Die Heiligen

Bernhard Kellermann · Kapitel 3 von 6

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Die Heiligen

„Hören Sie, mein Freund!“ rief er dem…

„Hören Sie, mein Freund!“ rief er dem kleinen Advokaten zu, der in einer

Rasenfläche stand und sich mit der Gießkanne über ein Tulpenbeet beugte, um

die Blumen in der Mitte zu begießen. „So kommen Sie doch heraus! Es gibt

Neuigkeiten! Nun, so kommen Sie doch endlich!“

Er wartete in liebenswürdiger Ungeduld, bis der Advokat fertig war und auf

den Weg trat, um mit der leeren, grünen Kanne zum Brunnen zu gehen. „Ich will

Ihnen erzählen, was sich heute ereignete,“ begann er dann rasch, „Seine Majestät

der König von Sachsen haben geruht —“

„Verzeihen Sie,“ unterbrach ihn flüsternd der Advokat und fing an zu gehen,

„es ist heiß, ich habe es eilig. Die Blumen vertrocknen.“

„Ich gehe mit Ihnen zum Brunnen,“ fuhr Michael Petroff gut gelaunt fort und

ging rasch neben dem eilenden Advokaten her, „ich kann es Ihnen ja ebensogut

im Gehen erzählen. Ich sage also heute zum Doktor: ‚Nun, Doktor, für mich

haben Sie heute nichts?‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚lieber Kapitän, leider nichts.‘ ‚Gar

nichts,‘ sage ich und fasse ihn am Arm, ‚seit Wochen ist keine einzige Antwort

eingelaufen? Wirklich nichts, Doktor?‘ Er sieht mich an und denkt nach. ‚Ach

ja,‘ sagt er, ‚ich hätte es beinahe vergessen. Es ist ein Schreiben eingelaufen. Es

betrifft diesen Tischlergesellen, Sie wissen, lieber Kapitän?‘ ‚Tischlergesellen?

Doktor? Ich erinnere mich nicht‘ — ich ziehe mein Taschenbuch heraus, in das

ich alle ausgehenden Schriftstücke eintrage: ‚Woher kam die Antwort? Aus

Sachsen? Ah,‘ sage ich, ‚dann betrifft es jenen Schlächtergesellen, den man zum

Tode verurteilt hatte.‘ ‚Ja,‘ sagt der Doktor, ‚ganz richtig, ein Schlächtergeselle

war der Bursche.‘ Und nun hören Sie, lieber Freund: Seine Majestät der König

von Sachsen haben geruht, ihn auf meine Petition hin zu begnadigen. Ich werde

noch heute ein Dankschreiben an Seine Majestät entwerfen.“

„Wie sie heute sticht, die Sonne“, antwortete der Advokat auf Michael

Petroffs Erzählung und begann den Pumpenschwengel zu ziehen. „Die Blumen

sehen alle so matt aus.“

„Hahaha!“ Michael Petroff lachte. „Sie hören ja gar nicht zu? Wie?“

Nein, der Advokat hörte nicht zu. Er sah in die Kanne, ob sie voll wäre.

Michael Petroff betrachtete ihn eine Weile mit zur Seite geneigtem Kopf, dann

lachte er still vor sich hin und ging rasch weiter. Er blickte über den Garten und

suchte nach jemand, dem er die frohe Botschaft erzählen könnte.

Da entdeckte er den „Rajah“, der im Gemüsegarten, zwischen zwei

Salatbeeten hin und her ging. Seiner Gewohnheit gemäß war der „Rajah“ allein

und da, wo sonst niemand war.

Michael Petroff wippte sich auf den Zehen und dachte einen Augenblick

daran, mit einem einzigen Sprung über die Beete zu setzen, die ihn, etwa hundert

Schritt breit, von dem „Rajah“ trennten. Er brauchte sich ja nur ein bißchen in die Höhe zu schnellen und wäre dort. Aber er befürchtete unhöflich gegen den

„Rajah“ zu sein, ihn vielleicht zu erschrecken, und unterließ es.

Der „Rajah“ ging so stolz und würdevoll einher wie gewöhnlich, aber heute

war er unruhig und nachdenklich. Die Worte Engelhardts, der das Weltall im

Gleichgewicht hielt, daß es nicht in Trümmer stürze, hatten seinen Sinn

gefangen genommen. Er dachte darüber nach, und nach langem unerbittlichen

Nachdenken war er zu dem Schlusse gekommen, daß es nur noch eines gäbe —

eines — —

Da trat Michael Petroff an ihn heran.

