Ein Parcerie-Vertrag
Sechstes Kapitel. In Brasilien.
Sechstes Kapitel.
In Brasilien.
Mit dem Supercargo an der Spitze, der außerdem der portugiesischen Sprache mächtig war, hatte sich die Menge dem Zug geöffnet, und die deutschen Auswanderer passirten zunächst eine Art offenen Marktplatzes, unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schätze tropischen Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was für verlangende Blicke warfen die armen seemüden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch und trockenen Erbsen genährt, nach den goldglänzenden Orangen und Ananas und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinüber; aber ihr Führer ließ ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flüchtigen Blick darauf zu werfen. Fort ging es – hindurch, mitten in die Stadt hinein, und eine heiße, vollständig schattenlose Straße entlang, die sich wie endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken Kleidern ermattet niedersanken.
Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen könnten, und mürrisch und verdrießlich fügte er sich endlich der Nothwendigkeit, wenigstens langsamer zu gehen, – von einem Aufenthalt wollte er aber nichts wissen.
Doch auch dieser Weg nahm mit der Straße ein Ende. Gleich draußen, wo wieder freundliche Gärten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger Fruchtbäume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Führer zu zwei allein stehenden, halb verfallenen Häusern, vor denen sie schon von Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden.
»Und was nun? – Hier sollten sie die Nacht zubringen,« sagte ihnen ihr Führer, »da weiter keine Räumlichkeit für sie hergerichtet sei; morgen oder übermorgen würden sie dann spätestens zu dem Ort ihrer Bestimmung abgeführt werden.«
»Wo das sei? – Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?« alle Fragen stürmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln. »Darüber hätte der hiesige Agent zu bestimmen,« wie er sagte, »und er selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie müßten Geduld haben und kämen noch zeitig genug an ihre Arbeit.«
Damit ging er fort und ließ sie allein, um sich dort einzurichten, so gut es eben gehen wollte.
Hatten sie übrigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Früchte einzukaufen, so folgten ihnen die Verkäufer derselben rasch genug hierher, denn die Leute wußten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von Negern und Negerfrauen ordentlich umschwärmt, die ihnen die herrlichen Früchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit blieb nur die, daß sie kein hiesiges Geld besaßen, um dafür zu zahlen.
Die Neger betrachteten kopfschüttelnd die ihnen gebotenen Münzen, und nur für Silber ließen sich Einzelne, die wußten, daß sie es an Bord des Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige andere Früchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen über dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, während sie das Beste, die unreifen Cocosnüsse, mit denen sie ihren Durst hätten löschen können, zurückwiesen, weil sie mit den großen, harten, grünen Kugeln nichts anzufangen wußten.
Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstück daran gewandt hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mußte, da ihm doch die Leute daheim gesagt, daß man sie hier überall im Walde nur auflesen könne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ältesten Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz herzurichten. Er fürchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen.
Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lässig, oder auch zu erschöpft, ließen ihr Eigenthum draußen stehen, und erklärten, die Nacht im Freien schlafen zu wollen, denn in den Häusern sei es doch zu dumpf und schwül.
Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und indessen hatte Niemand nach ihnen hier draußen gesehen oder ihnen zu essen und zu trinken gebracht.
Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie mußten rein vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger.
Eine wahre Unzahl von Mücken gab es ebenfalls, – sie kannten den spanischen Namen »Mosquitos« noch nicht dafür, – die sie mit der Dämmerung umschwärmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen.
Mitternacht mochte vorüber sein, als sich der Himmel plötzlich umzog, und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein Kanonenschlag ähnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die Höhe, – da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte Blätterdach nieder; es regnete nicht, es schüttete im wahren Sinn des Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schläfer stürmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Männer fluchten, die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlärm entstand.
Auch die in den Häusern Befindlichen waren nicht immer besser daran, denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande, nach rechts oder links zu weichen.
Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit Gepäck noch Kindern behelligt war, fiel plötzlich, mitten in den allgemeinen Lärm, wieder in sein altes Lied »Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!« ein, was den Übrigen auch noch die letzte Möglichkeit raubte, an Schlaf zu denken.
So verging ihnen die erste Nacht und der nächste Morgen mit Tagesanbruch aufhörte und die heiße Sonne ihnen verstattete, die über Nacht etwa naßgewordenen Betten und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen.
Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, daß ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag gegeben, ehe er an Bord zurück ging, aber er sei mißverstanden worden. Es würde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen bekommen.
Die Leute beklagten sich allerdings über den schlechten Zustand der Dächer, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei Herren aus dem inneren Land erwartet würden, die Arbeiter »bestellt« hätten. Was die Dächer beträfe, so ließen sich die ja leicht wieder in Stand setzen; es gäbe breite Blätter dort genug, und die Leute hätten ja auch nichts weiter zu thun.
Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in der That regelmäßig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewöhnt waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl wußten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar, Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. Übrigens wurden ihnen einige Fruchtbäume in der Nachbarschaft – die jedenfalls zu den leerstehenden Gebäuden gehörten, angewiesen, wo sie sich unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleißig benutzten. – Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag und Nacht verstrich, ohne daß eine Änderung in ihrer Lage eingetreten wäre. Dabei regnete es fast täglich und oft die ganze Nacht hindurch, und wenn sie sich auch die größte Mühe gaben, die Dächer dicht zu bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollständig.
Ein paar Frauen erkrankten noch außerdem, und ein brasilianischer Arzt kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber trotzdem Medicin, denn er wußte vielleicht schon, welchen Krankheiten frisch eingetroffene Europäer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm die Sache außerordentlich leicht.
Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht, seine ganze Fracht gelöscht und neue Ladung dafür an Bord genommen hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr selten besuchte, mit der Meldung, daß die erwarteten Herren eingetroffen wären und sie wahrscheinlich schon morgen, spätestens übermorgen, ihre Reise in das innere Land antreten könnten. Sie sollten sich auf morgen früh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier herauskommen würden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu sprechen.
Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten wäre, die sie noch immer nicht wieder bekommen hätten, obgleich ihnen das an Bord versprochen wäre.
»Und was wollt Ihr damit?« frug der Supercargo lakonisch, »das sind nur Contracte, durch die I h r Euch Eurem zukünftigen Herrn gegenüber verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld abbezahlt habt, weiter nichts, – sie können E u c h gar Nichts nützen.«
Behrens schüttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles nicht, und gar nichts stimmte außerdem mit Allem, was ihnen Herr Kollboeker – der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm e i n e Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so faßte er sich ein Herz und sagte:
»Ach bitte, lieber Herr; möchten Sie mir wohl über e i n e Sache Auskunft geben?«
»Und die wäre?« frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach Behrens zurückdrehte.
»Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?«
»Nach Blumenau?« sagte der Supercargo erstaunt – »nach welchem Blumenau?«
»Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist – kann man da von hier aus zu Land bequem hinkommen?«
»Ihr seid wohl nicht recht bei Trost,« lachte der Supercargo »– durch d e n Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von hier. Da müßt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist, und das kostet viel Geld.«
»Aber du mein Gott!« rief der arme Mann erschreckt aus, »dann sind ja das l a u t e r Lügen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.«
Der Supercargo hörte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gespräch einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurück. Behrens aber – das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst, die ihn dabei erfaßte, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden Baumstamm, stützte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen Hände und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung, daß sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu ertragen hätten.
Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wäre. Hatte man ihnen denn nicht in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig Arbeiter, und man würde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt lagen sie hier schon elf Tage müßig und verzehrten jedenfalls ihr eigenes Geld, da man ihnen das gewiß anrechnen würde, und kein Mensch hatte sich um sie bekümmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lügen gewesen?
Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die Nacht regnete es wieder tüchtig, aber der nächste Morgen fand sie Alle früh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr nächstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen ihre Kinder mit zum nächsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und zogen ihnen reine Wäsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor – lieber Gott, sie wußten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder ein Werktag sei – und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den Besuch zu empfangen.
Es wurde aber fast elf Uhr, ohne daß sich irgend wer bei ihnen hätte blicken lassen, – die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewöhnlich ihr Frühstück brachten. Da wurde plötzlich Pferdegetrappel laut, und gleich darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, die Straße herab und gerade auf die Hütten zu, und dort sprangen sie aus den Sätteln, überließen die Zügel ihren Dienern und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu, die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Häusern gesammelt hatten, um die Nahenden zu erwarten.
Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um die armen Landsleute gekümmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er geläufig redete, während er auch ganz wie sie gekleidet ging.
Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein Geistlicher aussah, nur daß er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen »guten Morgen« boten, was ein halb freundliches, halb spöttisches Lächeln über seine sonst ziemlich strengen Züge rief.
Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: »Nun will ich Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich aus, daß man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so ein, daß die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr einmal dahin. Wo sind Euere Leute?«
»Die Frau ist nicht ganz wohl, – sie liegt drinnen auf dem Bett.«
»Ist sie krank?«
»Nein, krank gerade nicht, aber –«
»Na, da laßt sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder hinlegen. Wir müssen einmal sehen, wen wir hier haben, man weiß ja sonst gar nicht wer zusammen gehört. So, das ist recht – und die einzelnen jungen Burschen alle hier hinüber. Wer aber bei seiner Familie bleiben will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher für nichts.«
»Alle Wetter,« lachte der eine junge Bursch, »das sieht ja beinahe so aus als ob wir verkauft werden sollten.«
Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurück, die indessen auch etwas näher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern. Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden Sprache, so daß die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte.
Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf dem Plan vor den Häusern, – Familien immer beisammen und nur die Frauen und Mädchen hielten sich noch schüchtern hinter den Männern und wollten nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefühl, hier so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie eigenhändig vor.
