Im Brauerhause

Theodor Storm · Kapitel 3 von 5

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Im Brauerhause

Im Brauerhause.

Meiner Mutter

 

zum

 

We i h n a c h t a b e n d 1854

Im Brauerhause.

 

Es war in einem angesehenen Bürgerhause, wo wir am Abendteetisch in

vertrautem Kreis beisammensaßen. Unsere Wirtin, eine Fünfzigerin von

frischem Wesen, mit einem Anflug heiterer Derbheit, stammte nicht aus einer

hiesigen Familie; sie war in ihrer Jugend als wirtschaftliche Stütze in das

elterliche Haus ihres jetzigen Mannes, unseres trefflichen Wirtes, gekommen

und hatte in solchem Verhältnisse dort gelebt, bis der einzige Sohn so glücklich

gewesen war, sie als seine Ehefrau bleibend festzuhalten. Das Vertrauen, womit

des Bräutigams Mutter gleich nach der Hochzeit der Jüngeren ihren eigenen

Platz im Hause einräumte, hat diese nun schon manches Jahr über das Leben

ihrer beiden Schwiegereltern hinaus gerechtfertigt. Bei ihrem, jetzt den

Siebzigern nahen Ehemann selber begann schon das Greisenalter seine leise

Spur zu ziehen; aber wo ihm eine Kraft versagte, da suchte sie unbemerkt die

ihre einzusetzen; wo ihrerseits eine Entsagung nötig oder auch nur erwünscht

schien, da blickte sie nur mit um so freundlicheren Augen auf ihren Mann und

blieb bei ihm allein, wenn andere dem Vergnügen nachgingen. Der alte Herr

selber war nicht von vielen Worten; aber die ruhige Sicherheit einer gegenseitig

bewährten Liebe war in diesem Hause allen fühlbar, und alle fühlten sich dort

wohl.

 

Am heutigen Abend jedoch wollte das gewohnte Gespräch, worin man sich sonst

über Stadt- und Landesangelegenheiten mit Behaglichkeit erging, noch immer

nicht in rechten Fluß geraten; denn in einer unserer Nachbarstädte war früh am

Morgen etwas Ausnahmsweises und Entsetzliches, es war die Hinrichtung eines

Raubmörders dort vollzogen worden, und die Luft schien mit diesem

Unterhaltungsstoffe so erfüllt, daß kaum etwas anderes daneben zur Geltung

kommen konnte. Hier war nun überdies noch ein abergläubischer Unfug im

Gefolge der Exekution gewesen; ein Epileptischer hatte von dem noch

rauchenden Blute des Justifizierten trinken und dann zwischen zwei kräftigen

Männern laufen müssen, bis er plötzlich, von seinen Krämpfen befallen, zu

Boden gestürzt war. Dennoch galt dies Verfahren als ein untrügliches Heilmittel

seiner Krankheit. Und noch zu anderen Kuren und sympathetischen Wundern

sollten Haare, Blut und Fetzen von der Kleidung des Hingerichteten unter die

Leute gekommen sein.

An unserem Teetisch erhob sich darüber ein lebhaftes Durcheinanderreden; alle

diese Dinge wurden gleichzeitig als unzulässig und strafbar, als

verabscheuungswürdig und als lächerlich bezeichnet. Nur unsere verehrte, sonst

so teilnehmende Wirtin saß plötzlich so still und in sich versunken da, daß

endlich alle es bemerken mußten.

 

Als wir sie eben darauf ansahen, rief ihre älteste Tochter zu ihr hinüber: »Mutter,

du denkst gewiß an Peter Liekdoorns Finger!«

 

»Ja, ja, Peter Liekdoorn!« sagte nun auch der alte Herr; »das ist eine Geschichte!

Erzähl sie nur, Mutter; deine Gedanken kommen sonst ja doch nicht davon los;

und zu verschweigen ist ja nichts dabei!«

 

»Nein, mein Vater,« sagte die alte Dame; »es ist ja einstens auch genug davon

geredet worden.«

 

Dann sah sie uns alle der Reihe nach mit ihren freundlichen Augen an, und als

auch wir dann baten, begann sie in ihrer mitteilsamen Weise: »Mein seliger Vater

hatte, wie das Ihnen allen wohl bekannt ist, eine Brauerei; keine bayerische, wie

sie heutzutage sind; es wurde nur Gutbier und Dünnbier gebraut; aber beides war

gut für den Durst und nicht so gallenbitter wie das jetzige, das nicht einmal zu

einer Biersuppe zu gebrauchen ist.«

 

Wir lachten, und sie lachte herzlich mit uns.

 

»Das Geschäft,« fuhr sie dann fort, »war noch von Großvaters Zeiten her und

lange das einzigste am Ort gewesen; im Jahre meiner Konfirmation aber wurde

von einem reichen Bäcker noch ein zweites etabliert. Wenn man hinten aus

unserem Brauhause auf den Weg hinaustrat, konnte man am Nordende der Stadt

das neue rote Dach über den Gartenbäumen scheinen sehen; und ich glaube

freilich nicht, daß mein Vater, und noch viel weniger, daß unser alter Brauknecht

Lorenz es eben mit Vergnügen sahen; aber unser Bier hatte doch seinen alten

Ruf, und die Kundschaft blieb groß genug, daß wir alle satt hatten und mein

Vater jedem zahlen konnte, was er schuldig war.

 

Da, nicht lange nachher, geschah es, daß auch bei uns ein ganz abscheulicher

Kerl hingerichtet wurde. Wie er eigentlich hieß, weiß ich nicht einmal; aber die

Leute nannten ihn ›Peter Liekdoorn‹; denn er hatte nichts gelernt und suchte sich

deshalb als Hühneraugenoperateur durchzuhelfen. Nun, ich hätte den Kerl nicht

an meinen Hühneraugen haben mögen! — Da er viel Branntwein trank und

wenig in der Tasche hatte, so brachte er seine eigene, fast neunzigjährige Tante ums Leben, von der er wußte, daß sie einen Strumpfsocken mit Banktalern in

ihrem Bettstroh aufbewahrte; aber bevor er noch einen davon ins Wirtshaus

tragen konnte, so hatten sie ihn schon fest und auf der Frohnerei; und endlich

war denn auch sein Prozeß zu Ende; er sollte draußen auf dem Galgenberg

enthauptet und dann sein Körper auf das Rad geflochten werden. Und das war

wohlverdient; denn die alte Tante hatte den Bengel, der eine Waise war, vor

Jahren mit Not und Hunger aufgezogen, und die Banktaler hatte sie sich zum

ehrlichen Begräbnis aufgespart.

 

Wie ich schon sagte, hatten wir derzeit noch unseren alten Brauknecht Lorenz,

der, wie das Geschäft selbst, auch noch von meinem Großvater stammte; eine

treue, fromme Seele! Über sein Wandbett hatte er sich mit Kreide den halb

plattdeutschen Spruch geschrieben:

 

›Lorenz Hansen is mein Nam';

Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!‹

 

Und sooft auch die Magd ihn am Sonnabend mit der Seifenbürste wegwusch, er

malte ihn am Sonntag immer geduldig wieder hin. Uns Kindern, wenn wir

abends in der Brauerei am großen Steinbottich bei ihm saßen, wußte er

Geschichten zu erzählen, daß wir zuletzt vor Gruseln ihm alle auf den Schoß

gekrochen waren, und wie das heutzutage kein Mensch mehr so versteht. Das

war nun gut; aber warum er solche Geschichten so erzählen konnte, das war nun

nicht so gut! Er glaubte nämlich selber an all das dumme Zeug, womit er uns

traktierte. Am Paaschabend, wenn er sein Dutzend Ostereier ausgelöffelt hatte,

schlug er sorgsam alle Schalen entzwei; sonst, sagte er, könnten die Hexen darin

nisten; beim Bierbrauen legte er allemal ein Kreuz von Holz über den Gärkübel,

so konnte keiner den Gest (Hefe) rauben, und das Bier konnte nicht verrufen

werden. Meiner Mutter, die uns auch oft beim Geschichtenerzählen

auseinanderjagte, war all so etwas in den Tod zuwider; sie schalt ihn oft darüber

und auch auf meinen Vater, daß er solche Narrenspossen unter seinem Dache

leide. Aber unser Vater war eben, wie wir auf plattdeutsch sagen, ein

›liedsamer‹, ein gelassener Mann; er strich schmunzelnd seiner kleinen lebhaften

Frau mit der Hand übers Gesicht und sagte: ›Mutter, laß mir den alten Lorenz; so

einen Brauknecht gibt es keinen zweiten; er meint's gut, und es schadet keinem.‹

 

Damit war meine kleine Mutter allemal fertig, zumal, wenn sie noch einen Kuß

dazu bekam; aber recht hatte er darum doch nicht; denn dumm ist dumm, und es

sollte niemand sagen, daß die Dummheit keinen Schaden tue.

