Im Sonnenschein

Theodor Storm · Kapitel 4 von 6

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Im Sonnenschein

Kapitel 2

 

Es war eine andre Zeit; wohl über sechzig Jahre später. Aber es war wieder an

einem Sommernachmittage, und die Rosen blühten auch wie dazumal. — In dem

oberen Zimmer nach dem Garten hinaus saß eine alte Frau. Auf ihrem Schoße,

den sie mit einem weißen Schnupftuch überbreitet hatte, hielt sie eine

dampfende Kaffeetasse; doch schien sie heute des gewohnten Trankes zu

vergessen; denn nur selten und wie in Gedanken führte sie die Tasse an den

Mund.

 

Nicht weit davon, dem Sofa gegenüber, saß ihr Enkel, ein Mann über die Zeit

der vollsten Jugend noch kaum hinaus. Er stützte seinen Kopf in die Hand und

blickte nach den kleinen Familienbildern, die in silberner Fassung über dem Sofa

hingen. Der Großvater, die Urgroßeltern, Tante Fränzchen, des Großvaters

Schwester, — sie waren lange tot, er hatte sie nicht gekannt. Nun ließ er seine

Augen von einem zum andern gehen, wie er schon oft getan, wenn er mit der

Großmutter in der stillen Nachmittagsstunde beisammensaß. Auf Tante

Fränzchens Bilde schienen die Farben am wenigsten verblichen, obwohl sie vor

den Eltern und lange vor dem Bruder gestorben war. Die rote Rose in der weißen

Puderfrisur war noch wie frisch gepflückt; auf der amarantfarbenen Kontusche

zeichnete sich deutlich ein blaues Medaillon, das an einem dunklen Bande vom

Halse auf die Brust herabhing. Der Enkel konnte nicht die Augen wenden von

diesen kargen Spuren eines dahingegangenen Lebens; er blickte fast mit Inbrunst

in das feine blasse Gesichtchen. Der Garten, wie er ihn als Knabe noch gesehen,

trat vor seine Phantasie; er sah sie darin wandeln zwischen den seltsamen

Buchsbaumzügen; er hörte das Knistern ihres Schuhes auf den Muschelsteigen,

das Rauschen ihres Kleides. Aber die Gestalt, die er so heraufbeschworen, blieb

allein, gebannt in dem grünen Fleckchen, das vor seinem inneren Auge stand.

Was sich um die Lebende einst mochte bewegt haben: ihre Gespielinnen, die

Töchter aus den alten finsteren Patrizierhäusern, der Freund, der nach ihr spähte

zwischen den Büschen des Gartens, hatte er keine Macht ihr zu gesellen. »Wer

weiß von ihnen!« sprach er vor sich hin; das kleine Medaillon war ihm wie ein

Siegel auf der Brust des vor so langer Zeit verstorbenen Mädchens.

 

Die Großmutter setzte die Tasse auf die Fensterbank; sie hatte ihn sprechen hören. »Bist du in unsrer Gruft gewesen, Martin?« fragte sie, »und sind die

Reparaturen bald zustande?«

 

»Ja, Großmutter.«

 

— »Es muß alles in Ordnung sein; wir haben in unsrer Familie immer auf

Reputation gehalten.«

 

»Es wird alles in Ordnung kommen,« sagte der Enkel, »aber es ist ein Sarg

eingestürzt; das hat ein Aufschub gegeben.«

 

— »Sind denn die Eisenstangen abgerostet?«

 

»Das nicht. Er stand zu hinterst neben dem Gitter; das Wasser ist darauf

getropft.«

 

— »Das muß Tante Fränzchen sein,« sagte die Großmutter nach einigem

Besinnen. — »Lag denn ein Kranz darauf?«

 

Martin sah die Großmutter an. »Ein Kranz? — — Ich weiß es nicht; er mag auch

wohl vergangen sein.«

 

Die Greisin nickte langsam mit dem Kopf und sah eine Weile schweigend vor

sich hin. »Ja, ja!« sagte sie dann, fast wie beschämt, »es ist nun freilich schon

über fünfzig Jahre her, daß sie begraben wurde. Ihr Fächer, der mit Schmelz und

Flitter, liegt noch drüben im Saal in der Spiegelkommode; ich habe ihn aber

gestern nicht finden können.«

 

Der Enkel vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Die Großmutter

bemerkte es und sagte: »Deine Braut, der Wildfang, ist mir wohl wieder über

meinem Kram gewesen. Ihr sollt mir das nicht zu euren Possen gebrauchen!«

 

»Aber, Großmutter, wie sie neulich abends in deinem Reifrock durch den Garten

promenierte — ihr wäret alle eifersüchtig geworden, wenn sie anno Neunzig so

in eure Laube getreten wäre.«

 

— »Du bist ein eitler Junge, Martin!«

 

