Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano · Kapitel 1 von 1 · Teil 4/7

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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Gockel, Hinkel und Gackeleia

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant
Wollen wir correspondiren,
Invitiren, gratuliren!"

Der Alte:
"Guck', hier bei dem dritten Glöckchen
Hängt ein grünes, krauses Röckchen
Und ein Hut mit grünem Band,
Goldne Fransen an dem Rand;
Spielhahnfeder, Gemsenbart
Stecket drauf, nichts ist gespart;
Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt,
Alles, wie es sich gebührt,
Rothe Strümpfe, goldne Zwickel,
Ja, es fehlet kein Artikel,
Wenn sie als Tyrolermädchen,
Schmuck als wie ein Silberdräthchen,
Zitherspielend zieht durch's Land."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Zimm, zimm, zimm so spielest du,
Und ich singe Eins dazu."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem vierten Glöckchen
Hängt ein dunkelbraunes Röckchen
Und ein Häubchen in der Ferne,
Denn sie trägt es gar nicht gerne
Und ein ABC-Büchlein,
Wenn sie Lehrerin soll seyn,
Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen
Die Histörchen, zum Erzählen.
O, wie kann sie buchstabiren!
Fast so gut als deklamiren;
Und hier diese feine Ruthe
Für die kleinen Thunichtgute
Kriegt sie dann in ihre Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Nur die Ruthe nicht probiren,
Ich will recht hübsch deklamiren."

Der Alte:
"Hier bei diesem fünften Glöckchen
Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen
Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen,
Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen;
Sieh' die Goldpantöffelchen,
Wie zwei Zuckerlöffelchen,
Zieht sie an und mit dem netten
Tamburin und Kastagnetten
Schnurrt und rasselt ihre Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Schnurre, raßle, klappre nur
Und wir tanzen nach der Schnur."

Der Alte:
"Guck', bei diesem sechsten Glöckchen
Hängt ein schwarz und weißes Röckchen;
Wenn sie soll ein Nönnchen seyn,
Hüllt man ihr die krausen Löckchen
Hier in dieses Schleierlein,
Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen,
Und giebt ihr dies Rosenkränzchen
In die kleine, fromme Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Sag' hast du auch Pfeffernüßchen,
Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?"

Der Alte:
"Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen
Hängt ein feuerfarbig Röckchen
Nach der Mode von Vadutz
Zugestutzt, ein Zauberputz.
Auf dem Gürtel schwarz auf weiß,
Der zugleich der Zauberkreis,
Groß das ganze Alphabeth
Abera-Cadabra steht.
Hier ist auch der Zauberstab,
Wen er anrührt, geht in's Grab;
Ist es heut nicht, ist es morgen,
Keiner braucht darum zu sorgen.
Und hier ist der Zauberspiegel,
Wer hineinblickt, sieht das Siegel
Seiner Thorheit im Gesicht,
So bei Nacht als Tageslicht.
Und hier ist das Zaubersieb,
Wer es stiehlt, der kennt den Dieb;
Doch sieh' hier ein Wunderding,
Sieh' von Gold ein runder Ring,
Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug,
Hat zu viel und nie genug.
Lischt die Zauberlampe hier,
Riecht der Docht gar übel schier,
Zünde schnell den Wachsstock an,
Weil man sonst nichts sehen kann.
Dieses hier der Wünschhut ist,
Wünsch dich hin, wo du nicht bist.
Dies der Sack des Fortunat,
Gold ist drin, so viel man hat.
Aber hier dies Bäumchen heißt:
Rüttel dich und schüttel dich,
Schüttle, rüttle Herz und Geist,
Leib und Seele über mich.
Gieb mir Das und gieb mir Dies,
Schönster Baum im Paradies;
Wer dies sagt und rührt den Baum
Hat, was ihm gebührt, im Traum,
Schwer und leicht und seicht und tief,
Links und rechts und grad und schief.
Alles dies mit sauber'm Sinn
Braucht sie, wenn als Zauberin
Sie die Geister um sich bannt."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Rüttel dich und schüttel dich
Liebes Bäumchen über mich."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem achten Glöckchen
Hängt ein grünes, kurzes Röckchen,
Jägerhut und Jägertasche
Und die fein umflocht'ne Flasche
Und die Stiefelchen, die knappen,
Um im Wald herum zu tappen;
Alles dies wird angezogen,
Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen
Sie die flinke Jäg'rin spielt,
Und nach Reh und Häschen zielt;
Dann auch führt an einem Band
Sie dies Windspiel an der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Doch, das sollst du nicht mehr thun,
Lass' nur Reh und Häschen ruhn."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem neunten Glöckchen
Ein ganz reputirlich Röckchen,
Wenn sie ist ein Nähemädchen;
Hier im Körbchen, Nähelädchen,
Sind viel Zwirn--und Seidenfädchen,
Nadeln, Scheerchen, Fingerhut
Und noch viele Dinger gut.
Nimmermehr ihr Finger ruht,
Denn zuletzt noch zupfet sie
Alle Restchen zur Charpie;
Und nimmt dann die Kinderkäppchen,
Flickelfleckt aus hundert Läppchen,
All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen
Und die Schürzchen mit zwei Säckchen,
Ausgespitzt aus vielen Fleckchen,
All' die art'gen Dingerchen
Auf die feinen Fingerchen,
Drehet sie mit Freudenblicken
Und mit kind'schem Beifallnicken
Appetitlich auf der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Komm', ich hab gar schöne Läppchen,
Komm', wir machen Kinderkäppchen."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen
Hängt für sie ein krauses Röckchen
Und ein Hut mit Blumenstrauß,
Geht als Sennerin sie aus.
Sieh' im Korb die Blätter decken
Viele reine Butterwecken;
Fette Milch und frische Eier
Trägt sie feil, ist gar nicht theuer,
Jeder sie noch billig fand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Sennerin komm' und mess' geschwind
Mir ein Schöppchen Milch für's Kind."

