Herbstlicht verdichtet, wenn die Tage kürzer werden

Angelika Röhrig · Kapitel 1 von 1

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Herbstlicht verdichtet, wenn die Tage kürzer werden

Herbstlicht verdichtet

Angelika Röhrig

 

Herbstlicht verdichtet

 

wenn die Tage kürzer werden

 

Dieses Buch widme ich den Menschen, die im Herbst geboren sind.

SEPTEMBER

 

Herbsthimmel

 

so blau und weit und gläsern

plötzlich fliegen sie auf

Stare in Scharen

über die ungemähten Wiesen

hinter dem abgeernteten Stoppelfeld

inmitten einer diffusen Wolke

aus Schwirren und Flügelrauschen

klingt das Echo des Sommers

das Herz nimmt Abschied

leise

 

wendezeiten

 

die Äpfel fallen schon

zu früh, noch längst nicht reif

vom Wind verweht sind alle Dinge

und Blätter, die du schriebst

wo sind sie jetzt?

verblasst an Sonnentagen!

die Zeit, sie rennt

und nimmt dich mit so bleibt vom Sommer nur ein Duft

nach Äpfeln und nach Rosen

wenn Tage kürzer werden

und du an mir vorüber gingst

 

und wieder...

 

und wieder steigen nebel

über aschehalden

die mit trauerrändern

glut bedecken

die noch innen schwelt

wieder steigen nebel

über blättergrün

dass wie alte liebesschwüre

zu staub verweht

in ersten kühlen stürmen

wieder steigen nebel

über stadtruinen

die unter lautem klagen

tief getroffen

wieder erde werden

wieder steigen nebel

über herzenswünsche

die gepackt in wattekissen

für sich allein

vom frühling träumen

wieder steigen nebel

über neonrot

das im schrillen werben schmerzenden sirenen gleicht

die endlich leiser flüstern

und wieder steigen nebel

über herbstzeitlose

die unter hohen bäumen

verlässlich boten bleiben

in atemloser zeit

 

wenn der wind erzählt

 

und meine hand warm in der deinen liegt

öffnen sich zeitfenster ins blau

ich werde zum kind – vertrauensvoll

kummer versinkt im see

staunend lausche ich raunenden stimmen spüre geborgenheit

halt mich einfach fest

damit der wind mich nicht mitnimmt

aufbrausend

und ich verwehe

wie ein trockenes blatt

 

wandlungen

 

über verlassene gräber

streut der wind

blütenmeere

fern von der stadt

am see

schwanengesang

November

zwischen flirrenden gräsern

im licht

 

wie ein blatt

 

ich bin federleicht

nur noch flausige daunen

flusen mein angesicht

unter durchsichtiger haut

zerbrechliche strukturen

in sterbenden tagen

liegt verwandlung

und melancholische poesie

 

der wind, der wind, das herbstliche kind

 

herbstkind du sprichst mit den staren

bist wild und scheu wie ein fuchs.

vogelscheuchen kleidest du in lumpen vom letzten sommer ein im langen braunhaar hagebutten und wilder wein so schwebst du auf nebelbänken über raschelndes laub zwei saatkrähen sitzen auf deinen schultern was sie wohl erzählen mit ihrem krah-krah du lauscht, lächelst, fängst blätter auf mit offenen armen sammelst in große manteltaschen das gelb und grün; das rot und braun

zu eingetrockneten kastanien und eicheln jeder fallende blattstern entlockt ein ah und ein oh hurtig hebst du den rock und bückst dich

als gelte es einen schatz zu bewahren

klare graue augen glänzen

sprechen vom ersten frost und vom vereisten see

 

OKTOBER

 

ein baum verliert laub

haltlos schweben die blätter

gelöst

herz um herz

 

Ich zieh heut rote Kleider an

und Stiefelchen mit Fell bestückt

auf meinem Kopf der Hut

trägt eine rote Feder

fesch wippt sie mit

bei jedem Schritt

und grüßt den Fuchs

der sich im Stoppelfeld versteckt

Der Sturm hat mir ein Lied gesungen

und draußen zwischen rotem Laub

verliert der Ahorn sein Gewand

Ich tanz mit dir

und mit dem Wind der meine langen Haare zaust

durch Nebel hin zum Sonnenlicht

Der Tag wird uns zum Fest

wenn zwischen Tee und Kandis

Kerzen brennen bunt

und letzte Rosen duften

der Herbst

lässt Zeit zum Atemholen

und für die Liebe

Raum und Zeit

 

am aachener weiher

 

graue wolken fallen tief

versinken still im weiher

schwanenstart zum flug

jogger spiegeln sich rot - kurz

noch sind bäume grün

inmitten der sonntagsruhe

drängeln sich karpfen im nass

 

wie gelb dein blatt mir lacht

im fahlen grün des späten tages

du leuchtest herbst ins nebelgrau

dein herber duft

mischt sich mit hagebuttensüß

in meinem kopf

zu herbstvergnügten mußestunden

 

wenn alles verschwimmt

und licht dem körper schmeichelt

verliert zeit gewicht

der späte morgen legt gold

in die herbstbunten tage

 

