Entscheidung aus Liebe
Entscheidung aus Liebe
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Any Cherubim
Ich widme dieses Buch allen Menschen, die sich für die Liebe
entschieden haben.
Kapitel 1
Mama
“Jetzt bin ich allein“. Einsam. Verlassen.
Wie soll ich ohne deinen sanften Blick, deine liebevollen Berührungen, deine sanften Worte, deinen Zuspruch, deine warmen Augen, ohne deine Fürsorge, dein Verständnis weiter machen? Wo bist du jetzt? Ich bin so leer, Mama. In meinem Körper ist nur Schmerz und Verzweiflung. Tränen reichten nicht aus, um den Schmerz erträglicher zu machen.
Mama, lass mich nicht allein! Bitte , bitte …!”
Kate stand vor dem Grab ihrer Mutter. Ihr Körper war steif und schmerzte sie. Das war zumindest das einzige was Kate gerade wahrnehmen konnte. Ihr Blick war starr auf den Sarg gerichtet, der mit Rosen und Lilien geschmückt war. Das waren schon immer die Lieblingsblumen ihrer Mutter gewesen. Oft hatte Mary Blumen gekauft, um das Haus in dem sie wohnten zu schmücken. Und Kate hatte das Aroma von Blumen im Haus immer geliebt. Es gehörte zu ihrer Mutter, wie das lachen in ihrem Gesicht. Kates ausdrucksloses Gesicht war versteinert, blass, genau so fühlte sich auch ihr Körper an. Die Traurigkeit in ihr war so mächtig, das sie nicht anders konnte. Weinen? Kate hatte keine Flüssigkeit mehr, die sie durch ihre Augen raus lassen konnte. Zuviel hatte sie schon in den letzten Nächten vor der Beerdigung aus sich entrinnen lassen. Viele bekannte Gesichter standen um das Begräbnis und auch einige, die Kate nicht kannte, zumindest nicht persönlich. Alle trugen sie schwarz, waren in Trauer.
Den Geistlichen, der für Mary Brown die Gebete sprach, konnte Kate nur durch Watte hören. Zu tief war das Gefühl von Taubheit. Eine warme Hand, die ihr vertraut war, schlossen sich um Kates Finger. Leicht wurde ihre Hand gedrückt, auch das konnte Kate kaum spüren. Sie wusste, dass es ihr Trost zusprechen sollte. Trost, den sie nicht spürte und aber nicht fühlen konnte. Diese Wunde würde an Kate immer bluten und schmerzen.
Langsam senkte sich der Sarg und Kate wachte kurz aus ihrem Schmerz auf. Ihre rechte Hand erhob sich langsam. Zwischen ihren Fingern glitt langsam eine einzelne Rose. Es war das letzte was Kate ihrer Mutter geben konnte. Ihr Mund öffnete sich und sie atmete nur so leicht ein, dass die inneren Schreie stumm blieben. Angst keimte auf, die eine leichte Panik hervorbrachte. Sie spürte kaum ihre Beine. Und bemerkte auch nicht, wie sie langsam in sich hinein brach. Ein kurzer Moment von Schwäche überkam sie. Ihr Blick wankte und ihr Puls verlangsamte sich. Sie fühlte, wie die Kraft sie verließ und sie sich nicht länger auf den Beinen halten konnte. Sie wartete schon auf den harten Boden, auf dem sie gleich fallen würde. Doch das passierte nicht.
Schnell wurde sie gestützt. Kräftige Arme umschlossen ihre Taille und hielten sie. Diese Arme halfen Kate, dass sie sich wieder fangen konnte. Es war ein kurzer Moment von Schwäche, doch jetzt waren ihre Augen wieder klar.
“Alles O.K.?” fragte eine ihr vertraute Stimme, rechts neben ihr. Doch Kate konnte weder aufsehen, noch antworten. Stumm versuchte sie zu nicken und sich darauf zu konzentrieren, dass sie im gleichen Rhythmus atmete. Sie zwang sich stehen zu bleiben. Langsam funktionierte es. Sonst veränderte sich nichts. Die starken Arme blieben an ihrer Taille, verließen sie nicht. Sie hielten sie weiter und verhinderten, dass schlimmste.
Der Schmerz und die innere Leere, die ihre Mutter hinterlassen hatte, spürte Kate auch 2 Tage später noch. Tante Pat versuchte alles, damit sie nicht all zu lange alleine war. Sie hatte es sich zu ihrer Aufgabe gemacht, sich um Kate zu kümmern, seit ihre Mutter im sterben lag.
Sie kümmerte sich rührend um Kate und versuchte ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Doch die Wunde und der Schmerz war einfach noch zu frisch. Pat litt selbst unter den Verlust, ihrer besten Freundin. Tante Pat war im gleichen Alter wie ihre Mutter. Sie waren schon seit vielen Jahren die besten Freundinnen gewesen. Sie waren wie Schwestern. Verbrachten in ihrer Jungend viel Zeit miteinander, teilten alle Träume und fast alle Gedanken. Es gab nichts was sie damals trennte.
Bis Pat eines Tages Phil kennenlernte und ihn heiratete. Als Phil und Pat nach Pleasentview Minnesota zogen, war Mary anfangs etwas einsam gewesen. Sie vermisste sie sehr. Pat hatte sich ihren Lebenstraum erfüllt und in dem kleinen Ort einen Blumenladen aufgemacht. Das war Pats großer Traum gewesen. Sie hatte sich immer gewünscht, dass Mary auch nach Pleasentview zog, damit sie bei ihr sein konnte. Aber Mary war mit Portland verbunden, hatte dort ihre Wurzeln und konnte es nicht verlassen. Aber auch Mary blieb nicht lange allein. Sie lernte Kates Vater Frank kennen und bald heirateten sie. Pat wurde Mutter zweier Jungen. Peter und Jeff. Jeff war nur ein Jahr älter als Kate. Peter, der schon sechs Jahre alt war, war irgendwie der große Bruder von Kate. Zumindest sah sie es schon immer so.
