Eros und die Evangelien

Waldemar Bonsels · Kapitel 1 von 2 · Teil 2/3

PDF-Seiten

Eros und die Evangelien

Der Tod

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Liebst du das Leben nicht, Asja?«

»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«

»Wie meinst du das?«

»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald empfinden, wie gut und groß du bist.«

»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das Leben liebst, Asja.«

»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.«

Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch bisher, ihr und ich!

Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.

»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«

»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«

»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich sein kannst.«

»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht.

So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:

»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen.

In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:

»Nein, Asja!«

Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches Tun.

 

Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet, und manche Herzen suchen es.

So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.

Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben.

Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.

»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.

Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. —

So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren Liebesgruß.

»Asja, glaubst du an Gott?«

»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.

»Antworte mir!«

»O Freund, ich kann nicht sprechen.«

»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.«

»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!«

»Du bist es. Sieh mich an.«

»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns erwählt.«

»O Asja, du machst das Herz froh.«

»Ich tue nichts.«

»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«

»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die Quelle.«

»Der Vater, Asja?«

»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«

»Was nennst du Gehorsam?«

»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen Gehorsam.«

»Und alle Gesetze, die Kirche?«

»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«

»Oh, sprich weiter, Asja.«

»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«

»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«

Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde.

 

Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name.

Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.

»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.

Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:

»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«

»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«

»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«

»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«

Ich schwieg.

»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an der Wand an.

»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.«

»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«

»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete auf ihre Frage.

Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:

»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war doch ihr Name?«

»Asja.«

»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«

»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«

»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf, wenn Ihr Schritt klingt.«

Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden schon verstehen.«

Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer Käfige.

Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.

»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«

Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. —

Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf den schrägen Dächern draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien sonderbar leer. Ich war darin nun längst ein vertrauter Gast, und auch die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfürchtiger Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zögernd und ablenkend, als gäben wir uns Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen Welt lebte als sie selbst, und so wenig sie früher besondere Teilnahme gezeigt hatte, so gleichmütig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, in der sie früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, wohl auch ein wenig stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten Münze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes, als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem bedürftigen Wandel standen.

Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert und sorgenvoll, wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu verwenden wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles Genüge an meinem Leben und Denken empfand; mächtiger als je drängte alles in mir zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner Stirn fühlte. Es war ein erstes Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer Frühlingswiese, dessen Glut nur die Überreste des verflossenen Jahrs verzehrt, aber keinen Keim des Bodens fördert.

Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz aufs Feuer und sah kniend zu Asja hinüber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade ausgestreckt auf dem Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres Körpers erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht mit dem überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde, merkwürdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum, die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken des Zeigers an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann.

Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett und ließ mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein Stück Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestürzung voll Rührung kam, und sah das Brot an, als verklagte es mich.

Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt durch die gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der Schlafenden, und je andächtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrünstiger begannen dies Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trösteten mich.

Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, dachte ich, denn es ist meiner Rührung eine Gewißheit zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du bist das ewige Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen Ausmaße der Seele und des Geistes, du erhältst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln, du befriedigst, ohne daß Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du forderst keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines Gebens wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst Christus dich und dein Wesen mit dem seinen verglich, daß er dich brach und gab, wie auch sich, als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und Auferstehung.

»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme plötzlich in mein verlorenes Sinnen hinein, »bist du hungrig?«

»Ich habe ewig, ewig Hunger!«

Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier ließ mich erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln ihre Stirn auf meine Hand:

»Ach, Bruder ...«

 

Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte, nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich nun töricht, dachte ich oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des Beginns? Aber dann war mir, als begänne mit allem bewußten Leben in uns Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger verweilte, als diese zum Abschied so froh Gerüstete, gar so groß und gewichtig, und flogen die Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der meine war? Und so beschäftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den ich suchte, und ich sagte es Asja:

»Ich finde den Weg nicht!«

Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen.

»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.

Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.

Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.«

Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, sondern im Geist und in der Wahrheit. —

Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.

Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand.

Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. —

So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein vermag.

Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.

Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.

Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer. Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte und sagte:

»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.

Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme.

Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.«

Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines deutlichen Bildes:

»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«

 

Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir ohne Groll.

Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.

Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im Hellen zu verharren.

So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind.

Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und nicht den dahinwelkenden Docht.

Sie sagte mir auf meine Frage:

»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.

Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht.

Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche — und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«

»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!«

Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu scheiden vermochte.

Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein unerklärliches Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich. Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen, sondern ihre Güte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an:

»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht gefallen ist, die Vorübergehenden, wie er sich erheben könnte? Wer aber nur deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, der wird keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus der Wahrheit ist, hört die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe ist, hört die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht. Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt über dir zusammenschlägt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!«

 

Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.

Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt als nachsichtig.

»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein Mensch betritt.

Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden wäre.

Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab.

Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt.

Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.

Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben.

Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend:

»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen.

Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit?

Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.

Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt?

Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.

Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?

Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von einer Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?

Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.«

Weiter: Teil 3 von 3