Eine dänische Geschichte

Adele Schopenhauer · Kapitel 6 von 8

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Eine dänische Geschichte

Unnamed

Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen, vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das Zimmer. –

Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt! – Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen überdeckt, – den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, – vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter trägt! –

Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.

Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der Geliebten leben sollte, – abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein lang – immer, immer so fort, bis in's Grab! –

Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet! hätte nur eine Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!

Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen, dem, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu mäkeln!« – »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«

 

»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, – denn kein Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz berührt hätte! – Als er fort war, erschien Ulrike wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, – er hielt sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.

Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.

Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und Anmaßung des jungen Mannes. –

Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, – am zweiten Juni legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von welcher sie erst nach vielen Monden genas. – Genas? ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, – von einer Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.

Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.

Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an – und erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, – ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam überwuchs!«

»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, – sie wurde –«

»Wahnsinnig!« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; – ihr nicht mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.

Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr – ach, nur selten gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt – oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister – andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber – es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben mußte. – Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten Posten im Hause bekleidete. – Ach, nur zu bald gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht mehr.«

»Und der Großvater?« fragte Helene.

»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er nie, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte nie dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, – daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange Jahre hindurch schön –«

»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. – Die Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich kann nicht mehr – – Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« – Die Nordermule hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!

Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«

Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten zu beginnen.

Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.

Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.

Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen Sitten-Einfachheit der höhern Stände.

Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.

In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.

Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu statten.

Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. – Während der häufig drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen Personals.

Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein »Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.

Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in Seeland erworben.

 

Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur Seite gestanden.

Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; – auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu denken!

Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter – »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.

Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.

»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«

»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«

»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«

»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes zu machen!«

Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der mißfälligen Vermählung für sie.« – Alslev war traurig geworden, im Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, jede nicht standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen gestellt!

Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück, während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer Mutter Kind; an Reichthum ist ihr ganz und gar nichts gelegen, obschon sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu wollen! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«

Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«

»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in meiner Hand!«

»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und – folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«

»Die Brüder haben recht, Helene!«

»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache) – als nun vor kurzem mein dritter Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er – o da fandet Ihr Alle, daß er recht hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? – Ich habe doch wahrhaftig den Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht gegeben, weil sie ihm den Apfel – –«

»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht heirathen –«

»Und warum?«

»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis dahin –«

Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie einmal hier –«

»Helene!«

Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar nicht – auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«

Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen! Helene! Helene!«

Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.

Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.

Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu regieren, meine Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«

 

Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen verspäteten Gast verkündete.

Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.

Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«

»– Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«

»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« – In diesem Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«

»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren uns!«

»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr dem Vater übergabt!« –

»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen aus Herzensgrund.«

Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen – –«

»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß Alles noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«

»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau –

»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« – »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«

Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »das ist das Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter, »das ist Großvaters Hand,« – »dies Mutters Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! –

»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, – dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« –

»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu lieb zu tragen.« –

»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern – dichter und dichter umdrängten ihn diese. –

»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, viele Meilen umfaßt!«

Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und breit, – wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre mir das Leben! – Bücher fehlen mir sehr! die sind theuer, denn zu Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften – und das ist die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«

»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. – »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne Säen und Pflanzen!«

Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die Natur an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«

»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«

Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung und ging bald über auf's Allgemeine. –

Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich überwältigend. Er stand noch mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle geendet.

Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian VII. durch Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des Augenblicks.

Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms, – seit drei Monaten liegt ein Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, – nun Ehrwürden, ist's nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu uns redet!«

Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen. –

Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene Christian auf sie, – er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, sie wird glücklicher sein!« – Die kleine Nordermule aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und Leiden, – »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!

Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.

Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel: Schach! –

Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche noch die einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.

 

Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! – O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! – Das Bewahren der Körper im Schnee war eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl seiner stündlich Bedürfender litt darunter!

Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen, schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! – Im Gefühl seines guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. – Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.

Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der unglücklichen Königin) – war die einzige, welche außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des »edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.

Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.

Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian VII. fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.

Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.

Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft – Thorald aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!

Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager – Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei schwere Caleschen in den Hof – die Neuvermählten waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis mitzählenden Pseudo-Gräfin, die erste Visite gemacht –

 

Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen auf – sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche Mark ihres Lebens – und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie Christians Titel führe.

