Die Heiligen

Bernhard Kellermann · Kapitel 2 von 6

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Die Heiligen

Erste bis zwölfte Auflage

Illustriert von M a g n u s Z e l l e r

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung

Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin

Schon vor Tagesgrauen erhob sich der Advokat von seinem Lager. Und im

gleichen Augenblick begannen all die tausend kleinen Vögel, die in seinem

Zimmer mit ihm lebten, zu zwitschern und zu trillern.

„Schon so früh wach, ihr Kleinen!“ flüsterte der Advokat. Er sprach nie laut.

„Nun, guten Morgen! Pst! Pst!“

Und die tausend kleinen Vögel zwitscherten zur Antwort und verstummten

gehorsam.

Der Advokat legte sich einen dicken wollenen Schal um die Schultern, denn

er fror immerfort, er schlüpfte in wattierte Stiefel, zog Handschuhe an, setzte

sich eine gefütterte Kappe auf den kahlen Schädel und trat ins Freie.

Es war noch Nacht, und alle Dinge sahen unwirklich und verzaubert aus.

Zuweilen neigten sich die Gräser mit einem plötzlichen Ruck, ganz wie

Schlafende sich neigen, die träumen, daß sie fallen, und dann spürte der Advokat

einen kurzen warmen Hauch, der ebenso unvermittelt verschwand wie er kam.

Am Himmel oben trieb eilig ein Gemisch von grauem und schwarzem Gewölk

dahin, und im Zenit waren drei gelbe Sterne sichtbar, die in einer Richtung

standen und wie ein fliegender Speer durch das Gewölk zu schießen schienen.

Der Advokat betrachtete eine Weile aufmerksam den fliegenden Speer, und

irgendein Gedanke rang in seinem Kopf. Dann eilte er mit kleinen, schlürfenden

Schritten und so leise wie möglich über die sandbedeckten Wege des

Anstaltsgartens dahin.

„Pst, stille!“ flüsterte er, wenn er an Büschen vorbeikam, in denen es sich

regen wollte.

Wo die Gemüsegärten anfingen, stand ein alter Pumpbrunnen, der nicht mehr

benutzt wurde, und hier begann der Advokat seine Tätigkeit. Er stellte die

Gießkanne unter das Rohr und zog den Schwengel, immerfort bestrebt, keinen

Lärm zu machen. Da der Brunnen wenig Wasser gab und der Advokat langsam

und vorsichtig pumpte, war die Kanne erst nach halbstündiger Arbeit gefüllt.

Darauf schleppte sie der kleine Advokat keuchend und hüstelnd bis zu den

Blumenbeeten und fing an, die Blumen unter glückseligem Lächeln und leisen

Koseworten zu begießen. „Nicht so hastig, ihr Kleinen,“ flüsterte er, „meine

Kinderchen, wie ihr schluckt! Guten Morgen!“

Da aber wurde es in einem Holunderbusch lebendig. Hunderte von kleinen Vögeln streckten auf einmal die Köpfe aus dem Laub und zwitscherten dem

Advokaten zu.

Er hob erschrocken die Hand. „Ruhig, still, um Gottes willen!“ sagte er.

„Immer wollt ihr die ersten sein! Jeden Morgen. Pst!“ Und im Busch wurde es

augenblicklich still.

Der Advokat ging lautlos von Beet zu Beet und begoß seine Blumen.

Manchmal hielt er aufatmend inne und blickte zum Himmel empor, wo noch

immer der goldene Speer durch das Gewölk schoß, ohne je von der Stelle zu

kommen. Dann dachte er lange nach und schüttelte den Kopf. Aus dem Pavillon

der Schwerkranken drang ein langgezogenes Heulen, das in regelmäßigen

Intervallen in ein jammerndes Weinen überging. Der Advokat aber hörte es

nicht. Er hörte nur, daß drinnen in den Büschen die Vögel die Flügel schüttelten

und die Schnäbel wetzten.

Eine übernächtige Wärterin ging fröstelnd an ihm vorüber.

„Schon so früh bei der Arbeit?“ sagte sie und wandte ihm das bleiche Gesicht

zu.

Der Advokat stellte die Gießkanne ab, verbeugte sich und zog die Mütze.

„Man muß sich daranhalten,“ flüsterte er, „die Kleinen warten nicht.“

Hierauf begoß er die Beete, die sich am Hauptgebäude entlangzogen,

andächtig und hingegeben. An den offenen Küchenfenstern, die sehr niedrig

lagen, machte er halt und suchte mit den Augen die Fensterbretter ab. Er

schüttelte enttäuscht und niedergeschlagen den Kopf. Ja, sie hatten es wiederum

vergessen, ihm Brotkrumen für seine Vögel herauszustellen! Wer konnte sich auf

diese Mägde verlassen?

Er suchte ein paar kleine Kieselsteine am Wege und warf sie, einen nach dem

andern, mit leisem Kichern in die schwarze Küche hinein: Sollten sie es nur

lernen, aufmerksamer zu sein! Oh, er würde es ihnen schon beibringen, die

Brotkrumen regelmäßig aufs Fensterbrett zu stellen. Es gab ja genug Kiesel auf

den Wegen. Und wenn sie sich noch so oft beschwerten!

Die Gießkanne war leer, und der Advokat machte im Morgengrauen den Weg

zum Pumpbrunnen zurück.

Der Advokat war seit dem Tode seiner Frau ein Freund der Blumen und Vögel

geworden. Als sie starb, in der Agonie, sagte sie: „Man muß die Blumen

begießen. Die Vögel müssen ihr Futter haben.“ Das waren ihre letzten Worte,

und der Advokat hörte sie Tag und Nacht in seinen Ohren wiederklingen. Er

hörte sie aus jedem Windhauch, aus dem Gespräch zweier Menschen heraus, ja

sogar aus der Stille vernahm er sie. Im Zimmer seiner Frau stand ein schwarzer

schwerer Wäscheschrank (an den er sich merkwürdigerweise noch heute

erinnerte), und auch dieser schwarze breite Schrank wiederholte ihm die letzten Worte seiner Frau, obschon er keinen Laut von sich gab. Der Advokat lebte still

und einsam weiter und begoß die Blumen in den Vorfenstern und gab den

Vögeln in den Bauern Futter und Wasser. Die Blumen gingen ein, und die Vögel

starben, einer nach dem andern. Der Advokat aber bemerkte es nicht. Ihm schien

es vielmehr, als ob die Vögel munter in ihren Bauern hüpften und zwitscherten.

