Im Sonnenschein
Kapitel 2
Es war eine andre Zeit; wohl über sechzig Jahre später. Aber es war wieder an
einem Sommernachmittage, und die Rosen blühten auch wie dazumal. — In dem
oberen Zimmer nach dem Garten hinaus saß eine alte Frau. Auf ihrem Schoße,
den sie mit einem weißen Schnupftuch überbreitet hatte, hielt sie eine
dampfende Kaffeetasse; doch schien sie heute des gewohnten Trankes zu
vergessen; denn nur selten und wie in Gedanken führte sie die Tasse an den
Mund.
Nicht weit davon, dem Sofa gegenüber, saß ihr Enkel, ein Mann über die Zeit
der vollsten Jugend noch kaum hinaus. Er stützte seinen Kopf in die Hand und
blickte nach den kleinen Familienbildern, die in silberner Fassung über dem Sofa
hingen. Der Großvater, die Urgroßeltern, Tante Fränzchen, des Großvaters
Schwester, — sie waren lange tot, er hatte sie nicht gekannt. Nun ließ er seine
Augen von einem zum andern gehen, wie er schon oft getan, wenn er mit der
Großmutter in der stillen Nachmittagsstunde beisammensaß. Auf Tante
Fränzchens Bilde schienen die Farben am wenigsten verblichen, obwohl sie vor
den Eltern und lange vor dem Bruder gestorben war. Die rote Rose in der weißen
Puderfrisur war noch wie frisch gepflückt; auf der amarantfarbenen Kontusche
zeichnete sich deutlich ein blaues Medaillon, das an einem dunklen Bande vom
Halse auf die Brust herabhing. Der Enkel konnte nicht die Augen wenden von
diesen kargen Spuren eines dahingegangenen Lebens; er blickte fast mit Inbrunst
in das feine blasse Gesichtchen. Der Garten, wie er ihn als Knabe noch gesehen,
trat vor seine Phantasie; er sah sie darin wandeln zwischen den seltsamen
Buchsbaumzügen; er hörte das Knistern ihres Schuhes auf den Muschelsteigen,
das Rauschen ihres Kleides. Aber die Gestalt, die er so heraufbeschworen, blieb
allein, gebannt in dem grünen Fleckchen, das vor seinem inneren Auge stand.
Was sich um die Lebende einst mochte bewegt haben: ihre Gespielinnen, die
Töchter aus den alten finsteren Patrizierhäusern, der Freund, der nach ihr spähte
zwischen den Büschen des Gartens, hatte er keine Macht ihr zu gesellen. »Wer
weiß von ihnen!« sprach er vor sich hin; das kleine Medaillon war ihm wie ein
Siegel auf der Brust des vor so langer Zeit verstorbenen Mädchens.
Die Großmutter setzte die Tasse auf die Fensterbank; sie hatte ihn sprechen hören. »Bist du in unsrer Gruft gewesen, Martin?« fragte sie, »und sind die
Reparaturen bald zustande?«
»Ja, Großmutter.«
— »Es muß alles in Ordnung sein; wir haben in unsrer Familie immer auf
Reputation gehalten.«
»Es wird alles in Ordnung kommen,« sagte der Enkel, »aber es ist ein Sarg
eingestürzt; das hat ein Aufschub gegeben.«
— »Sind denn die Eisenstangen abgerostet?«
»Das nicht. Er stand zu hinterst neben dem Gitter; das Wasser ist darauf
getropft.«
— »Das muß Tante Fränzchen sein,« sagte die Großmutter nach einigem
Besinnen. — »Lag denn ein Kranz darauf?«
Martin sah die Großmutter an. »Ein Kranz? — — Ich weiß es nicht; er mag auch
wohl vergangen sein.«
Die Greisin nickte langsam mit dem Kopf und sah eine Weile schweigend vor
sich hin. »Ja, ja!« sagte sie dann, fast wie beschämt, »es ist nun freilich schon
über fünfzig Jahre her, daß sie begraben wurde. Ihr Fächer, der mit Schmelz und
Flitter, liegt noch drüben im Saal in der Spiegelkommode; ich habe ihn aber
gestern nicht finden können.«
Der Enkel vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Die Großmutter
bemerkte es und sagte: »Deine Braut, der Wildfang, ist mir wohl wieder über
meinem Kram gewesen. Ihr sollt mir das nicht zu euren Possen gebrauchen!«
»Aber, Großmutter, wie sie neulich abends in deinem Reifrock durch den Garten
promenierte — ihr wäret alle eifersüchtig geworden, wenn sie anno Neunzig so
in eure Laube getreten wäre.«
— »Du bist ein eitler Junge, Martin!«
»Freilich,« fuhr er fort, »die fremden braunen Augen hat sie nun einmal; die
kommen jetzt ohne Gnade in die Familie!«
— »Nun, nun!« sagte die Großmutter, »die braunen Augen sind schon gut, wenn
nur ein gutes Herz herausschaut. — Aber den Fächer soll sie mir in Ehren halten! Tante Fränzchen trug ihn auf deines Großvaters Hochzeit, und mich
dünkt, ich sehe sie noch mit der dunkelroten Rose in den Haaren. Nachher hat
sie dann nicht gar lange mehr gelebt. — Es war eine große Liebe zwischen den
Geschwistern; sie hat ihrem Bruder dazumalen auch ihr Porträt geschenkt, und
dein Großvater hat es, so lange er lebte, bei sich in seiner Schreibschatulle
gehabt. — Später hingen wir es denn hierher, zu ihm und zu den Eltern.«
»Sie ist wohl schön gewesen, Großmutter?« fragte der Enkel, indem er nach dem
Bilde hinüberblickte.
