Im Sonnenschein

Theodor Storm · Kapitel 3 von 6

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Im Sonnenschein

Im Sonnenschein.

Meiner Mutter

 

zum

 

We i h n a c h t a b e n d 1854

Im Sonnenschein.

1.

 

In den höchsten Zweigen des Ahornbaums, der an der Gartenseite des Hauses

stand, trieben die Stare ihr Wesen. Sonst war es still; denn es war

Sommernachmittag zwischen eins und zwei.

 

Aus der Gartentür trat ein junger Reiteroffizier in weißer festtäglicher Uniform,

den kleinen dreieckigen Federhut schief auf den Kopf gedrückt, und sah nach

allen Seiten in die Gänge des Gartens hinab; dann, seinen Rohrstock zierlich

zwischen den Fingern schwingend, horchte er nach einem offenstehenden

Fenster im oberen Stockwerke hinauf, aus dem sich in kleinen Pausen das

Klirren holländischer Kaffeeschälchen und die Stimmen zweier alten Herren

deutlich vernehmen ließen. Der junge Mann lächelte wie jemand, dem was

Liebes widerfahren soll, indem er langsam die kleine Gartentreppe hinunterstieg.

Die Muscheln, mit denen der breite Steig bestreut war, knirschten an seinen

breiten Sporen; bald aber trat er behutsam auf, als wolle er nicht bemerkt sein.

— Gleichwohl schien es ihn nicht zu stören, als ihm aus einem Seitengange ein

junger Mann in bürgerlicher Kleidung mit sauber gepuderter Frisur

entgegenkam. Ein Ausdruck brüderlichen, fast zärtlichen Vertrauens zeigte sich

in beider Antlitz, als sie sich schweigend die Hände reichten. »Der Syndikus ist

droben; die alten Herren sitzen am Tokadilletisch,« sagte der junge Bürger,

indem er eine starke goldene Uhr hervorzog, »Ihr habt zwei volle Stunden! Geh

nur, du kannst rechnen helfen.« Er zeigte bei diesen Worten den Steig entlang

nach einem hölzernen Lusthäuschen, das auf Pfählen über den unterhalb des

Gartens vorüberströmenden Fluß hinausgebaut war.

 

»Ich danke dir, Fritz. Du kommst doch zu uns?«

 

Der Angeredete schüttelte den Kopf. »Wir haben Posttag!« sagte er und ging

dem Hause zu. Der junge Offizier hatte den Hut in die Hand genommen und

ließ, während er den Steig hinabging, die Sonne frei auf seine hohe Stirn und

seine schwarzen ungepuderten Haare scheinen. So hatte er bald den Schatten des

kleinen Pavillons, der gegen Morgen lag, erreicht.

 

Die eine Flügeltür stand offen; er trat vorsichtig auf die Schwelle. Aber die Jalousien schienen von allen Seiten geschlossen; es war so dämmerig drinnen,

daß seine noch eben des vollen Sonnenlichts gewöhnten Augen erst nach einer

ganzen Weile die jugendliche Gestalt eines Mädchens aufzufassen vermochten,

die inmitten des Zimmers an einem Marmortischchen sitzend, Zahl um Zahl mit

sicherer Hand in einen vor ihr liegenden Folianten eintrug. Der junge Offizier

blickte verhaltenen Atems auf das gepuderte Köpfchen, das über den Blättern

schwebend, wie von dem Zuge der Feder, harmonisch hin und wieder bewegt

wurde. Dann, als einige Zeit vorübergegangen, zog er seinen Degen eine Hand

breit aus der Scheide und ließ ihn mit einem Stoß zurückfallen, daß es einen

leichten Klang gab. Ein Lächeln trat um den Mund des Mädchens, und die

dunkeln Augenwimpern hoben sich ein Weniges von den Wangen empor; dann

aber, als hätte sie sich besonnen, streifte sie nur den Ärmel der amarantfarbenen

Kontusche zurück und tauchte aufs neue die Feder ein.

 

Der Offizier, da sie immer nicht aufblickte, tat einen Schritt ins Zimmer und zog

ihr schweigend die Feder durch die Finger, daß die Tinte auf den Nägeln blieb.

