Hinter dem Horizont

Adorabelle · Kapitel 7 von 8

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Hinter dem Horizont

Kapitel Sieben

 

Einen endlosen Moment lang schien die Welt still zu stehen, doch dann schlug der einsetzende Tumult über mir zusammen wie eine gigantische Woge.

Ich stand da wie gelähmt und starrte hinüber zu der Stelle, wo Niklas reglos im weiß überstäubten Sand lag. Nils an meiner Seite sagte etwas zu mir, doch ich hörte nichts. Alles in mir drängte mich, hinüber zu rennen, neben Niklas auf die Knie zu gehen, ihn anzufassen, mich zu vergewissern, dass er lebte … aber ich stand wie angewachsen an meinem Platz.

Stattdessen sah ich, wie meine Mutter sich unter dem Zaun hindurchbückte und rasch zu dem Liegenden rannte, um den sich bereits in den wenigen Augenblicken seit seinem Sturz eine Menge Leute geschart hatten. Mit ruhiger Autorität erteilte sie Anweisungen, und gleich darauf zückte einer der Umstehenden ein Handy und wählte – vermutlich den Notruf.

Jetzt erschien auch Niklas` Vater auf der Bildfläche, und meine Mutter hob den Kopf.

„Ist zufällig ein Arzt hier?“ rief sie, doch offensichtlich war das nicht der Fall.

Etwas berührte mich am Arm, und als ich mich umwandte, sah ich in Nils` Gesicht.

„Hey!“ sagte er beklommen. „Du musst weiteratmen! Arno, Du bist weiß wie ein Laken!“ Dabei stand in seinen Augen die gleiche Angst, die auch ich fühlte.

Mein Vater trat neben mich, und wir beobachteten gemeinsam, wie meine Mutter Niklas in die stabile Seitenlage brachte und ihn dann mit der Decke zudeckte, die einer der Umstehenden gebracht hatte. Wo blieb denn nur der Rettungswagen?

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich ein Martinshorn, leise und weit entfernt, welches sich aber rasch näherte. Und als dann endlich die Rettungsassistenten und der Notarzt im Laufschritt auf dem Reitplatz auftauchten ging plötzlich alles rasend schnell – zumindest schien es mir so.

Innerhalb kürzester Zeit lag Niklas auf einer Trage und war an eine Infusion angeschlossen. Noch während die Trage angehoben wurde, bewegte er sich jedoch auf einmal und öffnete blinzelnd die Augen. Im nächsten Augenblick machte er eine ruckartige Bewegung mit dem Oberkörper und gab alles von sich, was er im Magen hatte. Die Helfer stellten die Trage wieder ab, und meine Mutter eilte an Niklas` Seite. Sie stützte ihn und hielt seinen Kopf, was gar nicht so einfach war, immerhin war er auf der Trage angeschnallt. Nun ist es wahrlich kein schöner Anblick, wenn sich jemand die Seele aus dem Leib kübelt, trotzdem fühlte ich in dem Moment eine unglaubliche Erleichterung: Wer so kotzen konnte, war jedenfalls definitiv am Leben!

Als der erste Schwall draußen war, setzten sich die Sanitäter wieder in Bewegung, begleitet von meiner Mutter und natürlich auch Niklas` Eltern. Automatisch folgte ich dem kleinen Zug ebenfalls, und Nils blieb ebenfalls an meiner Seite.

Am Tor folgte ein kurzer Disput, und schließlich kletterte Niklas` Mutter mit in den Rettungswagen. Gleich darauf schlug dessen rückwärtige Tür zu, und das Gefährt setzte sich in Bewegung. Ich starrte hinterher unfähig, wieder zurück zum Turnierplatz zu gehen. Alles in mir zog mich mit Gewalt zu Niklas. Ich wollte zu ihm, mich vergewissern, dass es ihm gut ging, dass ihm nichts Ernstes fehlte, und mein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen bei der Vorstellung, was noch alles passieren konnte. Meine Eltern hatten mich schon mehrmals angesprochen, doch nur langsam und allmählich sickerte diese Tatsache in mein Bewusstsein.

„Was?“ Ich drehte den Kopf, und mein Vater verzog das Gesicht. „Warum nicht gleich Hä

?“ fragte er und schüttelte den Kopf, kassierte aber sofort einen Rippenstoß von meiner Mutter.

„Nun sei doch nicht so!“ meinte sie ein wenig ungehalten. „Du siehst doch, dass ihn das ziemlich mitgenommen hat.“ Etwas leiser, aber immer noch so laut, dass ich es verstand, auch wenn das sicher nicht beabsichtigt war, fügte sie hinzu: „Immerhin ist Nils noch nicht so lange tot! Hab´ doch mal ein bisschen Verständnis, ja? Er hat das doch alles noch gar nicht verdaut!“

Der besagte Nils stand derweil für sie unsichtbar neben mir und schwieg, warf mir nur einen ernsten Blick zu, und ich sah die Angst und die Sorge um Niklas die darin standen und meine eigenen Gefühle widerspiegelten.

„Sorry, Arno, aber ich kann nicht hier bleiben! Ich sehe nach, wie es Niklas geht, okay?“ meinte er, und ich nickte leicht. Er sollte ruhig gehen, da war mir wenigstens ein bisschen leichter ums Herz, denn so bestand doch zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich in absehbarer Zeit erfahren würde, wie es um Niklas stand. Nur Sekundenbruchteile später war Nils verschwunden, und ich atmete tief durch.

Mein Vater nickte gerade ergeben, nachdem meine Mutter, von mir unbeachtet, halblaut auf ihn eingeredet hatte. „Ja, Du hast ja recht! Schon gut!“ sagte er, und mit einem Blick zu mir: „Wie ist es, sollen wir zurück zum Turnier gehen?“

Ich glotzte ihn verständnislos an – das war mit Abstand das Letzte, was ich jetzt tun wollte! Wieder schaltete meine Mutter sich ein. „Oder möchtest Du lieber nach Hause?“

Das wollte ich genausowenig – es gab eigentlich nur einen Ort, wo ich gerade sein wollte: bei Niklas!