Die Großmutter schien ihn nur halb zu hören. »Sie war ein kluges
Frauenzimmer,« sagte sie, »und sehr geschickt in der Feder. Während dein
Großvater in Marseille war, und auch wohl später noch, hat sie dem alten Vater
alle Jahre die Klosterrechnungen ausgeschrieben; denn er war Klostervorsteher
und dann Ratsverwalter, ehe er zweiter Bürgermeister wurde. — Sie hatte auch
eine schlanke, wohlproportionierte Figur, und dein Großvater pflegte sie wohl
mit ihren feinen Händen zu necken; aber heiraten hat sie niemalen wollen.«
»Gab es denn derzeit keine jungen Männer in der Stadt, oder haben ihr die Freier
nicht gefallen?«
»Das,« sagte die Großmutter, indem sie mit den Händen über ihren Schoß strich,
»das, mein liebes Kind, hat sie mit sich in ihr Grab genommen. — Man sagte
wohl, sie hab' einmal einen leiden können; — Gott mag es wissen! Es war ein
Freund deines Großvaters und ein reputierlicher Mensch. Aber er war Offizier
und Edelmann; und dein Urgroßvater war immer sehr gegen das Militär. — Auf
deines Großvaters Hochzeit tanzten sie miteinander, und ich erinnere mich wohl,
sie machten ein schönes Paar zusammen. Unter den Leuten nannten sie ihn nur
den Franzosen; denn er hatte rabenschwarzes Haar, das er nur selten pudern ließ,
wenn er nicht just im Dienste war. Es ist aber das letztemal gewesen; er nahm
bald darauf seinen Abschied und kaufte sich weit von hier einen kleinen
Landsitz, wo er noch einige Zeit nach deines Großvaters Tode mit einer
unverheirateten Schwester gelebt hat.«
Der Enkel unterbrach sie. »Es muß damals ein andres Ding gewesen sein um die
Herzensgeschichten,« sagte er nachdenklich.
»Ein andres Ding?« wiederholte die Großmutter, indem sie ihrem Körper für
einen Augenblick die Haltung der Jugend wiederzugeben suchte. »Wir hatten so
gut ein Herz wie ihr und haben unser Teil dafür leiden müssen. — Aber,« fuhr
sie beruhigter fort, »was wißt ihr junges Volk auch, wie es dazumalen war. Ihr habt die harte Hand nicht über euch gefühlt; ihr wißt es nicht, wie mäuschenstille
wir bei unsren Spielen wurden, wenn wir den Rohrstock unsres Vaters nur von
ferne auf den Steinen hörten.«
Martin sprang auf und faßte die Hände der Großmutter.
»Nun,« sagte sie, »es mag vielleicht besser sein, so wie es jetzo ist. Ihr seid
glückliche Kinder; aber deines Großvaters Schwester lebte in den alten Tagen.
— Seit wir nach unsrer Hochzeit das untere Stockwerk hier im Hause
bewohnten, kam sie gern zu uns herunter; manchmal auch saß sie stundenlang
bei deinem Großvater im Kontor und half ihm bei seinen Schreibereien. Im
letzten Jahre, seit ihre Kräfte abzunehmen anfingen, fand ich sie wohl zuweilen
über ihren Rechnungsbüchern eingeschlafen. Dein Großvater saß dann stille
fortarbeitend ihr gegenüber an der andren Seite des Pultes, und ich erinnere mich
noch gar wohl an das trauervolle Lächeln, womit er, wenn ich zu ihnen eintrat,
mich auf die schlafende Schwester aufmerksam zu machen pflegte.«
Die Erzählerin schwieg eine Weile und blickte mit weit geöffneten Augen vor
sich hin, während sie mechanisch ihre Tasse schwenkte und mit Behutsamkeit
die Neige ausschlürfte. Dann, nachdem sie die Tasse neben sich auf die
Fensterbank gestellt hatte, sprach sie langsam weiter: »Unsre alte Anne konnte
nicht genug davon erzählen, wie lustig und umgänglich ihre Mamsell in jüngeren
Jahren gewesen sei; auch war sie die einzige von den Kindern, die bei
Gelegenheit mit dem Vater ein Wort zu reden wagte. — So lange ich sie gekannt,
ist sie immer still und für sich gewesen; zumal, wenn der Vater im Zimmer war,
sprach sie nur das Notwendige, und wenn sie just gefragt wurde. Was da passiert
sein mag — dein Großvater hat nie davon gesprochen: — nun sind sie alle längst
begraben.« —
Der Enkel betrachtete das Bild des Urgroßvaters, und seine Augen blieben an
den strengen Linien haften, die den starken Mund von den Wangen schieden.