Sie waren glücklich und Mary konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Glück so schnell ein Ende finden würde, als Frank sie verließ. Kate war zwei Jahre alt, als es passierte. Er war einfach so aus ihrem Leben gegangen, ohne das Mary wusste warum. Kate war noch zu jung um zu verstehen, was ihre Mutter zu dieser Zeit durchmachte. Doch schon damals hatte Kate die Traurigkeit und die Verzweiflung in den Augen ihrer Mutter lesen können. Auch wenn sie nicht genau verstand warum. Kate wusste nur, das ihre Mutter nie darüber hinweg kam, das sie verlassen wurden. Die Zeit verging und als Kate älter wurde. Sie kamen ganz gut zurecht. Kate wuchs trotz fehlendem Vater glücklich auf. In den Schulferien besuchten sie oft Tante Pat, und ihre geliebten „große Brüder“. Pat und Phil taten alles, damit Mary und Kate sich wohl fühlten, wenn sie sie besuchten. Vielleicht würden sie sich eines Tages doch noch dafür entscheiden nach Pleasentview zu ziehen. Kate hatte die Zeit, die sie in Pleasentview verbrachte immer genossen.
Wenn Kate in den Ferien bei ihnen war, spielte sie immer mit den beiden Jungs. Sie waren sich schon immer sehr vertraut. Manchmal kam es zu kleinere Zankereien, wenn andere Nachbarkinder mit spielten. Sie konnten den Zusammenhalt zwischen Kate, Jeff und Peter oft nicht verstehen. Vor allem Jeff beschütze Kate. Er war ihr bester Freund. Er verstand sie und sie konnte schon immer mit ihm über alles sprechen. Sie hatte auch keine Geheimnisse vor ihm. Sie waren einfach Freunde,
nichts mussten sie sich beweisen, oder sich rechtfertigen. Sie verstanden sich einfach.
Bei ihm konnte Kate einfach sie selbst sein. Das war schon immer so.
“Du musst etwas essen, Schatz.” sagte Pat sorgenvoll. Kate stand im Türrahmen und beobachtete wie Phil, Jeff und Peter sich Kaffee von Pat einschenken ließ. Sie stellte die Kanne auf den gedeckten Tisch und ging zu Kate. Sie nahm Kates Hände in die ihren. Sie versuchte die Kühle die Kates Finger umgaben warm zu reiben. “Bitte Kate!” sagte Pat nochmals nachdrücklich und sah sie liebevoll dabei an.
Natürlich war es Kate nicht entgangen, das sie gerade das Gesprächsthema war, bevor sie an der Türschwelle stehen blieb. Nun waren sie still und sahen alle besorgt zu ihr herüber. “Mir geht es gut, Tante Pat, aber wenn es dich beruhigt, werde ich eine Schale Müsli essen.”
Es war leicht Pat ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern. Das wusste Kate.
“Und übrigens, ihr braucht nicht so zu tun, als wäre ich nicht da.” sagte sie leicht beleidigt.
Jeff, der mit am Tisch saß rutschte ein Stück von der Bank, und deutete den Platz neben ihm, damit Kate sich setzten konnte. Alle Augen waren auf Kate gerichtet. Sie setzte sich neben Jeff und starrte in die noch leere Schale.
“Tut uns leid, Kate” sagte Phil, aber du weißt, dass wir heute wieder nach Pleasentview zurück müssen und wir machen uns Gedanken, wie es jetzt weiter gehen soll.” Phils väterliche Blick ruhte nun auf Kate.
“Ich weiß es auch nicht. Ich werde mir wohl einen Job suchen.” sagte Kate zögernd und starrte immer noch auf die Schale. Pat setzte sich auf den freien Stuhl neben Kate. “Deswegen haben wir dir einen Vorschlag zu machen” begann sie vorsichtig. Kate war neugierig geworden und sah jetzt fragend Pat an.
“Wie wäre es, … wenn du … zu uns ziehst? Du wärst nicht allein und du hättest deine Familie bei dir. Du weißt wir haben genügend Platz.”
Kate schüttelte den Kopf und blickte nun wieder verloren in die Schüssel. Nein, ich kann Mama nicht verlassen, das Haus, meine Kindheit, mein Leben, dachte sie, sprach es aber nicht laut aus. “Nein, macht euch keine Sorgen um mich, ich werde schon klar kommen. Das ist sehr lieb von euch.” fügte sie noch schnell hinterher.
Peter rührte den Zucker in seinem Kaffee um. ”Überleg mal Kate, du kannst dir auch eine Arbeit in Pleasentview suchen, wärst bei Jeff und mir. Es würde dir sicher helfen.” meinte Peter fürsorglich.
Doch für Kate kam das erst einmal nicht in Frage. Das würde bedeuten, das sie das Haus verkaufen und sich von allem verabschieden müsste. Nein, sie würde hier bleiben. “Ich weiß nicht”, sagte Kate und schüttete sich nun Müsli in ihre Schale.
“Also wir sind uns alle einig. Wir denken es wäre das beste für dich.” sagte Pat.
“Sie wird erst darüber nachdenken müssen, gebt ihr ein wenig Zeit.” mischte sich Jeff plötzlich ein. Dankbar, dass Jeff ihr nun einen gewissen Zeitblock verschafft hatte, sah sie ihn leicht lächelnd an. Er wusste, dass sie so eine Entscheidung nicht sofort treffen konnte. Kate brauchte Zeit. Sie musste heraus finden was sie wollte. Natürlich hatte Jeff recht. Es war noch zu früh solche, Entscheidungen zu fällen.
“Du hast natürlich recht Jeff,“ sagte Pat und strich Kate liebevoll über den Kopf.
“Versprich uns, dass du darüber nachdenken wirst!” verlangte Pat und Kate wusste sie hätte keine andere Wahl. Sie musste ihrer Tante es versprechen, sonst würde Pat keine Ruhe geben. Langsam nickte Kate.