*********

 

oktobersonne

spielt mit dem apfelbaumlaub

die amsel wippt - schau

 

längst vorbei

 

die zeit der rosen.

nur dornen blieben

neben hagebutten

und erinnerung

an lichtes grün

und zarten duft

ich werde beginnen

die früchte zu lieben

und ernten

Blättertanz

 

 

verzückt mit blättern tanzen

wirbelnd

und rascheln unter den füßen

hagebutten im haar

geschenkte freude

herbstlich

 

in zweigen tropfen

tauperlen glitzergolden

sonnenpunkte hell

federleicht, bunt

ein blick zurück

am waldrand du

jenseits vom wasser

zwischen wolkengebirgen

ein fetzen seeblau

 

wenn regengrau

zur nacht sich dichtet

dann wachsen zwischen zeilen

die traumbegrünten wunderbäume

sie treiben äste - zweige

und in den blättern

klingt ein vers

Es naht der Abendhimmel still

 

Die Sonne winkt mit letzten Strahlen

Den roten, reifen Trauben zu

Die fast entlaubten Bäume schenken Gold Es rascheln Blätter unter meinen Füßen Und schmeicheln warm auf dunklen Pfaden

Ein reger Geist ist morgenwach

Und seine Augen glänzen voller Leben Sind gütig, sanft und weise

Das Herz mag tags nicht trauern

Und meine Seele sehnt nach deiner sich Ist ungenährt noch längst nicht satt

Es sollen Uhren langsam gehen

Um dich zu lieben, diese späte Blüte

Die unfassbar aus tiefen Quellen schöpft

Und wenn du gehst:

Dann trägt mein Herz dich tief

Es fliegt auf sanften Daunenschwingen Und bettet dich in Rosengärten

Und wenn ich geh:

Dann folgt mein altersmüder Geist

Dem Sommerduft der Blütengärten

Du winkst und wartest schon am Tor

 

Gesammelte Federn

Lass die Worte auffliegen

wie hurtige Vögel

die zwitschernd und schilpend

den Schlehenbusch belagern

weil blaue Früchte locken

Ich fange sie auf

wie daunenleichte Federn

sammle sie ein

und winde mit meinen sie

zum archaischen Federschmuck

der in Büchern geschrieben

und als Geschenk dir überreicht

dich erfreuen soll

 

NOVEMBER

 

es knistert in meiner hand

gelb und rot zerbröselt

zwischen den fingern

eine trockene kastanie

die ich noch fand im moos

schmeichelt der hand

 

samhain

 

ich schau hinaus in diese nacht

nur eine kerze leuchtet

hinterm fensterkreuz

es öffnet sich das tor

wer wird es betreten

und still durchschreiten

damit ein neuer kreis sich schließt

herb ist die luft

sie atmet abschied

ich ahne kühle hände

und spür den flügelschlag der zeit

die rinnt

und rinnt und rinnt...

 

fischgedanken

 

der mond trägt heut ein zärtliches gesicht und seine sichel wiegt sich still

im blassen blau der cafe´stunde

novemberröte ziert die bäume

die kahl beschnitten

schwarze wurzelfinger

in den himmel strecken

es ist noch hell und laut

am fluss der stadt

indem ich lautlos schwimme

 

ein Novembertag

milde Wärme

begleitet

den blassblauen Tag

gedämpftes Licht

spielt mit herbstlichen Blättern

schmeichelt golden

im lauen Wind

gleiten Novembersterne

träumend leicht

dein Laub webt

einen Zauberteppich

knisternd und raschelnd

Novembertag

geborgen

hält Stille Einzug in mir

 

Herbstnuancen

 

zweiglein, zwieselchen

zwischen kletten verfilzt

zauselt der wind den moosgrünen filz

es zwitschern streunende vögel

mit zerrupften federn

plinkern mit schwarzen flinkaugen

schau, wie sie sich plustern!

und zanken um letzte hagebutten

husch husch - nichts wie weg

wenn saatkrähen nahen

im schwarzen frack und diebische Elstern

 

regentrubel

 

in die pfütze fallen tropfen

es plitschen und kreisen

winzige regenzwerge

sie hüpfen und springen

fröhlich voll übermut

mitten hinein ins graue nass

achtung, rote schritte am rand

gummistiefelrot

 

