Die Räuber
Dritte Scene.
Die böhmischen Wälder.
Spiegelberg, Razmann, Räuberhaufen.
Razmann. Bist da? bists wirklich? So laß dich doch zu Brey zusammen drucken, lieber Herzens-Bruder Moriz! Willkommen in den Böhmischen Wäldern! Bist ja gros worden und stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber!
Spiegelberg. Gelt Bruder? Gelt? Und das ganze Kerl darzu! — du glaubst nicht, Gottes sichtbarer Seegen ist bey mir, war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich über den Jordan gieng, und itzt sind unserer acht und siebenzig, meistens ruinirte Krämer, rejicirte Magister und Schreiber aus den schwäbischen Provinzen, das ist dir ein Korps Kerles, Bruder, deliciöse Bursche, sag ich dir, wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stihlt, und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist — und haben voll auf, und stehen dir in einem Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben, ich halte sie mir auch pur deswegen — vom Kopf bis zun Füssen haben sie mich dir hingestellt, du meynst, du sehst mich, — so gar meine Rokknöpfe haben sie nicht vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil herum. Ich geh lezthin in die Druckerey, geb vor, ich hätte den berüchtigten Spiegelberg gesehn, und diktir einem Skrizler, der dort sas, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoktor in die Feder, das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par force inquirirt, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der Teufel! gesteht dir, er sey der Spiegelberg — Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung, mich beym Magistrat anzugeben, daß die Kanaille mir meinen Namen so verhunzen soll — wie ich sage, drey Monath d'rauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Toback in die Nase reiben, als ich am Galgen vorbeyspatzierte, und den Pseudo-Spiegelberg in seiner Glorie da paradiren sah — und unterdessen daß Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen, und deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrucks Eselsohren, daß's zum Erbarmen ist.
Razmann (lacht.) Du bist eben noch immer der alte.
Spiegelberg. Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel. Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzählen, den ich neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone verschossen hatte, du weist, ich hasse das diem perdidi auf den Tod, so mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollt's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig, bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lichter gehen aus. Wir denken die Nonnen könnten itzt in den Federn seyn. Nun nehm' ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heis' die andern warten vorm Thor, bis sie mein Pfeifchen hören würden, — versicherte mich des Klosterwächters, nehm' ihm die Schlüssel ab, schleich' mich hinein, wo die Mägde schliefen, praktizier ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Thor. Wir gehn weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Aebtissin. — Itzt pfeif ich, und meine Kerls draussen fangen an zu stürmen und zu hasseliren als käm der jüngste Tag, und hinein mit pestialischem Gepolter in die Zellen der Schwestern! — hahaha! — da hättest du die Hatz sehen sollen, wie die armen Thiergen in der Finstere nach ihren Röcken tappten, und sich jämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken wickelten, oder unter den Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst ihres Herzens die Stube so besprenzten, daß du hättest das Schwimmen darinnen lernen können, und das erbärmliche Gezetter und Lamento, und endlich gar die alte Schnurre die Aebtissin, angezogen wie Eva vor dem Fall — du weist, Bruder, daß mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne und ein altes Weib, und nun denk' dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottige Vettel vor mir herumtanzen, mich bey ihrer jungfräulichen Sittsamkeit beschwören — alle Teufel! ich hatte schon den Ellenbogen angesetzt, ihr die übriggebliebenen wenigen edlen vollends in den Mastdarm zu stossen — kurz resolvirt! entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem Klosterschatz und allen den blanken Thälerchen, oder — meine Kerls verstanden mich schon — ich sage dir, ich hab' aus dem Kloster mehr dann tausend Thaler Werths geschleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen ein Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monathe dran zu schleppen haben.
Razmann. (auf den Boden stampfend.) Daß mich der Donner da weg hatte.
Spiegelberg. Siehst du? Sag' du mehr, ob das kein Luder-Leben ist? und dabey bleibt man frisch und stark, und das Korpus ist noch beysammen, und schwillt dir stündlich wie ein Prälats-Bauch — ich weiß nicht, ich muß was magnetisches an mir haben, das dir alles Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.
Razmann. Schöner Magnet du! Aber so möcht' ich Henkers doch wissen, was für Hexereyen du brauchst —
Spiegelberg. Hexereyen? Braucht keiner Hexereyen — Kopf mußt du haben! Ein gewisses praktisches Judicium, das man freilich nicht in der Gerste frißt — denn siehst du, ich pfleg' immer zu sagen: einen honnetten Mann kann man aus jedem Weidenstozen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grüz — auch gehört dazu ein eignes National-Genie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbuben-Klima, und da rath' ich dir, reis' du ins Graubündner-Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.
Razmann. Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.
Spiegelberg. Ja ja! man muß niemand sein Recht vorenthalten, Italien weist auch seine Männer auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen, — überhaupt aber, muß ich dir sagen, macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das übrige, Bruder — ein Holzapfel, weist du wohl, wird im Paradies-Gärtlein selber ewig keine Ananas — aber daß ich dir weiter sage, — wo bin ich stehen geblieben?
Razmann. Bey den Kunstgriffen!
