Gabriel Schillings Flucht
Fünfter Akt
Die Strandgegend wie im ersten Akt. Der Schuppen der Rettungsstation, die Gallionfigur, das Fischerboot auf der Düne, der Signalmast, die Bretter hinter dem Schuppen. Die Sonne ist hinunter, allein es bedeckt den Himmel eine starke Abendröte, so daß eine magische Helligkeit verbreitet ist. Lucie und Fräulein Majakin kommen langsam vom Strande herauf.
L u c i e :
Ich muß Ihnen sagen, ich habe vor alledem jetzt, nach allem, was vorgefallen ist, einen so ausgesprochenen Widerwillen, daß ich lieber freiwillig alles hingeben würde, als nur den kleinsten Versuch in der Art dieser Weiber zu tun.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Man kämpft doch aber für das, was man liebt — und naturgemäß, scheint mir, Fräulein Heil.
L u c i e :
Ich würde unter gar keinen Umständen dafür kämpfen. Ich habe von Harpyen gelesen. Sie sind wie Harpyen, diese Weibsbilder. Niemals geben sie, wenn sie es erst in den Klauen haben, ihr Opfer frei. Nur daß sie schön singen, kann ich nicht finden!
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Wie geht es Herrn Schilling?
L u c i e :
Schilling schläft! Einen totenähnlichen Schlaf, seit Stunden.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Es gibt bei manche Krankheiten zuletzt einen solchen furchtbaren Schlaf, aus dem kein Erwachen ist.
L u c i e :
Das hat mir auch Rasmussen angedeutet.
(Kurzes Stillschweigen.)
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Herr Mäurer scheint sehr an Ihnen zu hängen, Fräulein Heil.
L u c i e :
Ich betrachte Mäurer als meinen Freund und werde ihn immer dafür betrachten. Wie er sein Leben im übrigen einrichtet, kümmert mich nicht. Er ist frei! Ich verlange durchaus nichts von ihm. Ich danke Gott, daß ich durch mein bißchen Begabung immer sozusagen mein Brot finde.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Ist es richtig, Sie waren angestellt zwei Winter lang in Dresden an die Opernorchester?
L u c i e :
Das ist allerdings wahr. Wenn ich aber jetzt etwas unternehme, so werd ich vielleicht in irgendeiner Mittelstadt eine kleines Musikinstitut errichten.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Glauben Sie, ob Professor Mäurer jemals wird heiraten?
L u c i e
(lacht):
Das weiß ich nicht! — Wenn man betrachtet, was er mit seinen Freunden erlebt, so ist es kein Wunder, wenn er sich ängstet.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Es scheint mir auch. Er scheint mir ein Feind von die Ehe zu sein.
L u c i e :
Sind Sie vielleicht eine Freundin vom Heiraten?
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Ich kann mich denken, daß eine Frau von ein Mann, wie Professor Mäurer ist, durch ein ganzes Leben gefesselt wird. Das kann ich mich denken, Fräulein Lucie.
L u c i e :
Aber daß Sie ihn ebenso lange fesseln, glauben Sie das?
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Ich kann überhaupt nicht Herr Mäurer fesseln. Er hat eine sehr große Liebe, eine sehr große Bewunderung für eine ganz andere Dame als mich. — Wissen Sie, daß wir werden abreisen?
L u c i e :
Warum wollen Sie denn schon abreisen, Fräulein Majakin? Lassen Sie Hanna Elias abreisen! Möchte sie sein, wo der Pfeffer wächst. Geben Sie ihr Eveline Schilling mit! Wenn es Ihnen hier so gut gefällt, wie Sie sagen: bleiben Sie doch!
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Ich glaube kaum, daß dies ist, was Sie sagen, Ihr Ernst, Fräulein Lucie. Und wenn es wirklich wäre der ganze Ernst Ihres Frauenherzens, ich bleibe nicht. Auch ich bin, glauben Sie mir, durch das, was ich habe sehen und hören müssen, mit diese traurige Liebesschicksal von diese arme, gebrochene Künstler und Mann ... auch ich bin ein wenig erschreckt davon.
