Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen
Die Tänzerin und der Leib
Sie wurde mit elf Jahren zur Tänzerin bestimmt. Bei ihrer Neigung zu
Gliederverrenkungen, Grimassen und bei ihrem sonderbaren Temperament
schien sie für diesen Beruf geeignet. Läppisch bis dahin in jedem Schritt, lernte
sie jetzt ihre federnden Bänder, ihre zu glatten Gelenke zwingen, sie schlich sich
behutsam und geduldig in die Zehen, die Knöchel, die Kniee ein und immer
wieder ein, überfiel habgierig die schmalen Schultern und die Biegung der
schlanken Arme, wachte lauernd über dem Spiel des straffen Leibes. Es gelang
ihr, über den üppigsten Tanz Kälte zu sprühen.
Mit achtzehn Jahren hatte sie eine kleine seidenleichte Figur, übergroße
schwarze Augen. Ihr Gesicht fast knabenhaft lang und scharfgeschnitten. Die
Stimme hell, ohne Buhlerei und Musik, abgehackt; ein rascher, ungeduldiger
Gang. Sie war lieblos, sah klar auf die unbefähigten Kolleginnen und langweilte
sich bei ihren Klagen.
Mit neunzehn Jahren befiel sie ein bleiches Siechtum, so daß ihr Gesicht
abenteuerlich fahl vor dem blauschwarzen Haarknoten schimmerte. Ihre Glieder
wurden schwer, aber sie spielte weiter. Wenn sie allein war, stampfte sie mit dem
Fuße, drohte ihrem Leib und mühte sich mit ihm ab. Keinem sprach sie von ihrer
Schwäche. Sie knirschte mit den Zähnen über das Dumme, Kindische, das sie
eben zu besiegen gelernt hatte.
Als Ella sich in Schmerzen auf die Lippen biß, warf sich die Mutter über das
Sofa hin und weinte stundenlang. Nach einer Woche faßte die alte Frau einen
Entschluß und sagte, während sie auf den Boden sah, zu ihrer Tochter, sie sollte
ein Ende machen und ins Krankenhaus gehen. Worauf Ella kein Wort antwortete,
nur einen gehässigen Blick auf das runzlige, hoffnungslose Gesicht warf.
Sie fuhr schon am nächsten Tage ins Krankenhaus. Im Wagen weinte sie
unter ihrer Decke vor Wut. Ihren leidenden Körper hätte sie anspeien mögen,
bitter höhnte sie ihn; es ekelte sie vor dem schlechten Fleisch, an dessen
Gesellschaft sie gebunden war. In leiser Angst öffnete sie die Augen, als sie die
Glieder betrachtete, die sich ihr entzogen. Wie machtlos sie war, o wie machtlos
sie war. Sie rasselten über das Pflaster des Hofes. Die Tore des Krankenhauses
schlossen sich hinter ihr. Die Tänzerin sah mit Abscheu Ärzte und Kranke. Die
Schwestern hoben sie weich ins Bett.
Nun verlernte die Tänzerin zu sprechen. Das Befehlerische ihrer Stimme
hörte sie nicht mehr. Es geschah alles ohne ihren Willen. Man achtete aber auf
jede Äußerung ihres Leibes, behandelte ihn mit einem maßlosen Ernst. Täglich,
fast stündlich fragten sie die Tänzerin nach seinen Dingen, schrieben es
sorgfältig in Akten auf, so daß sie erst darüber unwillig wurde, dann sich immer
tiefer verwunderte. Sie trieb bald in eine dunkle Angst und Haltlosigkeit hinein; ein Grauen überkam sie vor diesem Leib. Sie wagte gar nicht, ihn zu berühren,
an ihm zu wischen, starrte auf ihre Arme, ihre Brüste, erschauerte, als sie sich
lange im Spiegel besah. Ihr Mund schluckte Medizin, die sie ihm zu trinken gab;
sie begleitete die bitteren Tropfen, wie sie hinunterrannen und sann darüber
nach, was er daraus machte, er der Leib, der kindische, o der herrische, der
finstere. Klein wie eine Fliege wurde sie; und nachts stand die Todesangst hinter
ihrem Bett. Ihre Augen, die in Unheimliches sahen, wurden steif. Die Spöttische
mit dem Knabengesicht war nun fromm und betete vor Anbruch der Nacht mit
den Schwestern. Die Mutter erschrak, als sie die Tochter besuchte. So
kleinmütig, hilfsbedürftig war ihr Kind nie gewesen. »Wir stehen alle in Gottes
Hand,« tröstete die Mutter die Verfallene, die sich an ihr festhielt. »Ja,« flüsterte
die Tänzerin, »wir stehen alle in Gottes Hand.«
Das gleichmäßige Treiben um sie beruhigte sie wieder, schnell schwand das
Entsetzen, wie es hereingebrochen war. Der Widerwillen gegen die Kranken im
Saal flackerte auf. Und die Empörung lungerte in den scharfen Zügen, daß man
ihm Ehrfurcht zolle, dem Verderbten, Verderbenden, und über sie fortsähe, als
wäre sie tot. Das beleidigte die Herrische. Sie sperrte den Leib ein, legte ihn in
Ketten. Es war nun ihr Leib, ihr Eigentum, über das sie zu verfügen hatte. Sie
wohnte in diesem Haus; man sollte ihr Haus zufrieden lassen. Jeden Tag
schlugen sie mit Hämmern gegen ihre Brust und belauschten das Gespräch ihres
Herzens. Sie malten ihr Herz auf die Brust, so daß es alle sehen konnten; rissen
an das Licht, das sich drin versteckt hatte. O man beraubte sie. Mit jeder Frage
trugen sie ein Stück von ihr weg. Man drang mit Giften auf sie ein, die feiner
waren als Nadeln und Sonde; kamen ihr auf alle Schliche, trieben sie ganz in
ihren Fuchsbau zurück. Alles nahmen ihr die Diebe, und so wunderte sie sich
nicht, daß sie täglich schwächer wurde und totblaß dalag. Jetzt wurde sie
erbittert und wehrte sich. Sie belog die Ärzte, beantwortete ihre Fragen nicht,
ihren Schmerz verheimlichte sie. Und als man sie wieder befragen wollte,
machte sie sich im Bette steif, stieß die Schwestern zurück, ja lachte in plötzlich
aufloderndem Hasse den Ärzten, die den Kopf schüttelten, ins Gesicht und
schnitt ihnen eine höhnische Fratze.