Ich schluckte, und mein Mund war trocken, als ich schließlich bat: „Können wir nicht ins Krankenhaus fahren? Ich möchte wissen, ob mit Niklas alles in Ordnung ist!“

Einen Augenblick schwiegen meine Eltern – vermutlich überrascht, denn ich kannte Niklas ja kaum, doch dann nickte meine Mutter und fasste meinen Vater am Arm.

„Klar, Arno. Komm`!“ Sie zog meinen Vater mit sich, und so saßen wir kurz darauf wieder in unserem Auto.

Während der Fahrt zur Klinik sah ich stumm aus dem Fenster, und mein Magen war ein harter, kalter Knoten. Die Angst um Niklas hatte wieder voll zugeschlagen.

Nur gut, dass meine Mutter wohl dachte, ich sei noch traumatisiert durch Nils` Tod und wollte deshalb ins Krankenhaus fahren. In meiner Verfassung war ich mir nicht sicher, ob ich mich bei irgendwelchen Nachfragen oder Diskussionen nicht verplappert hätte …

Meine Gedanken zogen unsinnige Bahnen. Was würden meine Eltern wohl sagen, wenn sie wüssten, dass ich mich in einen Jungen verliebt hatte?

Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass sie ausflippten, dafür waren sie doch eigentlich viel zu liberal eingestellt, aber trotzdem war die Vorstellung, es ihnen zu gestehen unangenehm. Als die Klinik in Sicht kam, schob ich diese Überlegungen beiseite und konnte es kaum erwarten, aus dem Auto zu steigen. Das erwies sich als gar nicht so einfach, denn es war Sonntag, und offenbar hatte sich eine komplette Großstadt verschworen, ausgerechnet an diesem Nachmittag in Scharen das Krankenhaus heimzusuchen und sämtliche verfügbaren Parkplätze zu belegen! Es dauerte fast zehn Minuten, bis wir auf dem am weitesten von den Gebäuden entfernten Parkdeck noch eine Lücke ausmachten, und erleichtert ließ mein Vater den Wagen hineinrollen. Es war ein ziemliches Stück Weg vom Parkplatz bis zur Klinik, und ich machte große Schritte, denen meine Eltern kaum folgen konnten. In der Lobby angekommen, sah ich mich um und versuchte mich zu orientieren. Hier war ich noch nie vorher gewesen und hatte daher keine Ahnung, wohin ich mich wenden musste. Wo kamen denn die Rettungswagen an?

Meine Mutter kam zu mir - ein wenig außer Puste - und deutete auf eine Art Schalter, der mitten in der riesigen Halle platziert war. Dort saßen zwei Männer, von denen einer gerade telefonierte, während der andere vor einem Computerbildschirm saß und etwas eintippte. „Das ist die Information.“ sagte meine Mutter. „Lass´ uns da hingehen und nachfragen. Ich schätze zwar, dass Niklas noch in der Notaufnahme ist, aber da werden sie es genau wissen, wenn seine Daten schon im Computer sind.“

Zielstrebig steuerte sie den Tresen des Informationsschalters an, und als ich kurz nach ihr dort anlangte, hatte sie ihr Anliegen bereits vorgebracht, sodass der eine Pförtner bereits im Datennetz der Klinik nach Niklas suchte.

Einen Moment später hellte sich sein Gesicht auf, und er wandte sich an meine Mutter.

„Nach dem, was hier steht, ist er tatsächlich noch im Notfallbereich. Wollen Sie dorthin?“

Meine Mutter sah kurz zu mir, und dann nickten wir unisono, worauf der Pförtner die Hand ausstreckte und in eine Ecke der Eingangshalle wies.

„Nehmen Sie den Fahrstuhl 3 und fahren Sie runter ins Stockwerk-2. Wenn sie dann aus dem Treppenhaus kommen, gehen Sie rechts. Ab da ist es ausgeschildert.“

Wir bedankten uns und steuerten den Lift an, wobei ich mich suchend umsah, denn ich konnte meinen Vater nirgends entdecken. „Wo ist Papa?“ wollte ich wissen, und meine Mutter antwortete ohne mich anzusehen. „Er wartet draußen auf uns. Er hat gemeint, wir müssten ja nicht alle hier reinstürmen, sonst bekäme Niklas und auch seine Mutter womöglich einen falschen Eindruck von uns, von wegen aufdringlich und so. Aber wenn Du mich fragst,“ sie grinste ein wenig, „dann hat nur seine Angst vor Ärzten wieder zugeschlagen.“

Nun war es an mir zu staunen. „Papa hat Angst vor Ärzten?“ Sie nickte. „Yupp. Und vor Krankenhäusern.“ „Seit wann denn das? Davon weiß ich ja gar nichts!“ Erneut grinste sie und erwiderte: „Ja, klar, das ist ihm ja auch furchtbar peinlich! Was glaubst Du denn, warum immer nur ich mit Dir zum Arzt gegangen bin, wenn was war? Aber immerhin haben wir uns so kennengelernt.“

„Was? Wie?“ Ich verstand nur Bahnhof.

„Naja,“ sie wedelte mit dem Arm, „er kam eines Tages zu uns in die Praxis, mit einer schwer entzündeten Wunde am Fuß. Wegen seiner Phobie hatte er den Arztbesuch immer wieder vor sich her geschoben, und nun stand er kurz vor einer Sepsis. Natürlich musste der Fuß aufgeschnitten werden. Als der Arzt dann ins Sprechzimmer kam, wo ich ihn schon vorbereitet hatte, schlotterte er vor Panik am ganzen Körper, und als er das Skalpell sah, wurde er glatt ohnmächtig!“ Sie gluckste leise. „Ich glaube, das war der Moment, wo ich mich in ihn verliebte.“

Ich sah sie von der Seite an und konnte kaum fassen, was ich da hörte. Mein Vater, der starke Held meiner Kindertage, war aus Angst vor einem Arzt ohnmächtig geworden!?

Aber wenn ich so darüber nachdachte, fielen mir jetzt im Rückblick doch hier und da gewisse Kleinigkeiten auf, bei denen ich mir nie etwas gedacht hatte, die die Geschichte meiner Mutter jedoch untermauerten.

Während dieser kurzen Unterhaltung waren wir in den Fahrstuhl gestiegen und abwärts gefahren. Mit einem misstönenden „Pläng!“ stoppte der Lift, und wir stiegen aus.

