Hinter dem Horizont
Kapitel Acht - Schluss
Am nächsten Tag war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, und Nils war noch immer nicht zurück. Nach dem Aufstehen fragte ich mich einen Augenblick lang allen Ernstes, ob ich mir vielleicht alles, was in den letzten Wochen geschehen war, einfach nur eingebildet hatte?
Der Unterricht endete am frühen Mittag, und als ich nach Hause kam, empfing mich meine Mutter mit einer merkwürdigen Miene. Ich kam nicht dazu, mich großartig zu fragen, warum sie so ein Gesicht machte, denn sie überfiel mich, kaum dass ich bei der Haustür drinnen war.
„Warum hast Du Niklas gesagt, wir hätten morgen Abend was vor?“ Ich war gerade dabei, mir die Schuhe auszuziehen und hielt mitten in der Bewegung inne. „Was?“
Etwas Besseres – oder Dümmeres? - fiel mir gerade nicht ein. „Woher weißt Du...?“ setzte ich an, verstummte dann aber. Das Blut war mir in den Kopf gestiegen, und die Hitze meines Gesichts ließ mich ahnen, dass ich gerade verdammt rot geworden war. „Seine Mutter hat vorhin angerufen und es mir gesagt. Eigentlich wollte sie mit mir einen Alternativtermin für ein Abendessen ausmachen, weil wir ja morgen keine Zeit haben? Ich habe mich dann rausgeredet, von wegen, Du hättest da was verwechselt, und ich hoffe, sie hat es mir abgekauft. Das sind so nette Leute und ich dachte eigentlich, Du verstehst Dich gut mit Niklas? Du weißt doch ganz genau, dass wir nichts vorhaben! Wir haben doch neulich noch davon geredet, dass wir dieses Jahr alle zu Beginn Deiner Schulferien frei haben, weil Papa und ich Resturlaub nehmen müssen! Also wieso sagst Du dann sowas zu Niklas? Und das, nachdem Du Dich am Sonntag geradezu darum gerissen hast, ins Krankenhaus zu fahren und Dich zu vergewissern, dass es ihm gut geht?!“ Sie machte einen Schritt auf mich zu und legte mir die Hand auf den Arm.
„Arno, was ist los mit Dir? Du bist schon die ganze letzte Zeit so merkwürdig. Manchmal stehst Du regelrecht neben Dir! Ist es noch wegen Nils?“
Mit hängendem Kopf stand ich vor ihr, und plötzlich musste ich mit den Tränen kämpfen. Am liebsten hätte ich mich in ihren Arm geworfen und mir alles von der Seele geredet, aber im letzten Augenblick riss ich mich zusammen.
Wozu meiner Mutter so kurz vor Weihnachten einen Schock versetzen?
Es würde sowieso nie etwas daraus werden, und ich hoffte ja immer noch, dass es sich um eine Art vorübergehende Verirrung meinerseits gehandelt hatte, die bald wieder vorbei war. Ich nickte also, sah ihr allerdings nicht in die Augen dabei und ließ mich von ihr umarmen.
„Ach, Junge!“ sagte sie und wuschelte mir durch die Haare, wie sie es früher immer gemacht hatte, wenn ich Trost suchte. „Das klingt jetzt vielleicht herzlos, aber glaub´ mir – es stimmt, wenn man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Nils war Dein bester Freund, deshalb darfst Du auch ruhig um ihn trauern! Du weißt, ich habe das neulich schon mal zu Dir gesagt: Friss nicht alles in Dich hinein! Es ist keine Schande um einen Freund zu weinen! Im Gegenteil! Deine Tränen sind wichtig, um das was passiert ist zu verarbeiten! Und erst wenn Du es verarbeitet hast, kannst Du damit abschließen! Es wird Zeit, dass Du die Vergangenheit hinter Dir lässt! Das heißt ja nicht, dass Du Nils vergessen sollst – und das wirst Du auch nicht – aber wenn er hier wäre und Dich sehen könnte, würde er jetzt vermutlich das Gleiche sagen!“
Hätte ich mich nicht gerade so beschissen gefühlt, hätte ich vermutlich laut gelacht!
Bis vor zwei Tagen war Nils in meinem Leben noch höchst präsent gewesen, und ich bezweifelte, dass er solche Gedanken gehabt hatte …!
Trotzdem war ich meiner Mutter dankbar für ihren Trost und ihren Rat, der mir bewies, dass sie durchaus merkte, wie es mir ging. Das war ein gutes Gefühl, und so brachte ich tatsächlich ein schwaches Lächeln zustande, als ich ein weiteres Mal nickte und meinen Arm ebenfalls um ihre Schultern legte.
Sie drückte mich noch einmal an sich, dann schob sie mich ein Stück weg und sagte: „Was nun morgen Abend angeht – wir fahren selbstverständlich nach Bendorf, und Du kommst mit! Wir werden Werners auf keinen Fall vor den Kopf stoßen und hey? - Wenn Du Dich ein bisschen bemühst, könnte Dir der Abend sogar Spaß machen, glaubst Du nicht? Niklas und Du seid doch gleich alt! Ich bin sicher, Ihr werdet Euch gut unterhalten!“ Diesen Tonfall kannte ich, er bedeutete schlichtweg, dass sie eine unumstößliche Entscheidung getroffen hatte. Ich ergab mich also in mein Schicksal und nickte. „Ist ja schon gut!“ brummte ich, und sie lächelte.