Sie brüteten, und es wurden ihrer immer mehr. Und der Advokat hatte seine

kindliche Freude daran. Endlich waren es Hunderte, die ihm von früh bis spät in

die Ohren zwitscherten, Tausende. Sie lebten in den Wänden, an der Decke,

überall. Und der Advokat konnte nicht verstehen, daß die andern sie weder sahen

noch hörten.

 

Als die Sonne aufging, hatte der Advokat schon ein gutes Stück seiner

Tagesarbeit hinter sich und kehrte in den Pavillon zurück, der wie ein Landhaus

im grünen Garten lag.

Unter der Türe, leicht gegen den Pfosten gelehnt, stand lächelnd Michael

Petroff, ehemals Offizier in der russischen Armee, und begrüßte ihn mit einem

heiteren, hellen: „Guten Morgen, mein Freund!“

Der Advokat in seinem wollenen Schal, der Halsbinde, den wattierten

Stiefeln, verneigte sich und zog die Kappe.

„Guten Morgen, Herr Kapitän!“

Sie verbeugten sich einigemal, denn sie hatten die größte Hochachtung

voreinander, dann erst reichten sie sich die Hand.

„Haben Sie gut geschlafen, Herr Advokat?“ fragte Michael Petroff und beugte

sich etwas herab, wobei er liebenswürdig lächelte.

„Geschlafen? Ja, ich danke.“

„Auch ich verbrachte die Nacht vorzüglich!“ fuhr Michael Petroff fort und

ließ ein helles, fröhliches Lachen hören. „Vorzüglich, in der Tat. Ich träumte —“,

setzte er hinzu und blickte lächelnd, das rechte Auge halb zusammengekniffen,

in den Garten hinaus. „Ja! — Und nun treten Sie ein in mein Bureau, mein

Freund. Es gibt Neuigkeiten. Bitte!“ Er legte die Hand auf die Schulter des

kleinen Advokaten und ließ ihm mit einer kleinen Verbeugung den Vortritt.

Kapitän Michael Petroff war ein schlanker, großer Mann, mit stahlblauen,

heiteren Augen und einem kleinen blonden Schnurrbart, der wie sein blondes,

seidenweiches gescheiteltes Haar zu erbleichen begann. Er war peinlich sauber

gekleidet und sorgfältig rasiert. Sein Kinn war rund und schön geformt, etwas zu

zart, sein Mund von außerordentlich schöner und weicher Zeichnung, wie der

Mund eines Knaben.

„Bitte!“ sagte Michael Petroff und lud den Advokaten mit einer

Handbewegung ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

„Ich störe. Störe ich nicht?“ flüsterte der Advokat und blieb stehen.

„Nein! Sie, wie sollten Sie —?“ Und Michael Petroff drängte den Advokaten

auf das Sofa. Der kleine Advokat nahm scheu und mit einem dankbaren Blick

Platz. „Sie haben ja so viele Arbeit — ich weiß —“, sagte er und deutete mit

dem Kopf auf den Schreibtisch, der überladen war mit Akten, Zeitungen und

Manuskripten.

„Es gibt zu tun, ja!“ versetzte Michael Petroff mit einem merkwürdigen

Lächeln auf den schönen knabenhaften Lippen. „Aber für seine Freunde hat man

immer Zeit. — Hier, nun hören Sie! Ich habe heute ein Memorandum an die

hessische Regierung entworfen —,“ Michael Petroff wippte lächelnd ein Papier

in der Hand — „die hessische Regierung wird auf das nachdrücklichste — auf

— das — nachdrücklichste — ersucht, den Prozeß eines Lehrers zu revidieren!“

Hier blickte Michael Petroff auf seinen Gast, und seine Stirn legte sich

urplötzlich in vier tiefe Falten. „Dieser Lehrer,“ fuhr er fort, „wurde zu vier

Jahren, sage vier Jahren, Gefängnis verurteilt. Er hatte zehn Mäuler zu stopfen

und unterschlug Kassengelder. Voilà tout! Was sagen Sie dazu, wie. Hahaha,

sehen Sie, so ist die Welt! Ich fordere in meinem Memorandum nicht allein eine

Revision des Prozesses, sondern auch dringend die Erhöhung der

Beamtengehälter. Ich forderte — ich, Kapitän Michael Petroff, und ich werde

auch Stellung im ‚Unparteiischen‘ nehmen. Sie werden sehen, mein Freund!“

Michael Petroff ließ einen kühnen, triumphierenden Blick über den kleinen

kahlköpfigen Advokaten hingehen, der nickend zuhörte, ohne recht zu verstehen,

was der Kapitän wollte.

„Sie tun viel Gutes!“ flüsterte er und nickte, und über sein kleines, fahles,

verwüstetes Gesicht glitt ein kindliches Lächeln. Und nach einigem Nachdenken

setzte er hinzu: „Sie sind ein guter Mensch, das ist es!“

Michael Petroff schüttelte den Kopf. „Ich tue meine Pflicht!“ versetzte er

ernst. Und indem er die Hand auf das Herz legte und seine hellen, stahlblauen

Augen aufleuchten ließ, fügte er hinzu: „Meine heilige Pflicht!“

Kapitän Michael Petroff, früher Offizier in einem Petersburger Regiment,

betrachtete es als seine Lebensaufgabe, die Gerechtigkeit auf Erden zu vertreten.

