Keine Panik. Alles wird gut!

Adi Bachmann · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/3

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Keine Panik. Alles wird gut!

Keine Panik. Alles wird gut!

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Adi Bachmann

 

Keine Panik. Alles wird gut!

2012

18.45 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Das Schiff leuchtete in makellosem Weiss. Alle Kabinenfenster waren hell erleuchtet und Scheinwerfer und Lichtergirlanden liessen den Cruiser magisch strahlen. Fast alle Passagiere warteten auf das Ablege- und Auslaufmanoever. Dichtgedraengt standen sie an den Reelings, unterhielten sich, lachten, waren mehr oder weniger aufgeregt. Ein Potpourri internationaler Hits sorgte fuer unbeschwerte Stimmung. Unbeschwert. Ohne Schwere. Schwerelos. Bald wuerde es losgehen. Fuenfzehn Minuten noch. Viele schauten hinueber auf die Lichter der Stadt und das angestrahlte Forte Michelangelo, auf das Faehrschiffterminal, die Hafenanlagen, die Containerschiffe und die Schiffe nach Sardinien, Sizilien, Tunesien, Korsika, Spanien. In der schwindenden Daemmerung konnte man gerade noch die Auslaeufer der Tolfaberge sehen. Und ganz dahinter, im Norden, lag Tarqinia. Sein Tarquinia.

Zum wiederholten Mal hatte er die mittelalterliche Stadt besucht. Diesmal zusammen mit seiner Frau. Wie Volterra, Arezzo, Cerveteri, Chiusi, Cortona, Populonia, Perugia, Orvieto, Veji, Vetulonia und Vulci gehoerte Tarquinia zu den Staedten, die einmal den etruskischen Zwoelfstaedtebund geschlossen hatten, ein Bund, der Angriffs- und Verteidigungsbuendnis gewesen war. Das Herrschaftsgebiet der Etrusker schloss Rom mit ein und reichte weit in den Sueden Italiens hinab; im Norden erstreckte es sich bis in die Poebene. Genuetzt hat es den Etruskern nichts: von Sueden kamen die Roemer, den Norden hatten die Kelten im Griff. Etruskische Anmut, etruskische Kunst und etruskische Kultur unterlagen schlussendlich der militaerischen Schlagkraft der Eroberer zu Land und von der See her. Nicht, dass die Etrusker keine entschlossenen Krieger gewesen waeren – aber eben nicht so entschlossen, ausdauernd und machthungrig wie die Roemer. Und wie das bei den Roemern so ueblich war: Nachdem sie gesiegt hatten, absorbierten sie die Besiegten einfach mit all dem, was ihnen wertvoll und aneignungswert erschien und machten sie zu ihresgleichen - zu roemischen Buergern naemlich.

Er liebte Tarquina. Diese kleine Stadt mit ihren knapp zwanzigtausend Einwohnern, in Sichtweite des Tyrrhenischen Meeres auf einem Huegel gelegen und fast ganz von einer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. Er liebte die alten Geschlechtertuerme und Palaeste und die ehrwuerdigen Buergerhaeuser. Er liebte die geheimnisvollen, dunklen Toreinfahrten mit dem Geruch von abgestandener Luft und trockenem Staub und dem Rascheln duerrer Blaetter der vereinzelt wachsenden Olivenbaeume. Er liebte das wuselige Leben in den Strassen am Morgen, die sonnige Verschlafenheit waehrend der langen Mittagsstunden und das Flannieren der Menschen in den fruehen Abendstunden. Und er liebte das Palaver der alten Maenner auf den Plaetzen im Zentrum, das bis in die tiefe Nacht dauerte: Das ist die Tageszeit, in der italienische Maenner die Welt immer wieder neu erfinden. Buchstaeblich jeden Tag.

Ganz besonders aber liebte er das Museum, das Museo Nazionale Tarquiniense mit den abgeloesten Fresken aus den Grabanlagen der Umgebung, den Skulpturen, Sarkophagen und Grabbeigaben. Und noch mehr liebte er die beiden Gefluegelten Pferde aus Terrakotta. Schon seit Langem hatte er sich fuer Pegasus-Darstellungen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeitaltern interessiert. Aber die beiden eleganten, schlanken Roesser mit den kurz angesetzten aufgestellten Fluegeln ergriffen ihn jedesmal so sehr, dass er haette weinen moegen. Warum, haette er nicht erklaeren koennen. Das war eben so. Schon als er das erste Mal in Tarquinia war, alleine, auf einer Fahrt durch die Toskana und das Latium, konnte er sich nicht sattsehen an den beiden Pferden. Er hatte gelesen, dass sie ein Fragment eines Vierergespanns darstellten, das einem Streitwagen vorgespannt und urspruenglich als Giebeldekoration in einen tarquinischen Tempel angebracht worden war. Anderntags, an der Landstrasse zum Bolsener See und nach Orvieto, entdeckte er damals in einer Keramikwerkstatt zwei stark verkleinerte Nachbildungen der Gefluegelten Pferde. Die beiden Halbreliefs hingen unbeachtet an einer Wand. Er kaufte sie beide. Eines fuer sich und das zweite fuer einen Freund, der seit seiner Kindheit ein grosser Pferdeliebhaber war, um nicht zu sagen, ein Pferdenarr.