Aber so krampfhaft tapfer konnte sie sich nicht lange halten. Täglich gingen
ohne Unterlaß die weißen Mäntel durch die Säle, klopften an den Kranken,
schrieben alles auf. Täglich und stündlich kamen die Schwestern, brachten ihr
Nahrung und Heiltränke: daran erlahmte die Tänzerin. Sie warf das Spielzeug
wieder hin; dumpf verachtend ließ sie mit sich geschehen. Es ging sie nichts an,
was geschah. Ein kindisches Wesen lag da, das sie elend machte; was sollte sie
um ihn kämpfen, was sollte sie ihn um seine Ehre beneiden? Schlaff ruhte sie in
ihrem Bett. Der Leib lag wieder, ein Stück Aas, unter ihr; um seine Schmerzen kümmerte sie sich nicht. Wenn es sie nachts stach und quälte, sagte sie zu ihm:
»Sei ruhig bis morgen zur Visite; sag es den Ärzten, deinen Ärzten, laß mich
zufrieden.« Sie führten getrennte Wirtschaft; der Leib konnte sehen, wie er sich
mit den Doktoren abfand. »Es wird schon protokolliert werden.« Damit schnitt
sie der Belästigung das Wort ab.
Oft empfand sie ein lächelndes Mitleid mit diesem dummen kranken
Kindchen, das in ihrem Bette lag. Sie teilte ruhig und gewissenhaft mit, was ihn
drückte. Gleichgültig und leicht ironisch beobachtete sie die Ärzte und
konstatierte ironisch die Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen. Eine Spannung
und Lustigkeit kam wieder über sie und eine wild sich schüttelnde
Schadenfreude über das Mißgeschick der Ärzte und den Verderb des Leibes. Wie
sie unter Gelächter ihren Mund in das Kissen drückte, hatte sie ihren alten Hohn
und ihre Kälte wieder.
Als am Mittag Soldaten mit klingender Marschmusik an dem Krankenhause
vorbeizogen, saß die Tänzerin jach in ihrem Bette auf, mit glühenden Augen,
gepreßten Lippen, ganz über sich gebückt. Nach einer Weile rief eine scharfe,
wenn auch leise Stimme die Schwester an das Bett. Die Tänzerin wollte sticken
und begehrte Seide und Leinewand. Mit einem Bleistift warf sie rasch auf das
weiße Tuch ein sonderbares Bild. Drei Figuren standen da: ein runder
unförmiger Leib auf zwei Beinen, ohne Arm und Kopf, nichts als eine
zweibeinige, dicke Kugel. Neben ihm ragte ein sanftmütiger großer Mann mit
einer Riesenbrille, der den Leib mit einem Thermometer streichelte. Aber
während er sich ernst mit dem Leib beschäftigte, machte ihm auf der andern
Seite ein kleines Mädchen, das auf nackten Füßen hüpfte, eine lange Nase mit
der linken Hand und stieß mit der rechten eine spitze Schere von unten in den
Leib, so daß der Leib wie eine Tonne auslief in dickem Strahl.
Mit roten Fäden stickte die Tänzerin das Bild roh aus und lachte lustig
zwischendurch für sich.
Sie wollte wieder tanzen, tanzen.
Wie einstmals, als sie Kälte über jede Üppigkeit des Tanzens sprühte, als ihr
straffer Leib wie eine Flamme geweht hatte, wollte sie ihren Willen wieder
fühlen. Sie wollte einen Walzer, einen wundersüßen, mit ihm tanzen, der ihr Herr
geworden war, mit dem Leib. Mit einer Bewegung ihres Willens konnte sie ihn
noch einmal bei den Händen fassen, den Leib, das träge Tier, ihn hinwerfen,
herumwerfen, und er war nicht mehr der Herr über sie. Ein triumphierender Haß
wühlte sie von innen auf, nicht er ging zur Rechten und sie zur Linken, sondern
sie, — sie sprangen mitsamt. Sie wollte ihn auf den Boden kollern, die Tonne
das hinkende Männlein, Hals über Kopf es hintrudeln, ihm Sand ins Maul
stecken.
Sie rief mit einer Stimme, die urplötzlich heiser geworden war, nach dem
Doktor. Über sich gebeugt, sah sie ihm von unten ins Gesicht, wie er erstaunt die
Stickerei betrachtete, sagte dann mit ruhiger Stimme zu ihm auf: »Du, — Du
Affe, — Du Affe, Du Schlappschwanz.« Und stieß sich, die Decke abwerfend,
die Nähschere in die linke Brust. Ein geller Schrei stand irgendwo in der Ecke
des Saales. Noch im Tode hatte die Tänzerin den kalten verächtlichen Zug um
den Mund.