 

»Herr Kapitän!« rief sie und streckte ihm die Hand entgegen. Sie hatte den Kopf

zurückgeworfen; ein Paar tiefgraue Augen waren mit dem Ausdruck nicht allzu

ernsthaften Zürnens auf ihn gerichtet.

 

Er pflückte ein Rebenblatt draußen vom Spalier und wischte ihr sorgfältig die

Tinte von den Fingern. Sie ließ das ruhig an sich geschehen; dann aber nahm sie

die Feder und fing wieder an zu arbeiten.

 

»Rechne ein andermal, Fränzchen!« sagte der junge Mann.

 

Sie schüttelte den Kopf. »Morgen ist Klosterrechnungstag; ich muß das fertig

machen.« Und sie setzte ihre Arbeit fort.

 

»Du bist ein Federheld!«

 

— »Ich bin eine Kaufmannstochter!«

 

Er lachte.

 

— »Lache nicht! Du weißt, wir können die Soldaten eigentlich nicht leiden.«

 

»Wir? Welche wir sind das?«

 

— »Nun, Konstantin,« — und dabei rückte ihre Feder addierend die

Zahlenreihen hinunter — »wir, die ganze Firma!«

»Du auch, Fränzchen?«

 

— »Ach! ich« — — Und sie ließ die Feder fallen und warf sich an seine Brust,

daß sich ein leichtes Puderwölkchen über ihren Köpfen erhob. Sie strich mit der

Hand über seine glänzend schwarzen Haare. »Wie eitel du bist!« sagte sie, indem

sie den schönen Mann mit dem Ausdruck wohlgefälligen Stolzes betrachtete.

 

Von der Stadt herüber kam der Schall einer Militärmusik. Die Augen des jungen

Kapitäns leuchteten. »Das ist mein Regiment!« sagte er und hielt das Mädchen

mit beiden Armen fest.

 

Sie bog sich lächelnd mit dem Oberkörper von ihm ab. »Es hilft dir aber alles

nicht!«

 

»Was soll denn daraus werden?«

 

Sie hob sich auf den Fußspitzen zu ihm heran und sagte: »Eine Hochzeit!«

 

»Aber die Firma, Fränzchen!«

 

— »Ich bin meines Vaters Tochter.« Und sie sah ihn mit ihren klugen Augen an.

 

In diesem Augenblick drang, in scheinbar unmittelbarer Nähe, vom obern

Stockwerke des Hauses der Laut einer harten Stimme zu ihnen herüber. Die

Stare flogen schreiend durch den Garten; der junge Offizier, wie in

unwillkürlicher Bewegung, schloß das Mädchen fester in seine Arme. »Was hast

du?« sagte sie. »Die alten Herren haben die erste Partie gespielt; nun stehen sie

am Fenster, und Papa macht das Wetter für die nächste Woche.«

 

Er sah durch die Tür in den sonnbeschienenen Garten hinaus. »Ich habe dich,«

sagte er. »Es darf nicht anders werden.«

 

Sie wiegte schweigend einigemal den Kopf; dann machte sie sich los und

drängte ihn gegen die Tür. »Geh nun!« sagte sie. »Ich komme bald; ich laß dich

nicht allein.«

 

Er faßte ihr zartes Gesichtchen in seine Hände und küßte sie. Dann ging er zur

Tür hinaus und seitwärts den Steig hinauf; an dem Ligusterzaun entlang, der das

tiefere Flußufer von dem Garten trennte. So, während seine Augen dem

unaufhaltsamen Vorüberströmen des Wassers folgten, gelangte er an einen Platz,

wo das marmorne Bild einer Flora inmitten sauber geschorener

Buchsbaumarabesken stand. Die zwischen den Schnörkeln eingelegten Porzellanscherben und Glaskorallenschnüre leuchteten zierlich aus dem Grün