Zusammen mit seiner Frau, an genau den gleichen Stellen in der Stadt, im Museum oder den Ausgrabungen, war alles anders. Stumpfer. Weniger farbig. Weniger aufregend. Obwohl er sich Muehe gab, ihr einige Dinge zu erklaeren und sie ein wenig bekanntzumachen mit den Geheimnissen und Schaetzen der Etrusker: Sie blieb zurueckhaltend und, fuer ihn unverstaendlich, auffaellig desinteressiert. Die Etrusker jedenfalls, denen man nachsagt, dass sie die Fackel der Wissbegierde, der Erkenntnis, der Musik, der bildenden Kunst und einer verfeinerten Lebensart entzuendet haetten, noch vor oder zumindest zeitgleich mit den antiken Griechen, nein, diese Etrusker konnten keine Fackel und kein Feuer in ihr entflammen. Waeren die Versaces oder Guccis Etrusker gewesen, ja, dann vielleicht. Was sollte er machen? Er hatte es sich abgewoehnt, zu schmollen oder ihr Vorwuerfe zu machen. Sie war auf eine so hartnaeckige Weise rechthaberisch und zurueckweisend, dass es besser war, solche Dinge nicht weiter zu verfolgen. Also Schwamm darueber. So trennten sie sich nach dem Mittagessen, er ging zurueck ins Museum, sie legte sich fuer eine Weile hin. Am Abend holte er sie im Hotel ab, und sie gingen zum Abendessen in ein Restaurant in der Altstadt. Und beiden taten so, als waeren sie nicht enttaeuscht, als waere zwischen ihnen alles in bester Ordnung.

 

19.03, Freitag der 13. Januar 2012

Die Signalhoerner des Schiffes toenten laut und stolz ueber den Hafen und die Stadt. Der Kommandant des Cruisers, der Italiener Francesco Schettino, war keiner von der stillen Sorte. Er mochte es laut, ueberschaeumend und schnell; sonnengebraeunt, das Hemd oft einen Knopf zu weit offen und meist zuviel Gel im Haar. In Meta di Sorrento, seinem Heimatort südlich von Neapel, sagte man von dem gebuertigen Neapolitaner, er wuerde einen LKW fahren wie einen Porsche. Man hielt grosse Stuecke auf ihn, weil er freundlich war, immer gut gelaunt, grosszuegig und hilfsbereit. Dass er mit seinen 54 Jahren noch ein Draufgaenger war, rechnete man ihm zu seinem Vorteil an. Schliesslich war Italien lange genug das Land des Silvio Berlusconi gewesen.

Die beiden Propellermotoren waren schon seit einer Weile auf Touren gebracht worden. Ueber 57.000 PS hatten sie. Langsam bewegten sich 290 x 35,5 Meter Schiff mit einem Tiefgang von ueber 8 Metern und einer Verdraengung von 50.000 Tonnen von der Mole weg, durchs Hafenbecken und hinaus ins Tyrrhenische Meer. Etwa 4200 Passagiere und Crew-Mitglieder waren an Bord des Kreuzfahrtschiffs der Luxusklasse: 3000 Passagiere aus Italien, Deutschland, Frankreich, Nordamerika, Russland, der Schweiz und aus Oesterreich. Die etwa 1200 Besatzungsmitglieder kamen aus Italien, Deutschland, der Schweiz, aus Peru, Indonesien, Malaysia, den Philippinen. Die Offiziere und die hoeheren Mannschaftsgrade waren Mitteleuropaeer, die niedrigeren Mannschaften kamen aus asiatischen und lateinamerikanischen Niedriglohnlaendern. Die Costa Concordia fuhr unter italienischer Flagge.

 

19.23 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Er bestellte sich ein Glas Kir.

“Zuhause trinke ich ja normalerweise keinen Alkohol vor dem Essen ...”

„Doch ... so einen kleinen Aperitif goenne ich mir schon oefter einmal. Einen Calvados zum Beispiel. Da schmeckt man die Natur. Und appetitanregend ist er auch.“

„... aber jetzt hier auf dem Schiff ...“

„Na eben, hin und wieder darf man sich schon etwas Gutes tun. Besonders heute. Jetzt, wo die grosse Fahrt gleich losgeht. Ha, ha.“ „Das war ja ein ganz schoener Trubel vorher. Ist ja recht gut gebucht, die Concordia. All die Leute. Und alle so aufgekratzt...“ „...ist doch immer wieder ein Ereignis, an Bord eines solchen Cruisers zu gehen. Ich bin direkt aus Rom hergekommen: Raus aus dem Flieger, rein in den Shuttle und hinauf aufs Schiff. Sind Sie auch direkt aus Rom hierhergekommen?“

„Nein, nein. Wie waren schon am Mittwoch in Civitavecchia ... „ „...wieso so frueh schon? Hatten Sie Angst, das Schiff zu verpassen? Ha, ha, ha.“

„Nein. Nicht ganz. Meine Frau und ich haben uns in Rom am Flughafen ein Auto gemietet und fuhren dann nach Tarquinia. Dort haben wir uns ein Zimmer ...“

„... Tarquinia? Sagt mir wenig. Gibts da was Besonderes zu sehen oder zu tun?“

„Tja, wie man nimmt: Tarquinia ist eine alte etruskische Stadt, die ich einmal vor Jahren auf einer Italienfahrten entdeckt habe und die ich mich damals augenblicklich verliebte. Was es da zu sehen gibt? Fuer eine so kleine Stadt doch eine ganze Menge: Ein beruehmtes etruskisches Museum, eine Reihe mittelalterlicher Tuerme und Palaeste, eine Stadtmauer. Und ausserhalb der Stadt weitlaeufige Nekropole, Grabanlagen, die zum Teil mit wunderbaren Fresken ausgemalt sind. Uebrigens ist Tarquinia vor einigen Jahren als Weltkulturerbe anerkannt worden. Zurecht wie ...“ „Weltkulturerbe, Graeber, mittelalterlich Palaeste, Museum – und so was gefaellt Ihnen?“