Als es nun so weit war, daß Tages darauf der Mörder Peter Liekdoorn sich durch

Hingabe seines irdischen Leibes mit seinem Gott versöhnen sollte, hatte unser

Lorenz es sich von dem Bürgermeister und seinem Brotherrn ausgebeten, daß er

dem armen Sünder in seiner letzten Nacht Gesellschaft leisten durfte; denn sie

waren Nachbarskinder gewesen, und in der Schule hatte Lorenz ihm oft die eine

Hälfte von seinem Butterbrot gegeben, und Peter Liekdoorn hatte sich dann die

andere noch dazu gestohlen. Aber als nun der gute Lorenz mit ihm beten und

seiner armen Seele beistehen wollte, trieb der schändliche Bösewicht nur Possen

und Eulenspiegeleien.«

 

»Herr Amtsrichter,« fuhr die Erzählerin fort, sich voll nachträglicher Entrüstung

zu mir wendend — »man mag es ja kaum erzählen! ›Juckst du noch,‹ hatte er zu

seinem Kopf gesagt, indem er sich in seine dünnen Haare kratzte; ›und morgen

sollst du schon herunter?‹ Der alte Lorenz hat das nie vergessen können.

 

Der Richtplatz auf dem Galgenberg war so nahe bei der Stadt, daß man von

unserem obersten Brauhausboden alles deutlich hätte mit ansehen können; aber

während die halbe Stadt hinausgezogen war, steckte ich in dem dunkelsten

Verschlage unter der Bodentreppe; denn ich hatte, trotz meiner sechzehn Jahre,

die dumme Idee, daß ich es sonst überall im Hause hören müßte, wenn dem

Bösewicht der Kopf herabgeschlagen würde. Erst als meine Mutter anklopfte

und rief: ›Es ist vorbei; sie kommen alle schon zurück!‹ kroch ich wieder an das

Tageslicht. Ich hör' es noch vor meinen Ohren, wie es in dicken Haufen draußen

auf der Gasse vorbeizog und ein Gemurmel und ein Summen als wie in einem

Immenschwarm.

 

Und das Gerede kam auch noch in Wochen nicht zur Ruh'; denn draußen auf

dem Richtplatz hart an der Landstraße lag ja Peter Liekdoorns Körper auf das

Rad geflochten. Wenn meine beiden jüngeren Geschwister aus der Schule

kamen, warfen sie die Bücher hin und liefen auf den Brauhausboden; dann

kamen sie mit großen Augen wieder in die Stube; bald hatte meine Schwester

zwei Raben auf dem Rade sitzen sehen, bald hatte mein Bruder ganz deutlich

wahrgenommen, wie der auf dem Pfahle steckende Kopf mit den dünnen Haaren

vom Wind herumgekreiselt war, bis zuletzt mein guter Vater ein Schloß vor die

Bodenluke legte und einen Trumpf darauf setzte, es solle von diesen

abscheulichen Dingen fürderhin kein Wort im Hause mehr gesprochen werden.«

 

Die Erzählerin nahm ein Schlückchen aus ihrer Tasse und fuhr dann fort:

 

»Nicht lange nachher saßen wir — ich weiß noch, es war an einem Sonntag — bei unserer Abendmahlzeit. Da es Reisbrei mit Kaneel und Zucker gab, so hatte

ich auch noch unseren Nachbar Ivers dazu holen müssen, dessen Leibgericht das

war. Wir hatten uns schon alle zu Tisch gesetzt; auch Lorenz und die Magd;

allein mein Bruder fehlte noch. Mein Vater sah sich eben recht verdrießlich nach

ihm um, als erst die Haustür und dann die Tür zur Stube aufgerissen wurde und

der Junge mit einer Fahrt hereingestürzt kam.

 

›Mein Gott, Christian,‹ rief meine Mutter, ›weshalb kommst du nicht zu rechter

Zeit? Du weißt doch, daß dein Vater das nicht leiden kann!‹

 

›Ja,‹ sagte er, ›aber die Jungens sind alle auf dem Markt zusammengelaufen!‹

 

— ›Die Jungens? Was haben die des Abends auf dem Markt zu tun?‹

 

›Nichts,‹ sagte Christian, ›sie sprechen nur miteinander.‹

 

›Nun, so sprich du auch jetzt!‹ sagte mein Vater. ›Laß ihn reden, Mutter!‹

 

Aber der Junge schwieg und sah seinem Vater starr ins Angesicht.

 

›Christian, so sprich doch, Christian!‹ rief meine Mutter.

 

›Ich darf ja nicht,‹ entgegnete er; ›Vater hat ja gesagt, er wolle von dem dummen

Zeug nun nichts mehr hören.‹

 

›Nachbar,‹ sagte der alte Ivers, der ein Junggeselle und sehr neugierig war, ›so

lassen Sie den Jungen doch seine Geschichte von sich tun!‹

 

Mein Vater klopfte den Alten mit seinem schelmischen Lachen auf die Schulter.

›Nun, Christian, so schieß denn los; du sollst doch Nachbar Ivers nicht die

Nachtruh' vorenthalten!‹

 

›Ja,‹ sagte der Junge; aber er sah sich erst mal um, ob doch auch alle anderen

hörten; ›es ist ganz gewiß, sie haben Peter Liekdoorn seinen einen Finger

weggestohlen!‹

 

— ›Wer hat euch das gesagt?‹

 

›Das hat Ratsdiener Ferdinand uns selbst erzählt.‹

 

›Ei was! Der Fuchs wird ihn geholt haben,‹ sagte mein Vater; ›wer sollte denn

dergleichen stehlen!‹

 

— ›Nein, nein, Vater; das Rad ist viel zu hoch, da können die Füchse nicht daran!‹

 

Der alte Ivers hatte schweigend zugehört. ›Sag mir einmal, mein Jüngelchen,‹

begann er jetzt, ›was ist's denn eigentlich für ein Finger?‹

 

— ›Wie meinst du das, Nachbar Ivers?‹

 

›Nun, ich meine, ist's der kleine Finger oder der Goldfinger oder —‹

 

›Nein, nein; es ist der Daumen!‹ unterbrach ihn Christian; ›ich weiß aber nicht,

von welcher Hand.‹

 

›So,‹ sagte Ivers, ›der Daumen! das hatte ich mir gedacht. Er braucht eigentlich

nur von einem Dieb zu sein; aber besser ist gewißlich immer besser; nein, den

Daumen hat sich nicht der Fuchs geholt, den können ganz andere Leute noch

gebrauchen! Da fragt nur euren Lorenz, wenn Ihr's nicht selber wißt!‹

 

Aber Lorenz sah auf seinen Teller und aß schweigsam seinen Reisbrei.

 

›So erzählt es doch nur, Nachbar!‹ sagte meine Mutter; denn sie wollte nicht, daß

er den alten Lorenz necken sollte.

 

›Kann leicht geschehen, Frau Nachbarn,‹ erwiderte er; ›aber wißt Ihr das denn

nicht? Wer solch einen Finger unter seinem Drümpel eingegraben hat, dem

strömt die Kundschaft in das Haus hinein! — Nun,‹ setzte er gutmütig hinzu,

›hier, Gott sei Dank, sind solche Künste nicht vonnöten!‹

 

›Das walte Gott!‹ sprach meine Mutter leise und klopfte unter den Tisch, um die

üble Berufung abzuwenden. Denn solche Dinge zählte sie nicht zum

Aberglauben, und sie konnte ganz böse werden, wenn man ihr dawider stritt;

dagegen wußte sie wohl, daß das großväterliche Vermögen in viele Teile

gegangen und die Brauerei derzeit mit schweren Schulden von ihrem Manne

übernommen war.

 

Mein Vater war ganz ernst geworden. ›Setz dich, Christian,‹ sagte er zu dem

Jungen, der noch immer auf der Diele herumstand, ›und mach, daß du mit

deinem Reisbrei fertig wirst!‹

 

Ich weiß noch wohl, unsere Mahlzeit ging ganz still zu Ende.«

 

Nachdem auf Befragen einer mitteldeutschen Anverwandten noch erklärt war,

daß unter dem plattdeutschen Worte »Drümpel« eine Türschwelle zu verstehen sei, begann die Erzählerin wieder: »Man hätte glauben sollen, daß wir nun

endlich mit Peter Liekdoorn fertig gewesen wären; aber, leider Gottes, das alles

war nur erst der Anfang.

 

Es war im Juli und ungewöhnlich heiß; die Ernte hatte schon begonnen. Von den

umliegenden Dörfern kam ein Wagen nach dem anderen hinten vor unserem

Brauhaus angefahren, um Gut- und Dünnbier für Herrschaft und Leute

abzuholen, und nicht nur viertel und halbe, sondern fast immer ganze Tonnen

wurden aufgeladen. Mein Vater und unser alter Lorenz arbeiteten in hellem

Schweiße, aber mit vergnügten Angesichtern. In unserer hohen, kühlen

Außendiele, unter dem Fenster, lagen zwei Fässer für den Hausverkauf; ich habe

manches Maß voll da herausgezapft, denn seit meiner Konfirmation hatte ich das

zu besorgen. Aber jetzt ließ es mich in Wahrheit kaum zu Atem kommen; ich

merkte wohl, auch die Leute in der Stadt hatten bei der grausamen Hitze einen

schönen Durst; Kopf an Kopf stand es oft um mich herum, und mit all den

Krügen und Kannen, die sie gegen mich streckten, trieben sie mich eines Tages

so in die Enge, daß ich erst auf einen Tritt und dann oben auf die Fensterbank

mich retirieren und von dort aus erst eine ordentliche Rede halten mußte, bevor

ich nur wieder zu meinem Faß hinunter konnte.«

 

Die Erzählerin sah uns an und nickte. »Ja,« sagte sie, »es mag wunderlich

ausgesehen haben; aber ich war damals auch noch eine flinke, leichte Dirne!