„Tribunal des Rechts und der Gerechtigkeit“ nannte er sich. Er war auf zwei

große Tageszeitungen abonniert, die er jeden Tag nach Fällen durchsuchte, in

denen seiner Ansicht nach jemand ein Unrecht geschehen war. Und jeden Tag

fand Michael Petroff Fälle! Fälle, nichts als Fälle! Diese Fälle schnitt er aus,

ordnete sie nach dem Datum und begann hierauf sie zu verarbeiten.

Er saß oft bis spät in der Nacht in seinem Bureau, wie er sein Zimmer nannte, oder in seiner Redaktion, wie er sein Zimmer zuweilen im Flüsterton seinem

Vertrauten gegenüber bezeichnete. Da saß er und schrieb mit einer sauberen

gestochenen Hand seine Eingaben, Proteste, Memoranden und übergab sie

täglich um sechs Uhr dem Chefarzt Doktor März, der ihre Beförderung ein für

allemal übernommen hatte. Doktor März nahm die Schriftstücke bereitwillig

entgegen und legte sie in ein besonderes Fach, um sie gelegentlich als Material

für sein Werk über Graphomanie zu benützen.

Die wenigen Stunden, die ihm diese Tätigkeit übrig ließ, verwandte Michael

Petroff auf die Redaktion seiner Zeitung. Und diese Zeitung war die Ursache,

daß er sein Zimmer zuweilen im geheimen Redaktion nannte. Diese Zeitung

erschien nicht regelmäßig, sondern wenn sie gerade fertig wurde. Gewöhnlich

erschien sie im Jahre einmal, manchmal aber auch, wenn ihn seine nervösen

Zustände zur Eile antrieben, zweimal.

Michael Petroffs Zeitung war das genaue Abbild einer gewöhnlichen

Tageszeitung, vom Kopf an, wo die Bezugsbedingungen vermerkt waren, und

die Stadt, in der sie erschien — die Michael Petroff willkürlich wählte — bis auf

die fingierten Namen der Herausgeber und Redakteure. Sie enthielt, wie jede

andere Zeitung, Annoncen, die Michael Petroff höchst einfach aus anderen

Zeitungen herausschnitt, einen Leitartikel, ein Feuilleton.

Der ganze redaktionelle Teil aber beschäftigte sich — mit Ausnahme weniger

Artikel, die zur Maskierung eingeschoben waren — mit der Frage: Ist die

Internierung Michael Petroffs, Kapitän der russischen Armee, berechtigt? Die

Überschriften der einzelnen Artikel lauteten in jedem Jahre anders, wenn sie

auch einen ähnlichen Sinn hatten! Das Ultimatum der russischen Regierung! —

Ein Brief des Zaren an den Chefarzt Doktor März! — Die Zeitung erschien auch

in jedem Jahr unter einem anderen Namen. Michael Petroff nannte sie

„Weltauge“, „Europas Gewissen“, „Das Bajonett“.

Aus seinen Petitionen machte Michael Petroff kein Geheimnis, über seine

Zeitung aber sprach er nur zu seinem Vertrauten, dem Advokaten. Und es ist

möglich, daß er, obschon von Natur aus gesellig und äußerst gutherzig, nur

deshalb den kleinen Advokaten so sehr ans Herz geschlossen hatte, weil er mit

ihm über seine Zeitung plaudern konnte.

„Einen Augenblick, mein Freund!“ sagte er. „Es gibt Neuigkeiten. Ich möchte

Ihnen gerne das Neueste mitteilen, bleiben Sie.“

Er trat zur Türe und räusperte sich, während er lauschte. Dann trat er hinaus

auf den Korridor, hustete, kam befriedigt zurück. Er zog die

Redaktionsschublade, deren Schlüssel er am Halse trug, auf, lachte hell und

heiter und begann: „Das Neueste, hören Sie! Es kann seine Wirkung unmöglich

verfehlen. Hören Sie nur die Überschrift: Doktor März verhaftet!“

„Doktor März verhaftet?“ flüsterte der Advokat ängstlich, und sah mit

schlaffem Mund zu Petroff empor.

Michael Petroff lachte.

„Verhaftet? Nein, natürlich nicht. Ich führe in dem Artikel aus, daß die

Verhaftung des Doktor März bevorstände und er sich ihr nur entziehen könnte,

wenn er Michael Petroff augenblicklich freigäbe!“

Der Advokat nickte. „Ich verstehe“, sagte er und lächelte, da er Petroffs

heitere Miene sah. Und doch dachte er gar nicht an Petroffs Artikel, sondern

daran, daß er den Vögeln Wasser hinstellen müsse. Er wurde unruhig und

machte Miene aufzustehen.

„Einen Augenblick noch, ich bitte Sie!“ drängte Michael Petroff. „Ja, die Idee

ist prächtig, in der Tat“, fuhr er lebhaft fort, und seine Wangen färbten sich vor

Freude mit einem flüchtigen Rot. „Ich erkläre in dem Artikel ausdrücklich, daß

Doktor März ein Ehrenmann sei, ein hochgeachteter und allgemein geschätzter

Arzt, so daß seine Handlungsweise in diesem speziellen Falle allgemeines

Überraschen errege. Ich bitte Sie, mein Freund, was wird er tun, wenn er diesen

Artikel liest? Hahaha, Sie werden etwas erleben, lieber Freund. Ich werde ihm ja

nicht böse sein, ganz und gar nicht. Nun — endlich, endlich! werde ich sagen,

lieber Doktor, haha! Aber sehen Sie weiter, was der ‚Unparteiische‘ schreibt.

Sehen Sie sich einmal diesen Titel an, bitte sehr!“

„Welchen —?“

„Nun, diesen hier!“

„Ein — Fragezeichen?“

„Ja! Haha — nichts als ein Fragezeichen! Und darunter: Wo ist Michael

Petroff? Ein öffentlicher Aufruf! Aber sehen Sie hier, im kleinen Feuilleton:

Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee, hat soeben ein sechsbändiges

Werk über Sternschnuppen beendet. Die gesamte Fachpresse rühmt den

Scharfsinn und die Klarheit des epochemachenden Werkes. Hahaha, sagte ich

Ihnen nicht, daß es Neuigkeiten gäbe, mein Freund!“

Der Advokat saß zusammengekauert auf dem Sofa und dachte angestrengt

nach, wobei er den Atem anhielt.