Spiegelberg. Ja recht, bey den Kunstgriffen. So ist dein erstes, wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bey den Bettelvögten, Stadt-Patrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am fleissigsten bey ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden suchst du auf — ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirthshäuser ein, spähst, sondirst, wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die fünf pro cent, über die einreissende Pest der Policeyverbesserungen schreyt, wer am meisten über die Regierung schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen Bruder! das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst nur den Pelikan ansetzen, — oder besser und kürzer: du gehst und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Strase, versteckst dich irgendwo, und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt — eine Weile drauf jagst du hinterher, suchst, schreyst, und fragst nur so im Vorbeygehen, haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefunden? Sagt er ja? — nun so hat's der Teufel gesehen; leugnet er's aber? der Herr verzeihen — ich wüßte mich nicht zu entsinnen, — ich bedaure, (aufspringend.) Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! — du hast deinen Mann gefunden.
Razmann. Du bist ein ausgelernter Prakticus.
Spiegelberg. Mein Gott! als ob ich noch jemals dran gezweifelt hätte — Nun du deinen Mann in dem Hamen hast, must du's auch fein schlau angreifen, daß du ihn hebst! — Siehst du, mein Sohn? das hab' ich so gemacht: — So bald ich einmal die Fährte hatte, hängt' ich mich meinem Kandidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und Notabene! Zechfrey must du ihn halten! da geht freylich ein schönes drauf, aber das achtest du nicht — — du gehst weiter, du führst ihn in Spiel-Kompagnien und bey liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn in Schlägereyen, und schelmische Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewissen, und gutem Namen bankrut wird, denn incidenter muß ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst — Glaube mir Bruder! das hab' ich aus meiner starken Praxi wohl fünfzigmal abstrahirt, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest gejagt ist, so ist der Teufel Meister — Der Schritt ist dann so leicht — o so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. — Horch doch! was für ein Knall war das?
Razmann. Es war gedonnert, nur fortgemacht!
Spiegelberg. Noch ein kürzerer besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber — lern mich die Pfiffe nicht Bruder — frag einmal das Kupfergesicht dort — Schwere Noth! den hab' ich schön in's Garn gekriegt — ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt' er haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte — denk einmal! die dumme Bestie thuts, bringt mir, hol mich der Teufel! die Schlüssel, und will itzt das Geld haben — Monsieur, sagt' ich, weiß er auch, daß ich itzt diese Schlüssel gerades Wegs zum Policey-Lieutenant trage, und ihm ein Logis am lichten Galgen miethe? — tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen aufreissen, und anfangen zu zappeln wie ein nasser Budel — — »Ums Himmels willen, hab' der Herr doch Einsicht! ich will — will —« was will er? will er itzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum Teufel geh'n? — »o von Herzen gern, mit Freuden« — hahaha! guter Schlucker, mit Speck fängt man Mäuse — lach ihn doch aus, Razmann! hahaha!
Razmann. Ja, ja, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lektion mit goldnen Ziffern auf meine Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäckler gemacht hat.
Spiegelberg. Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle, läßt er mich frey ausgehen — gibt ja jeder Verleger seinem Sammler das zehente Exemplar gratis, warum soll der Teufel so jüdisch zu Werk gehn? — Razmann! ich rieche Pulver —
Razmann. Sapperment! ich riech's auch schon lang. — Gib Acht, es wird in der Näh was gesetzt haben! — Ja ja! wie ich dir sage, Moriz — du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen seyn — er hat auch schon brave Kerl angelockt.
Spiegelberg. Aber die meinen! die meinen — Pah —
Razmann. Nun ja! sie mögen hübsche Fingerchen haben — aber ich sage dir, der Ruf unsers Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerls in Versuchung geführt.
Spiegelberg. Ich will nicht hoffen.
Razmann. Sans Spaß! und sie schämen sich nicht unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir — nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, so bald ers vollauf haben konnte, und selbst sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studiren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpffen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borden unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter — Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haußt teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.
Spiegelberg. Hum! hum!
Razmann. Neulich erfuhren wir im Wirthshaus, daß ein reicher Graf von Regensburg durchkommen würde, der einen Proceß von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt hätte, er saß eben am Tisch und brettelte, — wie viel sind unserer? frug er mich, indem er hastig aufstand, ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen, welches er nur thut, wenn er am grimmigsten ist — nicht mehr als fünf! sagt' ich — es ist genug! sagt' er, warf der Wirthinn das Geld auf den Tisch, ließ den Wein, den er sich hatte reichen lassen, unberührt stehen — wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl das Ohr an die Erde zu legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren, der Wagen schwer bepakt, der Advokat saß bey ihm drinn, voraus ein Reuter, nebenher ritten zwey Knechte — da hättest du den Mann sehen sollen, wie er, zwey Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen zusprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt! — der Kutscher, der nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf schoß aus dem Wagen in den Wind, die Reuter flohen — dein Geld, Kanaille! rief er donnernd — er lag wie ein Stier unter dem Beil — und bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advokat zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, — der Dolch stak in seinem Bauch wie ein Pfahl in dem Weinberg — ich habe das meine gethan! rief er, und wandte sich stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache. Und somit verschwand er in den Wald —
Spiegelberg. Hum, hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er brauchts nicht zu wissen. Verstehst du?
Razmann. Recht, recht! ich versteh.