Und was war das für eine Freude, wenn ich so mittags und abends zwei schwere,

blanke Hände voll vor meinen Vater auf den Tisch schütten konnte! Ich weiß

noch, morgens, bevor die Zeit herangekommen war, wie ich in der Stube am

Fenster stand und es nicht erwarten konnte, bis ich den ersten mit Krug oder

Blechgemäß unserem Hause zusteuern sah.

 

So stand ich auch eines Vormittags und konnte nicht begreifen, daß das lustige

Geldeinnehmen noch immer nicht in Gang kommen wollte; denn es war schon

über zehn, und im Flur draußen von unserer Hausuhr schlug es erst ein Viertel,

dann halb; aber es kam noch immer niemand. Endlich ging ich hinaus und vor

die Haustür; da kamen zwei arme Kinder mit ihren kleinen Töpfen, dann

hintereinander noch ein paar andere Leute von dem äußersten Ende der Stadt,

und als ich die abgefertigt hatte, schlug die Uhr zu meinem großen Schrecken

elf; denn ich wußte nun, daß die Verkaufszeit für diesen Vormittag so gut wie

vorüber sei.

 

Ich hatte endlich nur ein paar armselige Schillinge, die ich mittags vor meinem

Vater hinlegen konnte.

›Was ist das, Nane?‹ sagte er. ›Weshalb gibst du mir nicht alles?‹

 

›Das ist alles, Vater.‹

 

— ›Alles? Das ist ja sonderbar.‹ Weiter sagte er nichts.

 

Aber auch am Nachmittage und den zweiten und die folgenden Tage blieb es

ebenso; ja selbst die Wagen von den Dörfern kamen immer weniger, und aus

einem großen Dorfe, wo wir sonst die beste Kundschaft hatten, blieben sie völlig

weg. ›Lorenz,‹ hörte ich einmal, da ich über den Hof ging, unseren Vater fragen,

›wann hat Marx Sievers zum letztenmal geholt?‹

 

›Ich denke, Herr, die andere Woche geht eben heut zu Ende.‹

 

›Bei der grausamen Hitze? — Lorenz,‹ und an meines Vaters Stimme hörte ich,

wie er voll Angst und Sorge war; ›was ist passiert, Lorenz? Wir haben nimmer

besser Bier gehabt!‹

 

›Weiß nicht, Herr!‹ erwiderte der Alte düster.

 

Ich mochte nicht stehen bleiben und hören, was sie weiter sprachen; aber ich

wußte wohl, Marx Sievers war der größte Bauer in jenem Dorfe, und wie jetzt,

in der Ernte, pflegte sein Fuhrwerk sonst fast jeden dritten Tag zu kommen.

 

In der nächsten Zeit wurden die Darre und die Braupfannen auf das sorgfältigste

nachgesehen und gereinigt; mein Vater untersuchte jeden Sack mit Hopfen, ob

auch irgendwo eine Verstockung sich eingenistet habe; aber er kam stets

kopfschüttelnd von solchem Tun zurück; es war nichts zu finden, was nicht in

Ordnung war. Wir gingen alle wie verstört umher, denn jeder wußte, die

Erntezeit sollte den Hauptverdienst des ganzen Jahres bringen; und die paar

guten Tage, die so schnell vorübergegangen waren, konnten dabei nichts

verschlagen. Bei den Mahlzeiten wurde jetzt kein Wort gesprochen, die Augen

unserer Mutter gingen angstvoll nach ihres Mannes Angesicht, während sie uns

schweigend zuteilte. Der alte Lorenz aber war plötzlich ein ganz wunderlicher

träger Mensch geworden; nicht, weil er keine Geschichten mehr erzählte, denn

wer hätte Lust gehabt, die jetzt zu hören! Sogar die Kinder nicht! Aber, was

nimmer noch passiert war, zu zweien Malen, als ich ihn zum Mittagessen rufen

wollte, fand ich ihn bei hellichtem Tage hinter einem Braufaß eingeschlafen.

Und da ich ihn weckte, sagte er nur: ›Danke, Nane, danke!‹ Als ob das ganz so

in der Ordnung wäre. Mir aber war das ganz unheimlich; denn der alte Lorenz

war ja fast die halbe Brauerei.

Da, eines Sonntags morgens, kam mein Bruder Christian wieder einmal mit

solcher Fahrt hereingestürzt, wie er es allemal tat, wenn er was Besonderes zu

verkünden hatte. Aber, Gott bewahre, wie sah der Junge in seinen

Sonntagskleidern aus! Das ganze Gesicht voll Blut; das eine Auge dick

verschwollen!

 

›Wo kommst du her?‹ rief mein Vater. ›Bist du in dem Krieg gewesen?‹

 

›Nein,‹ sagte der Junge; ›wir haben uns nur geprügelt.‹

 

— ›Schon wieder einmal? Und das am heiligen Sonntag? Was ist denn heute

wieder los gewesen?‹

 

›Ja, Vater,‹ sagte Christian und wischte sich erst mit dem Ärmel das Blut von

seiner Backe; ›sie haben schon mehrmals so gelogen, ich hab' es euch nur nicht

erzählen mögen; die Jungens sagen, Peter Liekdoorns Finger ist in unserem Bier

gewesen!‹

 

Meine Mutter schrie laut auf; mein Vater war nur totenbleich geworden. ›Darum

also!‹ sagte er leise.

 

In diesem Augenblicke wurde angeklopft, und Nachbar Ivers trat herein, der

lange nicht dagewesen war.

 

›Nun, Ivers!‹ sagte mein Vater, ›kommt Ihr auch einmal? Ihr wagt's ja auch nicht

mehr, von unserem Bier zu trinken!‹

 

›Hm!‹ machte der Alte und sah meinen Vater mit seinen klugen Augen an.

›Aber, um Christi willen, was ist mit dem Jungen da passiert!‹

 

— ›Ja, was ist mit ihm passiert! Erzähl's nur selber, Christian, warum du dich

geschlagen hast.‹

 

›Ja, Nachbar Ivers,‹ sagte Christian, ›die Jungens sagen alle, Peter Liekdoorns

Finger ist in unserem Bier gewesen!‹

 

— ›Hm — so, mein Jüngelchen! Und da hast du mit allen dich deshalb

geschlagen?‹

 

›Nein, nicht mit allen; nur mit ein Stücker viere, aber tüchtig!‹

 

Der Alte sah ihm in sein verschwollenes Angesicht und nickte. ›Aber es nützt

nur nicht viel, Christian, und wenn du es auch mit allen fertig gebracht hättest. — Nachbar Ohrtmann,‹ wandte er sich zu meinem Vater, ›ich komme just um

dessen willen zu Euch; ich möcht' Euch raten, nehmt Euren alten Lorenz einmal

tüchtig ins Gebet! Ihr wisset wohl nicht, weshalb er mit seinem alten Kameraden

durchaus die Henkersnacht hat teilen wollen?‹

 

›Ei freilich,‹ rief meine Mutter; ›er hat ihm für die gestohlenen Butterbröte die

himmlische Wegzehrung wollen bereiten helfen!‹

 

›Das nebenbei, Frau Nachbarn,‹ sagte Ivers, ›vor allem aber hat er ihm noch bei

lebendigem Leibe seinen Daumen abgekauft; die alten Weiber in der Stadt

erzählen sich das ganz genau.‹

 

›Habt Ihr nichts anderes zu berichten, Ivers, als dies dumme Zeug?‹ frug mein

Vater.

 

›Nein, Nachbar Ohrtmann; aber vergesset nicht, den Alten quält die neue

Brauerei, wenn sich das Bier mit Eurem gleich nicht messen kann; und dann —

der Finger war ja hinterher auch ohne Kauf zu haben! Nach der Hexenweisheit

war es zwar genug, ihn unterm Drümpel einzugraben, aber besser ist gewißlich

immer besser; und so wird er denn gleich in den Braukessel selbst

hineingekommen sein.‹

 

Mein Vater schüttelte den Kopf.

 

›Ihr wollt mich doch nicht glauben machen, daß unser alter Lorenz sich den

Finger von dem Hochgericht geholt habe?‹

 

›Das will ich allerdings, Nachbar! Wißt Ihr, beim Reisbrei damals, als er nicht

Antwort geben wollte, da ich von der Sache anfing?‹

 

›Ei, Ivers, Lorenz ist nicht gewöhnt, an seiner Herrschaft Tische mitzureden; und

überdies, er fühlte wohl, daß Ihr ihn necken wolltet.‹

 

›Mag sein,‹ versetzte Ivers; ›aber was hat er bei nachtschlafender Zeit da

draußen an dem Galgenberg herumzukriechen?‹

 

›Was sagt Ihr, Nachbar?‹ rief meine Mutter.