Der Alte:
"Guck', bei diesem eilften Glöckchen
Hängt ein grob geflicktes Röckchen
Und ein graues Futtersäckchen,
Und hier in dem Wanderbündlein
Trägt ein schreiend Wickelkindlein,
Mit dem Lutscher in dem Mündchen,
Sie als Pilgerin durch's Land;
Hier ihr kluges, mag'res Hündchen,
Das Septemberle genannt,
Ist in aller Welt bekannt."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Armes Kindchen komm' zu mir,
Deinen Lutscher füll' ich dir."

Der Alte:
"Guck', bei diesem zwölften Glöckchen
Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen,
Breit verbrämt mit Hermelin,
Und am Krönchen goldig, perlich,
Und am Scepter blitzend herrlich
Lacht Smaragd und glüht Rubin.
Wenn sie sich als Königin
Setzt auf's goldne Thrönchen hin,
Und die goldgestickte Schleppe
Niederhänget auf der Treppe,
Küßt man still den goldnen Rand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Doch ich küsse ihre Hand,
Denn ich bin vom Grafenstand."

Der Alte:
"Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen
Hänget bei dem braunen Röckchen
Schäferhut mit breitem Rand,
Rosen drauf und grünes Band,
Und dazu auch Schäfertasche,
Schäferstab und Kürbisflasche,
Und dies Lamm an rothem Band
Führt die Hirtin durch das Land."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn
So allein, allein, allein!"


Der Alte:
"Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen
Hänget für das flinke Döckchen
Ein garnirtes Kaffeebrett,
Wenn sie schön die Wirthin macht;
O, das kann sie gar zu nett!
Sie nimmt Alles wohl in Acht,
Trägt nicht hoch das feine Näschen,
Stößt nicht um die kleinen Gläschen,
Theilt den Kuchen ein so klug,
Daß er reicht mehr, als genug.
Flinker als ein Wassernixchen
Präsentirt sie, macht ein Knixchen:
"Bitte, bitte!" rings herum.
Und kein Bischen kömmt je um,
Alles, was da übrig blieb,
Giebt den Armen sie aus Lieb',
Oder streut's den Vögelein--
Kann man allerliebster seyn!--
Mit der milden, treuen Hand."

Gackeleia:
"O wie artig! wie scharmant
Invitir ich sie zur Noth
Gleich auf Thee und Butterbrod."

Der Alte:
"Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen
Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen,
Helm und Speer und Schwert und Schild
Herrlich in der Sonne blitzt,
Wenn sie für Minerva gilt
Und das Eulchen bei ihr sitzt.
Ich verstehe nichts davon,
Doch ein hoher Kunstpatron,
Der mir schuldet, leider, leider!
Zahlte mich durch diese Kleider;
Er ist Extheaterschneider
Von Person und Condition,
Giebt auch Kindern Lektion
In der Mytholologie
Und Demagogokolie.
Er sprach: "Industrierende,
Krieger und Studierende
Rufen dir bei vollem Haus
Ihre Göttin gern heraus."
Wie er sprach, so ist's gescheh'n,
Jeder will Minervchen sehn.
Keiner weiß doch, was im Schild
Führt das kleine Götterbild;
Durch das Gitter aus dem Helm
Lauscht sie wie ein schlauer Schelm.
Hält sie's mit der Wissenschaft,
Gleich um ihres Speeres Schaft
Rosen, Myrthen und Gedanken
Sich in buntem Wechsel ranken.
Tritt sie krieg'risch in die Schranken,
Eifersüchtig gleich ihr Schwert
Jedes Listgeweb zerstört,
Das der Mückchen heiter'm Leben
Gift'ge Spinnen lauernd weben.
Rächend, daß Arachne's Hand
Sie einst webend überwand.
Ich verstehe nichts davon,
Sag' nur her die Lektion
Von dem hohen Kunstpatron,
Der wohl selbst sie nicht verstand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Kann die Spinnen nicht bedauern,
Die so auf die Mückchen lauern."