„Ich begreife nicht —?“ flüsterte er und schüttelte langsam den Kopf.

„Was begreifen Sie nicht?“

„Daß er Sie festhält.“

Michael Petroff sah den Advokaten erstaunt an. Dann beugte er den Kopf

herab und flüsterte: „Ich sagte es Ihnen doch schon, daß meine Verwandten ihn

bezahlen!“

„Sie bezahlen?“

„Ja, natürlich!“ antwortete Michael Petroff heiter. „Unsummen. Millionen!“

„Oh!“ Nun verstand der Advokat.

„Ja, sehen Sie, so ist es auf der Welt!“ sagte Michael Petroff und schnippte mit

den Fingern.

Aber der Advokat konnte doch nicht recht begreifen.

„Ich verstehe nicht,“ begann er von neuem, „Doktor März ist ja so gütig. Ich

wohne hier, lebe hier, habe mein Essen und bezahle nichts. Er hat noch nie Geld

von mir verlangt. — Ich habe ja kein Geld, Sie wissen“, schloß er noch leiser

und ängstlich.

Michael Petroff legte ihm wohlwollend und wichtigtuend die Hand auf die

Schulter. „Sie arbeiten ja im Garten,“ sagte er, „begießen die Blumen. Wie sollte

er es also wagen, Geld von Ihnen zu fordern? So einfach ist das. Vielleicht haben

Sie aber auch Verwandte da draußen, die für Sie bezahlen?“

„Verwandte?“

„Ja. Da — draußen!“ Auf den schönen knabenhaften Lippen Petroffs erschien

ein grausames Lächeln. Sollte er diesem kleinen alten Mann in dem wollenen

Schal erklären, wo er sich befand? Sollte er diesem kleinen alten Mann mit dem

grauen faltigen Gesicht vielleicht erklären, daß es ein „Da draußen“ gab — wo

sie zum Beispiel eben in einen Schnellzug einsteigen oder sich die Hände

waschen, um sich an den Tisch zu setzen? Er wippte sich auf den Zehen, und

plötzlich verlor er die Vorstellung seiner Körperlichkeit: er kam sich vor wie ein

riesiger in die Wolken ragender Turm, der auf den kleinen, kahlköpfigen Mann,

der nur ein paar dünne Haarbüschel über den Ohren hatte, herabblickte. Eine

Lust erfaßte ihn, den Advokaten zum Weinen zu bringen.

Da aber verbeugte er sich plötzlich leicht vor dem Advokaten und sagte:

„Vergeben Sie Michael Petroff!“ Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer,

dann wandte er sich in ganz dem gleichen Ton wie vorhin an seinen Gast: „Wird

es schönes Wetter bleiben, heute?“

„Ich glaube — ich weiß es nicht“, erwiderte der Advokat unsicher.

„Nun, wir wollen Kricket spielen, heute nachmittag. Sie frieren?“

„Ja“, flüsterte der Advokat und zog die Halsbinde enger.

Michael Petroff sah ihn mit schräg geneigtem Kopf an. „Ich kann nicht

begreifen, daß Sie heute frieren können.“ Und er lachte fröhlich. „Kommen Sie,“

sagte er dann, „wir wollen —“ er hielt inne, denn er wußte nicht, was er wollte

— „wir wollen — ja, wir wollen Freund Engelhardt besuchen. Kommen Sie! —

Der Arzt war heute nacht bei ihm“, schloß er geheimnisvoll.

„Der Arzt?“

„Ja. Er ist krank, unser Freund. Hm, hm.“ Michael Petroff schloß sorgfältig

das Manuskript der Zeitung ein, setzte eine große graue englische Reisemütze

auf, warf einen Blick in den Spiegel, und sie verließen zusammen das Zimmer. Michael Petroff lachte leise, tief innen in der Kehle. An der Türe Engelhardts

angelangt, blieben sie stehen und klopften lauschend. —

Für Michael Petroff gab es im Jahr zwei große Tage.

Der eine war sein Geburtstag, am 16. Mai. Michael Petroff vergaß ihn nie. Am

16. Mai ging er mit wichtiger Miene und Blicke werfend umher und sagte zu

jedem, den er traf: „Heute ist mein Geburtstag. Danke für die Glückwünsche!“

Vor Tisch kam dann stets der Pfleger und bat ihn, zu Doktor März zu kommen,

der ihm zu gratulieren wünsche.

Dann begab sich Michael Petroff mit leichten Schritten ins Sprechzimmer des

Doktor März, schüttelte ihm die Hand und dankte für den wunderbaren Strauß

weißer Rosen, den Doktor März ihm überreichte.

Michael Petroff ahnte nicht, woher der Strauß weißer Rosen kam. Er wußte

nicht, daß an jedem Geburtstag hinter der Portiere des Sprechzimmers seine

Gemahlin und seine Tochter standen, die alljährlich die weite Reise machten, um

ihn zu sehen. In den ersten Jahren war die Gattin des Kapitäns blond gewesen,

dann war sie allmählich grau geworden und jetzt war sie weiß, obgleich sie noch

verhältnismäßig jung war. Früher war sie allein gekommen, seit drei Jahren war

aber stets eine junge Dame in ihrer Begleitung, die immer schrecklich weinte,

wenn sie kam und ging. Die junge Dame hatte nur ein Ohr und verbarg diese

Verunstaltung durch die Frisur. Das andere Ohr hatte ihr Michael Petroff

abgeschnitten, als sie noch ein Kind war, damals, als sein Leiden ausbrach.

Michael Petroff plauderte und lachte fröhlich mit dem Chefarzt und brachte

die Rosen seinem Freunde, dem Advokaten.

