Eros und die Evangelien

Waldemar Bonsels · Kapitel 2 von 2 · Teil 2/4

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Eros und die Evangelien

Das Meer

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im Jahr.

Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres späten Lebenstages.

Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.

Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:

»Guten Morgen, guten Morgen.«

Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig ausfiel.

Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen sein letztes Wirken.

Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.

»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.

Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an.

Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?«

Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.

»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.

Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.

»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!«

Ich entschuldigte mich rasch:

»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.

Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:

»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas schwerhörig.«

Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.

Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.

»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.«

Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden.

»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, es sind zugleich die Sommerferien.«

Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden werden wollte.

»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.

»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.

»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?«

Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung.

»Auch Algen!« rief ich.

»Wie?« fragte sie bestürzt.

»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.

»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.«

Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.

Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.

»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!«

Niko verkroch sich.

»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie zu wirken.

»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich.

»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager hart.«

»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer Armbewegung.

»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«

Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu grübeln.

»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah ich eine edle Taube — mein Bruder hielt Tauben —, die in einen Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie lächelte nachsichtig.

Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:

»Nieder Niko!«

Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des jungen Mädchens in Frage zu stellen.

»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren haben. — Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.«

Sie richtete ihr Horn auf mich.

»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.

»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!«

Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus zu.

»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden.

»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ...

»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir dann etwas zu uns nehmen.«

Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!

»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es verächtlich klang.

»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«

Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.

»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die Tante.

Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.

Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.

»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, aber ein junger Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.«

Kaja machte einen strengen Knicks.

»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante fort, »wir unterhalten uns hier noch ein Weilchen.«

»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja zu mir, »nachher komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schämt sich ja. Also auf Wiedersehen.«

Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: »Guten Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe, daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«

Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen in sich hinein, und man sah den Bewegungen ihrer Hände an, daß ihr ein Hindernis als überwunden galt.

»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.

»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schlußzeile eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.

Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu dürfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Während sie sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, um als glücklicher und ehrlicher Finder empfangen zu werden. —

Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem unterspülten Hang.

»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir fertig geworden bist, ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey — das will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir wohlgesinnt ist.«

»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. Bist du noch einmal eingeschlafen?«

»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.«

Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, die sich in meiner lächerlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, daß um Kaja der Seewind strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare Prüfung. Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, je mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hüllen emporstieg. Als sie ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:

»Man muß dich ja schonen, du Armer.«

Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll Roheit gegeben, als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Händen und bebte.

»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte durch die Buchen zu spähen.

»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.

Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.

»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du«, stellte sie nachdenklich fest. »Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen Dingen mußt du jetzt etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für dich.«

»Daran hast du gedacht, Kaja?«

Sie sah mich fragend an.

Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermögen, woher die Gefahr und Wohltat dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. Man vermochte in ihr zu sein, beglückt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht.

Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet, in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden Händen, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es beim Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue Rauchsäule erhob sich lebendig über ihr und wanderte, sich leicht zerteilend, lautlos ins Buchengrün empor.

Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und öffnete sich ganz den Sonnenstrahlen, wie eine blühende Pflanze. Sie breitete ihre Arme aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verächtlich, so daß mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit.

Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als würfe sie es fort. Keine Geste schien ihr verächtlicher zu sein, als die der Darbietung. Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dächte ein anderer für mich. Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken, als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich mußte lachen, und Kaja sah sich nach mir um.

»Was ist geschehen?«

»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes vorstellte.«

»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, wie ausschweifend du in deinen Gedanken bist.«

»Erzähle mir von dir, Kaja.«

»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest mich endlich kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, daß ihr den Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein möchten. Es geschieht, weil ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil ihr es nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist immer dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es Verständnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich Täuschung vor. Ein lächerliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«

Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt für Schritt, maß sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel über und schien die helle Welt, das schöne Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie annahm. Als eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit dem kühlen Wasser wie für immer.

Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich beides zu dieser Stunde vermochte, aber es ging, und ich fühlte eine schmerzende Zweiheit wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu Dingen geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige ich nun? fragte ich mein Herz, aber als Antwort hörte ich nur den fühllosen Frohsinn der großen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der Ferne, bei der großen Stadt, dein Grabhügel. —

In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit stampfte ich bald darauf durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, daß ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so Wichtiges, so Lebendiges, so viel glückliches Tun mir gelungen, so wird sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, einen Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.

Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hören, wie groß es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht gewinnen kann im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir sagte, daß ich Kaja liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es mir in der eroberten Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar und mütterlich lächelte der Weltgeist mich an, gnädig und zögernd, als sei ihm ein Irrtum gefällig.

Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewalttätige Verlassenheit, die die begrünte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen und hörte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte.

Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die Flut bespülte, und beobachtete, wie die Wogen es auslöschten. Ich grub die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft heraneilenden, durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über den Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen, wie mit Gelächter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten und zerteilten. Sie löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen zu sich selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art, ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr geglättetes Sandbett betrachtete.

Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein Herz zu hüten, aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine süße Wollust. Und plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den Knabenernst meiner Absichten, über das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll Streben, Erfolg und Wirken, über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen oder im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurückfluten und aufs neue in vergänglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.

Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, ein leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten Wesenheit.

Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lächeln gebildet, als mir sonderbar deutlich Asjas Worte über den Wandel der Natur zum Bewußtsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist.«

 

Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel, zu mir und ermutigten mich.

Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten.

Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien.

Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich nicht. Ob ich ein Franzose sei.

»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.

»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«

»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«

Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.

»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?« fragte er.

»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«

»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen Eindruck zu machen. »Ich würde mich an die Junge halten, wenn ich in deiner Haut steckte.«

»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete ich und wies auf meinen Rock.

Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel draußen auf dem Deich.

»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem Rock gewählt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren Frack besitzen. Aber was man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?«

Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu finden, die ich doch nicht bezahlen konnte.

»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« sagte der Alte, »so kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.«

Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weißem Sand bestreut, und das Fenster führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein Bündel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er sagte: »Nun ja ... wirst auch nur eine Mutter gehabt haben.«

Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich wohlwollend, denn es stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt hatten.

»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte er mir auf meine Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt dich an deine Schloßmuhme,« fügte er hinzu, »sonst hat's gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um sie fortzutragen, und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über dem Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie eine Krippe.

Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich weiter draußen im Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie kleine Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden sei für die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen Lippen nach, wie er das Weite suchte. —

Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, dessen Pflanzen gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, daß ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm teilte. Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurück, ein siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre blauen Augen sahen ernst und mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne andere Einschätzung, als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie war von unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im Wasserschlößchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen eines wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten war mir lieber. Ich ließ das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und verabschiedete mich ohne Erklärungen.

»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir einen großen Fisch.

Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir Gewähr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem Land und das Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe man viel weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und die Möwen waren blendend weiß und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles war wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu haben.

Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine Mühle am Horizont, deren Flügel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war mir fremd.

Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Stürzen der Flut vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und Entzückung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist die Beruhigung deiner Nähe.

Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Büsche, die die Gartenpforte übergrünten, und erkannte Niko auf ihrem Schoß, der schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufügen.

»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns treten könnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein.

Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir zärtlich, ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rührte sie, sie verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch für tot hielt und ihre Brille mit frohem Dank zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu Gott stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, und überlegte mir die Sache. Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich umzudrehen, gleichmütig:

»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«

Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«

»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob mir ein großes Stück Kuchen hin.

War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen Äußerlichkeit, wie sie so oft in welken Gemütern angetroffen wird, die eher eines undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so irrte ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur darin, daß sie niemanden für glücklich zu halten vermochte, der ihre Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer aufrichtigen Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für erwiesen zu halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich oft über Kaja, die ihre Zustimmung übertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel weiter ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche Kraft der Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an meinem heimlichen Tadel irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau.

Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl so schmerzlicher Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, daß ich glaubte, mein Herz schmerzen zu fühlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht geöffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und süßen Gehorsam der Hingabe, daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte mit Angst nach den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen ihrer dämonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne Halt — kein Hauch von Schwüle oder Glut lag um die klare Stirn, kein Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die Kinderbläue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.

Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und ihre dämonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner entflammten und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen und betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, der weit höheren Gesetzen unterworfen war, als sein Schöpferwesen sie umfaßte.

Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß ich mich mit Kaja oder meinem Gedanken beschäftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemütlichen Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte. Wenn ich von ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen für einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja dachte, so war mir, als sähe ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf dessen Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen dunklen See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.

»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey innig, »die Welt ist an Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es besser.«

»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die mir mit gefalteten Händen gegenübersaß.

Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, gemeinsam mit einem Päckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt Tante Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf dem Tisch fest, daß sie aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht zusammengehaltenen Blätter zu stechen.

Das war mir neu, und ich zögerte.

»Mutig«, sagte Kaja freundlich.

Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante Mimsey nahm die Brille.

»Nun werden wir sehen«, sagte sie.

Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewußt hatte, daß er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrößerte mit einer Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das Zehnfache, und begann zu lesen.

»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und sah mich an.

Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:

»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wölfe des Abends. Ihre Reiter ziehen in großen Haufen von ferne daher, als flögen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte man Parder.«

Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte ich mich in meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben Schmerz.

Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmögliches Wesen zurück, wie ein Strom von Traurigkeit.

Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das kommende Reich des Heilands und verglich die angeführten Übeltäter mit den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung darauf zu sprechen, daß deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstünde.

Kaja sah auf die Uhr.

»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte Tante Mimsey geheimnisvoll mit und sah warnend drein.

»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die Tante wird hellsichtig. Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pünktlich.«

Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand und ging, nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wäre Andacht möglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so daß der Kies flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt seine stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht hinausgeschoben werden durfte. Sie ließ alles stehen und liegen wie es war, löste die Kette von der Banklehne und ließ sich von Niko davonzerren. Beim Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne Bedrängnis zu folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es wurde still im sommerlichen Garten.

Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte sich langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den die Parkbäume aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit ruhigem Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt verlassen. Der Seetang duftete schwül und fremdartig.

Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden Eindrücke nicht mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die Verführungen dieser arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags. Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in diesen Einflüssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf, und alles wurde kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und umher standen hämische Verkünder der Erniedrigung.

Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit zum Meergesang hereinbrach, um so größer wurden die Sterne und um so kleiner die Erde.—

Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur spärlich durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein äußerer Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen feilten an ihren undeutbaren Stätten.

»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« sagte Kaja, »komm ans Meer. Ich weiß nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es genau zu erkennen trachtest; schließt du aber die Augen halb, so erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weißt den siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und glaubst es nicht. Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«

Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. Ihr Fuß auf dem Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wärme von ihr aus, ein Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort zu sprechen.

Weiter: Teil 3 von 4