Kaum waren wir aus dem Treppenhaus heraus, fanden wir uns in einem fensterlosen, elend langen Gang wieder, dessen mintgrün gestrichene Betonwände nicht wirklich mit dem dunkelbraunen Kunststoffbelag auf dem Boden harmonierte und der von in die Decke eingelassenen und mit lamellenartigen Gittern abgedeckten Neonröhren erleuchtet wurde.

Wie uns der Pförtner gesagt hatte, wandten wir uns nach rechts und weit vorne, wo sich das Ende des Flurs abzeichnete, fiel ein Streifen Tageslicht durch eine breite Glasfront ein. Das Krankenhaus war in einen Hang hinein gebaut, sodass man auf der einen Seite des Gebäudes ebenerdig in die Eingangshalle treten konnte, dann aber, zwei Stockwerke tiefer auf der anderen ebenfalls ebenerdig dasselbe wieder verlassen konnte. Dort lag die Notaufnahme mit der Zufahrt für die Krankenwagen, wo tagtäglich unzählige Patienten durchgeschleust wurden. Sie wurden per Rettungswagen gebracht, oder kamen per eigenem Pkw, mussten notfallmäßig behandelt werden, oder hatten einen Termin in einer der zahlreichen Spezialsprechstunden, die dort ebenfalls angeboten wurden. Immerhin war es die größte Klinik im Landkreis, und selbst von weit her kamen Patienten, beispielsweise wegen einer Herzoperation. Das wusste sogar ich, denn manchmal redete meine Mutter davon, deren Chef auch recht oft Patienten an dieses Krankenhaus überwies.

Sie liebte ihre Arbeit eben und war mit Leib und Seele dabei. Und oft genug konnte sie erst abschalten, wenn sie sich Frust, Kummer und Stress von der Seele geredet hatte.

Als wir in der Notaufnahme ankamen, herrschte dort hektische Betriebsamkeit.

Ich war selber noch nie dort gewesen und sah mich um, in der Hoffnung Niklas oder wenigstens seine Mutter irgendwo zu sehen, doch das war zunächst vergebens.

Links hinter der hydraulischen Tür, durch die wir eintraten, lagen fünf weitere Türen, im Abstand von jeweils etwa zwei Metern, durchnummeriert und allesamt geschlossen. Auf der anderen Seite blickte man in einen offenen Wartebereich, wo eine Menge Leute saßen und mäßig interessiert aufsahen, als meine Mutter und ich hereinkamen. Ein ganzes Stück den Flur hinunter lag der Aufnahmeschalter, hinter dem gerade eine Schwester mit Papieren hantierte, während sie gleichzeitig telefonierte. Meine Mutter steuerte sofort darauf zu und ließ sich auch von dem genervten Gesichtsausdruck der Schwester nicht abschrecken, sondern sprach sie an, sobald diese den Hörer aufgelegt hatte. Während ich mit einem Ohr zuhörte, ließ ich den Blick weiter schweifen, noch immer in der blödsinnigen Hoffnung, ich hätte Niklas nur übersehen.

Ich sah ihn trotzdem nicht, dafür war plötzlich Nils an meiner Seite. Er bedeutete mir, ich solle mit ihm kommen, und ich ließ mich von ihm um die nächste Ecke dirigieren.

Dort waren wir allein, und so bestürmte ich ihn in der nächsten Sekunde mit Fragen: „Wo ist er? Geht’s ihm gut? Was sagen die Ärzte?“

Nils machte eine beschwichtigende Geste, und ich zwang mich still zu sein und ihm zuzuhören. Das Gespräch meiner Mutter mit der Schwester würde nicht ewig dauern, und dann hatte ich erst mal keine Gelegenheit mehr, meine Fragen zu stellen. „Zu Frage eins: Er wird gerade geröntgt.“ antwortete Nils. „Zu zwei: es geht ihm ganz gut. Er hat anscheinend Glück gehabt und ist mit einer Gehirnerschütterung davongekommen. Der Helm hat Schlimmeres verhindert. Trotzdem machen sie eine Röntgenuntersuchung, um sicher zu gehen. Und die Ärzte möchten ihn gern eine Nacht lang hier behalten, um ihn zu überwachen. Wenn´s ihm morgen immer noch gut geht, kann er wieder nach Hause!“

Ich war so erleichtert, dass mir fast die Knie weich wurden. Es ging ihm gut – Gott sei Dank!

Doch da kam schon meine Mutter um die Ecke und hielt Ausschau nach mir.

„Arno? Ach, hier bist Du! Also, pass´ auf ...“ Was sie mir dann erzählte, deckte sich im Wesentlichen mit dem, was Nils mir bereits gesagt hatte, und als sie fertig war, schaute sie mich fragend an. „Also? Was machen wir jetzt?“ wollte sie wissen. „Willst Du hier warten, oder sollen wir gehen?“

Ich senkte den Blick zu Boden und erwiderte leise: „Können wir noch warten? Ich möchte ihn unbedingt sehen und mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.“

Ich konnte spüren, wie mir dabei die Röte ins Gesicht schoss, aber wenn meine Mutter dieses Ansinnen für seltsam hielt, so zeigte sie es jedenfalls nicht.

Sie nickte vielmehr und wies auf den Wartebereich. „Dann sollten wir uns aber hinsetzen, meinst Du nicht? Es kann noch eine Weile dauern, bis er zurückkommt.“

Das war dann auch tatsächlich der Fall, denn eine knappe Stunde später saßen wir noch immer da. Nils war wieder verschwunden, und ich vermutete, dass er sich in Niklas` Nähe aufhielt. Ich beneidete ihn fast ein bisschen, immerhin konnte er bei ihm sein und ich nicht.

Draußen wurde es allmählich dunkel, meine Mutter hatte bereits per Handy meinen Vater informiert und ihn gebeten, in der klinikseigenen Cafeteria auf uns zu warten. Blieb nur zu hoffen, dass er seine Krankenhaus-Phobie soweit überwinden konnte, denn sonst würde das für ihn eine reichlich frostige Angelegenheit werden. Aber eigentlich interessierte mich das in diesem Moment nicht die Bohne. Meine Gedanken waren bei Niklas, und je länger ich untätig herumsaß, desto wildere Kapriolen schlug meine Fantasie, sodass ich irgendwann aufstand und hin und her zu gehen begann, weil es mich nicht mehr auf meinem Sitz hielt. Im Geiste malte ich mir schon wieder die furchtbarsten Horrorszenarien aus und steigerte mich in eine irrationale Besorgnis hinein, die in keinem Verhältnis zu den gegebenen Tatsachen stand.