»Alle in eine Reihe, Leute, – das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir müssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit zu Ende.«
»Und nun, Senhores,« wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, »bitte ich Sie, Acht zu haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf zusammengehörende Familien zu machen. – Einzelne aus Familien heraus können nicht abgegeben werden, Sie würden auch selber nur Unruhe und Last von ihnen haben, – es müßte denn sein, daß sie sich freiwillig dazu verständen. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie getrennt, so bleibt sie mürrisch und verdrossen und bekommt eine deutsche Krankheit, – das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, daß ich erst die Namen abrufe.«
»Ihr Leute,« wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache an die Auswanderer, »ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er seinen Namen nennen hört, antwortet mir mit lauter Stimme: h i e r ! Habt Ihr mich verstanden? – Gut,« fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewöhnlichen Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Hütte wirklich fieberkrank lagen und nicht herauskommen konnten.
Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: »Die Leute sehen sonst gut aus, aber verwünscht viel Kinder haben sie mitgebracht. Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.«
»Mein lieber Herr,« erwiderte der Angeredete lächelnd, »Sie wissen recht gut, daß das kein Schaden für Sie ist, denn erstlich können sie dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflücken und Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die größeren Unkosten, die Sie für Beköstigung haben, – und die nicht einmal so bedeutend sind – auch die Eltern so viel länger in Ihrem Dienst.«
Der lange Herr nickte leise und wie überlegend mit dem Kopf und schritt langsam weiter.
Der Supercargo indessen betrieb die Sache ziemlich geschäftsmäßig, und schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versäumen. Es war auch schon ziemlich spät und damit heiß geworden, und je eher die Herren in ihre kühlen Häuser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben anstehenden Namen aus, – es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Söhne, ein paar kräftige, feste Burschen, wenn auch jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries, denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen näher, und es konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, daß sie hier ordentlich verauctionirt wurden.
»Hol mich Dieser und Jener,« rief da einer der Burschen wieder, ein etwas wüst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwährend Streit gehabt, »wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.«
Die Übrigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so unheimlicher Gedanke, daß sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden sollten, und daß das in der That der Fall war, darüber konnte keine Täuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? – sich widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal mächtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich hätten verständigen können, gerade zu ihren Gegnern gehörten.
»Oh, du lieber Gott,« seufzte Behrens' Frau, die sich erschöpft auf den Arm ihres Mannes stützte, »wenn wir das in Deutschland gewußt hätten, – lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.«
»Laß gut sein, Mutter,« flüsterte ihr der Mann zu, »wir können nur für das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und dürfen nachher gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker, hier hätte.«
Der Ve r k a u f oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugeströmt waren, und selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wünschten, die sie hier unter so günstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine Verwendung für die Kinder hatte. – Die wurden sämmtlich den Facienderos des Inneren überlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummäkelte, aber zuletzt doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte seinen Vortheil und ließ eben nicht nach.
Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr groß, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht, richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch wohlgethan hätten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der Handel abgeschlossen war, winkte er einen großen, blatternarbigen Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete, und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die Deutschen kehrend: »Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor Almeira, wie er heißt, auf dessen Plantage Ihr jetzt – wahrscheinlich morgen früh – befördert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract nach, zu gehorchen habt.«
»Dem gelben Kerl?« rief die Frau erschreckt.
»Mancal,« sagte der Supercargo, »ist ein braver, ordentlicher Mensch, mit dem sich schon auskommen läßt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hübsch, was er Euch sagt. Je fleißiger Ihr dabei seid, desto früher seid Ihr im Stande den Platz wieder zu verlassen, – wenn er Euch später nicht so gefallen sollte, daß Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr Euren eigenen Contract.«
»Spricht er denn deutsch?« frug die Frau.
»Das nicht,« lachte der Supercargo, »aber das bischen Portugiesisch lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.«
Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief: »Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepäck? Zeigt das doch einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden müssen.«
»Kommen wir denn weit ins Land hinein?«
»Nein, nicht weit, – nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon gefallen.«
Sie zeigten jetzt ihr Gepäck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei großen, riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er kannte die Wege und Beförderungsmittel des Landes und wußte recht gut, daß es unmöglich sein würde, s o l c h e Collis auf Maulthieren über die schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen.
Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick umherwarf und überall ähnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache dadurch, daß er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herüber zu senden, um das Gepäck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so würden sie Alles rasch in Ordnung bekommen.
Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte überhaupt eine entsetzliche Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt helfen; die Sache war abgemacht, – überdies brannte die Sonne und die Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen.
Nur den für die Stadt »gemietheten« Leuten – von denen man aber natürlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschäftigung er verwandt werden wolle – wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie noch heute Abend einziehen sollten. Den übrigen gab man Zeit bis morgen früh.