“Ich verspreche es.” Schweigend frühstückten sie weiter. Kate aß ihr Müsli und half später ihrer Tante die Küche aufzuräumen. Dann ging sie ins Badezimmer und ließ sich ein Bad ein. Das würde ihr helfen die Verspannungen in ihrem Körper zu lösen. Pat, Phil und die beiden Söhne unterhielten sich leise. Das konnte Kate hören. Natürlich ging es wieder um sie. Alle waren sich einig, dass es für sie das Beste wäre, wenn sie nach Pleasentview ging. Sie machten sich sorgen, weil Kate nun alleine war. Klar hatte Kate noch Freunde hier, aber Kate gehörte zur Familie und sollte nicht allein hier zurück bleiben.
Sie versuchte die Stimmen und das herrschende Thema aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie schloss die Badezimmertür, zog sich aus und stieg vorsichtig in die Wanne. Ein wohliger Schauer umfasste ihren Körper und sofort begann sie sich zu entspannen. Sie schloss die Augen und sah das Gesicht ihrer Mutter vor sich. Sofort versuchte Kate nicht daran zu denken. Aber es gelang ihr nicht. Natürlich konnte sie keine Pläne machen. Zu frisch war noch ihr verwundetes Herz.
Immer wieder sah sie Bilder der letzten Wochen und Monate vor sich.
Als ihre Mutter krank wurde, beschloss Kate ihren Job aufzugeben, um sich ganz um ihre Mutter zu kümmern. Schnell wurde ihnen klar, dass die Zeit, die sie noch hatten begrenzt war. Das war vor vier Monaten. Es tröstete Kate ein wenig, das ihre Mutter keine Angst vorm sterben hatte. Das einzige was immer wieder Thema zwischen Mutter und Tochter war, wie es für Kate weitergehen sollte, nach ihrem Ableben.
Aber Kate wollte nicht darüber sprechen, oft stritten sie sich deswegen. Mary hatte immer gewollt, das Kate einmal studieren sollte. Was Kate nach der Diagnose erst mal weit von sich weg schob. Es war für Kate unvorstellbar, das ihre Mutter bald nicht mehr da sein würde.
Sie hörte vertraute Schritte auf dem Flur. Es klopfte. “Kate?”
“Ja? antwortete sie. Jeffs Stimme drang sanft und gedämpft zwischen der Tür zu ihr.
”Hast du Lust zum spazieren gehen?”
“Wann?”
“Sobald du aus der Wanne kommst!”
Kate wusste, dass Jeff sie dazu bringen wollte, doch mit ihnen zu kommen. Das hatte er sich schon immer gewünscht. Die Schritte gingen wieder und Kate begann sich zu waschen. Als sie kurze Zeit später im Träger-Top und in dunkler Jeans ins Wohnzimmer kam, wartete Jeff schon auf sie. Ohne ein weiteres Wort gingen sie nach draußen.
Es war mild, obwohl der Himmel leicht bedeckt war. Schweigend liefen sie nebeneinander her. Jeff hatte den Arm um Kate gelegt. Sie schlenderten die Straße entlang, die aus dem Wohnviertel zu einem ruhigeren Pfad führte. Sie hatten beide geschwiegen, doch nun wollte Kate, den Anfang machen. “Ich werde hier bleiben, Jeff! Ich kann nicht mitkommen!” Sie spürte dass Jeff nach den richtigen Worten suchte. “Mach dir keine Sorgen um mich, es geht mir gut, soweit ich das sagen kann. Es ging einfach alles viel zu schnell.” sagte sie. Immer noch hatte er seinen Arm um ihre Schultern gelegt. “Ich fühle mich einfach nicht wohl in meiner Haut, dich in dieser Situation hier allein zu lassen. Ich hab auch darüber nachgedacht, meinen Urlaub etwas zu verlängern, wenn du das willst. Es ist wirklich kein Problem.”
“Jetzt hör schon auf, Jeff, wirklich, das brauchst du nicht auch noch für mich tun. Ihr alle tut schon genug für mich!” Er suchte ihren Blick und sah ihr in ihre grünen Augen. Natürlich würde sie seine Hilfe ablehnen. Doch Jeff hatte es noch nie ertragen, wenn Kate litt. “Trotzdem Danke!” sagte Kate nachdenklich. “Für was?” Sie antwortete nicht sofort.
“Du weißt schon, …” Nachdenklich blickte Jeff zu ihr. Natürlich bin ich für dich da, das weißt du doch.” füllte er ihren Satz. “Aber ich fühle mich auch nicht wohl, dich heute Abend alleine zu lassen, Kate. Du weißt meine Mutter wünscht sich nichts sehnlicheres, als dass du zu uns ziehst.”
“Ja, das weiß ich, aber ich kann das nicht jetzt entscheiden. Es ist alles noch so frisch und ihr müsst mir Zeit geben.“ Außerdem bin ich erwachsen genug, um auf mich selbst aufzupassen!” sagte Kate. Er kniff die Augen zusammen und sah sie nachdenklich an. “Ehrlich Jeff, ich schaffe das.” fügte Kate noch hinzu, damit Jeff nicht merkte, dass sie eigentlich keine Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte und sie ehrlich gesagt sich auch nicht von ihrem zuhause trennen wollte. “Versprich mir, das du darüber nachdenken wirst.” sagte er und sah sie dabei ernst an.
“Ich verspreche es.” Leicht genervt verdrehte Kate ihre Augen. Sie vermied es ihn anzusehen, weil sie befürchtete er würde sie durchschauen. Sie gingen schweigend weiter. Sie schlenderten an den kleinen Teich, der jetzt zu sehen war und setzten sich ans Ufer. Sie wollte nicht dass Jeff wegen ihr blieb. Er hatte sein Leben in Pleasentview, das auch weiter gehen musste. Jetzt warf er kleine Kieselsteine in den Teich.
“Kate, du musst vor mir nicht stark sein, ich weiß wie du dich fühlst.” sagte Jeff und erst jetzt bemerkte sie, das seine Stimme leicht sauer klang. Kate sah ihn etwas länger an und versuchte in seinem Blick zu lesen. Er hatte recht, aber wenn sie wollte, dass sie alle nachhause fahren, musste sie ihm jetzt Beweisen, das sie es schaffen würde, ohne dass es ihr dabei schlecht ging. Sie hatte sich fest vorgenommen stark zu sein. Und das würde sie auch schaffen.