„Ja, doch ...“

„... nein, damit koennten Sie mich nicht locken. Was ich an Italien liebe ist seine Eleganz, die schoenen Frauen, das tolle Moebeldesign, die Schuhe, die Kleidung, das Essen, die Weine! Das ist mein Bella Italia. Und so ein Luxusschiff natuerlich. Ach, uebrigens: Gnatz ist mein Name, Ruppert Gnatz aus Graz in der Steiermark. Der Gnatz aus Graz. Ha, ha, ha. Sie wissen schon, Graz, die Bischoefliche Residenz, die Musikhochschule, der Steirische Herbst, der Joerg Haider – ja, so Sachen halt. Ich hab dort eine kleine Werbeagentur gehabt, klein aber fein, hab ich immer gesagt. In der Altstadt, in der Murgasse. Eigentlich mehr eine PR-Agentur. Public Relations – das war und ist mein Metier: Ein bisschen hier, ein bisschen da, ein ‚Kuess die Hand, Gnaedigste’, ein ‚Habe die Ehre, Herr Doktor’ – ja, Sie kennen den Schmaeh wahrscheinlich. Bei uns in Oesterreich ist das ein bisserl so wie in Italien, oder in Italien so wie bei uns in Oesterreich: Man muss halt einen kennen, der einen kennt, der weiss, wo man... Na, ja, Sie wissen schon. Aber was Sie vielleicht nicht wissen: Die Luft da oben in den Teppichetagen der Firmen ist manchmal grauslig kalt und duenn. Was den Menschen dort fehlt ist die Waerme, die menschliche Waerme. Und da leistet der Ruppert Gnatz seine Dienste. Als ‚connecting link’, sozusagen. Ich bring sie wieder zusammen, die Menschen, die Interessen. Ich schaffe Waerme und Beziehungen. Sie sind nicht aus Oesterreich, nein. Sind Sie Deutscher, ja?“

„Ja...“

„Hab ich mir gleich gedacht. Das ist ein Deutscher, hab ich mir gedacht. Und woher, wenn man fragen darf?“ „Aus Berlin. Genauer gesagt, aus Potsdam. Und noch genauer: Aus Potsdam an der Havel und aus Caputh am Schwielowsee, der eigentlich aber nur die erweiterte Havel ist. In Potsdam habe ich mein Buero und in Caputh lebe ich, zusammen mit meiner Frau. Und mein Name ist Markus Sommerlatt. Von Beruf bin ich Vermessungsingenieur.“

„Ja, da schau her, interessant. Die Havel, die erweiterte Havel! Sachen gibts. Auf jeden Fall interessant. Vermessungsingenieur sind Sie? Interessant. Kann mir schon denken, dass es nach Ihrer Wiedervereinigung noch immer allerhand zu vermessen gibt. In der Ostzone. Oder der DDR, wie sie ja geheissen hat, diese sogenannte demokratische Republik. Mit oder ohne Gaensefuesschen. Ja, jetzt sind sie ja wieder wer, die Deutschen. Jetzt erst recht, nach der Vereinigung. Ich bin ja immer fuer Vereinigung. Aber Sie sehn ja selber, auch wir Oesterreicher koennen uns hin und wieder ein paar Tage auf einem Luxusschiff leisten. Ha, ha, ha. Apropos Luxusschiff ... Kennen Sie den? Dumme Frage: Das koennen Sie ja noch gar nicht wissen, oder! Ich erzaehl ihn Ihnen halt einmal. Also: Ein Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse laeuft auf Grund. Panik. Vor allem deshalb, weil schnell klar wird, dass die vorhandenen Rettungsboote zwar nagelneu sind aber leider nicht ausreichen. Von den Mitgliedern der Crew bekommt nun jeder Passagier ersatzweise eine Schwimmweste ausgehaendigt und man hilft den Passagieren, die Schwimmwesten anzulegen. Und nun soll jeder ins Wasser springen. Der Indische Ozean ist ruhig, Haie oder Piraten gibt es nicht und es ist warm. Aber keiner springt. Kein einziger. Die Crewmitglieder versuchen mit allen Mitteln, die Passagiere zum Springen zu bewegen. Sie locken, forcieren, stossen Drohungen aus. Nichts wirkt. Niemand springt. Die Crew ist verzweifelt. Schliesslich rennt einer zum Kapitän und fleht ihn an, gegenueber den stoerrischen Passagieren ein Machtwort zu sprechen. Der Kommandant eilt zu den Menschen, die veraengstigt und verzagt an der Reeling stehen und entsetzt auf die Meeresfluten tief unter unter ihnen starren. Eine ziemlich grosse Gruppe ist das. Der Kapitaen redet mit ihnen. Nicht sehr laut und nicht sehr lang. Dann tritt er zurueck und einer nach dem anderen steigt auf das schmale Potest, holt tief Luft und springt. Einer nach dem anderen. Das dauert eine Weile. Als alle Passagiere von Bord sind, fragt der Erste Offizier seinen Kapitän: „Was in aller Welt haben Sie den Leuten erzaehlt, dass sie schliesslich wie die Lemminge ins Meer gesprungen sind?“ – „Das war eigentlich recht einfach. Der Gruppe mit den Deutschen habe ich gesagt: Das ist ein Befehl! Die Franzosen erinnerte ich: Das ist Ihre patriotische Pflicht. Den Japanern habe ich versprochen: Dieser Sprung ist gut für Ihre Potenz. Und den Italienern habe ich gesagt: Springen ist verboten. "

“Aber Spass beiseite: Sie wissen bestimmt, dass unsere gute Concordia vor drei Jahren die Hafeneinfahrt von Palermo nicht ganz erwischte und sich dabei einige deftige Schrammen geholt hat.“ „Ja, davon habe ich gehoert. Muss recht stuermisch gewesen sein, damals. Aber jetzt haben wir gutes Wetter und die See ist spiegelglatt. Und uebrigens haben wir ja die Hafenausfahrt auch schon hinter uns gelassen ...“

„... und dass so ein herausgeputztes tschechisches Model es damals bei der Schiffstaufe nicht geschafft hat, die Schampusflasche am Schiffsbug zu zerscherbeln: Haben Sie das auch gehoert? Unter Seeleuten gilt so etwas ja als ein maximal schlechtes Vorzeichen. Das muss denen so richtig die Hoerner aufgestellt haben. Jetzt geh ich aber wirklich und zieh mich um ... Ah, das haett ich jetzt fast vergessen. Vor lauter Witzen und Katastrophenberichten: vor gut fuenf Jahren schrammte unser Kapitaen Schettino im Hafen von Warnemünde ein anderes Schiff, fing Streit mit dessen Kapitaen an und hat den Mann auch noch handfest beschimpft. Auf Neapolitanisch natuerlich. Von seiner eigenen Reederei muss er einen ziemlich humorlosen Brief bekommen haben: Zu schnell gefahren und die Hafenregeln missachtet. Aber das Kommando über das größte Schiff der Reederei erhielt dann doch. Also dann. Nix fuer Ungut. Wie sehn uns sicher spaeter noch einmal. So gross kann ein Schiff gar nicht sein, dass man sich innerhalb einer Woche nicht ueber den Weg laeuft. Oder?“