„Erlauben Sie, daß ich störe!“ sagte er höflich und zog die graue englische

Reisemütze. „Kapitän Michael Petroff!“

Der „Rajah“, sah ihn mit seinen schwarzen brennenden Augen ernst an.

„Was willst du?“ fragte er ruhig.

Michael Petroff lächelte. „Ich möchte Ihnen gerne eine freudige Neuigkeit

mitteilen“, begann er. „Heute morgen also sage ich zum Doktor: ‚Nun, Doktor,

haben Sie nichts für mich, heute —?‘“ — Und er erzählte freudestrahlend

dieselbe Geschichte, die er heute schon dutzendmal erzählt hatte.

Der „Rajah“ hörte schweigend zu, während er Michael Petroff nachdenklich

betrachtete. Dann sagte er: „Ich möchte gerne mit dir sprechen.“

„Ich stehe Ihnen zur Verfügung!“

Der „Rajah“ ließ seine Augen langsam und würdevoll über den Garten

schweifen.

„Wollen wir zu jener Bank gehen!“

„Mit Vergnügen.“

Der „Rajah“ setzte sich und lud Michael Petroff mit einer herablassenden

Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen.

„Ich sehe dich immerfort schreiben —“ begann er.

Michael Petroff lüftete die Mütze: „Michael Petroff, Kapitän der russischen

Armee“, sagte er höflich.

Der „Rajah“ sah ihn an und fuhr hierauf mit der gleichen Ruhe und Hoheit

fort: „Wenn du schreibst, so mußt du wissen. Und gewiß hast du Weisheiten über

Menschen und Dinge aus den heiligen Büchern geschöpft, die uns andern

verschlossen bleiben, und dein Leben gemäß den Vorschriften deiner Kaste in

Meditationen verbracht. Gut, so lege mir die Worte des Fakirs aus, der nach dem

unerforschlichen Ratschluß der Götter das Weltengebäude auf den Schultern

trägt! Sprich!“

Michael Petroff lächelte geschmeichelt und verbeugte sich gegen den „Rajah“.

Er verstand zwar nicht alles, was der „Rajah“ sprach, aber er fühlte Hochachtung

und Verehrung aus seinen Worten. Er fand, daß er gewissermaßen die Verpflichtung habe, den „Rajah“ in das Geheimnis seiner Zeitung einzuweihen,

aber zu seiner eigenen Überraschung fragte er: „Sie meinen Freund Engelhardt?“

„Du hörtest, was er sagte?“

„Ja!“

„So sprich!“ Es zeigte sich, daß der „Rajah“ kein einziges Wort, das

Engelhardt zu Doktor März sagte, vergessen hatte; Michael Petroff dagegen

wußte nahezu nichts mehr und zog sich den Unwillen des „Rajahs“ zu.

„Pardon!“ entschuldigte er sich. „Es gehen mir so viele Dinge durch den

Kopf.“

„Was aber wird geschehen, wenn er keine neue Seele erhält?“ fragte der

„Rajah“ weiter.

„Oh, der Doktor wird wohl Sorge tragen.“

„Auch Fakire sind nur Menschen. Was wird geschehen, wenn ihm die Kräfte

versagen? Wird die Welt einstürzen?“

„Sie wird einstürzen!“ erwiderte Michael Petroff und mußte lachen.

„Weshalb lachst du da?“ sagte der „Rajah“ ruhig, und seine dunkeln Augen

funkelten. „Was wirst du tun, wenn sie einstürzt?“

„Ich?“ Michael Petroff lächelte und deutete auf den Pavillon, der durch die

Büsche schimmerte. „Wenn dieses Haus dort einstürzt,“ fuhr er fort, „so werde

ich mich rasch davon machen und in meine Heimat zurückkehren. Meine Heimat

ist Rußland. Sie kennen Rußland? Sie können Deutschland auf der Hand

forttragen, Rußland aber nicht einmal auf dem Rücken. So groß ist meine

Heimat.“

Der „Rajah“ dachte lange und angestrengt nach. Dann sagte er, langsam und

mehr für sich selbst: „Wenn die Welt einstürzt, wird dann auch mein Reich

einstürzen? Die Berge mit den Tempeln, die Wälder und Städte, wird all das

zerstört werden?“

Michael Petroff nickte und lächelte schadenfroh. „Ich glaube wohl!“

Auch der „Rajah“ nickte nun. Er neigte einigemal langsam sein Haupt. „All

meine Untertanen werden zu Grunde gehen?“ fragte er und nickte. Er stand auf

und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er ernst und sah Michael Petroff an. „Das

soll nicht sein! Wir wünschen es nicht.“

Der Rajah ging. Langsam und würdevoll schritt er in der Sonne dahin dem

Pavillon zu.