Spiegelberg. Du kennst ihn ja! Er hat so seine Grillen. Du verstehst mich.
Razmann. Ich versteh, ich versteh.
Schwarz (in vollem Lauf.)
Razmann. Wer da? was gibts da? Passagiers im Wald?
Schwarz. Hurtig, hurtig! wo sind die andern? — tausendsakerment! ihr steht da, und plaudert! Wißt ihr denn nicht — wißt ihr denn gar nicht? — und Roller —
Razmann. Was dann, was dann?
Schwarz. Roller ist gehangen, noch vier andere mit —
Razmann. Roller? Schwere Noth! seit wann — woher weist du's?
Schwarz. Schon über drey Wochen sitzt er, und wir erfahren nichts, schon drey Rechtstäge sind über ihn gehalten worden, und wir hören nichts, man hat ihn auf der Tortur examinirt, wo der Hauptmann sey? — Der wackere Bursche hat nichts bekannt, gestern ist ihm der Proceß gemacht worden, diesen Morgen ist er dem Teufel extra Post zugefahren.
Razmann. Vermaledeyt! weiß es der Hauptmann?
Schwarz. Erst gestern erfährt er's. Er schäumt wie ein Eber. Du weist's, er hat immer am meisten gehalten auf Roller, und nun die Tortur erst — Strick und Leiter sind schon an den Thurm gebracht worden, es half nichts, er selbst hat sich schon in Kapuciners-Kutte zu ihm geschlichen, und die Person mit ihm wechseln wollen, Roller schlugs hartnäckig ab, itzt hat er einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt über die Leber lief, er wolle ihm eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll. Mir ist bang für die Stadt. Er hat schon lang eine Pique auf sie, weil sie so schändlich bigott ist, und du weist, wenn er sagt: ich will's thun! so ist's so viel, als wenn's unser einer gethan hat.
Razmann. Das ist wahr! ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel sein Wort drauf gegeben hätte in die Hölle zu fahren, er würde nie beten, wenn er mit einem halben Vater Unser seelig werden könnte! — Aber ach! der arme Roller! — der arme Roller! —
Spiegelberg. Memento mori! Aber das regt mich nicht an. (Trillert ein Liedgen.)
So blinz ich nur das rechte Auge zu,
Und denk, du hängst mir wohl alleine,
Wer ist ein Narr, ich oder du?
Razmann (aufspringend.) Horch! Ein Schuß. (Schießen und Lermen.)
Spiegelberg. Noch einer!
Razmann. Wieder einer! der Hauptmann!
(Hinter der Scene gesungen.)
Sie hätten ihn denn vor.
Da Capo.
Schweizer. Roller. (Hinter der Scene.) Holla ho! Holla ho!
Razmann. Roller! Roller! Holen mich zehn Teufel!
Schweizer. Roller. (Hinter der Scene.) Razmann! Schwarz! Spiegelberg! Razmann!
Razmann. Roller! Schweizer! Bliz, Donner, Hagel und Wetter! (Fliegen ihm entgegen.)
Räuber Moor (zu Pferd.)
Schweizer. Roller. Grimm. Schufterle.
Räubertrupp (mit Koth und Staub bedeckt, treten auf.)
Räuber Moor (vom Pferd springend.) Freyheit! Freyheit! — — du bist im Trocknen, Roller! — Führ meinen Rappen ab, Schweizer, und wasch ihn mit Wein. (Wirft sich auf die Erde.) Das hat gegolten!
Razmann (zu Roller.) Nun bey der Feueresse des Pluto's! bist du vom Rad auferstanden?
Schwarz. Bist du sein Geist? oder bin ich ein Narr? oder bist du's wirklich?
Roller (in Athem.) Ich bins. Leibhaftig. Ganz. Wo glaubst du, daß ich herkomme?
Schwarz. Da frag die Hexe! der Stab war schon über dich gebrochen.
Roller. Das war er freylich, und noch mehr. Ich komme recta vom Galgen her. Laß mich nur erst zu Athem kommen. Der Schweizer wird dir erzählen. Gebt mir ein Glas Brandtenwein! — du auch wieder da, Moriz? Ich dachte dich wo anders wieder zu sehen — gebt mir doch ein Glas Brandtenwein! meine Knochen fallen auseinander — o mein Hauptmann! wo ist mein Hauptmann?
Schwarz. Gleich, gleich! — so sag doch, so schwäz doch! wie bist du davon kommen? wie haben wir dich wieder? der Kopf geht mir um. Vom Galgen her, sagst du?
Roller (stürzt eine Flasche Brandtenwein hinunter.) Ah, das schmeckt, das brennt ein! — gerades Wegs vom Galgen her! sag ich. Ihr steht da, und gafft, und könnt's nicht träumen — ich war auch nur drey Schritte von der Sakerments-Leiter, auf der ich in den Schoos Abrahams steigen sollte — so nah, so nah — war dir schon mit Haut und Haar auf die Anatomie verhandelt! hättest mein Leben um'n Prise Schnupftaback haben können, dem Hauptmann dank ich Luft, Freyheit und Leben.
