Ein Parcerie-Vertrag
Fünftes Capitel. Auf See und an Land.
Fünftes Capitel.
Auf See und an Land.
Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thür, der ihre Sachen abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl großer unbehülflicher Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewöhnlich mit in ein fremdes Land schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fuß – Geld wurde ihnen dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem Geschäft kam nur wieder, ließ sich die Rechnung geben, dann begleitete er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der Schelde lag.
Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepäck zurecht zu rücken und sich selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen. Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefühl ihres Elends viele Tage lang.
Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind, fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum. Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage – wie das nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein, und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen, waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten, öden Meer.
In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte sich Keiner um den Anderen bekümmert.
Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands, auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so übermüthig und keck gewesen waren. – Aber lieber Gott, wie traurig und niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit, aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr; ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang, bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.
Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen Kindern – und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.
Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte w o h i n er ging. Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich bis dahin gedacht – aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt sein?
Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte, hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den angegebenen Graden.
Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde, wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.
Und wie es in dem fremden Lande werden würde? – Keiner der Auswanderer hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort und Stelle selber sehen würden.
So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue Himmel selbst die letzten Sorgen fort.
Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand, was die Arbeit g e b e r im Geringsten hätte gegen s i e , die Arbeiter binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben.
Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann hinein – ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser erklärte ihnen – nachdem sie etwa vier Wochen in See waren – daß die Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn, was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde.
Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich, wohl oder übel, damit begnügen.
Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich – endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet.
Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top gesandt wurde: L a n d ! Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur das Geringste entdecken, was i h r e r Vorstellung von Land nur einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da L a n d sein sollte, wußte Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich, nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher hervortraten und höher wurden.
Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles, funkelndes Licht von dort herüberglimmen, – den Leuchtthurm, der ihnen die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten.
Und a l l e Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an der Küste hinzogen, wohnten Menschen, – wohnten wirkliche Brasilianer, zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und das Alles sollten sie jetzt sehen, – in dem Allen sollten sie mitleben, das so ganz Anders wie die Heimath war.
Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal gestalten? – es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von dort drüben entgegenwinkten.
Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.
Und der Morgen kam. – Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen Schimmer – und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind.
Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.
»Was fragen wir nach Gut und Geld!
Wir wandern fröhlich in die Welt.
Brasi–lien ist unsre Seligkeit.
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier.
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«
sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein.
Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne, sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt – ein merkwürdiges Geräusch dröhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette. Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere Fahrzeug herum, und die Reise war beendet.
Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestürzt an, weil sie glaubten, es könne irgend ein Unglück geschehen sein. Aber jeder der Matrosen wußte was er zu thun hatte, und während die Jüngeren an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige mit dem Anker beschäftigt, indeß Andere des Capitäns Jölle in See herabließen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mußte vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange ausblieb.
Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum schoß der Anker in die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstieß, das ihm entgegenruderte.
Über den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, daß man die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier, bis zum Gürtel nackte Neger, die schwarzen Wollköpfe mit kleinen Strohhüten bedeckt, und zogen natürlich die Aufmerksamkeit der Deutschen vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie zu sehen bekamen.
Jetzt legten sie an, – die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei, kletterten die Brasilianer daran in die Höhe.
Das waren wirklich ächte, – wie braun und sonnverbrannt sie aussahen, und was für breiträndige Strohhüte und luftige, dünne, seidene, helle Röcke und weite Hosen sie trugen – und der Eine von ihnen – die Frauen kicherten untereinander – ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte doch ein großes Loch hinten im Strumpf.
Der Capitän verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner Cajüte mitführte, – der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder Supercargo, wie er auch genannt wird, – und dieser unterhielt sich eine Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptsächlich über ihre »lebendige Fracht«, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren Plätzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen über die Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so furchtbare Gesichter, daß sie die Frauen und Kinder fürchten machten. Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheußlichen Häßlichkeit.
Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mußte doch wohl die ihm vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein Glas Wein mit dem Capitän und Supercargo, da der Cajütendiener rasch Flaschen und Gläser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saßen, als ob sie nie ein Wasser getrübt, oder ein Gesicht geschnitten hätten, und fort schoß das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der Capitän in seiner Jölle folgen konnte, wurde es von zwei anderen abgelöst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten.
Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und unter diesen befand sich auch ein Deutscher, – er redete wenigstens den Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrängt um die Fallreepstreppe standen. Sie grüßten nicht einmal etwas, das zum »Zwischendeck« gehörte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck, wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schüttelten. – Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herübergekommen waren um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, – und doch that es den armen Deutschen weh.
Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herüber zu kommen und in gutem Einverständniß mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, und jetzt würdigte sie Keiner dieser Leute, – nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen war, nur eines Grußes oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes, unbehagliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, daß jetzt da oben auf dem Quarterdeck ihr künftiges Schicksal entschieden werden solle.
Hören konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur einmal verstanden sie die lauter als gewöhnlich gesprochenen Worte des Capitäns, daß er »die Passagiere aus dem Wege haben müsse, um zu ihrer Fracht zu kommen. Er könne sie nicht länger an Bord behalten, denn sein Contract wäre erfüllt, und weiter hätte er nichts mit dem Volk zu thun.«
Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten, was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekündigt, ihre Sachen zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren werden sollten.
Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, daß sie erst das enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten könnten, – jetzt war ihnen bänglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres Schicksals rückte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, – hätten noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, – aber es ging eben nicht. Man ließ ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschließen, und indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter ihre Hände kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die Betten wurden zusammengeschnürt, und kaum eine Stunde später lag das obere Deck so gedrängt voll Gepäck, daß man sich kaum dazwischen durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rücksichtslos genug, über Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.
Dann kam eine große Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und in welche die verschiedenen Frachtstücke eben so rücksichtslos hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei über die großen, schweren, unbehülflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurück in welcher sämmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land geschafft wurden.
Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drückte wohl ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitän wie Supercargo kümmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon vorher ans Land gefahren, wobei der Capitän, als er das Schiff verließ, seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurück käme, müsse das Fahrzeug r e i n sein.
Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten; die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in einemfort unverständliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen: Brasilien ist nicht weit von hier! – aber schwieg ordentlich erschreckt, als auch kein Einziger der Übrigen mit einstimmte. Es war ihnen nicht wie Singen zu Muthe.
Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten. Was da für wundervolle Bäume am Ufer standen und wie herrlich das fremde Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter beängstigten sie, schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte, und sich vielleicht über sie lustig machte, – wer konnte es wissen. Und als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gruß entgegengerufen hätte? Ja, um sie her drängten sie, um sie besser betrachten zu können, so dicht, daß sich die Kinder schon fürchteten und zu weinen anfingen; aber Niemand kümmerte sich um sie. Sie wußten nicht einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepäck gebracht – und wie die Sonne dabei auf ihre Köpfe niederbrannte. Wie heiß das hier in dem fremden Lande war.
Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen wolle, und schüttelten nur die Köpfe.
Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glühenden Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlösung wurde.
»Nun, Ihr Leute,« rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die Neugierigen zu ihnen drängte, »weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?«
»Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin,« sagte Behrens, »es hat uns noch kein Mensch ein Wort gesagt.«
»Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie besorgt,« rief der Mann ärgerlich, »und Ihr seid auch so unbeholfen dabei, wie nur möglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.«
Die Deutschen griffen ihr Gepäck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so rasch vor ihnen her, daß sie ihm in der heißen Sonne kaum zu folgen vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten zu können, wo er seine ihm lästige Begleitung los wurde.