Der Alte:
"Guck', hier bei dem letzten Glöckchen
Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen,
Fallhut, Rassel, rothe Schuh'
Und ein Püppchen auch dazu,
An Figur und Art und Sitten,
Wie ihr aus dem Aug geschnitten.
Wenn sie spielt die Kinderrolle,
Hüpft dies Püppchen hinter drein,
Und sie neckt es: Molle, Molle!
Weil es nicht wie sie so fein.
Kind und Püppchen wetten dann,
Wer von ihnen beiden kann
Süßer: "bitte, bitte" sagen,
Daß Mama nichts ab kann schlagen.
Und dann spielt das Kind Verstecken,
Mit dem Püppchen sich zu necken,
Thut sich mit dem Schurz bedecken,
Ruft: "Wu Wu", es zu erschrecken.
Hierauf streut das noch verhüllte
Kind, den Vöglein die Brosamen,
Womit es die Säckchen füllte,
Und sie rathen seinen Namen:
Klandestinchen? Schirosellchen?
Penseröschen? Hirondellchen?
Kaschettinchen? Allerleja?
Und das Kind spricht: "Eja! Eja!
Gukuk! gukuk--nit da, nit da!"
Läßt sie fressen aus der Hand."

Gackeleia:
"O wie artig, wie scharmant!
Aber ich ruf', um zu necken,
Girri, girri beim Verstecken."

Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu, der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen Kleinigkeiten.--"Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider", sagte sie einmal über das andremal, "ach dürfte ich sie nur ein bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!"

"Halten Sie ein Comteßchen," sagte der Alte: "halten Sie ein, es wird mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für immer! bitte, bitte, bitte!"

"Die Puppe haben?" sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die Händchen, "ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie, nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu dürfen--ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein bischen, bitte, bitte!"

Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: "ein grausames Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe haben?--hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen sein Mäuschen, womit es spielt!"--"Schweig still, schweig still", sagte Gackeleia, "sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf!--aber es geht nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein Bischen, bitte, bitte!" Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich sehr irren, mit.

"Comteßchen", sagte er, "ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:

Liebes Kind! was soll mir das?
Wein' nicht so, du wirst ganz naß,
Ich muß lachend dir gestehen,
Gleich werd' ich dich trocken sehn."

"Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen, putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite, damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen--verstehen Sie Comteßchen, jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen und dem Kind ein Püppchen."-"Ach! ich darf aber keine haben", jammerte Gackeleia, "gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben"!--"Ganz gut", sagte der Alte, "bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn man muß immer sehen, was geschrieben steht." Da fieng Gackeleia an zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u.s.w.--keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur--und sie guckte den Mann und dann wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach: "wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?"

Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:

"Mit Verstand sind wir erschaffen,
Menschen haben nicht, wie Affen,
Alles nur gleich nachzumachen;
Zu begründen sind die Sachen.
Und so werd' ich auch beweisen,
Daß dies nicht kann Puppe heißen,
Daß Comteßchen ohne List
Sie darf haben, denn es ist
Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Schnur und nach der Uhr,
Und ein Mäuschen von Natur.
Eine Puppe steht ganz starr,
Aber hier der liebe Narr,
Hat da an dem Kettchen fein
Zu der Uhr ein Schlüßelein.
Ich zieh' auf--horch--knirr, knirr, knirr!
Sieh', schon geht sie in's Geschirr!
Wackelt mit dem klugen Köpfchen,
Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,
Regt die Aermchen hin und her,
Bis die Stund vorüber wär'.
Alles, Alles nach der Schnur,
Alles, Alles nach der Uhr
Thut kein Püppchen, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur."

"Ja", sagte Gackeleia, "das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur"; und der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht laufen,
Man muß stäts herum sie schleppen,
Diese rennt auf Flur und Treppen
Jede Puppe über'n Haufen.
Eine Puppe kann nicht hören,
Diese hier ist leicht zu stören,
Niemand hört sie, doch sie hört,
Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,
Wenn ein Holzwurm leise pickt,
Das Figürchen um sich blickt,
Spitzt die Oehrchen und erschrickt;
Und wenn gar die Katze maut,
Schaudert ihr die zarte Haut,
Bang ist ihr, es könnt' die Katze
Halten sie für eine Ratze,
Und sie hielt' mit einem Satze
Sie in ihrer scharfen Tatze;
Und gleich sucht sie eine Ecke,
Daß sie sich darin verstecke.
Keine Puppe, so thut nur
Eine schöne Kunstfigur,
Die trotz Uhr und die trotz Schnur
Ist ein Mäuschen von Natur;
Darum bitt' ich um die Güte,
Daß man sie vor Katzen hüte."

Da sprach Gackeleia:

"Ach ich hüt' mich schon davor,
Vater schrieb mir's hinter's Ohr!"

Der Alte fuhr fort:

"Eine Puppe kann nicht essen,
Die Figur hat's nie vergessen,
Ißt zu der bestimmten Stund'
immer sich hübsch satt und rund;
Braungebackne Semmelrinde
Knuppert sie gern ab geschwinde,
Könnte auch nach ihrem Magen
Speck und Schinken wohl vertragen,
Was sie aber niemals that,
Denn sie ist zu delikat,
Daß des Morgenlands Gesetze
Sie durch solche Kost verletze,
Drum lass' ich steinharten Kuchen
Sie belohnend oft versuchen.
Andern gönnt sie stäts das Beste,
Und sich selbst läßt sie die Reste,
Was so übrig ist geblieben,
Ganz demüthiglich belieben.
Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,
Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,
Daß man menschlich essen lerne
Und nicht mehr den Thieren gleicht.--
Ja ich zweifle, ob Comtessen
Jemals zierlicher gegessen."