L u c i e :
Ich bin so wütend, ich könnte diese Weibsbilder prügeln, glauben Sie mir, ich möchte sie ganz gehörig mit beiden Fäusten schrecklich durchprügeln.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Und mich dazu?
L u c i e :
Nein. Sie, Fräulein Majakin, würd ich nicht durchprügeln. Ich würde nur wünschen, daß Sie ganz ruhig zurück zu Ihrem Herrn Vater gehn. — Glauben Sie nicht, daß Mäurer ein Mann wie Schilling ist! Mäurer nimmt »eins zwei drei«, was er haben will, und dann geht er und modelliert seine Statuen. Skrupel macht er sich weiter nicht.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Dann hat er die rechte noch nicht gefunden.
L u c i e
(lacht):
Vielleicht; wer weiß, Fräulein Majakin.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Es liegt immer daran, wenn ein Mann so unstät ist, daß ihm die Frau, die ihn versteht, bis in die geheimste Regung der Seele, noch nicht begegnet ist.
L u c i e :
Vielleicht wissen Sie eine Frau für ihn! Jede Frau denkt allerdings, sie sei die rechte. Ich schwöre sogar, die arme Eveline ist überzeugt davon, daß sie für Schilling die ausgesucht einzig richtige Gattin ist. Aber man kann ja nicht wissen, ob Ihr Instinkt nicht wirklich das Richtige trifft, Fräulein Majakin. (Kurzes Stillschweigen.) Finden Sie nicht, es ist etwas so Verhaltenes, etwas, was förmlich beängstigt, in der Luft?
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Etwas Totes, ja. Das macht die Windstille.
L u c i e :
Es drückt! Sehen Sie mal. Wie jedes Boot doppelt auf der absolut spiegelglatten Fläche liegt. Ich möchte um Schillings willen, daß Wind käme. Er hat sich so sehr einen Sturm gewünscht.
F r ä u l e i n M a j a k i n :
Meistens erschrickt der Mensch vor die Natur; manchmal scheint die Natur vor den Mensch zu erschrecken.
L u c i e :
Mit Schilling, glaub ich, ist es aus.
Schon seit einiger Zeit hat man in der Ferne rufen gehört. Fischer laufen unten am Strand hin und her. Lucie und Fräulein Majakin schenken diesen Vorgängen keine Aufmerksamkeit. Sie sind nun immer weiter nach vorn hin schreitend, rechts zwischen den Dünen verschwunden. Der Tischlermeister Kühn kommt mit seinem Lehrjungen, der eine Radwer führt. Sie beginnen Bretter aufzuladen.
K ü h n :
Junge, mach fix, et gibt Wind!
D e r J u n g e :
Wat haben denn de Fischers unten am Strande, Meester?
K ü h n :
De Häring kommt.
D e r J u n g e :
Sehen Se nicht de Lichter draußen uf See, Meester? Unsre Fischer sind alle schon draußen.
K ü h n :
Na, denn laß se man machen und lade de Bretter uf.
D e r J u n g e :
Ob wohl der Kunstmaler aus Berlin sterben wird, Meester?
K ü h n :
Halts Maul! wat jeht uns dat an!
D e r J u n g e :
Ick dachte bloß, weil wir dem kienenen Sarg machen.
K ü h n :
Für wen man so'n Sarg machen dut, det weeß Jott!
D e r J u n g e :
Meester, Meester, dort kommt er ja.
K ü h n :
Wer denn?
D e r J u n g e :
Denn is er ja jar nich krank, Meester.
Gabriel Schilling kommt von links, aus den Dünen. Er ist unzureichend bekleidet: Hemd, Beinkleider, Jackett, keine Weste, kein Hemdkragen, keine Strümpfe in den Schuhen. Er geht schnell, wie ein Nachtwandler, gerade auf die Gallionfigur zu, die im Scheine des Blinkfeuers vom Leuchtturm in bestimmten Zwischenräumen heller beleuchtet wird. Nahe herangekommen, steht er still und blickt zu ihr hinauf.
K ü h n :
'N Abend.
S c h i l l i n g
(mit verrosteter Stimme, erschrocken):
Guten Abend. Wer sind Sie denn?
K ü h n :
Sind Sie vielleicht der Herr Maler Schilling, wenn ich fragen darf?