»Freilich,« fuhr er fort, »die fremden braunen Augen hat sie nun einmal; die

kommen jetzt ohne Gnade in die Familie!«

 

— »Nun, nun!« sagte die Großmutter, »die braunen Augen sind schon gut, wenn

nur ein gutes Herz herausschaut. — Aber den Fächer soll sie mir in Ehren halten! Tante Fränzchen trug ihn auf deines Großvaters Hochzeit, und mich

dünkt, ich sehe sie noch mit der dunkelroten Rose in den Haaren. Nachher hat

sie dann nicht gar lange mehr gelebt. — Es war eine große Liebe zwischen den

Geschwistern; sie hat ihrem Bruder dazumalen auch ihr Porträt geschenkt, und

dein Großvater hat es, so lange er lebte, bei sich in seiner Schreibschatulle

gehabt. — Später hingen wir es denn hierher, zu ihm und zu den Eltern.«

 

»Sie ist wohl schön gewesen, Großmutter?« fragte der Enkel, indem er nach dem

Bilde hinüberblickte.

 

Die Großmutter schien ihn nur halb zu hören. »Sie war ein kluges

Frauenzimmer,« sagte sie, »und sehr geschickt in der Feder. Während dein

Großvater in Marseille war, und auch wohl später noch, hat sie dem alten Vater

alle Jahre die Klosterrechnungen ausgeschrieben; denn er war Klostervorsteher

und dann Ratsverwalter, ehe er zweiter Bürgermeister wurde. — Sie hatte auch

eine schlanke, wohlproportionierte Figur, und dein Großvater pflegte sie wohl

mit ihren feinen Händen zu necken; aber heiraten hat sie niemalen wollen.«

 

»Gab es denn derzeit keine jungen Männer in der Stadt, oder haben ihr die Freier

nicht gefallen?«

 

»Das,« sagte die Großmutter, indem sie mit den Händen über ihren Schoß strich,

»das, mein liebes Kind, hat sie mit sich in ihr Grab genommen. — Man sagte

wohl, sie hab' einmal einen leiden können; — Gott mag es wissen! Es war ein

Freund deines Großvaters und ein reputierlicher Mensch. Aber er war Offizier

und Edelmann; und dein Urgroßvater war immer sehr gegen das Militär. — Auf

deines Großvaters Hochzeit tanzten sie miteinander, und ich erinnere mich wohl,

sie machten ein schönes Paar zusammen. Unter den Leuten nannten sie ihn nur

den Franzosen; denn er hatte rabenschwarzes Haar, das er nur selten pudern ließ,

wenn er nicht just im Dienste war. Es ist aber das letztemal gewesen; er nahm

bald darauf seinen Abschied und kaufte sich weit von hier einen kleinen

Landsitz, wo er noch einige Zeit nach deines Großvaters Tode mit einer

unverheirateten Schwester gelebt hat.«

 

Der Enkel unterbrach sie. »Es muß damals ein andres Ding gewesen sein um die

Herzensgeschichten,« sagte er nachdenklich.

 

»Ein andres Ding?« wiederholte die Großmutter, indem sie ihrem Körper für

einen Augenblick die Haltung der Jugend wiederzugeben suchte. »Wir hatten so

gut ein Herz wie ihr und haben unser Teil dafür leiden müssen. — Aber,« fuhr

sie beruhigter fort, »was wißt ihr junges Volk auch, wie es dazumalen war. Ihr habt die harte Hand nicht über euch gefühlt; ihr wißt es nicht, wie mäuschenstille

wir bei unsren Spielen wurden, wenn wir den Rohrstock unsres Vaters nur von

ferne auf den Steinen hörten.«

 

Martin sprang auf und faßte die Hände der Großmutter.

 

»Nun,« sagte sie, »es mag vielleicht besser sein, so wie es jetzo ist. Ihr seid

glückliche Kinder; aber deines Großvaters Schwester lebte in den alten Tagen.

— Seit wir nach unsrer Hochzeit das untere Stockwerk hier im Hause

bewohnten, kam sie gern zu uns herunter; manchmal auch saß sie stundenlang

bei deinem Großvater im Kontor und half ihm bei seinen Schreibereien. Im

letzten Jahre, seit ihre Kräfte abzunehmen anfingen, fand ich sie wohl zuweilen

über ihren Rechnungsbüchern eingeschlafen. Dein Großvater saß dann stille

fortarbeitend ihr gegenüber an der andren Seite des Pultes, und ich erinnere mich

noch gar wohl an das trauervolle Lächeln, womit er, wenn ich zu ihnen eintrat,

mich auf die schlafende Schwester aufmerksam zu machen pflegte.«

 

