Eros und die Evangelien
Der Tod
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?«
»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? — Er wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.
Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt.
Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.«
Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.
Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird und des Menschen Sohn?
Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.
So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine Liebe.
So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr gewesen:
»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde.
Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden — bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.
Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...«
Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.
Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das Reich ist nicht unser. —
Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie dich selbst?
Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.
Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung gehoben.
»Hast du Geld?«
Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir ab.
»Hast du mehr?« fragte er.
»Nein«, sagte ich.
»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.
»Ja.«
»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.
Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.
Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.
»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort zu verlieren.
Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren.
»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog.
»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.
Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die Finsternis erwürgte mich.
Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.
»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir scheiden werden.«
Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.
»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat.
Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles:
»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?«
»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«
Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer Antwort mir die innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber es blieb alles ungewiß in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten sich im Dunkeln.
»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, und ich will schweigen und warten«, sagte ich.
»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. »Die Liebe scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und falsche Gestalt. Wer sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt von der Liebe erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst raffte den Wert an sich, um ihn für sich zu besitzen, gesättigt, zufrieden, selbstsüchtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwählt. Wer hat das große Wort auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel Angst muß in der Welt sein! Was von der Erlösung galt, das haben die Menschen in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor der Macht des Satan!«
»Wer ist Satan?«
»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich ist überall, wo Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes setzt, so setze für das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht der Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, was ihr das Gute nennt.«
Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an und rief laut:
»Schweig!«
Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte, neigte sie sich über meine Hand und drückte ihre Lippen darauf. Erst nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte fröhlich:
»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es lautet so:
Ich möchte dich beglücken
und kann nicht dunkel sein.
So tritt mit deinem Zweifel
in meiner Liebe Schein.
Mich quält nur eine Frage:
Hast du mich lieb, sag an?!
So bleib in diesem Lichte,
das ich nicht trüben kann.
Frag nicht, weshalb ich frage.
Aus Zweifel frag ich nicht.
Es gibt nur eine Klage
der Liebe, die um Licht.«
Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des Morgens erwachte.
Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.«
Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! —
Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen Meer des Lebens für mich.
Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den Feldern.
Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.
Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung und Verkündigung und ein erlösendes Glück.
Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.
Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.
So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen.
Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte.
Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.
Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer Mutter führte:
»Geh nicht fort.«
Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein.
Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich am längsten sträubt.
Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?
Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?
Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht achtet und Zerstörung sät.
Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten.
Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?
»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«
Das war Asjas Stimme.
Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen mußte.
Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen Seufzer: »Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für das Licht gewesen.«
Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.
»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.«
Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.
»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.«
Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.
Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.
Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.
Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen die Stimmen der Singvögel.
Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.
Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.
Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite.
»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote gekannt?«
»Ja.«
»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter anführen könnte.«
Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir ruhen.
»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:
»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.«
Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte ich.
»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.
Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.
»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...«
Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns befanden.
In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns hinüber.
Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.
Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein klingender Schleier.
Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.
»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen sprechen.«
Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd:
»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie führt.«
»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie mich gehen.«
»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war diese Tote?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Sie weichen mir aus.«
»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.«
»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den ich nicht verstehe.«
Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen:
»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...«
Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. — Aber meine Kraft war zu Ende.
Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt.
»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich fröhlich!«
Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:
»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.«
»Niemals«, sagte ich.
Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.
»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«
»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.«
Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.
»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...«
»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.«
Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen finden sollen.
Zweites Kapitel