Meine Mutter dagegen saß entspannt da und blätterte sich durch den Stapel zerlesener Klatsch- und Tratschzeitungen, die man in so gut wie jedem Wartezimmer findet. Nur manchmal blinzelte sie zu mir hinüber, sagte aber nichts.

Jedesmal wenn die Hydrauliktür zum Gang sich öffnete, sah ich erwartungsvoll auf, nur um immer wieder enttäuscht zu werden. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wurde ein Kliniksbett hereingeschoben und darin lag – noch reichlich blass um die Nase – Niklas!

Mein Herz machte einen Satz, und am liebsten wäre ich sofort zu ihm gestürzt. Aber ich beherrschte mich noch gerade eben, auch wenn meine Erleichterung bestimmt mehr als deutlich zu sehen war. Ein Pfleger schob das Bett, Niklas` Mutter ging hinterdrein, und als Letzter folgte Nils. Er lächelte in meine Richtung und machte eine auffordernde Geste, ich sollte herüberkommen. Das Bett wurde ein Stück weiter unten im Flur abgestellt, und der Pfleger nahm einen großen, braunen Umschlag vom Fußende, bevor er in einem der Behandlungsräume verschwand.

Meine Beine wollten mir kaum gehorchen, als ich mich in Bewegung setzte, doch da schob sich schon meine Mutter an mir vorbei. Sie trat direkt an Niklas` Bett und lächelte.

„Hallo Niklas! Schön zu sehen, dass Dir anscheinend nichts Ernstes fehlt! Wie fühlst Du Dich denn?“

Er verzog das Gesicht und meinte: „Naja, es ging mir schon besser, aber ich schätze, ich habe echt Glück gehabt!“ Jetzt mischte sich auch seine Mutter ein und reichte meiner lächelnd die Hand.

„Sie haben sich doch nach dem Sturz um ihn gekümmert, nicht wahr? Vielen Dank!“

Inzwischen war ich auch angelangt und stand nun stumm und reichlich blöde da. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und der Blick, mit dem mich Niklas bedachte, war auch nicht dazu geeignet, meine Kommunikationsfähigkeiten aus der Reserve zu locken. Er wirkte abschätzend, kühl, fast schon feindselig, und so sagte ich schließlich überhaupt nichts.

Unsere Mütter redeten dafür umso mehr, aber irgendwann schien ihnen einzufallen, dass wir auch noch da waren. Frau Werner wandte sich plötzlich an mich und streckte auch mir die Hand hin.

„Ach, entschuldige bitte! Ich wollte nicht unhöflich sein, ich bin nur noch ein bisschen durcheinander! Du bist Arno, oder?“ Ich ergriff die dargebotene Rechte und nickte höflich. „Mein Mann hat mir schon von Dir erzählt! Das ist sehr nett von Dir, dass Du Dir solche Sorgen um Niklas machst! Aber Du kannst beruhigt sein, das Röntgen hat nichts Besorgniserregendes ergeben. Er hat wirklich nur eine Gehirnerschütterung.“ Sie lächelte und sah kurz zu ihrem Sohn. „Da werden für ihn die Weihnachtsferien eben schon ein paar Tage früher anfangen!“

Ich bewegte meine Mundwinkel nach oben und hoffte, dass es passte und nicht zu künstlich wirkte. Noch immer spürte ich Niklas` bohrenden Blick, der mich lähmte und mir den Mund versiegelte. „Magst Du auch Pferde?“ fragte seine Mutter da plötzlich und brachte mich damit völlig aus dem Konzept. Was sollte ich auch darauf antworten? Bisher waren Pferde für mich einfach nur irgendwelche großen Tiere mit vier Beinen gewesen, die meistens auf Wiesen herumstanden und Gras kauten, mehr nicht. Ich zuckte also hilflos die Achseln und war meiner Mutter überaus dankbar, als sie mir beisprang.

„Ich glaube, Arno hatte noch keine Gelegenheit sich zu entscheiden, ob er Pferde mag oder nicht. Wir wohnen in der Stadt, und da hat er noch keinen Kontakt zu vielen Tieren gehabt. Das höchste der Gefühle ist in unserer Wohngegend mal ein Hund oder eine Katze, verstehen sie?“

Frau Werner lächelte und nickte verständnisvoll. Dann wandte sie sich wieder an mich.

„Also, wenn Du möchtest, komm´ doch in den Ferien ab und zu vorbei. Wer weiß, vielleicht machen wir ja doch noch einen Pferdenarren aus Dir!“

Nun – die Zossen konnten mir meinethalben gestohlen bleiben, aber das war ja fast so gut, wie ein Sechser im Lotto! Eine solche Einladung bedeutete, dass ich zukünftig keine Entschuldigung mehr zu suchen brauchte, wenn ich Niklas sehen wollte! Fast wäre mir die untere Gesichtshälfte abgefallen, so breit war mein Grinsen, doch Niklas versetzte mir im nächsten Augenblick mit seiner Reaktion einen Dämpfer:

„Also, soweit es mich betrifft, braucht Arno nicht unbedingt zu kommen!“ sagte er mit finsterem Blick. Seine Mutter war schockiert und fuhr zu ihm herum.

„Niklas! Was ist denn los mit Dir? Warum bist Du so unhöflich? Und das, nachdem sich Arnos Mutter so um Dich gekümmert hat, nachdem Du gestürzt bist! Und nun haben sie sich sogar die Mühe gemacht hierher zu fahren, nur um zu sehen, wie es Dir geht!“ Er zuckte nur die Schultern, ohne hoch zu sehen, und ich fühlte mich bemüßigt zu erwidern: „Keine Sorge, Frau Werner, das ist schon in Ordnung! Wenn Niklas es nicht will, dann komme ich selbstverständlich nicht!“

Es tat weh, das zu sagen, aber hey? Es wäre ja auch zu schön gewesen, oder?