Schweizer. Es war ein Spaß, der sich hören läßt. Wir hatten den Tag vorher durch unsre Spionen Wind gekriegt, der Roller liege tüchtig im Salz, und wenn der Himmel nicht bey Zeit noch einfallen wollte, so werde er morgen am Tag — das war als heut — den Weg alles Fleisches gehen müssen — Auf! sagt der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht? — Wir retten ihn, oder retten ihn nicht, so wollen wir ihm wenigstens doch eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll. Die ganze Bande wird aufgeboten. Wir schicken einen Expressen an ihn, der's ihm in einem Zettelchen beybrachte, das er ihm in die Suppe warf.
Roller. Ich verzweifelte an dem Erfolg.
Schweizer. Wir paßten die Zeit ab, bis die Passagen leer waren. Die ganze Stadt zog dem Spektakel nach, Reuter und Fußgänger durch einander und Wagen, der Lerm und der Galgen-Psalm jolten weit. Izt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an! Die Kerl flogen wie Pfeile, steckten die Stadt an drey und dreysig Eken zumal in Brand, werfen feurige Lunten in die Nähe des Pulverthurms, in Kirchen und Scheunen — Morbleu es war keine Viertelstunde vergangen, der Nord-Ost-Wind, der auch seinen Zahn auf die Stadt haben muß, kam uns trefflich zu statten, und half die Flamme bis hinauf in die obersten Gibel jagen. Wir indeß Gasse auf Gasse nieder, wie Furien — Feuerjo! Feuerjo! durch die ganze Stadt — Geheul, — Geschrey — Gepolter — fangen an die Brandglocken zu brummen, knallt der Pulverthurm in die Luft, als wär die Erde mitten entzwey geborsten, und der Himmel zerplazt, und die Hölle zehntausend Klafter tiefer versunken.
Roller. Und itzt sah mein Gefolge zurück — da lag die Stadt wie Gomorrha und Sodom, der ganze Horizont war Feuer, Schwefel und Rauch, vierzig Gebürge brüllen den infernalischen Schwank in die Rund herum nach, ein panischer Schreck schmeißt alle zu Boden — itzt nutz ich den Zeitpunkt, und risch, wie der Wind! — ich war losgebunden, so nah war's dabey — da meine Begleiter versteinert wie Loths Weib zurückschaun, Reißaus! zerrissen die Haufen! davon! Sechzig Schritte weg werf ich die Kleider ab, stürze mich in den Fluß, schwimm unter'm Wasser fort, bis ich glaubte ihnen aus dem Gesichte zu seyn. Mein Hauptmann schon parat mit Pferden und Kleidern — so bin ich entkommen. Moor! Moor! möchtest du bald auch in den Pfeffer gerathen, daß ich dir gleiches mit gleichem vergelten kann!
Razmann. Ein bestialischer Wunsch, für den man dich hängen sollte — aber es war ein Streich zum Zerplatzen.
Roller. Es war Hülfe in der Noth, ihr könnt's nicht schäzen. Ihr hättet sollen — den Strick um den Hals — mit lebendigem Leib zu Grabe marschiren wie ich, und die sakermentalischen Anstalten und Schinders-Ceremonien, und mit jedem Schritt, den der scheue Fuß vorwärts wankte, näher und fürchterlich näher die verfluchte Maschine, wo ich einlogirt werden sollte, im Glanz der schröcklichen Morgensonne steigend, und die laurenden Schinders-Knechte, und die gräßliche Musik — noch raunt sie in meinen Ohren — und das Gekrächz hungriger Raben, die an meinem halbfaulen Antezessor zu dreysigen hiengen, und das alles, alles — und obendrein noch der Vorschmack der Seeligkeit, die mir blühete! — Bruder, Bruder! und auf einmal die Losung zur Freyheit — Es war ein Knall, als ob dem Himmelfaß ein Raif gesprungen wäre — hört Kanaillen! ich sag euch, wenn man aus dem glühenden Ofen in's Eiswasser springt, kann man den Abfall nicht so stark fühlen als ich, da ich am andern Ufer war.
Spiegelberg (lacht.) Armer Schlucker! nun ist's ja verschwitzt. (trinkt ihm zu.) Zur glücklichen Wiedergeburt!
Roller (wirft sein Glas weg.) Nein, bey allen Schäzen des Mammons! ich möchte das nicht zum zweytenmal erleben. Sterben ist etwas mehr als Harlequins-Sprung, und Todes-Angst ist ärger als Sterben.
Spiegelberg. Und der hüpfende Pulverthurm — merkst du's izt, Razmann? — d'rum stank auch die Luft so nach Schwefel, stundenweit, als würde die ganze Garderobe des Molochs unter dem Firmament ausgelüftet — es war ein Meisterstreich, Hauptmann! ich beneide dich d'rum.
Schweizer. Macht sich die Stadt eine Freude daraus, meinen Kameraden wie ein verheztes Schwein abthun zu sehen, was, zum Henker! sollen wir uns ein Gewissen daraus machen, unserem Kameraden zulieb die Stadt drauf gehen zu lassen? Und neben her hatten unsere Kerls noch das gefundene Fressen, über den alten Kaiser zu plündern. — Sagt einmal! Was habt ihr weggekapert?
Einer von der Bande. Ich hab mich während des Durcheinanders in die Stephans-Kirche geschlichen und die Borden vom Altar-Tuch abgetrennt, der liebe Gott da, sagt' ich, ist ein reicher Mann, und kann ja Goldfäden aus einem Batzenstrick machen.