Kate hatte eine schwere Zeit hinter sich, vor allem zum Schluss, als ihre Mutter so große Schmerzen hatte, und sie nicht wusste, außer den Schmerzmitteln, was tun sollte. Und es tat weh, ihre Mutter im Krankenhaus beim sterben zu zusehen. Sie blieb bei ihr Tag und Nacht. Ohnehin hätte Kate nicht nach hause gehen können. Sie wollte ihrer Mutter natürlich nicht alleine lassen.
Sie saßen beide immer noch am Ufer und wussten, dass sie sich nun bald verabschiedeten.
“Ich werde euch anrufen!” sagte Kate, um die entstandene Stille zu brechen. Jeff nickte nur und stand auf. Dann nahm er ihre Hände und zog sie hoch. Er nahm seine beste Freundin in den Arm und schloss die Augen. Tiefes Mitleid empfand er und eine Sorgenfalte machte sich auf seiner Stirn breit. Aber es half alles nichts. Da musste er jetzt wohl durch.
Sein Beschützerinstinkt ließ es eigentlich nicht zu, er wusste, dass es keinen Mann in ihrem Leben gab und so viele Freunde hatte Kate auch nicht. Aber er wusste, dass er ihr helfen wollte. Und das wann immer er konnte. Von weitem sahen sie aus wie ein frisch verliebtes Paar und oft waren sie sich auch ihrer äußerlichen Wirkung auch bewusst. Aber weder Jeff noch Kate hatte es noch nie gestört, was andere von ihnen dachte.
Pat hatte sie beschworen beim Abschied sich es noch mal zu überlegen und verlangte auch täglich mindestens ein Anruf. Sie hatte für Kate vor gekocht und fast alle Hausarbeit im Haus erledigt, damit Kate das nicht auch noch machen musste. “Das arme Ding!” hatte sie oft gedacht. Als der große Abschied endlich vorbei war, atmete Kate erst mal richtig durch.
Kapitel 2
Einsamkeit
Jeden Tag besuchte Kate ihre Mutter. Es tat immer noch weh. Langsam begriff sie, was es bedeutete allein zu sein. In Kates Erinnerungen, war ihre Mutter oft noch so real, das sie sich ein paar mal dabei ertappte, das sie vergessen hatte, das niemand im Haus war.
Einmal, als sie die Haustür aufschloss stoppte sie sich gerade noch, weil sie schon rufen wollte:
“Hi, ... Mom, bin wieder da.” Doch das “Hi” blieb ihr fast im Halse stecken. Sie hatte sich fest vorgenommen, wenigstens den Alltag gut über die Bühne zu bekommen, damit nicht auch noch tagsüber soviel grübelte. Sie ging einkaufen, erledigte Papierkram, kaufte frische Blumen für das Haus. Das hatte ihre Mutter auch immer getan und sie wollte sich ein Stück Normalität bewahren. Mit Jeff telefonierte sie fast täglich. Kurz um, sie kam eigentlich besser klar als sie dachte. Sie fuhr sogar zu ihrem alten Arbeitgeber. Doch leider musste sie feststellen, dass es diese Firma nicht mehr gab. Das Gebäude stand völlig leer. Enttäuschung machte sich breit. Es wäre schön gewesen, ihren alten Job wiederzubekommen. Ab und an stöberte sie in den Zeitungen nach irgendwelchen kleinen Jobs, aber auch da fand sie nichts Passendes. Kate hatte ja keine Ahnung, was genau sie machen wollte, deshalb beschränkte sie sich hauptsächlich auf Gelegenheitsjobs. Aber so einfach war das nicht. Sie suchte hauptsächlich was in einem Floristikgeschäft oder Gartenhandel.
Doch Fehlanzeige!
Solange sie nicht in das Zimmer ihrer Mutter ging, hatte sie alles im Griff.
Ohne es genau zu wissen, wusste sie, dass das noch nicht möglich war. Sie durfte auch nicht daran denken. Das würde noch Zeit brauchen. Wenn Kate daran vorbei lief, schaute sie noch nicht einmal die Zimmertür ihrer Mutter an, da sie genau wusste, wie schwer es noch für war.
Die Tage vergingen und langsam machte sich bei Kate Langeweile breit. Natürlich hatte sie Kontakt mit anderen, aber es waren nur Nachbarn, die sie begrüßten und mitleidig ansahen. Außerdem sprach sie fast jeden Abend mit Jeff und Tante Pat. Täglich kam der Postbote, der ihr die Post brachte. Manchmal hielt er ein kleines Schwätzchen mit ihr. Trotzdem war sie die meiste Zeit allein und genau so fühlte sie sich auch.
Sie ging ans Wohnzimmerfenster und beobachtete die Kinder im gegenüberliegenden Garten, wie sie spielten. Oft hing Kate ihren Erinnerungen nach von früher, als sie noch klein war. Wie ihre Mutter Geburtstagspartys im Garten für sie veranstaltete, oder sie mit Jeff und Peter spielten, wenn sie sie besuchten. Ein tiefer Seufzer durchfuhr sie.
Schluss jetzt damit, es musste endlich etwas passieren. So konnte es nicht weiter gehen. Jeff hatte recht.
“Ich sollte unter Leute gehen oder mich mit irgendetwas beschäftigen,” dachte sie.
Sie duschte sich und überlegte, ob sie die Post die im Wohnzimmer auf einer Anrichte lag nun doch endlich öffnen sollte. Seit Tagen hatte sie die Briefe nur aus dem Briefkasten heraus geholt, aber nicht geöffnet. Die Briefe waren nicht alle an sie adressiert. Den Namen ihrer Mutter wollte sie auch nicht lesen. Und außerdem hatte Kate auch keine Lust mehr, auf irgendwelche Beileidsbekundungen.