 

›Ich sag' nur,‹ erwiderte er, ›was die Hebamme Clasen mir selbst erzählt hat;

vorgestern nach Mitternacht, als sie dort vorbeigefahren, hat sie etwas von oben

den Galgenberg hinunterlaufen sehen, und da sie ihre Laterne, die sie bei sich

hatte, darauf hingewandt hat, ist die Gestalt in einen Busch gesprungen; aber an den großen, blanken Knöpfen auf der Jacke, die sonst kein Mensch hier trägt, hat

sie genug erkennen können, wer der Mann gewesen ist. Und auch noch andere

wollen des Nachts ihn dort gesehen haben.‹

 

Ich war sehr erschrocken, als der Nachbar das erzählte; denn ich sah, was ich

keinem verraten hatte, den alten Lorenz wieder bei hellem Tage zwischen seinen

Fässern schlafen.

 

›Aber, Ivers,‹ sagte mein Vater; ›das Unheil, wenn denn Lorenz es sollte

angestiftet haben, war ja schon geschehen; was konnte er jetzt noch auf der

Richtstatt suchen wollen!‹

 

›Nun, Nachbar,‹ und der alte Junggeselle stellte sein Schalksgesicht auf, was er

mitunter bei den traurigsten Geschichten nicht unterlassen konnte — ›Peter

Liekdoorn hat doch jedenfalls noch einen Daumen mehr gehabt; vielleicht sollte

der nun unter den Drümpel, da der andere so sichtlich den verkehrten Weg

gegangen war! Aber er ist nur nicht so leicht zu haben; denn auf dem Rade soll

bei Nachtzeit etwas sitzen, das einen Christenmenschen nicht heranläßt!‹

 

Mein Bruder Christian blinkte mich aus seinen dicken Augen an.

 

›Wärst du bang, Nane?‹ blies er mir durch die hohle Hand ins Ohr. ›Ich nicht!‹

 

Unser Vater hatte am Tisch gesessen, den Kopf schwer auf seinen Arm gestützt.

Nun stand er auf und sagte: ›Der Spaß will diesmal nichts verschlagen, Nachbar

Ivers. Aber, wenn Ihr's nicht ungut nehmen wollt, so lasset uns jetzt allein; denn

ich möchte gleich jetzt mit meinem Lorenz reden!‹

 

An dem sauersüßen Gesicht, das der alte Junggeselle machte, sah man wohl, wie

bitterlich gern er dageblieben wäre; aber er verabschiedete sich denn doch mit

guter Manier, und gleich darauf wurde ich ins Brauhaus geschickt, um unseren

alten Knecht hereinzurufen.

 

›Lorenz,‹ sagte mein Vater, als wir zusammen in die Stube getreten waren, ›du

siehst uns hier alle ratlos beieinandersitzen; der Finger des Mörders soll in

unserem Bier gefunden sein!‹

 

Der Alte fuhr sichtlich zusammen. ›Herr,‹ sagte er traurig, ›so wissen Sie das

auch schon!‹

 

›Ich habe es eben erst erfahren; aber du, wenn du es wußtest, weshalb hast du es

mir verschwiegen?‹

›Ja, Herr, ich seh' nun wohl, daß ich zu dumm gewesen bin; ich dachte mir, ich

wollte es allein herausbekommen.‹

 

›Aber man meint, du selber wärst es, der sich den Finger geholt hat; du hättest,

um die Kundschaft unserem Hause zu bewahren, eine Sympathie damit

gemacht!‹

 

Als mein Vater das gesprochen hatte, stand der alte Lorenz auf einmal wie ein

Soldat, beide Arme glatt am Leibe herunter. ›Herr!‹ rief er; ›alles für meine

Herrschaft; aber wir sollen Gott fürchten und lieben, auf daß wir bei seinem

Namen nicht zaubern, lügen oder trügen! So etwas ist keine Sympathie; das tun

nur Menschen ohne Christentum, und mit Hilfe dessen, den ich hier nicht nennen

will!‹

 

›Nun, Lorenz, dann ist es ja gewißlich nicht deine Sache; aber man will dich

mehrmals in der Nacht am Galgenberg gesehen haben!‹

 

›Ja, Herr, das ist es eben, und es war dunkel genug; aber die alte Hebamme

kutschierte da vorbei, mit ihrer großen Leuchte in der Hand!‹

 

›Um Christi willen!‹ rief meine Mutter; ›so ist Er wirklich dagewesen?‹

 

›Die Frau soll nicht erschrecken,‹ erwiderte Lorenz; ›ich dachte nur, wer sich

den einen Daumen holte, der kann sich auch den anderen holen; und von gar so

weit mag er auch wohl nicht gekommen sein! Denn — so klug bin ich doch —

es ist diesmal kein Zauberwerk, sondern ein Schabernack gegen uns gewesen;

aber die da‹ — und er erhob die Faust und zeigte drohend nach der Gegend, wo

die neue Brauerei gelegen war — ›sie sollen keinen Segen davon haben!‹

 

›Lorenz, Lorenz,‹ rief mein Vater, ›sprich nicht so in deinem blinden Hasse, den

du nicht einmal für dich, sondern nur um unseretwillen hegest! Wir sorgen jeder

für unser Brot; und am Ende ist gar alles nur ein leer' Gerede!‹

 

Aber Lorenz schüttelte den Kopf. ›Sie wissen, Herr, ich geh' nicht gern hinten

aus unserer Brauhaustür, seit einem da das rote Dach so in die Augen scheint;

aber gestern hatte unser Pikas sich von der Kette losgerissen. Als ich eben auf

den Weg hinaustrete, sehe ich Marx Sievers seinen Ältesten mit zwei Tonnen auf

dem Wagen von dort oben herunterkommen. ›Na, Hans,‹ sag' ich, als er näher

kommt; ›du holst dir auch wohl dein Bier jetzt von dem neuen Brauer?‹ — ›Ja,‹

sagt er, ›Lorenz, das tu' ich.‹ — ›Und warum,‹ frag' ich, ›tust du das? Seit deines

Großvaters Zeiten habt Ihr euer Bier doch immer nur bei uns geholt.‹ — ›Ja,‹ antwortet er und schlägt schon wieder auf seine Pferde; ›dazumal lebte auch

Peter Liekdoorn noch, und wir hatten noch keinen Finger in unserem Bier

gefunden!‹ Und damit war er schon in vollem Trab davongefahren.‹

 

Unser Vater sah voll Bekümmernis auf seinen alten Knecht. Als dieser schwieg,

sagte er leise: ›Dann stehe Gott uns bei; denn Marx Sievers und seine Söhne sind

wahrhaftige Leute!‹

 

Meine Mutter hatte seine Hand ergriffen; aber er entzog sie ihr und ging unruhig

in der Stube auf und ab. Als jedoch Lorenz Miene machte, sacht hinauszugehen,

zog er seine Uhr und sagte: ›Das hat uns auch um Gottes Wort gebracht; es ist zu

spät, um nun noch in die Kirche zu gehen. Spann den Braunen vor die Karriole,

Lorenz! Ich will gleich selber mit Marx Sievers sprechen.‹

 

— — So fuhren sie denn hinaus; und mein Vater hat es uns damals und auch

später oft genug erzählt! ›Unterwegs,‹ sagte er, ›nahm ich Lorenz Zügel und

Peitsche aus der Hand, weil er immer noch zu langsam fuhr; aber mit unserer

Ungeduld ist nichts getan!‹

 

Als sie endlich vor Marx Sievers großem Haustor hielten und dann mein Vater in

die weite Lohdiele trat, war dort alles tot und still und keine Menschenseele

sichtbar. Nach einer Weile kam eine Magd. ›Sie sind noch alle in der Kirche,‹

sagte sie, ›des Pastors Sohn, der Student, predigt; aber es muß bald aus sein.‹ —

›So will ich warten,‹ sagte mein Vater, und ließ sich die Tür zur Wohnstube

öffnen. Aber der junge Gottesmann mußte einen weiten Weg genommen haben

bis zum heiligen Vaterunser. Draußen saß Lorenz auf der Karriole und klatschte

dann und wann mit seiner Peitsche; drinnen stand mein Vater und studierte die

Glasmalerei auf den alten Fensterscheiben, welche die Belagerung Tönnings

durch den General Steenbock darstellte. ›Wohl hundertmal,‹ sagte er, ›hatte ich

schon die schwedischen Soldaten gezählt, ohne was dabei zu denken, oder doch

nur, um wieviel leichter es sein müßte, in diesem gelben Kriegshaufen mit zu

fechten, als eine Reise zu tun, wie ich sie heute machen mußte.‹

 

Endlich aber war es draußen auf der Lohdiele lebendig geworden; nach ein paar

mit der Magd gewechselten Worten trat der Bauer mit seinem ältesten Sohn ins

Zimmer. Den Gruß meines Vaters erwiderte er kurz und trocken, und ging erst an

den Türhaken, um seinen Hut daran zu hängen; dann stemmte er beide Fäuste

mit den Knöcheln auf den Tisch und sagte:

 

›Ihr Fuhrwerk, Herr Ohrtmann, wär' ich am mind'sten vor meiner Tür vermuten

gewesen; aber Sie kommen wohl, um sich das Geld für Ihre letzte Tonne Bier zu holen?‹

 

Und bevor mein Vater ihm darauf antworten konnte, fuhr er fort:

 

›Bin ich Ihnen auch nur einmal einen Sechsling in der Schuld geblieben? Ich

denk' doch nicht! Aber diese letzte Tonne‹ — und dabei schlug er heftig auf den

Tisch — ›die bleib' ich schuldig bis in alle Ewigkeit! Und wollen Sie mir was, so

zitieren Sie mich vor meinen Landvogt; hier bin ich nicht für Sie zu sprechen!‹

 

›So hört doch,‹ rief mein Vater; ›ich will kein Geld von Euch; um dessentwillen

bin ich nicht zu Euch gekommen!‹

 

›So,‹ sagte der Bauer, ›was wollen Sie denn?‹

 

— ›Ihr hättet's Euch wohl denken können, Sievers; die Leute reden ja, Ihr hättet

was in meinem Bier gefunden, was nicht in der Ordnung ist!‹

 

Der Bauer lachte. ›Nicht in der Ordnung? Nein, bei dem Teufel! So was ist nicht

in der Ordnung!‹

 

›Es soll der Daumen von dem Hingerichteten gewesen sein,‹ fuhr mein Vater

fort; ›und ich wollte Euch nur bitten, mich das sehen zu lassen, was Ihr gefunden

habt.‹

 

›Die Leute reden nicht umsonst,‹ sagte der Bauer, ›das Ding ist drin im Hahn

gesessen; meine Nachbarn haben beide das gesehen.‹

 

›Nun, so zeigt es jetzt auch mir!‹

 

›Da hätten Sie früher kommen sollen; ich weiß nicht, wo das Ding geblieben ist.‹

 

›Sievers!‹ rief mein Vater, ›so sucht oder lasset suchen; das ist Eure

Schuldigkeit! Denn dieser Finger steht als ein Kläger wider mich auf und drohet,

mich zum armen Mann zu machen; er muß mir Rede stehen, wie er in mein

Gebräu gekommen ist!‹

 

Aber der Bauer sagte: ›Das ist Ihre Sache, Herr Ohrtmann; ich lass' mein Bier

bei einem anderen holen, und damit hopp und holla!‹

 

Mein Vater besann sich ein paar Augenblicke, während Marx Sievers seine

Pfeife vom Haken nahm und aus dem zinnernen Tabakskasten stopfte. Als er

schon angezündet hatte und die Rauchwolken trotzig vor sich hinblies, begann

mein Vater wieder: ›Ich hab' doch recht vernommen, Sievers? Ihr wollt mir diese letzte Tonne nicht bezahlen!‹

 

— ›Ganz recht, Herr Ohrtmann; ich denk' ich hab' das deutlich genug gesagt!‹

 

›Nun, ich verlange das auch nicht; aber wenn Ihr mein Bier nicht bezahlt, so

gehört mir auch der Finger, der darin gewesen ist.‹

 

Der Bauer stutzte; aber nicht lange, so zog er seinen vollen Lederbeutel aus der

Tasche und zählte das Geld für die Tonne Bier in blanken Banktalern vor

meinem Vater auf den Tisch. ›Nun ist der Finger mein,‹ sagte er, ›und ich tu'

damit nach meinem Dünken.‹

 

Es wäre wohl umsonst gewesen, daß mein Vater das Geld zurückschob, wenn

nicht der Sohn sich jetzt hineingemischt hätte. ›Vater,‹ sagte er, ›soll ich den

Finger holen? Ich mein', er liegt in unserem Nagelkasten.‹

 

Der Alte brummte etwas in den Bart; aber der Sohn ging hinaus und kam bald

darauf mit einem Kasten voll alten Eisenzeuges wieder in die Stube. Als er darin

umherkramte, gewahrte mein Vater ein gelblichgraues Ding, das er nicht anders

als für den Daumen eines Menschen anerkennen konnte; zwar schien er dick mit

Gest oder, wie es auf Hochdeutsch heißt, mit Hefe überzogen; aber auch die

Form des Nagels war noch deutlich sichtbar.

 

›Und das hier,‹ frug er den Bauern, ›habt Ihr in meinem Bier gefunden?‹

 

›Ich sagt' es schon,‹ versetzte dieser, ›als wir das Letzte aus der Tonne zapfen

wollten, da hat's den Hahn verstopft.‹

 

›Nun, Marx Sievers, Ihr könnt wohl denken, daß ich mir dies Unheil nicht selber

angerichtet habe! Ihr seid sonst als ein gerechter Mann bekannt, so bitte ich

Euch, fahrt jetzt gleich mit mir zum Bürgermeister und gebt da Zeugnis, wo und

wann Ihr dieses Ding gefunden habt; denn jeder neue Tag ist mir zu Spott und

Schaden!‹

 

Der Bauer hatte sich bereits in seinen Lehnstuhl niedergelassen. ›Ins Gericht,

Herr Ohrtmann? Zum Bürgermeister? — Ja, wenn meine eigene Obrigkeit mir

das befiehlt; sonst nicht. Ich habe Spott und Schaden auch in meinem Haus;

meine Frau ist heut noch krank vor lauter Abscheu!‹

 

Mein Vater mußte sich das alles bieten lassen; denn der Finger lag leibhaftig vor

ihm, und die Sievers waren als wahrhaftige Leute überall bekannt; er stand, wie

er selber sagte, da als ein geschlagener Mann.

Endlich wurde dennoch ein Abkommen getroffen; der Sohn durfte das

unheimliche Ding in eine Schachtel packen und damit und mit meinem Vater in

die Stadt zum Bürgermeister fahren.

 

— — Daß dies geschehen war, aber von weiterem auch nichts, erfuhren wir zu

Hause schon durch Lorenz, der zu Fuße wieder ankam, während wir noch immer

mit dem Mittag warteten und vor Angst und Spannung nicht wußten, wie wir

unsere Zeit verbringen sollten.

 

Endlich kam unser Vater, und ich sah, wie seine Hand zitterte, als er die unserer

Mutter drückte und lange in der seinen hielt. ›Übermorgen,‹ sagte er, ›soll ich

wieder zum Bürgermeister kommen. Wenn es doch erst übermorgen wäre!‹

 

Als er sich dann nicht an den gedeckten Tisch, sondern an dem kalten Ofen in

den Lehnstuhl gesetzt hatte, standen wir alle um ihn her, bis er endlich zu

erzählen anhub. — In dem Studierzimmer des Bürgermeisters, als er mit dem

jungen Sievers dorthin kam, war eben der alte, lustige Apotheker Hennings

zugegen gewesen. Der hatte geraten, den Finger erst ein paar Tage in Spiritus zu

setzen, damit sich der Überzug von Hefe löse und dann gründlich untersucht

werden könne, ob er zu der Hand des Hingerichteten gehöre oder nicht. Nach der

Zustimmung des Bürgermeisters war er selbst nebenan in seine Apotheke

gelaufen und bald mit einem vollen Glashafen zurückgekommen. Sehr genau

hatte er hierauf den Finger besehen, daran gerieben und geschabt und ihn um

und um gewandt. ›Aber ein wunderlicher Kauz,‹ sagte mein Vater, ›ist der alte

Hennings doch; denn er schmunzelte dabei, als ob er einen Allerweltsspaß in den

Händen drehe!‹ — ›Man sollte kaum meinen,‹ hatte er zuletzt gesagt und dabei

meinen Vater ganz listig durch seine runden Brillengläser angesehen, ›daß Peter

Liekdoorn bei seinen Lebzeiten mit diesem Daumen allzuviel Hühneraugen hätte

operieren können!‹

 

Weiteres war aus ihm nicht herauszubringen gewesen; aber übermorgen sollte

mein Vater wieder zum Bürgermeister kommen. Der Finger war in den mit

Spiritus gefüllten Glashafen getan und dieser, nachdem man ihn mit dem

Gerichtspetschaft versiegelt hatte, in dem großen Aktenschrank verschlossen

worden. — —

 

Nun, es wurde denn auch übermorgen; — langsam genug. — Um elf Uhr

vormittags ging mein Vater aus dem Hause. Während meine Mutter und ich uns

durch Putzen und Scheuern die Angst von der Seele wegzuarbeiten suchten, kam

unsere alte Krautfrau zu uns in die Küche und erzählte, Peter Liekdoorn habe heute nacht in der Bürgermeisterei ans Fenster geklopft; denn er habe seinen

Daumen wieder haben wollen, der jetzt dort in dem großen Schrank verschlossen

liege. ›Letzten Sonntag,‹ sagte sie, ›haben die Diebe ihn über die Türschwelle

dem Bürgermeister in das Haus geschoben, weil sie vor dem Gespenste keine

Nacht mehr Ruhe hatten; aber heut vormittag ist groß' Verhör, und dann kommt

alles an den Tag; und hernach mögen alle Reu' und Leid geben, die so ihre bösen

Mäuler über unseren Herrn Ohrtmann haben laufen lassen! Gott soll mich

bewahren, daß ich an so was nur gedacht hätte!‹

 

Ich seh' das alte dumme Weib noch vor mir,« sagte unsere treffliche Wirtin, »wie

sie das alles wie Kraut und Rüben durcheinander wälschte; Gott weiß, wo sie es

sich aufgesammelt hatte! Wir freuten uns nur, da sie endlich fort war und wir

wieder, wie am Sonntag, hangend und bangend allein beieinander in der Stube

saßen.