S c h i l l i n g :
Pst! Namen und Stand tut hier nichts zur Sache. — Sagen Sie mal, wie kommt denn das, daß diese Figur dort oben immer abwechselnd hell und dunkel wird?
K ü h n :
Na, das kommt ganz natürlich von dem Blinkfeuer.
S c h i l l i n g :
Ich habe das schon eine ganze Weile von ferne beobachtet. Ich wußte gar nicht, was es bedeutet.
K ü h n :
Wieso bedeutet?
S c h i l l i n g :
Ich wollte erst nicht herüberkommen. Schließlich dacht' ich mir aber, daß es doch was bedeuten muß. — Woher stammt denn eigentlich diese Figur?
K ü h n :
Sie stammt von einer dänischen Brigg, die hier draußen gesunken ist.
S c h i l l i n g :
Richtig! Natürlich! Schiff und Mannschaft natürlicherweise zugrunde gerichtet.
K ü h n :
Da haben Sie ganz recht. So ist et och.
S c h i l l i n g :
Wie hieß denn die Brigg?
K ü h n :
Sie hieß doch Ilsabe.
S c h i l l i n g :
Den Namen kenn ich von irgendwo her.
K ü h n :
Sie werden ihn auf 'm Kirchhof gelesen haben, wo die gelandeten Leichen von der Ilsabe begraben worden sind. Da ist ja 'n Kreuz und auf dem steht Ilsabe.
S c h i l l i n g :
Eigentlich liegen wir recht gut, da oben im Sande.
K ü h n :
Wie sagen Sie, wenn ich bitten darf?
S c h i l l i n g :
Na, eine schönere Stelle, begraben zu werden, gibt's doch nicht. Oder möchten Sie etwa lieber in Berlin auf so einen Massenkirchhof begraben werden?
K ü h n :
Na, so weit bin ich überhaupt noch lange nicht.
S c h i l l i n g :
Keine Automobilomnibusse, keine Straßenbahnwagen, immer nur die rennenden, springenden, kleinen Sandkörnerchen! Frischer, gesunder, nasser Sturm! Der schöne Salut des Meers überm Grabhügel!
K ü h n :
I, da hat man ja nischt mehr von!
S c h i l l i n g :
Das sagen Sie so! Wer weiß denn das, Meister? Ich hab aber irgendwo mal gelesen: »Gott löscht nicht aus im dunklen Grabesschoß, was er entzündet hat im dunklen Mutterschoß«. — Übrigens, gucken Sie doch mal hinter sich.
K ü h n
(tut es):
Warum nicht? Wat soll denn dort sind, Herr Professor?
S c h i l l i n g :
Das versteht sich von selbst. Da brauchen Sie meine Erklärung nicht. Da hat wahrscheinlich das Wasser noch einen armen Teufel auf den Strand gespült.
K ü h n
(der nichts sieht, verdutzt):
Was denn für 'n armen Teufel?
S c h i l l i n g
(immer starr blickend):
Gott, ich weiß ja nicht, wer das ist, den sie da begraben. Ist das bei Ihnen immer so, daß der Pfarrer der erste ist und dann erst die Kinder mit dem Kruzifix kommen? Komisch ist bloß: sie singen ja nicht.
K ü h n :
I, Sie wollen man mit mich Ihren Spaß haben!
S c h i l l i n g :
Dem armen Schlucker von der Ilsabe haben Sie doch den hölzernen Schlafrock auch gemacht!?
K ü h n :
Denn müssen Sie mehr als unsereener zu sehen kriegen. Anders versteh ich det nich.
S c h i l l i n g :
Glauben Sie denn, ich erkenne meinen alten Freund Mäurer nicht, weil er einen Zylinder auf hat, einen Regenschirm in der Hand hält, und weil es ein bißchen stürmt und graupelt?
D e r J u n g e :
Meester, ich furcht mir, der is jo wahnsinnig!
S c h i l l i n g :
Und die Damen, glauben Sie, kenn ich nicht? Die Weibsleute, die da hinterdrein laufen und die ... und die ... und die ihre Röcke so sorgfältig hoch nehmen, weil ihnen bei dem Regen das die größte Hauptsache ist?