Schweizer. Du hast wohl gethan — was soll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragens dem Schöpfer zu, der über den Trödelkram lachet, und seine Geschöpfe dörfen verhungern. — Und du Spangeler — wo hast du dein Netz ausgeworfen?
Ein zweyter. Ich und Bügel haben einen Kaufladen geplündert und bringen Zeug für unser funfzig mit.
Ein Dritter. Zwey gold'ne Sackuhren hab ich weggebixt, und ein Dutzend silberne Löffel dazu.
Schweizer. Gut, gut. Und wir haben ihnen ein's angerichtet, d'ran sie vierzeh'n Tage werden zu löschen haben. Wenn sie dem Feuer wehren wollen, so müssen sie die Stadt durch Wasser ruiniren — Weist du nicht, Schufterle, wie viel es Todte gesetzt hat?
Schufterle. Drey und achtzig sagt man. Der Thurm allein hat ihrer sechszig zu Staub zerschmettert.
Räuber Moor (sehr ernst.) Roller, du bist theuer bezahlt.
Schufterle. Pah! pah! was heißt aber das? — ja, wenn's Männer gewesen wären — aber da warens Wikelkinder, die ihre Lacken vergolden, eingeschnurrte Müttergen, die ihnen die Müken wehrten, ausgedörrte Ofenhocker, die keine Thüre mehr finden konnten — Patienten, die nach dem Doktor winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz nachgezogen war — Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komödie nach, und nur der Bodensatz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.
Moor. Oh der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder? —
Schufterle. Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen darzu, und hochschwangere Weiber, die befürchteten, unterm lichten Galgen zu abortiren, junge Frauen, die besorgten sich an den Schinders-Stückchen zu versehen, und ihrem Kind im Mutterleib den Galgen auf den Buckel zu brennen — Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr ist, es lohnt sich der Mühe nicht, daß man davon redet. Wie ich von ungefehr so an einer Barake vorbeygehe, hör ich drinnen ein Gezetter, ich guk hinein, und wie ich's beym Licht besehe, was war's? Ein Kind war's, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unter'm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen, — Armes Thiergen! sagt' ich, du verfrierst ja hier, und warf's in die Flamme —
Moor. Wirklich, Schufterle? — Und diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewigkeit grau wird! — Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen! Murrt ihr? — Ueberlegt ihr? — Wer überlegt, wann Ich befehle? — Fort mit ihm, sag ich, — es sind noch mehr unter euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich will nächstens unter euch treten, und fürchterlich Musterung halten. (Sie gehen zitternd ab.)
Moor (allein heftig auf- und abgehend.)
Höre sie nicht, Rächer im Himmel! — Was kann ich dafür? Was kannst du dafür, wenn deine Pestilenz, deine Theurung, deine Wasserfluten, den Gerechten mit dem Bösewicht auffressen? Wer kann der Flamme befehlen, daß sie nicht auch durch die gesegneten Saaten wüte, wenn sie das Genist der Hornissel zerstören soll? — O pfui, über den Kinder-Mord! den Weiber-Mord — den Kranken-Mord! Wie beugt mich diese That! Sie hat meine schönsten Werke vergiftet — da steht der Knabe, schaamroth und ausgehöhnt vor dem Auge des Himmels, der sich anmaßte mit Jupiters Keule zu spielen, und Pygmeen niederwarf, da er Titanen zerschmettern sollte — geh, geh! du bist der Mann nicht, das Rachschwerdt des obern Tribunals zu regieren, du erlagst bey dem ersten Griff — hier entsag' ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgend eine Kluft der Erde zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt. (er will fliehen.)
Räuber (eilig.)
Sieh dich vor, Hauptmann! Es spukt! Ganze Haufen böhmischer Reuter schwadroniren im Holz herum — der höllische Blaustrumpf muß ihnen verträtscht haben —
Neue Räuber.
Hauptmann, Hauptmann! Sie haben uns die Spur abgelauert — rings ziehen ihrer etliche Tausend einen Kordon um den mittlern Wald.
Neue Räuber.
Weh, weh, weh! Wir sind gefangen, gerädert, wir sind geviertheilt! Viele tausend Husaren, Dragoner und Jäger sprengen um die Anhöhe, und halten die Luft-Löcher besetzt.
(Moor geht ab.)
Schweizer. Grimm. Roller. Schwarz. Schufterle. Spiegelberg. Razmann. Räubertrupp.
Schweizer. Haben wir sie aus den Federn geschüttelt? Freu dich doch, Roller! Das hab ich mir lange gewünscht, mich mit so Kommis-Brod-Rittern herumzuhauen — wo ist der Hauptmann? Ist die ganze Bande beysammen? Wir haben doch Pulver genug?
Razmann. Pulver die schwere Meng. Aber unser sind achtzig in allem, und so immer kaum einer gegen ihrer zwanzig.
Schweizer. Desto besser! und laß es fünfzig gegen meinen grossen Nagel seyn — Haben sie so lang gewartet, bis wir ihnen die Streu unterm Arsch angezündet haben — Brüder, Brüder! so hat's keine Noth. Sie sezen ihr Leben an zehen Kreuzer, fechten wir nicht für Hals und Freyheit? — Wir wollen über sie her wie die Sündflut, und auf ihre Köpfe herabfeuren wie Wetterleuchten — Wo zum Teufel! ist dann der Hauptmann?
