkeit genannt hatte, begann ich auch zu verstehen, warum ich trotz aller Verzweiflung den Tod so entsetzlich hatte fürchten müssen, und begann zu merken, daß auch diese scheußliche und schmähliche Todesfurcht ein Stück meiner alten, bürgerlichen, verlogenen Existenz war. Dieser bisherige Herr Haller, der begabte Autor, der Kenner Mozarts und Goethes, der Verfasser lesenswerter Betrachtungen über die Metaphysik der Kunst, über Genie und Tragik, über Menschlichkeit, der melancholische Einsiedler in seiner mit Büchern überfüllten Klause, wurde Zug für Zug der Selbstkritik ausgeliefert und bewährte sich nirgends. Dieser begabte und interessante Herr Haller hatte zwar Vernunft und Menschlichkeit gepredigt und gegen die Roheit des Krieges protestiert, er hatte sich aber während des Krieges nicht an die Wand stellen und erschießen lassen, wie es die eigentliche Konsequenz seines Denkens gewesen wäre, sondern hatte irgendeine Anpassung gefunden, eine äußerst anständige und edle natürlich, aber doch eben einen Kompromiß. Er war ferner ein Gegner der Macht und Ausbeutung, aber er hatte auf der Bank mehrere Wertpapiere von industriellen Unternehmungen liegen, deren Zinsen er ohne alle Gewissensbisse verzehrte. Und so stand es mit allem. Harry Haller hatte sich zwar wundervoll als Idealist und Weltverächter, als wehmütiger Einsiedler und als grollender Prophet verkleidet, im Grunde aber war er ein Bourgeois, fand ein Leben wie das Herminens verwerflich, ärgerte sich über die im Restaurant vertanen Nächte, über die ebendort vergeudeten Taler, hatte ein schlechtes Gewissen und sehnte sich keineswegs nach seiner Befreiung und Vollendung, sondern sehnte sich im Gegenteil heftig zurück in die bequemen Zeiten, als seine geistigen Spielereien ihm noch Spaß gemacht und Ruhm eingebracht hatten. Genau so sehnten sich die von ihm verachteten und verhöhnten Zeitungsleser nach der idealen Zeit vor dem Kriege zurück, weil das bequemer war, als aus dem Erlittenen zu lernen. Pfui Teufel, er war zum Erbrechen, dieser Herr Haller! Und dennoch klammerte ich mich an ihn oder an seine schon sich auflösende Larve, an sein Kokettieren mit dem Geistigen, an seine Bürgerfurcht vor dem Ungeordneten und Zufälligen (wozu auch der Tod gehörte) und verglich den werdenden neuen Harry, diesen etwas schüchternen und komischen Dilettanten der Tanzsäle, höhnisch und voll Neid mit jenem einstigen, verlogen-idealen Harrybild, an welchem er inzwischen alle fatalen Züge entdeckt hatte, die ihn damals an des Professors Goethe-Radierung so sehr gestört hatten. Er selbst, der alte Harry, war genau solch ein bürgerlich idealisierter Goethe gewesen, so ein Geistesheld mit allzu edlem Blick, von Erhabenheit, Geist und Menschlichkeit strahlend wie von Brillantine und beinahe über den eigenen Seelenadel gerührt! Teufel, dies holde Bild hatte nun allerdings arge Löcher bekommen, kläglich war der ideale Herr Haller demontiert worden! Wie ein von Straßenräubern geplünderter Würdenträger in zerfetzten Hosen sah er aus, der klug daran getan hätte, jetzt die Rolle des Abgerissenen zu lernen, der aber seine Lumpen trug, als hingen noch Orden dran, und die verlorene Würde weinerlich weiter prätendierte.
Immer wieder traf ich mit dem Musikanten Pablo zusammen, und mein Urteil über ihn mußte schon darum revidiert werden, weil Hermine ihn so gern hatte und seine Gesellschaft eifrig suchte. Ich hatte Pablo in meinem Gedächtnis als eine hübsche Null verzeichnet, einen kleinen, etwas eitlen Beau, ein vergnügtes und problemloses Kind, das mit Freude in seine Jahrmarktstrompete faucht und mit Lob und Schokolade leicht zu regieren ist. Aber Pablo fragte nicht nach meinen Urteilen, sie waren ihm ebenso gleichgültig wie meine musikalischen Theorien. Höflich und freundlich hörte er mich an, immerzu lächelnd, gab jedoch nie eine wirkliche Antwort. Dagegen schien ich trotzdem sein Interesse erregt zu haben, er gab sich sichtlich Mühe, mir zu gefallen und mir Wohlwollen zu zeigen. Als ich bei einem dieser ergebnislosen Gespräche einmal gereizt und beinahe grob wurde, sah er mir bestürzt und traurig ins Gesicht, nahm meine linke Hand und streichelte sie, und bot mir aus einer kleinen vergoldeten Dose etwas zum Schnupfen an, das werde mir gut tun. Ich fragte Hermine mit einem Blick, sie nickte ja, und ich nahm und schnupfte. In der Tat wurde ich in kurzem frischer und munterer, wahrscheinlich war etwas Kokain in dem Pulver gewesen. Hermine erzählte mir, daß Pablo viele solche Mittel habe, die er auf geheimen Wegen erhalte, die er zuweilen Freunden vorsetze und in deren Mischung und Dosierung er ein Meister sei: Mittel zum Betäuben von Schmerzen, zum Schlafen, zur Erzeugung schöner Träume, zum Lustigmachen, zum Verliebtmachen.