 

Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen, russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.

Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!

Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.

Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.

So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! – Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt – verletzen müssen!

O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England, Deutschland – wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben sollen!«

Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.

Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte. Sie schrieb:

»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern die Deinen stärker – dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. – Vergieb den trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind; darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!

Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. – Ich werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«

Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt – aber ach! – Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! – Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« – war er entschlossen zu halten.

»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«

Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis zu erkaufen.

»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. – Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«

 

Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.

Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich verborgen.«

»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt sein –«

»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne die Professur gewährt – sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind noch nicht reif!«

»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene besser! Hier hilft nur die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod abwarten und –«

Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, – »und in zwei Monaten ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. –«

»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie abhängt, oder abhängen wird, denn –«

»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen Friedrich geblieben; aber Graf Joachim –«

»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden Abstammung nie zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner Bedingung es zu thun. – Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach Wallöe!«

»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht! Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste –«

»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«

»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach Frankreich oder England zu fliehen.«

»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«

»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes –«

»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen –«

Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich blieb!

Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! – Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben – später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach Aalholm berufen.

Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all ihrer Träume gewoben – für noch blüthenlosere Tage, voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge aufgebürdet worden.

Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.

Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer Tage – die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. – Sie hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu weilen. –

Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise die Thüre ihres Stübchens – es war Graf Christian, der eintrat.

»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was in Helenens Seele sich zuträgt – ich brauche mich nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen werden – Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner Schwester; – ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen – die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen – auch diesen Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht unbeachtet – und man kann sie doch nicht bewachen lassen.«

Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.

»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen? ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« – Glühendroth wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen – schreien Sie! ich – begreifen Sie denn nicht? – ich werde angezogen in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen Diener befehlen? – Sie werden das sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend hinzu, »oder – hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? – Ist es möglich!« rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«

»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, bleibt auch das Herz jung!«

Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, »vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person« – das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen – »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während sie da saß und weinte – und begab sich, fest entschlossen, Alles zu Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen Thugge.

Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit diesen Worten:

»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«

»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«

»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. – Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? – Ach der Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, – sehen Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden – sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr Alle bewegt! –«

»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? – Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit – wo er allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll, nicht Brüder und Schwestern –«

»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer Krisis, –«

»Abwarten! – Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«

»O wohl und oft!«

»Und – auch von meinem Vater?«

»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«

»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe zu hoffen?« –

»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen nach Island gereis't und –«

»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« – Der gute Pfarrer schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«

Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.

Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.

»Es war im Frühling des Jahrs 1763« – ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an Helenens Ohr – ein Schauer überflog ihre Glieder, sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns herüber kam – hier im Lande mag es wohl schon Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; – über die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag – das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs wegen – war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden sicher war« – der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.

Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide – »ich bin wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn – Thorald hat nicht gewollt! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis erblüht!«

»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. –

Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. – Immer größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach Island zu gehen, um sie zu holen.

Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns besorgt – es hat wohl so kommen sollen, nach des Allmächtigen Willen! – Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen Absicht zu sprechen – plötzlich horcht sie auf! ihr Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach Island?« fragt sie, »wer will nach Island?« – Wir erzählen ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird – aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit – sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes ihres Gesichts – »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.

Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.

»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.

Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! – Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« – »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend – »ja Ulrike, ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«

»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg – da liegt Skalholt, und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur seiner gedacht – immer – nie weiter gedacht – immer nur sein, sein bis zum Tode!«

Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht mehr. – Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«

Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.

»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.

Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.

 

Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.

Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse und Blanda – und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, – mit thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.

Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd übergab.

Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn – als müßte er einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag ihn berührt – dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.

Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung hörte er dem Grafen zu. – »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! – wie dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! –«

Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! – Endlich richtete er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt – ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« – Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre zog er leise hinter sich zu. –

Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.

Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt geblieben, zu willfahren.

Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. – Wenn Ihr einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; – die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«

Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: – das Bild eines zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen Eigensinn!

Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese nie zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! – Er vertröstete sie auf den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle an ihr Vertretenden zu gewinnen.

»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«

»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«

»Zwei, – drei Jahre! Alslev!«

»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben überdauern!«

»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns bringen,« – wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. »Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.