„Ja, dann. Mit Ihrem Witz und Ihren Informationen haben Sie mir fast den Appetit verdorben. Jetzt muesste ich mir bei der huebschen Kleinen glatt noch einen Aperitif bestellen.“ „Tut mir leid. Aber tun Sie sich keinen Zwang an. Wenn ich gewusst haette, dass Sie ... Also bis spaeter wieder einmal.“

 

19.33 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Die Gemeinde Isola del Giglio besteht aus zwei bewohnten Inseln, Giglio und Giannutri, dazu einigen kleinen unbewohnten Inseln. Weniger als 1.500 Menschen leben auf Giglio, nur 10 auf Ciannutri. Von Giglio bis zum Festland sind es knapp 20 Kilometer. Der Insel Giglio ist eine Felsengruppe vorgelagert, die als Tauchgebiet beruemt ist und Le Scole heisst. Aber auch als gefaehrliches, weil nur teilweise sichtbares Hindernis ist sie bekannt. Die Costa Concordia verliess die vorgeschriebene Fahrrinne. Kapitaen Francesco Schettino steuerte den Schiffskoloss naeher an die Insel Giglio heran.

 

19.38 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

In einem kurzen Abstand hielt er den schlanken, halbvollen Kelch mit der Mischung aus Weiswein und Créme de Cassis vor das zusammengekniffene rechte Auge. Die hellrote Fluessigkeit schimmerte wie ein Edelstein. Ueber den Rand des Glases hinweg beobachtete er seine Frau. Zusammen mit einer kleinen Gruppe stand sie plaudernd an der gegenueberliegenden Seite des langgeschwungenen Tresens. Ihr kurzes, aermelloses Kleid war von einem ebenso magisch leuchtendem Hellrot wie der Inhalt seines Glases. Ihr langes schwarzes Haar trug sie in der Mitte gescheitelt und offen. Es umschmiegte ihren Kopf in langen, sanften Wellen und floss hinab zu den nackten Schultern und bedeckte einen Teil ihres atemberaubend tief ausgeschnittenen Rueckendekolletés. Eine grossartige Erscheinung. 42 Jahre alt und der Star unter den Gaesten an der Cocktailbar. Sie fing seinen Blick auf, schaltete ganz automatisch auf ein offenes Laecheln, zeigte volle Lippen und makellose Zaehne. Dann hob sie ihr Glas und prostete ihm kurz zu. Er erwiderte die Geste. Nur einem sehr guten Beobachter waehre aufgefallen, dass die Augen der beiden stumpf blieben und ohne inneres Feuer. Ihre Blicke waren mehr abschaetzend als liebevoll, und beider Muender blieben maskenhaft starr. Es war sein Kir und ihre Mischung aus Pfefferminzlikoer und Wodka - der Barmann hatte zwei frische Pfefferminzblaetter daraufgelegt -, die in den Glaesern funkelten. Das Rot und das Gruen waren so entgegengesetzt wie die Gefuehle, die sie fuereinander hatten. Sie verstaendigten sich mit einem knapp angedeutetem Kopfnicken, tranken ihre Glaeser aus, hoben sie noch einmal an und verliessen nacheinander den weitlaeufigen Raum. Sie machten sich auf den Weg in ihre Kabine.

 

19.50 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Ein bodenlanges silbergraues Kleid, eine rote Schaerpe, rote Highheels, eine dichte Korallenkette und Ohrgehaenge aus den gleichen Korallen hatte sie sich schon am Nachmittag zurechtgelegt. Die Farbe der Schuhe und der Schaerpe waren sorgfaeltig auf die der Korallen abgestimmt. Ja, auf solche Dinge verstand sie sich. Dafuer wandte sie Zeit, Geduld, Fantasie und auch jede Menge Geld auf. Da schlaegt ihre Vergangenheit durch, sagte er zu sich selbst. Das war Dora: Das erfolgreiche Model und die ambitionierte, allerdings nicht sonderlich erfolgreiche Modeschoepferin. Jahrgang 1970. Geboren in Ostberlin, verlaessliche Familie, in jeder Beziehung: Vater bei der NVA, Mutter Lehrerin. Beide Eltern ausgesprochen linientreu. Auch heute noch. Sie gehoeren zu den alten SEDlern innerhalb der Linken. Trotzdem mochte er seine Schwiegereltern und hatte wenig Probleme mit ihren inzwischen angestaubten politischen Ansichten.

Die Tochter war mit anderen Wassern gewaschen. Schon als Teenager, also noch zu DDR-Zeiten, modelte sie neben der Schule. Sie war irgendwie wild. Und sehr neugierig, was die Jungs und auch ausgewachsene Maenner betraf. Angetrieben wurde sie zuerst von der aufgestauten und spaeter der ueberschwappenden Lebensfreude der inzwischen 19jaehrigen. „Geliebter Kapitalismus“, schrie sie am 9. November 1989, als die Mauer fiel. „Geliebte Freiheit, geliebter Westen: Ich bin heiss auf euch. Ich komme!“ Und jetzt, gut 22 Jahre spaeter, stand sie unter der Dusche im Bad einer Aussenkabine mit Balkon eines Luxuscruisers und massierte sich das feinherb parfumierte Duschgel auf die Haut. Wie immer, und wie das bei vielen Paaren so ist, war er lange vor ihr fertig.

