Die Amazone

Kasimir Edschmid · Kapitel 1 von 1

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Die Amazone

Während er mit fast zu Sicherheiten sich…

Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand

entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen zu

dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse

dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der

Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine

Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung

stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der

Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt.

Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in

der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht

verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute mit

aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer lag unter

ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer

Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor Glück, obwohl sie

immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren Herzschlag in sich

vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld

begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern in der

Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres Schicksals. Sie hatte

aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures

Glück nahe.

Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen.

Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den

Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St.

Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: „Ich glaube nicht, daß ich

vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu sehen.“

Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des

Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick

zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in seinem Leben den

Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse

und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten

Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern müssen, denn er setzte

damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich

fassungslos an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St. Goar

empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage, die ihm Granuella für

immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg zu ihr frei machte, würde als

Gespenst sie ihm mit der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische

Melancholie, in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück

Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden,

wenn ihm das wenigstens bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie

zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu

ihrem Sterben.

Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu

fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der Provinz.

Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf

die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie allein tat es nicht im

mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den

Duft, den beseligenden träumerischen Duft der Gartenerde und sah die Sonne

zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen

Augen in ihrem Kupee. Man fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein

anständiges aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren

Namen sie keine Ahnung hatte. Man transportierte sie nachts und in

geschlossenem Auto. Sie vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu

setzen, und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang

resultatlos hinaus.

Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen.

Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über

nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus. Es

blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und die Dinge mit

Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die Vögel und die

Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso

umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen Haustiers zu ihr

gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen über ihre schöne

Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen

aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.

Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in

die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum

geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus und

verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt nicht ein,

ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen, steckte drei

Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ den

Kommandeur kommen: „Pfui Teufel, Sie Schwein“, schrie er ihn an, „schreiben

Sie Ihren Abschied“, und warf ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die

Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute

als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder

zurück. Man sagte, er hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er

blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit

entschlossenem Schritt bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er

höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm

herunterfallen und verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.

Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit

auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu

Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war verboten

und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das Gesicht des

Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige

Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden und noch

tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß und fast jung geblieben. Zugleich

nahm sie in seinem Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit

hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein

ganzes Gesicht nun erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann

zu sprechen: „Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu

bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann.

Die Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit

man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese

Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl der

Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen

Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle lediglich für die

Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich mir die unerwartete

Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.“ Sie sah in den Hof hinab, wo

man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung zu welchen

Schrecken das sein solle. „Es ist meine Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben,

die eingelaufen sind.“ Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf

den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber

zurück.

„Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere

Mitteilung zu machen.“ Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner eisigen

Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten

Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn bei der ersten

Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und

salutierte: „Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.“ Sie sah ihn

mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er wolle ihr Herz langsam martern. Es

war klar, daß er noch etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund

habe. Er sagte langsam: „Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb fünf Stunden

überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie

mein Auto bringen. Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr

Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben,

den ich, an Sie gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.“

Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde

ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er

reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern legte es

auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser Mensch

sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn

kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz hinein.

Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als Angelhaken den

Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte sagen können. Er

hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel seiner

Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der Tat hatte er sich

geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich zu rächen und den

Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den

Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete. Das Mädchen begriff

in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das Gesicht. So schlich sie

bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen.

Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals bald sprang. Sie sah

ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts mehr.

Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte, nicht

mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen Traum hielt,

fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: „Höre, ist Dein Herr, der

General, der Herzog von Leuchtenberg?“ Sie hatte sich nach vorn gebeugt, er

konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen und sie mußte

wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. „Nein, Frau“, sagte er

kopfschüttelnd, „es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.“ Darauf fragte sie:

„Und nun? War es Fürst Gagarin?“ Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der

General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze. Sie hielt den

Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und

erbleichte. Das Blut schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch

den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem

sie in Florenz ihrem ersten Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten

Sekunde lieber mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte,

hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es

kam jedoch anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er

Granuella de Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten

entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den

Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.

Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe

fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses Glück

hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder innehalten und von

vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu

manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte mit erschreckten

Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde. Diese Woche war so, als trete sie

immer aus einem Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen, worauf

sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl von so maßlosem Entrücktsein

hatte sie ergriffen, daß vor dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas

Beängstigung empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung

noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten

sei. Das Gespenst einer ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage

hindurch. Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die

Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.

Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art

Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten, Schüsse

wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe

offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher

Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen

Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte

offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte

so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn kein

Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor Aufgelöstheit.

Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand.

In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt während einer

kurzen Abwesenheit der Engländerin in den Garten geführt hatte.

Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er

sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu einem

Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in dieser

Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie spürte selbst, alles

Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte

sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie noch nicht damals

erfassen und erblicken konnte. Das war es. Es war nun da. Sie empfand eine

Bestätigung heute für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem Leben.

Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei

diesen beiden Menschen schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe

immer wieder zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus

ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie

ihr Vaterland umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde

gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten

Mann ihrer glühenden Nation sich erfülle.

Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu

entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem

Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt

und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen diplomatischen

Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei

Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme

Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein wildes und hartes

männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und

er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich sei,

wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer eines unsterblichen und nie

wieder erreichbaren Glücks gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares

Breite, als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am

Fenster gesessen. Als die Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen

Augenblick an. Die Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit

gesucht hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte

lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem

Nicken hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.

Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur ihre Zähne nicht mehr.