Sie verwarf den Gedanken und stellte das Wasser ab, trocknete sich ab und zog ein einfaches T-shirt an. Für den heutigen Abend beschloss sie sich einen Film anzusehen. Hauptsache, sie würde sich ablenken können.
Das Abendessen hatte sie schon wieder ausfallen lassen, wie so oft in den letzten Wochen. Rechts neben dem Fernseher lachten immer noch die Briefe. Sie hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und versuchte sich auf den Film zu konzentrieren. Ihr Blick schweifte immer wieder ab, zu den Briefen. Nachdenklich starrte sie die Briefe an. Der Fernseher trällerte leise, und Kate bekam die Handlung des Films ohne hin nicht mehr mit.
Warum eigentlich würde sie das nicht weiter aufschieben? Was würde es schon ausmachen, noch etwas zu warten? Schließlich waren alle Rechnungen beglichen und es standen auch keine mehr aus. Auf den meisten Briefen stand der Name ihrer Mutter von handgeschrieben. Mary hatte einige Brieffreundschaften. Noch konnte Kate es nicht ertragen persönliche Dinge von ihrer Mutter zu nehmen. Aber ihr inneres Gefühl sagte ihr, das es endlich Zeit wurde. Mit einem schummrigen Gefühl im Bauch, stand Kate vom Sofa auf und ging zur Anrichte. Die Post lag noch genauso achtlos da, wie sie sie täglich hingelegt hatte. Misstrauisch betrachtete sie die viereckigen Umschläge. Es waren ungefähr 12 Briefe, vielleicht auch etwas Werbung. Dann nahm sie den ganzen Stapel und setzte sich wieder auf das Sofa.
Zuerst ging sie alle Umschläge nacheinander nochmals durch, dabei zählte sie alle. Sie hatte gut geschätzt. Es waren 13. Vier davon Werbung, sieben weitere Beileidskarten und zwei waren von Monika Hill, eine Bekannte von ihrer Mutter und Irene Baker eine ehemalige Schulfreundin.
Was wenn Monika und Irene nichts von Mamas Tod wussten? dachte sie. Was wenn die Briefe so geschrieben waren, als würde ihre Mutter noch leben? Innerliche Unruhe machte sich breit. Kate konnte den Gedanken nicht ertragen.
“So ein Mist!” fluchte sie laut. Sie verkrampfte sich und wünschte sich nun das dritte Mal, seit dem sie allein war, das jetzt Jeff da sein würde. Er hätte ihr geholfen und es wäre leichter, die Briefe zu öffnen. Mutig nahm sie den Brief von Irene Baker und öffnete ihn.
Meine liebe Mary,
Danke, für deinen lieben Brief. Ich hoffe es geht dir wieder besser. Du hast dich in deinem Brief leicht beunruhigt angehört. Wie geht es Kate? Meine Güte, ist das ein hübsches Mädchen! Übrigens die Fotos, die du mir geschickt hast, haben einen Platz in meinem Wohnzimmer gefunden. Du bist bestimmt stolz auf deine Tochter. Sie sieht dir sehr ähnlich. Das letzte mal, als ich sie gesehen habe, war sie noch ein Kind. Da sieht man wie die Zeit vergeht, an unseren Kindern!
Schreibe mir bald wieder, ich freue mich!
Liebe Grüße auch an deine Tochter Kate
Deine Irene Baker
Kates Hände hatten zu zittern angefangen, als sie begann zu lesen. Sie spürte die Wunde in ihrem Herzen, als würde sie wieder neu anfangen zu bluten. Der Stich in ihrem Magen rührte von einem Dolch, der dafür sorgte, dass es für sie schwierig war, normal Luft zu holen. Kate hatte gewusst, warum sie es vermieden hatte. die persönlichen Briefe ihrer Mutter zu öffnen. Monika Baker wusste nicht, dass Mary gestorben war. Sie plant sogar sie zu besuchen. Kate hielt sich ihren Bauch vor Schmerzen und konnte die heißen Tränen nicht mehr zurück halten. Sie weinte bitterlich. Das Schluchzen, das man laut und deutlich hören konnte, hörte gar nicht mehr auf. Dicke Tränen liefen über ihre Wangen. Ihre Augen hatte sie fest zusammen gepresst. Um den Brief nicht weiter sehen zu müssen. Ihre Hände zu Fäusten geballt, schlug sie immer wieder auf das Sofa ein. Verdammt! Mama, du fehlst mir so sehr. Plötzlich hatte sie nur noch einen Gedanken. Seit Wochen hatte Kate es gemieden, in das Schlafzimmer ihrer Mutter zugehen. Aber jetzt hielt sie es vor Einsamkeit und Sehnsucht, keine Sekunde mehr aus. Hastig stand sie auf und rannte in den Flur zur Tür ihrer Mutter. Dort blieb sie atemlos ein paar Sekunden stehen. Sie hatte ihre Augen geschlossen und öffnete langsam die Tür. Wie in Trance betrat sie das Zimmer. Kate roch noch den Liliengeruch, den ihre Mutter immer im Schlafzimmer hatte. Sie versuchte das Aroma ihrer Mutter ein letztes Mal zu schmecken. Aber dazu musste sie sich sehr konzentrieren. Ganz schwach vernahm sie den vertrauten Geruch noch einmal auf. Im Kleiderschrank waren noch alle Kleidungsstücke, die ihre Mutter immer an hatte. Sie schaltete das Licht an und öffnete den Schrank. Viele Sachen lösten in Kate die Erinnerungen wach. Das geblümte Sommerkleid von letztem Sommer, als ihre Mutter noch gesund war. Die rote Wollstrickjacke vom Herbst, die sie oft sich überzog, wenn es Mary fröstelte. Langsam strich Kate mit ihren Fingern über die rote Wolle. Sie zog die Jacke vom Kleiderbügel und legte ihr Gesicht hinein. Dann atmete sie tief den Geruch ein und kauerte sich dann auf das Bett. Noch immer war ihr Gesicht gerötet vom weinen und der übermächtigen Trauer, die sie jetzt wieder spürte. Die Trauer die beim lesen, des Briefes, aufkeimte, war so mächtig, als wäre es erst gestern gewesen.
