Die Amazone
Die Amazone
Von Kasimir Edschmid
In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten wurde um
Weihnacht von den Polen Feuer auf dem Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der
alte Voß hatte westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener, der bis
an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte. Frederik de Voß war ungefähr
fünfzig Jahre und unter der früheren Regierung Landschaftsdirektor.
Auf seinem Besitz gründete er die „Pania watja“, von der eine große
Bewegung für die nationale Sache ausging. Bei den Abstimmungen in den
Grenzgebieten, in denen auch seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik de
Voß mit allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und hielt die
nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen in den Bügeln aufgerichtet
seine Kinder, vier Söhne und seine Tochter Granuella. Auf dem Gut verkehrte
die gesamte litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich das baltische Blut
und sie stand mitten in der Atmosphäre von Haß und Freiheitslust, wie sie
litauische Frauen nur schwer aufzubringen vermögen. Um diese Zelt annektierte
der polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei anderen Grenzprovinzen.
Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte Helden zu entfachen mit
dem weißgrauen Blick in dem Madonnengesicht. Das Haus wurde ein
Mittelpunktt der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste mit litauischen
Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die anderen reizten die etwas
stumpfe Bevölkerung gegen die Eroberer auf.
Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten Schlag nie ganz zu
verwinden und schwor überall, daß, wenn die europäischen Mächte das
polnische Unrecht sanktionierten, er das ganze Terrain in eine Wüste verwandle.
Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund wurden Kisten
auf den Hof gebracht. Nachts wurden mit Fackeln Tiere herausgelassen und an
Ketten gelegt. Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem zementierten Keller,
bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in voller Flucht vom Voß-Hof
herjagend ein polnisches Kind zerbiß. Daß Voß Wölfe aussetzte, steigerte die
Erregung der Bevölkerung jenseits der Grenze.
„Schlangen und Haifische,“ sagte Voß, „sollen folgen,“ und ritt mit seinen Söhnen quer über das blühende Ackerland, das sie jahrhundertlang angebaut
hatten. Er dachte es preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und schauten mit
den Pferdeköpfen kaum über den Mais. „Misericordia“, schrie plötzlich eine
Figur in einer Priestersoutane und sprang entsetzt in die Höhe. Die Reiter warfen
sich mehr, als sie sprangen, von den Pferden auf den Bauch, und der polnische
Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve von zehn Kugeln auf, welche
durch sein Signal die de Voß erledigen sollten. Sie waren in fünf Minuten im
Galopp auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter den Franktireuren her. Drei
warfen sie vor dem Dorf und fraßen die Weichteile heraus. Die Polen, die sich
am Abend heranschlichen, zitterten vor Wut. In der Nacht zündeten sie die
Scheuern um das Gut herum an.
Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien gingen die
litauischen Knechte durch den Feuerschein über den Hof durch ein Detachement
polnischer Soldaten, die ihre Uniformen nur oberflächlich mit Radmänteln und
Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten, verdeckten. Ihre Blicke
waren alle auf einen Mann gerichtet, der einen leicht ergrauten Schnurrbart trug
und auf einem Maultier saß und unbeirrt in den Brand schaute.
Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet und setzte sich allen
möglichen Schüssen aus. Man sah über sein totenblasses Gesicht die Scheine
unaufhörlich hinwehn. Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments, und
die Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen Schultern.
Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um dessen Holzsäulen
das Feuer wie ein Karussel sich drehte und rief ein paar Worte zu dem Balkon
hinauf, wo der alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem Gewehr,
warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief: „Verdammt will ich sein,
Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme, so ich nicht die Kanäle morgen bis
Warschau übers Land laufen lasse.“ Er fing bitter zu lachen an, als gleichzeitig
die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah den Tod sicher.
Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas, das Voß in eine Art
Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen, woran ihn Granuella hinderte, die
an dem Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien Platz. Der junge
Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah.
Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen hob, sah fest in die
Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem Kopf wieder weg, als habe man ihn
zwischen die Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein Verrückter,
aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei Brüder getötet hatte. Er schalt
sich feig, daß er sie nicht gezwungen hatte vor dem Brand sich retten zu lassen,
aber es war unmenschlich, in die Flamme zu springen, um jemand
herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete mit dem Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement mit den gefangenen Litauern, die rekrutiert
werden sollten, an sich vorbeiziehen und war nahe daran, sich hinter ihnen eine
Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben Stunde war er wohl
wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, keine Frau je wieder ansehen zu
können.
Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. Das Vieh
verbrannte unter großem Lärm in den Ställen. Die Schober brannten viel heller
und höher, acht Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer
rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße empfand, mit denen die
Bullen ihre Steinwände einzurennen versuchten.
Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die Hofsiedelung im
Viereck umgab, war hundert Meter weit, der Zwischenraum zwischen den
Scheunen und dem Gutshaus zweihundert, und alles war so hell, daß man die
Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt mit Wagen, die
übereinandergestürzt in der Einfahrt lagen, und der eiserne Teilflügel des Tors
hing riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte mit seinem
Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem turmhohen Furagewagen
hineingesprungen war. Plötzlich ritt eine Abteilung eines Litauerregiments über
die Äcker und Kanäle heran.
Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben die Nasen neugierig
und sprangen auf einen Befehl hinüber. Der junge Leuchtenberg, der sie führte,
kam mit dem Pferd über die Mauer und war der erste auf der Leiter, mit der man
Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst Schritt um Schritt und nicht
sehr eilig über den dreihundert Meter taghellen Hof nach dem Kanal hinter der
Mauer. Als er sie niederlegte, um sie mit Wasser an den Schläfen zu waschen,
ward sie, die immer in seinen Blicke hineingeschaut hatte, ohnmächtig.
Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die hatten die alte
Polengrenze bereits überschritten, man kehrte daher auf das umstrittene Gebiet
zurück, das dem Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den Polen
gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären Truppen darstellte und um
dessen Schicksal seit zwei Jahren in Lausanne beraten ward. Mit gesenkten
Karabinern kamen sie zurück.
Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander lagen, durch und
durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen Stimme, nicht eher
zurückzukehren, bis das Terrain wieder litauisch sei und er in einem
schauerlichen Kreuzzug durch Europa an den Polen seine Rache genommen
habe. Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem ein Bauer, der
ihn umarmt aufrecht hielt, fuhr er über den Dünensand in die Fichtenwälder nach
Kowno, Soldaten vor und hinter sich.
Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von Leuchtenberg eine
Weile, salutierte dann und ritt zurück, denn das Mädchen schien immer noch in
einer Ohnmacht, obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre
Aufmerksamkeit schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt zu sein und es
war seltsam, wie sie mit einer eigenartig zarten Bewegung sich hinderte, den
Kopf dahin zu wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige Augenblicke,
nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, unter dem eine angenehm
gebogene Adlernase hervorsprang, pfiff den Rest des Detachements zusammen
und sprengte die Grenze lang zurück, während der Trauerzug aus dem Wald ins
freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen Himmelsrand sehen konnte,
blickte Granuella, stehend, im Wagen ihm nach.
Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er richtete sich
umständlich ein, mietete ein altes Hotel und stellte eine Wache davor. Er suchte
durch seine Versipptheit mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß auf den
Gang der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand eines Fürsten.
Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in der Ruhe ihrer Arbeiten dem kleinen
Kriegsspiel im Osten nicht ohne Neugier aber ohne jedes Interesse zu. Man
erwartete Entscheidungen, die man selbst zu fällen vermied. Man hatte durch
Zufall diese Randvölker, deren Namen man früher nicht wußte, befreit und hätte
lieber gesehen, daß sie aus dem Erlös ihrer Schweine eine Börse bauten und sich
mit Parfum bespritzten, statt daß sie die westlichen Ehrbegriffe mit übertriebener
Entzündlichkeit nachmachten. Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein
Rechnungsposten gegen die Macht Lenins und man ehrte sie dadurch, daß man
die Sache hinhielt und sich für keinen vorderhand entschied. Da Voß
leidenschaftlich seine Sache liebte, langweilte er alle Instanzen zu Tode. Man
gab ihm den Rat zu verschwinden. Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.
Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen an, hinter den
Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben ihrer Sekretäre wurde er vertröstet,
wie man jemanden traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei der Gerechtigkeit
halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr davon hören wollte. Die
Reisenden fanden es imposant, wenn er als Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde,
wie er mit Granuella am Quai des eaux vives mit seinem mächtigen Körper und
dem Blond seiner Rasse herunterkam, aber seine Politik hatte gar keinen
Transport.
Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu Hause, konnte er auf
die Dauer die Differenz zwischen der litauischen Mark und dem schweizer
Franken nicht aushalten und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen über
die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus den Gütern bezog er nicht
mehr. Von einem Teil des Barvermögens lebte der letzte Sohn in London als Beirat immer zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man schien plötzlich
überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und wartete auf einen Zufall,
der das Grenzabkommen endgültig von selbst erledigte Für jemanden, dessen
Güter während des Krieges sechsmal die Deutschen und fünfmal die Russen
erobert und annektiert hatten, war die wirtschaftliche Lage mehr als ein
Kartenspiel wert. Plötzlich galt es zu leben. Man hatte alle Energie nötig, den
Unterhalt auf der Höhe zu halten. Seither kamen dem Besitzer von
hunderttausend Morgen, der eine Provinz beherrschte, Gedanken derart nicht im
Traume vor. Mitten in seinen Unternehmungen, die eine fixe Idee der
Gerechtigkeit umkreisten, sah er sich mit ungeheuerlicher Energie in die Enge
getrieben und fand sich in einer Situation gefangen, die schon fast verzweifelt
war, als sie ihm bekannt wurde.
Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. Man war mittlerweile
nach London übergesiedelt. Er stürmte im Salon seiner Hotelwohnung mit sich
redend auf und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und Tee, durchmaß die
Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um vier Uhr stürzte er
plötzlich an das Balkonfenster, zog den Vorhang zurück und blieb, die
abgerissene Schnur in der Hand, über dem Frühnebel stehen. Schon in der Frühe
begab er sich auf die Bank von England mit einem Diener, der zwei große
Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete damit, eine Rente in Pfunden oder
Sterling aufzunehmen über einen Teil seiner Besitzungen, die in Rußland lagen.
Die englischen Banken übernahmen gern die Besitzrechte zu einundfünfzig
Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei einer Kursänderung der Arbeiterstaaten
gewaltig unter der englischen Flagge auszubeuten. Trotzdem man in London an
das baldige Ende Lenins glaubte, hatte man kein Interesse für die von Voß
angebotenen Werte. Man empfahl ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die
Herren der Prokura, die ihn empfingen, sollten eine große Szene erleben. Der
alte Seigneur riß seinen Kragen vom Hals und sagte, er werde eher Portier der
Bank. Darauf wandte er sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich
zu. Obwohl die Offerte der Bank verständig war, fühlte er sich tagelang
beschimpft. Das Gefühl, den Boden, um dessen politische Freiheit er sich in ihm
unerträgliche Prozesse gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab ihm
einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen Seelenbezirk. Mit irren
Augen sah er die Ereignisse herankommen, die er nicht begriff und die ihn, pfui
Teufel, noch weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen rückte er
seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den Mittag bei ihrer Freundin abholte,
der Lady Douglas, die, zehn Jahre älter als sie, sie unter ihren Schutz genommen
hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte und hatte ihr Haus und ihre
Anmut den Flüchtlingen geöffnet. Voß verschwieg ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz in Zukunft sprach, hatte er mitten in seinem blondumbarteten
Mund eine gewisse Weichheit bei der Artikulation. Im Herzen war er
verzweifelt. Natürlich wären viel Hilfsmittel zu seiner Verfügung gewesen,
allein durch seine Eigenart verlor er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es
ihm gepaßt hätte, sich Freunden zu eröffnen, war das fragliche Vermögen zu
gering. Die Blicke des Hoteldirektors zwangen ihn zu Entscheidungen im
Hinblick auf seine lang aufnotierte Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn
nunmehr Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit seiner herrischen
Natur und Erziehung. Das englische Pfund begann sich gegen den Dollar stark
zu senken, die Gläubiger holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein
Baisseengagement auf die polnische Mark ein, die sich besserte und ihn
zerschlug.
Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste er nach Brüssel und
kam zurück, als sei in der Tat nichts geschehen. Auf seinem Tisch lag ein
Telegramm seines Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt,
jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht helfen. Zum erstenmal im
Leben empfand er Heimatlosigkeit. Er fühlte seine Umgebung feindlich und
unzugänglich. Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache braungelbe
Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. Mit dröhnenden Schritten
stolperte er in die Gassen hinein, die Vorstädte umgaben ihn mit dem
Nachtgewölb. Das Elend, die Hilflosigkeit übermannten ihn. Seitdem er den
Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch das Leben hindurch
gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige Dinge hinter ihm her. Er
bewegte die Arme alle paar Minuten vom Körper weg. Es kam ihm vor, als sei er
gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit zerschmettert, die ihn kindisch machte.
Er hatte nur noch Gedanken nach Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden
türmten sich über ihn, alles drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam
über eine Brücke mit gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich in einer
bekannten Straße. Mit Erstaunen bemerkte er, daß er nach einigen Schritten sich
an der Tür eines Emigrantenklubs befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre,
indem er auf Wort spielte und gewann die Nacht tausend Pfund und fuhr
nächsten Tags nach Paris. Daß er gerettet war, machte ihn glücklich und heiter.
Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, Gent, Calais. Er
beabsichtigte, für seine Tochter etwas zu tun, die ihm in den letzten Monaten aus
dem Gesicht gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war heiter. Er nahm
seine Tochter vor Rührung in die Arme, als sie zum erstenmal Buchenwald
wieder an das Meer heranrücken sahen. Dahinter flogen Windmühlen und eine
Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide hingerissen. De Voß, mit
Tränen in den Augen, begann aus voller Kehle im Auto halbstehend, die nationale Hymne zu singen. Die Ebenen und Wiesen mit den Arbeitenden und
dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.
In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats um sich. Da die
Verhandlungen in der Schweiz keine Fortschritte machten, verlegte er einige
Wochen seinen Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu
erreichen. Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain ihn empfing, der
das britische Reich damals vertrat und ein Vetter der Douglas war. Die
Unterredung war kurz, aber er vermochte den Diplomaten an die besten
Traditionen seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen
Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit der europäischen Staaten
vorwarf, aber ein furchtbarer Schlag zwang ihn nach Paris zurück. Er vermochte
sein Vermögen nicht mehr zu retten.
Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und erledigte ihn. Es
blieben lediglich einige südafrikanische Shares. Diesmal schien es keine Rettung
mehr zu geben. Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie mehr von der
Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. Bei einem
Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm ein Bankier ein, den ihm Lady Douglas als
ihren Vertrauensmann in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff zum erstenmal
die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die um ein Lebensrecht kämpfte,
das sie seit einem Jahrhundert schon verloren hatte. Er ging zur Avenue Wagram
zu Fuß und widerrief seine Absicht bei jedem dritten Schritt. Aber beim vierten
entschloß er sich wieder von neuem. Schließlich trat er in das Privatbureau des
Präsidenten.
Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen gegen den Mann, daß
er versuchte, mit einer Ausrede ihn zu verlassen, dann sah er ihn einige
Sekunden an von dem schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften Schuhen.