K ü h n :
Aber et fällt ja keen Troppen vom Himmel, Herr Schilling.
S c h i l l i n g
(schlägt sich vor den Kopf):
Ja, Donnerwetter noch mal, Sie haben ja recht, wo ist man denn? (Er hält die Hand in den vermeintlichen Regen.) Kein Tropfen, wahrhaftig. Na, einerlei. Ich hätte geschworen, daß da so etwas geflunkert hat. Na nu aber, nu aber, sehn Se mal, Meister: sind das nun sechs Fischer, die die lange gelbe Kiste auf den Schultern tragen, ja oder nein, Meister? Na nu müssen Sie doch zufrieden sein.
K ü h n :
Wenn Sie aber nun noch so weiter reden, bester Herr, denn kriege ick Angst, det et umgeht hier uf de Insel, und denn mach ick mir lieber ...
S c h i l l i n g :
Sie haben recht. Ich merke das ja. Ich vermenge nämlich immer ganz einfach Wirklichkeit und Einbildung.
K ü h n :
Da kommen Leute, die suchen nach Sie, Herr Schilling.
S c h i l l i n g :
So? — Wo denn? — Wenn Sie etwa irgendwer fragen sollte ... Nichts! sagen Sie nichts! Oder sagen Sie, daß ich tausendmal lieber ... oben in der Nähe von dem Kreuz von der Ilsabe eingebuddelt bin als im schönsten Berliner Mausoleum. Und daß man, wenn man die Hände so aufhebt, nur immer gradaus, immer geht, nur geht — man auch draußen im Meer schlafen kann.
K ü h n
(lacht):
Gut!
S c h i l l i n g
(der seine Arme, ähnlich wie ein Beter gegen das Meer hochgehoben hat):
Und wenn Sie noch jemand nach mir fragt, dann sagen Sie: der Maler Schilling hat hier auf Fischmeisters Oye die beste Idee seines Lebens gehabt ... oder sagen Sie lieber bloß, ich bin baden gegangen.
Von dem Gallion, das er noch immer hungrig anstarrt, sich mühsam losreißend, verschwindet Schilling, eigentümlich lachend, mit hocherhobenen Händen in der Dunkelheit.
K ü h n :
Nu soll mich noch eener sagen, wenn der nich sein eignes Totenbejängnis jesehn hat!
Kühn und der Junge mit einem Stapel Bretter auf der Radwer ab. Dr. Rasmussen und Professor Mäurer kommen von rechts, im Gespräch ruhig schreitend, gelegentlich stehen bleibend.
R a s m u s s e n
(zurückblickend):
Was mag denn eigentlich bei Klas Olfers los sein? Da kommen ja in einem fort Leute mit Laternen aus dem Haus.
M ä u r e r :
Es ist wohl 'n neuer Schub Fremder gekommen.
R a s m u s s e n :
Eveline wacht jedenfalls vor morgen früh nicht auf. In solchen Fällen ist wirklich das einzig Wahre: Morphium.
M ä u r e r :
Schilling schläft ohne Morphium. Kannst du mir denn um Gottes willen nicht sagen, was diese bleierne Betäubung, in die er verfallen ist, eigentlich zu bedeuten hat?
R a s m u s s e n :
O, ja. Der medizinische terminus technicus interessiert dich wohl nicht. Mach dir nur einfach klar, es ist ein Schlafzustand, aus dem nur noch ein vorübergehendes Erwachen möglich ist.
M ä u r e r :
Wieso denn »nur noch«? Was soll das heißen?
R a s m u s s e n :
Gut, reden wir weiter nicht davon.
M ä u r e r :
Ich nehme noch an, du willst doch damit nicht sagen, Rasmussen, daß für Schilling keine Rettung mehr ist.
R a s m u s s e n :
Allerdings, Ottfried, will ich das sagen.
M ä u r e r :
Deutsch und deutlich: daß Schilling sterben wird?