„Hier sind Blumen! Ich tue nichts damit!“

Der Advokat nahm mit vor Freude geweiteten Augen die Rosen entgegen,

vorsichtig wie etwas Zerbrechliches.

Der zweite große Tag Michael Petroffs war der Tag, an dem die Zeitung

erschien.

Die Zeitung wurde in der Stadt gedruckt. Michael Petroff hatte den Portier des

Sanatoriums für diese Kommission gewonnen. Der Portier lieferte das

Manuskript an den Drucker ab und überbrachte Michael Petroff die gedruckten

fünfundzwanzig Exemplare. In diesen Tagen befand sich Michael Petroff in der

ungeheuersten Spannung. Er ließ die Zeitung den Ärzten und in erster Linie

Doktor März zustellen und wartete aufgeregt die Wirkung ab. Er arbeitete in

dieser Zeit nicht, sondern ging den ganzen Tag über im Garten und im Haus

umher. Wenn er einem Arzte begegnete, so blieb er stehen und sandte ihm einen

triumphierenden Blick zu, während seine Lippen ein siegessicheres Lächeln

umspielte.

Nach einigen Tagen aber fragte er die Ärzte: „Hören Sie, haben Sie da nicht eine Zeitung erhalten?“

„Eine Zeitung?“

„Ja! Ich erhielt sie ja auch. ‚Das Bajonett‘?“

„O ja, ich erinnere mich. Ich werde nachsehen.“

„Tun Sie das, ja. Es könnten Dinge darin stehen, die Sie interessieren.

Hahaha!“ Und er klopfte dem Arzt auf die Schulter und sah ihn vielsagend an.

Schließlich aber fragte er den Chefarzt selbst.

„Jaja,“ entgegnete dieser, „diese Zeitung habe ich allerdings gelesen, mein

lieber Kapitän. Eine merkwürdige Sache. Ich habe mich auch sofort erkundigt.

Die Redakteure waren aber nicht aufzufinden, trotz aller Bemühungen. Sie

existieren gar nicht. Oder nicht mehr. Ich weiß nicht recht, was ich von dieser

Zeitung halten soll, mein lieber Kapitän.“

Dann ging Michael Petroff einige Tage niedergeschlagen umher, und seine

Depression konnte sich bis zur Melancholie und zur Tobsucht steigern. Aber

nach einigen Tagen hellte sich sein Gemüt stets wieder auf. Er begrüßte seine

Freunde, bat sie wegen seines verdrießlichen Benehmens um Entschuldigung

und machte sich augenblicklich daran, eine neue Zeitung zu entwerfen. Diesmal

mußte es ihm gelingen! Aufgepaßt, Doktor März! Dies war Michael Petroff,

Kapitän der russischen Armee.

 

Freund Engelhardt, dem Michael Petroff und der Advokat einen Besuch

abstatten wollten, war ein etwa fünfzigjähriger, ergrauter Mann, der sich erst seit

einem Jahr in der Anstalt des Doktor März befand.

Er war Schuhmacher von Beruf und saß sein ganzes Leben lang, jahraus,

jahrein unter seiner Glaskugel und klopfte Leder. Er war nicht verheiratet, lebte

sehr zurückgezogen, und da er fleißig und sparsam war, hatte er sich sogar ein

hübsches kleines Vermögen erworben. Da saß er unter seiner Glaskugel und

hämmerte und nähte, und nichts ereignete sich. Aber allmählich war ihm diese

Glaskugel merkwürdiger und merkwürdiger erschienen. Sie funkelte ihn an,

blendete ihn, so daß er zuweilen vorübergehend eine gewisse uneingestandene

Angst vor ihr empfand. Sie schien zu wachsen, immer größer und größer zu

werden, und ein Tag kam, da sträubten sich die Haare Engelhardts vor Entsetzen.

—

Nun litt er an dem wunderlichen und entsetzlichen Wahn, daß er der

Mittelpunkt des Universums sei, dessen Aufgabe darin bestand, das Weltall im

Gleichgewicht zu halten. In ihm liefen die tausendfältigen Kräfte des Alls

zusammen, und er fühlte mit einer marternden Kontinuität, wie die Planeten und Sonnen um ihn ihre Bahnen schwangen, wie es sauste und wetterte da draußen.

Wenn eine Kette von Schlittschuhläufern sich um einen in der Mitte dreht, so

empfindet der in der Mitte, mit welch ungeheurer Energie die beiden wirbelnden

Flügel um ihn kreisen, und er muß all seine Kräfte auf das Festhalten seines

Standortes konzentrieren. Ähnlich war das Empfinden Engelhardts, und da die

Anstrengung ohne jede Unterbrechung währte, so erschöpfte ihn seine Wahnidee

dergestalt, daß er in einem Jahr um Jahrzehnte gealtert war. Wenn auch — wie er

sagte — das Weltengebäude vom allmächtigen Schöpfer so wunderbar gefügt

war, daß es in alle Ewigkeit in den vorgezeichneten Kreisen und Spiralen (so

sagte er) lief, so litt er doch über seine Kräfte unter den geringsten Störungen da

draußen. Im Winter hatte er vierzehn Tage schlaflos verbracht, da ein

heranschwirrendes Gestirn an ihm zerrte; merkwürdigerweise war in dieser Zeit

ein Komet aufgetaucht, dessen Erscheinen die ganze astronomische Welt

überraschte. Damals war unter merkwürdigen Erscheinungen der Pfleger

Schwindt gestorben, und Engelhardt hatte — nach seiner eigenen Aussage —

dessen Seele in sich gesaugt, so daß er zu neuen Kräften kam, die den ganzen

Frühling und Sommer anhielten. Jetzt aber ermattete er wiederum von Tag zu

Tag mehr unter seiner Aufgabe, und die Kräfte verfielen rapid. Die

Sternschnuppen und Meteorschwärme rissen an ihm, so daß ihn Schwindel

erfaßte, und besonders der Mond hatte in dieser Zeit eine schreckliche Macht

über ihn. Er saugte an seinen Kräften, und Engelhardt hatte das Empfinden, als

ob jeden Augenblick der Boden unter ihm einsinken könne und er in die Tiefe

sause, und das Weltall über ihm zusammenstürze. —

Als Michael Petroff und der kleine Advokat bei Engelhardt eintraten,

nachdem sie eine lange Weile vergebens an die Türe gepocht hatten, fanden sie

ihn im Bette liegen, die behaarten abgemagerten Hände schlaff auf dem Kissen.