hervor; ein scharfes Arom erfüllte die Luft, untermischt zuweilen mit dem Duft

der Provinzrosen, die hier zu Ende des Steiges an der Gartenmauer standen. In

der Ecke zwischen diesem und dem Ligusterzaun war eine Laube, tief

verschattet von wucherndem Geißblatt. Der Kapitän schnallte seinen Degen ab

und setzte sich auf die kleine Bank. Dann begann er, mit der Spitze seines

Rohrstocks einen Buchstaben um den andern in den Boden zu zeichnen, die er

immer wieder, als könne ein Geheimnis durch sie verraten werden, bis auf den

letzten Zug zerstörte. So trieb er es eine Zeitlang, bis seine Augen an dem

Schatten einer Geißblattranke haften blieben, an deren Ende er die feinen Röhren

der Blüte deutlich zu erkennen vermochte. Bald im längeren Betrachten

bemerkte er daran den Schatten eines Lebendigen, der langsam an dem Stengel

hinaufkroch. Er sah dem eine Weile zu; dann aber stand er auf und blickte über

sich in das Gewirr der Ranken, um die gefährdete Blüte zu entdecken und das

Ungeziefer herunterzuschlagen. Aber die Sonnenstrahlen brachen sich zwischen

den Blättern und blendeten ihn; er mußte die Augen abwenden. — Als er sich

wieder auf die Bank gesetzt hatte, sah er wie zuvor die Ranke scharf und

deutlich auf dem sonnigen Boden liegen; nur zwischen den schlanken Kelchen

der Schattenblüte haftete jetzt eine dunkle Masse, die von Zeit zu Zeit durch

zuckende Bewegungen eine emsige tierische Tätigkeit verriet. Er wußte nicht,

wie es ihn überkam, er stieß nach dem arbeitenden Klumpen mit seinem

Rohrstock; aber über ihm ging der Sommerwind durch das Gezweige, und die

Schatten huschten ineinander und entwischten ihm. Er wurde eifrig; er spreizte

die Knie auseinander und wollte eben zu einem neuen Stoße ausholen; da trat die

Spitze eines seidenen Mädchenschuhs ihm in die Sonne.

 

Er blickte auf, Franziska stand vor ihm, die Feder hinterm Ohr, deren weiße

Fahne wie ein Taubenfittig von dem gepuderten Köpfchen abstand. Sie lachte

eine ganze Weile; unhörbar erst, man sah es nur. Er lehnte sich zurück und

blickte sie voll Entzücken an; sie lachte so leicht, so mühelos, es lief über sie hin

wie ein Windhauch über den See; so lachte niemand anders.

 

»Was treibst du da!« rief sie endlich.

 

»Dummes Zeug, Fränzchen; ich scharmutziere mit den Schatten.«

 

»Das kannst du bleiben lassen.«

 

Er wollte ihre beiden Hände fassen; sie aber, die in diesem Augenblick sich nach

der Gartenmauer umgesehen, zog ein Messerchen aus ihrer Tasche und schnitt damit die aufgeblühten Rosen aus den Büschen. »Ich werde Potpourri machen

auf den Abend,« sagte sie, während sie die Rosen an der Erde sorgfältig zu

einem Häuflein zusammenlegte.

 

Er sah geduldig zu; er wußte schon, man mußte sie gewähren lassen.

 

»Und nun?« fragte er, nachdem sie das Messer wieder eingeschlagen und in den

Schlitz ihrer Robe hatte gleiten lassen.

 

»Nun? Konstantin! — — Beisammen sein und die Stunden schlagen hören.« —

Und so geschah es. — Vor ihnen drüben in dem Zitronenbirnbaum flog der

Buchfink ab und zu, und sie hörten tief im Laube das Kreischen der Nestlinge;

dann wieder, ihnen selber kaum bewußt, drang das Schluchzen des unterhalb

fließenden Wassers an ihr Ohr; mitunter sank eine Kaprifolienblüte zu ihren

Füßen; von Viertelstunde zu Viertelstunde schlug drüben im Hause die

Amsterdamer Spieluhr. Es wurde ganz stille zwischen ihnen. Aber der Drang,

den geliebten Namen leibhaftig vor sich ausgesprochen zu hören, überkam den

jungen Mann. — »Fränzchen!« sagte er halblaut.