 

Da endlich hörten wir die Haustür gewaltsam aufreißen.

 

›Das ist Christian!‹ sagte meine Mutter. ›Was wird der wieder zu erzählen

haben!‹ Aber es war unser Vater, dem freilich Christian mit seiner Rechentafel

auf dem Fuße folgte.

 

›Nun,‹ rief meine Mutter, ›haben sie gestanden? Sind die Diebe festgenommen?‹

 

Aber er schüttelte den Kopf und schwenkte, ganz außer Atem, ein beschriebenes

Papier in seiner Hand. ›Mutter, Kinder!‹ rief er endlich, ›es ist lauter Dunst

gewesen; nun wird alles wieder gut! Aber dem alten Hennings, dem Mann hätt'

ich die Füße küssen mögen! Und das, das hier — das kommt ins Wochenblatt!‹

Seine Augen glänzten, seine Stimme bebte; uns war, als ob er alles

durcheinanderspräche. Aber dann gab er mir das Blatt und sagte: ›Lies, Nane;

aber laut und deutlich! Siehst du, des Bürgermeisters Name steht darunter, und

das Siegel ist auch dabei gedrückt!‹

 

Und dann las ich, und noch heute weiß ich jedes Wort; denn uns allen war, als ob

eine Himmelsbotschaft in unser dunkles Haus gekommen wäre. ›Wenn‹ — so

stand da — ›einer unserer geachtetsten Mitbürger, der Brauer Josias Christian

Ohrtmann, durch unbedachte Zungen in Verdacht geraten, als ob der von dem

Körper des hierselbst hingerichteten armen Sünders abhanden gekommene

Finger sich in seinem Biere vorgefunden, so wird zur Steuer der Wahrheit, und

um unverdienten Schaden von einem ehrenwerten Manne abzuwenden,

hierdurch bekannt gegeben, daß nach sorgsamer, durch den hiesigen Herrn

Apotheker Hennings unter Zuziehung der Behörde vorgenommener Untersuchung der Verdacht erregende Gegenstand sich lediglich als eine

verhärtete Gest- oder Hefemasse herausgestellt, welche durch besondere

Zufälligkeiten die Form eines menschlichen Daumens angenommen hatte.‹

 

So lautete der Inhalt Wort für Wort,« sagte die Erzählerin; »wer sollte so was

auch vergessen können! Mein Vater aber hatte plötzlich seine Hände vor der

Brust gefaltet. ›Mutter! Kinder!‹ sagte er ruhig, ›Gott ist barmherzig und ein

Gott der Liebe! Er prüfet wohl, doch er verlässet keinen, der in seiner

Schwachheit gerecht vor ihm zu wandeln trachtet.‹ Und dann betete er laut; ich

habe niemals ein so heißes Dankgebet aus eines Menschen Munde gehört. Meine

vierzehnjährige Schwester war auf die Knie gesunken und sprach ebenso laut die

Worte nach, die über seine Lippen strömten.

 

Auf unseren Christian aber hatte die Freudenbotschaft auch noch eine andere

Wirkung. Als wir noch alle schweigend um unseren Vater standen, bemerkte ich

auf einmal, daß er wiederholt mit der doppelten Faust als wie zur Übung in die

leere Luft hineinschlug.

 

›Christian! Christian!‹ rief unsere Mutter, ›was treibst du da für Faxen?‹

 

Christian tat erst noch einen Lufthieb und schaute dabei sehr fröhlich aus seinem

heut ganz braun und blauen Angesicht. ›Verdamm mich, Mutter!‹ sagte er, denn

er fluchte wirklich mitunter ganz gotteslästerlich; ›verdamm mich, Mutter! Nun

sollen die Jungens aber Prügel haben!‹

 

›Pfui, schäm dich!‹ rief sie. ›In solchem Augenblick an so was nur zu denken!‹

 

Er ließ zwar etwas beschämt den Kopf hängen, dann aber murmelte er: ›Ja,

Mutter, verdamm mich! Sie sollen es aber doch!‹ Und geschwinde tat er noch

einmal einen Fausthieb durch die Luft.

 

Mein Vater, der dergleichen sonst nicht leiden konnte, strich heute seinem

hitzköpfigen Knaben nur lächelnd übers Gesicht; er war zu glücklich, um jetzt

ein tadelndes Wort zu sprechen.

 

›Hole mir lieber unseren Lorenz, Christian,‹ sagte er, ›damit wir auch ihm den

Stein von seinem Herzen nehmen!‹

 

Und dann wurde Lorenz geholt; und ich las noch einmal. Als ich fertig war,

standen dem alten Menschen die Augen dick voll Tränen.

 

›Sehen Sie wohl, Herr!‹ sagte er und schlug sich leise mit der Hand gegen seine Brust:

 

›Lorenz Hansen is mein Nam';

Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!‹

 

›Amen,‹ sagte mein Vater. Dann wurde Christian mit dem Schriftstück in die

Druckerei geschickt.

 

— Als wir später bei unserem Nachmittagskaffee saßen, bemerkte ich, daß unser

Vater einige Male ganz schelmisch nach seinem Pfeifenbrett hinüberblinzelte.

›Was meinst du, Nane,‹ sagte er heiter, ›wenn du mir heut einmal den großen

Meerschaum stopftest?‹ — Ich war fast verwundert; denn da er das Rauchen

eigentlich nur für reiche Leute schicklich hielt, so erlaubte er sich sonst nie vor

Feierabend seine Pfeife Portoriko; die silberbeschlagenen Meerschaumköpfe

aber, die beide sorgsam mit einem Seidentuch umwunden waren, die kamen stets

nur Sonntags von der Wand. Als ich dessen ungeachtet jetzt die schöne Pfeife

stopfte, nickte er mir freundlich zu: ›Und nun geh auch in die Küche,‹ fuhr er

fort, ›und brenn sie mir selber an; und wenn du das getan hast, dann hole den

Kalender und ziehe unter diesen Tag mit deinem Rotstift einen breiten Strich!

Unser Wandsbecker Bote hat so viel Haus- und Jahresfeste; nun haben auch wir

eines! Und wenn der Tag sich jährt, dann vergiß niemals, mir schon beim Kaffee

meinen großen Meerschaumkopf zu stopfen!‹

 

— Unser Vater war wohl kein schöner Mann, er hatte nur seine treuen, blauen

Augen; aber an diesem Tage, und wie er so seelenfroh aus seinem Meerschaum

rauchte, fanden meine Schwester und ich ihn beide so hübsch, daß wir

gegenseitig ihn uns immer wieder zeigen mußten.«

 

Die alte Dame schwieg, als ob ihre Erzählung hier zu Ende sei; mir aber war, als

sei das eigentliche Ziel derselben noch von ihr zurückgehalten.

 

»Und weiter?« frug ich nach einer Weile, da auch niemand anders sprach.

 

»Weiter?« rief eine muntere Frau an meiner Seite. »Was wollen Sie noch weiter?

Ende gut, alles gut! Es war ja alles nur um nichts gewesen!«

 

Ich sah auf unsere Wirtin, deren sonst so heitere Augen jetzt mit einem

durchdringenden Blick auf die Sprecherin gerichtet waren. »Da haben Sie

recht,« sagte sie; »es war alles nur um nichts.«

 

»Aber die Kundschaft,« frug ich, »sie kam jetzt doch wieder? Und in der nächsten Erntezeit mußte die flinke Nane vor all den durstigen Krügen und

Gemäßen doch wieder auf den Tritt, und von dem Tritt aufs Fenster flüchten?«

 

Die alte Dame tat einen tiefen Atemzug. »Nein,« sagte sie, »so etwas ist niemals

wieder vorgekommen; in der Erntezeit des folgenden Jahres passierte etwas

anderes, das ich gleichfalls nie vergessen werde. Nein, die Kundschaft, wie wir

sie früher hatten, kam nicht wieder, obgleich es an redlichem Willen im Hause

und an Bemühungen gutherziger Freunde nicht gefehlt hat. Der alte Hennings,

wenn die Bauern in seine Apotheke kamen, ließ nicht ab, ihnen die Geschichte

von dem Gestfinger und die Güte des Ohrtmannschen Bieres zu verdeutschen;

und zuweilen kam er selber mit einer so eroberten Bestellung angelaufen; aber

Marx Sievers nebst seinem ganzen Dorfe hat niemals wieder unseren Hof

betreten; vielleicht — ich hab' das später mehr erfahren — weil er dem sich zu

begegnen scheute, gegen den er sich im Unrecht wußte. — Die Geschichte

wurde weit und breit bekannt; aber nur der arge Teil davon fand Glauben! Wenn

auswärts Freunde unser Bier empfahlen, so hieß es jetzt wohl: ›Ohrtmann?

Ohrtmann? Ist das nicht der Mann, der den Finger in seinem Biere hatte?‹ Und

wurde dann auch der ganze Dunst ersichtlich aufgeklärt, es hieß am Ende doch:

›Man braucht ja eben nicht vor diese Tür zu gehen; es gibt ja andere noch, bei

denen gutes Bier zu haben ist!‹

 

Dergleichen kam uns oft genug zu Ohren. Ja, ein verkommener Winkelschreiber,

ein Altersgenosse meines Vaters, wagte es sogar, ihm seine Hilfe anzubieten und

zutraulich dabei zu äußern, die zwölf Wochenblattzeilchen hätten ihm wohl

einen schönen Haufen Geld gekostet; aber das brauche man ja keinem auf die

Nas' zu binden.

