Eine Gemsjagd in Tyrol
6. Die Pirsche.
6.
Die Pirsche.
So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend einer vorspringenden Stelle aus den größten Theil derselben mit dem darin aufgescheuchten Wilde übersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche. Bei dem Treiben ist der Jäger vom Wild abhängig, ob es ihn gerade annehmen will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen »Bogen« nicht zu stören. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hängt dann, allerdings neben vielem Glück, doch auch viel von seiner eigenen Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schuß kommen wird oder nicht. Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in mancher Hinsicht auch gefährlicher, als im Walde unten, denn die alten Gemsböcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wände in den Klammen aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke überschauen können – und dort muß sie der Jäger finden und beschleichen.
Für den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das öftere Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann Ruhe – kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand zurück, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jäger, wenn er selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stück zu sehn bekommt, und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild. Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ängstlicher, als was ihn selber sieht, und einen schärferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein Säugethier weiter auf Erden, möge es, welcher Gattung es wolle angehören.
Beim Pirschen hängt das Meiste davon ab früh aufzubrechen. Die Gemse, ziemlich wie anderes Wild, äst sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend recht lebendig zu werden.
In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei warmer erst mit dem Monat November beginnt, läuft der Bock allerdings den ganzen Tag herum, äst sich dann aber nur sehr wenig und paßt außerordentlich auf.
Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung am besten, g a n z allein zu sein. E i n Mann macht schon überdies beim Anschleichen Geräusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu für den Fall daß etwas erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel. – Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler Gemsjäger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen.
Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und ächten deutschen Indianer, – nur daß sie Schuh und Kleider tragen. Abgehärtet gegen Frost und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mäßig in ihrer Lebensart bis zum Aeußersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben und darin Meister – was um Gottes Willen könnte man von einem wirklichen Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn überhaupt, lichter, als die einiger Stämme der Südsee, und was ihre Sinne betrifft, so haben sie jene Wilden schwerlich schärfer. Nur im Anschleichen könnten sie von ihnen lernen.
Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geräuschlos wie die Nachteule auf ihre Beute stößt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend möglichen Vortheil des Terrains benutzend über den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper – er tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mühe giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natürlich tragen da die schweren, eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu sehn wie so ein Gemsjäger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig über jede Blöße an den Hängen als auch über den Boden schweift die Fährten zu beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Geräusch horcht und wie er, mit einem Worte, so ganz Jäger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in i h r e m Element, steigen dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, über schräg wegsinkende Lannen, über bröckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren gefährlichen Pfad schauend.
Aber jetzt fort, drüben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dämmernden Morgen, und kalt und frostig zieht uns der erste Sonnengruß durch die Glieder. – Sonderbar ist es in der Natur, daß v o r dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch einmal recht kalt, daß vor dem dämmernden Tag die Nacht erst noch einmal r e c h t dunkel wird.
Unseren Pfad können wir jedoch schon erkennen – ein guter Pirschsteig läuft am Hange hin, und gerade mit Büchsenlicht kommen wir dann an die besten Stellen im Revier – z u früh kann man da fast gar nicht aufbrechen.
Mein Begleiter ist diesmal – den ich schon früher erwähnt habe – die Elster unter den Jägern: der große Ragg. – Er spricht allerdings viel – wenn man ihn läßt; aber was sein »Handwerk« angeht, wird er darin vielleicht nur von seinem Vetter übertroffen. Wo übrigens nicht gesprochen werden darf, weiß er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in dem ernsten stillen Wesen der übrigen Bergjäger scheint das bei ihm Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken würde. Die Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflüsterte Wort, scheint den heiligen Frieden dieser Wildniß zu stören.
Und hier ist wirklich noch Wi l d n i ß , denn U r w a l d umgiebt uns in all seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche Baum bricht über seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und gestanden. Wo der Föhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen niedergestreut, liegen sie toll und bunt über einander hin gesäet, und was eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge Bahn.