Michael Petroff sah ihm nach. Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Was für

ein wunderlicher Mensch er doch ist!“ sagte er und lachte. Und als er sein

Lachen hörte, lachte er nochmals laut und fröhlich und schnippte mit den

Fingern dazu. „Hahahaha!“

Der „Rajah“ aber trat in Engelhardts Zimmer und teilte ihm mit, daß er

gesonnen sei, ihm seine Seele zu überlassen. „Wenn die Götter mein Opfer

annehmen wollen.“

Engelhardt, der wie tot auf dem Bett lag, öffnete die Augen und sah ihn an.

„Wollen Sie?“ keuchte er und seine Hände und sein Gesicht zuckten.

„Ja.“

„Drei Tage will ich noch kämpfen!“ keuchte Engelhardt.

Der „Rajah“ zog die Türe zu. Er begab sich in sein Zimmer und schrieb mit

großen, fliegenden Buchstaben, die alle in verschiedene Richtungen flatterten,

einen kurzen Brief an Doktor März.

„Euer Hochwohlgeboren,“ so schrieb er, „der Himmel hat es beschlossen. Wir

sollen den blauen Fluß nicht mehr sehen. Wir sollen die überschwemmten

Reisfelder nicht mehr sehen und nicht mehr die weißen Elefanten, deren Zähne

goldne Ringe tragen. Der Himmel hat es beschlossen und wir gehorchen. Sagen

Sie der englischen Regierung, daß wir erhaben sind über das Gefühl der

Rachsucht und Bitterkeit. Sagen Sie der englischen Regierung, daß wir gesonnen

sind, unsere Untertanen zu retten und unsere Seele preisgeben, wenn den Göttern

das Opfer gefällt.“

Der „Rajah“ klingelte dem Pfleger und übergab ihm ruhig und voll Würde das

Schreiben. Dann entkleidete er sich und legte sich zu Bett, bereit zu sterben.

 

Am Abend, als es dunkelte, kam der Advokat verstört in das Zimmer Michael

Petroffs gestürzt, ohne anzuklopfen, ohne unter der Türe zu warten, wie er es

sonst zu tun pflegte.

„Helfen Sie mir, Kapitän!“ flüsterte er und flüchtete sich in die Arme des

erstaunten Michael Petroff. Der Advokat zitterte vor Entsetzen.

„Was in aller Welt —?“ rief Michael Petroff erstaunt und erschrocken aus.

„Er steht im Gange!“ flüsterte der Advokat.

„Wer? Was haben Sie?“

„Engelhardt! Er steht vor der Türe des ‚Rajah‘. Er holt sich seine Seele.“

„Was sagen Sie da?“ Michael Petroff lachte leise.

„Ich sah ihn stehen. Lassen Sie ihn nicht zu mir kommen, oh, du guter Gott!“

„Pst!“ unterbrach ihn Michael Petroff. „Ich werde nachsehen.“

Der Advokat umklammerte seine Füße. „Er wird hereinkommen, oh, mein

Gott, mein Gott!“

„Lieber Freund,“ versetzte Michael Petroff, „fassen Sie sich. Er soll nicht

hereinkommen. Ich verspreche es Ihnen. Aber ich will sehen!“

Der kleine Advokat kauerte auf dem Boden und bedeckte das Gesicht mit den

Händen. Michael Petroff aber ging hinaus. Nach einer Weile kam er zurück. Er

sah etwas blaß aus, aber er lachte, um sich Mut zu machen.

„Ja,“ sagte er gedämpft, „da steht er an seiner Türe und lauscht. Weshalb

zittern Sie so, lieber Freund?“

„Verlassen Sie mich nicht!“ flüsterte der Advokat, immer noch die Hände vor

dem Gesicht.

Der „Rajah“ lag auf dem Bett, die großen Augen mit einem glänzenden Blick

in die Ferne gerichtet, und regte sich nicht, über sein gebräuntes Gesicht war

eine hoheitsvolle Ruhe und Gelassenheit ausgegossen. Er weigerte sich

aufzustehen und wies jede Nahrung zurück. Doktor März maß die Temperatur

und fand sie einigermaßen niedrig, den Puls etwas langsam, irgendwelche

Symptome einer gesundheitlichen Störung oder Anzeichen einer nahenden

Krankheit konnte er aber nicht entdecken. Er redete dem „Rajah“ mit

freundlichem Ernst zu, aufzustehen und zu essen, da der „Rajah“ ihm aber nicht

antwortete, ließ er ihn in Ruhe. Er war an die Launen seiner Patienten gewöhnt

und wußte, daß sie ebenso rasch gingen, wie sie kamen.