November-Regenlied

 

durch Regenpfützen huschen Schatten Baumspitzen tummeln sich auf dem Asphalt kokett

bizarr und filigran

sie wiegen, winden schaukeln sich

im Grau der kühlen Winterfürsten

und später dann

tropft es noch immer

aus übervollen Himmelsschleusen:

da lichtern bunte Geister

drei Rot, ein Blau, zwei Grün, fünf Gelb im Regentanz den Abend ein

noch toben die Geräuschkulissen

in Straßen

zwischen Häuserfronten wo in den Fenstern schon die Lampen entzündet warme Farben malen

und hinter den Gardinen

nur ab und zu

ein Schatten winkt

 

was am ende bleibt:

ein gelbes blatt in der hand

vom winde verweht

aber in kahlen zweigen

träumen schon blüten versteckt

 

*****

 

Nächte legen Schatten in den Tag

langsam breiten sie sich aus

nehmen Raum

ich werde Kerzen entzünden

und mit dir zu den Sternen schauen

mein Blick ist hell licht und klar

ein Versprechen darin

wie ein sonniger Wintertag

dem bald der Frühling folgt

 

es rinnt und fließt uns stets die zeit

wie wasser durch die finger

sie bleibt nicht stehn und nimmt uns mit durch alle lebenszeiten

Lichter in der Nacht

 

es schweben Lichter

übers stille Wasser

und leiten Seelen sanft

in ferne Weiten

kein Sturm

wird Flammen löschen

nur der Wind

lässt Dochte zittern

und wär ich selbst

in dieser Nacht das Licht

für einen Augenblick

bewegter Stimmigkeit

würd ich mich gern

verzehren

 

DEZEMBER

 

Bizarr

 

es dunkelte die Winternacht den Mond so hell auch webt sein Schein durch Wolkenwirren Silberglanz in frisch gefallenen Schnee Sterne groß vom Himmel fallen ein mattes Leuchten spiegelt sich im Fluss versunken

als sei die Nacht ein Traum

fern jeder Wirklichkeit

und Du und Ich

ein Staubkorn jenseits aller Zeit

 

Nichts bleibt, wie es war

 

Es bleibt nicht viel zu sagen in diesen Tagen nur das Blatt

schon rot zwischen all dem vergilbten Grün berührt mein Herz für einen Augenblick mit Wehmut Jahre kommen, Jahre gehen

Und du, mein heimlicher Geliebter

Gefährte meiner Seele

zählst keine grauen Haare mehr

die vom Winter erzählen

und vom Vergehen

äußere Dinge entfernen sich

mit Lichtgeschwindigkeit

und in die Himmel wachsen innere Räume Siehst du die Hagebutten noch

mit meinen Augen?

 

für marianne und ihr bilderblau

 

ein haus

gebaut aus abendhimmelblau

gedeckt mit spiegelschindeln

hoch oben in

verschneiten bergen

ein stummer fisch

im glitzereis

bewegt sich kaum

im fluss der zeit

und dunkle schatten

lauern

fledermäusen gleich

vom wind bewegt

ganz nah am stelzenhaus

und in der erde

unterm eis

ein erster grüner keim

 

wenn das jahr sich neigt

 

ein wort noch, mein freund

bevor du gehst und die zeit

dich verblassen lässt

etwas bleibt zurück in mir

ein hauch von melancholie

 

Der Tod trägt Rot

 

es liegen deine Lippen rot

so stumm in meinem Weizenfeld das abgeerntet unter Schnee

dem Winter trotzen wollte

Krähen meißeln Spuren

in das unberührte Weiß

als sei´s ein Blatt Papier

und ihre Krallen Federn

die Zeichen malen

die ich nicht verstehe

wie war der Sommer grün

und bunt

in jener Zeit

wo gestern noch

der Wind die Ähren wellte

liegt heute Sterben

stumm

wie deine Lippen rot

 

Inhaltsverzeichnis

SEPTEMBER

 

5 Herbsthimmel

6 Wendezeiten

7 Und wieder…

10 wenn der wind erzählt

11 wandlungen

12 wie ein blatt

13 der wind, der wind, das himmlische kind

OKTOBER

 

15 in baum verliert laub

16 ich zieh heut rote kleider an 17 am aachener weiher

18 wie gelb mein blatt mir lacht

19 wenn alles verschwimmt

19 oktobersonne

20 längst vorbei

21 Blättertanz

22 In zweigen tropfen

23 Wenn regengrau

24 Es naht der Abendhimmel still

25 Gesammelte Federn

NOVEMBER

 

27 es knistert in meiner hand

28 samhain

29 Fischgedanken

30 Ein Novembertag

31 Herbstnuancen

32 regentrubel

33 November-Regenlied

34 was am ende bleibt

34 Nächte legen Schatten in den Tag

35 es rinnt und fließt

36 Lichter in der Nacht

DEZEMBER

 

39 Bizarr

40 Nichts bleibt, wie es war

41 für marianne und ihr bilderblau

42 wenn das jahr sich neigt

43 Der Tod trägt Rot

Texte: Text: Angelika Röhrig Foto: JanWal Fotobearbeitung und Design: Angelika Röhrig

 

Alle Rechte vorbehalten.

Tag der Veröffentlichung: 06.10.2008

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