Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen

Astralia

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15, drei

Treppen rechts bei Frau Schülke. Er sitzt in seinem Zimmer auf einem Sofa und

läßt sich von der Lampe wärmen. Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem

Gesicht, gelblich, entzündeten Augen und rascher weicher Stimme. Seine Finger

spielen mit den Fransen der braunen Wolldecke, welche über seinen dünnen

Beinen liegt.

Mit kurzen Handbewegungen belehrt das Männlein seine Frau, ein blasses

angenehmes Wesen, welches ihm gegenüber auf einem Stuhl mit gefalteten

Händen sitzt, daß Übung die Grundlage der Kultur sei und daß es wisse, was es

sage. Auch wirke der Most erfreulich auf Magen und jegliche Schleimheit und

werde wahrscheinlich im Darm zu Wein umgewandelt. Die Kraft des Lebens zur

Verwandlung sei unermeßlich. Es wisse, was es sage.

Sanft haucht die verblühte Frau etwas über feuchte Herbstwitterung, über

Aufregungen einer Sitzung, über vieles Trinken.

Indessen hebt das katarrhalische Männlein langsam mit gespreizten Fingern

die Wolldecke von seinen Beinen auf, legt sie neben sich auf das Sofa.

Schlurrend, mit geknickten Beinen geht es an das Fenster, öffnet es mit Knarren

und sieht in den Nachthimmel.

Seine Stimme klingt geduldig und fromm.

»Ich sollte dich nicht anhören, Elfriede. Du weißt nicht, was du sprichst.

Heut ist Neumond. Du verstehst mich.«

Er sagt das: »Heut ist Neumond« ganz einfach, ohne Pathos.

»Das Gemüt, das Gemüt. Wenn wir das Gemüt bereit halten, haben wir alles

getan. Heute ist Neumond. Von innen heraus werde ich alles überwinden. Wie

ich schon manche Bedrängnis überwunden habe. Und der Most« — mit einmal

schlägt ein Entzücken in seiner Stimme auf und Feierlichkeit —, »siehst du es

nicht? Das Gemüt wird geölt durch ihn; es wird behende gemacht, und dann

kann es frei springen, in die Luft, wo es frei ist. Da kann es hin springen. Oder

auf die Felder oder in die Kartoffeln — das ist ganz egal. Und noch anderes, ja

Elfriede: es kann zwitschern, das Gemüt, für alle Ohren zirpen, zwitschern,

glaubwürdig singen.«

Das Licht flackert, die Lampe blakt.

Aber als die bekümmerte blasse Frau ins Licht sieht, seufzt das Männlein.

Das sanfte Wesen weht auf das Männlein zu, bindet ihm einen braunen,

schwarzgestopften Strumpf um den Hals.

»Zieh dich warm an, lieber Adolf. Nimm dir auch eine Leibbinde um; sie

liegt auf deinem Bett. Ach, das lange Ausbleiben nachts. Nein.«

Das aufgeschwemmte liebevolle Nichts läßt sich von dem Männlein die Hände drücken und verschwindet aus dem Zimmer.

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15,

drei Treppen hoch, bei Frau Schülke. Verfasser einer Geschichte der

hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis zur

Gegenwart, Verlag Schultze & Velhagen, Berlin, neunzehnhundertunddrei,

dreihundertundsiebenzig Quartseiten, gebunden vier Mark, Mitglied mehrerer

frommer Vereine. Gründete die freie Brüderschaft: »Astralia«, arbeitet

augenblicklich über »Das innere Leben und seine körperliche Darstellung«. Er

geht jetzt im dicksten Dunkel, schweren Nebel auf dem Wall der Stadt. Er geht

spazieren, weil er Denker ist. Er weiß, daß er Denker ist: seine Frau weiß es

nicht.