Doch Frau Werner schüttelte vehement den Kopf. „Ach was, das meint er doch gar nicht so! Nicht wahr, Niklas? Er hat nur einen ziemlichen Bums auf den Kopf gekriegt, das ist alles! Also lass´ Dich davon nicht beeindrucken und komm´ ruhig, hörst Du?“ In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu einem der Behandlungsräume, und der Pfleger von vorhin erschien im Türrahmen. Er wandte sich Niklas` Bett zu und erklärte, dass der Arzt Niklas jetzt noch einmal sehen wollte. Das war dann unser Stichwort, und meine Mutter und ich verabschiedeten uns.

Nils, der die ganze Zeit schweigend daneben gestanden hatte, trottete hinter uns her, noch immer ungewöhnlich still. Doch eigentlich war mir das gerade sehr recht, zu sehr war ich noch damit beschäftigt, mir einen Reim auf Niklas` plötzliche Feindseligkeit zu machen.

Okay, uns als Freunde zu bezeichnen wäre nun wirklich übertrieben gewesen, aber musste er so tun, als wäre ich ein gesuchter Schwerverbrecher?

In der Eingangshalle trafen wir wieder mit meinem Vater zusammen, und gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg. Natürlich wollte er auch wissen, wie es um Niklas stand, doch ich konnte mich nicht aufraffen, ihm erschöpfende Auskunft zu geben. Ich wollte nur noch nach Hause, in meinem Zimmer verschwinden und alles und jeden aussperren.

Abgesehen von Nils natürlich – wie sollte ich den auch bitte schön aussperren?

Er war in der Halle plötzlich verschwunden, und mir war klar, dass er vermutlich zuhause auf mich warten würde.

Aber ich täuschte mich.

Nachdem wir daheim angekommen waren, entfernte ich mich so bald wie möglich unter dem Vorwand, ich sei müde und stieg die Treppe hinauf zu meinem Zimmer, mich innerlich wappnend gegen die unweigerliche Quasselattacke von Nils. Doch als ich tief durchatmend meine Tür aufdrückte, fand ich das Zimmer verlassen.

Nils war nicht da.

Seufzend warf ich mich aufs Bett, überzeugt dort mindestens für die nächsten fünfzig Jahre liegenbleiben zu wollen. Müde schloss ich die Augen, aber dann sah ich nur Niklas` finsteres Gesicht vor mir und riss sie wieder auf. Was hatte ich ihm denn bloß getan? Na gut, da war noch immer die Sache mit dem Kuss, die irgendwie zwischen uns stand, aber ich hatte eigentlich gedacht, das wäre abgehakt. Und abgesehen davon, so kalt und ablehnend wie am heutigen Tag war er mir gegenüber noch nie gewesen, außer damals, als er mit der Mistforke auf mich losgegangen war!

Ich kam zu keinem Ergebnis, und allmählich ging es mir doch auf die Nerven, dass Nils nicht da war.

Wo steckte er denn bloß?

Ich wälzte mich noch eine Weile auf meinem Bett herum, doch irgendwann schlief ich ein.

 

Als ich aufwachte, war es mitten in der Nacht. Mir war kalt, weil ich ohne Decke geschlafen hatte, und ich war desorientiert, denn normalerweise schlief ich durch bis zum Morgen. Ganz automatisch wanderte mein Blick durch den Raum, in der Erwartung, Nils irgendwo zu sehen, doch diesmal war alles dunkel und still und – leer. Ich war allein.

Plötzlich hellwach setzte ich mich auf und rieb mir das Gesicht, während ich überlegte.

Wo konnte er sein? Niklas war im Krankenhaus, also war er bestimmt nicht bei ihm, oder? Andererseits … Meine Blase drückte, und ich rappelte mich vom Bett hoch. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf meinen Radiowecker – halb drei.

Während ich ins Bad tappte, kam mir der Gedanke, dass Nils möglicherweise unten im Erdgeschoss war, und kaum war ich fertig, schlich ich leise die Treppe hinunter. Ich schaute in alle Räume, doch nirgends war eine Spur von ihm zu sehen. Ich überlegte. Was konnte ich tun? Nun – genau genommen nichts. Außer Niklas wusste niemand von Nils´ geisterhafter Präsenz, und der war im Moment für mich unerreichbar. Also blieb mir wohl nichts anderes übrig, als wieder ins Bett zu gehen und abzuwarten, ob Nils am Morgen wieder da war.

Ich stapfte daher wieder nach oben, streifte meine Kleider aus und den Schlafanzug an, kroch unter meine Bettdecke und mummelte mich hinein.

Leider hatte ich es geschafft und mich so richtig wach gemacht, mit meinem treppauf-, treppablaufen. Dementsprechend lag ich nun schlaflos im Bett und wälzte mich grübelnd herum. Niklas kam mir wieder in den Sinn und der kalte Tonfall, in dem er sich meine Besuche verbeten hatte. Vielleicht sollte ich seinem Willen entsprechen und ihn einfach nie wiedersehen? Der Gedanke schmerzte, und ich krampfte die Finger ins Bettzeug. Wenn doch nur Nils hier wäre! Mit ihm hätte ich darüber reden können! So langsam wurde ich wütend auf ihn, dass er so einfach verschwunden war, ohne zu sagen wohin. Das letzte Mal, als ich auf die Uhr schaute, war um kurz nach fünf Uhr früh. Danach döste ich tatsächlich noch einmal ein und als mein Wecker klingelte, fuhr ich aus dem Schlaf, als wäre neben mir eine Bombe hochgegangen. Ich fühlte mich, wie eine dieser Comicfiguren, die mit zerrauften Haaren und weit aufgerissenen Augen dasitzen, nachdem man sie hochgescheucht hat, und vermutlich sah ich auch genauso aus.

Kurze Zeit später torkelte ich einigermaßen wach die Treppe hinunter und setzte mich an den Frühstückstisch. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, irgendetwas stimmte nicht, und als ich den Löffel in mein Müsli tauchte, fiel mir auch ein was: Nils war noch immer nicht zurück!

Verdammt! Wo steckte der Typ?