Dagegen machte ihm Engelhardt ernstlich Sorge. Er hatte trotz aller

Dauerbäder und Beruhigungsmittel die Nacht wiederum schlaflos und erregt

verbracht. Nun lag er in einer Art Halbschlaf und zitterte und zuckte unter der

Anstrengung, die sein schrecklicher Wahn von ihm forderte. Er vernahm

Stimmen, das Geschrei von Millionen von Menschen, die die Hände nach ihm

rangen und ihn anflehten, sie nicht der Vernichtung preiszugeben, er hörte das

Läuten der Glocken, die Bittgesänge von Prozessionen, die Gebete der Kaiser

und Könige, Bischöfe und Päpste. Seine Haut war trocken und spröde, sein Puls

hüpfend und unstet. Doktor März saß lange Zeit neben seinem Bett und

beobachtete ihn, während er, zuweilen blinzelnd, sein ganzes Wissen und alle

seine Erfahrungen blitzschnell in Gedanken durchflog. Dann verließ er

Engelhardt mit einer nachdenklichen und ratlosen Miene.

Nach einer Stunde aber war er schon wieder bei ihm.

Die Patienten des Pavillons wurden von einer sonderbaren Nervosität

ergriffen, die sich stets bei ihnen einstellte, wenn die häufigen Besuche des

Arztes darauf hindeuteten, daß jemand schwer krank war. Sie gingen mit

behutsamen Schritten, sprachen nur halblaut, und manche verließen das Zimmer

überhaupt nicht. Der kleine Advokat wagte kaum sich zu regen und bat die

tausend Vögel, die mit ihm im Zimmer lebten, recht ruhig zu sein, als er ihnen

Brosamen und Wasser auf den Tisch stellte. Wieder und wieder zwang ihn eine unbekannte Macht durch das Schlüsselloch zu sehen. Da stand er lange Zeit, die

Hand in der Art der Kinder auf das linke Auge gepreßt und spähte mit dem

rechten durch das Schlüsselloch hinaus auf die weiße Wand des Korridors.

Sobald aber ein Vorübergehender den Ausblick verdeckte, fuhr er erschrocken

zurück. Wenn er hinaus zu seinen Blumen mußte, so öffnete er lautlos und

langsam die Türe und ging rückwärts, die Augen auf Engelhardts Türe gerichtet,

bis zu den Stufen. Hier drehte er sich rasch um und eilte hinab, immer in der

Furcht, daß ihn plötzlich eine Hand am Rockkragen festhalten werde.

Michael Petroff war der einzige, dem die allgemeine Unruhe nichts anhaben

konnte. Er saß an seinem Schreibtisch, schnitt seine Fälle aus, numerierte,

registrierte, klebte, schrieb. Er schüttelte lächelnd den Kopf über die Furcht des

kleinen Advokaten, versprach ihm aber für alle Fälle seinen Schutz.

„Seien Sie ganz ruhig, lieber Freund!“ sagte er gönnerhaft. „Solange ich lebe,

haben Sie keine Ursache, sich zu beunruhigen!“ Und mit wichtiger Miene fügte

er hinzu: „Ich war bei ihm. Er erzählte mir, daß der ‚Rajah‘ ihm seine Seele

versprochen habe. Nun, was weiter? Voilà tout. Sie aber verlassen sich auf

Michael Petroff!“

„Ich danke Ihnen!“ flüsterte der Advokat und griff nach Michael Petroffs

Hand, um sie zu küssen.

„Nicht das! Wozu?!“ wehrte Michael Petroff ab, fühlte sich aber doch

geschmeichelt und geehrt.

Der Advokat verließ ihn ruhiger. In der Nacht aber hörte er Engelhardt rufen

und verkroch sich zähneklappernd unter die Bettdecke. Nun war es ihm, als sei

er in die Erde eingegraben, in einen hohen Berg und vermochte vor Angst kaum

zu atmen. Da aber sah er plötzlich einen ungeheuren Schwarm von Vögeln, die

pfeilschnell in einer leichten Biegung über den Himmel glitten. Er winkte und

rief empor: „Wohin? Wohin?“ — „Komm mit! Komm mit!“ zwitscherten die

Vögel zur Antwort. „Nach Wien! nach Wien!“ und sie glitten in die Ferne. Der

Advokat sah ihnen nach und schlief ein.