R a s m u s s e n :
Hör mal, rege dich weiter nicht auf, Ottfried. Das Leiden hat in schleichender Form wahrscheinlich seit einem Jahrzehnt in ihm gesteckt. Seine moralische Schlappheit wird dadurch erklärlich. Sonst hätte er wahrscheinlich den Weibern und allen korrumpierenden Einflüssen, seiner Natur nach, mehr Energie entgegengesetzt. Jedenfalls bin ich froh, daß ich noch meinen Frieden mit ihm gemacht habe.
M ä u r e r
(drückt furchtbar Rasmussens Arm):
Willst du denn damit sagen ... unmöglich ... das wäre ja grauenvoll.
R a s m u s s e n :
Ja, ja, ja, ja, mein Lieber, daran ist wahrhaftig nichts zu ändern. Zerbrich mir nicht meinen Unterarm. Schilling ist ein verlorener Mann und wird diese Insel nicht lebend verlassen.
M ä u r e r :
Und du willst behaupten, ein Zweifel ist ausgeschlossen?
R a s m u s s e n :
Wenn es dir Spaß macht, zweifle daran. Aber schließlich war Schilling schon so wie so ein bißchen unter die Räder geraten. Seine Integrität als Gentleman hatte sogar einen unangenehmen Flecken gekriegt, weshalb ja, wie dir besser bekannt ist als mir, seine eigenen Fachkreise von ihm abrückten.
M ä u r e r
(aufbrausend):
Das war eine unqualifizierbare Hetzerei, Rasmussen. Dort steckt die Gemeinheit, wo man dieser grundnoblen Natur nachgeredet hat, er ließe sich von Hanna Elias und von den Geldern ihrer Liebhaber aushalten. Meine Hand ins Feuer, das war ja gerade der Fehler dieses armen Kerls, daß es ihm gegen den Anstand ging, seinen Arm auch nur nach einer Mark auszustrecken.
R a s m u s s e n :
Schön! Aber damit erreicht man eben doch schließlich nichts.
M ä u r e r :
Meiner Ansicht nach hätte Schilling in der Kunst sehr möglicherweise trotzdem noch was Passables erreicht. Man mußte nur seinem trägen Willen nachhelfen. Du hätt'st ihn sehen sollen, noch wie er vor einigen Tagen war, als wir ihn hier tüchtig aufgepolstert hatten und bevor sein Verhängnis, in Gestalt dieser Hanna, hier auftauchte. Und deshalb behaupt' ich auch, wenn sein Leiden älteren Datums ist, so ist es doch erst seit der Ankunft der Weiber in das galoppierende Stadium eingetreten. Als er oben am Kirchhof zusammengebrochen war und wir kamen dazu und sahen diese Hanna über ihm, da kam es mir vor, als müßte nun irgendwelche höllische Hakelberend zu dieser vollendeten Hatz Halali blasen.
R a s m u s s e n :
Wo es dann aber noch ärger gekommen ist. Hüte dich nur vor der Majakin.
M ä u r e r :
Ich bin kein Gabriel Schilling, Rasmussen. In vierzehn Tagen pack' ich mir meine Lucie ein und rutsche mit ihr nach Florenz hinunter.
R a s m u s s e n :
Warum heirat'st du denn das Mädel nicht?
M ä u r e r :
Weil das für unsereinen immer die Klippe ist.
(Klas Olfers kommt.)
K l a s O l f e r s :
(schon aus einiger Entfernung):
't gibt Sturm, Herrschaft. Is Herr Moaler Schilling hier bei Sie, meine Hern?
M ä u r e r :
Gott sei's geklagt, da können wir leider nicht mit Ja antworten. Mensch, schlag mich tot, ich kann das nicht in meinen Hirnkasten kriegen, daß es da wirklich keinen Ausweg geben soll.
R a s m u s s e n :
Ich denke, das ist doch'n Ausweg, Ottfried.
K l a s O l f e r s :
Herr Schilling is nich tu Hus. Hei is heidi up und davon loopen.
M ä u r e r :
Mein braver Herr Olfers, Sie täuschten sich.
K l a s O l f e r s :
In goar keenen Fall, ich täusche mich nich, Herr Professor; 's Bett is leer, wir suchen em und wi finden em nich.
R a s m u s s e n :
Weit kann er gar nicht gegangen sein. Vielleicht hat er sich auf den Flur geschleppt und wird möglicherweise in einem Ihrer leeren Zimmer liegen.