Der Schultag rauschte an mir vorbei, wie eine Kakophonie an durcheinander geschmierten Tönen und Farben. In meinen Kopf herrschte Chaos. Meine Sorge um Nils und die Konfusion in die Niklas mich gestürzt hatte, mischten sich zu einem zähen Gedankenbrei, dem ich nicht entkommen konnte und der mich daran hinderte, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich war froh, als die letzte Stunde endlich vorbei war, und kaum hatte es geläutet, stob ich aus dem Unterrichtsraum, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Nils war doch jetzt bestimmt wieder da?

Ich rannte die kurze Strecke bis zu meinem Zuhause, stürmte durch die Haustür, sah mich kurz um und rannte dann die Treppe hinauf in mein Zimmer.

Aber der Raum empfing mich so leer, wie ich ihn am Morgen verlassen hatte.

Einen Augenblick stand ich reglos da, dann schleuderte ich wütend meine Schultasche gegen die nächste Wand. „Verdammte Scheiße! Nils! Wo bist Du?“

Ich bekam keine Antwort und ließ mich schwer auf mein Bett fallen. War er etwa doch bei Niklas?

Einen kurzen Moment lang spürte ich einen Stich in der Brust und brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass es Eifersucht war, was sich da breit machte.

War sein ganzes Gerede über Freundschaft und so weiter doch nur hohles Geschwätz gewesen? Versuchte er es jetzt auszunutzen, dass Niklas nicht zur Schule ging und versuchte sich bei ihm einzuschmeicheln? Er war doch gestern auf dem Rückweg von der Notaufnahme die ganze Zeit so schweigsam gewesen. Hatte er sich da seinen Plan zurechtgelegt, um Niklas doch noch für sich zu gewinnen?

Auf der einen Seite war mir klar, dass ich mich gerade in vollkommen abstruse Vorstellungen hineinsteigerte, gleichzeitig kam ich jedoch nicht dagegen an, und meine Laune sank wie ein Stein dem absoluten Tiefpunkt entgegen.

Ich überlegte, was ich tun konnte. Ob Niklas schon wieder zuhause war?

Kurz entschlossen ging ich nach unten, entnahm dem Schreibtisch meines Vaters das Telefonbuch und blätterte es auf. Tatsächlich fand ich einen Eintrag für einen „Pferdehof Werner“ in Bendorf und griff nach dem Telefon.

Nachdem ich gewählt hatte, klingelte es eine ganze Weile, und ich dachte schon, es sei niemand zuhause. Doch als ich gerade auflegen wollte, meldete sich eine Frauenstimme, die ein wenig barsch und abgehetzt klang.

„Werner!?“ Es war offenbar Niklas` Mutter. „Ähm ... Hier ist Arno!“ Ich hatte mir gar keine Gedanken gemacht, was ich sagen sollte, darum stotterte ich jetzt ein wenig unbeholfen herum. „Ich wollte fragen … Niklas …. ich meine – ist er schon...?“ Sie verstand offenbar auch so, was ich wollte, denn sie unterbrach mich: „Du willst sicher wissen, ob Niklas schon aus dem Krankenhaus entlassen wurde, oder? Entschuldige, wenn ich ein bisschen kurz angebunden bin, aber um ehrlich zu sein, kommen wir gerade aus der Klinik. Wir haben ihn abgeholt, also – ja, er ist zuhause. Wenn Du möchtest, komm´ doch vorbei! Dann kann er Dir alles selbst erzählen, ja?“

Ich fühlte mich ein bisschen überfahren, trotzdem war ich natürlich auch froh, dass ihr diese Einladung so einfach von den Lippen gekommen war. Ich beeilte mich also, dankend zuzusagen und legte dann auf.

Keine halbe Stunde später saß ich im Bus und war auf dem Weg nach Bendorf.

 

Mit mächtigem Herzklopfen und weichen Knien läutete ich schließlich an der Tür des Werner´schen Wohnhauses, und kurz darauf wurde mir von Niklas` Vater geöffnet. Er lächelte, als er mich sah und schüttelte mir die Hand.

„Arno! Schön, Dich zu sehen! Geh´ nur nach oben, Du weißt ja, wo Niklas` Zimmer ist, nicht wahr? Und lass´ Dich nicht von seiner schlechten Laune runterziehen, hörst Du? Keine Ahnung, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist, aber ich hoffe, Dein Auftauchen vertreibt sie!“

Er lachte, und ich versuchte ein Lächeln, das allerdings ein wenig schief ausfiel. Niklas war schlecht gelaunt? Hieß das etwa, Nils war bei ihm und ging ihm auf die Nerven?

Etwas beklommen stieg ich die Treppe nach oben und stand dann unschlüssig vor der geschlossenen Tür zu Niklas` Zimmer. Das Herz schlug mir bis in die Kehle hinauf, als ich endlich mit zitternden Händen anklopfte.

Von drinnen kam ein knurriges „Ja?“, und nach einem letzten tiefen Atemholen trat ich ein.

Halb hatte ich ja erwartet, Nils dort drinnen vorzufinden, aber ich sah mich getäuscht, Niklas war allein.

Er lag auf seinem Bett, voll bekleidet und mit einem Buch in der Hand. Offenbar hatte er nicht mit mir gerechnet, denn als er mich erkannte, wurde sein Gesicht finster und mürrisch. „Arno?“ fragte er unterkühlt. „Was machst Du denn hier? Habe ich gestern nicht klar und deutlich gesagt, Du brauchst nicht zu kommen?“

Verlegen blieb ich an der Tür stehen und ließ die Schultern hängen. „Naja, … ich wollte nur … ich meine ...“ stotterte ich. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und riss mich zusammen. „Ist Nils bei Dir?“ fragte ich so fest wie möglich, und einen Moment lang schimmerte ein Riss in Niklas` unnahbarer Fassade. Doch sofort hatte er sich wieder in der Gewalt. „Nils? Nein, wieso? Ist der nicht bei Dir?“ fragte er und schüttelte dann schnaubend den Kopf. „Nicht dass ich Bedarf an seiner Anwesenheit hätte, um Himmels willen! Reicht mir schon gerade, dass Du hier bist, da muss der andere Spinner nicht auch noch herkommen!“ Seine Ablehnung verletzte mich, und ich fragte mich erneut, was ich ihm getan hatte, dass er mich so behandelte. „Soll das ein Witz sein?“ fragte er, und mir wurde plötzlich klar, dass ich die Frage laut gestellt hatte.