„Ich geh schon mal voraus,“ rief er durch die angelehnte Badezimmertuere, „du weisst ja, neun Uhr im Bella Italia, Deck 12. Ich nehme an, man wird uns zeigen, an welchem Tisch fuer uns gedeckt ist. Sei bitte einigermassen puenktlich.“ „Ja, klar, du kennst mich doch.“

„Ja eben. Deshalb sag ich ja: Sei bitte puenktlich!“

 

20.20 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Von einer der zierlichen Barkellnerinnen hatte er sich ein weiteres Glas Kir bringen lassen. Diesmal mit Champagner anstelle des Weissweins. Einen Kir Royal. Langsam kam er auf den Geschmack. Markus lehnte am Tresen und fing an, seinen Gedanken nachzuhaengen. Die ueberschaeumende Lebensfreude seiner Frau ging ihm noch einmal durch den Kopf. Beides war ihm selbst abhanden gekommen. Und zwar gruendlich. Zuerst das Ueberschaeumende. Und dann die Lebensfreude. Meine Guete, im Mai wuerde er 47. Erst 47. Kaum zu glauben. 1965 war er in Muenchen zur Welt gekommen. Seine junge Mutter studierte noch, Soziologie, und sein nicht viel aelterer Vater war ebenfalls noch Student, er studierte Mathematik. Aber die Eltern waren oefter in teach-ins, in sit-ins oder bei Vorbeitungstreffen fuer irgendwelche politische Aktionen, als in Vorlesungen und Klausuren. Die Aufbruchstimmung in dieser Zeit, der Zeit der 68er-Bewegung, muss gewaltig gewesen sein. Und obwohl die Jungen gegen das System der Alten rebellierten, waren seine Eltern damals doch froh, dass sie Markus haeufig zu seinen Grosseltern nach Pasing bringen konnte. Das waren die Eltern seines Vaters. Sie besassen ein Einfamilienhaus dort und einen schoenen Garten mit Obstbaeumen, Beerenstraeuchern, einem Hasenstall und einer Schaukel. Er mochte seine Grosseltern gerne. Und auch die Hasen. Dann, 1969, er war gut dreineinhalb Jahre alt, kam er in einen sogenannten antiautoritaeren Kindergarten. Dort war es meistens lustig. Der Kindergarten war in einer schoenen alten Villa untergebracht. Zum Englischen Garten war es nicht weit und hinter dem Haus floss ein Bach. Es waren viele andere Kinder da, manche waren juenger als er, andere aelter. Alle Eltern mussten mitarbeiten: Sie spielten mit den Kindern, kochten, raeumten auf oder machten sauber oder hatten Fahrdienst. Einmal in der Woche trafen sich die Eltern und sprachen ueber die wichtigen Dinge: Ueber den Kindergarten und ueber die Politik. Und manche Eltern waren gar keine Eltern, sondern Bezugspersonen. Und manche Kinder hatten keinen Vater, sondern nur eine alleinerziehende Mutter mit wechselnden Freunden. Solche Kinder suchten oft Streit. Was sie auch durften, denn sie sollten ihre Aggressionen ausleben. Er durfte bei seinen neuen Freunden uebernachten, manchmal fast eine Woche lang. Oder seine Freunde kamen zu ihm nach Hause und blieben, solange sie Lust hatten. Zum Essen gabs oft Wienerwuerstchen mit Kartoffelbrei. Waschen und Zaehneputzen wurde nicht so wichtig genommen. Das war eine abenteuerliche Zeit. Immer war etwas los. Nur zwei Dinge wurde nie aufgeklaert - Dinge, die ihnen als Kinder Raetsel aufgaben: Warum rauchten die Erwachsenen immerfort Gras, wo doch Gras eigentlich ein Viehfutter war? Und wann kam endlich der schwarze Libanese, von dem immerfort die Rede war, so, als erwartete man einen der Heiligen Drei Koenige aus dem Morgenland?

1981 im April durfte er mit seinen Eltern nach Indien. Nach Poona. Zu Bhagwan Shree Rajneesh. Er mochte den Aufenthalt im Ashram und erinnerte sich gerne daran. Die vielen Menschen. Alle mit gelben, orangefarbenen, roten und violetten Sachen an. Sogar die Unterwaesche, meist auch die Badeklamotten. Die Musik, das ueppige Gruen, die exotischen Voegel, die wilden Affen. Und der alte Bhagwan im Rolls Royse. Der hatte es drauf. Gab den Guru und genoss das Leben. Mit dem haette er gerne getauscht. Aber das ganze spirituelle Getue ... Manches daran fand er lustig, aber insgesamt ging es ihm auf den Geist. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die waren sofort Feuer und Flamme: Bhagwan hin, Bhagwan her, einen ausgewachsenen Personenkult betrieben sie. Und der Ashram, die Kundalini- und die Dynamische Meditation, die sieben Chakren, der Samadi-Tank, all die Encounter-Groups, die Enlightenment Intensive-Groups, die Zen Meditation-Groups, das Here-and-Now-Business – die Tage konnte nicht lange genug sein fuer die beiden. Wie aufgezogen waren sie. Waehrend er mit einer 18jaehrigen Jugoslawin Spass hatte. Einen Spass, der mit Bhagwans gepriesener freien Liebe zu tun hatte und deren geheimnisvollen tantrischen Moeglichkeiten. Das war eine lehrreiche Zeit fuer ihn. Aber schliesslich mussten sie wieder zurueck nach Muenchen. Die Eltern waren Sannyasin geworden, Juenger Bhagwans, und trugen Orange und die Mala, eine Kette aus Holzperlen mit einem Foto des grossen Meisters in einem hoelzernen Medaillon. Aber nur in ihrer Freizeit. Denn schliesslich war der Vater inzwischen Mathematiker einer grossen Versicherungsgesellschaft und die Mutter Angestellte der Muenchner Stadtverwaltung. Schoene und gut dotierte buergerliche Berufe also. Sooft es ging, trafen sich seine Eltern mit anderen Leuten aus der Muenchner Sannyasin-Szene. Manche davon mochte er, manche konnte er nicht ausstehen mit ihrem flippigen Gezicke und den oberflaechlich angeeigneten Woertern und Spruechen von selbsternannten Diplomerleuchteten. Surrender hiess es andauernd, oder become humble, drop your ego, enjoy the here and now. Oder sie fuhren an Wochenden zu Veranstaltungen ins Purvodaja-Zentrum nach Margarethenried. Oder nach Icking an der Isar, wo eine Gruppe von Sannyasin dabei war, eine Bhagwan-Kommune aufzubauen.