 

»Konstantin!«

 

Und als würde er nach der langen Stille durch ihre Stimme überrascht und ihm

erst jetzt das Geheimnis ihres Klanges offenbar, sagte er: »Du solltest singen,

Fränzchen!«

 

Sie schüttelte den Kopf. »Du weißt, das taugt für Bürgermädchen nicht!«

 

Er schwieg einen Augenblick; dann faßte er ihre Hand und sagte: »Sprich nicht

so! auch nicht im Scherz. Du hattest ja schon Lektionen beim Kantor. Was ist es

denn?«

 

Sie sah ihn ernsthaft an; bald aber brach ein lustiger Glanz aus ihren Augen.

»Nein,« rief sie, »schau nicht so finster! Ich will's dir sagen — ich rechne zu

gut!«

 

Er lachte, und sie lachte mit. »Bist du mir aber auch zu klug, Franziska?«

 

»Vielleicht!« sagte sie, — und ihre Stimme erhielt plötzlich einen tiefen,

herzlichen Klang, als sie es sagte, — »du weißt noch gar nicht, wie! Als du erst

hier in die Stadt versetzt warst und dann zu meinem Bruder Fritz ins Haus

kamst, war ich ein kleines Mädchen, das noch zwei volle Schuljahre vor sich

hatte. Nachmittags, wenn ich nach Haus gekommen, schlich ich mich öfters in den Saal und stellte mich daneben, wenn ihr euch im Rapieren übtet. Aber du

wolltest keine Notiz von mir nehmen. Einmal sogar, als deine Klinge mir in die

Schürze fuhr, sagtest du: ›Setz dich ins Fenster, Kind‹. Du weißt wohl nicht, was

das für böse Worte waren! — Nun aber begann ich auf allerlei Listen zu sinnen.

Wenn Nachbarskinder bei mir waren, suchte ich dich durch eins der andren

Mädchen — ich selber hätte es nicht getan — zur Teilnahme an unsren Spielen

zu veranlassen; und wenn du dann in unsren Reihen standest,« —

 

»Nun, Fränzchen!«

 

»Dann lief ich so oft an dir vorüber, bis du mich endlich doch an meinem weißen

Kleidchen haschen mußtest.«

 

Sie war dunkelrot geworden. Er legte seine Finger zwischen ihre und hielt sie

fest umschlossen. Nach einer Weile sah sie schüchtern zu ihm auf und fragte:

»Hast du denn nichts gemerkt?«

 

»Doch; endlich!« sagte er, »du bist ja endlich groß geworden.«

 

— »Und dann? — Wie kam es denn mit dir?«

 

Er sah sie an, als müsse er ihr Antlitz befragen, ob er reden dürfe. »Wer weiß,«

sagte er, »ob es je gekommen wäre! Aber die Frau Syndika sagte einmal« — —

 

»So sprich doch, Konstantin!«

 

— »Nein; mir zulieb! Geh erst einmal den Steig hinauf!«

 

Sie tat es. Nachdem sie die abgeschnittenen Rosen in ihre Schürze gesammelt,

ging sie, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Gartenhause und trat bald darauf mit

leeren Händen wieder aus der Tür. — Sie hatte zierliche Füße und einen

behenden Tritt; aber sie stieß im Gehen, unmerklich fast, mit den Knien gegen

das Gewand. Der junge Mann folgte dieser Bewegung, so wenig schön sie sein

mochte, mit den glücklichsten Augen; er merkte es kaum, als die Geliebte jetzt

wieder vor ihm stand. »Nun,« fragte sie, »was sagte die Frau Syndika? oder war

es eine von ihren sieben Töchtern?«

 

»Sie sagte« — und er ließ seine Augen langsam an ihrer feinen Gestalt

hinaufgleiten — »sie sagte: ›Die Mamsell Fränzchen ist eine angenehme Person;

aber gehen tut sie wie eine Bachstelze!‹«

 

»O du!« — — und Fränzchen legte die Hände auf den Rücken ineinander und sah freudestrahlend auf ihn nieder.

 

»Seitdem,« fuhr er fort, »konnte ich's nicht wieder von mir bringen; überall habe

ich müssen dich vor mir gehen und hantieren sehen.«

 

Sie stand noch immer vor ihm, schweigend und unbeweglich.

 

»Was hast du?« fragte er, »du siehst so stolz und vornehm aus!«

 

Sie sagte: »Es ist das Glück!«

 

— »O! eine Welt voll!« Und er zog sie mit beiden Armen zu sich nieder.