Der gedrückte kleine Herr geht unter den schwarzen Ulmen und preßt sein

Taschentuch gegen Mund und Nase. Er ist kein Spaßdenker, mehr als ein

Denker, ein Verkünder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. Er schlendert

behaglich und froh, mit einer gewissen Sehnsucht; er nimmt mit seinen kleinen

Augen Gedanken von den Bäumen herunter wie Äpfel. Die Jahre sind ja vorbei,

wo etwas Bitteres, Schwarzes neben den Ulmen hier kroch, abends, und die

Hände ausstreckte. Man war still, wenn er redete, aber bald kicherte man und

stieß sich an. Und das Gucken und Quietschen und unterdrückte Gelächter, wenn

das Alräunchen eintönig seine Lehre hersang, seine Bußsalbadereien, mit den

langen Armen fuchtelte, plötzlich abbrach und starr in den Lärm hineinhörte. Zu

Hause versteckte es sich dann und sann über das Gebahren der Leute nach. Das

verdüsterte Alräunchen konnte die Menschen dann hassen, drohte ihnen, aber

erschrak bald über seinen Rachedurst und weinte verzweifelt, weil ihm doch die

Kraft nicht gegeben war.

Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen, darum schleicht es jetzt

sehnsüchtig unter den Ulmen in der Sturmwindnacht; da werden sie glauben und

nicht spötteln. An einem angststarren Abend ist ihm das zur Gewißheit

geworden. Von innen heraus wird es ihn ergreifen, berühren, wenn das Gemüt

sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln, er weiß selbst nicht wie.

Seine Arme werden nicht mehr dünn, lang wie Affenarme sein; seine Stimme

nicht mehr krächzen. Ein Heiligenschein wird über seinem Kopfe stehen.

»Halloh, der Segen Gottes mit dir und alle guten Geister.« Die kleine

Brüderschaft, ehrbare dicke und dünne Männer, erhebt sich vor ihrem

Vorsitzenden in der niedrigen Schenke am Wall.

Sie trinken Most aus Holzbechern, preisen die unsterbliche Seele. Eins

spricht nach dem andern. Alle Güter müssen geteilt werden, und das Töten von

Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der Weltuntergang

bevor.

Sie trinken Most. In den plumpen schmutzigen Händen halten sie

blaugeheftete Gebete, singen »ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, und er ist nahe,

mit einer Fußsohle steht er schon auf der Erde.

Sie rauchen aus langen schwarzen Pfeifen mit Totenköpfen, qualmen heftig.

Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem gelben Gesicht, entzündeten

Augen und rascher, weicher Stimme steht an einer Ecke des Tisches auf, mit

geröteten Wangen.

Es ruft in das erregte Gläserklirren hinein; daß der Prophet nahe sei, daß der

erwartete die Ungläubigen niederstürzen werde, Völker und Könige und Brüder.

Er müsse kommen bald. Der süße Trank beselige es. Im Stillen habe das

Zukünftige sich vorbereitet, gleichsam wie das Kind in einer Schwangeren; wer

wisse, in welchem Leid. Es versichere die Brüder, es sei so. Der große Krieg

werde ausbrechen, in dem die Menschen sich gegenseitig vernichten; schon sei

die Spannung auf Erden nicht mehr zu steigern, schon starre die Welt in

Rüstung, und nur die Friedfertigen blieben übrig. In den Wolken stünde schon

der Heiland, bereit, sein Werk zu vollenden, in den Wolken, welches seine

eigenen Worte sind.

Sie trinken Most. Sie öffnen der Neumondnacht die kleine Tür der Schenke.

Auf einmal verstummen alle.

Einer steht mit wirren Worten auf.

Sie erschrecken.

Es geschehen heimliche Dinge. —

Am nächsten Morgen schurrt etwas Verhutzeltes mit dünnen Beinen aus der

Tür der Schenke.

Erst taumelt es, und die Hände suchen, greifen nach jedem Festen, Pfahl,

Baum, Gartenzaun. Dann geht es gerade und fest. Den Kopf auf die linke

Schulter gefallen; geblähte Nüstern; wässrige, starre, halboffne Augen. Es geht

halbnackt; in bloßen Hemdärmeln ohne Stiefel und Hut. Es wirft die Beine bei

jedem Schritt weit nach vorn, preßt die Arme vor die Brust aneinander. Als die

Menschen oben auf der Ulmenallee stehen bleiben, ein kleines Milchmädchen

mit ihrer Blechkanne und zwei Straßenkehrer, verschlafene weiße Gesichter,

fährt der Verhutzelte zusammen.

Man sieht es an. Es muß gerade gehen, jawohl, gerade gehen.

Es singt vor sich hin . . . .