Er selbst ging gerne ins Zorba. Das Sannyasin-Restaurant, nicht weit vom Marienplatz entfernt, bot vegetarisches Essen und hatte wirklich Stil. Dort konnte man auch Leute treffen, die gut drauf waren. Besonders die aelteren Frauen darunter. Er verbrachte machen Nachmittag nach der Schule erst im Zorba und den Abend in der Wohnung einer neuen Bekannten ... Also hatten Bhagwan und die Bhagwan-Bewegung letztlich doch jede Menge Spass und Abwechslung in sein Leben gebracht.

Dann war auch das vorbei. Seine Eltern wurden Gruen/alternativ, blieben Vegetarier und interessierten sich auf einmal fuer ein Leben auf dem Land, fuer Lehmbau und Oekodoerfer. Gruen war in, orange und rot waren out. In and out.

Leichte Wehmut ergriff Markus, als er an seinem Glas nippte und an die Zeit zurueckdachte, die inzwischen mehr als dreissig und sogar vierzig Jahre zuruecklag. Die Gedanken an die entschwundene Lebensfreude und das verlorengegangene Ueberschaeumen waren es gewesen, die diese Erinnerungen heraufbeschworen hatten. Erinnerungen an laengst vergangene Zeiten. Und der suess-saure Schmerz, der immer mit dem Gefuehl von Wehmut verbunden ist, hatte sich vorsichtig angeschlichen. Wie ein Indianer. Unbemerkt von hinten. Und war tief in ihn eingedrungen. Mit einer eigenartigen Wollust badete er jetzt in dem Gefuehl. Und wie man manchmal versucht, den Anschluss an einen unterbrochenen Traum wieder zu erhaschen, um mit Genuss in weitere Traumschaum-Episoden eintauchen zu koennen, versuchte er jetzt, sich laenger in seiner bittersuessen Erinnerungswelt aufzuhalten. Er hatte kurz auf die Uhr geschaut: Es blieb ihm noch ein wenig Zeit. Fuer Bittersuesses.

 

20.25, Freitag der 13. Januar 2012

Manche Gaeste waren aufgestanden und hatten sich auf den Weg zu einem der fuenf Restaurants gemacht. Das ganze Schiff war designmaessig ganz auf Europa getrimmt worden. Deshalb gab es ein Spain Deck und ein Germany Deck, die Grand Bar Berlino, in der er sich gerade befand, die Diskothek Lisbona, das Casino Barcelona und eine Piano Bar Budapest. Joe Farcus, der amerikanische Star-Innenarchitekt fuer Luxusschiffe, hatte sich wirklich alles Moegliche einfallen lassen, die Costa Concordia auf europaeisch zu stylen. Wie die Grand Bar Berlino zum Beispiel, die dem deutschen Biedermeier seine Referenz erweist. Na ja – Mark haette eine am Dessauer Bauhaus orientierte Innenausstattung bevorzugt. Aber Geld liebt oft den Pluesch. Und der Alkohol auch. So ist das eben. Aber das ausgerechnet auf einem italienischen Schiff. Wo die Italiener ihre Bars doch lieber neonhell und spiegelverkleidet haben, mit funkelnden Glaesern und Getraenken in vielen bunten, zum Teil giftig wirkenden Farben.

Nur das Samsara Spa, das groesste Wellness-Center an Bord eines Schiffes ueberhaupt, trug keinen europaeischen Namen: Samsara erinnerte ihn mehr an die Bhagwan-Zeit, es bedeutet im Sanskrit schlicht und ergreifend Die Wanderung durch die Wiedergeburten. Ein etwas eigenartiger Name fuer den Komplex aus Saunen und Massageraemen, einem Gym und einen Teehaus. Fand er. Und das alles unter der Flagge einer italienischen Reederei, die dem britisch-US-amerikanischen Kreuzfahrtunternehmen Carnival gehoert.

 

20.30 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Der unterbrochene Traum, die Erinnerungen, die anheimelnde Wehmut: Nach dem Abitur wollte er ohne Umwege mit dem Studium beginnen. Vermessungstechnik. Ein seltsamer Berufswunsch, fanden seine Eltern. Als ob ein Versicherungsmathematiker ein etwas weniger seltsamer Beruf war, dieser staubtrockene Buerojob, total verkopft und letztlich immer nur ein Ziel verfolgend, naemlich die Rendite der Gesellschaft zu steigern und die Versicherten auf vielleicht gerade noch legale Weise zu beschubbsen. Da war die Muenchen-Tourismus-Abteilung im Rathaus, in der seine Mutter arbeitete, doch etwas lebendiger. Aber tatsaechlich war sie nur ein kleines Raedchen im grossen Getriebe der Verwaltung einer Grosstadt. Der Grossvater hingegen hatte ihn sofort verstanden. „Da bist du oft an der frischen Luft“, sagte er, „kommst herum im Land und triffst die unterschiedlichsten Leute. Koennt ich mir vorstellen. Das passt doch zu dir wie die Faust aufs Aug. Und eines darfst du nicht unterschaetzen: Das ist ein Beruf, in dem du dich moeglicherweise in ein bestehendes Buero einkaufen kannst, oder, wenn du das Zeug und den Schneid dazu hast, eines Tages vielleicht sogar selber einen Laden aufmachst. Ich war zwar nur ein kleiner Buchhandelsvertreter, aber ein selbstaendiger! Wenn es darauf ankam, hab ich aus meinem Privat-Lager im Keller schnell ein aktuelles Sortiment in einen Karton gepackt und einem Bahnhofsbuchhaendler ausgeliefert, dem der urploetzlich der Stoff ausgegangen ist. Sogar am Sonntagvormittag. Das ist halt der Unterschied zwischen angestellt und freiberuflich. Aber was red ich, das sind Gschichten von gestern. Ja, Bub, ich glaube, dass du da keinen Fehler machst: Ein Vermessungsingenieur, ein Vermesserer, – das ist doch was. Aber erst einmal musst du ja wohl zum Bund, oder nicht?“