„Hm. Wenn Du allerdings morgen Abend so ein Gesicht machst, ist es vielleicht doch besser, wir lassen Dich hier? Nicht, dass Du uns noch blamierst!“
Das war allerdings nicht ernst gemeint, soviel war mir klar, und ich verstand es auch mehr als Mahnung, mich nicht so miesepetrig zu präsentieren. Was blieb mir also übrig? Ich würde eben - wie Niklas es ausgedrückt hatte - gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, irgendwie würde ich das schon hinkriegen. Es war ja nur ein Abend!
Als ich einen Tag später im Wagen meiner Eltern saß und wir uns Bendorf näherten, war ich mir da allerdings nicht mehr so sicher. Ich hatte mächtig Herzklopfen und ein heftiges Ziehen in der Magengegend, wenn ich daran dachte, dass ich gleich Niklas wiederbegegnen würde.
Verdammt! Ich hätte Kopfschmerzen vorschützen sollen, oder Maul-und-Klauen-Seuche, irgendwas halt, was mich auf jeden Fall daran hinderte das zu tun, was ich gerade tat – nämlich sehenden Auges in eine Katastrophe zu rennen!
Denn eine Katastrophe musste es werden, ganz sicher! Aber nun war ich auf dem Weg und es gab nichts mehr, was ich tun konnte, außer die Zähne zusammen zu beißen und darauf zu hoffen, dass der Abend schnell vorüber war.
Auf dem Reiterhof herrschte nur noch wenig Betrieb, als wir ausstiegen, fuhren gerade zwei Autos vom Hof, und aus den Ställen drangen nur wenige, gedämpfte Geräusche. Gerade als mein Vater den mitgebrachten Blumenstrauß und die Flasche Wein vom Rücksitz nahm, kam Herr Werner aus dem Stalltor. Er sah uns, kam auf uns zu und streckte als Erstes meiner Mutter lächelnd die Hand entgegen, danach begrüßte er meinen Vater und mich. „Das ist aber schön, dass es doch noch geklappt hat! Bitte, kommen sie doch mit ins Haus! Ich gehe mich nur rasch duschen, und dann können wir sicher essen! Meine bessere Hälfte hat mich aus der Küche gescheucht, aber es riecht schon seit Stunden so gut, ich bin sicher, sie hat sich wieder selbst übertroffen! Sie genießt es immer, wenn sie mal Gelegenheit hat, sich am Herd auszutoben, denn sie kocht und backt leidenschaftlich gern. Nur hat sie leider selten Zeit dafür. Der Hof und ihre Arbeit, verstehen Sie?“ Unterdessen waren wir bei der Haustür angelangt, und Herr Werner zückte einen Schlüsselbund, schloss auf und geleitete uns nach drinnen.
Dort fand das Begrüßungsritual seine Fortsetzung, Niklas` Mutter tauchte aus der Küche auf, von wo es wirklich verdammt gut duftete, die Blumen und der Wein wurden überreicht und man tauschte Nettigkeiten aus. Währenddessen hielt ich verstohlen nach Niklas Ausschau, aber er ließ sich nicht blicken. Schließlich wurden wir ins Wohnzimmer komplimentiert und gebeten, in der Sitzecke Platz zu nehmen. Gleich darauf verschwand Herr Werner noch einmal, nachdem er unsere Wünsche bezüglich Getränken erfragt hatte, und wir blieben allein zurück. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen, hinüber zu dem festliche gedeckten Esstisch und dem Weihnachtsbaum, der bereits geschmückt in einer Ecke des Raumes stand. Er war mit silbernen und weißen Kugeln, sowie Lametta und Silbersternen behangen, sodass er aus einiger Entfernung aussah, als wäre er mit Schnee überstäubt.
Bei uns zuhause wurde der Baum immer erst am Heiligen Abend geschmückt, und meine Eltern hatten eine deutliche Vorliebe für die Farben rot und gold. Trotzdem gefiel mir der Wernersche Baum, er wirkte schlicht und doch überaus feierlich und passte einfach perfekt in dieses rustikale Heim.
Ich war so vertieft in die Betrachtung des Baumes gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie Herr Werner mit den Getränken zurückgekehrt war. Erst als meine Mutter neben mir sich höflich bedankte, hob ich den Blick und starrte unvermutet direkt in Niklas` blaue Augen.
Er hielt mir mein Mineralwasser entgegen und wartete stumm, dass ich ihm das Glas abnahm, was ich auch umgehend tat. In seiner Miene konnte ich nicht lesen und beeilte mich, rasch woanders hin zu sehen.
Anschließend verließ er das Wohnzimmer wieder und ließ mich mit meinem Gedankenkarussell zurück.
Ich sah ihn erst wieder, als das Essen aufgetragen wurde, denn da legten er und sein Vater mit Hand an und schleppten Schüsseln mit Kartoffeln, Gemüse und Salat herein.
Bemüht, ihn nicht anzustarren tat ich es meinen Eltern gleich, stand auf und suchte mir einen Platz am Tisch, der hoffentlich möglichst weit von seinem entfernt lag. Doch da sah ich mich getäuscht, denn sein Vater neben mir sah plötzlich zu Niklas, stand noch einmal auf und meinte lächelnd zu seinem Sohn: „Weißt Du was? Setz´ Du Dich heute mal auf meinen Platz, hm? Dann sitzt Ihr Jungs doch wenigstens nebeneinander und könnt Euch unterhalten, wenn Euch das Geschwätz der Erwachsenen auf den Wecker geht!“ Er meinte es zweifellos gut, das ließ schon allein sein aufmunternder Blick ahnen, den er mir zuwarf, aber ich schwitzte während der gesamten Mahlzeit Blut und Wasser. Niklas schwieg eisern, und ich mochte ihn auch nicht ansprechen.