Er nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: „Sie sehen in mir einen Mann,
der sein Vaterland über alles liebte und der vernichtet ist.“
„Bedecken Sie sich,“ sagte der andere, der einen kleinen Sprachfehler hatte,
„ich will sie retten.“ Der Mann hielt ihn trotz seiner imposanten Ausgaben drei
Monate über Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der
Unternehmungen, an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt hatte, wie die
Affen kletterten. „Mein verehrter Baron,“ sagte der Bankier, „Sie sind saniert
und ich hatte das Vergnügen dabei, einer verehrten Frau eine Gefälligkeit
erweisen zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen zurück.“
Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, als ob er etwas in
tiefster Ehrerbietung heimlich grüße, bekam einen Kopf wie ein Schlagflüssiger
und verließ ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die Faust über diesen
Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. Es war prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und mit sich prunkte. Einen Teil seines Gewinns
sandte er in aufsehenerregender Weise an Roland de Voß nach Lausanne und
eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige Wochen ging es ausgezeichnet.
Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das Haupt der von ihm
gegründeten Pania Watja, der jüngere St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die den
letzten polnischen Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte, traf ein.
Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an seinem Wagen mit der
aufsehenmachenden Silberfaust zwischen den drei roten Kugeln. Auf den
Wunsch St. Goars fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf der
Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer Tag. In der Nacht
tappte Voß an seinen Safe, der in einen suite-case eingebaut war. Er fand nichts
mehr darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war wieder am Ende. Von
nun ab trug er das eine Auge etwas geschlossen.
In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. Die war erstaunt,
daß er ohne sich anzumelden, kam, weil das noch nie geschehen war, solang sie
denken konnte. Selbst als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von einem
Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, daß er eine
graue Haut hatte. Daraufhin richtete sie sich auf. Im Zimmer flogen aus drei
hängenden Käfigen Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe hatte die
aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte hinaus.
„Packe alles,“ sagte er und sah sie mit aufgerissenen Lidern an. „Wir werden
uns in Zukunft einzuschränken haben. Entlasse das Personal. Ich werde gehen,
eine unseren Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.“
„Wie,“ sagte Granuella, „wir müssen anfangen zu verzichten? O, wie danke
ich Dir, daß wir endlich dazu bereit sind.“
Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. Denn er sah zum
erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, daß sie toben würde. Diese
Hingabe rührte ihn derart, daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand setzen
mußte, und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz preßte. Er war
restlos besiegt und erschüttert und küßte ihre Haare.
Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine Tochter das Opfer
in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie er in den Spiegel sah und dachte, daß er
alle die Monate und Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt hatte, brach er sogar in
Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu dem Bankier, erreichte aber
nichts, da er verreist war. Er suchte ihn gegen Abend noch einmal auf. Er hatte
wieder keinen Erfolg, trotzdem dachte er nur daran, Granuella das seitherige
Leben fortführen zu lassen. Als Granuella den Zurückkehrenden gedrückt sah,
durchschaute sie alles, überraschte ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war
entlassen, das Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf ausgeschrieben und das meiste schon gepackt. Am nächsten Mittag zogen sie in eine kleine
Wohnung am Friedhof Pair La Chaise.
Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, es sei die beste Zeit
gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die Treppe herunterkam, sprang jedesmal
der Concièrge aus seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den
Schellenbaum, den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu grüßen.
Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, die da die Treppe
herunterkam, und hinter der er einen General vermutete. Sein Herz schlug höher,
er salutierte noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit seiner Krücke
ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: „So sehen Sie doch, mein Herr,
wie frisch die Bäume sind. Es muß einen neuen Krieg geben, sapristi . . .“ Er
blies sogar in die Hände über diesen Mieter und drehte sich vor Vergnügen im
Kreis, wenn man ihn nicht sah.
Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache sich einzuschränken,
weil sie es nicht gewohnt waren. Man machte Entdeckungen. Es war mehr eine
Robinsonade und ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein
Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden bei diesem Anblick
der rührenden Sparsamkeit glücklich. Man gründete die Pania watja mit neuen
Formeln, ein Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück setzten
die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die Pania watja aufgelöst werden
mußte. Sie bestand unter anderem Namen verstärkt fort.
„Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu können,“ wagte eines
Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut zurückkam. Zu seinem Unheil war das
bescheidene Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die Not. In
diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert werden. Es blieb nur die
Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. Granuella sagte: „Wir dürfen unseren
Stolz nicht so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf die
Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen darum herumsitzen.
Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, daß es nach den Schwarzbeinigen
riecht.“ Sie hatten sich angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen die
ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach der von Geld durch
die Not wieder ganz bezauberte Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald kam die
Nachricht, daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem annektierten
Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. An Rückkehr war nicht zu
denken. Er wäre eher vom Dach des Hotels gesprungen. Wahrscheinlich hätte
man sie ihm nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine totale Losgelöstheit. Es
gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, man hatte die Heimat wie ein Stück
Körper von ihm abgeschnitten und er befand sich mitten in einer furchtbaren
unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein Ziel geben, das gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund
spitzte, im Auge flackerte manchmal mit einem gelben Schein die Gier. Die
Hände schnellten oft wie bei einem Vogel, der einen Ast ergreift, zusammen. Er
war gemacht für Kämpfe, die eine gewisse Höhe an Stolz und Anspruch
voraussetzten. Zu anderer Zeit wäre er ein großer Anführer für die Freiheit
gewesen. Zu seiner Verwunderung wurde er rücksichtslos umgeworfen. Wo er an
Adel sich klammerte, krachte die Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände
von Glückssrittern und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war er hilflos,
aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach glatt vor die Hunde in dieser
Quälerei um die Existenz. Sein Widerstand war so erstaunlich gering, weil er
selber fühlte, wie er abstarb in diesem Zeitalter, das seine Voraussetzungen
schon gar nicht mehr kannte. Man mußte Paris verlassen. Er jagte hinter allen
Möglichkeiten des Geldes wie ein Besessener her. Im Grunde ward das die
mächtigste Bewegung in seiner Seele. Er hatte Angst in einem Vorstadthotel zu
krepieren. Aus dieser Furcht entwickelte sich eine namenlose Habgier nach
Geld.
Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran kamen. So war er
zum Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin von Luxemburg, die ihn ihr
Gestüt beaufsichtigen ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja erreichte
nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. Der polnische Geschäftsträger
wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit am Hofe seine Regierung stark
verstimme. Da der luxemburgische Frank gut stand, mußte man den Alten
opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er den „Kreuzzug
durch Europa“ unternommen hatte, ihn wie einen Fuchs zu jagen begannen, als
sein Kreuzzug schon ein erbärmliches Gehetz durch immer erschrecklichere Not
wurde. Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm her brachte ihn fast ins
Grab in den nächsten Monaten. Er war zu mürbe schon, um zu sterben an seiner
Galle. Er war entschlossen nicht Hungers zu sterben. Also starb er auch nicht an
Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu. Ein Lichtblick war, daß er in Kissingen
einen abgesetzten deutschen Fürsten am Brunnen traf, der auf seinem Gut
übernachtet hatte und ihm nun klagte, daß Auseinandersetzungen mit englischen
Banken sein Vermögen zerstörten. Er gewann Voß dafür, durch eine Reise seine
Londoner Beziehungen in den Dienst seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach
Dover, dann nach London. Er war zu ungeschickt, trotz besten Drucks durch
seine Bekannten, den Prozeß geschickt gegen die gerissenen Advokaten des
englischen Fiskus zu leiten. Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und
versprach, wo man Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte Laune
seine Beziehungen, denen er seine Unterlassungen und Fehler empfindlich
vorwarf. Er hatte mehr zerstört, als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland zurück. In München wachte er auf und besaß noch für drei
Tage Geld. Das Gespenst saß schon auf seinem Bett. Es hatte ihn eingeholt. Es
hatte lange im Dunkel gedroht. Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen
und zerschlagen. Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da drückte ein
junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. Goar in die Augen. Er mußte im
ersten Augenblick einige Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: „Haben Sie
Geld.“ St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, beteiligte ihn an
schlesischen Werten, die gerade haussierten. Das sollte St. Goar aber schlecht
bekommen.
Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das Gefühl für seine
politische Aufgabe wieder in ihm, und zwar in ungeheuerlichem Maße. Die
Hälfte seiner Einkünfte sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade mit einer
Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger Feuerköpfe reiste er an
allen Gouvernements und Börsen herum. Er ließ Proklamationen an die
Parlamente und Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen,
Versammlungen abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er machte soviel
Wind und Redens um seine Angelegenheit, daß er sich alle zu Feinden zuzog,
die am Schweigen darüber interessiert waren, und das waren die Mächtigsten
und gerade die, die allein hätten helfen können.
Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die Sache seiner Provinz zu
beschleunigen, indem er sie in die Hände der Großindustrie legte, und jeweils,
wo er zu Konferenzen erschien, sah man ihn von jungen Leuten und Dienern
begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte nachzuweisen, daß
gewaltige Schätze in dem umstrittenen Terrain steckten, und daß ein faules Volk
wie die Polen sie vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu verwenden. Er
war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe alle Konzessionen, ja
allen Verdienst, abzutreten, wenn sie über ihre Regierung den Sieg seiner Nation
durchsetzten. Dieser Plan wurde damals von vielen Seiten ernstlich in Betracht
gezogen, und es war nicht unsinnig, an seine Verwirklichung zu glauben.
Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus der bürgerlichen
Familie Romanoff, die in Litauen ansässig war und eine hervorragende Menge
von Begabungen in die noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte veilchenblaue
Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch, sein Haar mehr
blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand er so zu schweigen, daß es eine der
anmutigsten Gesten war, die es in dieser Zeit gab. Die Überzeugtheit des alten
Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß sie wie eine plötzliche
Krankheit wirkte. Das machte den alten Seigneur verdächtig bei aller Welt. Mit
von Widerständen krankhaft aufgereiztem Feuer begann er nach so langer Pause
des Verschollenseins und nach so atemloser Jagd nach dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld von neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu
verwirren. Unter anderem zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den Dank
für die Gutmütigkeit, mit der jener ihn an den Haaren aus dem Dreck und
Skandal gezogen.
In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen Frage der Propaganda
mit St. Goar beim Lunch und beleidigte den Verblüfften auf eine gewaltsame
Art, worauf dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ. Voß
vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. Genau so großartig, wie er
knapp am Hunger lebend die Erzlager seiner Provinz den internationalen
Industriekapitänen vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von welchem Geld
er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer barbarisch traktierte. Es gelang
allerdings, ihn zu einer Aussprache mit St. Goar zu bringen.
Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies viel Würde und Wille
zur Verständigung. Er vermochte allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt
seines Gegners, den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte sich
Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan zu zwingen oder ihn
unschädlich zu machen, drohte er einen Augenblick, ihn wegen gewisser
Unregelmäßigkeiten aus der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick trat
Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und sprach leis einige Worte zu
ihm. Es schien, als ob sie ihn um Mäßigung bitte. Voß ging darauf ganz weiß im
Gesicht an die Tür, öffnete sie und telephonierte im Nebenzimmer. Nach zwei
Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei Beamten der Fremdenpolizei.
„Dieser Herr hier,“ sagte Voß, und deutete auf St. Goar, „besitzt einen
falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im Interesse des Landes, das mir
Gastfreundschaft gewährt.“ Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten
hätte er gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und füsilierte. Er
beachtete überhaupt nicht, daß die beiden Beamten ihn baten mit zur Präfektur
zu kommen. Er sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und seiner
Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen Stöße des
Lebens in den letzten Jahren von einer fieberhaften seelischen Erkrankung
begleitetet, die jedenfalls kein Irrsinn war, ihn aber veranlaßte, aus Angst vor
dem raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem bedeutenden Größenwahn zu
sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß an der kleinen Differenz der
Anschauungen mit St. Goar das Schicksal seiner ganzen Mission hänge und daß
noch sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache rettungslos zerfalle. Diese
Verantwortung brachte ihn fast zum Wahnsinn.
Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse verhaften ließ. Er
war bei aller Begeisterung eigentlich ein Kind, dem entging, daß die Schicksale
der Nationen keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner Patrioten liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen Zeit aber immerhin sehr
interessant, wie er, dampfend vor Zorn, mit seinem großen Körper über den
Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der Wand. Nun kam sie
herüber: „Ich vermute, daß Du sehr unrecht getan hast,“ sagte sie und bemerkte
daß sein linkes Auge fast zugefallen war.
Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, aus ihrer Anonymität
heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. Dann sprang er auf. Wie alle falsch
Illuminierten entschloß er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem Herzen
zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er dachte damit seine Kühnheit zu
verstärken, während er sich kastrierte. Auch konnte er seltsamerweise den Blick
der Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie plötzlich nach einigem
Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. Dann sagte sie kalt, sie billige
die Ansichten St. Goars.
Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es nicht zu fassen:
„Meine Tochter! Meine Tochter!!“ . . . rief er dauernd. Granuella sagte nun mit
festem Ton: „Ich erwarte, daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum
Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . was Du vorziehst.“ Sie
ereiferte sich.
„Wie . . .,“ schluchzte der Alte . . ., „wie — — Du sprichst mit Deinem Vater
. . . .“
„Ich spreche,“ sagte Granuella, „mit einem Freund des Vaterlandes, der einen
anderen den Feinden ausgeliefert hat, und ich weiß, was man in diesem Falle zu
tun hat.“ Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen und die Sache
wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung völlig ruhig, trotzdem
oder wahrscheinlich, weil er den Sinn ihrer letzten Worte falsch als Rebellion
verstand: „Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu übereilen,“ sagte er und
schloß sie ein.
Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, St. Goar zu
befreien, indem sie sich für ihn verwandte. Doch nach der Szene im Salon mußte
der Gefangene der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters Mitwisserin sei
und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de Voß sie eingesperrt hielt
und überhaupt nicht mehr sichtbar ward. Sie mußte fürchten, wenn sie
gewaltsam zu fliehen versuchte, auch den Vater durch den Skandal zu belasten
und die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.
Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, und als sie sich
umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht erschrecken. Dann krümmte sich
etwas, das zwischen den Paravants herausfiel, sich überschlug und aufschnellte:
Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht zu verbergen.
„Ich komme durch den Luftschacht,“ sagte er stolz.
„Schweigen Sie,“ flüsterte Granuella, und legte den Finger auf die Lippen,
„wenn mein Vater Sie erblickt, wäre es aus.“
Der junge Mann lachte leis: „Mit mir? Ich bin unabhängig und denke die
Mittel zu kennen, die Ihren Vater fesseln.“
Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber es war einiges an
dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem bewies er ihr in jeder Bewegung eine
Verehrung, die weit das landläufige übertraf. Sie war damals durch die
Umstände ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt je besonders
geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische Heilige für die jungen Schwärmer
ihrer Nation. Sie war stets völlig hinter Frederik de Voß zurückgestanden. Man
dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast federnden Körper und dem
beinahe wollüstigen Madonnengesicht sah, an eine blonde Amazone, die den
Tod und den Genuß mit einer unendlich süßen Kraft in sich vereinigte. Er schied
auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er gekommen war.
Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er erreichte es, bei einer
Gegenüberstellung, die er zu einem anderen Zweck herbeiführte, ihn zu sprechen
und überbrachte ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr gezweifelt. Seine
Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier in diesen Haß verbissen
hatte und auf irgendeine geheime Art immer neues Material gegen ihn den
Behörden zufließen ließ, die in einer panischen Furcht vor dem Eindringen
revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.
Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas interpellieren wolle, die
den Schweizer Gesandten in England auf den Fall verweisen könne, und daß St.
Goar infolge dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß in die
Sache hineingezogen werde.
„Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,“ sagte sie lächelnd, „aber er ist
närrisch geworden über die Liebe zum Vaterland, daß er es bald verdirbt.“
Romanoff schwieg nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und
Unwissenheit des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen Weichheit auf.
Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge sprechen. Ihm war wichtiger als das
Politische, daß Granuella seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn seine
Verehrung und er kam nicht weit.
Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während seine Tochter über
den Speicher an einem Seil Besuch empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich
günstiger, er gewann zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der schiefen
Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des schon halb gefällten
Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff im Vorzimmer sah, schöpfte er,
mißtrauisch wie er geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun nachts
kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit und Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen den Moment um Mitternacht, wo
es dreimal zirpte. Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie vor sich,
fast lautlos.
Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der ihre Ziele
zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise litauisches Blut in sich trugen,
meistens Baltenfamilien entstammten, aber alle litauische Mischungen bis in die
letzte Zeit in sich trugen, waren alle von einem unaufhörlichen blonden Haß
gegen alles Polnische erfaßt. Diese mittelalterlichen Ritter waren durchaus von
der sauberen Heiligkeit ihrer Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer
im Dialekt des zwölften Jahrhunderts angesprochen, er hätte vermutlich ebenso
geantwortet. An der Wiege einer jungen Nation wiederholen sich in verkürztem
Tempo aber ohne ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer der
alten. Die Geschichte der Völker ist eine Kartothek des gleichen Unsinns, der,
wo er tragisch wird, eine besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen
die jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten von Babylon
bis nach Karthago oder jenem Augenblick, wo von Byzanz die Macht an Rom
überging, oder wo die Souveränität des Westens nach New York wanderte und
die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert ward, ihren Nationen
zur Belehrung Beispiele in Haufen vorzuführen. Die Randstaaten, die am
Kreisbogen des alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen erstarren
lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich klugen Gedankens
gehabt hätten, als sie ihr Nest etablierten. Sie zogen es vor, statt die westlichen
Demokratien einfach zu kopieren, deren Säuglingsniveau noch einmal
darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter Nationen entstehen alle
Dummheiten, aber sie werden durchgeführt mit den blendendsten Eigenschaften,
deren das menschliche Geschlecht fähig ist. Diese beiden jungen Menschen, die
nie über das Reich Gottes und nie über die furchtbaren Probleme der Einzelnen
und der Massen nachgedacht hatten, erglühten einfach in schwärmerischer
Hingabe an die Idee ihres Staates.
Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus irgendeinem Grunde
seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten. Granuella fand seinen Kopf in ihrem
Schoß. Seine Hände suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie sprang
zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand die Liebe, die ihr
entgegenschlug, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht an Romanoff,
sondern an den Herzog von Leuchtenberg, der sie aus dem brennenden Haus
geholt.
„Was wollen Sie?“ schrie sie, „was wagen Sie?“
Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten, als sie ihn so
blaß sah.
„Verzeihen Sie,“ meinte er mit zuckenden Lippen, „ich habe Sie nicht
beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und ich vermag nicht ohne ein Wort der
Zuneigung von Ihnen zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.“
Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole aus der Hand, die er
ihr wie gelähmt überließ:
„Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht um die Heimat die
unausdenkbarsten Verdienste gemacht hätte. Aber ich spüre nichts für Sie, als
jene Zärtlichkeit, die ich Ihnen schulde.“
„So lieben Sie einen andern,“ schrie Romanoff und schlug die Faust auf die
Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er dachte an St. Goar und fühlte sich
plötzlich schmählich mißbraucht. Granuella war an die Wand getreten und so
hinreißend, daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete. Sie sagte fast
tonlos etwas, das nicht vernommen werden konnte und schüttelte den Kopf.
Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen. Sie forderte ihn auf,
zu bleiben und seine Reise aufzuschieben. Er sagte düster, er könne nicht.
„Warum?“ Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen, etwas zu erfinden. Er
fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel und verwirrte sich. Schließlich erfuhr sie,
daß sie von St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch monatelange
Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe, daß er sogar gewisse
wichtige Akten und Namensverzeichnisse ohne Skrupel aus Rachelust mit St.
Goar zusammen hatte verhaften lassen. Romanoff war auf dem Wege, daraus
folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast tödlich. Sie hatte die
Augen lange geschlossen und zitterte am Körper, als hinge sie im Wind. Zuletzt
fragte sie mit harten Augen: „Warum habe ich das nicht lange bereits erfahren.
Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich aufzuklären. Warum blieben Sie in seiner
Gesellschaft?“
„Ihretwegen,“ sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen
Erregung an. „Ich konnte nicht vor Sie treten und sagen: „Frederik de Voß ist ein
vom Geld zermorschter Habenichts, ein Verräter und ein gewissenloser Freund
der Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.“
„Gehen Sie, gehen Sie,“ rief sie und schlug mit der Faust in die Hand. „Es ist
genug.“ Er wollte sich ihr zu Füßen werfen, da wurden sie unterbrochen. Es
klopfte, sie öffnete. Ihr Vater trat ein.
Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er sich an seine Tochter.
Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar irgendwie stützte und mit dem
erbarmungslosen Haß des Greises suchte er ihr diese Betätigung zu zerschlagen.
Jedoch nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm jemand die Rede von
den Lippen ab. „Gehen Sie,“ sagte Granuella zu Romanoff. Der junge Mann
kettete sein Auge an sie, bis die Tür sich hinter ihm schloß.
Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Es
gelang Voß noch einmal zu einem günstigen Resultat zu kommen. Sie
beschlossen am Ende des Gesprächs die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich
plötzlich zwar seiner Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als früher
verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine Fehler zu verzeihen.
Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis und versprach, Romanoff nicht mehr zu
sehen. Sie glaubte, wie auch als Kind schon, als sie den gewaltigen Mann vor
sich weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an seine Liebe zum
Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter Tränen lächelnd schätzte
Granuella sich glücklich, einen solchen Vater zu haben. Bei all ihrer
Weltunkenntnis konnte ihr nicht entgehen, daß Voß überzeugt war von dem, was
ihn bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie einen Trupp der polnischen
Delegation, der, den Fürsten Gagarin in der Mitte, aus einem Konferenzgebäude
über den Reitweg herüberkam. Das Gesicht des Fürsten war von Erregung so
blaß wie damals, als die Flammen ihres Hauses sein Gesicht beleuchteten. Wie
er vorbeiging, mit einer tiefen Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten
Vater und Tochter sich die Hände. Sie wünschten ihm einen fürchterlichen Tod.
Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte. Eine zweite Enttäuschung
würde sie töten oder zur Rasenden machen. Sie war zu ungewandt in der
Kenntnis der Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, um die
Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. Sie beschränkte sich darauf,
mit dem ganzen Edelmut ihres Herzens an ihn zu glauben, eine Fähigkeit, die
ebenso großartig wie verrückt war. Voß verlor wieder dauernd. Ohne Geld und
Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der Kampf ums Geld wurde
riesenhaft für ihn. Eines Abends war er im Kasino aufgesprungen, hatte die
Brusttaschen seines Fracks gewendet und das Futter in den Händen, als ihn
jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war ihm dem Namen nach
irgendwie bekannt und er folgte ihm hinaus. Dort sagte er ihm, die Provinzen
seien den Polen zugesprochen worden. Darauf ging er schlendernd wieder weg,
Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein Zustand war um so entsetzlicher,
als er sich auch wegen des Zustands seiner Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe
machen mußte. Er sah sich in jeder Hinsicht vernichtet und wäre für einen guten
Tod dankbar gewesen. Die ganze Nacht weinte er mit Granuella, die ihn tröstete.
Wirklich stellte sich anderen Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an
Polen nur provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr Kraft genug, das
auszuhalten. Das linke Auge schloß sich von dieser Nacht ab völlig. Er war
seelisch zu sehr verludert, als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen
hätte. Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in den Kot. Er wurde fast
kindisch und dachte überhaupt nur noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer phantastischen Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte und
bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in seinen Augen, die Geldlust
machte seine Finger zittern. Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte mit
dem Kopf und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während sich sein
Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete Granuella ohne sein Wissen die
Ausgaben ihres Hausstandes mit Darlehen, die Lady Douglas ihr besorgte und
für die sie mittlerweile ihre russischen Besitzungen verpfändet hatte.
Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des Hauses sehr trist
geworden. Er verlor, je tollere Träume von großen Vermögen und
ungewöhnlichen Verdiensten ihn juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte
Kritik. Er vernachlässigte seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen
spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein devoter Zug
eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und weinerlich geworden und seine
Gesellschaft war abscheulich. Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in der
Diplomatie sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er seinerzeit mit
Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen war: „Dieser Mann da
schien uns jungen Leuten der Konferenz albern, aber wir beneideten ihn. Er ist
noch alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr beneiden und ich glaube
man sollte ihn deshalb totschlagen.“ Die Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr
Gespräch zu beachten, Frederik de Voß mitten durch sie gegangen kam, aber der
Sprecher schien es zu erbärmlich zu finden, um zu lachen, schob den hohen Hut
in die Stirn und ging aus dem Foyer. Frederik de Voß las aus den Gesichtern der
Menschen nur noch wie an einem Thermometer, wie weit sie für Geld in
Betracht kamen. Alles andere übersah er bereits, er war nicht mehr zu kränken.
Er hatte den Vogelblick mit seinem rechten Auge bekommen, mit dem er nach
Beute spähte. Er dürstete so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, was
herbeikam, um es wieder zu verspielen. Die Briefe seines Sohnes schob er
zitternd in eine Schublade, um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte
wahrscheinlich gar keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder besaß,
die bis ans Meer grenzten, und daß seine Maisfelder zwischen den Kanälen
flimmerten.
Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid und man
erzählte sich von ihm die abenteuerlichsten Geschichten der Erniedrigung. Als
ein skrupelloser Agent, dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die
Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, stürzte Voß vor
ihm auf die Knie. „Väterchen“, rief er und schüttelte die Hand des Agenten mit
seinen beiden Armen, „meine Kinder verhungern“. „Was wollen Sie“, fragte der
Spediteur, der einen unglaublichen Namen trug. „Fünftausend Franks“,
wimmerte der Alte in seinen Bart. Er war tiefunglücklich. Der andere trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und starb bald vor Lachen. Er kannte die
Verhältnisse genau. In seinen Karpfenaugen glomm eine diabolische Idee, er
warf eine Hand voll Silbermünzen durch sein Bureau und schlug die Arme über
dem Kopf zusammen, so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu bekommen, als
der Edelmann wie ein Narr herumlief, und die Stücke einsammelte. Dieser Mann
benutzte ihn nun zu seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und
Quälereien. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß nun, daß einer der
Herrenkaste in seiner Hand war. So ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge
vornehmen, die Voß für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte.
Von alle dem ahnte Granuella nichts.
Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater abmagern ließen, gab
keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz und verdoppelte ihre Liebe zu ihm. Eines
Abends fand sie Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr Vater mit
den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte der Alte den besessenen Vorschlag
gemacht, zurückzukehren. Er beabsichtigte die Okkupation anzuerkennen und
verlangte dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung der
beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß dieses Vorgehen nur aus
einem völlig zerrütteten Hirn kommen konnte. Die Erkenntnis war aber für
Granuella so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht tötete, furchtbar
hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag alles. Sie fiel wortlos zu
Boden.
Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über den See. Sie glaubte
diese Verhöhnung des Lebens nicht ertragen zu können. „Welch ein erbärmliches
Schicksal“, dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer sich, daß sie aus
ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr wahrscheinlich das Leben,
denn als sie mit geschlossenen Lidern die Stirn an das Fenster drückte, war sie
mehr eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie fühlte einen ungeheuren Zorn. Von
einem Geräusch aufmerksam gemacht, drehte sie sich um. Voß stand in der Tür
mit weißem Gesicht, schielend, nicht ganz nüchtern. „Du bist toll,“ sagte sie und
ging hinaus.
Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als er nicht zurückging.
Sie konnte ihn nicht sehen, so außer sich war sie. Schließlich hielt sie sich mit
der Hand fest an dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte: „Folge mir
nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir zu reden, was ich Dir
ersparen könnte,“ und setzte rasch hinzu: „Ich vermag es Dir aber auch zu
sagen.“ Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen wütend an. Da ging sie
mit einer stürmischen Bewegung bis dicht an sein Gesicht heran. Ihre
Kieferknochen strafften sich vor Energie und wurden weiß wie Seile:
„Erbärmliche Geschichten, die Du machst,“ rief sie, „Du verhandelst mit den Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens unter deine Füße zu
schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies erleben zu müssen.“ Das junge
Mädchen war in einem Schmerz, der sie nichts mehr ertragen ließ: „Geh weg
von mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger. Gott helfe mir,“ schluchzte sie.
Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen müsse. Sein
Auge blieb an dem Schreibtisch hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit:
„Du hast in falschen Sachen geblättert,“ sagte er und suchte zu lachen, obwohl
seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich herauszuwinden, indem er
ihr bewies, daß die Listen eine Falle für das polnische Gouvernement wären. Es
gelang ihm gar nicht zu reden. Er hatte die unklare Vorstellung, daß er im Begriff
stand, etwas sehr Wertvolles zu verlieren und krallte die Hände immer auf und
zu. Aber die Angst, die in seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel
zu. Das junge Mädchen sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. Er hatte sie ohne
Zweifel wieder getäuscht.
„Das will ich Dir sagen,“ flüsterte sie, „daß ich Dich durchschaue und
entschlossen bin, ein Ende zu machen.“ Sie erstickte fast vor Tränen. Trotzdem
war in diesen Sekunden das unerfahrene Mädchen zur Furie verwandelt. „Ich bin
entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles ruinierst. Du hast unsere große
Sache zertrümmert. Du hast Dich an der Idee der Freiheit, für die wir heute
gelebt haben, wie ein Wahnsinniger vergangen. Du hast uns von St. Goar leben
lassen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe Romanoff abreisen sehen wegen
Verrätereien von Dir, die er einzurenken bestimmt war. Unser Geld fließt zu
Roland, der es mit Dirnen vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, ich
ahne die Posse nicht, die ihr alle mit meinem Herzen getrieben. Wir sind Bettler
geworden, aber kein Strolch kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben,
so ist es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen
zusammengetroffen zu sein.“ Sie warf sich auf den Divan und schlang die Arme
um die Kniee. „Dieser alte Mann ist mein Vater“, dachte sie. „Ich erkenne ihn
nicht in diesem scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln zu
rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben zerstört. Warum ist er
nicht gestorben, als unsere Jugend in die Pania watja ihm noch zulief.“ Der alte
Voß war gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und um welcher
erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, daß sie ihm wegen seiner
Bettelarmut Vorwürfe mache und murmelte vor Angst gröhlend: „Halte an Dich,
sprich nicht über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn ich habe mit
Silberminen ein Vermögen gestern erworben in einer Spekulation, die einen
anderen wie mich vernichtet hätte.“ Es war offensichtlich, daß er log. „Du wirst
es morgen wieder verlieren. Ich will Dir etwas sagen,“ meinte Granuella, die
plötzlich aus ihrer Vereisung erwachte, „ich bin Deine Tochter,“ und sie ging ungestüm auf ihn zu und küßte ihn . . ., „aber ich sehe keinen Kameraden mehr
in Dir. Es ist wahr, daß ich Dich verlasse.“
Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Langsam
öffnete sich das linke Auge des Alten und wurde ganz groß, weiter als das
rechte. Das Mädchen überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von einer
wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie noch zu sagen
hatte: „Ich möchte nicht,“ sagte sie und merkte, wie sein linkes Auge starr und
entsetzt sie ansah, „daß ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn ich Dir
entgegentreten müßte.“ Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging hinaus. Nach
einer halben Stunde erst fand der alte Voß nach einer ihm unerklärlichen
Aufregung die Kraft in ihr Zimmer zu laufen und nachzusehen, ob sie Schmuck
zurückgelassen hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er nahm aber an, sie
hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt und auf sie fluchend in den
Fächern. Sein linkes Zuge schloß sich wieder völlig. Granuella ballte auf dem
Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie mitgenommen, im Anblick
von Genf, das sie erreichen wollte:
„Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie meinen Vater zu
zerstören,“ dachte sie voll heißem Kummer. Sie war kindlich genug, es wie Gift
zu hassen. Drei Schritte weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie zu.
Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung ihr gegenüber
jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund sich ihm nicht anzuvertrauen, zumal
sie ja sich nicht verschwieg, daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs heftigste zu
zürnen: „Ich würde mich wundern, wenn Sie die Abscheulichkeiten ganz
verwunden hätten, denen Sie durch unsere Schuld ausgesetzt waren,“ sagte sie,
worauf er sehr unglücklich war und heftig errötete, denn er verehrte sie so, daß
er ganz andere Dinge auf sich genommen hätte. Sie gab sich ihm vollständig in
die Hände, als ob Vertrauen das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und
Kraft genug, seine tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens sich nicht zu
erklären. Sie gestattete ihm, sie zu Lady Douglas zu begleiten. Er war stolz, von
dieser schönen, hin und wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu
sein. Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er ihre Partei
gegen den Schatten ihres Vaters, indem er diesen aber zu schonen verstand. Er
hatte den Takt ihr eine wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus
Anstand fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte ihn wirklich
daran, zu sprechen, bis sie bei der Douglas ankamen und er das Mädchen dem
Schutz der erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage herum, ehe er
sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine so seltsame Figur, daß es sich bei
den Gästen des Landgutes herumsprach und alle eher als Granuella wußten, wie
es um ihn stand.
Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf und sah sie
herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, an deren Ende schon der Mond
zwischen blauen Schatten und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und
nun voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden und
umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn wieder eine geheimnisvolle
Scheu zurück. Er flüchtete in eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau sein
Gesicht überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, die mit
Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, ihr Leben vollständig zu
ändern, er sagte auch über die Behandlung ihres Vaters das Vornehmste. „Sagen
Sie ihm,“ meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und wandte
sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen mußte, und kaum das
folgende Flüstern Granuellas hörte. Es schien jedoch dem Gesicht St. Goars
zufolge, der den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung gelassen hatte.
Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen Grund. Seit dieses Mädchen
mit einem Male so entsetzlich hellsichtig geworden war, schien sie überhaupt
nicht mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres nationalen Ehrgeizes trennen zu
können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich dadurch immer weicher und
frauenhafter.
Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt ihres Vaters, aber
während sie in Weinen zerging, stand eine Zornfalte ihr wie einer gerührten
Amazone auf der Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe
zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und neuen Datums, daß die
fürchterliche Gier nach Geld den Alten bis zur Besinnungslosigkeit beherrschte.
Das war entsetzlich, nahm ihr aber den Alpdruck der Härte. „Man hätte Sie
diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen wären,“ meinte die Douglas
mit einem etwas hochmütigen Gesicht. Granuella hatte eine Art, unerhört zu
gefallen, daß es ihre Freundin ängstete, zumal das Mädchen selbst es überhaupt
nicht zu bemerken schien.
Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die Douglas, würden aus
Verzweiflung oder aus Ehrgeiz vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie
sprach mit dem Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es war
überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je weniger sie sich aktiv an den
politischen Dingen beteiligte, um so leidenschaftlicher mit der ganzen Glut ihrer
Frauenhaftigkeit auf deren Erfolg zu warten und in einem unbestimmbaren Sinne
sich als Preis für den kühnsten der Feuerköpfe zu betrachten schien. Irgend
etwas Geheimnisvolles dieser Art bestimmte jedenfalls ihr Leben völlig und gab
ihr auch den Reiz phantastischer Sicherheit. Bestimmt waren ihre
Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in ihr aufgerichtet und alles Spätere
war geneigt, dagegen abzufallen oder von ihr leicht vergessen zu werden. Sie war ohne Zweifel im Innern nur darauf gerichtet, daß ihr Schicksal
notwendigerweise mit dem ihrer Heimat zusammenfiele.
So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, daß Briefe ihres
Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, der sie mit fieberhaften
Beschwörungen um Geld anging, ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen
von wirren Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, sie
besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge nur sich selbst
anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er antwortete wie ein Verrückter, er wolle
kommen, sie anzusehen. Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im Garten
herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, daß das Hirn dieses
Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar verworren sei. Sie verbot ihm zu
kommen. Diesen Brief las die Douglas über ihrer Schulter in der Fliederlaube,
deren Blätter sich duftig bewegten: „Ich glaube nicht, daß es eine Zeit gab, wo
die edlen Charaktere so grenzenlos vor dem Geld kapitulieren mußten. Es hat die
Kraft die besten Gebete zu zerbrechen.“ Die Lady hatte Grund, in anklagenden
Metaphern sich über die Welt, die sie zu verstehen glaubte, aber doch wohl nur
aus der Klugheit des Schmerzes heraus ablehnte, zu äußern. Sie mußte England
verlassen, da ihr Gatte mit einer Person aus der Filmindustrie von schlechtem
Wuchs und miserablen Zähnen öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her
die Scheidung gegen diesen Mann in Gang zu bringen. Sie nahm Granuella mit
auf ein großes schlesisches Besitztum, das sie mit nicht viel englischen Pfunden
gekauft hatte aus dem fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der
Kriege und Teuerung ausgestorben war.
Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. Nach Jahren der
Vagabondage durch Europa war es eine erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt
über die Allee hinaus sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das Land
fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der Sonne bewegt und das
Licht flutete in diesem unermeßlichen Raum herauf und herunter. Man sah wie
die Sensen tief in das Korn einschnitten und hörte die Mägde schreien. Die
ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter Garben. Die Farben
waren unbeschreiblich. Niemand spürte, daß Granuella sich vor Sehnsucht
verzehrte. Eines abends näherte sich mit hier seltenem Geschrei eine Verfolgung
dem Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der erleuchteten Terrasse
thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen war nur ein paar Schritte weit.
Dahinter lag das massive Dunkel der Bäume, durch die nur manchmal
leuchtende Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger Mann mit einer Dogge ins
Helle und lachte über die Schulter ins Dunkle zurück, wo sofort wieder Stille
anbrach. „Das Gesindel war toll genug, mich zu verfolgen,“ sagte er, indem er
mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse hinaufgrüßte. Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas machte ihn, als er heraufkam, aufmerksam, daß er
von ihren Leuten spreche. Er nahm den Tadel nicht an, sondern bat um
Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu widerstehen. Er war Flüchtling vor den
Polen und wollte zu seinen litauischen Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit
betreten hatte, hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die Frauen sehr
mit seiner Erzählungsart. Die Männer wurden durch seine abenteuerliche
Überlegenheit verärgert. Einer versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der
Fremde gab ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge zu
erzählen dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem Dach des von den
Interalliierten Nationen geschützten Friedens ein kleiner Guerillakrieg
entsponnen. Es war ein trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze herum
führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art Turniere eingerichtet
mit für jeden von ihnen passendem Ehrenkodex, je nachdem man die
Unterlegenen bewirtete oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen Mittelalters
mit ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau hier zwischen
den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien in leidenschaftlichem
Ausbruch, und es war kein Zweifel, daß, so kindisch im Grunde es ihnen klang,
alle Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme Europas und der
einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und ihre Nächte schlaflos gemacht,
ohne daß diese überlegenen Standpunkte ihnen schließlich etwas anderes als
einen ungeheuren Zynismus geboren hätte. Der junge Mann hatte eine
Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park hinausschmetterte. Er nannte
Namen um Namen, die Granuella kannte. Sie äußerte kein Wort.