Früher hatte sie die Lippen stets leicht geöffnet getragen. Sie hatte weniger

Gelegenheit nunmehr zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer Krankheit auf

eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, als sie die Nachricht vom

Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner Beisetzung noch einmal nach Kowno. Wie der

blonde Erzengel stand sie mit dem wollüstigen Madonnengesicht zwischen den

Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am Grab vor einem wilden Haufen

Blumenkränzen: „Das da unten ist der Mann, mit dem ich meine Jugend

geduldet, gelitten, gehofft,“ dachte sie. „Das Leben war zu schwer für ihn und

hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht getan, daß ich ihm deshalb zu

zürnen wagte? Hat er diesen Unsinn nicht einfach nur eher durchschaut wie

ich?“ Sie griff sich an die Stirn und fühlte die Traube blonden Haars, die aus

dem koketten Turbanhut und dem dicht unter dem Kinn geführten Schleier

herausquoll. Sie sah die letzten Menschen um die Ecke des Friedhofgangs

biegen. Sie hatten dieses Wrack, das schon vor Jahren aus Leidenschaft zum

Geld die Sache der Nation verriet wie einen großen Führer begraben. Sie war toll

verliebt in diesen Vater, weil er dem Leben unterlegen war, aber sie verachtete

die Schreier, die ihre Phrasen über seinen armseligen Tod geschwungen hatten,

als ob ein Heros für sie gefallen sei. „Man hätte dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es wäre vielleicht zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte

rädern lassen,“ dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, aber es war

unbestimmt was. Sie ging bis dicht an das Grab heran, dann drehte sie um. Um

Weihnachstag heiratete sie den General Gagarin.

Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig anzuschließen.

Er vergötterte diese Frau. Er sprach auch in Gesellschaft, wenn sie abwesend

war, nur mit einer märchenhaften Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des

öfteren mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig polnisch war. Die

interalliierten Mächte hatten schließlich die Macht, die die Provinz halten

konnte, sanktioniert. Sie war auch bei allen Anweisungen auf der Seite ihres

Gatten, der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man sie gefragt hätte,

was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich mit der Duldung aber auch der

Härte, die sie auszeichnete, auf die Verachtung gedeutet, die sie für jene

baltischen Schwärmer empfand, die, ehemals deutschen Blutes, mit ritterlichen

und unklaren Gesten ihr Leben verkämpften, das nichts als nebelhaften Inhalt

hatte. Die Phrasen taten ihr zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen

nicht mehr ertragen, da sie auf der Kehrseite die Dummheit sah. Sie stand auf

dem Boden ihres Mannes und hielt für recht, daß er behielt, was er besaß und

daß er besaß, was er zu halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle

Geistesrichtungen ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß sie das

primitive und wohl etwas kindische Ideal ihres Gatten zu oberst stellte, auch

wenn sie es billigte. Als Frau war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer

Epoche zugänglich und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß die Erde

sich auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber als Frau wiederum fühlte sie

sich in der brutalen Gradheit ihres Mannes geborgen, darüber mochte die Welt

zerspringen. Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung darüber zu

geraten. So war es ihr gleich, daß man sie haßte, wo sie der besinnungslosen

Liebe des Generals sicher war.

„Gehen Sie,“ sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem General Fürst

Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu sein, „dieses Telegramm bestellen.“

Nach zwei Tagen rannte, den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu stürzen, ein

fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. Er schien völlig verstört

und irrte sich in den Zimmern. Plötzlich riß er einen Teppich zurück. Sie war

schon tot. Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er grüßte stumm und nahm von

ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste Sache geschenkt hatte. Der Mann,

der ihre Brüder erschossen, reichte es St. Goar, an dem sie ein wenig mit der

Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen und der zu spät kam. Er hatte die

Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten dürfen. Die Männer reichten sich die

Hände in einem plötzlichen Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen glühte. „Ich beschwöre Sie, mir zu gestatten, dieses auf ihre Brust zu legen“,

sagte St. Goar, und legte die Fahne mit der Silberfaust und den drei roten

Punkten nieder, mit der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er ließ sie

eine Sekunde liegen, dann nahm er sie zu sich.

Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. St. Goar schritt ein

wenig torkelnd aus. Jemand lief hinter ihm her. „Geben Sie mir die Fahne — ich

beschwöre Sie“, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der Tasche und gab sie ihm

mit einem herzlichen Gefühl und tiefer Verneigung. Sie mußten denselben

Gedanken gehabt haben, sie lächelten, als ob ihr Leben umsonst gewesen wäre

ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die ungeheure Seligkeit dieser

Vereinigung alles auslösche, was sie im Guten und Schlechten gegeneinander

getan hatten und noch tun würden.

Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht entgehen, daß das Volk

der Toten fluchte. Er schaute seine Hände an, die ihre Brust berührt hatten und

wäre fast darüber für immer stehen geblieben. „Sie hat mich ein wenig geliebt“,

dachte er. Er war der Ansicht, es sei das glühendste Geschenk, daß sie ihn zum

Sterben nicht missen wollte. Er faßte das Tuch und preßte es gegen sein toll

gewordenes Herz. Der alte General war fast närrisch vor Glück. Er bedurfte

einer Menge Kraft sich zu fassen, da er mit Uniform, in der er Hals über Kopf

herübergejagt war, auf fremdem Territorium sich befand, und seinen Wagen

herbeizuwinken.

 

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1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to the person you received the work from. If you received the work on a physical medium, you must return the medium with your written explanation. The person or entity that provided you with the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the work electronically, the person or entity providing it to you may choose to give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a refund in writing without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.

 

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.