Einmal traf ich ihn auf der Straße, am Kai, und er schloß sich mir ohne weiteres an. Diesmal gelang es mir endlich, ihn zum Sprechen zu bringen.
„Herr Pablo,“ sagte ich zu ihm, der mit einem dünnen schwarz und silbernen Stöckchen spielte, „Sie sind ein Freund von Hermine, dies ist der Grund, weshalb ich mich für Sie interessiere. Aber Sie machen mir, das muß ich sagen, die Unterhaltung nicht eben leicht. Ich habe mehrmals den Versuch gemacht, mit Ihnen über Musik zu sprechen – es hätte mich interessiert, Ihre Meinung, Ihren Widerspruch, Ihr Urteil zu hören; aber Sie haben es verschmäht, mir auch nur die geringste Antwort zu geben.“
Er lachte mich herzlich an und blieb diesmal die Antwort nicht schuldig, sondern sagte gleichmütig: „Sehen Sie, es hat nach meiner Meinung gar keinen Wert, über Musik zu sprechen. Ich spreche niemals über Musik. Was hätte ich Ihnen denn auch antworten sollen auf Ihre sehr klugen und richtigen Worte? Sie hatten ja so sehr recht mit allem, was Sie sagten. Aber sehen Sie, ich bin Musikant, nicht Gelehrter, und ich glaube nicht, daß in der Musik das Rechthaben den geringsten Wert hat. Es kommt ja in der Musik nicht darauf an, daß man recht hat, daß man Geschmack und Bildung hat und all das.“
„Nun ja. Aber auf was denn kommt es an?“
„Darauf, daß man musiziert, Herr Haller, daß man so gut und so viel und so intensiv wie möglich musiziert! Das ist es, Monsieur. Wenn ich sämtliche Werke von Bach und Haydn im Kopf habe und die gescheitesten Sachen darüber sagen kann, so ist damit noch keinem Menschen gedient. Wenn ich aber mein Blaserohr nehme und einen zügigen Shimmy spiele, so mag der Shimmy gut sein oder schlecht, er wird doch den Leuten Freude machen, er fährt ihnen in die Beine und ins Blut. Darauf allein kommt es an. Sehen Sie einmal in einem Ballsaal die Gesichter an in dem Augenblick, wo nach einer längeren Pause die Musik wieder loslegt – wie da die Augen blitzen, die Beine zucken, die Gesichter zu lachen anfangen! Das ist es, wofür man musiziert.“
„Sehr gut, Herr Pablo. Aber es gibt nicht bloß sinnliche Musik, es gibt auch geistige. Es gibt nicht bloß die, die im Augenblick gerade gespielt wird, sondern auch unsterbliche, die weiterlebt, auch wenn sie nicht gerade gespielt wird. Es kann jemand allein in seinem Bett liegen und in seinen Gedanken eine Melodie aus der Zauberflöte oder aus der Matthäuspassion erwecken, dann findet Musik statt, ohne daß ein einziger Mensch in eine Flöte bläst oder eine Geige streicht.“
„Gewiß, Herr Haller. Auch der Yearning und der Valencia wird jede Nacht von vielen einsamen und träumerischen Menschen stumm reproduziert; noch das ärmste Schreibmaschinenmädel in seinem Bureau hat den letzten Onestep im Kopf und trommelt ihre Tasten nach seinem Takt. Sie haben recht, alle diese einsamen Menschen, ich gönne ihnen allen ihre stumme Musik, sei es der Yearning oder die Zauberflöte oder der Valencia! Aber woher nehmen denn diese Menschen ihre einsame, stumme Musik? Sie holen sie bei uns, bei den Musikanten, sie muß zuerst gespielt und gehört und ins Blut gegangen sein, eh einer daheim in seiner Kammer an sie denken und von ihr träumen kann.“
„Einverstanden“, sagte ich kühl. „Dennoch geht es nicht an, Mozart und den neusten Foxtrott auf eine Stufe zu stellen. Und es ist nicht einerlei, ob Sie den Leuten göttliche und ewige Musik vorspielen oder billige Eintagsmusik.“