Er hatte die Augen senkrecht in die Höhe gerichtet, und zwar so stark nach oben

gedreht, daß man das Weiße sah, und schien irgendeinen Punkt an der Decke zu

fixieren. Sein Gesicht war von gleichmäßig gelblicher Tönung und erweckte den

Eindruck, als sei es von Porzellan. So glatt war die Haut und so scharf traten die

Kanten der Knochen hervor. Die Stirn war ungewöhnlich groß im Verhältnis zu

dem kleinen Gesicht und dem kleinen Mund, der wie zum Pfeifen gespitzt

schien und eine Menge feiner, der Mundöffnung zuströmender Linien zeigte. So

sehr war der Schuhmacher in einem Jahre abgemagert, daß der Kragen seines

bunten Hemdes fingerbreit von seinem dünnen Hals abstand.

„Guten Morgen!“ sagte Michael Petroff leise und heiter. „Freunde kommen!“

Der Advokat blieb scheu an der Türe stehen.

Engelhardt erwiderte nichts. Ein Zittern durchlief seinen Körper, und seine

dünnen behaarten Hände zuckten zuweilen, ganz als ob er einem elektrischen Strom von wechselnder Stärke ausgesetzt wäre.

Michael Petroff lächelte und ging näher. „Wie befinden Sie sich, lieber

Freund?“ sagte er leise und voller Anteilnahme, indem er sich über Engelhardt

beugte. „Der Arzt war heute nacht bei Ihnen?“

Engelhardt rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her. Er war erschöpft nach

einer schlaflosen Nacht und den Beruhigungsmitteln, die ihm der Arzt

verabreicht hatte.

„Schlecht!“ antwortete er tonlos.

„Schlecht?“ Michael Petroff zog besorgt die Brauen in die Höhe. „Es geht ihm

nicht gut, unserm Freunde!“ wandte er sich an den kleinen Advokaten, der

immer noch an der Türe stand.

„Haben Sie Schmerzen?“ Michael Petroff beugte sich wieder über den

Kranken und näherte das Ohr seinem Munde.

„Ja“, erwiderte Engelhardt tonlos und matt und murmelte in Petroffs Ohr. Es

hörte sich an, als bete er.

Michael Petroff richtete sich auf und sah den kleinen Advokaten an. „Er sagt,

er sei mit seinen Kräften zu Ende, unser Freund. Er braucht eine neue Seele, —

wie damals im Winter, als der Pfleger starb, erinnern Sie sich?“ Und in das Ohr

des Leidenden rief er hinein, unnötig laut: „Ich werde mit dem Doktor reden,

Freund Engelhardt. Das ist des Doktors Sache. Er wird Ihnen eine Seele

verschaffen, so oder so!“

Der kleine Advokat aber hüllte sich plötzlich enger in seinen Schal. Ihn

fröstelte. Für gewöhnlich blieben nur wenig Eindrücke in seinem Gedächtnis

haften, aber er erinnerte sich noch deutlich an den Tod des Pflegers Schwindt, —

wie Michael Petroff zu ihm ins Zimmer kam und ihm geheimnisvoll ins Ohr

flüsterte: „Der Pfleger ist gestorben. Engelhardt holte sich seine Seele, sehen

Sie!“ Nun ergriff ihn Schrecken bei dem Gedanken, daß Engelhardt am Ende

seine Seele fordern könnte, und nichts fürchtete er mehr als den Tod.

Der Tod lebte in seinem kranken, wirren Kopf als eine Gestalt, die unsichtbar

bis auf die Hände war. Plötzlich, oh, so plötzlich! würde er neben ihm stehen,

dicht an seiner Seite. Und eine entsetzliche Kälte würde von ihm ausströmen,

mit einemmal würden alle Blumen bereift umsinken und die Millionen rascher

Vögel erstarrt aus der Luft stürzen, und er selbst würde in einen kleinen

Schneehaufen verwandelt werden.

Der Advokat zog den Kopf ein, so daß sich sein dünner grauer Bart über der

Halsbinde sträubte, und richtete die kleinen Mausaugen furchtsam auf Michael

Petroff und zitterte.

Michael Petroff sah ihn erstaunt an. „Was haben Sie nur, lieber —?“ sagte er

gedehnt und lächelte. „Sie ängstigen sich? Ja, weshalb, ich bitte Sie? Ich werde sofort zu Doktor März gehen und ihm Freund Engelhardts Anliegen vortragen.

Er wird nicht zögern, wie ich ihn kenne, und alles ist in Ordnung. — Ich würde

Ihnen ja gerne meine Seele zur Disposition stellen, Freund Engelhardt, aber ich

brauche sie selbst noch — ich habe eine Mission zu erfüllen, Sie wissen — ich

bin Napoleon, der jeden Tag eine Schlacht schlägt, ich bin —“ Aber er hielt

plötzlich inne und lauschte.

„Hören Sie, da ist der Doktor ja!“ flüsterte er. „Er wird sogleich hier sein —“

 

Doktor März war in den Pavillon eingetreten. Man hörte ihn auf dem Korridor

mit jemand sprechen, und alle drei im Zimmer des Schuhmachers lauschten. Die

Stimme des Arztes allein war imstande, ihren Gedanken eine andere Richtung zu

verleihen und flößte ihnen Hoffnungen, unbestimmte, aber ungeheure

Hoffnungen ein. Sie wirkte auf sie ähnlich wie eine Stimme auf Verirrte wirkt,

die sich in einer unbewohnten Öde verloren glaubten. Und doch sprach Doktor

März nicht viel, er war vielmehr ein Meister im Zuhören geworden, der

stundenlang am Tage den Klagen, den Beschwerden und hundert Bitten seiner

Patienten lauschte. Aber seine wenigen Worte hatten die Kraft, aufzumuntern, zu

trösten, zu erfreuen, und die Stimmung seiner Patienten für den ganzen Tag zu

beeinflussen.