»Es muß ein harter Mann gewesen sein,« sagte er.
Die Großmutter nickte. »Er hat seine Söhne bis in ihr dreißigstes Jahr erzogen,«
sagte sie. »Sie haben darum bis in ihr spätes Alter auch niemals so recht einen
eignen Willen gehabt. Dein Großvater hat es oft genug beklagt. Er wäre am
liebsten ein Gelehrter geworden, wie du es bist; aber die Firma verlangte einen
Nachfolger. Es waren damals eben andre Zeiten.«
Martin nahm das Bild des Großvaters von der Wand. »Das sind milde Augen,«
sagte er.
Die Großmutter streckte die Hände aus, als wollte sie aus ihrem Lehnstuhl
aufstehen; dann ließ sie sie langsam ineinandersinken. »Jawohl, mein Kind!«
sagte sie, »das waren milde Augen! Er hatte keine Feinde, — nur einen mitunter
— und das war er selber.«
Die alte Haushälterin trat herein. »Es ist einer von den Maurerleuten draußen; er
wünscht den Herrn zu sprechen.«
»Geh hinaus, Martin!« sagte die Großmutter. »Was ist es denn, Anne?«
»Sie haben etwas in der Gruft gefunden,« erwiderte die Alte. »Ein Schaustück
oder so etwas. Die Särge der alten Herrschaften wollen schon nicht mehr
halten.«
Die Großmutter neigte ein wenig das Haupt; dann blickte sie in der Stube umher
und sagte: »Mach das Fenster zu, Anne! Es duftet mir so stark; die Sonne scheint
draußen auf die Buchsbaumrabatten.«
»Die Frau hat wieder ihre Gedanken!« murmelte die alte Dienerin; denn der
Buchsbaum war vor über zwanzig Jahren fortgenommen, und mit den
Glaskorallenschnüren hatten derzeit die Knaben Pferd gespielt. Aber sie sagte
nichts dergleichen, sondern schloß, wie ihr geheißen war, das Fenster. Danach
stand sie noch eine Weile und sah durch die Zweige des hohen Ahornbaums
nach dem alten Lusthäuschen hinüber, wo hinaus sie vor Zeiten ihren jungen
Herrschaften so oft das Kaffeegeschirr hatte bringen müssen, und wo die kranke
Mamsell so manchen Nachmittag gesessen hatte.
Nun öffnete sich die Tür, und Martin trat hastigen Schrittes herein. »Du hattest
recht!« sagte er, indem er Tante Fränzchens Bild von der Wand nahm und es an
dem silbernen Schleifchen der Großmutter vor die Augen hielt. »Der Maler
durfte nur die Kapsel des Medaillons malen, der offne Kristall hat auf ihrem
Herzen gelegen. Ich habe oft genug gefragt, was er verberge. Nun weiß ich es;
denn ich habe Macht, es umzuwenden.« Und er legte ein verstäubtes Kleinod auf
die Fensterbank, das, des grünen Rostes ungeachtet, der es überzogen hatte, als
das Original zu der Zeichnung auf Tante Fränzchens Bilde nicht zu verkennen
war. Das Sonnenlicht brach durch den trüben Kristall und beleuchtete im Innern
eine dunkle Haarlocke.
Die Großmutter setzte schweigend ihre Brille auf; dann ergriff sie mit zitternden
Händen das kleine Medaillon und neigte tief das Haupt darüber. Endlich nach
einer ganzen Weile, wo in dem stillen Zimmer nur das unruhigere Atmen der alten Frau vernehmlich war, legte sie es behutsam von sich und sagte: »Laß es
wieder an seinen Ort bringen, Martin; es taugt nicht in die Sonne. — Und,« fügte
sie hinzu, indem sie das Tuch auf ihrem Schoße sorgsam zusammenlegte, »auf
den Abend bring mir deine Braut! Es muß in den alten Schubladen noch
irgendwo ein Hochzeitskettlein stecken; — wir wollen proben, wie es zu den
braunen Augen läßt.«