Eine Gemsjagd in Tyrol

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 7 von 16

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Eine Gemsjagd in Tyrol

7. Ragg's Erzählung vom Wilderer.

7.

Ragg's Erzählung vom Wilderer.

»Sehn Sie die Laatsche da drüben?« nahm da Ragg das Gespräch, das aber jetzt mit unterdrückter Stimme geführt wurde, wieder auf – »gleich die da drüben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinläuft, hinüber hängt?«

»Ja, Ragg – aber ich kann da drüben Nichts erkennen.«

»Ist auch j e t z t nichts mehr da zu sehn« sagte er, leise dabei vor sich hin lachend, »fünf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die dort über die steile Wand hinüber hängt, einem Malefizkerl von Wilderer einmal einen großen Gefallen gethan.«

»Einem Wilderer?«

»Ich und der Wastel« erzählte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch dastände, »waren drüben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herüber wechsele, theils auch umzuschauen ob wir keine fremde Fährten finden könnten, denn daß hier Wilddiebe von Baiern herüber kämen hatten wir schon gehört. Den Morgen um neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in dünnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo die oberste Klamm gegen das Joch vorläuft, eine ganz frische Mannsfährte fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein Wilderer sein, und während Einer die Fährte hielt, während der Andere scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten.

»Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort lag wenigstens Schnee genug zum Spüren, der Malefizkerl hatte das aber auch wohl bedacht und war in eine der nächsten Klammen hinein, und Gott weiß wie darin herum gestiegen, so daß wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur verloren, und nun nicht wußten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich aber irgend wo eingedrückt und sah uns anpirschen, so wäre ein Einzelner verloren gewesen; auf zwei schießen die Schufte aber nicht so gleich.«

»Hanthiert nur nicht so mit den Händen, Ragg, Ihr liegt überhaupt zu nah an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, muß er ja die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.«

»Der steht noch baumfest« erwiederte der Jäger, indem er einen Blick hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges wegrutschte.

»Und der Wilddieb?«

»Warten Sie nur – die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn d i e Jäger, so ging's ihm nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?«

»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu – »ich springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn in der Mitte – vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock hinunter!«

»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen. Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg hinauf.

»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf herum – der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen – und mich sehn, aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes »Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir wollten ihn gern lebendig haben, und – wenn's nicht gerade sein m u ß , ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.

»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts und links abführte, leicht überschießen konnten.

»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die Laatschen mit hinein setzte, – »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er nicht über die Lanne springt!« – Aber er kam nicht weiter – ein furchtbar gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf.

»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich schaudernd um. – Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts ließ sich hören.

»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich.

»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel – »ich hab' genug an dem Schuß.«

»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da draußen und ich kroch zum Wastel zurück.

»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm – es war ein gar so fatales Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. Wi r hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen, und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf fremdem Revier zu suchen.«

»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, – der Kolben war abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen – aber wo war der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt – aber kein Blutfleck, auf dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne. Gewißheit m u ß t e n wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber. Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen, woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort waren, da d r a u ß e n über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches g e h a n g e n haben mußte. A u ß e n an der Wand waren die Spuren seiner Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder »verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben gebrochen.«

Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht.

»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?«

Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« – setzte er, leise mit dem Finger dabei drohend hinzu – »wußte er auch wohl w a r u m , und daß wir ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel gewiß gewesen.«

Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt, und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen um sich her, wo alle »Civil-und Militairbehörden umsonst ersucht werden dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, a u ß e r dem Gesetz auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht.

Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als b e d r o h t – es ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben müssen, was kümmert's ihn – auch er hat Weib und Kind daheim, und denen sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.

Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen, so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden, so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und s a n f t e Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen – und in wenigen Jahren wären die Berge leer.

»Und welch ein Unglück wäre d a s ?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben, und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme Vieh und warum soll der Besitzer von w i l d e n Heerden nicht ebenso in seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten, dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.

Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen. Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten, oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann wird aus dem einfachen Räuber auch ein M ö r d e r .

Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.

Aber der Bock?

Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald nach jener Seite.

»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf bringe – der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.«

Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen.

Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt nach der einen Richtung nieder.

Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre.

»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen Stock auf die Steine – der Bock regte sich nicht – »halloh – huh – ah!« – er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.

Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus, als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen k ö n n e . Was kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt. Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben, nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten, aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab, sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige Minuten später im Dickicht verschwunden.

Was ihm Ragg unten nachwünschte weiß ich nicht, aber ich selber hatte jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als möglich die Riß zu erreichen.