Sie wusste nicht, wie lange sie da lag. Alle Gefühle hatte sie unbewusst unterdrückt. Sie wollte sich selbst keine Schwäche eingestehen. Strikt hatte Kate versucht so wenig, wie möglich an die Erinnerungen zu denken. Wenn sie es in einem Moment nicht schaffte Szenen aus dem Leben mit ihrer Mutter zu verdrängen, versuchte sie sich dazu zu zwingen.
Alles war ihr in dem Augenblick recht, nur nicht diese Wunde ausbluten lassen.
Sie hatte eigentlich in den letzten Wochen an gar nichts mehr gedacht und erst recht nicht, an Dinge die sie an ihre Mutter erinnnerten. Sie hatte die letzten Wochen so sehr versucht, ihr Leben allein zu meistern, das sie ihre Trauer nicht mehr gespürt hat. Damit hatte sie alles verdrängt, damit dieser Schmerz in der linken Brust endlich aufhörte. Es tat so entsetzlich weh, das es ihr schier die Luft zum atmen nahm. Alles andere war besser, nur nichts fühlen müssen.
Irene Baker hat das alles wieder hoch gespült. Es waren die alltäglichen Sätze, so unbefangen und unbeschwert. Für Kate entstand der Eindruck, dass ihre Mutter gleich zu Türe hereinkam mit einem frischen Blumenstrauß, den sie gerade auf dem Wochenmarkt gekauft hatte.
Kate lag die ganze Nacht in dem Bett ihrer Mutter. Dicht an ihrem Gesicht hatte sie die rote Strickjacke gedrückt. So hatte sie die ganze Nacht zugebracht. Mit dem Geruch ihrer Mutter hatte sie sich trösten können, irgendwann in der Nacht. Kate schlief traumlos und ruhig ein, irgendwann. Jetzt, als es langsam hell wurde, wachte sie auf, weil das Licht immer noch im Zimmer brannte. Ohne die Jacke von ihrem Gesicht zu nehmen, schaltete sie das Licht aus und legte sich wieder hin. Sie deckte sich zu und kuschelte sich wie ein kleines Kind wieder in die Jacke. Wie eine warme Umarmung ihrer Mutter fühlte es sich an. Sie genoss jeden einzelnen Atemzug und schlief wieder ein. Erst gegen Mittag wachte Kate wieder auf. Schnell waren alle Erinnerung da. Doch irgendetwas hatte sich seit dieser Nacht verändert. Sie fühlte sich seltsam. Irgendwie lebendiger, freier und gelöster. Die Wunde meldete sich zwar, aber jetzt war es erträglicher.
Langsam stand sie auf. Sie duschte ausgiebig. Und sie zog die Strickjacke ihrer Mutter an. Kate hatte das Gefühl, die Jacke könnte verhindern, dass der Schmerz wieder so unerträglich werden würde. Sie brauchte die rote Strickjacke, sie half ihr. Sie frühstückte und begann zu überlegen. So wie es jetzt war konnte es auf keinen Fall weitergehen. Sie hatte nur dieses Leben und irgendetwas musste sie damit anfangen. Sie war einsam. Jeff fehlte ihr, Tante Pat, die immer wie eine Mutter zu ihr war. Peter, der immer gute Ideen hatte und Onkel Phil. Und hier in Portland, was oder wenn hatte sie da, außer das Grab ihrer Mutter und ein wenig Geld, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte?
Langsam beschlich sie der Gedanke, dass es doch eine gute Idee wäre, nach Pleasentview zu gehen.
Sie kannte das kleine Städtchen, kannte einige Leute und das wichtigste, die Menschen, die sie noch hatte, lebten dort, und würden sie mit offenen Armen empfangen. Wer weiß, vielleicht war es eine Chance.
Eilig schritt sie zum Telefon.
Kate hatte jetzt einiges zu erledigen, denn sie würde eine längere Reise machen.
Tante Pat, Phil, Jeff und Peter würden Augen machen, wenn sie einfach vor ihrer Tür stehen würde.
Seit Monaten hatte sie nicht mehr diese Aufregung und Nervosität gespürt, die sie jetzt nicht mehr unterdrücken konnte. Mit einer großen Reisetasche ging sie eilig in ihr Zimmer und packte alles Wichtige ein, was sie brauchte.
Noch heute Abend konnte sie ihre Tante in den Arm nehmen und sich von Jeff trösten lassen. Sie alle hatten ihr so sehr gefehlt, dass sie es kaum erwarten konnte.
In weniger als eine Stunde war alles gepackt, wichtigen Dinge erledigt und Kate spürte das Reisefieber, das sich jetzt langsam in ihr breit machte. Seit letzter Nacht, hatte sich so viel verändert für sie. Jetzt war Kate neugierig, was das Leben für sie bereit halten würde.
Kapitel 3
Ein neuer Anfang
Als sie in Pleasentview ankam, war der Himmel wie immer bedeckt. Aber zumindest regnete es nicht. Sie war schon lange nicht mehr in diesem Städtchen gewesen. Die meisten Bewohner von Pleasentview waren recht freundlich. Eigentlich kannte hier jeder jeden. Kate hatte ganz vergessen wie schön es eigentlich hier war. Kurz überlegte sie, wie lange sie schon nicht mehr hier gewesen war. Es mussten ungefähr 6-7 Jahre her sein. In den letzten Jahren war es immer Tante Pat gewesen, die mit Onkel Phil und den Jungs, Mary und Kate besucht hatten. Peter und Jeff waren ja nicht jedes Mal dabei. Sie waren erwachsen und hatten, wie fast jeder andere auch ihre Jobs. Jeff war der einzige, den Kate regelmäßig sah. Klar, Peter hatte im laufe der Zeit auch andere Interessen entwickelt und war zu einem erwachsenen Mann geworden. Er lebte sein Leben selbstständig und würde irgendwann das kleine Nest Pleanstview bestimmt verlassen. Er liebte seine Karriere, für die er fast alles tun würde. Jeff war anders, er liebte das Leben, dass er hatte und war sonst auch sehr zufrieden.