 

Die Kräfte des „Rajahs“ schwanden zusehends, obgleich Doktor März ihm

künstlich Nahrung zuführen ließ. Rasch wie die Dämmerung in den Tropen

erlosch er. Sein braunes Gesicht und seine braunen Hände hatten eine graue,

fahle Färbung angenommen, wie trockene Gartenerde, und seine mächtige breite

Brust hob und senkte sich rasch und lautlos unter der Decke. Seine Lider, die

fahler aussahen als das Gesicht, waren halb über die Augen gesenkt, aber sobald

jemand ins Zimmer trat, hoben sie sich langsam, und ein großer glänzender Blick traf fragend den Eintretenden.

Der Puls wurde dünn und fliehend, und Doktor März saß fast die ganze Zeit

am Bett des Kranken. Der rasche Verfall seiner Kräfte war ihm unverständlich

und besonders besorgt machte ihn das unerklärliche, rapide Nachlassen des

Herzens. Er saß und blinzelte zuweilen, beobachtete, dachte, versuchte alles nur

Denkbare, — und am Abend wußte er, daß der „Rajah“ nicht mehr zu retten war.

„Wie geht es ihm, Doktor?“ fragte Michael Petroff, der im Korridor dem Arzt

aufgelauert hatte, und deutete mit dem Kopf auf die Tür des „Rajah“.

„Nun, nicht schlecht!“ antwortete Doktor März zerstreut.

Michael Petroff lachte leise hinter ihm her. Dann ging er sofort ins Zimmer

des Advokaten.

„Der ‚Rajah‘ stirbt!“, sagte er mit einem triumphierenden Blick.

Der Advokat sah ihn furchtsam von unten herauf an; er entgegnete nichts.

„Ja!“ Michael Petroff setzte sich in einen Rohrstuhl und zog die Beinkleider

etwas in die Höhe, damit sich die Knie nicht herausdrückten. „Ich frage eben den

Doktor. Er sagt: nicht schlecht. Nun, das heißt, der ‚Rajah‘ stirbt. Als Heinrich

starb, Heinrich, der die lustigen Lieder sang, über die Sie so lachen konnten,

mein Freund, was sagte da der Doktor? Nicht schlecht! Und Heinrich starb. Ja,

ich verstehe mich auf Ärzte.“

Der kleine Advokat hüllte sich in seinen Schal. Ihn fröstelte.

„Er saugt ihm die Seele aus dem Leib“, fuhr Michael Petroff mit wichtiger

Miene fort. „Er versteht seine Sache, dieser Engelhardt. Wie machte er es damals

mit dem Pfleger Schwindt? Genau so, sehen Sie!“

Und Michael Petroff ging, sich fröhlich die Hände reibend. Er fühlte sich

angeregt von all dem, was um ihn vorging, von all den Dingen, die er

durchschaute. Es gab da Neuigkeiten —! In vorzüglicher Laune setzte er sich an

den Schreibtisch, um seinen Artikel: Doktor März verhaftet! durchzufeilen.

 

In dieser Nacht, gegen drei Uhr, starb der „Rajah“.

Die Nacht war warm und still und so hell vom Mond, daß man im Freien lesen

konnte. Die Patienten waren unruhig, sie räusperten sich, gingen auf und ab und

sprachen mit sich. Zuweilen aber wurden sie alle still: das war, wenn Engelhardt

zu schreien anhob. Ich kann nicht mehr! Und dazwischen deklamierte er laut die

Ansprachen, die die Könige und Fürsten, die vor ihm knieten, an ihn richteten.

Der kleine Advokat hatte es nicht gewagt, sich niederzulegen. Er saß

angekleidet auf dem Sofa, in all seine Decken gehüllt. Und doch fror er, daß ihm

die Zähne klapperten. Wenn Engelhardt zu schreien anfing, bewegte er betend die Lippen und schlug das Kreuz.

Michael Petroff aber hatte sich, unbekümmert um alles, zu Bett gelegt. Er lag,

die Arme unter dem Kopf, und dachte über einen geeigneten Titel seiner Zeitung

nach. Denn diesmal wollte er den Doktor überrumpeln, packen, — ja, warte nur!