Meine Mutter hatte keine solchen Hemmungen – wieso auch? - und fragte ihn bald über alles mögliche aus, angefangen über sein körperliches Befinden nach dem Sturz, über die Schule, Hobbies und sogar über seine Pläne für die Zukunft. Er antwortete stets höflich und lächelte sogar gelegentlich, was mein inneres Gleichgewicht noch mehr ins Wanken brachte. So dicht bei ihm zu sein, seine Hand nur Zentimeter von meiner entfernt auf dem Tisch, das diente nicht gerade dazu, mich zu entspannen. Aber ich machte natürlich überhaupt nichts. Niklas war sowieso schon wütend genug auf mich, und abgesehen davon, war es bestimmt keine gute Idee, zwei Tage vor Weihnachten im Hause Werner für einen Eklat zu sorgen! Heimlich warf ich immer wieder kurze Blicke auf die Standuhr, die in der Ecke vor sich hin tickte und seufzte jedesmal innerlich, wenn sich der Zeiger wieder nur um Minuten weiterbewegt hatte, anstatt um die von mir gefühlten Stunden.
Das Essen war wirklich hervorragend, zumindest vermutete ich das, denn ich war viel zu nervös, um viel zu schmecken. Vermutlich hätte man mir gequirlten Froschlaich vorsetzen können, und ich hätte es nicht mal gemerkt. Den gab es allerdings nicht, dafür aber einen köstlichen Krustenbraten, dazu Kartoffeln, Gemüse in einer rahmigen Soße mit leichter Weinnote und einen roten Blattsalat mit fruchtiger Vinaigrette.
Meine Eltern und die von Niklas schienen sich wunderbar zu unterhalten, bald wurde die zweite Flasche Wein geöffnet, und als meine Mutter mit einem Seitenblick auf meinen Vater meinte, das sei aber mehr als genug, schließlich müssten wir noch mit dem Auto nach Hause fahren, winkte Herr Werner großzügig mit der Hand ab und lud uns alle Drei kurzerhand zum Übernachten ein. „Das heißt, wenn Sie nichts Dringendes vorhaben, morgen früh?“ Meine Eltern sahen sich überrascht an, und mein Vater meinte zögernd: „Ach, das ist wirklich nicht nötig! Wir wollen Ihnen doch keine Umstände machen!“
„Aber woher!“ mischte sich nun Frau Werner ein. „Das sind doch keine Umstände! Ein Gästezimmer steht immer bereit, falls mal mit einem Pferd was ist und der Eigentümer über Nacht bleiben möchte, und Arno kann doch in Niklas´ Zimmer schlafen! Niklas hat eine aufblasbare Zusatzmatratze und auch einen Schlafsack, das ist also kein Problem! Ich leihe Ihnen Nachtwäsche, und Arno kann von Niklas einen Pyjama anziehen. Genug neue Zahnbürsten sind auch im Haus, also – was meinen Sie?“
„Also, ich weiß nicht …?“ Noch schien meine Mutter nicht ganz überzeugt, doch da spielte Herr Werner seinen letzten Trumpf aus: „Sie haben doch letztens erzählt, dass sie als Mädchen so gern geritten wären! Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen, sozusagen als Danke Schön für Ihre Hilfe für Niklas, gratis Reitstunden gebe? Sie könnten es gleich morgen früh mal ausprobieren, und wenn sie glauben, dem gewachsen zu sein, steigen Sie in meinen Anfängerkurs ein? Wie wär´s?“
Die Augen meiner Mutter begannen zu glänzen, und ich sah, wie sie mit sich kämpfte. Sie wechselte einen Blick mit meinem Vater und der nickte nur. Ich saß währenddessen da wie erstarrt, und aus dem Augenwinkel sah ich, dass es Niklas nicht besser zu gehen schien. Die Begeisterung war uns beiden vermutlich ins Gesicht geschrieben, aber leider merkte das niemand, und falls doch, dann störte sich jedenfalls keiner daran.
Ich sollte hier bei Werners übernachten? Noch dazu in einem Zimmer mit Niklas?
Allein schon bei der Vorstellung wurde mir ganz blümerant. Aber die Erwachsenen hatten schon entschieden, und es war abgemacht. Noch einmal wurde Wein nachgeschenkt, die Gespräche plätscherten dahin und spülten über mich hinweg, bis ich es irgendwann nicht mehr aushielt. Ich musste sofort hier raus, sonst würde ich verrückt.
Von Niklas neben mir strahlte eine solche Eiseskälte aus, dass ich glaubte, sie körperlich spüren zu können, und ich stand hastig auf, ließ mir von Frau Werner den Weg zur Toilette erklären und verließ fluchtartig den Raum.
Natürlich hatte ich nicht vor, zur Toilette zu gehen, sondern nur einen Vorwand gesucht, um unauffällig verschwinden zu können. Gleich darauf hatte ich mir in der Diele meine Daunenjacke geschnappt und schlüpfte leise aus der Haustür ins Freie. Es war eine frostklare Nacht. Am Himmel standen Milliarden Sterne und schimmerten, der Mond war nur eine schmale Sichel, weit im Westen, und mein Atem stand als dichte, weiße Wolke vor meinem Mund, als ich einen abgrundtiefen Seufzer ausstieß. Ich steckte die Hände in die Taschen und ging die Treppe hinunter auf den Hof. Mittlerweile stand nur noch unser Auto und das der Werners da, der Scheinwerfer über dem Stalltor war erloschen, und auch in den Ställen war alles dunkel und still. Mit hängendem Kopf trat ich ans Hoftor und lehnte mich mit dem Rücken an einen der Pfosten.