„Hast Du schon vergessen, was passiert ist, als Du das letzte Mal hier warst? Mein Bedarf an sowas ist vorläufig gedeckt!“ Verlegen sah ich zu ihm hinüber, während mir die Röte ins Gesicht stieg. Zu meinem Erstaunen hatte auch Niklas` Gesicht eine zart rosa Tönung angenommen.

War ihm die Angelegenheit also so unangenehm? Ein unbehagliches Schweigen entstand, und mitten hinein schrillte die Türklingel. Wir hörten leise Stimmen und gleich darauf leichtfüßige Schritte, die die Treppe hinaufgeeilt kamen. Es klopfte, und im nächsten Moment schlüpfte eine schlanke Mädchengestalt ins Zimmer.

„Na sag´ mal, Niki?“ wurde der im Bett Liegende fröhlich begrüßt, „Was treibst Du denn, wenn ich mal nicht in der Nähe bin?“ Die Besucherin trat ans Bett und setzte sich völlig selbstverständlich auf die Kante desselben. Dann erst schien sie mich zu bemerken und lächelte auch mir zu. „Oh, Du hast Besuch? Hallo, ich bin Anna!“ Sie streckte mir die Hand entgegen, und ich ergriff sie automatisch, während ich ihre Besitzerin musterte.

Blonde Locken ringelten sich um ein schmales Gesicht mit zarten Zügen, und ein paar blaue Augen blitzten mit den weißen Zähnen um die Wette, als sie meinen Händedruck erwiderte. Früher wäre ich Hals über Kopf auf diesen Typ Mädchen abgefahren, aber jetzt regte sich ein ganz anderes Gefühl in meiner Brust, das ich noch nicht zu benennen wagte. So vertraut wie sie sich gab, bedeutete das, dass sie und Niklas …? Ich mochte den Gedanken gar nicht zu Ende denken. Und mitten hinein klang plötzlich noch Niklas` Stimme: „Kein Problem, Anna. Arno wollte sowieso gerade gehen!“

Er warf mir einen eisigen Blick zu, und was blieb mir da anderes übrig? Ich ließ den Kopf hängen, murmelte einen Gruß und ging zur Tür.

„Ciao, Arno!“ rief Anna mir noch gut gelaunt nach und dann hörte ich sie sagen: „So, jetzt lass´ Dich aber erst mal richtig begrüßen!“ Neugierig was das wohl heißen mochte, drehte ich mich in der Tür noch einmal um und sah, wie sie Niklas in ihre Arme zog und er diese Geste ebenso erwiderte.

Das hatte eine Wirkung auf mich, wie der sprichwörtliche, kalte Guss. So war das also!

Niklas und Anna waren zumindest sehr vertraut miteinander, wenn nicht mehr.

Plötzlich hob Niklas den Kopf, und unsere Blicke kreuzten sich. Und darin stand auf einmal etwas völlig anderes, als noch kurz zuvor. Nicht mehr diese kalte Ablehnung, sondern etwas, was ich nicht einordnen konnte, seine Augen aber in seltsamem Glanz schimmern ließ, bevor er sich rasch wieder abwandte.

Ich eilte nach unten und stürmte aus der Haustür, froh darüber, keinem seiner Eltern mehr begegnet zu sein. Alles in mir war in wildem Aufruhr und in meiner Brust krampfte sich das Herz zusammen, wenn ich an Niklas und Anna dachte und daran, was wohl jetzt geschah, wo sie allein miteinander waren! Und was war das für ein Blick gewesen, den er mir da zugeworfen hatte? Ich hatte beinahe geglaubt, er würde jeden Moment anfangen zu weinen, aber das war doch Blödsinn, oder? Tief in meine Grübeleien versunken langte ich wieder bei der Bushaltestelle an. Glücklicherweise kam schon bald ein Bus, mit dem ich zurück in die Stadt fahren konnte. So war ich keine zwei Stunden nach meinem Aufbruch schon wieder zuhause und verfluchte mich, dass ich überhaupt losgefahren war. Wäre ich daheim geblieben, hätte ich mir einiges erspart! Andererseits, so überlegte ich, hatte ich jetzt etwas erfahren, was mir vielleicht helfen konnte, über meine Gefühle hinweg zu kommen: Ich wusste jetzt, dass es ein Mädchen gab, Anna, und es sah ganz danach aus, als wären sie und Niklas mehr als nur gute Freunde. Es gab also keinen Grund anzunehmen, Niklas könnte sich irgendwann auf die gleiche Weise für mich interessieren, wie ich für ihn. Da ich das jetzt wusste, konnte ich gleich damit anfangen, ihn mir aus dem Kopf zu schlagen! … Plötzlich stieg eine heiße Welle in meiner Brust auf, drängte sich in meine Kehle und dann in Form eines erstickten Schluchzers über meine Lippen. Alle Kraft wich aus meinem Körper, und ich sank auf mein Bett. Tränen strömten mir übers Gesicht, und ich rollte mich zusammen wie ein Embryo, als könnte ich mich so vor dem Sturm schützen, der über mich hinwegfegte.

So wie jetzt hatte ich nicht mehr geweint, seit ich zehn Jahre alt gewesen war, nicht einmal nach Nils` Tod. Und irgendwie weinte ich um alles, was seit diesem furchtbaren Tag passiert war: Um den Tod meines besten Freundes, meine gefühlsmäßige Achterbahnfahrt, Nils Verschwinden, und nicht zuletzt die Tatsache, dass ich meine gerade erst mühsam halbwegs akzeptierten Gefühle für Niklas wohl begraben musste, bevor überhaupt irgendetwas gelaufen war, was sich zu begraben lohnte! Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich leergeweint hatte, und paradoxerweise fühlte ich mich danach irgendwie leichter, so als hätte jede einzelne Träne ein messbares Gewicht besessen. Anschließend drehte ich mich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Zimmerdecke. Ich ließ jede Begegnung mit Niklas vor meinem geistigen Auge Revue passieren, gerade so, als wäre ich versessen darauf, Salz in meine offenen Wunden zu streuen.

