Frei-Zeichen für den Ackerschnacker
Prolog
Der kleine Ort Mosebolle …. Für die einen ist es die Heimat, der Ort der inneren Geborgenheit und der Begriff vom Zuhause, vom Angekommen sein. Für die anderen ist es einfach nur ein Dorf ‘am Ende der Welt’, irgendwo da, wo man ‘nicht tot überm Zaun hängen möchte!’ Eigentlich ein vollkommen dämlicher Ausspruch, denn ich persönlich habe noch nie jemanden getroffen, der, wenn er tot ist, überhaupt irgendwo überm Zaun hängen möchte … weder in der Stadt, noch in Mosebolle. Schließlich gibt es doch wesentlich pietätsvollere Formen der Bestattung als irgendwo tot überm Zaun zu hängen, woll?! Für den einen klingt schon alleine der Name ‘Mosebolle’ beim Hören so rund und niedlich, dass es ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubert und er das Bedürfnis hat, mehr darüber zu erfahren. Der andere dagegen mag beim Hören des Wortes ‘Mosebolle’ nur die Stirn runzeln und harsch fragen: »Hä? – Wo is’ dat denn?« Geographisch gesehen liegt es etwa auf der Linie zwischen Meschede und Brilon, oben in den Bergen, eingebettet in breite Wiesen und tiefe Wälder oder, wie der Sauerländer selbst zu sagen pflegt: ‘oben im Geplänte – mitten inner Wallachei’. Ein winzig kleines Dorf mit Kirche und Friedhof, einer Handvoll Häusern, ein paar kleinen Geschäften und einem alten Dorfgasthof. Dieser Dorfgasthof gehört der Familie Lüsebrink und ist die Heimat vom Ackerschnacker. ‘Ackerschnacker 1-1-6 … Mosebolle’ – so heißt dieses klobige, alte Telefon. Schon der prächtige Name verrät, dass es in seinen Glanzzeiten der Dreh und Angelpunkt des ganzen Dorfes gewesen sein muss. Denn es war der erste und einzige Telefonanschluss und damit der Knotenpunkt für Freud’ und Leid’ in ganz Mosebolle. Im Gasthof Lüsebrink wurden über dieses Telefon Geburten angezeigt, Einladungen ausgesprochen, Todesnachrichten weitergeleitet und vieles andere von dem, was Menschen sich untereinander noch so mehr oder weniger wichtiges mitzuteilen haben. Wer telefoniert, ist nie allein … Nein, nein, sonst könnte man ja auch nicht telefonieren. Aber in Mosebolle konnte man sich früher sicher sein, dass, egal welcher Art Freud’ oder Leid die gerade erhaltene Nachricht war, man auch nicht allein damit fertig werden musste. Immer saßen Menschen mit am Tresen, die bereit waren, im rechten Moment Trost und gegebenenfalls ein Bier zu spenden oder sich einfach mit dem Anderen zu freuen und mit einem Schnäpschen darauf anzustoßen … Eben Telefonseelsorge im direkten Sinne, woll?! Doch im Laufe der Zeit ist der Fortschritt mit seinen großen Stiefeln auch oben im Geplänte mitten in der Wallachei angekommen und leider hat er auch in Mosebolle seine breiten Spuren hinterlassen. Seit jedes Haus in Mosebolle ein eigenes Telefon besitzt, muss jeder Moseboller sehen, wie er mit seinen Sorgen selber fertig wird. Dem guten, alten Ackerschnacker ebenso wie der Familie Lüsebrink bleibt leider nicht mehr viel zu tun. Aber noch immer poliert Luise Lüsebrink täglich liebevoll den klobigen, schwarzen Kasten auf der Kommode in der Gaststube. Schweren Herzens denkt sie dabei zurück an die guten, alten Zeiten, als der Ackerschnacker noch rappelte was das Zeug hielt, den Gästen am Tresen für einen Moment der Atem stockte und der Mensch mit dem schweren Bakelithörer in der Hand und der erwartungsvollen Frage »Ackerschnacker 1-1-6 … Mooosebolle?« auf alles gefasst war.