Den Kopf in den Nacken legend sah ich nach oben und suchte mit den Augen das Wintersternbild, den Orion, und gerade als ich ihn gefunden hatte, zischte eine Sternschnuppe für Sekundenbruchteile über den Himmel, bevor sie wieder erlosch. Ich schloss die Augen und wünschte mir … ja, was? Was sollte ich mir wünschen? Dass Niklas nicht mehr so kalt zu mir war? Das wir Freunde werden konnten, oder sogar...?
Oder vielleicht einfach, dass Nils wieder da wäre? Nicht als Geist, sondern als atmender, lachender, fühlender Mensch?
Ich wusste es nicht, aber beim Gedanken an Nils stiegen mir plötzlich die Tränen in die Augen.
Verdammt noch eins! Seit Neuestem hatte ich aber mehr als nah am Wasser gebaut?!
Vielleicht hatte meine Mutter doch recht, und ich musste jetzt endlich anfangen, den Verlust meines besten Freundes zu verarbeiten? Dadurch, dass er die ganze Zeit für andere unsichtbar in meiner Nähe gewesen war, hatte ich gar nicht so recht trauern können, und nun, wo er plötzlich verschwunden war, begann ich erst zu realisieren, was sein Tod bedeutete.
Ein Scharren erklang, und ich fuhr herum. Jemand kam aus Richtung des Hauses zum Tor herüber, und ich wischte mir rasch übers Gesicht. Das fehlte noch, dass meine Mutter mich jetzt hier heulend vorfand!
Ich hatte angenommen, dass sie es sein würde, denn für gewöhnlich hatte sie sehr feine Antennen dafür, wenn etwas nicht stimmte, doch als ich mich jetzt von dem Pfosten abstieß und mich umdrehte, war es Niklas` Umriss, der sich aus der Dunkelheit schälte. Ich blieb überrascht stehen und wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte, doch er kam mir zuvor.
„Hier bist Du also!“ meinte er, klang zwar ernst, aber nicht mehr so kalt wie zwei Tage zuvor. „Meine Mutter meint, ich sollte mit Dir zusammen schon mal Dein Nachtlager einrichten. Als ich Dich im Haus nicht gefunden habe, ist mir aufgefallen, dass Deine Jacke fehlt, also dachte ich mir, Du bist vielleicht hier draußen irgendwo.“ fügte er als Erklärung an und schob ebenfalls seine Hände in die Taschen seines Anoraks.
Ich nickte und murmelte meine Zustimmung. Als er sich wortlos umwandte, um zurück ins Haus zu gehen, schob ich ein „Tut mir leid!“ nach, und er drehte sich überrascht um.
„Was tut Dir leid?“ Ich konnte sein Gesicht im Finstern nicht richtig erkennen, und darum wusste ich nicht, ob er sauer war, denn an seiner Stimme war es nicht auszumachen, also hob ich die Schultern und meinte leise: „Alles, glaub´ ich.“
Darauf blieb es eine Weile still. Irgendwo bellte ein Hund, und aus dem Stall drang ein gedämpftes Poltern.
Schließlich ergriff er wieder das Wort: „Lass´ uns ein Stück spazieren gehen, okay?“
Ohne eine Antwort abzuwarten trat er auf die Straße und marschierte los. Nach ein paar Metern blieb er stehen und sah zurück. „Was ist? Kommst Du?“
Mit gemischten Gefühlen folgte ich ihm, und er wartete, bis ich gleichauf mit ihm war. Beklommen wartete ich ab, ob und was er sagen würde, war gefasst auf Vorwürfe, doch stattdessen schwieg er einfach nur.
Der Boden unter unseren Füßen war hart gefroren, und weil wir auf dem Feldweg unterwegs waren, der nach ungefähr hundert Metern aus dem Dorf heraus führte, war das einzige Geräusch das Knirschen der gefrorenen Grashalme unter unseren Sohlen. Als die letzten Häuser längst hinter uns in der Dunkelheit zurückgeblieben waren, fragte Niklas plötzlich: „Ist Nils eigentlich wieder aufgetaucht?“
Nun war es an mir, überrascht zu sein. „Nein. Keine Ahnung, wo er steckt. Aber manchmal fange ich an, mich zu fragen, ob ich mir das nicht nur eingebildet habe, das mit Nils als Geist, meine ich. Vielleicht bin ich – keine Ahnung – geisteskrank, oder sowas?“ Das sollte ein Scherz sein, doch er gab völlig ernst zurück: „Wenn Du geisteskrank bist, dann bin ich es wohl auch? Immerhin habe ich Nils auch gesehen und mit ihm gesprochen, und mir wäre neu, dass Geisteskrankheit ansteckend ist!“
Wieder schwiegen wir lange Minuten.
„Kann ich Dich was fragen?“ kam es auf einmal leise aus der Dunkelheit, und ich sah erstaunt zur Seite. „Ja, klar. Was denn?“ erwiderte ich, erfreut über seine plötzliche Zugänglichkeit.
„Naja, Du weißt doch noch, an dem Tag, als ich Dich wegen Nils hergeholt habe?“
„Hmhm.“ Ich nickte.
„Da hat Nils doch Deinen Körper benutzt, um mich ...“ er brach ab, und mir schoss die Verlegenheitsröte ins Gesicht. „Ja, ich weiß.“ nuschelte ich.
Neuerliches Schweigen folgte, aber ich spürte, dass Niklas mit seiner nächsten Frage kämpfte, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was jetzt kam. Endlich gab er sich einen Ruck und blieb stehen. „Wie war das eigentlich für Dich? Dieser Kuss, meine ich?“ Täuschte ich mich, oder war sein Gesicht im schwachen Sternenlicht dunkler als vorher?
Ich kratzte mich am Kopf. Was sollte ich jetzt darauf antworten? „Warum willst Du das wissen?“ konterte ich stattdessen mit einer Gegenfrage.
Ich sah, dass er mit gesenktem Blick die Achseln hob. „Ich wüsste es eben gern.“
Ich atmete tief ein und aus und sah zurück Richtung Bendorf, als könnten mir die hell erleuchteten Fenster der Häuser sagen, was ich antworten sollte. Wieso fragte er mich das jetzt überhaupt? Was spielte es für ihn für eine Rolle, was ich bei diesem Kuss empfunden hatte?
„Naja, ...“ begann ich zögernd, „zuerst war ich wohl viel zu überrascht um irgendwas zu fühlen. Dann, … ich weiß nicht...“ Ich mochte mich nicht festlegen, nicht jetzt, hier und in Niklas´ Gegenwart.
„Als ich in der sechsten Klasse war,“ sagte Niklas plötzlich, „da haben sich so ein paar Blödmänner einen Spaß draus gemacht, mich als Schwuchtel zu hänseln.“ Er stockte, und ich merkte, dass es ihm schwerfiel, darüber zu reden. Daher schwieg ich und hütete mich, ihm zu verraten, dass ich die Geschichte, die jetzt vermutlich kam schon kannte.
„Eines Tages haben sie mich in der Schultoilette nackt ausgezogen und gefilmt. Es hat einen ziemlichen Skandal gegeben, und ich bin danach auf eine andere Schule gekommen. Ich erzähle Dir das, damit Du meine Reaktion an diesem Tag mit Nils verstehst! Außer mit meinen Eltern habe ich noch mit niemandem darüber geredet – abgesehen von Anna und jetzt Dir.“
Anna! Da war sie wieder.
Einen trügerischen Moment lang hatte ich sein Vertrauen genossen, und das Herz war mir aufgegangen, angesichts seines Vertrauens, doch prompt landete ich wieder sehr unsanft in der Realität. „Ihr steht Euch wohl sehr nah? Du und Anna?“ hörte ich mich fragen, in einem lahmen Versuch, etwas mehr über das Verhältnis der Beiden zueinander heraus zu finden.
„Naja,“ er zuckte die Achseln, „wir kennen uns eben schon sehr lange. Sie reitet genauso gern wie ich und hat ein Pferd bei uns stehen. Wir sind uns wohl sehr ähnlich, jedenfalls kann ich mit ihr über alles reden, viel besser als mit sonst wem.“ Jedes Wort war ein Dolchstoß in mein waidwundes Herz, und schließlich konnte ich mich nicht mehr beherrschen. „Seid Ihr zusammen?“ platzte ich heraus, und Niklas drehte in einer verwunderten Geste sein Gesicht in meine Richtung. „Zusammen? Du meinst, ob wir …?“ Einen Moment stutzte er, dann schüttelte er vehement den Kopf.
„Ich und Anna? Nee, das ginge gar nicht! Ich glaube, das käme mir vor, als würde ich was mit meiner Schwester anfangen! Also, nein, wirklich nicht!“
Seine Entrüstung wirkte echt, und ich fühlte, wie mich Erleichterung durchströmte. Das machte mich mutig, und nun stellte ich meinerseits eine Frage: „Warum wolltest Du partout nicht, dass ich herkomme?“
Er antwortete nicht gleich, und als er es tat, war seine Stimme fast unhörbar.
„Weil …., weil ich ...“ wieder zögerte er, „Weil ich diesen verdammten Kuss nicht aus meinem Kopf kriege.“ stieß er schließlich hervor. Er war stehen geblieben und hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ich war sprachlos.
Was war das? Er bekam den Kuss nicht aus dem Kopf? Bedeutete das etwa...?
Jetzt hör´ auf Dir was zusammen zu spinnen!
rief ich mich selbst zur Ordnung. Bei seiner Vorgeschichte war es nur normal, dass ihn die ganze Sache mehr als durcheinander brachte und es ihm schwer fiel, sie zu vergessen! „Tut mir leid.“ murmelte ich, und er hob langsam den Kopf. „Was tut Dir leid?“ wollte er wissen.
„Dass ich alles so kompliziert für Dich gemacht habe, schätze ich. Ich wollte Nils helfen, aber ich hatte ja keine Ahnung, wohin das führt! Hätte ich geahnt, dass ich ...“ Ups!
Hastig brach ich meinen Satz ab. Beinahe wäre mir etwas herausgerutscht, was besser niemals laut ausgesprochen wurde! Aber Niklas schien nichts gemerkt zu haben. „Naja, das war ja nicht Deine Absicht, oder?" gab er zurück. "Ich meine, ich glaube nicht, dass Du mit dem Vorsatz hier raus gefahren bist, Nils Deinen Körper zu überlassen, damit er mich küsst!“ Seine Stimme klang seltsam, als er das sagte. Ich schaute zu ihm hinüber, doch das bisschen Helligkeit, das von den Sternen kam, reichte nicht aus, als dass ich sein Gesicht hätte deutlich erkennen können.
„Hey, alles okay?“
Er nickte, doch im nächsten Moment schniefte er und fuhr sich mit der Hand über die Augen.
„Scheiße!“ fluchte er unterdrückt, und ich erschrak. Hatte ihn die ganze Geschichte so sehr mitgenommen? Ich fühlte mich schuldig, und gleichzeitig konnte ich mich kaum bremsen, Niklas in meine Arme zu ziehen um ihn zu trösten. Einzig der Gedanke, dass er das wohl kaum als tröstend empfinden und vermutlich dementsprechend reagieren würde, hielt mich davon ab. „Was ist los? Kann ich was tun?“ fragte ich bedrückt. Doch er schüttelte erneut den Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Nein. Ist schon gut! Geht gleich wieder!“
Er rang um Fassung und meinte dann mit einem missglückten Lachen: „Jetzt wirke ich echt wie ´ne Schwuchtel, was? So wie ich hier rumheule!“
Ich antwortete lange nicht, und als er es merkte und mich fragend ansah, ging es endgültig mit mir durch.
„Weißt Du, Nils hat neulich zu mir gesagt, dass er auch immer Angst hatte, jemand könnte ihn für ´ne Schwuchtel halten. Er hat seine Gefühle für Dich verheimlicht und erst nach seinem Tod begriffen, dass es nun zu spät war.“ Ich machte eine Pause und sah Niklas ernst ins umschattete Gesicht, bevor ich weiterredete. „Ich kann ihn verstehen. Dass er Angst gehabt hat, meine ich. Ich hab´ auch Angst, eine Scheißangst sogar! Seit Nils mich in diese ganze Sache reingezogen hat, hab´ ich mich verändert. So sehr verändert, dass ich manchmal morgens in den Spiegel sehe und nicht mehr sicher weiß, ob ich das bin! Aber ich will definitiv nicht eines Tages aufwachen und feststellen, dass ich aus Feigheit etwas verloren habe, was wunderschön hätte sein können!“ Ich lief zusammen mit meinem Mundwerk auf Autopilot, und plötzlich war es mir scheißegal, ob ich mich hier um Kopf und Kragen redete, oder nicht! Es musste endlich raus aus mir! „Du sagst, Du kriegst den Kuss nicht mehr aus Deinem Kopf! Es tut mir leid, wenn Dich das so verstört hat! Es tut mir auch wahnsinnig leid, was diese bescheuerten Typen in Deiner alten Schule mit Dir gemacht haben! Aber ich kann diesen Kuss auch nicht vergessen! Ich würde es gern, das kannst Du mir glauben, denn ich sehe ja, wie sehr Dich das belastet, aber gleichzeitig möchte ich es auch nicht, denn dieser Kuss war das Schönste, was ich je erlebt habe! Du wolltest wissen, wie ich es empfunden habe – jetzt weißt Du es. Und jetzt kannst Du mich meinetwegen anschreien, schlagen oder zum Teufel jagen. Ich habe es Dir jedenfalls gesagt und das macht mich glücklich, egal was jetzt passiert!“
Ein wenig atemlos verstummte ich und drehte ihm den Rücken zu. Ich fühlte mich ein bisschen, als wäre ich ein Ballon, dem gerade die Luft ausgegangen war und wollte nicht sehen, wie er auf mein Geständnis reagierte.
Vermutlich würde er ohnehin gleich kehrtmachen und abhauen. Der Gedanke tat schon weh, aber gleichzeitig war ich froh, ihm gesagt zu haben, wie es um mich stand.
Ich horchte auf seine Schritte, die sich bestimmt gleich von mir entfernen würden, doch alles blieb still.
So still, dass ich mich umdrehte, in der Erwartung, Niklas hätte sich in Luft aufgelöst.
Aber er stand noch an der gleichen Stelle wie vorher, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf.
„Du fandest den Kuss schön?“ wisperte er leise, und ich bejahte. „Und Du?“ wagte ich zu fragen.
Er hob ein weiteres Mal die Schultern. „Weiß nicht.“ erwiderte er. Niklas wirkte überhaupt nicht so, als würde er gleich weglaufen, und ich schöpfte ein klitzekleines bisschen Hoffnung. Zögernd machte ich einen Schritt auf ihn zu und registrierte mit jagendem Puls, dass er nicht zurückwich. Innerlich zitterte ich wie Espenlaub, und mein Mund war so trocken, dass ich die nächste Frage kaum herausbrachte: „Willst Du es vielleicht nochmal probieren? Nur um Dich zu entscheiden, wie Du es findest?“
Er schaute zu mir hoch, und in seinen Augen brach sich das Licht der Sterne. Er sagte nichts, blieb aber stehen, und ich machte noch einen Schritt nach vorn. Jetzt standen wir so dicht zusammen, dass ich den Kopf etwas senken musste, um ihn anzusehen, denn er war ein wenig kleiner als ich.
Und plötzlich machte er etwas, womit ich nie im Leben gerechnet hätte: er schloss die Augen.
Mein Herz schien einen Schlag zu überspringen und jagte dann in gestrecktem Galopp, als gelte es einen Marathon zu gewinnen. Ich schluckte und gleich darauf machte ich auch die Augen zu, beugte mich noch ein bisschen weiter nach vorn und küsste ihn. Es war vermutlich der unschuldigste Kuss, der jemals irgendwo auf der Welt getauscht wurde. Nur kurz berührten sich unsere geschlossenen Lippen und doch durchzuckte es mich, wie ein Stromschlag. Unsere Gesichter fuhren auseinander, wir öffneten die Augen, und ich konnte ihm ansehen, wie er mit sich kämpfte. Im nächsten Moment wurden wir aber wieder zueinander gezogen, als wäre Magnetismus im Spiel. Unsere Lippen trafen sich wieder und diesmal wollten wir beide mehr.
Keine Ahnung, wer als Erster den Mund öffnete und die Zunge ins Spiel brachte, aber das spielte auch keine Rolle, denn nur Augenblicke später standen wir engumschlungen auf dem nächtlichen, eiskalten Feldweg und küssten uns völlig selbstvergessen. Immer wieder lösten wir uns kurz voneinander, sahen uns beinahe ungläubig an und küssten uns dann erneut. Endlich, nach einer Zeitspanne, die gleichzeitig eine Ewigkeit und ein Augenblick zu sein schien, trennten wir uns, und ich zog Niklas in meine Arme.
„Und?“ fragte ich leise. „Wie fandest Du es?“ Er schob sich ein Stück von mir weg und sah zur Seite. „Ja, ist ganz okay, glaub´ ich.“
Es war seiner Stimme anzuhören, dass es ihm peinlich war. Wenn ich jetzt etwas Falsches sagte, konnte ich alles kaputtmachen, soviel verstand ich.
„Also, ich fand es mehr als okay.“ sagte ich leise. „Ich fand es schön, wunderschön!“
Er sah mich an, und in seinen Augen glomm Misstrauen. „Meinst Du das ernst?“
Ich nickte, und er entspannte sich ein wenig. „Ich fand es auch schön.“ gab er zu, und ich konnte nicht verhindern, dass sich ein breites Grinsen auf meine Züge legte. Am liebsten hätte ich ihn erneut in meine Arme gezogen und abgeküsst, aber mir war klar, dass ich ihn nicht bedrängen durfte. „Hör zu, Arno!“ begann er. „Ich brauch´ Zeit! Ich kann das jetzt nicht so einfach entscheiden, verstehst Du? Ich glaube, ich empfinde sehr viel für Dich, auf jeden Fall ist das mehr als Freundschaft, aber ich kann mich nicht so einfach drauf einlassen. Ich meine, wir kennen uns kaum, und ich hab immer noch nicht so richtig kapiert, was da gerade mit mir passiert. Ich ...“
Er suchte nach Worten, und ich legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.
„Ist schon okay, Niklas! Ich versteh´ Dich gut! Wir brauchen nichts zu überstürzen, Du hast alle Zeit der Welt, in Ordnung?“ Ein wenig hilflos sah er mich an und nickte dann erleichtert. Anschließend sah er zum Dorf zurück und meinte: „Ich schätze, wir sollten mal so langsam zurückgehen, bevor unsere Eltern noch einen Suchtrupp losschicken, meinst Du nicht?“ Ich pflichtete ihm bei, und so nahmen wir den Rückweg wieder unter die Füße. Es war immer noch lausig kalt, aber irgendwie spürte ich das überhaupt nicht mehr. Mir war wohlig warm und ich schwelgte in der Erinnerung an das, was eben passiert war. Irgendwann fühlte ich, wie Niklas` Finger meine Hand streiften. Sie waren genauso warm wie meine und als sie sich ineinander verflochten dachte ich, ich müsste platzen vor Glück.
Als wir in die Nähe der Häuser kamen, ließen wir einander los, was für einen Moment ein Gefühl des Verlusts in meiner Brust wachrief. Doch nur kurz, denn bevor wir in den Lichtschein der ersten Straßenlampe eintauchten, blieb Niklas stehen, drängte sich an mich und drückte noch einmal kurz seinen Mund auf meine Lippen. Gleich darauf wich er mit rotem Kopf wieder zurück und eilte dann weiter Richtung Reiterhof.
Wir schliefen beide nicht sehr viel in dieser Nacht. Niklas lag in seinem Bett und ich auf dem Fußboden davor, auf der aufblasbaren Matratze und in einem warmen Schlafsack. Wir redeten viel, und irgendwann rutschte Niklas bäuchlings an die Bettkante. Er streckte die Hand in meine Richtung, und mit klopfendem Herzen hielt ich sie fest, überzeugt davon, niemals wieder einschlafen zu können. Irgendwann musste ich aber doch eingeschlafen sein, denn plötzlich fand ich mich wieder in meinem Nebeltraum von vor zwei Tagen. Nils` Stimme rief meinen Namen, und ich tastete mich unsicher voran, genau wie beim letzten Mal. Wie beim ersten Mal begann der Nebel sich zu verdichten und zu wirbeln, doch gerade als ich erneut am Rande einer Panik stand, lichteten sich die Schwaden auf einmal, und ich erkannte, wo ich mich befand. Es war der Friedhof, auf dem Nils begraben lag, und sein Grabhügel war nicht weit entfernt.
Obwohl noch Sekunden zuvor dichter Nebel geherrscht hatte, stand ich jetzt im strahlenden Sonnenschein, der sich in Myriaden funkelnder Eiskristalle brach, welche der Frost auf jede Oberfläche gezaubert hatte.
Ich sah mich um und da stand er – Nils!
Ich eilte auf ihn zu, und als ich bei ihm angelangt war, legte ich erleichtert die Arme um ihn. Er erwiderte die Geste und grinste dabei, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ihn etwas bedrückte.
„Wo bist Du gewesen? Ich hab´ mir solche Sorgen um Dich gemacht! Du kannst Doch nicht einfach so verschwinden, ohne ein Wort!“ sprudelte ich hervor, und er zog sich ein Stückchen zurück. „Naja,“ er fuhr sich durchs Haar, was irgendwie merkwürdig aussah, dann schob er die Hände in die Taschen seiner Jeans, „so wie´s aussieht, habe ich meine Aufgabe erfüllt. Nicht unbedingt mit Glanz und Gloria, aber immerhin. Ich werde also jetzt weitergehen, Arno!“ Ich konnte nicht sofort einordnen, was er damit meinte und starrte ihn zunächst reichlich blöde an. Dann jedoch sickerte die Bedeutung dessen, was er gesagt hatte in mein Bewusstsein, und ich war geschockt.
„Jetzt schon? Das … das … das kann nicht sein! Ich meine, ich bin doch … wir sind doch noch nicht … !“
Ich spürte, wie mir die Tränen kamen. „Geh´ noch nicht, Nils, bitte! Wir sind doch Freunde! Lass´ mich nicht allein!“ Jetzt weinte ich richtig, die Tränen schienen mir förmlich aus den Augen zu schießen, meine Nase lief, und das Schluchzen schüttelte mich, wie der Sturm einen alten Baum schüttelt. „Es tut mir leid, Arno, aber ich kann es nicht ändern! Meine Zeit ist um, und ehrlich gesagt, bin ich froh, dass mein Geisterdasein jetzt ein Ende hat! Nicht, weil es mir Spaß macht, Dir Schmerz zuzufügen, aber weil ich endlich dahin komme, wo ich jetzt hingehöre, verstehst Du? Ich bin auch nur noch hier, weil ich mich bei Dir bedanken will! Du bist echt ein wahrer Freund! Aber Du musst Dein Leben weiter leben und ich muss gehen!“ Er drückte mich an sich, wie er es zu Lebzeiten nie getan hatte. „Und außerdem bist Du doch nicht allein, oder?“ fuhr er fort. Ich sah zu ihm hoch, und er grinste spitzbübisch übers ganze Gesicht. Das sah schon mehr nach Nils aus, und ich konnte nicht anders, als sein Grinsen zu erwidern.
„Ja, da hast Du recht.“ schniefte ich, und in diesem Augenblich begann Nils sich von mir zu entfernen, als würde er von irgendwo angesaugt. Ich streckte die Hände nach ihm aus, konnte ihn aber nicht erreichen und das Verlustgefühl überfiel mich erneut mit ganzer Härte, ich weinte und wollte ihm folgen.
„Nils!“ hörte ich mich noch selbst rufen, und dann schreckte ich hoch, wusste nicht, wo ich war und ruderte wild und desorientiert mit den Armen, bis ich merkte, dass mich jemand hielt. Und nicht nur irgendjemand, nein, es war Niklas, der aus dem Bett geklettert war und die Arme um mich gelegt hatte.
Ich spürte Nässe auf meinen Wangen und begriff, dass ich nicht nur im Traum geweint hatte.
Langsam beruhigte ich mich, und dazu trug Niklas` Nähe nicht unerheblich bei.
Als mein Herzschlag wieder auf eine normalere Frequenz gesunken war fragte er: „Was war denn? Du hast plötzlich angefangen zu weinen und nach Nils gerufen! Hast Du schlecht geträumt?“ Ich brauchte noch einen Moment, um die Traumbilder zu sortieren, dann sah ich Niklas ins Gesicht und sagte: „Nils ist weg, und er kommt auch nicht wieder.“ Sein Blick wurde zweifelnd, also erzählte ich ihm, was ich geträumt hatte. Danach atmete er tief auf und schüttelte langsam den Kopf.
„Also, nimm´ mir das nicht übel, aber das ist echt typisch Nils. So ein dramatischer Abgang! Pff!“ sagte er. Dann wurde er nachdenklich und sein Blick ging ins Leere. "Aber gut, wenn er jetzt gehen kann, findest Du nicht?" Ich nickte und er reckte den Hals. „Wie spät ist es denn eigentlich?“ fragte er, und wir schielten beide auf seinen Wecker. Der zeigte zwei Uhr früh an, und plötzlich wurde mir bewusst, dass wir beide auf meiner Matratze lagen, dicht aneinander geschmiegt.
Ihm schien der gleiche Gedanke gekommen zu sein, denn er wurde mit einem Mal rot und sah weg, machte aber keine Anstalten wieder in sein Bett zurückzukehren. Behutsam streckte ich die Hand aus, legte sie in seinen Nacken und zog ihn zu mir heran. Er widerstrebte nicht, und gleich darauf berührten sich unsere Lippen. Er öffnete bereitwillig den Mund, und mir wurde schwindlig, als ich seine Zunge spürte.
„Weißt Du,“ flüsterte er in mein Ohr, als wir uns voneinander lösten und stattdessen in eine innige Umarmung fielen, „ich denke, Nils hat recht!“
„Womit?“ Ich hob das Gesicht und sah ihn fragend an. „Na, damit dass Du nicht allein bist!“ Wieder wurde er rot, und ich drängte mich dichter an ihn.
„Du aber auch nicht!“ wisperte ich zurück, und wir blieben zusammen auf der Matratze liegen. Niklas zerrte seine Bettdecke vom Bett und deckte uns beide damit zu, wobei ich ja auch noch im Schlafsack steckte. So aneinandergekuschelt schliefen wir wieder ein, dem nächsten Morgen entgegen.
Noch wussten wir nicht, was die Zukunft für uns bereithielt, aber was es auch war, irgendwie hatte ich das Gefühl, alles wäre möglich, solange wir zusammen waren...
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Tag der Veröffentlichung: 06.02.2012
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