Eros und die Evangelien
Das Meer
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht gemerkt, daß man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade. Ich möchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, daß das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander näher zu kommen ... lachst du mich aus?«
Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.
»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein kleines Mädchen war, noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand lag. Dieser hieß >Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hieß >Sünde der Nacht<. Ich haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte ich >Erlöser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war sechzehn Jahre alt. — Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie blaß du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen baden. Ich möchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen und Traum.«
»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich kennst, Kaja.«
»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft staune ich über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte ich mich in die Worte der Männer betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe die Männer immer.«
»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem Fenster sprach?«
»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«
»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«
»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«
»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als daß ich zu dir will.«
»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder schlägst ...«
Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.
Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle über dem Sand.
Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.
Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben war.
Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise tranken.
»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«
Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.
Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind:
»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So sprich doch, ach, ich bitte dich, sprich!«
Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:
»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich bin dir ja gern zu Willen, und du darfst nicht von mir glauben, daß ich arm und häßlich bin. Ich gehöre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«
Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig still, wie Gewitter am Himmel, entzündeten Schmerz und Freiheit der Seele in mir sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. —
Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In März- und Sommerglut und hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrängt, Augenblicke dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu Gestirn gespannt, das Meer stürzte über die schneidende Firn der Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit der wieder emporsteigenden Nacht, über die gleitenden Grenzen der Bewußtheit hin: Tausend Jahre sind wie ein Tag. —
»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen, anders als alle. Ich will einen guten Gürtel haben, rasche Füße, frohe Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und nichts getan.«
»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über mir.
Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, wie eine Decke.
»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter dem Fenster?«
»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, bald wird es hell.« —
Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem Meer. Er leuchtete so hell am Horizont, daß mir war, als füllte sein ferner Glanz mich an, als sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine Fröhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer größerer Macht anwuchs.
Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens Nichte, im Wind über den Deich. Es war ein trüber, stürmischer Tag und das Meer tobte. Han sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hörte mir gerne zu, wenn ich über das Meer sprach.
»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und lächelte schüchtern.
»Nein, Han, du gehörst dazu.«
»Ja,« sagte sie, »so ist es.«
»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte Baronin, Proker, den Diener, die Köchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natürlich.«
»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge Fräulein.«
»Kaja, ach ja.«
Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne Wehmut und Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:
»Also, dann sprich von ihr ...«
Ich erschrak.
»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn man neben ihr dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt seinen Wert durch sie ...« Ich stockte und schwieg.
Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu schützen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschützteren Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter.
»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, erzählte Han. »Es war eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die Station standen auf einer Insel.«
Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der weite Reisen gemacht hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mühsam über ihre Lippen, es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr gefälliger vonstatten, Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie sagte:
»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hände falten müssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.«
»Wer? Wer kam?«
»Das Fräulein doch ...«
»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«
»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.«
»Wer war das?«
»Ein Fischer.«
»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?«
»Das war so.«
»Sag mir doch, was du weißt, Han.«
»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts gesagt.« Wir waren uns plötzlich fremd und schwiegen beide. So ließ ich sie denn allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, sie hatte wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust aus, ohne Licht und wie auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen. Die graue, große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem Gemüt aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das Schiff gegen die Wogen.
Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten Saal von großer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefüllt war. Eine verborgene Musik spielte, fröhliches Lachen und das Klingen von Weingläsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und begierig. Sie lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er sein Gesicht und schaute einfältig-gütig drein. Ein Diener mußte Vorwürfe anhören, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Körpers wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal ihrem Zauber.
Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, aber ich ging noch ein paar Schritte über sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschloß auszuspähen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles, was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. —
Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder dem Sommerwind, und als eines Morgens die Sonne strahlend über dem Meer aufging, glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand wurde wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und das Gemüt war wie verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und Erde für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trüben Zeit war an ihnen zu finden.
Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die Bäume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege der Sonne und sang.
»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«
Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.
»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.«
Sie sah mich neugierig an.
»Ach, die Tante ...«, sagte ich.
»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja selber einer.«
»Hast du Freundinnen, Kaja?«
»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.«
»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine hast.«
»Ich hatte eine, damals vor ...«
»... vor Veit Geesten.«
»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.«
»Ist sie auch tot?«
»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab. Sie ist also glücklich. — Du nimmst alles so ernst.«
Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe? Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.
»Pflück' die Blume dort, Kaja!«
Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.
»Wozu? Was willst du damit?«
Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.
»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.
Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt hatte.
Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.
Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen vermag.
Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und nun — ist es denn Wahrheit? — würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.
»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen Schwester. — Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«
»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen! < rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«
»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.
»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«
»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«
»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«
»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich manchmal beneide?«
»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.
Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.
Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.
Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen war.
Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.
Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?
Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht, die in mir erwachte.
Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen blieben.
»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen und kraute Niko.
»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard.
Kaja sah mich an.
Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:
»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«
Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen können.
Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun erwacht.
»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«
»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten ihren Sinn versteht.«
Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:
»Warum lachen Sie?« fragte ich.
»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl.
Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?
Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.
Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.
»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.
Ich lehnte ab, ohne zu danken.
»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das zuviel gesagt?«
Ich sah ihn an und antwortete:
»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen wollten.«
»Wieso? — Also Sie rauchen jetzt nicht ...«
Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und Sprechen zu verbergen trachtete.
Nun sah Kaja mich an und sagte:
»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am Strand, wie sonst?«
»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«
»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben.«
Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?
Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.
Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch schweigsamer geworden.
Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.
Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen blieb. —
Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte.
»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.
»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«
»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«
»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.«
»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«
Sie sah sich um.
»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich wesentlich bewegte.
Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:
»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in Ruh.«
»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.«
»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«
Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer zu machen.
»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«
»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.
»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«
»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.
»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich, töricht.
»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.«
»Du bist klug wie Feuer.«
»Ist das Feuer klug?«
»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.«
»Leuchtet es nicht?«
»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was es hindert.«
»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«
»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die Jugend ...«
Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte:
»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.«
»Weshalb sagst du das?«
»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?«
»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«
Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld.
»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«
»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner Tugend oder Untugend.«
»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem Bestand.«
Sie sah mich unruhig und böse an.
»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig.
»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf unser Geheiß von uns.
Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt.
Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde berührt.
Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht allein sein würde.
Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und Traurigkeit.
So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen.
Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.
Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,— ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! — um so mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?
Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.