Was war ich doch für ein Waschlappen! Was hatte ich denn erwartet? Dass Niklas mir schmachtend zu Füßen sank, nur weil ich ihm bei der Auseinandersetzung gegen die drei Raufbolde beigestanden hatte? Und genau genommen war ich das ja gar nicht gewesen, sondern Nils!

Egal, wie man die Sache betrachtete: es war Blödsinn, sich was vorzumachen – Niklas wollte nichts mit mir zu tun haben, also sollte ich das besser akzeptieren. Irgendwann würde ich schon drüber wegkommen und mich dann hoffentlich beim nächsten Mal wieder in ein Mädchen verlieben, wie es sich gehörte! Was mir dann noch blieb, war die Ungewissheit wegen Nils. Wo mochte er nur stecken? Das entsprach doch so gar nicht seiner Art, sang- und klanglos zu verschwinden, oder? Aber wenn er nicht hier bei mir und auch nicht bei Niklas war, wo konnte er denn noch sein? Ich zermarterte mir das Hirn, kam aber auf keinen grünen Zweig und schlief schließlich ein. Im Traum fand ich mich allein in einer düsteren Nebellandschaft. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, weil ich nicht mal den Boden erkennen konnte. Ich hatte keine Ahnung, was vor mir lag, oder neben mir, denn ich sah nichts, außer den weichen, weißen Schwaden, die sich mir kalt aufs Gesicht legten, einen feuchten Film auf meiner Kleidung hinterließen und sich in Form winziger Tröpfchen an meinen Wimpern und Augenbrauen niederschlugen, sodass ich sie dauernd mit den Händen wegwischen musste, um wenigstens das bisschen Sicht, das mir geblieben war nicht zu verlieren.

Ich hatte schreckliche Angst, dass sich vor mir plötzlich ein Abgrund öffnen und ich hineinstürzen könnte, weil ich ihn nicht bemerkte. Mein eigener Atem klang hektisch und laut, und mein Rücken war schweißfeucht. Die erhobenen Hände vor mir ausgestreckt tastete ich mich im Schneckentempo vorwärts und wusste nicht mehr, wo oben und wo unten war.

Plötzlich hörte ich eine leise Stimme. Jemand rief meinen Namen. Ob die Stimme aber nur deshalb so leise war, weil sie vom Nebel gedämpft wurde, oder ob der Rufer weit entfernt war, vermochte ich nicht zu sagen.

Ich blieb stehen, drehte mich im Kreis und horchte angestrengt, von wo die Stimme zu mir drang.

Sie kam mir bekannt vor, ich überlegte, und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen – oder besser von den Ohren? - das war doch Nils, der da rief!

„Arno!“ Das kam von links, und ich wandte mich in die entsprechende Richtung.

„Arno!“ Diesmal schien es von rechts zu kommen, und ich machte kehrt. Ein drittes Mal erklang mein Name und schien von irgendwo hinter mir gerufen zu werden. Verwirrt blieb ich stehen. „Nils? Wo bist Du, Mann?“ rief ich, aber es blieb still. Ängstlich, aber entschlossen tappte ich in die Richtung, von wo ich ihn das letzte Mal hatte rufen hören, doch wie um mich am Fortkommen zu hindern, zogen sich die Nebelschwaden um mich zusammen, begannen mich zu umwirbeln und schon bald wusste ich nicht mehr, ob ich noch auf dem richtigen Weg war. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, Panik machte sich breit, ich schwankte wild nach allen Seiten, und schließlich fuhr ich mit einem Aufschrei in die Höhe.

Ich saß auf meinem Bett, vor dem Fenster war es dunkel geworden, und aus dem Erdgeschoss drang ein schrilles Klingeln an mein Ohr. Das Telefon!

Schlaftrunken rappelte ich mich auf, stolperte die Stufen hinunter und nahm den Hörer ab.

„Ja?“ Im nächsten Moment war ich so wach, wie man nur irgend sein konnte, denn es war Niklas!

„Arno? Bist Du das? Hier ist Niklas.“ Er klang nicht gerade so, als freue er sich, mit mir zu reden, und ich fragte mich schon, wieso in Gottes Namen er dann überhaupt anrief, aber dieses Rätsel wurde mit seinen nächsten Sätzen gelöst: „Meine Eltern wollen sich bei Euch für die Hilfe gestern bedanken. Sie möchten Euch für übermorgen Abend zum Essen einladen, wenn Ihr noch nichts anderes vorhabt.“

Er schwieg einen Moment, und auch ich wusste nichts Geistreiches beizusteuern. In meinem Kopf ging alles durcheinander, und schließlich sagte ich: „Das ist wirklich nicht nötig. Meine Mutter hätte das für jeden Anderen auch getan, also müsst Ihr Euch keine Umstände machen, wirklich nicht!“

Ich hörte, wie er am anderen Ende tief Atem holte, und dann erwiderte er: „Schon klar! Aber meine Eltern bestehen drauf! Ich könnte auch gut darauf verzichten, aber sie haben mir die Hölle heiß gemacht, weil Du heute so schnell wieder weg warst. Sie glauben, ich hätte Dich rausgeekelt. Jetzt meinen Sie, dieses Essen wäre eine gute Gelegenheit, unsere Missverständnisse auszuräumen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie möchten, dass Ihr übermorgen Abend gegen 19 Uhr kommt, natürlich nur, wenn Ihr Zeit habt?“ fügte er hoffnungsvoll hinzu, und ich machte mir keinerlei Illusionen über die Art der Hoffnung, die dahintersteckte. Er hoffte selbstverständlich, dass ich sagen würde, wir hätten keine Zeit, also beschloss ich, ihm den Gefallen zu tun. Ich wollte ihm meine Gegenwart nun wirklich nicht aufzwingen.

„Ähm, das tut mir leid. Sag´ Deinen Eltern doch bitte, dass es übermorgen nicht geht. Wir haben schon was anderes vor, sorry!“ Ich konnte seine Erleichterung förmlich durchs Telefon hören, und es versetzte mir einen neuerlichen Stich.

Ohne großes weiteres Geplänkel verabschiedeten wir uns, und ich legte auf. Anschließend stand ich noch eine Weile da, die Finger auf dem Telefonhörer und starrte ins Leere.

Das war vermutlich gerade das letzte Mal gewesen, dass ich mit Niklas gesprochen hatte...