Er liebte die einfachen Dinge des Lebens und hatte sich nie darüber beklagt, geschweige sich nach etwas anderem gesehnt. Die Freundschaft, die er mit Kate hatte, war etwas Besonderes. Kate hatte schon immer einen besonderen Platz in seinem Herzen gehabt. Peter war deshalb eifersüchtig gewesen. Er hatte das schon immer respektiert. Als Jeff und Kate Teenager waren, hofften natürlich beide Mütter, das sich daraus einmal mehr entwickeln würde, doch so weit war es nie zwischen Kate und Jeff hinaus gewachsen. Für Kate stand immer die Freundschaft im Vordergrund. Sie fühlte sich in seiner Nähe einfach wohl. Sie brauchte ihm nie etwas vor machen, sie konnte ganz sie selbst sein. Sie konnte ihm alle ihre Geheimnisse anvertrauen, und das tat sie auch. Sie verstanden sich einfach ausgezeichnet. Kate liebte Jeff, wie einen Bruder. Ihre Gefühle im gegenüber waren geschwisterlicher Natur. Auch wenn sie beide wussten, das sich ihre Mütter etwas anderes für sie beide gewünscht hatten.
Sie stieg in das nächste Taxi ein, gab dem Fahrer die Adresse an und spürte, wie ihre Ungeduld langsam wuchs. Es fing schon an zu dämmern, als der Taxifahrer ihr Gepäck verstaut hatte und endlich los fuhr.
Alles war Kate so vertraut. Nicht wirklich viele Dinge hatten sich geändert. Natürlich gab es im Vergleich zu früher mehr Häuser und Gebäuden. Und es fuhren mehr Autos auf den Straßen. Offenbar ist es den Bewohner der Stadt in letzten Jahren nicht schlecht ergangen. Viele Gebäude kannte Kate noch, aber es waren auch einige neue und auch modernere dazu gekommen. Insgesamt war das kleine Örtchen Pleasantview nun zu einer richtigen Stadt gewachsen. Sie wusste, dass das Taxi bald aus der Innenstadt heraus fahren und in eine ruhigere Gegend fahren würde und ihre Freude stieg, als keine zehn Minuten später das Taxi vor Tante Pat`s Haus hielt.
Sie bezahlte den Taxifahrer großzügig und als er Gas gab und davon fuhr, stand Kate einige Augenblicke vor dem Haus. Hier hatte sich gar nichts verändert. Alles war noch so, wie es Kate in ihrem Kopf abgespeichert hatte. Das Haus war viel größer, wie sie es in Erinnerung hatte. Der kleine Garten, in dem die große Eiche stand, die Kindheitserinnerungen wach riefen. Onkel Phil hatte, als sie noch Klein war, eine Schaukel für sie daran befestigt. Dann musste er sie immer wieder anschubsen. Stunden lang! Die vielen Fenster waren wie immer geputzt und sauber. Alles wirkte ein wenig verschlafen. Kate hatte sich immer in diesem Haus zuhause gefühlt. Als Blumenladenbesitzerin hatte Tante Pat aus ihrem Vorgarten ein kleines Paradies gezaubert. Wo man hin sah waren Rosensträucher angepflanzt. Alle Knospen waren noch geschlossen. Aber das dauerte nicht mehr lange, bis sie ihre inneres nach außen kehren würden, um sich in voller Pracht und Schönheit zu präsentieren.
Kate atmete einmal tief durch und ging die fünf Stufen zur Veranda hoch. Die Hollywoodschaukel auf der sie oft mit Jeff gesessen hatte, hatte zwar ein anderes Stoffmuster, aber man konnte noch deutlich erkennen, dass es immer noch das gleiche Grundgestell war. Sie klingelte und wartete. Aber nichts rührte sich. Wo sind den alle? Sie klingelte noch mal. Jetzt, endlich konnte sie schritte hören.
Sie atmete tief durch. Dann öffnete sich die Tür. “Hi, Onkel Phil!” rief Kate fröhlich und stürmte ihm in die Arme. Der Arme war so überrumpelt, das er erst ein paar Sekunden später erkannte, wer ihm in die Arme sprang.
“Mein Mädchen, du bist endlich gekommen!” Er drückte sie fest an sich und die Freude stand ihm ins Gesicht geschrieben. “Lass dich ansehen, geht es dir gut?” Er hielt Kate an den Schultern fest und sah forschend in ihr Gesicht.
“Ja, jetzt geht es mir gut.” Kate schenkte ihm ein strahlendes lächeln.
“Na, komm schon! Deine Tante wird Augen machen, dich hier zu sehen!” Er nahm Kates Reisetasche in die eine Hand und in die andere Hand führte er Kate ins Haus.
“Wir sind alle auf der Terrasse!” Kate ging durch die große Diele, direkt ins Wohnzimmer. Die Terrassentür stand offen und sie vernahm die fröhlichen Stimmen von Tante Pat, Peter und Jeff. Aber auch noch ein fremdes weibliches Lachen, das sie nicht kannte. Kate blieb einen Moment stehen und beobachtete alle durch das große Panoramafenster. Sie waren gerade beim Abendessen. Alle saßen sie zusammen am Tisch, wie früher. “Wer ist es den, Phil?” rief Pat ihrem Mann entgegen. “Das wirst du nicht glauben, wer gekommen ist!” sagte Phil fröhlich und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Mit leichtem Herzklopfen trat Kate an die Schwelle der Terrassentür. Und alle Köpfe drehten sich zu Kate.
“Kate!” riefen Pat und Jeff gleichzeitig. Pat lief sofort zu Kate und riss sie in ihre Arme. Auch Jeff und Peter kamen. “Mein Kind, Gott sei dank, wir haben uns schon Sorgen gemacht, weil wir dich in den letzten zwei Tagen nicht erreicht haben.” Pat nahm Kates Gesicht in ihre Hände.
“Geht es dir gut? Alles in Ordnung?” fragte Pat. “Ja, mir geht es gut, Tante!”