Spiegelberg. Er verläßt uns in dieser Noth. Können wir denn nicht mehr entwischen?
Schweizer. Entwischen?
Spiegelberg. Oh! Warum bin ich nicht geblieben in Jerusalem.
Schweizer. So wollt' ich doch, daß du im Kloak erstiktest, Drekseele du! Bey nakten Nonnen hast du ein grosses Maul, aber wenn du zwey Fäuste siehst, — Memme, zeige dich itzt, oder man soll dich in eine Sauhaut nähen, und durch Hunde verhetzen lassen.
Razmann. Der Hauptmann, der Hauptmann!
Moor (langsam vor sich.)
Moor. Ich habe sie vollends ganz einschliessen lassen, itzt müssen sie fechten wie Verzweifelte. (Laut.) Kinder! Nun gilts! Wir sind verloren, oder wir müssen fechten wie angeschossene Eber.
Schweizer. Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern den Bauch schlizen, daß ihnen die Kutteln schuhlang herausplatzen! — Führ uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des Todes.
Moor. Ladet alle Gewehre! Es fehlt doch an Pulver nicht?
Schweizer (springt auf.) Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu sprengen!
Razmann. Jeder hat fünf paar Pistolen geladen, jeder noch drey Kugelbüchsen darzu.
Moor. Gut, gut! Und nun muß ein Theil auf die Bäume klettern, oder sich in's Dickicht verstecken, und Feuer auf sie geben im Hinterhalt —
Schweizer. Da gehörst du hin, Spiegelberg!
Moor. Wir andern, wie Furien, fallen ihnen in die Flanken.
Schweizer. Darunter bin ich, ich!
Moor. Zugleich muß jeder sein Pfeifchen hören lassen, im Wald herumjagen, daß unsere Anzahl schröcklicher werde: auch müssen alle Hunde los, und in ihre Glieder gehetzt werden, daß sie sich trennen, zerstreuen, und euch in den Schuß rennen. Wir drey, Roller, Schweizer und ich, fechten im Gedränge.
Schweizer. Meisterlich, vortrefflich! — Wir wollen sie zusammenwettern, daß sie nicht wissen, wo sie die Ohrfeigen herkriegen. Ich habe wohl ehe eine Kirsche vom Maul weggeschossen, laß sie nur anlaufen. (Schufterle zupft Schweizern, dieser nimmt den Hauptmann beyseit, und spricht leise mit ihm.)
Moor. Schweig!
Schweizer. Ich bitte dich —
Moor. Weg! Er dank es seiner Schande, sie hat ihn gerettet. Er soll nicht sterben, wenn ich und mein Schweizer sterben, und mein Roller. Laß ihn die Kleider ausziehen, so will ich sagen, er sey ein Reisender, und ich habe ihn bestohlen — Sey ruhig, Schweizer! Ich schwöre darauf, er wird doch noch gehangen werden.
Pater (tritt auf.)
Pater (vor sich, stutzt.) Ist das das Drachen-Nest? — Mit eurer Erlaubniß, meine Herren! Ich bin ein Diener der Kirche, und draussen stehen siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schläfen bewachen.
Schweizer. Bravo! bravo! das war wohlgesprochen sich den Magen warm zu halten.
Moor. Schweig, Kamerad! — Sagen Sie kurz, Herr Pater! was haben Sie hier zu thun?
Pater. Mich sendet die hohe Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht — ihr Diebe — ihr Mordbrenner — ihr Schelmen — giftige Otterbrut, die im Finstern schleicht, und im Verborgenen sticht — Aussatz der Menschheit — Höllenbrut, — köstliches Mahl für Raben und Ungeziefer — Kolonie für Galgen und Rad —
Schweizer. Hund! hör auf zu schimpfen, oder — (er drückt ihm den Kolben vor's Gesicht.)
Moor. Pfui doch, Schweizer! du verdirbst ihm ja das Koncept — er hat seine Predigt so brav auswendig gelernt — nur weiter mein Herr! — »für Galgen und Rad?«
Pater. Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutelschneider! Gauner-König! Gros-Mogol aller Schelmen unter der Sonne! — Ganz ähnlich jenem ersten abscheulichen Rädelsführer, der tausend Legionen schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte, und mit sich hinab in den tiefen Pfuhl der Verdammniß zog — das Zettergeschrey verlassener Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen wägen auf deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf. —
Moor. Sehr wahr, sehr wahr! Nur weiter!
Pater. Was? sehr wahr, sehr wahr? ist das auch eine Antwort?
Moor. Wie, mein Herr? darauf haben Sie sich wohl nicht gefaßt gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter sagen?
Pater (im Eifer.) Entsetzlicher Mensch! hebe dich weg von mir! Picht nicht das Blut des ermordeten Reichs-Grafen an deinen verfluchten Fingern? Hast du nicht das Heiligthum des Herrn mit diebischen Händen durchbrochen, und mit einem Schelmengriff die geweihten Gefässe des Nachtmahls entwandt? Wie? hast du nicht Feuerbrände in unsere gottesfürchtige Stadt geworfen? und den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt? (Mit zusammengeschlagenen Händen.) Greuliche, greuliche Frevel, die bis zum Himmel hinaufstinken, das jüngste Gericht waffnen, daß es reissend daher bricht! Reif zur Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
Moor. Meisterlich gerathen bis hieher! aber zur Sache! Was läßt mir der hochlöbliche Magistrat durch Sie kund machen?
Pater. Was du nie werth bist, zu empfangen — Schau um dich, Mordbrenner! Was nur dein Auge absehen kann, bist du eingeschlossen von unsern Reutern — hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr — so gewiß Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen Pfirsiche tragen, so gewiß werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den Rücken kehren.
Moor. Hörst du's wohl, Schweizer? — Aber nur weiter!
Pater. Höre dann, wie gütig, wie langmüthig das Gericht mit dir Böswicht verfährt. Wirst du itzt gleich zum Kreuz kriechen und um Gnade und Schonung flehen, siehe, so wird dir die Strenge selbst Erbarmen, die Gerechtigkeit eine liebende Mutter seyn — sie drückt das Auge bey der Hälfte deiner Verbrechen zu, und läßt es — denk doch! — und läßt es bey dem Rade bewenden.
Schweizer. Hast du's gehört, Hauptmann? Soll ich hingeh'n, und diesem abgerichteten Schäferhund die Gurgel zusammen schnüren, daß ihm der rothe Saft aus allen Schweislöchern sprudelt? —
Roller. Hauptmann! — Sturm! Wetter und Hölle! — Hauptmann, — wie er die Unterlippe zwischen die Zähne klemmt! soll ich diesen Kerl das oberst zu unterst unter's Firmament wie einen Kegel aufsetzen?
Schweizer. Mir! mir! Laß mich knien, vor dir niederfallen! Mir laß die Wohllust, ihn zu Brey zusammenzureiben!
(Pater schreyt.)
Moor. Weg von ihm! Wag es keiner, ihn anzurühren! — (Zum Pater, indem er seinen Degen zieht!) Sehen Sie, Herr Pater! hier stehen neun-und siebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß keiner auf Wink und Kommando zu fliegen, oder nach Kanonen-Musik zu tanzen, und draussen steh'n siebenzehnhundert unter Mousqueten ergraut — aber hören Sie nun! so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ist's, ich habe den Reichsgrafen erschlagen, die Dominikus-Kirche angezündet und geplündert, hab Feuerbrände in eure bigotte Stadt geworfen, und den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt — aber es ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr gethan. (Er streckt seine rechte Hand aus.) Bemerken Sie die vier kostbaren Ringe, die ich an jedem Finger trage — gehen Sie hin, und richten Sie Punkt für Punkt den Herren des Gerichts über Leben und Tod aus, was Sie sehen und hören werden — diesen Rubin zog ich einem Minister vom Finger, den ich auf der Jagd zu den Füßen seines Fürsten niederwarf. Er hatte sich aus dem Pöbelstaub zu einem ersten Günstling empor geschmeichelt, der Fall seines Nachbars war seiner Hoheit Schemel — Thränen der Waisen huben ihn auf. Diesen Demant zog ich einem Finanzrath ab, der Ehrenstellen und Aemter an die Meistbietenden verkaufte und den traurenden Patrioten von seiner Thüre stieß. — Diesen Achat trag ich einem Pfaffen Ihres Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwürgte, als er auf offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquisition so in Zerfall käme — ich könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen, wenn mich nicht schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen verschwendet habe —
Pater. O Pharao! Pharao!
Moor. Hört ihr's wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollte er Feuer vom Himmel auf die Rotte Korah herunter beten, richtet mit einem Achselzucken, verdammt mit einem christlichen Ach! — Kann der Mensch denn so blind seyn? Er, der die hundert Augen des Argus hat Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind gegen sich selbst seyn? — Da donnern sie Sanftmuth und Duldung aus ihren Wolken, und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch — predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren Thüren hinweg: — stürmen wider den Geiz und haben Peru um gold'ner Spangen willen entvölkert und die Heyden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt — Sie zerbrechen sich die Köpfe, wie es doch möglich gewesen wäre, daß die Natur hätte können einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde den dreyeinigen Gott um zehen Silberlinge verrathen. — O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt eure Rücken mit Riemen, und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleyen demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Thoren doch den Allwissenden nennt, nicht anders, als wie man der Grossen am bittersten spottet, wenn man ihnen schmeichelt, daß sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus erschaffen hat. — Schafft ihn aus meinen Augen.
Pater. Daß ein Bösewicht noch so stolz seyn kann!
Moor. Nicht genug — Itzt will ich stolz reden. Geh hin, und sage dem hochlöblichen Gericht, das über Leben und Tod würfelt — Ich bin kein Dieb, der sich mit Schlaf und Mitternacht verschwört, und auf der Leiter gros und herrisch thut — was ich gethan habe, werd ich ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit seinen erbärmlichen Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren. Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung — Rache ist mein Gewerbe. (Er kehrt ihm den Rücken zu.)