K l a s O l f e r s :
Nee, is nich! Ick und Frau Elias, wi hoaben oalle Zimmer bis unner de Betten abgesucht. Hei is fort! Hei is gegen den Strand hin loopen!
M ä u r e r
(ruft durch die hohlen Hände):
Schilling! Schilling!
R a s m u s s e n :
Kinder, da müssen wir allerdings stramm suchen gehn. Es ist gar nicht unmöglich, daß er hier draußen irgendwo halb oder ganz bewußtlos liegt. Er kann die Nacht durch hier draußen nicht liegen bleiben.
M ä u r e r
(wie vorher):
Schilling! Schilling!
R a s m u s s e n :
Ich glaube schwerlich, daß er dich hört.
Schuckert mit zwei anderen Fischern kommt. Schuckert trägt eine brennende Laterne.
K l a s O l f e r s :
Na, Schuckert, wat is?
S c h u c k e r t :
Wi hewen nix funden. Wi hewen binoah den ganzen Strand bis Grobe hin abgesucht.
K l a s O l f e r s :
Und da häbt jie nix von dem Moaler Schilling, ock in den Dünen nich, gespürt?
S c h u c k e r t :
Nich an Strand unten und ock nich in den Dünen. (Er schreit durch die Hände): Ahoi! Ahoi!
(Fischer rechts am Strande antworten.)
D i e F i s c h e r :
Ahoi! Ahoi!
S c h u c k e r t :
Häbt jie wat funden?
D i e F i s c h e r
(rufen zurück):
Nä, wi nich!
M ä u r e r :
Wer kommt denn dort?
Der Wind bricht los mit gesteigerter Heftigkeit. Alle können nur mühsam gegen ihn ankämpfen. Lucie kommt.
L u c i e :
Famos, Ottfried, daß Schilling doch seinen Sturm noch kriegt!
M ä u r e r :
Wir sind auf der Suche nach Schilling, Lucie! Schilling ist nämlich aus dem Bett gestiegen und hat sich leise davongemacht.
R a s m u s s e n :
Wir wollen mal überlegen, Kinder!
L u c i e
(spontan):
Flucht! begreiflicherweise Flucht! — Dann ist das doch Hanna Elias gewesen. Es schreit nämlich eine weibliche Stimme dort unten in der Nähe, wo Fischer Kummer wohnt, fortwährend mit einigen Leuten herum.
M ä u r e r :
Schusterchen, geh und such sie auf. Gib mal acht: du hast die Aufgabe, sie möglichst von Schilling fernzuhalten.
Der Tischler Kühn tritt aus der Dunkelheit heran.
K ü h n :
Suchen Sie den Herrn Maler Schilling, meine Herrn?
M ä u r e r :
Jawohl, jawohl!
K ü h n :
Herr Schilling ist eben, vor eene kleene Viertelstunde erst, hier gewesen.
M ä u r e r :
Wo ist er gewesen?
K ü h n :
Hier, meine Herren.
M ä u r e r :
Täuschen Sie sich da etwa nicht, Meister?
K ü h n :
Ich hab sojar jesprochen mit ihm.
M ä u r e r :
Was haben Sie denn mit ihm gesprochen?
K ü h n :
So allerhand! Und dann ooch was, was mir jetzt erst uf die Seele gefallen ist. Ich sollte gehn und sollte Ihnen sagen, daß Herr Schilling baden gegangen is!
K l a s O l f e r s :
Nanu, Schuckert, nu woll wi den Schuppen ufmaken! Nu woll wi dat kleene Boot flottmachen. Komm man fix. Hast du den Slissel mitbrockt, Tjung?
S c h u c k e r t :
Tja, Klas Olfers, ick hebb em all.
Schuckert verschwindet hinter dem Schuppen, man hört den großen Schlüssel knarren und danach das große Tor aufgähnen.
R a s m u s s e n :
Herr Olfers, ich werde mit ins Boot steigen. (Zu Mäurer): Es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, daß Schilling in seiner Wassergier noch mal hinausgeschwommen ist.