Die Erzählerin schwieg eine Weile und blickte mit weit geöffneten Augen vor

sich hin, während sie mechanisch ihre Tasse schwenkte und mit Behutsamkeit

die Neige ausschlürfte. Dann, nachdem sie die Tasse neben sich auf die

Fensterbank gestellt hatte, sprach sie langsam weiter: »Unsre alte Anne konnte

nicht genug davon erzählen, wie lustig und umgänglich ihre Mamsell in jüngeren

Jahren gewesen sei; auch war sie die einzige von den Kindern, die bei

Gelegenheit mit dem Vater ein Wort zu reden wagte. — So lange ich sie gekannt,

ist sie immer still und für sich gewesen; zumal, wenn der Vater im Zimmer war,

sprach sie nur das Notwendige, und wenn sie just gefragt wurde. Was da passiert

sein mag — dein Großvater hat nie davon gesprochen: — nun sind sie alle längst

begraben.« —

 

Der Enkel betrachtete das Bild des Urgroßvaters, und seine Augen blieben an

den strengen Linien haften, die den starken Mund von den Wangen schieden.

»Es muß ein harter Mann gewesen sein,« sagte er.

 

Die Großmutter nickte. »Er hat seine Söhne bis in ihr dreißigstes Jahr erzogen,«

sagte sie. »Sie haben darum bis in ihr spätes Alter auch niemals so recht einen

eignen Willen gehabt. Dein Großvater hat es oft genug beklagt. Er wäre am

liebsten ein Gelehrter geworden, wie du es bist; aber die Firma verlangte einen

Nachfolger. Es waren damals eben andre Zeiten.«

 

Martin nahm das Bild des Großvaters von der Wand. »Das sind milde Augen,«

sagte er.

Die Großmutter streckte die Hände aus, als wollte sie aus ihrem Lehnstuhl

aufstehen; dann ließ sie sie langsam ineinandersinken. »Jawohl, mein Kind!«

sagte sie, »das waren milde Augen! Er hatte keine Feinde, — nur einen mitunter

— und das war er selber.«

 

Die alte Haushälterin trat herein. »Es ist einer von den Maurerleuten draußen; er

wünscht den Herrn zu sprechen.«

 

»Geh hinaus, Martin!« sagte die Großmutter. »Was ist es denn, Anne?«

 

»Sie haben etwas in der Gruft gefunden,« erwiderte die Alte. »Ein Schaustück

oder so etwas. Die Särge der alten Herrschaften wollen schon nicht mehr

halten.«

 

Die Großmutter neigte ein wenig das Haupt; dann blickte sie in der Stube umher

und sagte: »Mach das Fenster zu, Anne! Es duftet mir so stark; die Sonne scheint

draußen auf die Buchsbaumrabatten.«

 

»Die Frau hat wieder ihre Gedanken!« murmelte die alte Dienerin; denn der

Buchsbaum war vor über zwanzig Jahren fortgenommen, und mit den

Glaskorallenschnüren hatten derzeit die Knaben Pferd gespielt. Aber sie sagte

nichts dergleichen, sondern schloß, wie ihr geheißen war, das Fenster. Danach

stand sie noch eine Weile und sah durch die Zweige des hohen Ahornbaums

nach dem alten Lusthäuschen hinüber, wo hinaus sie vor Zeiten ihren jungen

Herrschaften so oft das Kaffeegeschirr hatte bringen müssen, und wo die kranke

Mamsell so manchen Nachmittag gesessen hatte.

 

Nun öffnete sich die Tür, und Martin trat hastigen Schrittes herein. »Du hattest

recht!« sagte er, indem er Tante Fränzchens Bild von der Wand nahm und es an

dem silbernen Schleifchen der Großmutter vor die Augen hielt. »Der Maler

durfte nur die Kapsel des Medaillons malen, der offne Kristall hat auf ihrem

Herzen gelegen. Ich habe oft genug gefragt, was er verberge. Nun weiß ich es;

denn ich habe Macht, es umzuwenden.« Und er legte ein verstäubtes Kleinod auf

die Fensterbank, das, des grünen Rostes ungeachtet, der es überzogen hatte, als

das Original zu der Zeichnung auf Tante Fränzchens Bilde nicht zu verkennen

war. Das Sonnenlicht brach durch den trüben Kristall und beleuchtete im Innern

eine dunkle Haarlocke.

 

Die Großmutter setzte schweigend ihre Brille auf; dann ergriff sie mit zitternden

Händen das kleine Medaillon und neigte tief das Haupt darüber. Endlich nach

einer ganzen Weile, wo in dem stillen Zimmer nur das unruhigere Atmen der alten Frau vernehmlich war, legte sie es behutsam von sich und sagte: »Laß es

wieder an seinen Ort bringen, Martin; es taugt nicht in die Sonne. — Und,« fügte

sie hinzu, indem sie das Tuch auf ihrem Schoße sorgsam zusammenlegte, »auf

den Abend bring mir deine Braut! Es muß in den alten Schubladen noch

irgendwo ein Hochzeitskettlein stecken; — wir wollen proben, wie es zu den

braunen Augen läßt.«