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem Alten etwas in verweisendem Tone:

"Wie Comtessen essen, weiß ich,
Denn ich übe mich gar fleißig.
Die Erzmundwischmeisterin,
Comteß Torschon de Popin,
Lehrte mich, wie stäts bei Tische
Jeder anders, ländlich, sittlich,
Appe--und unappetitlich,
Standsgemäß das Maul sich wische.
Denk', die große Lektion
Vom Maulwischrecht kann ich schon;
Als ich mit Gefühlsbetonung
Sie bei Hof hab' deklamirt,
Wischt' die Königin, gerührt,
Mir das Mäulchen zur Belohnung."

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

"Hör'--nicht Puppe, sondern nur
Allerschönste Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und du Mäuschen von Natur!
Hör', was sittlich und dezent
Nach dem Tischzuchtreglement,
Alles, Alles sag ich dir.
Meine Meist'rin sprach zu mir:
"Alle Prinzen und Prinzessen,
Alle Grafen und Comtessen,
Alle Junker, alle Fräulchen
Wischen sich so Mund als Mäulchen,
Dupse-Däumchen, Fingerlein
An der Serviette rein.
O Comtesse, nie vergesse,
Wie ein Kind von deinem Adel
Mit Delikatesse esse--
Gackeleia ohne Tadel!
Schluck' nicht große Brocken ein,
Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';
Alles esse mit Manier,
Ohne Trägheit, ohne Gier,
Doch mit angeborner Zier;
Prüfe, ordne jeden Bissen
Recht mit zartestem Gewissen,
Ja mit feinem Skrupel schier.
Schiebe mit der Gabelspitze
Zierlich Alles, was nichts nütze,
Nicht an Reinheit ebenbürtig,
Nicht an Feinheit speisewürdig,
Daß du's über's Herzchen bringst
Und in's Mägelchen verschlingst,
Zähe Adern, harte Flechsen,
Harte Fasern von Gewächsen,
Schiebe solche Dingerchen
Leis auf deines Tellers Rand,
Heb' das kleine Fingerchen
Fein dabei an rechter Hand,
O, das steht dir ganz scharmant!
Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen
Wie die Teller-Lecker-Katzen,
Die unehrbar unter'm Tisch
Hörbar fressen Fleisch und Fisch.
Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen
Mußt du knuppern, und bei'm Trinken
Läßt du sanft die Aeuglein sinken,
Mußt du wie ein Vöglein nippen.
Wie man leckt und schmeckt und kaut,
Werde nie durch einen Laut
Irgendjemand anvertraut,
Eben so, wie man verdaut--
Alles still, gleich wie es thaut.
Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,
Was nicht soll zum Munde geh'n,
Jedes Krümchen noch so klein,
Streue aus den Vögelein!"

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von der Puppe, indem sie fortfuhr:

"Wie ich esse sagt' ich dir,
Wie du ißt, auch sage mir,
O! du Puppe, o du nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur!"

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in der Hand des Alten wackelte. Der Alte aber sagte: "Comtesse Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen nach den Worten des großen Abulfeda:

"In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,
Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.
Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,
Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt."

"Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!"-"Hören?" sagte Gackeleia, "sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig! "--"Geduld," sagte der Alte, "geben mir das Comteßchen ihr Körbchen, haben Sie nichts zu naschen?"--"O ja", sagte Gackeleia, "da sind Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und mir geschenkt."-"Herrlich," sagte der Alte, "aber eine ist genug," und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter und sagte: "Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret. "-Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

"Knupper, Knupper Kneischen,
Du knupperst ja im Häuschen,
O du schöne Kunstfigur!
Wie ein Mäuschen von Natur."

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf und sagte: "Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn, sonst schläft sie uns ein:

Denn nach Tische soll man stehn,
Oder tausend Schritte gehn,
Sagt der würdige Galen."

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her, nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. "ach sie winkt mir, sie winkt mir, sie möchte zu mir in den Garten--ach lieber alter Mann sage mir geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die Kunstfigur giebst!"--Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in seinen Gürtel und sprach: "O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer, betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen."

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach: "ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun, was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann."--Da erwiederte der Alte:

"Dein Vater hat ein Ringelein
Mit einem grünen Edelstein,
Der hat gar einen schönen Schein,
Laß mich nur einmal sehn hinein,
So werd ich gleich durch Mark und Bein
Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,
Dann soll das Kunstfigürchen fein
Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;
Es bleibt mit allen Kleidern sein
O lieb Comteßchen! immer dein,
Damit die Gackeleia klein
Nicht so allein, allein, allein!"

"Ei!" sagte Gackeleia",den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring bringe."

"Ganz gewiß", sagte der Alte, "ich will Ihnen die Kleider der Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem Schirm ein bischen aus der Façon gekommen." Da gab er ihr die Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer nachrief "aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich recht anlachen!" "Ja, ja ganz gewiß", rief der Alte und verschwand hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube, musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.

Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte und vor sich sagte: "ach wenn ich den Ring nur leise von seinem Finger herunter hätte!" da that der Ring seine Wirkung. Gockel schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte. Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: "die Kunstfigur her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der Vater aufwacht."

Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie anhängen hatte, in das Ohr und sagte: "Comteßchen! links müssen Sie leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten. Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert. Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt: braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb, ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen. Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich.--Hören Sie, um Sie ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr Stimmchen hören lassen." Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut aufschrie: "ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!" der Alte aber sagte: "nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch

Keine Puppe, sondern nur
Eine schöne Kunstfigur
Nach der Uhr und nach der Schnur
Und ein Mäuschen von Natur."

"Gewiß", sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber sagte noch: "Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen; wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon." Dann gab er die Puppe der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.

Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in seine großen Hände. "Ach!" rief ihm Gackeleia zu, "gelt, du hast dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind, geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen."-"O mir ist schon ganz fröhlich", sagte der Alte, "bald werde ich noch lustiger seyn!" Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur, worauf er sich in das Gebüsch verlor.

Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr, als hätte sie einen Stein von dem Herzen.

Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht, um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen, aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:

"Fahr', fahr', fahr' auf der Post,
Frag', frag', frag' nit, was's kost,
Spann' mir sechs Schimmel ein,
Ich will der Postknecht seyn,
Fahr', fahr', fahr' auf der Post!"

Gleich erwachte Gockel und sprach: "ei, es ist schon vorgefahren, gut, daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen." "Ich habe es gewußt", sagte Gackeleia, "ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir. "--Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs, den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war, in die Schürze, dabei rief er: "bravissimo! da capissimo! cito citissimo!"--hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen. --Das heiße ich mir gefahren!--Bei der Eierburg waren viele Menschen auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier, und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte; kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte. Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier, immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen Herrschaften.

Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer, die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle, der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er mitten unter ihnen. "Hast du, hast du?" schrieen sie dem Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: "Ja ich habe glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben, welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns die Bauern nicht herausgeholten hätten."

So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:

"Salomon du weiser König,
Dem die Geister unterthänig,
Mach' den Gockel wieder alt,
Zumpig, lumpig, mißgestalt,
Mach' Frau Hinkel wieder häßlich,
Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich,
Mach' die Gackeleia schmutzig,
Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.
Nehme ihnen Gut und Geld,
Schloß und Roß und Hof und Feld,
Jag' sie wieder Knall und Fall
In den alten Hühnerstall.
Aber uns drei Petschaftstechern,
Bau' ein Haus mit goldnen Dächern,
Mache uns zu Hofagenten,
Hoffactoren, Consulenten,
Rittern und Kommerzienräthen,
Commissären und Propheten.
Gieb uns Gold und Geld und Glanz,
Stell' uns hoch in der Finanz,
Mach' uns schön wie Davids Sohn,
Den scharmanten Absalon,
Mach' uns glücklich ganz enorm,
Orden gieb und Uniform!
Ringlein, Ringlein dreh' dich um,
Mach' es schön, wir bitten drum.

Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und Schimpfen unter dem versammelten Volk. "Ei, seht den alten Bettler, die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier zertreten!"--und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein, daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war, und schrie laut aus: "o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den Ring betrogen!"

Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zuund Umstände und in die Arme der Ober--und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung, theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen, mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.

Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt, häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen sah, schrie sie weinend: "ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?" da reichte mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: "da Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so--so, das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim Tanzen aufgehoben."--dann warf er ihr noch einen Thaler in die Schürze--"da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld steckt, das hole dir!"--dann zog er eine Bretzel hervor und sagte:

"ziehe!"--da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon;--und einen Bubenschenkel und sprach: "reiße!" und jedes riß die Hälfte davon; dann sprach er: "jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer beisammen bleiben wollen!"--da hoben sie beide die Hände auf und schworen.--Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte Kronovus umarmen, da rief Gockel: "Gackeleia tummle dich geschwind, der Bettelvogt kömmt!"--worauf Kronovus diesem zurief: "halte er sich zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen"; in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius, forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das königliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem Bettelvogt: "daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin, das Comteßchen anzurühren!" reichte ihr die Hand und sprach: "leide geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!" da lief Gackeleia, was giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als daß er sie fortgetrieben hätte. Auf dem Eiercirkus war große Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich, die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur ausstieß: "in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den Kerl auf einem Butterbrod!" so faßten ihn der Kommandant der Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Königin Eilegia forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt. Die Nerven, an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit, daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: "horreur! welche Bettelbagage!" der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der Rettungswissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein frisches Osterei mit der Inschrift: "Vivat Eilegia!", mit welchem die Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück--ach! --und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener anzulächeln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade, unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem Wein einen strengen Arrest aushalten.

Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang:

"Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,
Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen,
Aber das ist noch gar nicht viel
Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel;
Hier hat's gestanden lang und breit,
Wir leben in wunderbarer Zeit;
Der Markt ist leer als wie zuvor,
Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,
Schaut an ihr Herren dieses Wunder
Gieng schnell, wie es entstanden, unter;
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht,
Und lobet Gott den Herrn."

Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts wüßte. Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht mehr bei ihnen einkaufen würde.--Die guten Gelnhausener konnten aber doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten und heulten und alle Hähne krähten. Es war eine beispiellos angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für Gelnhausen. Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen:

"Patriotisches Gelnhausen jubilire,
Deine Fenster gleich all' illuminire,
Hochlöbliche städtische Metzgerschaft
Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;
Liefre Schweinsblasen viel und billig,
Zeig' edles Gelnhausen dich willig,
Lass' donnern den hehren Feierknall,
Erfülle die Nacht mit Freudenschall;
Eifrasius und Eilegia theuer
Geruhen harmonisch ungeheuer
Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,
Wer kanns ihnen unterthänigst verargen?
Es war ja, was ich schier heiser sag,
Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag.
Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch
Ist ganz wohl auf und singt munter noch:
"Gackeleia, liebste Gackeleia mein,
"Wann werden wir wieder beisammen seyn."
Postskriptum.
"Jetzt allgemeine Illumination,
Nebst großer Blasendetonation;
Morgen früh vor dem Hanauerthor
Große Parade vom Nachtwächterchor,
Dann nach Eierburg Deputation
Vom weißgekleideten Bataillon
Der Mädchen, Blumen zu streuen,
Sie können heute Nacht noch heuen
Im Mondschein auf städtischer Weide;
Daß keinen Schaden doch leide
Die Au bürgermeisterlicher Schafe
Wird geboten bei fünf Gulden Strafe."

Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:

"Der Patriotismus soll sich noch fassen
Und alles Obige unterlassen;
Nach einem ärztlichen Consulte
Sind zu vermeiden alle Tumulte.
Ein Genesungsfest in leisester Stille
Ist Eifrasii allerweisester Wille."

Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte.--Auf dem Markt am folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent. Der arme Gockel, die arme Frau Hinkel, die arme Gackeleia zogen wieder wie ehedem durch den wilden Wald nach dem alten Schloß; aber sie waren viel trauriger und redeten kein Wort, ja Frau Hinkel hatte gar die Schürze über den Kopf gehängt, weil sie sich schämte, so häßlich geworden zu seyn. Als sie auf einer Höhe angekommen waren, wo man Gelnhausen noch einmal sehen konnte, drehte sich Gockel um, und sprach: "unseliger Ort, wo ich um den köstlichen Ring Salomonis betrogen ward; abscheulicher, undankbarer Eifrasius, wie schändlich hast du mich in meinem Unglück verstoßen, und hast nicht daran gedacht, mir die hundert Stück neue Gockeld'ors wieder zu geben, die du in glücklicher Zeit von mir geborgt." Frau Hinkel aber rief aus: "o Königin Eilegia! wie manches indianische Vogelnest sammt den Eiern habe ich dir zum Geschenk gemacht, wie viele Eierspeisen habe ich dich bereiten gelehrt, wie viel hundert Ostereier habe ich dir mit schönen Blumen und Blättern bunt gesotten, die schönsten Muster zu Hauben und Garnituren a l'öff de Puffpuff habe ich dir mitgetheilt, und nun, da wir den Ring verloren und arm geworden, lässest du Undankbare mich zerlumpt und hungernd über die Gränze führen!"--Nun erhob auch Gackeleia ihre Stimme und sprach: "Ach du herzliebes Prinzchen Kronovus, du bist doch der Beste von Allen, du hast mir deinen Thaler geschenkt und dein Taschentuch gereicht, daß ich mich abwischen konnte; du willst mir dein Taschengeld alle Sonnabend am Entenpfuhl bei den Vergißmeinnicht in ein Ei verstecken; ach, du bist doch mein guter Kronovus geblieben und hast die arme, schmutzige Gackeleia nicht von dir weggestoßen. Ach, es thut mir recht leid, daß ich in der Angst vergessen, dir meine herrliche Puppe zum Andenken zu schenken."

Kaum hatte Gackeleia das Wort Puppe ausgesprochen, als Gockel zornig nach ihr blickte und sprach: "du unseliges Kind! du hast eine Puppe? welche Puppe? woher hast du die Puppe? weißt du nicht mehr das Urtheil bei dem hochnothpeinlichen Halsgericht wegen der Ermordung Gallina's, daß du von nun an und nimmermehr keine Puppe haben darfst! --ach, ich ahnde die Ursache meines Verderbens!" Und da er hierauf die kleine Gackeleia ergreifen wollte, lief sie vor dem erzürnten Vater nach dem äußersten Rande eines Felsens hin, der über einen schroffen Abhang hinausragte. Frau Hinkel schrie: "um Gotteswillen, das Kind fällt sich zu Tode!" und hielt Gockel beim Arme zurück. Gackeleia aber kniete auf dem äußersten Rande des Felsens, breitete ihre Aermchen gegen den Vater aus und sprach:

"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein
Springt und bricht sich Hals und Bein!"