Was aber sollte ein Titel wie der „Unparteiische“ sagen, bitte schön? War damit

diesem hartgesottenen Doktor beizukommen? Wie? O nein, nein, ganz und gar

nicht. Der Titel mußte nach Feuer und Schwefel riechen, wie ein Schwert, das

geschwungen wird, mußte er sein, wie die Öffnung eines Gewehres, das auf den

Doktor gerichtet war. — Doktor März mußte erschrecken, wenn er den Titel las!

Und nach langem Nachdenken entschloß sich Michael Petroff, seine Zeitung

diesmal „Schwert des Erzengels“ zu nennen. Er sah diesen Erzengel deutlich

dahinfahren, schräg, mit fürchterlich wehenden Gewändern und erschreckend

verzerrter Miene, das Schwert mit beiden Händen ein wenig nach hinten geneigt

in die Höhe haltend. Und dieses Schwert, das rasiermesserscharf und hinten sehr

breit war, schlitzte das Firmament auf, und ein dampfender blutroter Streifen

wurde sichtbar. Dieser rote dampfende Streifen erfüllte Michael Petroff mit

einem starken Wollustgefühl. Er setzte sich auf und sagte: „Warte nur, haha!“

Plötzlich aber legte er die Hand über die Augen. Ein dunkler, wehmütiger

Schmerz hatte ihn überfallen, und er wußte nicht warum.

„Michael Petroff —?“ sagte er leise, „Michael Petroff —?“ und Tränen traten

in seine Augen. So, die Hand über den feuchten Augen und einen dunkeln

Schmerz im Herzen schlief er ein.

Er lag in tiefem Schlaf, als ihn ein Pochen an der Tür weckte: „Ich bin es, der

Pfleger, erschrecken Sie nicht.“

„Was gibt es?“

Der Pfleger trat ein und sagte halblaut: „Herr Doktor März läßt Sie ersuchen

zu kommen. Der Lehrer möchte Sie sprechen.“

„Der Lehrer?“

„Der ‚Rajah‘, Sie wissen ja.“

„Sie wissen nicht, was er von mir will?“

„Nein, Doktor März läßt Sie ersuchen.“

„Gut, ich komme.“

Michael Petroff erhob sich und machte langsam und sorgfältig Toilette. Der

Pfleger kam zurück und bat ihn, sich beeilen zu wollen. Michael Petroff band

sich sorgfältig die Krawatte. „Ich komme ja schon,“ sagte er unwillig, „ich kann

doch nicht halb angekleidet einen Besuch machen.“

Endlich war er fertig; er besah sich noch rasch im Spiegel, strich den

Schnurrbart zurecht und ging hinaus.

„Herr Kapitän!“ flüsterte der kleine Advokat durch die Türspalte, denn das Klopfen und Sprechen in Petroffs Zimmer hatte ihn noch ängstlicher gemacht.

„Ich flehe Sie an —!“

„Ich habe Eile“, antwortete Michael Petroff und schritt den Korridor entlang.

Er hörte Engelhardt in seinem Zimmer deklamieren: „Wir stehen zu dir, zerstöre

nicht den Dom der Welt, gepriesen sei dein Name!“ Und mit veränderter,

keuchender Stimme fuhr Engelhardt fort: „Ich kämpfe, ich kämpfe —!“ Oben im

ersten Stock ging ein Schritt hin und her, ruhelos, immer auf und ab, wie das

ferne Stampfen einer Maschine.

Da öffnete der Pfleger die Tür zu dem Zimmer des „Rajah“ und Michael

Petroff trat ein.

„Guten Morgen!“ sagte er laut und heiter, als sei es lichter Tag und der

„Rajah“ nicht dem Tode nahe. „Guten Morgen, Doktor! Hier bin ich. — Guten

Morgen — Fürst!“ fügte er nach einem Blick auf den „Rajah“ leiser hinzu.

„Michael Petroff, Kapitän der russischen Armee.“

Der Anblick des „Rajah“ hatte Michael Petroff betroffen gemacht. Der

„Rajah“ saß aufrecht im Bett, die großen schwarzen Augen auf ihn gerichtet.

Ihm zu Häupten brannte eine verschleierte elektrische Lampe, aber trotz des

Halbdunkels leuchtete das von schwarzen Haupt- und Barthaaren umrahmte

Gesicht des „Rajah“ wie dunkles Gold, ja, es glänzte. Und gerade dieses

Glänzen hatte Michael Petroff betroffen gemacht, so daß er leiser sprach und die

Anrede „Fürst“ gebrauchte. Er hatte eigentlich nie ernsthaft darüber

nachgedacht, wer der „Rajah“ war. Er war ein Fürst, der irgendwo ein großes

Reich besaß, in der Verbannung lebte, nun, Michael Petroff glaubte es, ohne sich

dabei etwas zu denken. In diesem Augenblicke jedoch begriff er, daß der

„Rajah“ ein Fürst war, und er veränderte vollkommen seine Haltung.