Er läuft mit Klas Olfers und den anderen Leuten hinter den Schuppen, von wo man hört, wie alle zusammen das kleine Rettungsboot herausschaffen. Zuweilen dringt das dumpfe Poltern der Ruder durch den zunehmenden Wind. Das Meer beginnt stärker zu rauschen.
L u c i e :
Ich suche Hanna Elias auf.
M ä u r e r :
Wart mal! Wenn der arme Kerl wirklich mit Selbstmordgedanken etwa hinausgeschwommen ist, und ihn draußen womöglich Reue anwandelt ... Komm, wir machen ein Feuer an.
L u c i e :
Die Pechpfanne brennt ja schon vor dem Schuppen. Das rote Licht der Pechpfanne und beleuchteter Rauch dringen hinterm Schuppen hervor. Mehr und mehr Fischerweiber und Kinder kommen, in den Wind schwatzend und schreiend, aus der Dunkelheit. Sie fragen einander, dringen auf die Männer ein, um zu erfahren, was los ist; diese aber scheinen wortkarg nur damit beschäftigt, das Boot klarzumachen. Die Jungen klettern auf das umgestülpte Boot auf der Düne; einige die Strickleiter am Signalmast empor. Das Boot ist inzwischen ins Wasser gebracht.
M ä u r e r
(zu den Leuten, die ihn bestürmen):
Ich weiß nicht! Ich kann keine Auskunft geben! — Ich weiß nicht! — Ich weiß nicht! — Es tut mir leid!
Hanna Elias, in aufgelöstem Zustande, dringt durch die Menge hervor.
H a n n a :
Herr Professor Mäurer, ist er gefunden?
M ä u r e r :
Nein. Eben erst ist das Boot flottgemacht.
H a n n a :
Er ist immer noch nicht gefunden?
M ä u r e r :
Nein.
H a n n a :
Ich will mit ins Boot, ich muß mit hinausfahren.
Sie reißt sich los und eilt fliegenden Haares gegen das Boot hinunter.
L u c i e :
Ich weiß nicht, ich kann ihr nicht böse sein!
M ä u r e r :
Wie denkst du? Wollen wir uns auch anschließen?
L u c i e :
Sieh mal, wie das gespenstisch ist! Das ganze Meer sieht wie Steinkohle aus! Und es wirft schon wieder ziemliche Schaumkämme.
M ä u r e r :
Auch förmlich wie gelber Steinkohlenschaum.
L u c i e :
Schön! Und sieh mal im nassen Sande die gelben Reflexe.
M ä u r e r :
Ja, gelb und dahinter purpurrot! — Sag mal, du bist ja so ruhig, Schusterchen.
L u c i e :
Ich weiß nicht, seit der Wind so auffrischt, kommt so ein neues, frisches, freies Gefühl über mich. — Ich glaube nämlich ... jetzt ist er für ewig geborgen!
M ä u r e r :
Hast du Schilling gern gehabt?
L u c i e
(zu ihm aufblickend):
Nicht so, wie dich!
M ä u r e r :
Wollen wir immer beisammen bleiben?
L u c i e
(fatalistisch):
So lange es dauert in dieser Welt. — Still! Sie rufen dort unten so unheimlich!
M ä u r e r :
Am Ende ist er gefunden. Komm!
L u c i e :
Nein, Ottfried, ich gehe nicht mit.
M ä u r e r :
Warum nicht?
L u c i e :
Ich mag nicht! Ich kann das nicht. Wenn Schilling wirklich geflohen ist ... nein, nicht mehr ... nicht mehr wie die Jagdhunde nachlaufen.
M ä u r e r :
Gut. Amen.
L u c i e
(schnell):
Wahrhaftig, sie bringen ihn.
Dunkle Gestalten werden sichtbar, Fischer, die eine Bahre tragen, auf der Schilling tot liegt. Fischerweiber und Kinder folgen. Rasmussen geht neben der Bahre. Der Zug bewegt sich schweigend, hinter dem Schuppen hervor, unter dem Gallion vorüber, nach links vorbei. Lucie und Mäurer blicken Hand in Hand von einem erhöhten Standpunkt auf ihn herunter. Etwas Lautloses, Unwirkliches liegt in dem Vorgang.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.