Der Advokat fror auf einmal nicht mehr, Michael Petroff lächelte aufgeregt,

und Engelhardt hatte den Punkt an der Decke losgelassen und richtete die Augen

auf die halb offenstehende Türe. Er hatte den Blick so stark konzentriert, daß

seine kleinen blendenden Augen zu schielen schienen.

„Hören Sie, der Rajah spricht mit ihm!“ sagte Michael Petroff und hob

lauschend den Finger.

„Sie werden keineswegs bewacht, lieber Freund“, sagte die ruhige Stimme des

Arztes.

Und eine fast noch ruhigere tiefe Stimme antwortete: „Ich hörte die Wache die

ganze Nacht vor meiner Türe auf und ab gehen, mein Herr! Ich hörte auch die

Trommel bei der Ablösung.“

„Lieber Freund,“ entgegnete der Arzt, „Sie haben geträumt.“

„Nein!“ fuhr der Mann fort, den Michael Petroff Rajah genannt hatte, „ich

entschuldige Sie, mein Herr. Sie tun nur Ihre Pflicht, ich weiß es. Allein der Takt

sollte es Ihnen verbieten, Ihre Maßnahmen in einer solch auffallenden Weise zu

treffen. Ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, keinen Fluchtversuch zu

unternehmen. Sagen Sie das der englischen Regierung, in deren Namen Sie mich

hier festhalten. Ich habe ebensowenig Waffen in meinem Zimmer verborgen. Ich ersuche Sie, zu revidieren.“

„Ich weiß es recht wohl, mein Freund!“

„Ich ersuche Sie, trotzdem zu revidieren.“

Der „Rajah“ gab sich erst zufrieden, nachdem ihm der Arzt eine sofortige

Revision versprochen hatte.

Während des Gesprächs war Doktor März im Rahmen der Türe erschienen

und hinter ihm der „Rajah“. Doktor März war ein kleiner, in einen hellgrauen

Anzug gekleideter Herr mit gerötetem bartlosen Gesicht und einem raschen,

prüfenden und dabei doch sanften Blick, und der „Rajah“ stand groß und dunkel

hinter ihm und füllte fast die ganze Türe aus. Der „Rajah“ hatte einen langen

schwarzen Bart und ein dunkelbraunes kühnes Gesicht, aus dem das Weiße der

Augen abstach.

Der „Rajah“ war ein einfacher Volksschullehrer, der einige Jahre in Indien an

einer deutschen Schule gewirkt hatte. Während eines langwierigen Fiebers hatte

sich in ihm die Basis zu einer Wahnvorstellung gebildet, die nach der Rückkehr

in seine Heimat gänzlich Besitz von ihm ergriff. Er wähnte, ein indischer Fürst

zu sein, den die englische Regierung ins Exil geschickt hatte.

Er war ein sehr stiller und verschlossener Kranker, der nie mit den anderen

Patienten sprach. Seine Haltung drückte unermeßliche Ruhe und einen

anscheinend ganz natürlichen Stolz aus. Tagelang würdigte er keinen Menschen

eines Blickes. Er ging im Garten hin und her, ganz langsam, betrachtete mit

verächtlicher Miene Blumen und Bäume und saß jeden Abend, wenn es das

Wetter erlaubte, abseits auf einer Bank und blickte in die sinkende Sonne, der er

sein gebräuntes Gesicht zuwandte, bis sie verschwand. Und während er in die

sinkende Sonne blickte, brannten seine schwarzen Augen von einem dunkeln,

sehnsüchtigen Schmerz. Da sah er Palmen, die in der Sonne zerschmolzen, so

daß man nur ihre mit Feuerrändern versehenen Kronen, nicht aber die Stämme

sah, — Elefanten, die würdig dahinschritten, den kleinen braunen Treiber im

Nacken, — goldstrotzende Tempel, braune halbnackte Volkshaufen, die mit

Zweigen in der Hand dahinhüpften und helle Schreie ausstießen, — und da sah

er auch sich, wie er den großen Dampfer betrat, der ihn ins Exil bringen sollte,

und das braune Volk warf sich weinend auf dem Kai nieder. Ein heißer

ungeheurer Schmerz erfüllte die Seele des „Rajah“, und er stand auf und schob

die breiten Schultern etwas höher, als trage er eine schwere Last. Und er trug sie!

Nie klagte der „Rajah“, nie zeigte er Niedergeschlagenheit, nie zeigte er auch

nur im geringsten, was in ihm vorging.

Auch in seinem Zimmer verhielt er sich ruhig. Nur selten hörte man ihn

sprechen, und nur manchmal — im Schlaf — stieß er einen gedehnten,

singenden Ruf aus, wie ihn die Straßenverkäufer im Orient hören lassen.

Als Doktor März eintrat, verbeugte sich der kleine kahlköpfige Advokat, die

Mütze in der Hand, und drückte sich schüchtern an die Wand. Er empfand eine

grenzenlose Dankbarkeit für den Arzt, der ihn hier still und ruhig bei seinen

Blumen und Vögeln leben ließ, ohne je Bezahlung von ihm zu fordern. Er wagte

es heute nicht einmal, Doktor März um Brosamen für seine Vögel zu bitten und

sich über die nachlässigen Mägde in der Küche zu beschweren, obgleich er es

sich fest vorgenommen hatte.