„Sie beliebten mich rufen zu lassen?“ sagte er, etwas verwirrt und unsicher,

und verbeugte sich.

Der „Rajah“ wandte das Antlitz Doktor März zu.

„Mein Herr,“ sagte er mit ruhiger tiefer Stimme, deren Klang getrübt war, „ich

danke Ihnen. Sie hätten mir, der ich Ihr Gefangener bin, diese Gunst verweigern

können, ich weiß es.“

„Lieber Freund —“, antwortete der Arzt, aber der „Rajah“ beachtete ihn gar

nicht mehr.

„Ich habe dich rufen lassen,“ wandte er sich an Michael Petroff, „damit du

meinen letzten Willen niederschreibst.“

„Zu Ihrer Verfügung“, erwiderte Michael Petroff mit einer leichten

Verbeugung.

„So schreibe, was ich dir sage.“

Michael Petroff betastete verwirrt seine Taschen. „Ich eile,“ sagte er, „ich werde sofort —“ und verließ rasch das Zimmer, um in seinem Bureau Papier und

Blei zu holen.

„Michael Petroff —?“ flüsterte stehend der kleine Advokat. „Sie verlassen

mich —?“

„Der Rajah befiehlt!“ entgegnete Michael Petroff ungehalten und eilte an den

ausgestreckten kleinen Händen des zitternden Advokaten vorbei, zurück in das

Sterbezimmer.

„Hier bin ich, Verzeihung“, stammelte er atemlos.

„So schreibe!“ sagte der „Rajah“.

Michael Petroff setzte sich zurecht und der „Rajah“ begann:

„Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir

sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere

Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund:

Gruß dir, unser Volk! Gruß euch, Palmenwäldern, die die Tempel unserer

Väter beschatten! Gruß dem blauen Fluß, der unser Land erquickt!“ —

Michael Petroff, der eifrig und hingegeben niederschrieb, was der „Rajah“

diktierte, blickte auf, da der „Rajah“ eine Pause machte. Da sah er, daß aus den

glänzenden schwarzen Augen des „Rajahs“ zwei große Tränen rannen, die über

seine leuchtenden fahlen Wangen liefen und in den Bart sickerten.

Der „Rajah“ hob die Hand zu einer erhabenen Gebärde. Dann fuhr er fort, bis

ans Ende gleich ruhig und hoheitsvoll:

„Wir erlassen eine allgemeine Amnestie! Alle unsere Kerker und Gefängnisse

sollen sich öffnen und in Asche gelegt werden. Fortan werde kein Blut mehr

vergossen!“

„Oh, Herr — — Fürst!“ flüsterte Michael Petroff und schrieb.

„Es gebe keine Arme mehr in unserem Land, und niemand soll mit der Schale

betteln gehen. Das Vermögen in unseren Kammern sei zu gleichen Teilen unter

das Volk verteilt. Es gebe fortan weder Kasten noch Stände. Jedermann sei dem

andern gleich und alle seien Brüder und Schwestern.

Die Greise sollen ihre Hütte haben, um darin zu sterben, und den Kindern

vermachen wir die Wiesen, darauf zu spielen. Den Kranken schenken wir

Gesundheit und den Unglücklichen Schlaf, tiefen Schlaf. Es soll keine Kriege

mehr geben und keinen Haß mehr zwischen den Völkern, gleichviel welcher

Farbe, so bestimmen wir es. Die Richter seien weise und gerecht, und wer

Unrecht tat, dem soll man sagen: geh und sei glücklich, denn das Schlechte

kommt aus dem Unglück hervor.

Den Menschen vermachen wir die Erde, daß sie sich darin teilen vermögen,

den Fischen das Wasser und Meer, den Vögeln den Himmel und den Tieren die

Wälder und die Auen, die darin versteckt liegen!

Dich, unser Volk, aber segnen und küssen wir, die wir sterben.“

Der „Rajah“ hob die Arme segnend empor und sank in die Kissen zurück.

Alle im Zimmer blieben still und sahen auf ihn, dessen Brust rasch und

unmerklich ging und dessen Lider über die Augen herabgesunken waren und wie

helle Flecke in seinem Gesicht erschienen.