Aber der umgestürzte Baum hat für uns in diesem Augenblick nur insofern Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter äsende Gemse deckt. – Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht er weiter, wenn er sich überzeugt hat daß kein Wild Ursache des Geräusches war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbärmlichsten Gewissen von der Welt, vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ängstlich nach dem geringsten fremden Ton hinüber horchend, schleichen wir so dahin – langsam mit dem umgedrehten Bergstock nieder fühlend, daß er keinen unzeitigen Lärm mache, sorgfältig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Geröll im Pfad niedersetzend und jeden dürren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend – sind es doch lauter Verräther, und nur zu rasch geneigt ihren alten Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben daß Jemand naht, der da nicht hingehört.
So ein dürrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fuß – der Jäger bleibt erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rühren – aber das Unglück ist schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hört das fatale Geräusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der Verdacht ist einmal gefaßt – vielleicht trägt gerade jetzt auch ein sehr unnützer Windzug die Witterung dort hinüber, und schreckend, mit Tönen die man über eine halbe Stunde weit hört, setzt es den steilen Hang hinab, und macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in d e r Gegend dann weiter gar nicht zu denken.
Aber wir ziehen vorwärts. – Da drüben zeigen sich die nackten Felsen einer weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein. Zwischen dem Geröll wächst spärliches, aber sehr süßes Gras, und ziemlich offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen. Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Böcke, und denen stellt man ja auch vor Allen nach.
Hier ist aber eine Hauptsache der Wi n d . Wenn dieser auf jeder Jagd eine sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf Rücksicht genommen werden muß, da man das Wild m i t dem Wind nun einmal nicht beschleichen k a n n , so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der Fall. Man hat es hier nämlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in ihren Luftströmungen so viele Eigenheiten, daß der mit ihnen nicht betraute Jäger nur wirklich zufällig einmal ein Stück zum Schuß bekommen würde.
Ziemlich regelmäßige Luftströmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde finden fast nie, oder nur höchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der Wind stets n i e d e r ; in der Sonne a u f wärts, und zwar aus sehr natürlichen Gründen: die von der Sonne erwärmte Luft strebt nach oben, die kältere drängt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne über die Berge steigt, und auf den Hängen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, würde man wenig oder gar Nichts zu Schuß bekommen. Man muß sich deshalb tiefer halten, nach aufwärts sehn zu können, und was oben steht, kann man dann auch leicht beschleichen – ist wenigstens sicher daß man den Wind von dort herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rückweg oben hin, und hat denselben Vortheil wie vorher.
Beim Treiben läßt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine kühle schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rücken irgend eines Felsens tritt.
Da es noch früh am Morgen und kühl und frisch war, wo der Wind natürlich scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verließen, sobald es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummföhren überwachsenen Hang hinab.
Wie das so still im Walde war – weit von drüben herüber, von der andern Seite des Rißthales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her – sonst fast kein Laut. – Doch halt ja – dort oben wo jene schmale Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bäume schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern – aber die Jäger hören das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll schlechtes Wetter deuten.
Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ängstlicher im Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren Felsen, die übereinander geschichtet und aus gewaltigen Blöcken bestehend, bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Längst schon haben wir den Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf damit beschäftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fuß geräuschlos setzen kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu werfen. Da plötzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig – wahrhaftig da drin steht irgend ein Stück Wild, was es auch sei – der eine Zweig bewegte sich, als ob irgend etwas Schweres dagegen drückte. Wa s für Wild, war natürlich noch nicht zu erkennen.
Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblöcke, und umgestürzte, halb verdorrte Stämme bildeten ebensoviele Schutzwehren für den anschleichenden Jäger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach besten Kräften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den Knieen gekrochen war einen schräg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich langsam den Kopf und sah hinüber.
»Mord!« war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich plötzlich einem starken Spießhirsch auf kaum vierzig Schritte gegenüber sah, der sich hier so ruhig äste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem nächsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl hätte bös versalzen können. Aber Hirsche wurden natürlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der übrigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche hätte uns die ganze Jagd verderben können.
Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurückkriechend, telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. – Was nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nähe der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd. Es blieb uns nichts anders übrig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer Aufmerksamkeit und zarten Rücksicht für seine Ruhe und ungestörte Mahlzeit die ihn hätte innig rühren müssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wäre uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurück wie wir hinaufgeschlichen, tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen.
Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung überhangen wurde.
Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die untere Schlucht von hier zu übersehen.
Dort stand ein Bock – da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend, das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend, und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört – armer Bock – es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn sie uns gerüstet findet.
Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.
Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt. Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder. Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt, theils achten auch die Thiere auf d i e s Geräusch, das sie in den Bergen gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort.
Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hülfe ihrer zähen Zweige ein Stück hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fuß darauf zu ruhen, kamen wir endlich glücklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder nicht, ließ sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an dem sprudelnden Bach geäst, wo das Geräusch des Wassers schon selber Vieles übertäubt, hatten wir die Hoffnung daß er unsere Niederfahrt nicht gehört, und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwärts.
So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte, so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblöcke lagen überall umher zerstreut, und hie und da schlossen die Wände diese so eng ein, daß sich das Wasser über sie hin den Weg bahnte – und diesem schlüpfrigen Pfad mußten wir folgen. Was that's – wenn nur der Fuß und Bergstock sich da einklammern konnte, die Nässe kümmerte uns Nichts, und mühselig aber doch ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwärts.
»Dort stehn die Espen,« flüsterte mir da mein Begleiter zu; und schon konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bäume, dicht über denen wir den Bock zuletzt gesehn, auf ungefähr zweihundert Schritt Entfernung erkennen.
Wie mir das Herz da an zu klopfen fing – wie der Athem so schwer wurde – aber vorwärts. Jeder Augenblick nutzlosen Säumens konnte uns das Wild verlieren lassen, und der ganze mühselige Weg wäre umsonst gewesen.
Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich darüber zog sich ein kleiner, spärlich mit Laatschen und Erlen bewachsener Hang empor. Dem mußten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb höchstens noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen Minuten war die zurückgelegt. –
Jetzt hatte ich den höchsten Punkt erreicht – ein paar Felsblöcke dicht vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der Bock stehen mußte, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel näher. – Mir war dabei zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnüre; ich konnte keine Luft bekommen und drückte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst wieder ruhig zu werden.
Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrückt, gesticulirte er nämlich mit beiden Armen auf alle mögliche Art und Weise daß ich schießen solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. – Zeit war auch in der That nicht mehr zu verlieren, und die Zähne aufeinander beißend, spannte ich rasch und geräuschlos die Büchse, nahm sie in Anschlag und – da prasselte und polterte es in den Steinen, der Bock ging flüchtig, und wie ich jetzt mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang, sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Körper des Wildes im Laatschendickicht verschwinden.
»Jesus Maria und Joseph!« hörte ich hinter mir die verzweifelte Stimme meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, übersprang ich rasch den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an der Wand, wenn auch flüchtig, erkennen zu können. So rasch vermochte er doch nicht daran hinauf zu laufen, daß ihn die Kugel nicht noch erreicht hätte. Da bröckelte gerad' über mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen scharfen warnenden Pfiff ausstieß. Gerade als er sich wandte, mit einem Satz das schützende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung entzogen hätte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich der Rauch verzog, war er verschwunden.
»Den haben Sie heilig gefehlt!« schrie aber jetzt der herbeispringende Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut führe.
Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte wohl etwas kleinlaut aussehn.
»Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da hinter dem Steine stand? – breit – s o Sie hätten ihn mit einem Stein todtwerfen können.«
»Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort aus nicht sehn.«
»O Jesus, o Jesus!« lamentirte der Jäger und schlenkerte den Kopf herüber und hinüber.
Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm.