Markus diente nicht in der Bundeswehr. Aus verschiedenen Gruenden hatte er sich entschieden, den Zivildienst zu leisten. Die einzig richtige Entscheidung, wie er waehrend der knapp zwei Dienstjahre und auch danach noch meinte. Obwohl die Dauer des Dienstes ausgerechnet 1984 von 15 auf 20 Monate verlaengert wurde. Anstelle oeden Drills und sinnlosen Herumhaengens beim Bund wurde er 1984 Hilfspfleger im Schwabinger Krankenhaus. Das Krankenhaus lag nicht weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Das war eine Taetigkeit, die ihn forderte und ausfuellte und die ihm die Augen oeffnete fuer die tief einschneidenden Veraenderungen, die mit dem Krankwerden zusammenhaengen. Das Leiden mancher Patienten ging ihm nahe. Besonders bei den Aelteren, die oft alleine lebten und kaum jemanden hatten, der sich um sie kuemmerte. Und mit dem sie haetten sprechen koennen. So wurde Markus nicht nur Hilfspfleger und Fahrdienstler, sondern auch Beichtvater, Lebensberater, Freund und manchmal so etwas wie ein Ersatzehemann.

Mit dem Studium begann er dann im Herbst 1986. An der Fachhochschule in Wuerzburg. Die 20 Monate als Zivi in der elterlichen Wohnung waren praktisch und angenehm gewesen. Und von Schwabing nach Pasing zu den Grosseltern - das war auch keine Weltreise. Aber jetzt wollte er sich langsam auf eigene Beine stellen. Da waren die knapp 300 Kilometer zwischen Muenchen und Wuerzburg genau die richtige Distanz. Fand er. Wuerzburg und ueberhaupt das ganze Mainfranken gefielen ihm, die Fachschaft war gut organisiert, die Zahl der Studenten ueberschaubar. Es gab attraktive Kommilitoninnen und attraktive Frauen ausserhalb der Hochschule, mit denen er sich verabreden konnte. Zum Bier, zum Abtanzen, ins Kino, zum Stadtbummel, zu Ausfluegen ins Mainfraenkische. Alles weitere ergab sich dann meist von alleine ... Und trotzdem konzentrierte er sich in erster Linie auf sein Studium, das er 1991 mit Auszeichnung abschloss. Vermessungstechniker war er jetzt, mit dem Zusatz (Dipl.-Ing. FH) in Klammern. Seine Chancen am Arbeitsmarkt waren gut: Landvermessung, Katastervermessung, Ingenieurvermessung im Hoch- und Tiefbau, Tachymetrische Vermessung – nach der Vereinigung der westdeutschen mit den neuen Bundeslaendern in Ostdeutschland 1990 war ein gigantisches Arbeitsvolumen entstanden. Qualifizierte Vermessungsingenieure waren gesucht.

Er war jetzt 26, als er fuer ein ganzes Jahr nach Kreta ging. Nicht aus beruflichen Gruenden. Nein, einfach so. Nein, stimmt nicht -nicht einfach so. Damals im Kindergarten hatte er die dunkellockige Sofia kennengelernt. Sie war die Tochter eines griechischen Gastarbeiters aus Kreta, Vorzeigeauslaenderin und Beispiel fuer gelungene Integration. Markus hatte sich Hals ueber Kopf in sie verliebt. Mit all der Ausschliesslichkeit, mit der sich nur ein Fuenfjahriger verlieben kann.

Spaeter hatten sie in der Schule den alten Homer durchgeackert. Es waren die Irrfahrten des Odysseus gewesen, die ihn fasziniert hatten. Die Abenteuer, die Herausforderungen, die Mutproben, die Inseln mit ihren wilden Bewohnern, das Meer, die felsigen Straende ...

Sofia und Odysseus – diese beiden hatten in ihm frueh eine heftige Sehnsucht nach Kreta und Griechenland eingepflanzt. Deshalb also zog es ihn dahin. Mit dem Auto nach Brindisi, mit der Faehre nach Igumenitsa. Dann Delphi – Olympia – Sparta – Korinth – Athen – Piraeus. Wieder mit der Faehre: Jetzt nach Kreta. Das war seine Reiseroute. Iraklion, Rethymnon, Chania, Chora Sfakion, Plakias, Kamilari. Dort hatte sein Auto den Geist aufgegeben. Es hatte einfach den Motorblock zerrissen. Peng. Eine Reparatur kam nicht mehr infrage. Er verkaufte die Ruine an eine Werkstatt in Mires. Sollten die doch das Beste daraus machen. Nahm sich einen Leihwagen und fuhr weiter. Ierapetra, Kato Zakros, Agios Nikolaos und Malia. Ueberall hatte er sich fuer eine Weile niedergelassen und von dort aus die Umgebung erkundet. Fast jede antike Ausgrabungsstaette besuchte er. Das minoische Kreta wurde ihm so vertraut wie das moderne der schlitzohrigen Schaefer und der pfiffigen Priester, beide geil auf Geld und auf Sex mit Touristinnen. Auf das Kreta mit seinen Rent Room- und Hotel-Besitzern, Autoverleihern, Wirten, Gemuese- und Olivenbauern. Und den alten Frauen, die in schwarzen Witwenkleidern mit ihren Ruecken zur Strasse sassen und Gemuese putzten oder Bohnen aussortierten, ohne dass ihnen jemals der Gespraechsstoff ausgegangen waere. Er liebte Kreta und fing an, sich Gedanken darueber zu machen, ob die Kreter ... vielleicht ... Vermessungsingenieur ... aus Deutschland ... wer weiss?