Da bat die Frau Hinkel den Gockel sehr, er solle dem Kind verzeihen, und Gockel sagte: sie solle nur Alles erzählen, was sie angestellt, er werde sie nicht umbringen. "Erzähle Gackeleia", sagte die Mutter, "wo hast du eine Puppe herbekommen?" Da war Gackeleia in großer Angst, denn der Vater riß während der Erzählung an einer Birke, die bei dem Felsen stand, dann und wann ein Zweiglein ab, und es sah so ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen Besen, doch wenigstens eine Ruthe binden wolle; aber was half Alles, das Kind mußte sprechen und sprach:

"An mein Gärtchen kam heut Morgen
Ein alt Männchen ganz voll Sorgen,
Ließ vor mir im Tanz sich drehn
Ach! ein Püppchen, wunderschön."

"Da haben wir es", rief Gockel und riß ein starkes Birkenreis ab, "da haben wir die saubere Bescheerung, eine Puppe, o es ist himmelschreiend!" Gackeleia aber sagte geschwind:

"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Eine kleine Gärtnerin,
Lehrerin und Tänzerin,
Wirthin, Hirtin und so weiter,
Jede hat besondre Kleider."

"Abscheulich, abscheulich!" sagte Gockel, aber Gackeleia fuhr fort:

"Allerliebst, kaum auszusprechen,
Mir wollt' schier das Herz zerbrechen
Nach dem schönen Wunderding;
Als es an zu laufen fieng,
Als die Räder in ihm knarrten,
Wollt' es zu mir in den Garten,
Lief am Gitter hin und her,
Als ob es lebendig wär'.
Und ich glaubt' des Alten Schwur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Puppe sey,
Dacht' nichts Arges mir dabei."

"Schöne Ausreden", sagte Gockel unwillig und riß wieder ein Birkenreis ab; Gackeleia gefiel das gar nicht, und sie sagte:

"Vater, bitte, bitte schön,
Laß das Birkenreis doch stehn,
Ach ich sorg' vor Angst verwirrt,
Daß es eine Ruthe wird."

Da sprach Gockel ernsthaft:

"Gackeleia glaub' du nur,
Daß es eine Kunstfigur,
Daß es keine Ruthe sey,
Denk' nichts Arges dir dabei."

Da sagte Gackeleia:

"Kunstfigur von Birkenreis?
Ach du machst mir gar zu heiß!"

Und Gockel sagte:

"Kunstfigur für Kunstfigur,
Ruthe für die Puppe nur."

Da ward Gackeleia wieder sehr betrübt und schrie wieder ganz erbärmlich:

"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei,
Oder Gackeleia klein,
Springt und bricht sich Hals und Bein!"

Frau Hinkel bat sehr, und Gockel sagte: "ich werde sie nicht umbringen, sie soll nur erzählen, was der Alte weiter gesagt hat, und was sie ihm für die Kunstfigur gegeben hat." Da fuhr Gackeleia fort:

"Ach der Alte weinte sehr,
Hätt' nicht Vater, Mutter mehr,
Bruder nicht, noch Schwesterlein,
Keinen Sohn, kein Töchterlein,
Keinen Vetter, keine Base,
Nichts als eine lange Nase,
Einen Bart ganz weiß und lang,
War betrübt und angst und bang."

"Der alte Schelm", rief da Frau Hinkel aus und riß nun auch ein starkes Birkenreis ab, "der alte Schelm ist schuld, daß ich auch wieder eine so häßliche lange Nase habe." Und Gockel sagte: "Schau, Frau Hinkel, jetzt merkst du auch, was wir ihm zu danken haben, du die Nase und ich den Bart. O unglückselige Kunstfigur, was sind wir für abscheuliche Figuren durch dich geworden. Aber erzähle weiter Gackeleia, was wollte er für die Puppe"? Da erwiederte Gackeleia mit großer Angst:

"Für die schöne Kunstfigur
Wollt' in deinen Ring er nur
Einmal ein klein bischen blicken,
Seinen Kummer zu erquicken."

"O du abgefeimter Gaudieb", rief Gockel aus, "o du unseliges, leichtsinniges, spielsüchtiges Kind!--und da zogst du mir den Ring im Schlafe ab, und gabst dem Schelmen den Ring, sprich, sprich, hast du das gethan? sprich gleich, oder ich werfe dich auf der Stelle vom Felsen hinab." Da rief Gackeleia wieder in großer Angst:

"Vater Gockel ach verzeih',
Mutter Hinkel steh' mir bei;
Ja als Vater Gockel schlief,
Mit dem Ring ich zu ihm lief,
Doch er sah nicht lang hinein,
Gab zurück den Edelstein,
Den ich schnell zurückgebracht,
Eh' der Vater aufgewacht.
Ach ich will's nicht wieder thun,
Einmal ist das Unglück nun
Durch mich böses Kind geschehn.
Werdet ihr die Puppe sehn--
Nein nicht Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Ganz natürlich nach dem Leben--
Ach ihr müßt mir dann vergeben."