Jeff und Peter nahmen sie in die Arme, nachdem Pat sie endlich frei lies.
“Wie schön, ich freue mich, dass du da bist. Warum hast du nicht angerufen, wir hätten dich auch abgeholt.” sagte Peter. “Ich wollte euch überraschen!”
“Na die Überraschung ist dir gelungen!” sagte Jeff. Alle Augen waren nun auf Kate gerichtet.
Eine leichte röte stieg Kate in die Wangen. Als sie es bemerkte, senkte verlegen sie ihren Blick.
“Oh, Kate, darf ich dir meine Freundin Tanja vorstellen?” Kate sah nun auf die Frau, die neben Peter stand. Sie hatte blonde Haare, die ihr bis zur Schulter gingen. Sie war schlank und modisch gekleidet. Tanja hatte ein hübsches Gesicht und Kate konnte das Leuchten in Peters Augen sehen, als er sie ansah. Tanja lächelte Kate freundlich an. “Tanja, das ist meine Fast-Schwester Kate, von der ich dir schon erzählt habe.“ Tanja streckte ihre Hand nach Kate aus. “Hallo, ich bin Tanja. Peter hat mir wirklich viel über dich erzählt, aber nicht wie hübsch du bist,“ sagte Tanja sie. Kate ergriff ihre Hand und sofort spürte sie wieder die Röte, die ihr wieder in die Wangen lief. Es war Kate schon fast unangenehm solche Komplimente zu bekommen. Wieder vergingen einige Sekunden voller schweigen.
“Hast du Hunger? Wir haben gerade gegessen. Ach, was rede ich da, natürlich hast du Hunger”, unterbrach Pat das Schweigen. Sofort ging Pat in die Küche.
“Ja, ein kleiner Imbiss kann nicht schaden!” Sie setzte sich zu Jeff, der ihr den Stuhl zurecht rückte. Er lächelte sie an. “Wasser oder Wein?” fragte er und sah sie lächelnd an.
“Wasser bitte!” antwortete sie etwas verlegen. Als er ihr eingeschenkt hatte, spürte Kate das erste Mal seit ihrer Reise, wie durstig sie gewesen war. Mit einem Zug trank sie das Glas leer. Dann brachte Pat ihr ein Teller und auch erst jetzt bemerkte Kate ihren Appetit.
Alle unterhielten sich angeregt miteinander während Kate aß. Sie belästigten Kate nicht mit Fragen, die ihre Zukunft betraf und darüber war Kate sehr froh. Peter erzählte von seiner Arbeit und über den letzten Ausflug, den er mit Tanja gemacht hatte. Die Stimmung war fröhlich und leicht. Immer wieder trafen Kate die Blicke von Pat, die ihr liebevoll zu zwinkerte. Nur Jeff sagte kein Wort. Er sah schweigend Kate an. Als Kate seinen Blick erwiderte, lächelte sie. “Jeff, kannst du Kates Gepäck in das Gästezimmer bringen?” fragte seine Mutter, “sie wird müde sein. Sie hat leichte Schatten unter den Augen!” „Natürlich!“ erwiderte Jeff, stand auf und berührte kurz Kates Arm. Jetzt konnte Kate die Ungeduld ihrer Tante spüren. Sie hat bestimmt 100 Fragen, dachte Kate. Aber das musste jetzt warten. Sie wollte ihre Entscheidung, die sie getroffen hatte, nicht an diesem Abend mitteilen.
Später am Abend, als Kate schon im Gästezimmer war, um sich für die Nacht zu richten. Klopfte Pat an der Tür. “Kann ich rein kommen?”
“Klar!” Kate hatte die wenigen Dinge, die sie mitgenommen hatte, schon im Schrank verstaut. Nur die rote Strickjacke lag auf Kates Bett. Pat setzte sich auf die Bettkante, und deutete Kate es ihr gleich zu tun. Dann nahm sie, wie so oft schon, Kates Hände in die ihren und lächelte sie mütterlich an.
“Wie lange wirst du bleiben, Kate ?” Jetzt sah Kate ihr in die fragenden Augen.
“Ich weiß nicht! Ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten in Portland. Das Haus war so leer und überall war … sie.“ gestand Kate. Dann schwieg sie kurz und sprach dann betroffen weiter. „Ich glaube, dass ich es hier versuchen möchte. Ich weiß nur nicht, was ich genau tun soll. Ich dachte, dass ich noch ein paar Tage warte, um mir dann eine Arbeit suche.“ Sie war erleichtert und froh, das sie nun endlich mit jemandem sprechen konnte. Sie atmete langsam tief ein und aus. Dann blickte sie wieder in die Augen ihrer Tante und sagte:
” Ja, ….. Ich würde … gerne hier bleiben, bei euch.” Jetzt strahlte Pat über ihr Gesicht und man konnte deutlich ihre Falten sehen, die in den letzten Jahren immer tiefer wurden. “Ich wollte nichts anderes von dir hören, mein Schatz. Du weißt wir freuen uns sehr wenn, du bei uns bist. Was hältst du davon, wenn du mir in meinem Blumenladen hilfst? Wir haben zwar nicht besonderes viele Kunden, aber manchmal kommen doch Aufträge für Hochzeiten und Jubilare mit Aufträgen rein. Und da könnte ich schon Hilfe gebrauchen. Ich wollte sowieso eine Kraft einstellen, die mir zur Hand geht. Und … ich werde auch nicht jünger.” Pat streckte ihr Kreuz durch und hob sich an den Lenden, die ihr Schmerzen bereiteten.
“Was hältst du davon?”
Kates Augen leuchteten vor Freude und sie nahm sofort ihre Tante in die Arme.
“Danke, Tante Pat, das würde ich sehr gerne machen, du weißt ja, wie sehr ich deinen Laden liebe.”
Sie lachten sich beide an.
Für Kate hatten sich in Nullkommanichts ein paar Probleme, die sie noch vor ein paar Stunden hatte, in Luft aufgelöst. “Dann ist das alles also beschlossene Sache?” wollte Pat sich noch mal vergewissern.