Es geht langsam seines Weges fürbaß, so selig, leidvoll, getragen von einer

schweren, dunklen Wolke. In den Wolken steht es, in den Wolken, welches seine

eigenen Worte sind.

Ein heißer Schauer fährt plötzlich über das Männlein. Wenn es geschehen

wäre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut über Nacht!

Die beiden Straßenkehrer hatten es angestarrt. Es reckt sich und hebt den

Kopf, läßt ihn wieder fallen. Es war die heilige Neumondnacht. Und von ihm

ginge etwas aus, eine Scheu, ein Schein, von seiner Stirne, von seinen Haaren.

Besteche, bezwinge die Menschen. Es konnte ja nicht möglich sein.

Summend, mit stillem Singen und Träumen geht es weiter.

In den engen Straßen unten stoßen sich die Barbiere, die Rolljungen, die

Bäcker an; sie treten zusammen und zischeln. Ein offenes gemeines Lachen hört

Herr Götting plötzlich, wie er es nie gehört. Und nun entsetzt er sich tief und in

glücklichem Graus: es ist geschehen, das Wunder hat sich vollzogen, der Herr

hat es vollzogen. Laß, laß sie fluchen und speien! Und fester Boden liegt unter

seinen Füßen, er träumt nicht, atmet die kühle Morgenluft. Mit beiden Sohlen

steht er auf der Erde.

Während er in die Hauptstraße einbiegt, in der eben die Geschäfte geöffnet

werden, laufen ihm die Schuljungen in Rotten nach, stoßen sich an, gröhlen laut,

springen ängstlich beiseite.

Das Leid aller Jahre ist vergessen; oh, Dankbarkeit dem, der alles lenkt.

Hosianah Dir, Herr!

Das Männlein steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, Albrechtstraße

15. Im Hausflur verstummen die Menschen wie mit einem Schlage, als sein

Blick sie trifft. Dann hebt ein langes Geraune hinter seinem Rücken an und tönt

noch, als die Glocke gezogen wird. Mit Lächeln geht das Männlein über die

Schwelle. Das seltsame sieht dem schwermütigen dicken Geschöpf in die

Augen, das in das Zimmer huscht, wo das Verhutzelte steht, den Kopf auf die

linke Schulter gefallen, die Arme gegen die Brust gepreßt, und Liebe um den

Mund und die wässrigen, verkniffenen Augen. Seine beiden Hände strecken sich

nach ihr aus. Überströmt von Süße und Ernst sagt es mit weicher Stimme:

»Siehst du — siehst du; oh, ich wußte es, Elfriede. Nun bin ich wieder

gekommen.«

Sie hält sich am Fensterbrett fest, sieht auf das Männlein, schreit auf:

»Adolf!«

»Ja, Elfriede. Ich habe mich in allen Nöten für ihn bereit gehalten, ich habe

so lange geharrt. So bitteres drum erduldet. Aber freut euch, die mit mir gewartet

haben!«

»Bist du so gegangen, Adolf? Den ganzen Weg, sag, Adolf, bist du so

gegangen? Du hast ja gar keine Jacke an und gar keine Stiefel und gar keinen

Hut.«

Die Augen ihr gegenüber halten still; ein Gesicht erkaltet, eine Stimme

antwortet ihr, die sich jäh zu Erz erhärtet hat:

»Du, ich sagte es schon, bist auch du von der Rotte Korah? Heb dich von mir, auf daß ich nicht unrein an dir werde.«

Das gelle unflätige Gelächter aus dem Hausflur und von der Treppe schallt

ins Zimmer.

»Adolf, was ist geschehen? Wo hast du deine Sachen gelassen?«

Das Männlein sieht starr auf seine Füße, die Hände flackern auf der Brust,

der Kopf fällt langsam nach vorn über.

»Die Stiefel. Die Rotte Korah. Ja, was meint das Weib damit? Was will das

Weib in diesem Zimmer damit gesagt haben?«

Und dann brüllt es mit eherner Stimme, hervorquellenden Augen gegen die

Tür:

»Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!«

Und glüht mit einmal auf, läuft an das Bett, versteckt den Kopf unter die

Decke, stammelt: »Oh, nicht lachen . . . Bitte, bitte, nicht lachen. Oh, ich bitte

euch, ich flehe, ich fle—he—«

Da hat sie nur das zitternde halbnackte Männlein zu halten.