Und nun nahm sie die Puppe aus ihrem Körbchen, das sie am Arm hängen hatte, zog das Uhrwerk auf, und die kleine Reisende schnurrte so artig zwischen dem Thymian auf dem Felsen herum, daß Gackeleia ihr, in die Hände patschend, nachlief. Da erwischte der alte Gockel das Kind beim Arm und sagte: "Nun habe ich dich, habe ich dir nicht tausendmal verboten, meinen Ring ohne meine Erlaubniß anzurühren? Du hast ihn aber dem alten Betrüger gegeben, und der hat ihn mit einem andern vertauscht, der keinen Heller werth ist, und so hast du deine Eltern und dich in Schande und Armuth gebracht durch deine Begierde nach einer elenden Puppe". Da schrie Gackeleia ganz erbärmlich:

"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur.
Vater, Vater laß mich los!
Ach sie läuft durch Stein und Moos
Von dem Fels in vollem Lauf,
Mutter Hinkel halt' sie auf!
Daß sie nicht den Hals zerbricht;
Denn sie kennt die Wege nicht."

Die kleine Puppe lief auch ganz wie toll den Felsen hinunter, und Frau Hinkel wollte sie aufhalten, aber glitt auf dem glatten Rasen aus und rutschte ein ziemlich Stück Weg hinab. Darüber wurde der alte Gockel noch viel ungeduldiger und sagte: "nun sieh, das Unglück, deine Mutter bricht noch schier ein Bein über der abscheulichen Puppe. Recht muß seyn, du hast unverzeihlich gefehlt; jetzt wähle Gackeleia: entweder kriegst du hier recht tüchtig die Ruthe, oder du läßt die Puppe laufen", und da Gackeleia wieder schrie:

"Keine Puppe, es ist nur
Eine schöne Kunstfigur,
Nach der Uhr und nach der Schnur,
Und ein Mäuschen von Natur."-legte Gockel sie über das Knie und gab
ihr tüchtig die Ruthe mit den Worten:

"Keine Ruthe, es ist nur
Eine Birken-Kunstfigur,
Und du kriegst sie nach der Schnur,
O du Nichtsnutz von Natur!"

Und Gackeleia schrie:

"Mutter halt', o Jemine!
Halt' sie auf, sie thut sich weh."

Und Gockel schlug immer zu und schrie:

"Fitze, fitze, Domine
Thut die ganze Woche weh!"

Er hätte auch noch länger zugeschlagen, aber Frau Hinkel schrie so erbärmlich, sie könne nicht wieder herauf, daß Gockel das Kind los ließ und hinabgieng, ihr zu helfen. Kaum aber war Gackeleia los, so rüttelte und schüttelte sie sich über die fatale Kunstfigur, die sie empfunden hatte, und lief ihrer flüchtig gewordenen schönen Kunstfigur nach, die sie eben unten im Thale über den Steg eines Baches laufen sah; die Puppe lief, als ob sie vier Beine hätte, über den Steg und links um und in den Wald hinein und Gackeleia immer hinter ihr drein.

Gockel hatte indessen Frau Hinkel durch einen Umweg wieder auf die Höhe hinauf gebracht, und sie klagten sich unterwegs einander, wie der Schelm, der sie durch Gackeleia's Spielsucht um den köstlichen Ring Salomonis gebracht, gewiß einer von den alten Petschierstechern sey, die ihn einst um den Hahn Alektryo hatten betrügen wollen. Als sie unter solchen Reden auf den Fels zurückkamen und die Gackeleia nicht mehr sahen, riefen sie nach allen Seiten nach dem Kinde, aber nirgends hörten und sahen sie etwas von ihr. Da ward ihr Kummer um allen ihren Verlust in eine große Sorge um ihr Kind verwandelt, sie liefen hin und her und schrieen durch den Wald: "Gackeleia, Gackeleia!" und wenn das Echo wieder rief. Eia, Eia! glaubten sie, das Kind antworte, und so verirrten sie sich immer tiefer in der Wildniß, bis sie endlich beide, ach aber ohne Gackeleia, sich bei ihrem Stammschlosse wieder fanden. Die Vögel wachten alle auf und flogen wie alte Bekannte um sie her und grüßten sie, aber Gockel und Hinkel riefen immer in alle Büsche hinein:

"Gackeleia, komm doch nur,
S'ist ja eine Kunstfigur,
Komm' es soll dir nichts geschehn,
Wenn wir dich nur wieder sehn."

Aber keine Antwort von keiner Seite. Da saßen die zwei armen Eltern auf der Schwelle des alten Hühnerstalles nieder und weinten die ganze Nacht bitterlich, und alle Vögelein weinten mit. Am Morgen aber schnitt sich Gockel einen tüchtigen Knotenstock und gab auch der Frau Hinkel einen und sagte: "Liebe Frau! wir sind arme Leute geworden; aber es gebührt einem Raugrafen Gockel von Hanau und einer Raugräfin Hinkel von Hennegau nicht, im Unglücke zu verzweifeln; laß uns auf Gott vertrauen und unser Fräulein Tochter Gackeleia durch die weite Welt suchen, und sollten wir unterwegs Hungers sterben. Geh' du links, und ich geh' rechts. Alle Monate kommen wir hier wieder zusammen und sagen uns einander, was wir entdeckt haben, dabei können wir zugleich dem Dieb unsers Ringes nachforschen." Frau Hinkel war das zufrieden, sie umarmten sich beide unter bitteren Thränen und wanderten dann auf getrennten Wegen, Herr Gockel rechts, Frau Hinkel links. Und wenn sie in die Dörfer oder Städte kamen, sangen sie vor allen Thüren:

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