»Na ja, da geht er hin – dem thut kein Haar weh!«
»Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschuß sehn? Ich m u ß ihn getroffen haben.«
Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drückte den Hut – den er abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu können – wieder auf den Kopf, warf sich die Büchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf, als ob er hätte sagen wollen: – »Na ja, nachsehn muß ich, das ist meine Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, freß ich mit Haut und Haar.«
»Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?«
Er schüttelte mit der Hand – das gewöhnliche Zeichen für n e i n unter den Jägern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu – »es geht sich hier nicht besonders bequem, und wir müssen doch nachher an die andere Seite der Klamm hinüber.« –
»Es geht sich hier nicht besonders bequem,« – es war eine völlig senkrechte, etwa sieben Fuß hohe Wand, an der er sich nur mit Hülfe einiger kleiner Laatschenbüsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas bequemere Bahn, und während ich ihm von unten zusah, und meine Büchse dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um.
»Ein klein wenig mehr links, Ragg!«
Das fatale Schütteln mit der Hand war die einzige Antwort. G e f e h l t ! es war wirklich zum aus der Haut fahren, und d a m i t die ganze schöne Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu machen. Plötzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf, das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern hätt' ich gerufen »Schweiß?« – aber ich fürchtete das nichtswürdige Handschütteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen verschwunden, und in peinlicher Ungewißheit blieb ich in der Klamm zurück.
Da bröckelte weiter oben ein Stein. – Etwa hundert Schritt höher die Klamm hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog, war ein anderer kahler Vorsprung – dort hing Ragg am oberen Rande und schwenkte den Hut.
»Der Bock?«
»Hier liegt er!«
Wie ich die Wand hinaufgekommen bin weiß ich heute noch nicht, aber oben war ich, und dort lag der Bock – ein prächtiger starker, etwa vierjähriger Bursche, gerade auf's Blatt geschossen – aber o h n e Bart. Die langen Rückenhaare schienen gänzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natürliche Art, denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter früher, in Papier gewickelt in der Tasche – mußte sie indessen ebenfalls wieder herausgeben.
Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn aus. Ragg schnürte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich hinlachend daß wir ihn doch erwischt – denn die Jäger setzen einen Stolz darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schuß zu bringen – kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer Nachbarschlucht hinüberzuhalten, und dort unser Glück noch einmal zu versuchen.
Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzählte eine Jagdanekdote nach der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wäre und das und das erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch vielleicht Gemsen antreffen könnten, beruhigte er sich stets mit einem zuversichtlichen – »ah, hier ist Nichts.«
Die Folge davon war daß uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff, und den Hang hinauffloh. Auf etwa fünf Minuten brachte ihn das zum Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und ließ sich auch nicht wieder irre machen. Einmal über das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit im Steigen – die gewöhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schütz aus dem flachen Lande mit einem Bergjäger zusammengeht, und nur einigermaßen vom Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die größten Elogen was er für ein vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: »na Du solltest einmal mit mir da und dort hin gehn, da würdest Du schön hängen bleiben.« – Es ist das gewissermaßen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit dem sie sich Cigarren und Guldenstücke eintauschen.
Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und ungeschickt gedacht, daß sie schon auf's Aeußerste erstaunt sind wenn sie außer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das geringste Außergewöhnliche vielleicht schon so hoch an.
»Und ich dachte heilig Sie hätten ihn gefehlt,« wiederholte er wieder und wieder. – »Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wär' aber eine Schand gewesen, wenn wir d e n Bock nicht gekriegt hätten.«
Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stören, und rasch und munter, viel zu rasch und munter für einen Pirschgang, schritten wir vorwärts bis zur nächsten Klamm.
Die Sonne war indessen höher gestiegen und warf auf die ziemlich dünn bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch die letzte Stunde höher und höher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drüben hinlief, postirten uns gedeckt an den Rand und äugten mit unseren Gläsern den inneren Theil der Klamm sorgfältig ab.
Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als ich zufällig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein Wink genügte für den Jäger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den weiß gestreiften Kopf nach rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach oben blickte.
Ragg war mit seinem Plan bald fertig.
»Wenn wir Zeit hätten,« sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr sehend, »so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht überredet werden könnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr in der Riß sein wollen, müssen wir früher Anstalt machen. Erst können wir indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder nicht.«
Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene Frühstück hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmäßig als möglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel.