Hüben und Drüben: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 21 von 21

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Hüben und Drüben: Erster Band

Der ältliche Herr. Eine Badeskizze.

Der ältliche Herr.

 

Eine Badeskizze.

 

Verzierung

In Bad Ems stand die Saison in voller Blüthe und der Platz war seit langer Zeit nicht so besucht gewesen, wie in diesem Jahre. Dazu begünstigte das außerordentlich freundliche Wetter nicht allein die Kur, sondern verstattete auch den Patienten, oder besser gesagt Badegästen, die weitesten Ausflüge in die Nachbarschaft, in der sich reizende Partieen nach allen Seiten machen ließen.

Früh Morgens wogte dann auch — während die nassauische Militairmusik unermüdlich, von ihrem Dirigenten selbst componirte Potpourris spielte — die Schaar der Lustwandelnden auf der Promenade auf und ab, während Mittags und Nachmittags — bis das Abendconcert wieder begann, der Hauptplatz wie ausgestorben schien.

Das war dann die Zeit, wo die geputzten Menschen — auf Eseln oder zu Fuß — in die schattigen Berge hinaufkletterten, um auf den Höhen zu lagern und von dort den sonnigen Badeplatz aus der Vogelperspective zu betrachten.

Nur im Spielsaale wurde es nicht leer. Die Gier nach dem dort roulirenden Gold regte die Leidenschaften auf, und was das heilkräftige Wasser am Morgen genützt, zerstörte Mittags wieder der grüne Tisch. — Was kam auch eigentlich darauf an, ob die Kranken das Bad g e h e i l t verließen — die Actien der Spielbank stiegen von Jahr zu Jahr, und daß Schweiß und Blut an dem Gelde klebte, machte dem französischen Gesindel und seinen vornehmen Beschützern wenig Sorgen.

Wol muß einmal die Zeit kommen, wo dieser Fluch unserer Civilisation ausgerottet und jene Bande von Croupiers aus dem Lande und über ihre Grenze gejagt wird, und dann werden wir nicht begreifen können, wie es möglich war, sie so lange zu dulden. Jetzt aber grünt und blüht sie noch in unseren reichsten Gauen, und wenn sie im Herbste ihre geldgefüllten Koffer nach Frankreich hineinschleppt, lacht sie der Thoren, die sie auf der Leimruthe gefangen und gerupft.

Gott bessere es!

In Ems, wie im ganzen nassauischen Lande blühte ihr Geschäft aber noch flott, und während draußen der helle Sonnenschein auf den Bergen lag, und die Vögel zwitscherten und sangen und der blaue Himmel sich über die Erde spannte, drängte sich ein dichter Schwarm von Spielern um den grünen Tisch im reich geschmückten Saale, um mit lautlosem, peinlichem Schweigen den Urtheilssprüchen zu lauschen, die ihnen Glück oder Unglück kündeten.

Aus dem Saale trat ein junger Mann — er sah bleich und erregt aus und der stiere Blick flog unstät über den freien Raum. Grade in der Thüre begegnete er einer Gruppe von Herren und Damen, die eben die Spielhölle betreten wollten. Er sah sie aber gar nicht und drängte sich, die glanzlosen Augen am Leeren haftend, zwischen ihnen durch auf die Promenade.

Die Gesellschaft blieb stehen und sah ihm nach.

„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und Knebelbarte — „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“

„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.

„Bah — weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“

Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler — so wenig seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte, sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem anderen Ufer hinüberführte.

Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen, aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte, warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.

Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern, ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.

Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu beobachten.

Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen, und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei abzuführen, damit er sich dort verantworte.

Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche Erlaubniß.

Indessen breitete sich die Nachricht über das beabsichtigte Vergehen blitzschnell in der Nachbarschaft aus. In einem Badeorte hat, die Kellner und Köche ausgenommen, Alles Zeit, und selbst das unbedeutendste Außergewöhnliche ist willkommen, um für einen Moment die Monotonie des Badelebens zu unterbrechen.

An beiden Ufern sammelten sich die Neugierigen, und als der wieder auf’s Trockene gebrachte arme Teufel abgeführt wurde, drängten die auf der anderen Seite Befindlichen rasch über die Brücke, um den interessant gewordenen jungen Mann auch einmal in der Nähe zu betrachten und nachher genau erzählen zu können, wie er ausgesehen habe.

Die beiden jungen Damen hatten indessen neben dem abgeworfenen Rocke und Hute des Fremden gestanden, was Beides noch auf dem Boden lag. Die Jüngste von ihnen bemerkte aber in der aufgekehrten Brusttasche des Rocks eine grünsaffiane Brieftasche, und als die vielen Leute vorüber eilten und Einige sogar auf den Rock traten, bückte sie sich unwillkürlich und hob ihn und den Hut auf. Der edle junge Mann, der so rücksichtslos sein Eigenthum von sich geworfen hatte, nur um einem anderen, jedenfalls fremden Menschen zu helfen und ihn zu retten, durfte doch nicht auch noch, als Dank für seine wackere Gesinnung, zu Schaden kommen. Es war das Wenigste, was sie für ihn thun konnten, daß sie Acht auf das Verlassene hatten.

Ihr älterer Begleiter kam jetzt ebenfalls heran und lächelte spöttisch, als er die junge Dame mit dem Rock und Hut des Fremden auf der Brücke stehen sah.

„Du siehst wirklich gut aus, Elise,“ sagte er, „und trägst Deine Last mit Würde.“

„Ich konnte doch die Sachen nicht auf der Brücke liegen lassen,“ erwiderte die junge Dame erröthend — „es liefen so viele Menschen vorüber und erst neulich las ich in einer Zeitung, daß ein junger Mann, der in einem ähnlichen Falle in Berlin einen Anderen aus dem Flusse gezogen, bei seiner Rückkehr keines der abgeworfenen Kleidungsstücke wiedergefunden habe.“

„Dagegen wolltest Du d i e s e n jungen Herrn also sicher stellen?“ nickte ihr Begleiter, wo möglich noch spöttischer als vorher — „dann amüsire Dich gut, mein Kind — ich werde mit Bertha indessen voran in’s Hôtel gehen, denn Du darfst doch keinenfalls den Platz verlassen, bis Dein Schützling zurückgekehrt ist.“

„Da kommt er schon,“ rief Bertha, die andere junge Dame, „lieber Gott, wie naß er aussieht!“

„Wie eine gebadete Maus,“ lachte der ältere Herr — „ich würde Dir aber rathen, mein Kind, die Sachen wenigstens niederzulegen, Du kannst ja daneben stehen bleiben — oder willst Du sie ihm feierlich als ‚weiß gekleidete Jungfrau‘ überliefern?“

„Du bist unausstehlich heute,“ sagte das junge Wesen, indem sie tief erröthete, in aller Verlegenheit aber die Sachen doch neben sich auf den Boden legte. Das geschah aber zu spät, als daß es der jetzt auf die Brücke tretende Fremde nicht noch hätte bemerken müssen. Er wußte deshalb, wer sich seiner Sachen angenommen, und als er näher kam, sagte er — in seiner nassen Toilette doch auch ein wenig befangen:

„Nehmen Sie den innigsten Dank, mein gnädiges Fräulein, für Ihre unendliche Liebenswürdigkeit.“

„Bitte, mein Herr — es war“ — stammelte die junge Dame — nicht dem Fremden, sondern ihrem älteren Begleiter verlegen gegenüber, denn sie sah, daß sich dieser die größte Mühe gab, sein Lachen zu verbeißen. Er befreite sie aber auch ohne Weiteres aus dieser Lage, indem er ihr seinen Arm reichte und sie, mit einer leisen Neigung des Kopfes gegen den Fremden, über die Brücke hinüberführte.

Dieser blieb indessen, ganz in das Anschauen der holden jungen Dame versunken, mitten auf der Brücke stehen, und sah ihnen nach, soweit er ihnen mit den Augen folgen konnte. Endlich fing es ihn aber doch an in den nassen Kleidern zu frösteln; die Zähne schlugen ihm zusammen, und da sich auch weiter Niemand um ihn bekümmerte — war doch der Gerettete eine viel interessantere Persönlichkeit, als sein Retter — so setzte er seinen Hut auf, nahm den Rock in die Hand und schritt, so rasch er konnte, am Kurhause vorbei und seiner eigenen Wohnung zu, die Straße hinab.

Ein so wohlthuendes Gefühl es ihm aber auch hätte dabei sein müssen, ein Menschenleben gerettet zu haben, so überließ er sich sonderbarer Weise doch weit weniger diesem angenehmen Gedanken, sondern beschäftigte sich entschieden nur mit seinem augenblicklichen Zustand.

„Den Teufel auch,“ brummte er leise vor sich hin, „da muß mich der Böse plagen, daß ich gerade über die Brücke komme, wie der Holzkopf in’s Wasser springt — und ich hinterher. Wer von uns Beiden war nun der Dümmste? — Jedenfalls i c h , denn e r mußte einen Grund dafür haben und mich ging die ganze Geschichte eigentlich gar Nichts an. Und was habe ich jetzt davon? — Mein einziges gutes Paar Hosen auf unbestimmte Zeit gründlich ruinirt, und meine Stiefeln — na ja — ob ich es mir nicht gedacht habe: da klafft das ganze Oberleder weit auf und jetzt kann ich mich nur zwei Tage in’s Bett legen, bis mich Schuster und Schneider erst wieder restaurirt haben — und nachher d i e Rechnung in dem theueren Neste. Das geschieht Dir aber Recht, Florian — ganz Recht geschieht Dir’s, denn Du mußt Deine Nase in Allem haben, und wenn sie Dir nun indessen Deine Brieftasche mit Deinen letzten zehn Thalern gestohlen hätten, heh? — was dann? hättest Du Dich bei irgend Jemandem beklagen dürfen? Aber jener schützende Engel! — beim Himmel, wie aus Rosenduft und Lilienthau gewoben — n o c h ein Ideal! Heiland der Welt, wie viel Ideale habe ich eigentlich schon, und immer wieder taucht ein neues auf, und eins schöner und holdseliger als das andere. — Aber was nützt m i r ’ s ,“ setzte er nach einer kurzen Pause niedergeschlagen hinzu — „mir hilft’s doch Nichts, denn das ist jedenfalls irgend eine junge Comtesse oder Prinzessin, wie sie hier zu Dutzenden incognito herumlaufen, die mir aus reiner Gutmüthigkeit meinen Rock aufgehoben. — Jetzt geht sie denn in aller Gemüthlichkeit zu ihrem Diner, und denkt gar nicht mehr an den armen Teufel, und ich — madennaß wie ich bin, darf mich nicht einmal vor Jemandem sehen lassen. Das einzige Gute ist, daß mir heute Niemand gesegnete Mahlzeit zu wünschen braucht.“

Es wurde in der That nöthig, daß sich der junge Mann von der Straße entfernte, denn sein wunderlicher Aufzug theils, theils sein halblaut geführtes Selbstgespräch hatte schon eine Anzahl von jugendlichen Gestalten herbeigelockt, die anfingen, sich über ihn zu amüsiren. Seine Vorahnung schien sich auch zu bestätigen. Nur spärlich mit Garderobe ausgerüstet, mußte er in der That zwei volle Tage, wenn auch nicht gerade das Bett, doch sein Zimmer hüten, um seine Beinkleider und Stiefeln erst wieder in Stand zu bekommen, und erst am dritten Morgen durfte er wagen, sich auf’s Neue auf der Promenade sehen zu lassen.

Florian Heldenstern war übrigens nicht nach Ems gekommen, um eine Kur zu gebrauchen, ebensowenig, um sich zu amüsiren, denn — seine Mittel erlaubten ihm das nicht. Florian Heldenstern hatte aber trotzdem einen Zweck, und zwar einen literarischen, denn seinem Stande nach gehörte er zu den „Rittern vom Geiste“. Er war mit einem Worte Dichter, und machte hier — im Auftrag eines größeren Blattes, um Correspondenzen zu schreiben und vielleicht auch Stoff zu kleineren Erzählungen zu sammeln — Studien in der Badewelt, die ihm den Hintergrund zu seinen Novellen liefern sollten.

Einen eigentlichen S t o f f hatte er freilich noch nicht; es fehlte ihm zu spannenden Novellen weiter Nichts, als piquante Persönlichkeiten und Verwickelungen; aber er hoffte das Alles hier zu finden und quartierte sich zu dem Zwecke in einem der billigsten Gasthöfe des etwas kostspieligen Ortes, im Hôtel Wolf, ein. Vergebens aber durchstreifte er die ersten acht Tage den Spielsaal, wie die benachbarte Umgebung, drängte sich in Picknicks und geschlossene Gesellschaften, erkletterte steile Bergrücken und langweilte sich halbe Nächte lang in den Concerten des Kursaals. Er konnte nichts Außergewöhnliches finden, denn Alles ging sein gewohntes alltägliches Geleis, was nicht regelmäßiger in irgend einer kleinen deutschen Provinzialstadt betreten werden konnte.

Morgens war Musik und die Kurgäste gingen dabei spazieren und tranken schlechtschmeckendes Wasser mit oder ohne Eselsmilch. Dann zog sich Alles in seine Apartements zurück oder machte Partieen. Ueber Mittag schien der Platz wie ausgestorben, und erst Abends bewegte sich die schöne Welt in exquisirter Toilette vor dem Kurhause auf und ab und füllte die Promenaden und Spielsäle, ohne irgend welche Leidenschaft zu zeigen.

Selbst am grünen Tische hatte er vergebens auf der Lauer gelegen, um irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Bei völliger Todtenstille wurde gesetzt und abgezogen und Gewinnst eingestrichen oder Verlust ignorirt. Keiner verzog eine Miene, und daß sich französische freche Loretten dazwischen drängten und für ihr oder anderer Leute Geld pointirten, bemerkte er wohl, konnte es aber nicht benutzen, da es schon zu oft beschrieben worden.

Da kam ihm, wie ein Gott gesandt, der versuchte Selbstmord des unglücklichen Spielers, dessen eigentliche Pointe aber seine eigene Gutmüthigkeit vollständig ruinirte. Er vergaß in dem Moment nicht allein sein eigenes Interesse, sondern sogar sich selbst, sprang über die Brücke, brachte den Ertrinkenden, über dessen Leiche er die interessantesten, bogenlangen Betrachtungen hätte anstellen können, l e b e n d i g ans Ufer zurück und besaß jetzt nicht einmal ein Paar Hosen und Stiefeln, um auf frischer That Nachforschungen über das Schicksal des Unglücklichen anzustellen und aus dessen eigenem Munde seine Lebensgeschichte zu erfahren.

Sein erster Ausweg, wie er sich wieder restaurirt sah, galt allerdings dem Zwecke, und er ging damit augenblicklich an die rechte Quelle: auf die Polizei. Aber er erfuhr dort nur, daß er z u s p ä t kam. Der junge Mann war ein „Knopfreisender“ gewesen, der für die Firma So und So in Quedlinburg Geld eincassirt und dasselbe hier in Ems verspielt hatte. Da man ihm übrigens zutraute, seinen Selbstmordversuch zu wiederholen, was die „Bank“ gerade nicht gern sah, so hatte ihm diese 20 fl. Reisegeld gegeben. Dadurch kam er fort und konnte denn, wenn er es später für gut fand, seinem Leben im Rhein oder irgend einem anderen deutschen Strom ein Ende machen; Ems war jedenfalls von ihm befreit.

Florian Heldenstern verließ das Polizeiamt in einer wahrhaft verzweifelten Stimmung, denn wenigstens drei oder vier höchst interessante Kapitel waren ihm durch das Verschwinden dieses Individuums in’s Wasser gefallen. — Aber jenes schöne Mädchen, das er am Tage seines Abenteuers zum ersten und letzten Male gesehen — wenn er s i e wenigstens wiederfand, so hätte das vielleicht einen Anknüpfungspunkt für weitere spannende Situationen gegeben. Wie hieß sie aber und wo wohnte sie? — Er wußte Beides nicht und es blieb ihm jetzt nichts Anderes übrig, als die Schwärme von Lustwandelnden genau zu mustern, um zwischen diesen seine verlorene Schöne wieder anzutreffen.

Das allerdings schien, gerade in Ems, nicht so schwer, da sich das Terrain für die Spaziergänger oder „Wasserläufer“, wie man sie besser nennen könnte, nur auf einen sehr kleinen Raum erstreckte. Nichts desto weniger suchte er mehre Tage lang Alles vergeblich ab, durchwanderte die Trinkhallen und den Platz vor dem Kurhause, trotzte selbst den endlosen Potpourris der Musik und stieg sogar zu den verschiedenen Ausgucks auf alle benachbarten Berge hinauf, von denen man eben so verschiedene Ansichten der kleinen Badestadt bekommt. Er begegnete dabei allerdings unzähligen und auch oft sehr hübschen Mädchen, theils in Begleitung eines Esels, theils im Sattel; er sah ländliche Familiengruppen und Berliner Picknicks, überraschte einzelne Paare beim Heidelbeersuchen und englische Gruppen, die sich einander todtschwiegen — aber die Gesuchte war nirgends unter ihnen und er glaubte schon — ja, mußte so glauben, daß sie Ems wieder verlassen hätte, um vielleicht eine Nachkur irgendwo am Rhein zu gebrauchen.

Er hatte es in der That auch vollständig aufgegeben, die „Verlorene“ wiederzufinden und fing schon an, in gereimten und ungereimten Versen für sie zu schwärmen. In der Erinnerung, während ihr Bild noch klar und deutlich vor seiner Seele stand, wurde ihm dieses l e t z t e Ideal auch immer ideeller, immer märchen- und traumhafter. Auf der Brücke war sie ihm erschienen — sie mußte aus der Fluth zu ihm emporgestiegen sein und er begann ein größeres Idyll unter dem Titel „Die Nixe der Lahn“, wobei er sich schon überdachte, welchen Verleger er damit unglücklich machen wolle.

Einmal aber in dieses Geleis geistigen Schaffens hineingerathen, wurde er für seine wenigen Bekannten in Ems unausstehlich, denn er bemühte sich fortwährend, in Gedanken unmögliche Reime auf Nixe, Nymphe, Göttin und andere schwerfällige Worte zu finden und gab ausschließlich verkehrte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen. Dabei saß er halbe Tage lang an dem Ufer der etwas unappetitlichen Lahn, schwärmte in der wahnsinnigen Hoffnung, daß die Geliebte mit halbem Leibe aus der Fluth emportauchen und mit einem goldenen Kamme ihr langes Haar kämmen solle, und ärgerte sich über prosaisches Volk, das ihn störte, und Brod in’s Wasser warf, um die Weißfische damit zu füttern.

Nach einer solchen Unterbrechung flüchtete er denn gewöhnlich in die Berge hinauf, um seiner Muse freien Raum zu gestatten, und war auch heute dahin auf dem Wege. Vorher nur kehrte er einmal im Schweizerhause ein, um sich durch eine Tasse dünnen Kaffee vielleicht auf seine Wassergöttin vorzubereiten; er ließ sich auch eben an einem der leer stehenden Tische nieder, als er blitzesschnell wieder emporfuhr, denn dicht neben ihm, gleich am nächsten Tische — es war keine Täuschung, denn er hätte sie unter Tausenden herauserkannt — saß seine „Nixe“ und trank ebenfalls Kaffee und neben ihr die andere, vielleicht um sechs bis acht Jahre ältere, aber auch noch sehr liebenswürdige Dame mit dem ältlichen Herrn.

Seine Schöne mußte ihn aber ebenfalls wieder erkannt haben, denn sie erröthete bis unter die Haarwurzeln hinauf und den schneeweißen Nacken hinab, und flüsterte auch gleich darauf ihrem Nachbar, dem ältlichen Herrn, etwas zu, worauf dieser sich langsam nach dem fremden jungen Manne umsah.

Florian Heldenstern fühlte sich jetzt seiner Sache gewiß, und in der unbestimmten Angst, das holde Wesen diesmal wieder so rasch zu verlieren, als das erste Mal, wenn er nicht im Stande war, seine bodenlose Blödigkeit zu bezwingen, faßte er sich ein Herz, ging auf die kleine Gruppe zu und sagte, freilich noch immer mit etwas befangener Stimme:

„Wenn ich nicht irre, meine Gnädigste, so habe ich in diesem Augenblicke das Vergnügen, jene — jene — jene holde Dame wieder vor mir zu sehen, der ich, bei dem neulichen kleinen Zufall, zu so vielem Danke verpflichtet bin, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, demselben die passenden Worte zu geben.“

Florian Heldenstern war „lyrischer Dichter“ und dadurch berechtigt, die unsagbarsten Gefühle auf seine eigene Art und Weise auszudrücken. Die junge Dame aber erröthete noch weit mehr, und nur der ältliche Herr schien seine volle Fassung zu bewahren, denn er sagte mit seiner vollen wohlklingenden Stimme und nur etwas fremdartigem deutschen Dialekt:

„Ah, mein Herr, Sie sind ja wohl der neuliche Lebensretter jenes verzweifelten Spielers. Nicht wahr, S i e sprangen neulich in die Lahn und gaben sich die sehr verlorene Mühe, jenen Selbstmörder dem Leben zu erhalten?“

„Mein Herr,“ sagte Florian sehr achtungsvoll, aber doch mit dem Gefühle gekränkter Menschenwürde — „verlorene Mühe? — Der Mann ist gerettet worden.“

„Allerdings,“ lächelte der Fremde — „aber bitte, wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen, denn die beiden Damen haben schon lange gewünscht, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.“

„Ich wäre zu glücklich, wenn —“ stammelte Florian und sah sich dabei vergebens nach einem Stuhl um, den ihm aber ein aufmerksamer Kellner brachte.

„Sie wissen,“ fuhr aber der ältliche Herr fort, „Damen interessiren sich gewöhnlich für alles Außergewöhnliche — besonders in einem so langweiligen Nest wie dieses Ems ist, und Sie haben sich da jedenfalls ein Verdienst erworben.“

„Es war nur Menschenpflicht,“ sagte Florian bescheiden.

„Nein, ich meine nicht um den leichtfertigen Patron, der sein Leben so billig losschlug, weil er wohl am besten den Werth desselben kannte, sondern um die Badegesellschaft, der Sie damit auf wenigstens zwei Tage so sehr nöthigen Stoff zur Unterhaltung gaben.“

„Aber, mein sehr werther Herr,“ sagte Florian bestürzt, „Sie werden doch nicht die Unterhaltung einer Badegesellschaft höher anschlagen, als ein Menschenleben?“

„Menschenleben,“ sagte der ältliche Herr, aber mit einem spöttischen, fast verächtlichen Ausdruck. „Ich würde nie einen Selbstmörder an seinem Vorhaben hindern, wenn ich auch rechtzeitig dazu käme, am wenigsten aber Jemanden wieder aus dem Wasser holen.“

„Aber das Gefühl der That —“

„Bah,“ sagte der Fremde, „glauben Sie denn, daß Sie dessen Zustand gebessert hatten, als Sie ihn auf’s Trockene brachten? Erstlich blieben seine Verhältnisse nach dem kalten Bade genau dieselben, als vor dem Sprung in’s Wasser, außerdem brachte er noch das Bewußtsein seiner feigen That mit herauf, und drittens war er durch und durch naß — wo ist da die Verbesserung?“

„Aber die Spielbank hat ihm zwanzig Gulden Reisegeld gegeben,“ sagte Florian.

„Gut,“ nickte der Fremde, „die bringt er einmal so rasch als irgend möglich auf die Schwesterbank nach Wiesbaden, und dann kann er die ganze Geschichte noch einmal von vorn anfangen.“

„Aber wenn er nun doch den begangenen Fehler bereut,“ sagte schüchtern die ‚Nixe der Lahn‘ — Florian hatte noch keinen anderen Namen für sie — „wenn er wieder ein guter Mensch wird?“

„Er ist Knopfreisender,“ sagte der ältliche Herr trocken, „und — spielt. Uebrigens will ich es ihm von Herzen wünschen. Aber jetzt basta mit dem langweiligen Patron, von dem schon genug und übergenug gesprochen ist, und nun erzählen Sie uns einmal vor allen Dingen, wer Sie selber sind — denn wie gesagt, meine beiden Damen haben sich vor Neugierde kaum lassen können, da sie einen ‚Menschenretter‘ natürlich wie eine Art von überirdischen Wesen betrachten.“

„Sie beschämen mich,“ sagte Florian verlegen.

„Und womit?“ frug der ältliche Herr, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß es bloße Neugierde ist, zu der auch i c h mich mit einem Bruchtheile bekenne; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich selber aus Ihrer ganzen Erscheinung nicht recht klug werden konnte, obgleich ich mir sonst einen ziemlich richtigen Blick in der Beurtheilung fremder Charaktere zutraue.“

Es lag in den leicht hingeworfenen, fast spöttischen Worten eigentlich mehr Beleidigendes als Zutrauen Erweckendes, und Florian fühlte auch wirklich halb und halb heraus, daß ihn der ältliche Herr etwas obenhin behandele. Florian’s eigene Gutmüthigkeit half ihm aber darüber hinaus, und dann war er auch wirklich im Leben noch nie verwöhnt worden, um sich durch einen leisen Spott gekränkt zu fühlen. Erfolge hatte er noch nie, oder doch nur in seinen eigenen Augen errungen, und wenn e r auch einigen seiner Gedichte die riesigsten Wirkungen zutraute und die feste Ueberzeugung hegte, sie würden wie ein Weltbrand durch Europa flammen, so befand er sich dabei in derselben Lage eines Johanniswürmchens, das auch den ganzen Wald zu erleuchten glaubt, weil es sich selber fortwährend in einem lichten Scheine sieht. Deshalb durfte er aber auch diese Gelegenheit nicht versäumen, den jungen Damen seinen Namen zu nennen — sie mußten ja das Bändchen bei F. A. Brockhaus erschienener lyrischer Gedichte kennen. Er zögerte auch nicht lange mit der Antwort und sagte bescheiden, aber doch mit innigem Selbstgefühl:

„Ich bin Schriftsteller, verehrter Herr — lyrischer Dichter — und mein Name ist Florian Heldenstern. Sollten die Damen vielleicht zufällig —“

Fast unwillkürlich griff er dabei mit der rechten Hand in die linke Brusttasche, denn einzelne Manuscripte führen a l l e lyrischen Dichter bei sich; der fremde Herr aber, der die drohende Bewegung merkte, streckte rasch und abwehrend seinen Arm aus und sagte:

„Lassen Sie stecken — wir glauben es Ihnen auf’s Wort. Die Damen müssen Sie aber entschuldigen, wenn sie in der deutschen Literatur nicht bewandert sind, denn wir kommen aus weiter Ferne, um die Heilkraft dieses Wassers zu erproben. Sie sind doch nicht etwa Bade-Dichter?“

„Bade-Dichter?“ sagte Florian verdutzt — „ich verstehe nicht —“

„Ah, dann nehmen Sie es nicht übel,“ sagte der ältliche Herr trocken — „ich kenne Ihre hiesigen Einrichtungen nicht, und glaubte, daß Sie vielleicht, wie Sie Badeärzte, Badecommissaire und dergleichen haben, auch vielleicht, zur Verschärfung der Kur, Bade-Dichter hätten. Die Schnelle, mit welcher Sie neulich in die Lahn tauchten, rechtfertigte auch einen solchen Verdacht in etwas. Aber, wie gesagt, wir sind hier so vollkommen fremd, daß wir Ihre inneren Einrichtungen nur sehr wenig kennen.“

„Aber woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ sagte Florian schüchtern, denn noch wußte er ja weder Namen noch Vaterland der ‚Lahnnixe‘, die doch sein ganzes Herz erfüllte.

„Aus Amerika,“ sagte der ältliche Herr.

„Aus Amerika?“ rief Florian erstaunt — „aber Sie sprechen das Deutsche so geläufig.“

„Wir sind auch keine geborenen Amerikaner, sondern stammen aus Norwegen — meine Aeltern waren Deutsche.“

„Und Sie kehren nach Amerika zurück?“ fragte der junge Dichter scheu und bestürzt.

„Allerdings, sobald unsere Kur beendet ist — befremdet Sie das?“

„Mich? — o nein,“ stammelte Florian verlegen — „wie könnte es auch — ich — würde nur unendlich bedauern, wenn ich mir denke“ — er stak fest; der Fremde aber, der sich an seiner Verlegenheit zu weiden schien, sagte lächelnd:

„Bitte, vollenden Sie Ihren Satz. Man soll einen Schriftsteller nie unterbrechen, denn es gehen ihm dabei oft höchst kostbare und nie zu ersetzende Gedanken verloren.“

Florian befand sich schon in dem Falle, und war sich dabei nur noch nicht klar, ob er überhaupt einen Gedanken gehabt habe. Die junge Dame aber, die seine Verlegenheit wohl bemerkte, kam ihm mit ihrer unendlichen Liebenswürdigkeit zu Hülfe und sagte freundlich:

„Wir werden hier jedenfalls noch vierzehn Tage oder auch vielleicht drei Wochen verweilen, und hoffen dann noch öfter das Vergnügen zu haben, Sie zu sehen.“

„Sie sind sehr gütig,“ sagte Florian, und stand scheu von seinem Stuhle auf, denn er hielt das irrthümlicher Weise für eine leise Andeutung der Jungfrau, daß er sich gegenwärtig entfernen könne — „wenn Sie mir dann erlauben —“

„Bleiben Sie nur sitzen und trinken Sie Ihren Kaffee,“ rief aber der ältliche Herr, der sich vortrefflich zu amüsiren schien — „da bringt ihn der Kellner eben. Der Henker werde aus Ihnen klug — von der Brücke springen Sie, ohne sich einen Moment zu besinnen, in den Fluß hinunter, um einen Ertrinkenden zu retten, und hier thun Sie, als ob Sie nicht drei zählen könnten. Ihr Deutschen seid wirklich ganz verzweifeltes Volk. Sie fürchten sich doch wahrhaftig nicht vor den beiden Damen?“

„Ich? — o nein, sicher nicht,“ stammelte der junge Mann, der sich aber jetzt mit aller Gewalt zusammennahm, weil er das Schlimmste fürchtete, was einem Menschen in Damengesellschaft begegnen kann: sich lächerlich zu machen, „die beiden Damen sehen dazu viel zu lieb und gut aus. Ich — fürchtete nur, Ihnen als Fremder lästig zu fallen.“

„Bah,“ sagte der ältliche Herr, „wir sind hier A l l e fremd, und wer sich findet, sollte sich deshalb aneinander anschließen, um dies verwünscht langweilige Leben nur in Etwas zu betäuben.“

„Ems bietet freilich nicht viel Unterhaltung,“ lächelte Florian, „und Sie scheinen vorlieb zu nehmen.“

„Das spricht wieder Ihre verwünschte Bescheidenheit,“ rief der Fremde — „kennen Sie nicht das Wort Ihres großen Dichters —

Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,

Vertrau’n Euch auch die andern Seelen?

Uebrigens ist es m i r ein höchst unbehagliches Gefühl, das Gewühl und Gewimmel dieser aufgeputzten Menschen in einem Badeorte zu sehen. Die ganze Gesellschaft kommt mir immer vor wie ein Korb voll noch rothbackiger, aber wurmstichiger Aepfel, die für den Augenblick noch den Schein für die Gesundheit bewahren, aber im Herzen schon den Todeskeim tragen. I h n e n scheint doch Nichts zu fehlen?“

„Mir? nein, Gott sei Dank,“ sagte Florian, „ich bin nicht zur Kur hier — und ich hoffe nur, daß —“ sein besorgter Blick streifte dabei der neben ihm sitzenden Lahnnixe Gestalt.

„U n s fehlt auch Nichts,“ lachte der Fremde, „und wir sind nur eigentlich in Begleitung einer älteren kranken Verwandten hier.“

„Und gefallen sich die Damen hier?“

„Warum nicht,“ lächelte die Jüngste — „uns ist das Alles doch nur neu und interessant; dieses Wogen und Drängen, dieser Putz und Staat, die Musik — das Spiel selbst mit seinen leidenschaftlichen Bewerbern, und kehren wir nach Amerika zurück, wird es uns immer eine liebe und angenehme Erinnerung bleiben.“

Das Gespräch wurde jetzt allgemein und Florian erfuhr wenigstens dabei, daß der fremde Herr Olaf heiße und im Panorama wohne. Gleich darauf kam aber ein Diener, der ihn zu suchen schien. Er flüsterte ihm in ehrerbietiger Stellung einige Worte zu und der ältliche Herr nickte langsam mit dem Kopfe. Dann stand er auf; die Damen folgten seinem Beispiele und mit freundlichen Grüßen zogen sie sich zurück, während Herr Olaf selber ihm noch die Hand reichte und viel herzlicher, als er bis jetzt gesprochen, sagte:

„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen — die Damen wünschen es ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen langsam nach Ems hinab.

Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause oder Café findet.

Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige mußte die Kurliste angeben.

Panorama — da stand es — alle Wetter, dort logirten lauter vornehme Leute — meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen unaussprechlichen Namen — aber da stand Olaf — er schüttelte enttäuscht mit dem Kopfe, denn d a r a u s erfuhr er auch nichts Näheres:

„Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America“ das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame — obgleich noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des ältlichen Herrn — vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann möglicherweise ihre Schwester? — Nein, das konnte nicht gut sein, denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie — den Namen hatte er im Gespräche gehört — Elise — was für ein reizender Name, für den er schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt, ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet. Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.

Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben — heute auf keinen Fall — er durfte nicht zudringlich erscheinen — morgen — morgen Nachmittag — und morgen früh traf er sie gewiß auf der Promenade. — Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen — vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, am Fenster.

Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen, und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.

Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur von i h r zu träumen — und was Anderes erfüllte denn auch seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten, aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber geärgert hatte. Mit d e r unterhielt er sich im Traume die ganze Nacht — mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als die Sonne schon hell auf sein Lager schien.

Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre, weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die Vorgänge des letzten Tages ruhiger.

Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel, daß er heute s e i n e Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde, aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.

Was sollte daraus werden? — Er liebte Elisen, so viel war sicher, und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner Leidenschaft — aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters zu besiegen? — Was k o n n t e er ihr bieten? Ich will gewiß nicht behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.

In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das pro und contra der ganzen Sache ruhig zu überdenken.

Vermögen besaß er gar keines — schnödes wenigstens, das „Motten und Rost“ verzehren können — geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld, wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen — Morgens beim Kaffee wenigstens — daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie oder ihr Vater sich damit begnügen würden.

Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter Mammon? — Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier der Menschen ihren Werth erhält“ — aber die Sache blieb trotzdem dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.

Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? — Seine Honorare? — Du lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden, sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er hatte keine Schulden, ja — aber das war weniger seine, als der Leute Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen, sich und Elisen mit dem, was e r verdiente, „standesgemäß“ (wer nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.

Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen — er mußte reich sein, wenn er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen Schriftsteller, damit zu unterstützen?

Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden Wolken vor sich aus. —

Nur eine Hoffnung — nur ein Trost beseelte ihn noch: Elise liebte i h n — dessen fühlte er sich gewiß, und m i t dieser Liebe hoffte er auch alle weiteren Schwierigkeiten zu überwinden, zu besiegen.

Freilich war das immer nur ein schwacher — aber doch ein Trost, und wenn es auch noch galt, wahre Gebirge von Hindernissen zu beseitigen, so glaubte er das doch mit Hülfe der Geliebten in’s Werk zu setzen. Vorläufig beschloß er aber, ihr zu entsagen — d. h. nur in einem Gedichte, das sich ihm auf die Lippen drängte und das er im Uebermaße seiner Gefühle niederschrieb:

Du sollst es nun und nimmer wissen,

Wie lieb und theuer Du mir bist

Und wie Dein hold unschuldig Wesen

Gerade mein Verderben ist.

Ich will das Herz im Busen halten,

Daß mich sein Klopfen nicht verräth —

Ich will den Blick nicht zu Dir heben,

In dem’s mit heißen Worten steht.

Doch bann’ mich nicht aus Deiner Nähe,

Laß mir den Gram, der mich verzehrt —

Und wenn er Gift — es ist das Einz’ge,

Von dem sich meine Seele nährt.

Wie er damit zu Ende war, beschloß er, Toilette zu machen, die Promenade zu besuchen, um die Geliebte dort vielleicht zu treffen und seine tägliche Portion „Gift“ zu sich zu nehmen — aber er kam zu spät. Die Brunnengäste hatten ihr „Krähnchen“ schon getrunken und die Musici den Platz geräumt — nur die schreckliche Polin in ihrem n o c h nicht gewaschenen weißen, spitzenbedeckten Kleide fegte den Staub der Promenade und etwa herumliegende Cigarrenstummel mit ihrer Schleppe zusammen und ein Paar hustende alte Herren stritten sich an einem der Tische über Politik.

Mittags aß er im Guttenberg und gerirte sich als Kurgast, weil er dadurch billiger wegkam, denn er trank keinen Wein, und Nachmittags um drei Uhr erst wagte er es, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen und Herrn Olaf „m. Fam. u. Bed.“ im Panorama aufzusuchen.

Er fand den alten Herrn auch gerade beim Kaffee und in bester Stimmung; die beiden Damen erschienen ebenfalls bald nachher, und da sich Florian heute viel weniger befangen als gestern fühlte, wurde das Gespräch bald animirt und man scherzte und lachte zusammen. Nachher, als die ersten Töne des Musikcorps laut wurden, begab sich die ganze kleine Gesellschaft hinüber auf die Promenade, und als Florian an dem Abende von ihnen Abschied nahm, glaubte er nie einen glücklicheren Tag verlebt zu haben.

Armer Florian — er glich der um das Licht flatternden Motte, die immer nur nach dem strahlenden Glanze geblendet schaut, bis sie der Flamme zu nahe mit ihren dünnen Flügeln kommt, und dann gelähmt, zerstört zu Boden sinkt.

Und doch fühlte sich Florian in dem Gefühle einer unglücklichen, oder wenigstens ungewissen Liebe wohl. Es hatte ihm bis jetzt jener größere Schmerz gefehlt, den alle lyrischen Dichter nothwendig zu ihrer Arbeit brauchen, wenn sie nicht matt und fade werden sollen. In den nächsten Tagen floß ihm die poetische Ader wie eine Sturzfluth. Er besang den — schon allerdings früher besungenen — Mond, den Abendstern, die heiße Quelle von Ems, die er, ziemlich glücklich, mit seinem kochenden Blute verglich — ja sogar das Schweizerhaus, wo er zum ersten Male mit ihr Kaffee getrunken, und verschiedene andere lebendige und leblose Gegenstände.

Aber noch größere Seligkeit stand ihm bevor, denn einige Male traf er es so glücklich, die Geliebte allein zu Hause zu finden, und er benutzte diese Gelegenheit auch augenblicklich — nicht etwa ihr seine Liebe zu gestehen — nein, das hätte er noch nicht gewagt, aber ihr doch einen Theil seiner Gedichte vorzulesen, und ordentlich rührend war die Geduld, mit welcher Elise den begeisterten Klängen des Barden lauschte.

Elise interessirte sich überhaupt sehr für Literatur; sie las viel und meistens deutsche oder englische Romane, wobei sie den letzteren aber den Vorzug gab. Sie behauptete, der Deutsche vermöchte nicht die tiefe Empfindung in sein Werk zu legen, wie der Engländer, und fragte ihren jungen Bekannten wiederholt, ob er noch nie versucht habe, einen wirklichen Roman zu schreiben.

Florian mußte es verneinen. Einzelne Novellen oder kleinere Erzählungen hatte er allerdings schon verfaßt und zum Abdrucke gebracht, aber ein größeres Werk noch nie. Sein Ehrgeiz war jedoch dadurch geweckt worden, und wo und unter welchen Umständen hätte er eine derartige, den Geist vollbeschäftigende Arbeit auch wohl besser beginnen können, als gerade jetzt und hier, unter dem unmittelbaren Einflusse und Zauber dieses holden Wesens, das seine ganze Seele wie in eisernen Banden hielt?

Schon an dem nämlichen Abende, ja die ganze Nacht hindurch arbeitend, entwarf er einen, für jetzt freilich noch ziemlich unbestimmten Plan, auf dem er aber weiter zu bauen hoffte, und nahm sich auch vor, der Geliebten noch für jetzt Nichts davon zu sagen — sie sollte mit den ersten Capiteln, die sie recht gut als i h r Werk betrachten konnte, da sie ja die erste Anregung dazu gegeben, überrascht werden. Die Sache schien nur nicht so leicht, als er sie sich Anfangs gedacht, denn eine derartige Arbeit verlangte Sammlung, und durch unseres jungen Dichters Hirn preßten eine solche Masse von Gedanken und Empfindungen, daß er Tage gebrauchte, um sie nur zu sichten und in ihre Grenzen zu bannen.

Indessen war er im Panorama nicht allein ein täglicher Gast geworden, sondern begleitete die Familie auch auf ihren Spaziergängen, manchmal bis weit hinauf in die Berge, wohin die Damen dann auf Eseln ritten, während die Herren plaudernd nebenher gingen. In solchen Fällen war Herr Olaf, wie Florian jetzt den ältlichen Herrn nannte, auch weit gesprächiger als in den Zeiten, wo die Damen mit in die Unterhaltung gezogen wurden, und erschloß in der Erzählung gar nicht so selten dem aufmerksam zuhörenden jungen Dichter die Wunder jener mächtigen amerikanischen Scenerie, die sich in den endlosen Prairien und himmelansteigenden Felsengebirgen des inneren Landes dem Wanderer zeigt. Von seinen Jagden berichtete er, von seinen einsamen Wanderungen und Entdeckungszügen in den wilden, von feindlichen Indianern noch außerdem bedrohten Felsenkämmen, und beschrieb ihm dann mit glühenden Farben die stillen heimlichen See’n in der Wildniß, den brausenden Wassersturz und die blumengeschmückte Prairie, so daß es Florian manchmal ordentlich war, als habe sich ein Märchen-Erzähler seiner Sinne bemeistert und trage ihn auf breiten Schwingen in sein Zauberreich.

Der ältliche und sonst sehr ruhige Herr schien bei solchen Gelegenheiten auch — wie von seinen Erinnerungen übermannt, ein ganz anderes Wesen geworden. Seine Gestalt hob sich, sein Auge strahlte ordentlich; seine Stimme zitterte in der Erregung des Augenblicks und wie begeistert stand er vor dem jungen Dichter und starrte in die Ferne. Solche Momente waren es auch, in welchen dieser selber eine unbestimmte Sehnsucht nach fremden Scenen in sich erwachen fühlte, und wenn er sich dann noch dachte, daß er einst Alles das, was dieser merkwürdige Fremde mit solchem Entzücken ihm beschrieb, selber an der Seite der Geliebten sehen und genießen sollte, so wollte es ihm bald das Herz vor Lust zersprengen.

Aber die nüchterne Wirklichkeit machte dann doch auch wieder ihre Anrechte geltend, denn wovon und womit sollte er eine solche Reise machen; und sich allein von seinem Schwiegervater unterhalten zu lassen, dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. — Außerdem: liebte ihn denn Elise wirklich? — Er glaubte und hoffte es, war aber weit entfernt, sich vollkommen sicher darin zu fühlen. Sie hatte sich immer lieb und freundlich gegen ihn gezeigt, ja, und er selber noch nie das holde Lächeln auf ihrem Antlitz vermißt, wenn er einmal unerwartet das Zimmer betrat. Mit einer wahren Engelsgeduld saß sie auch stundenlang neben ihm und ließ sich vorlesen, und das war das Einzige, womit er sich stets ein Alleinsein mit ihr sichern konnte. Sobald er nämlich nur sein Buch herauszog, verließ der ältliche Herr das Zimmer, und seine Frau — es m u ß t e seine Frau sein, denn er ging immer Arm in Arm mit ihr — machte sich dann auch sehr bald etwas zu schaffen, oder hatte nach der Kranken zu sehen. Aber er wagte es trotzdem nie, diesen günstigen Zeitpunkt zu benutzen; denn wenn er es sich auch oft und oft vorgenommen, Gewißheit über sein Schicksal zu erhalten: im entscheidenden Momente verließ ihn jedes Mal der Muth und es war ihm dann ordentlich, als ob ihm Jemand die Kehle zusammenschnüre.

 

So flog unserem Liebenden die Zeit dahin; er wußte kaum selber, wohin sie kam, und nur an seiner mehr und mehr ebbenden Casse merkte er die Spuren ihres Zahns.

Da traf ihn eines Tages, wie ein Donnerschlag — ich könnte sagen „aus heiterem Himmel“ — die Kunde, daß die Stunden seines Glückes gezählt seien, denn Herr Olaf, den er mit Elisen im Zimmer allein fand, rief ihm schon entgegen:

„Das ist glücklich, daß Sie noch einmal kommen, lieber Heldenstern, denn ein Paar Stunden später würden Sie uns nicht mehr angetroffen haben.“

„Nicht mehr angetroffen haben?“ rief Florian, von Schreck wirklich wie erstarrt — „Sie wollen doch nicht —“

„Abreisen, in der That, bester Freund, denn unsere Zeit ist um und die Kranke soweit wieder hergestellt, daß wir uns jetzt auf die Nachkur der Seereise vertrösten müssen; — außerdem zwingt mich ein eben erhaltener Brief zum schleunigsten Aufbruch.“

Florian faßte krampfhaft nach seinem Herzen; ob aber der ältliche Herr glaubte, daß er wieder nach seinem Buche griffe, oder wirklich noch Einiges zu besorgen hatte, kurz, er nahm seinen Hut vom Tische und sagte:

„Ich lasse Sie einen Augenblick mit Elisen allein, da ich noch einen Weg zu gehen habe; Bertha wird wohl auch gleich herüber kommen, denn unsere Koffer sind alle gepackt. — Ich nehme auch noch nicht Abschied; wir sehen uns jedenfalls, wann ich zurückkomme.“

Die Thüre schloß sich hinter ihm und Florian fühlte, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei, aber seine Courage nicht mit, und er stand, seinen Hut in eine unbestimmte Form hineindrückend, dem jungen lieblichen Wesen gegenüber, ohne im Stande zu sein, ein Wort über die Lippen zu bringen.

„Das ist recht rasch gekommen,“ brach da Elise endlich das Schweigen und wie es Florian vorkam, mit zitternder Stimme — „ich hatte gehofft, daß wir noch wenigstens acht Tage hier bleiben würden, aber Olaf drängt so zur Abreise.“

„Ich kann es noch gar nicht fassen,“ stammelte Florian.

„Wir werden Sie auch sehr vermissen,“ lächelte das junge Wesen wehmüthig — „wir hatten uns so an Sie gewöhnt und in unserer fernen Heimath hört man so wenig von der Welt da draußen.“

„Sie mich vermissen,“ sagte Florian bitter, „Du lieber Gott, und was soll i c h da sagen — und wie hatte ich mich darauf gefreut, gerade jetzt noch mit Ihnen zu verkehren.“

„Gerade j e t z t ?“ frug Elise etwas erstaunt.

„Ich bin Ihrem Wunsche nachgekommen,“ fuhr Florian, zu ihr aufblickend, fort — „ich habe einen größeren Roman begonnen. Ich fühlte mich die ganze Zeit in einer so gehobenen — so seligen Stimmung, daß die Feder kaum der entfesselten Phantasie zu folgen vermochte, und jetzt — da ich Ihren Rath — Ihren Beifall brauche — wollen Sie fort — fort vielleicht auf immer.“

„Meinen R a t h ?“ sagte Elise kopfschüttelnd, „und wie könnte i c h Ihnen bei einer solchen Arbeit einen Rath geben?“

Florian sah sie mit einem forschenden Blicke an. Ein plötzlicher Gedanke zuckte durch sein Hirn. Sollte er das Geständniß der ihn fast verzehrenden Liebe in seinem Herzen verschließen? Hätte sie ihn nicht selber für verzagt halten müssen und kam sie ihm nicht schon durch die Frage auf halbem Wege entgegen?

„Ich befinde mich gerade in einem sehr schwierigen Capitel,“ erwiderte Florian, jetzt plötzlich zum Aeußersten entschlossen — „ich habe die schüchterne Liebe eines jungen Mannes zu der Auserwählten geschildert — seinen Kampf mit sich — seine Furcht, es ihr zu gestehen.“

„O, das muß s o interessant sein,“ sagte Elise.

„Sein Schwanken, ob er sie fliehen,“ fuhr Florian fort — „und unsagbar elend werden oder sich ihr zu Füßen werfen solle und ihr die ihn verzehrende Leidenschaft bekennen.“

„Das muß er doch unbedingt thun,“ rief die junge Dame rasch.

„Ja,“ sagte Florian mit gepreßter Stimme — „auch ich fühle, wie nothwendig das ist. Denn diese Ungewißheit würde er auf die Länge der Zeit nicht ertragen können, aber — ich befinde mich dabei in einer schwierigen Situation, denn — ich kann mich recht gut in die Lage und Gefühle des Jünglings versetzen, aber — nicht in die der Jungfrau. Ich weiß nicht genau, wie sie sich in einem solchen Moment benehmen — was sie denken, was sie sagen würde.“

„Und da soll ich Ihnen helfen?“ lächelte Elise.

„O, wenn Sie das wollten,“ bat Florian leidenschaftlich, „noch bleibt uns vielleicht eine Stunde Zeit.“

„Haben Sie Ihr Manuscript bei sich?“

„Die Gedanken sind noch nicht aufgeschrieben,“ erwiderte Florian, dem jetzt ungefähr so zu Muthe war, als ob er auf einem durchgehenden Pferde säße, und es eben laufen lassen müsse — „nur im Kopf trage ich sie herum, noch ohne Form und Gestalt, und Ihr Rath sollte ihnen eben Leben verleihen.“

„Das verstehe ich nicht ganz,“ sagte die junge Dame erröthend, „wie kann ich Ihnen einen Rath geben oder mir denken, was jene andere Dame geantwortet haben würde, wenn ich nicht vorher lesen kann, was ihr Geliebter gesagt?“

„Und wenn wir es nun dramatisch aufführten,“ fragte Florian, und es war, als ob ihm bei dem scharfen Ritt seines Durchgängers der Athem versetzt würde.

„Dramatisch?“

„Wir spielen die Scene durch,“ sagte Florian und mußte sich Mühe geben, die Worte über die Lippen zu bringen.

„Und liebt sie ihn denn auch?“ lächelte Elise.

„Ja das weiß er ja noch gar nicht,“ erwiderte Florian, „gerade diese Ungewißheit und — der drängende Augenblick — denn die Geliebte soll ihm gerade durch einen harten Vormund entrissen werden — treibt ihn zu der Erklärung und eben von der Antwort derselben hängt das ganze weitere Schicksal seines — des Romans eben ab.“

„Also dann beginnen Sie,“ nickte Elise, still vor sich hin lächelnd; „schade nur, daß Bertha nicht da ist, die könnte mich unterstützen.“

Florian war darin anderer Ansicht, aber in diesem Augenblick wirbelte es ihm auch durch Kopf und Herz; er wechselte in dem Ansturm seiner Gefühle mehrmals die Farbe, und wieder kam ihm die schon frühere Empfindung des Erstickens, bis er endlich entschlossen die Zähne aufeinander setzte. Es m u ß t e sein, und mit dem Bewußtsein griff er den abgelegten Hut wieder auf, that als ob er eben erst in die Thüre träte und sagte:

„Mein Fräulein, der Drang des Augenblicks mag mein plötzliches Erscheinen entschuldigen. Aber die furchtbare Nachricht hat mich ereilt, daß Sie uns verlassen wollen, und nicht vermochte ich in dem Bewußtsein der Leere, die fortan mein ganzes Leben ausfüllen würde —“

„Aber bester Herr Heldenstern,“ unterbrach ihn lächelnd Elise — „ich bin allerdings der deutschen Sprache nicht so vollkommen mächtig, aber — kann man denn mit L e e r e etwas ausfüllen?“

Florian war durch die Zwischenfrage ganz aus seinem Concept gekommen. Was lag jetzt an einem Worte, an einer Redensart, wo sein ganzes Lebensglück auf dem Spiele stand, und Elise saß ihm dabei so ruhig gegenüber. Sollte er sich getäuscht haben? sollte sie nicht ahnen, was in seinem Herzen vorging, und wie das Geständniß seiner „unsagbaren“ Liebe eben im Begriffe sei, über seine Lippen zu quellen?

„Sie haben Recht, mein Fräulein,“ stammelte er, „aber entschuldigen Sie den falschen Ausdruck mit der Erregung des Augenblicks — ich wußte nicht, was ich sagte — ich weiß es noch nicht — aber nur Eines — Eines auf dem ganzen Erdenrunde weiß ich,“ rief er — und jetzt ging der Renner wieder ordentlich mit ihm durch, denn er warf sich leidenschaftlich dem verführerischen Wesen zu Füßen — „Eins nur, daß ich Sie liebe und anbete — daß ich nicht leben kann ohne Sie, daß ich verzweifeln müßte, wenn Sie sich jetzt in diesem Augenblicke von mir abwenden und mich in mein leeres Nichts zurückstoßen würden.“

Er hatte dabei ihre Hand gefaßt, die er mit seinen Küssen bedeckte. Er sah und hörte auch nicht, wie in diesem Moment gerade die Thüre sich öffnete und der ältliche Herr, allerdings mit einem unverkennbaren Ausdrucke des Erstaunens, sonst aber vollkommen ruhig und leidenschaftslos auf der Schwelle stand und die Gruppe betrachtete.

„Allerliebst,“ sagte er jetzt, als Florian schwieg; „ist das etwa eine Abschiedsscene?“

„Nur eine Probe, Olaf,“ lächelte die junge Fremde, aber eben so unbefangen und ruhig, als sie bis jetzt das Ganze hingenommen. „Herr Heldenstern probirt eine Scene seines neuen Romans.“

„Nein — nein,“ rief aber dieser jetzt, nicht mehr im Stande, die einmal losgebrochenen Gefühle in ihr altes Bett zurückzudämmen, denn selbst die Erscheinung des Fremden dämpfte nicht die Gluth. „Wahrheit ist’s, furchtbare beseligende Wahrheit, und Glück oder Elend meines ganzen Lebens hängt an dieser Stunde. Herr Olaf,“ fuhr er fort, indem er in die Höhe sprang und sich an diesen wandte, „nicht vermögend, die Scheu zu bewältigen, die mich in der Nähe dieses Engels erfaßte, trieb es mich, zu schnöder List meine Zuflucht zu nehmen und ihr unter der Maske eines fingirten Romans meine Liebe zu gestehen. Der Roman war Erdichtung, aber nicht die Liebe selber. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter.“

Scheu streifte sein Blick, während er diese Worte in leidenschaftlicher Heftigkeit sprach, die schlanke Gestalt Elisens, die, wie von Purpur übergossen, neben ihm stand, und schaute dann fragend und flehend zu dem ältlichen Herrn empor, der immer noch, langsam dazu mit dem Kopf schüttelnd, seine Stelle behauptete.

„Meine To c h t e r , Herr Heldenstern?“ sagte aber Olaf endlich; „ich verstehe Sie nicht — ich habe gar keine Tochter.“

„So ist Elise nicht Ihre Tochter?“ rief Florian rasch.

„Allerdings nicht,“ erwiderte Herr Olaf mit derselben lächelnden Ruhe — „aber ich kann doch nicht gut glauben, daß Sie mich um die Hand meiner eigenen Frau bitten?“

„Ihrer F r a u ?“ schrie Florian und sprang wie von einer Natter gestochen zurück — „heiliger Gott! und ich glaubte, die andere Dame, Frau Bertha, sei Ihre Gemahlin.“

„Das ist a u c h meine Frau,“ erwiderte mit unzerstörbarer eiserner Ruhe der Entsetzliche.

„Aber ich bitte Sie um des Himmels willen.“

„Und die kranke Dame, derethalben wir Ems besucht haben, ebenfalls,“ nickte der ältliche Herr.

Florian faßte seinen Kopf mit beiden Händen — er wußte nicht, ob er wache oder träume und sein fragender Blick flog nach Elisen hinüber — war es ihm doch als ob ein leiser Zug von Mitleiden über ihr liebes Antlitz zuckte. Aber nur bestätigend nickte sie mit dem Kopf und der junge Dichter rief verzweifelnd aus:

„Wollen Sie mich wahnsinnig machen? — Es ist ja gar nicht möglich, denn Sie stammen doch aus Norwegen und nicht aus der Türkei.“

„Nein,“ erwiderte der ältliche Herr lächelnd — „ein Türke bin ich allerdings nicht, sondern ein Christ.“

„Mit drei Frauen?“

„Wir gehören zur Secte der Mormonen,“ nickte Herr Olaf, „und kommen vom Salzsee, wohin wir gerade im Begriffe sind, wieder zurückzukehren. Liebe Elise, der Wagen hält schon vor der Thüre und das Gepäck ist sämmtlich unten.“

„Mormonen!“ stöhnte Florian vollkommen vernichtet.

„Daß uns hier Nichts daran lag, als solche gekannt zu sein, können Sie sich denken,“ fuhr der ältliche Herr fort, „und ich hatte nicht das Geringste dagegen, daß meine jüngste Frau für meine Tochter galt. Uebrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß es mich und uns Alle herzlich gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Sollten Sie jemals unsere Ansiedlung am Salzsee, an der anderen Seite der Cordilleren, besuchen, so werden wir Ihnen beweisen können, wie willkommen Sie uns sind.“

„Gnädiger Herr, der Zug ist schon signalisirt,“ meldete in diesem Augenblicke der eintretende Diener, „die Damen warten unten.“

„Leben Sie wohl, lieber Freund,“ sagte Olaf, ihm die Hand entgegenstreckend und Elisens Arm nehmend, „und bewahren Sie uns ein freundliches Andenken.“

„Leben Sie wohl, Herr Heldenstern,“ flüsterte auch Elise und reichte ihm ihre kleine Hand.

Er nahm sie wie in einem Traum und drückte sie an seine Lippen, dann sah er, wie die Personen verschwanden und hörte, wie unten der Wagen fortrollte. Er wollte ihnen nach, aber er vermochte keinen Fuß zu regen und stand da, willenlos und wie gebannt, allein mitten im „Panorama.“

Doch nicht lange dauerte dieser Zauber, den er endlich gewaltsam von sich abschüttelte. Jetzt stürmte er die Treppe hinab und dem Bahnhof zu — was er dort wollte, wußte er freilich selber nicht, denn welche Gewalt stand ihm über die Frau eines Anderen zu. Aber er kam auch zu spät; wie er flüchtigen Laufes der nahen Station zueilte, pfiff die Locomotive und der Zug brauste davon. Nur aus einem Coupé erster Classe erkannte er noch ein weißes wehendes Taschentuch.

Florian verließ an dem nämlichen Abend Ems. Die Erinnerung an das Durchlebte war ihm zu furchtbar. Vorher aber schrieb er noch in sein eigenes Stammbuch:

„Aus dem Salzsee stieg die Nixe, zauberschön, ein Bild der Minne, Und sie stahl mein Herz; ich dachte Nichts, als wie ich sie gewinne, Aber Täuschung nur und Trug war’s; sie entschwand trotz meinem Sehnen Und mir blieb allein der Salzsee, den ich schuf mit meinen Thränen.“

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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