Glücklicherweise beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß niemand
etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik de Voß. Ohne Zweifel
hatte er daran teilgenommen.
Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit ihres Platzes ihr
Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte keine Silbe zu sprechen. Als der
junge Mann ins Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein Zimmer
aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Mit demselben Blick,
mit dem er las „Kommen Sie“, verfolgte er die Dame, ging ihr nach und
erkundete ihr Zimmer. Als er nach einer Weile mit geschmeicheltem Lächeln
und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine Dame, die ihm sagte:
„Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen Sie nicht
meine Handlungsweise. Ich bin die Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie mir
die Adresse und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und führen Sie
mich hin.“ Mit Blut übergossen vermochte der junge Offizier kaum seine
Haltung zu wahren. Er verneigte sich tief und nannte, was sie wollte. Am
anderen Tag erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer Eile abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.
Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis der Zärtlichkeit, daß
sie sie nach Kowno begleitete. Sie folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort
lernte sie den Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art ihr
gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld gefeiert ward, als er
ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit wußte Granuella auf den Mann
zu treffen, der sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich, ohne daß sie es
wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau der Gesellschaft und die
Neidischsten konnten ihm nicht versagen, daß er an der Spitze der Tugenden des
jungen Landes stand. Hätte er nicht eine Frau besessen, mit der er in Scheidung
lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle vermählt. Es war ein beispiellos schönes
und auffallendes Paar. Lady Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand
ihnen irgendeinen Vorwurf zu machen vermocht. Die Douglas war nicht nur eine
der feinsinnigsten, sondern auch der instinktvollsten Frauen, was sie aber mit
großer äußerer Überlegenheit verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich
raffiniert, daß man sie nicht schildern konnte, aber sie genau spürte. Sie hatte
Granuella, als Leuchtenberg in die Stadt einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen
gedrängt und er hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der
Herzog, der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.
Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen darauf hin, durch
Schwierigkeiten am Balkan die Polen mürbe zu machen zu Konzessionen in den
immer noch umstrittenen Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und wollte
versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, wie er glaubte, gestattete,
abzuwickeln. Seine Rückkehr stand in aussichtsreicher Nähe. Inzwischen rollte
sich seine Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit jener schroffen
Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie nahm an, daß es sein
Kollektivhaß auf die interalliierten Völker sei, die sein Land verschacherten und
die Gerechtigkeit nicht ehrten. Sie verschwieg auch, daß diese ewige
Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit bis Florenz, man machte
einen Umweg, um sich dort zu trennen. Als sein Schiff abfuhr in der Frühe,
stand Granuella auf dem Balkon ihres Hotels. Sie winkte mit einem Taschentuch
hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff groß wie eine Hand langsam
hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas nicht zu verbergen, daß ihre Lippen
weiß waren wie Kalk. Sie wäre beinah über das Geländer gestürzt.
Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut nach dem
Kaukasus, er hatte diese Expedition nicht verhindern und nicht ausschlagen
können. Die Nachrichten hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend
Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas auf ihrem
schlesischen Gut. Im Mai tratschten die Pferdeknechte eines Besuchs von einer abenteuerlichen Karriere Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man ans
Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in fast einfältiger Weise
den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, wie albern es sei, bei ihrem Anblick
zu erröten, beim Verabschieden blaß zu werden und nachts unter ihrem
Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu zerstampfen. Die Douglas
erwartete immer einen Gewaltstreich und hatte sich darauf eingerichtet. Eines
Tages war er verschwunden. Bald darauf traf Granuella, die spazieren ging,
hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu Füßen warf. Man sah sie nunmehr
viel mit St. Goar.
Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen in den Stühlen am
Strand. Das Badevolk sprach über sie, das Einvernehmen schien eng. St. Goar
war ein Mann von heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr
elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er war einer der nobelsten
Männer und nicht ohne den Charme, der verbindet. Vielleicht besaß er zuviel
Vorzüge und nicht genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache gern angenehm
zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging wochenlang ohne Trübung.
Beim Lunch wurde plötzlich ein Billet für St. Goar abgegeben, woraufhin er sich
empfahl. Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole machte, fand sie ihn auf
der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage in heftigem Wortwechsel
mit einem Mann. Es hatte tags und die Nacht vorher gestürmt. Die Brechwellen
überrannten, ohne daß die beiden es merkten, mit Gischtwolken die Barriere und
hüllten hinter ihnen den Himmel in eine Schale von wildem Schaum. Granuella
hielt einen Augenblick an. Die rote Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade
vor dem Erlöschen des Gestirns, das in die Gischt hineinstürzte mit ungeheurer
Majestät. Das junge Mädchen bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen
Tränen der Güte in ihren Augen: „Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff“,
fragte sie, „ich wähnte Sie bei meinem Vater, den zu bewachen Sie mir
vorschlugen.“ Er konnte ihr Auge nicht ertragen und stammelte: „Mein
Fräulein“, er bediente sich der malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er
vor Aufregung bebte, „Frederik de Voß benötigt nur selten noch eines Wärters.
Er geht in seinem Garten herum, wo man blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in
die er vernarrt ist. Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen Mann,
Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem Herzen vergessen, um so besser,
um so besser. Er hat seinen Frieden.“ Das Mädchen drehte sich herum, daß es in
die Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:
„Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen“, sagte sie hart. Die zwei
standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie wären auf ihren Wunsch ins Meer
gesprungen, obwohl es wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann
langsam die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar versuchte ihr zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er konnte in der Dunkelheit nicht sehen,
daß sie Tränen in den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht zu
verraten. Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber auch aus Mitleid mit
dem Alten. Romanoff verschwand in der gleichen Nacht. Man geht nicht fehl zu
vermuten, daß er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach seinen Erfahrungen
sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig zu sein brauchte. Es war wohl,
wie er dachte, vorteilhafter für ihn, um den Alten herum und also ihrem Herzen
doch nah auf die Dauer zu sein, als sich in ihrer britischen Nähe zu befinden, wo
er täglich sie verlieren, aber nie augenblicklich gewinnen konnte. St. Goar
dagegen versuchte einen anderen Weg der Hoffnung.
Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in England nicht
aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald schwindsüchtig geworden. Er
stand eines Nachts auf, lief mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und
delierierte, kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig zu
werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte Granuella ganz und gar. Sie
waren etwa eine Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen
und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte sie seine völlige
Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie ein Rasender. Was kann ich anderes
tun als ihn beruhigen, dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie bekam feuchte
Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, was der
Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich vermochte Granuella sich
dem Geheimnis der Gelegenheit und der sinnlichen Kraft dieser Erklärung nicht
ganz zu entziehen. Sie war innerlich ohne Zweifel weit entfernt auf ihn zu hören.
Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie dachte nicht an ihn. Das brachte ihn
zur Verzweiflung. Sie war, seitdem sie einem Manne zugehörte, empfänglicher
geworden für Leidenschaft und trotz der silbernen Dämmerung sah er, daß ihre
Nasenflügel sich strafften. Er warf sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und
empfand, daß er sie dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug genug, sich
zu mäßigen, da er ihr Gesicht voll Tränen sah. Es entsprach dem mystischen
Glauben, der sie beide an ihre Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von
Leuchtenberg zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und ihrer
Leidenschaft waren mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen
Planmäßigkeit in die Ziele ihrer politischen Absichten verwebt, und in diesem
Dämmerklar der Gefühle verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß
ihr Leben nur dem Mann gehöre, der sie aus den Flammen gerissen hatte und auf
dessen Lebenslauf ihr Herz als den vornehmsten und ersten horchte. Sobald er
Gewißheit hatte, ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der
Zuneigung und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau sicher. Fast zu eilig
verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, um mit ihren Gedanken allein zu sein.