 

Es mochte nicht viel helfen, daß mein Vater den miserablen Kerl zur Türe

hinauswarf; es wurde vielleicht nur um desto mehr geglaubt.

 

›Der sprach für viele!‹ sagte mein Vater, als er uns voll Entrüstung das erzählte.

Sonst habe ich ihn niemals klagen hören; er war nur stiller, als er sonst gewesen,

und es kam mir oft vor, als ob ein heißes Dankgebet ihm die Seele drücke.

Dagegen bemerkte ich, daß er, zumal an Markttagen, jetzt öfter aus dem

Brauhaus auf den Weg hinaustrat; nicht als ob dort die Wagen nach dem roten

Dach jetzt weniger als sonst vorbeigefahren wären; aber es war, als triebe ihn

etwas hinaus, daß er sie alle zählen müsse.

 

Meine Mutter vermochte das Unglück und die Entbehrungen, die es mit sich

brachte, nicht immer so geduldig zu ertragen; das fühlten nicht bloß wir Kinder; sie konnte mitunter sogar dahingeraten, ihrem guten Manne die Schuld des

ganzen Unheils beizumessen; und immer kam sie dann auf die schon früher

getadelte Nachsicht, womit er das abergläubische Getue seines Knechts geduldet

habe. ›Ich lass' es mir nicht nehmen,‹ sagte sie eines Abends, ›hättest du ihm nur

das Salzen und Bekreuzen ausgetrieben, die Leute wären nimmer auf das Stück

gekommen, den dummen Finger in unserem Bier zu suchen! Aber konnte er den

einen Hokuspokus machen, warum denn nicht den anderen? Und warum nicht

heute oder morgen wieder einen anderen?‹

 

Für gewöhnlich ging derartiges, da mein Vater seine kleine, heftige Frau immer

bald wieder ins Gleiche brachte, ohne weitere Spur vorüber. Das aber sollte

diesmal nicht so sein. Es war eben vor dem Abendessen, und beide standen

schon an ihren Stühlen, wobei sie die Stubentür im Rücken hatten; nur ich hatte

gesehen, wie diese sich auftat und Lorenz, im Begriff hereinzutreten, plötzlich

stehen blieb, eben als meine Mutter jenen wohl nicht ganz unbegründeten

Vorwurf aussprach. Bevor ich mich in meinem Schrecken noch besann, hatte

schon die Tür sich wieder leis geschlossen; dann kamen die Kinder und die

Magd herein; aber Lorenz mußte erst durch Christian gerufen werden.

 

Noch heute danke ich meinem Schöpfer, daß ich damals meinen Eltern nichts

verraten habe; denn von nun an war Lorenz wie verwandelt: vor den Gebinden,

die im Hausflur lagen oder hinten vor seiner Braupfanne oder auch nur vor

einem Tisch oder Stuhl im Hause, konnte er lange mit starren Augen stehen

bleiben; ging er aber fort, so sah ich mehrmals, wie er mit der Faust sich über

beide Augen fuhr.

 

›Was mag denn Lorenz fehlen?‹ hörte ich eines Abends meine Mutter fragen, die

sonst dem alten Manne herzlich gut war. ›Er geht ja umher, als ob er über

schwere Dinge brüte.‹

 

Mein Vater schüttelte den Kopf. ›Ich denke nichts weiter, als uns anderen auch;

du weißt, er trägt an unseren Sorgen allzeit schwerer als an seinen eigenen.‹

 

Aber am anderen Morgen trat Lorenz vor ihn hin und bat um seinen Abschied; er

wisse einen jungen Menschen, der sogleich an seine Stelle treten könne. Mein

Vater äußerte nachher, ihm sei gewesen, als ob sein altes Erbhaus über ihm

zusammenbräche. Doch Lorenz wollte sich nicht halten lassen.

 

›Ich habe mich mit meinem Gott beraten.‹ Auf alle Fragen hatte er nur diese eine

Antwort; er mochte fürchten, sonst nicht stark genug zu sein.

Und so ging er denn, nachdem er über ein Menschenalter dagewesen war; wie er

sagte, um einer verwitweten Schwester, die in einem entfernten Dorfe wohnte, in

ihrer kleinen Bauernwirtschaft beizustehen. — Aber er hatte die Trennung doch

nicht überwinden können; durch Aufkäufer, die im Lande herumreisten, kamen

bald wunderliche Nachrichten von dorther; und kurz vor Weihnachten mußten

wir erfahren, daß unser alter Lorenz als Geisteskranker in die Landesanstalt

aufgenommen sei.

 

Das waren trübe Festtage; einen Weihnachtsbaum ohne Lorenz hatten wir

Kinder uns ohnehin nicht denken können. Ich allein wußte, weshalb er das Haus

verlassen hatte, in dem allein noch seine Heimat war, und ich trug schwer daran;

denn sein Opfer war umsonst gewesen. Mein Vater plagte sich mit dem jungen

Knecht, aber die Kundschaft besserte sich nicht; es hatte nicht mehr geholfen, als

die tapferen Kämpfe, die unser Christian unermüdlich für die gute Sache

ausfocht.

 

So ging der Winter zu Ende, und so kam der neue Sommer und endlich auch die

Erntezeit. Nur für uns war sie es nicht.

 

Wir hatten schon die letzten Tage im August. Unsere zwei Stock hohe

Außendiele kam mir so groß und einsam vor, seitdem nicht jeden Augenblick die

Haustürglocke läutete; dennoch konnte ich es nicht lassen, wenn die altgewohnte

Verkaufszeit heranrückte, mich dort aufzuhalten, um meistens müßig durchs

Fenster auf die Straße hinauszustarren. — So stand ich auch eines Vormittags; es

waren kalte, trübe Tage eingefallen, und von dem Lindenbaum, der hier vor dem

Fenster stand, wehten schon einzelne gelbe Blätter. Ich merkte wohl, daß mein

Vater neben mich getreten war; aber ich rührte mich nicht; wir sahen beide, wie

die Blätter niederwehten, und mochten beide wohl dieselben Gedanken haben.

 

Da ging draußen ein halb bäuerlich gekleideter Mann mit einem sogenannten

Quäkerhut vorüber; er schien ein Fremder, aber dennoch war mir, als müßte ich

ihn schon gesehen haben. Bevor ich mich jedoch darüber noch besinnen konnte,

bemerkte ich eine hastige Bewegung an meinem Vater, und als ich aufblickte,

sah ich, daß er den Mund fest geschlossen hatte; aber ich sah auch, wie seine

Lippen zitterten. ›Vater,‹ sagte ich, ›fehlt dir etwas? Wer war doch der Mann?‹

 

Aber er drückte nur heftig meine Hand und ging dann, ohne ein Wort zu sagen,

nach dem Hof hinaus. Es war, als wenn uns alles jetzt zum Schrecken werden

sollte.

 

Endlich schlug es wieder einmal elf auf unserer Dielenuhr, und ich ging in die Stube und setzte mich an meine Näharbeit. Eben als auch meine Mutter aus der

Küche hereintrat, läutete es von der Haustür, und als ich durchs Guckfenster auf

den Flur hinaussah, da war es der Fremde von vorhin. Ich erkannte ihn jetzt

wohl; es war ein Hopfenhändler aus Franken, der um diese Zeit zu kommen

pflegte, um neue Bestellungen entgegenzunehmen und sein Geld für die alte

Ware einzukassieren; er hatte vor zwei Jahren sogar einen Abend bei uns

zugebracht. — ›Geh,‹ sagte meine Mutter; ›hole deinen Vater und sag ihm, daß

Herr Abel da sei.‹«

 

Die alte Dame machte eine Pause. »Ich glaube,« sagte sie dann, »dem

Angedenken meines seligen Vaters nicht zu nahe zu treten, wenn ich auch dies

Wenige noch erzähle; denn wo wäre der Mensch, der der Not des Lebens in

jedem Augenblicke standgehalten hätte! —

 

Herr Abel hatte sich gesetzt; ich ging ins Brauhaus, weil ich dachte, daß mein

Vater dort beschäftigt sei; aber er war nicht dort. Auf dem Rückwege begegnete

mir der neue Knecht, auch er wußte nichts; er war im Keller bei der Gerste

gewesen; vielleicht, meinte er, sei der Herr hinten auf den Weg hinausgetreten.

Ich kehrte deshalb noch einmal wieder um; aber da ich auch dort ihn nicht

gewahren konnte, lief ich ins Haus zurück. Ich suchte im Pesel und in allen

Stuben, stieg halb die Bodentreppe hinauf und rief, so laut ich konnte: ›Vater!

Vater!‹ Aber es war alles um sonst.

 

›Vater muß ausgegangen sein,‹ sagte ich, als ich wieder in die Stube trat.