Pater. Du willst also nicht Schonung und Gnade? — Gut, mit dir bin ich fertig. (Wendet sich zu der Bande.) So höret dann ihr, was die Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen thut! — Werdet ihr itzt gleich diesen verurtheilten Missethäter gebunden überliefern, seht, so soll euch die Strafe eurer Greuel bis auf das letzte Andenken erlassen seyn — die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe in ihren Mutterschoos aufnehmen, und jedem unter euch soll der Weg zu einem Ehren-Amt offen steh'n. (mit triumphirendem Lächeln.) Nun, nun? Wie schmeckt das, Euer Majestät? — Frisch also! Bindet ihn, und seyd frey!
Moor. Hört ihr's auch? Hört ihr? Was stutzt ihr? Was steht ihr verlegen da? Sie bietet euch Freyheit, und ihr seyd wirklich schon ihre Gefangene. — Sie schenkt euch das Leben, und das ist keine Prahlerey, denn ihr seyd wahrhaftig gerichtet. — Sie verheißt euch Ehren und Aemter, und was kann euer Loos anders seyn, wenn ihr auch obsiegtet, als Schmach und Fluch und Verfolgung. — Sie kündigt euch Versöhnung vom Himmel an, und ihr seyd wirklich verdammt. Es ist kein Haar an keinem unter euch, das nicht in die Hölle fährt. Ueberlegt ihr noch? Wankt ihr noch? Ist es so schwer zwischen Himmel und Hölle zu wählen? Helfen Sie doch, Herr Pater!
Pater (vor sich.) Ist der Kerl unsinnig? — Sorgt ihr etwa, daß diß eine Falle sey, euch lebendig zu fangen? — Leset selbst, hier ist der General-Pardon unterschrieben. (Er gibt Schweizern ein Papier.) Könnt ihr noch zweifeln?
Moor. Seht doch, seht doch! Was könnt ihr mehr verlangen? — Unterschrieben mit eigener Hand — es ist Gnade über alle Grenzen — oder fürchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort brechen, weil ihr einmal gehört habt, daß man Verräthern nicht Wort hält? — O seyd ausser Furcht! Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn sie es auch dem Satan gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukunft noch Glauben beymessen? Wie würden sie je einen zweyten Gebrauch davon machen können? — Ich wollte darauf schwören, sie meinens aufrichtig. Sie wissen, daß ich es bin, der euch empört und erbittert hat, euch halten sie für unschuldig. Eure Verbrechen legen sie für Jugendfehler, für Uebereilungen aus. Mich allein wollen Sie haben, ich allein verdiene zu büssen. Ist es nicht so, Herr Pater?
Pater. Wie heißt der Teufel, der aus ihm spricht? — Ja freylich, freylich ist es so — der Kerl macht mich wirbeln.
Moor. Wie, noch keine Antwort? denkt ihr wohl gar mit den Waffen noch durchzureissen? Schaut doch um euch, schaut doch um euch! das werdet ihr doch nicht denken, das wäre itzt kindische Zuversicht. — Oder schmeichelt ihr euch wohl gar als Helden zu fallen, weil ihr saht, daß ich mich auf's Getümmel freute? — Oh glaubt das nicht! Ihr seyd nicht Moor. — Ihr seyd heillose Diebe! Elende Werkzeuge meiner grösern Plane, wie der Strick verächtlich in der Hand des Henkers! — Diebe können nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben ist den Dieben Gewinn, dann kommt was schröckliches nach — Diebe haben das Recht, vor dem Tode zu zittern. — Höret, wie ihre Hörner tönen! Sehet, wie drohend ihre Säbel daher blinken! wie? noch unschlüssig? seyd ihr toll? seyd ihr wahnwitzig? — Es ist unverzeihlich! Ich dank euch mein Leben nicht, ich schäme mich eures Opfers!
Pater (äußerst erstaunt.) Ich werde unsinnig, ich laufe davon! Hat man je von so was gehört?
Moor. Oder fürchtet ihr wohl, ich werde mich selbst erstechen, und durch einen Selbstmord den Vertrag zernichten, der nur an dem Lebendigen haftet? Nein, Kinder! das ist eine unnütze Furcht. Hier werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen und diß Fläschgen mit Gift, das mir noch wohlkommen sollte — ich bin so elend, daß ich auch die Herrschaft über mein Leben verloren habe — Was, noch unschlüssig? Oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr mich binden wollt? Seht! hier bind ich meine rechte Hand an diesen Eichenast, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen — Wer ist der erste, der seinen Hauptmann in der Noth verläßt?
Roller (in wilder Bewegung.) Und wann die Hölle uns neunfach umzingelte! (schwenkt seinen Degen.) Wer kein Hund ist, rette den Hauptmann!
Schweizer (Zerreißt den Pardon, und wirft die Stücke dem Pater in's Gesicht.) In unsern Kugeln Pardon! Fort Kanaille! sag dem Senat, der dich gesandt hat, du träfst unter Moor's Bande keinen einzigen Verräther an — Rettet, rettet den Hauptmann!
Alle (lermen.) Rettet, rettet, rettet den Hauptmann!
Moor (sich losreissend, freudig.) Itzt sind wir frey — Kameraden! Ich fühle eine Armee in meiner Faust — Tod oder Freyheit! wenigstens sollen sie keinen lebendig haben!
(Man bläst zum Angriff. Lerm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem Degen.)