Den „Rajah“ dagegen, der düster, und unnahbar im Gang stand, vermochte der

Advokat nicht ohne Scheu und eine innere leise Angst zu betrachten. Um ihm

seine Ergebenheit auszudrücken, verneigte er sich tief gegen ihn, und da der

„Rajah“ ihn nicht beachtete, verbeugte er sich nochmals, während er die Lippen

flüsternd bewegte. Allein der „Rajah“ würdigte ihn keines Blickes. Einen

Augenblick lang dachte der Advokat daran, näher zu treten und dem „Rajah“ die

Hand zu küssen. Denn er erinnerte sich einer Begebenheit, die sich scharf

seinem Gedächtnis eingeprägt hatte: An einem Abend hatte er den „Rajah“ im

Korridor getroffen und ihm seine Verbeugung gemacht. Sie waren ganz allein.

Da kam der „Rajah“ auf ihn zu und sagte mit tiefer, gedämpfter Stimme

„Getreuer“ und streckte ihm die Hand zum Kusse hin. „Warte!“ sagte der

„Rajah“ weiter. „Ich will dir meine Gunst bezeugen. Ich habe ja nicht mehr viel

von den Schätzen übrig, die ich mit ins Exil nahm, aber — hier, nimm, nimm!“

Und der „Rajah“ hatte ihm einen kleinen grauen Stein in die Hand gedrückt.

Michael Petroff dagegen betrachtete Doktor März mit einem lächelnden und

forschenden Blick, während er sich höflich gegen die Türe zurückzog. Er beugte

den Kopf dabei etwas in den Nacken, neigte ihn ein wenig auf die Seite, und sah

den, Arzt an, als ob er eine ganz besondere Nachricht von ihm erwarte und als

ob er genau wisse, daß Doktor März heute eine ganz besondere Nachricht für ihn

habe. So zuversichtlich sah er ihn an, und ein Lächeln umspielte seinen schönen

Knabenmund.

Engelhardt aber, dessen Brauen vor Schmerz wie mit Klammern in die Höhe

gespannt waren, hatte sich im Bett halb aufgesetzt und trug dem Arzt seine

Leiden und Wünsche vor. Er sprach in der Kehle, rasch, murmelnd und fast

unverständlich, und seine Stimme klang wie das ferne Kläffen eines Dorfhundes,

das man in einer stillen Nacht hört.

Daß er zu Ende sei mit seinen Kräften, — der Mond saugt! — daß ihn in der

Nacht Tausende von Menschen auf den Knien angefleht hätten, sie nicht der

Vernichtung preiszugeben, — daß nur eine neue Seele ihm wieder Stärke

verleihen könne, — daß er fühle, wie er sich mehr und mehr nach links neige

und das Weltall jeden Augenblick zusammenstürzen könne: all das stieß er wirr

und kaum verständlich heraus, die kranken Augen hilfesuchend auf Doktor März geheftet.

Doktor März hörte ernst zu, auch Michael Petroff und selbst der „Rajah“, der

unter die Türe getreten war. Und da alle so ernst zuhörten — besonders der

„Rajah“, der seine großen glühenden Augen auf Engelhardt gerichtet hatte — so

wurde der kleine Advokat wieder von seiner früheren Angst gepackt. Es war

ihm, als sänken seine Beine, in den Boden hinein, wie in einen Sumpf, aber

gerade in dem Moment, da die Angst wie eine große schwarze Finsternis über

ihn sinken wollte, setzte sich ein Vogel zwitschernd auf das Fensterbrett, und der

Advokat war wie verwandelt.

„Ich komme!“ flüsterte er hastig.

„Bleiben Sie doch!“ sagte Michael Petroff leise zu ihm und griff nach seinem

Arm. „Wohin denn?“

„Er rief mich!“ entgegnete der Advokat und schlüpfte rasch hinaus.

„Wie er eilt!“ dachte Michael Petroff und hörte sich selbst im Innern lachen.

Und später sagte er zu Doktor März, indem er ihm vertraulich die Hand auf die

Schulter legte: „Dieser Advokat ist gewiß ein kluger und gebildeter Mann, —

und doch glaubt er, daß die Vögel ihn rufen! Unter uns, Doktor, haben Sie nie

den Gedanken gehabt, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung ist —?“

 

Nach Tisch ergingen sich wie gewöhnlich die Patienten des Doktor März im

Garten. Sie trotteten in kleinen Trüppchen hintereinander her, immer um das

große Blumenbeet herum, in gleichen Abständen, schweigsam, in Gedanken

versunken. Nur der „Erfinder,“ ein junger Mann, blieb zuweilen stehen, stemmte

die Hand in die Seite, legte den Finger an die Stirn und fixierte einen Punkt am

Boden.

Der Advokat begoß seine Blumen und lauschte verzückt auf das Zwitschern

der tausend und abertausend Vögel, die in den Büschen und Wipfeln hüpften.

Michael Petroff war in ganz ausgezeichneter Laune. Es gab da Neuigkeiten —!

Man höre, man höre! Er rauchte, jeden Zug genießend, eine Zigarette, die ihm

Doktor März verehrt hatte. Die Zigarette schwang er zwischen den kokett

gespreizten Fingern in großem Bogen, als zöge er grüßend den Hut, und so oft er

einen Zug nahm, blieb er stehen und blies den Rauch senkrecht in die sonnige

Luft empor und sah zu, wie der blaue Rauch zerging. Aus allen Dingen strömte

ihm Entzücken zu. Selbst das Gehen empfand er als eine Lust. Er machte kleine

Schritte, drückte die Knie durch und fühlte mit Vergnügen die elastische

Behendigkeit, mit der sich seine zuweilen leise knackenden Zehen und seine

Ballen in den dünnsohligen Schuhen vom Boden abstießen, während seine Fersen den Weg nur flüchtig berührten, und das Spielen seiner Knie. Blieb er

aber stehen, so spannte er die Muskeln seiner Schenkel durch Eindrücken der

Knie an, und empfand wiederum Vergnügen über die Festigkeit, mit der er

dastand, wie eine Statue. Er war überzeugt, daß nichts ihn hätte umwerfen

können. Lächelnd und Seligkeiten mit den Blicken austeilend ging er dahin, er

grüßte jeden, und so oft er einen Bekannten traf, erzählte er ihm das große

Ereignis, das heute eingetreten war.