 

›Ei was!‹ rief meine Mutter. ›Dort, hängt ja sein Hut am Türhaken; Ihr Kinder

versteht nur nicht zu suchen!‹

 

Damit ging sie zur Stube hinaus, und ich hörte sie im Hause und vom Hof her

rufen. Aber auch sie kam kopfschüttelnd zurück. ›Ich kann das nicht begreifen,‹

sagte sie.

 

Herr Abel stand auf. Es habe keine Eile, er solle jetzt noch weiter nach dem

Norden; aber um drei Wochen werde er auf hier zurückkommen; er könne ja

auch dann seine Geschäfte mit Herrn Ohrtmann regulieren.

 

Ich weiß nicht, weshalb; aber als der Mann das sagte, war mir, als wisse ich jetzt

alles, was noch kommen müsse.

 

— — Ein paar Minuten, nachdem er fortgegangen war, trat mein Vater in das

Zimmer.

›Wo bleibst du denn, Josias,‹ rief meine Mutter. ›Herr Abel ist eben dagewesen;

wir haben dich durchs ganze Haus gerufen!‹

 

›Ich weiß das,‹ erwiderte er — und es war gar nicht, als ob das seine Stimme

wäre — ›ich habe es gehört; ich hatte den Mann auch kommen sehen.‹

 

Meine Mutter starrte ihn an. ›Was sagst du, Josias? — Mein Gott, und wie du

aussiehst!‹

 

Ich bemerkte das nun auch; sein Haar und seine Kleider waren ganz bedeckt mit

Staub und Spinngeweben.

 

›So sprich doch!‹ rief meine Mutter wieder. ›Um Gottes willen, Josias, was ist

geschehen? Wo bist du gewesen?‹

 

Da riß mein Vater uns mit beiden Armen an sich und drückte uns heftig gegen

seine Brust. ›Mutter! — Nane!‹ er sprach leise, aber hastig, als ob er es von sich

stoßen müsse — ›Ich hatte mich versteckt! — Es war das erstemal, daß ich nicht

zahlen konnte!‹

 

Er wollte weiter sprechen; aber der starke Mann brach in lautes Schluchzen aus.

 

Meine Mutter hatte ihre Arme sanft um seinen Hals gelegt; mein junger Kopf

aber war vor Schrecken über das Gehörte ganz von Sinnen; ich klammerte mich

mit beiden Händen an meines Vaters Arm, denn mir war, als müßten wir jetzt

alle fort ins Elend wandern. Da hörte ich seine Stimme und fühlte seine Hand

auf meinem Kopfe: ›Laß, Nane!‹ sagte er ruhig; ›hole mir den anderen Rock,

mein Kind. Herr Abel wird noch in der Stadt sein, ich will jetzt zu ihm gehen.‹

 

Wie betäubt tat ich, was er mir befohlen hatte; dann lief ich in die Küche und

setzte mich in einen dunklen Winkel. Erst als ich meines Vaters Schritte über den

Hausflur und dann gleich danach die Türschwelle läuten hörte, überfiel mich das

Leid um ihn, und ich weinte mich von Herzen satt.

 

— — Wie die Verhandlung mit Herrn Abel ausgefallen, habe ich nicht erfahren;

ich weiß nur, daß wenige Tage darauf die beiden Meerschaumköpfe von der

Wand verschwunden waren, und daß ich unseren Vater niemals wieder weder

seine Abend- noch seine Sonntagspfeife habe rauchen sehen. Den Kalender mit

dem rotangestrichenen Festtage bewahrte ich noch lange unter meinen alten

Sachen; gefeiert ist der Tag nicht worden, aber wir konnten ihn dessen

ungeachtet nicht vergessen.«

Die Erzählerin verschloß nach diesen Worten ihre Lippen, und ihre Augen

blickten seitwärts, als sei das nicht für fremde Ohren, was jetzt aus der

Vergangenheit an ihr vorüberziehen mochte.

 

Ein junger eifriger Prediger, ihr Neffe, welcher mit in der Gesellschaft war, hatte

schon zuvor durch ein vergebliches »Aber liebe Tante!« zu erkennen gegeben,

wie notwendig er seinen Beispruch zu dieser Geschichte halte; jetzt begann er

mit merklicher Unruhe auf seinem Stuhl zu rucken. Aber unsere Wirtin war

selber eine zu unerschütterliche Christin und fühlte zu genau, wo er hinaus

wollte, als daß sie seinem drohenden Einwande nicht sogleich die Spitze

abgebrochen hätte. »Lieber Hieronymus,« sagte sie, »es ist wohl niemand hier,

der an Gottes Barmherzigkeit einen Zweifel hegen möchte, obwohl — die

Wahrheit zu sagen — deine Großeltern in ihrem langen Leben wenig genug

davon erfahren haben; aber wir wissen ja auch, daß sie oftmals im Verborgenen

ihre Ader fließen läßt, um dann am rechten Orte desto segensreicher

aufzusprudeln. Freilich, der Segen kam zumeist auf ihre Kinder; und auch ich

mußte später, als meine kleine Schwester groß und kräftig geworden war, bei

fremden Leuten dienen; aber dadurch« — und sie warf einen unaussprechlich

herzlichen Blick auf ihren alten neben ihr sitzenden Mann — »kam ich zu dir,

mein Vater, und die fremden Leute wurden meine eigenen! Und wie es dann

gekommen, daß mein Bruder, der wilde Christian, ein stattlicher Bürger und gar

der zweitgrößte Brauer in unserem Lande wurde, — um das zu erzählen, bin ich

eine viel zu gehorsame Ehefrau.«

 

Der Neffe wollte wieder etwas sagen, aber seine Tante ließ ihn wieder nicht zu

Worte kommen. »Gewiß, lieber Hieronymus,« sagte sie, »deine seligen

Großeltern waren Leute, welche die Wohlfahrt ihrer Kinder für ein größeres

Glück erachteten als ihre eigene; und dahin — das wolltest du wohl sagen — hat

jener Finger doch den Weg gewiesen! Auch hast du selber ja noch beide mit

ihren stillen und zufriedenen Angesichtern hier in diesen Lehnstühlen, worin nun

ich und dein alter Onkel sitzen, von ihrer harten Lebensarbeit ruhen sehen! An

seinem ersten Geburtstage, den dein Großvater hier in unserem Hause lebte,

hatte dein Onkel ihm sogar eine neue Meerschaumpfeife bei seinem

Morgenkaffee hingelegt, wie er so schön sie früher nie besessen hatte. Der alte

Mann wurde heftig dadurch bewegt; er nahm das schwarze Sammetkäppchen

von seinem ehrwürdigen Haupte, und seine Lippen bebten, als wiederhole er

jetzt das heiße Dankgebet, das er vor dreißig Jahren wohl zuletzt gesprochen

hatte. Er ließ sich auch von mir ein Seidentüchlein geben, um sorgsam den

schönen Kopf darein zu hüllen; geraucht aber hat er nicht daraus; das, meinte er, habe er in der langen Zeit verlernt.«

 

Der junge Gottesmann hatte sich mit etwas strengem Ausdruck, aber dennoch,

wie es schien, nicht völlig unbefriedigt in seinen Stuhl zurückgelehnt. Dagegen

versuchte ich es noch mit einer Frage. »Und Lorenz?« sagte ich. »Blieb er in der

Anstalt? Ist er dort gestorben?«

 

»Nein,« erwiderte unsere gute Wirtin, und ihr Antlitz gewann auf einmal wieder

seinen alten Ausdruck heiterer Behaglichkeit. »Er ist glücklich wieder

herausgekommen und hat noch Jahre lang in meines Bruders Haus gelebt. Nur

ein wenig wunderlich war er geblieben; er hatte, wie Christian sagte, sich eine

ganz glückselige Dummheit zugelegt; denn wie er einst geglaubt hatte, daß

unsere altmodische Brauerei durch ihn zugrunde gehen werde, so glaubte er

jetzt, daß diese neumodische, von der er nichts verstand, nicht ohne ihn bestehen

könne.

 

Als derzeit bei einem Besuche mein Bruder mir alle seine großen Anstalten und

Gelegenheiten zeigte, klopfte er in einem Durchgange, der von dem

Wohngebäude in die Brauerei führte, an eine der seitwärts befindlichen Türen.

›Und hier wohnt unser Lorenz!‹ sagte er.

 

Er hätte es mir nicht zu sagen brauchen; denn über der Tür, in Ermangelung

eines Wandbetts, das er hier in der Kammer nicht besaß, stand mit Kreide der

alte Spruch geschrieben; nur hatte er jetzt seinen Namen mit dem seines alten

Herrn verwechselt, und so lautete es hier:

 

›Josias Ohrtmann is mein Nam';

Gott hilf, daß ich in'n Himmel kam!‹

 

Jetzt sind sie beide schon seit lange dort; und so endet diese Geschichte wie

hoffentlich auch alle anderen Geschichtchen auf dieser Erde. Aber das habe ich

meinem Bruder doch gesagt, daß er es mit seinem Gest in Obacht nehmen

solle.«

 

Sie schwieg und reichte ihrem alten Eheherrn die Hand, der sie wie das Kleinod

seines Lebens in die seine nahm. — Und dafür, indem wir jetzt die Feder

fortlegen, halten auch wir die Hand einer jeden wahrhaft guten Frau.