Doktor März trat leise an das Bett heran.

Da lächelte der „Rajah“. Er bog den Kopf zurück, öffnete die Lippen, und es

sah aus, als wollte er singen. Aber nur ein feiner singender Ruf, der ganz hoch

ausklang, kam über seine Lippen, so fein und fern, als rufe der „Rajah“ schon

aus weiter Ferne. Es war der Ruf der Straßenverkäufer im Orient.

Der „Rajah“ war tot.

Michael Petroff stand auf den Zehenspitzen und blickte mit halboffenem

Mund in das fahle, unverständlich schöne Gesicht, das aus den schwarzen

Haaren schimmerte. Ein beschämendes Gefühl erfüllte ihn. So lange hatte er mit

dem Toten gelebt, ohne zu denken, wer er war. Er hätte niederknien mögen bei

dem Bett des Toten und flüstern: „Fürst, mein Fürst!“ Aber er wagte es nicht,

sich zu nähern, er fürchtete sich und stahl sich aus dem Zimmer.

 

Als Doktor März nach einer geraumen Weile auf den Korridor heraustrat,

überraschte ihn die Ruhe des Pavillons. Kein Laut war zu hören. Der dumpfe

Schritt oben, der stundenlang hin und her gegangen war, war verstummt. Und

Engelhardt hatte aufgehört zu schreien und zu stöhnen.

Doktor März trat an die Türe des Schuhmachers. Es war totenstill darinnen. Er

öffnete und lauschte: Engelhardt — schlief! Tief und regelmäßig ging der Atem

. . . Doktor März schüttelte den Kopf und verließ nachdenklich den Pavillon. Auf

der Treppe zum Garten zündete er sich eine Zigarre an und stülpte den

Rockkragen hinauf. Ihn fröstelte.

Nun schläft er, dachte er, während er durch den nächtigen Garten ging, dessen

Büsche lange fahle Schatten warfen. Ist irgendein Zusammenhang zwischen dem

Tod des Lehrers und dem Schlaf Engelhardts anzunehmen? Und er dachte weiter

an einen Kollegen, der auf jeden Fall einen Zusammenhang konstruieren würde,

und daran, daß er sich jetzt auf eine Tasse starken Kaffees freue, — da blieb er

leicht erschrocken stehen: im Mondlicht bewegte sich ein kleiner vermummter

Mensch. Es war der Advokat.

Der kleine Advokat hatte die ganze Nacht zitternd und frierend in seinem

dunklen Zimmer verbracht. Aber als der erste Hahn krähte, hatte er sich aus dem

Pavillon geschlichen, um seine Blumen zu begießen.

„Pst, pst!“ flüsterte er den tausend Vögeln zu, die in den Büschen zu

zwitschern begannen, sobald er sich näherte. „Schlaft noch ein wenig, ihr

Kleinen!“

Und als er die Blumen begoß, hatte er die Nacht, den „Rajah“ und Engelhardt,

der eine Seele brauchte, vergessen und lächelte. „Guten Morgen, ihr Lieblinge,“

sagte er leise und nickte, „da bin ich, da habt ihr mich wieder.“

Im Zimmer Michael Petroffs aber brannte Licht.

Michael Petroff saß an seinem Schreibtisch, lächelnd und gutgelaunt, und

schrieb eifrig. Denn der Eindruck, den der Tod des „Rajahs“ auf ihn machte,

hatte sich ebenso rasch verflüchtigt, wie die Tränen, die er um ihn geweint hatte.

Nun arbeitete er an einem Artikel, den er als einen ungeheuer wertvollen Beitrag

für seine Zeitung betrachtete. Und das gab ihm die heitere, leichte Laune.

Mit den saubersten Buchstaben schrieb er:

„Telegramm! Der Rajah von Mangalore — gegen dessen Exilierung wir bei

der englischen Regierung telegraphisch Protest erhoben haben — ist heute nacht

um drei Uhr sanft entschlafen. Wir hatten die Ehre, bei seinem Hinscheiden

gegenwärtig zu sein und den letzten Willen des hohen Herrn aufzuzeichnen. Er

sei unseren Lesern mitgeteilt:

„Wir, Rajah von Mangalore, verbannt von der englischen Regierung, die wir

sterben, erhaben über das Gefühl der Rachsucht für unsere Feinde, um unsere

Untertanen zu erretten, geben unserem Volke kund . . .“

Erst als die Sonne aufging, begab sich Michael Petroff zur Ruhe.