Da erreichte ihn der Anruf seines Vaters.

„Der Opa liegt im Pasinger Krankenhaus. Im Sterben. Es kann ganz schnell gehen. Jetzt. Es waere gut, wenn du dich noch von ihm verabschieden wuerdest. Kannst du kommen? Willst du kommen?“ Natuerlich wollte er. Und koennen sowieso: Koffer und Rucksack gepackt. Zimmer bezahlt. Nach Iraklion gefahren. Rueckflug gebucht. Das Leihauto zurueckgegeben. Am Flughafen Muenchen in die S-Bahn. Am Marienplatz umgestiegen. Und direkt nach Pasing ins Krankenhaus.

Seine Eltern, seine Oma, ein Onkel und ein Vetter sassen um das Bett des Sterbenden.

 

20.30 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Dora hatte ihre schwarzen Haare hochgesteckt und den Schopf mit einer eleganten Haarklammer festgemacht. Sie betrachtete sich im Spiegel. Die Haarklammer hatte ihr Markus zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Sie war aus Silber und fein ziseliert. Wie ein antikes Stueck. Klammeraffe hatte er sie genannt. Die Haarklammer. Denn Dora war alles andere als ein Klammeraffe. Nie haette er sie als Klammeraffen bezeichnet. Auf den Strawanz gehen nannte sein verstorbener Grossvater das, was sie so gerne tat. Der Grossvater, von dem Markus frueher oft erzaehlte. Und den er anscheinend wirklich geliebt hat. Strawanzen bedeutet umherstreifen, sich herumtreiben. Kinder durften das. Denn Kinder sind von Natur aus neugierig. Bei Erwachsenen mag man das eher nicht. Als ob es eine lobenswerte Leistung ist, schon als junger Mensch sein Neugierverhalten und seine Lebensfreude ab- und aufzugeben. Das konnte doch warten, bis man alt und grau war. Oder etwa nicht? Das Strawanzen junger, gutaussehender Frauen war ganz besonders verpoent.

Auf den Strawanz gehen: Als Berlinerin kannte sie den Ausdruck nicht. Sie war erst schockiert und dann beleidigt – eingeschnappt, wie Markus das nannte – als er ihr die Bedeutung des Begriffes erklaerte. Das klang ja gerade so, als waere sie eine Herumtreiberin. Oder als wuerde sie auf den Strich gehen. Diese Westdeutschen! Besonders die aus Bayern! Die hatten ja ein merkwuerdiges Frauenbild. Da war man in der DDR schon viel weiter gewesen. Was Die Rolle der Frau in der Gesellschaft betraf. Das klang jetz aber schon wieder sehr ostdeutsch. Beziehungsweise DDR-maessig-sozialistisch.

Schnell zog sie das Kleid an. Da und dort noch etwas zurecktgeschoben und zurechtgezupft. Die Schaerpe. Die Korallen fuer die Ohren. Die Korallenkette. Zum Schluss die roten Schuhe. Einige winzige Tupfer Parfum hinter die Ohren und zwischen die Brueste. Ein paar halbe Drehungen vor dem Spiegel. Und dann der finale Kontrollblick. Ja, sie konnte zufrieden sein mit dem, was ihr da entgegenblickte. Eine schlanke Frau, gut gepflegt, ein feines Gesicht, hohe Stirn, schoene Brauen, eine gerade Nase, ein grosszuegiger Mund, und …. Ja, die Augen … Auch das beste Makeup konnte nicht verbergen, wie teilnahmslos ihre Augen blickten. Wie wenig Feuer sie hatten. Wie wenig Waerme. Sie hatte dunkelbraune Augen. Sie konnte sich noch erinnern, wie ihre Augen strahlten. Damals, als junge Frau. Bevor das … Ihre ganze Lebendigkeit und Lebensfreude, ihre Neugierde und ihre Hoffnungen waren vor allem in ihren Augen sichtbar gewesen. Die Brunnen zur Seele oder ihr Spiegel? Aber was spiegelten sie heute? Jetzt? Hier auf diesem Schiff? In dieser luxurioesen Kabine? Mit Balkon? Suendteuer wuerde diese einwoechige Mittelmeer-Kreuzfahrt werden! Civitavecchia – Savona – Barcelona – Palma de Mallorca – Tunis – Palermo – Civitavecchia. Das volle Programm. Die klangvollen Namen. Aber fuer was eigentlich? Fuer wen eigentlich? Eine Ehe-Reparatur-Massnahme? Wuerde das den Glanz und das Feuer in ihre Augen zurueckbringen? In ihr Leben? Wohl eher nicht. Sie jedenfalls hatte jede Hoffnung aufgegeben. Schon lange. Und trotzdem hatte sie sich auf die Kreuzfahrt gefreut. Sei es wie es sei. Jetzt waren sie beide auf dem Schiff, und sie musste sich beeilen, puenktlich ins Bella Italia zu kommen. Italienischer Sternekoch. Essen vom Feinsten. Italienische Weine. So hiess es in der Vorausinformation. Werbung sagte man frueher dazu. Mal schauen, wie sich die Werbung gegenueber der Wirklichkeit verhielt. Zigaretten und Feuerzeug hatte sie bereits in die Handtasche gepackt. Im Gegensatz zu Markus rauchte sie. Was immer wieder zu kleinen, aber oft giftigen Auseinandersetzungen fuehrte. Ihre schlanke Brieftasche mit Pass, Fuehrerschein, Visa Card, einem engbedruckten Papier mit wichtigen Post- und e-mail-Adressen und Telefonnummern und insgesamt knapp 1000 Euro in verschieden hohen Werten steckte sie dazu. Das Handy legte sie in den Kabinensafe. Das brauchte sie heute Abend nicht. Sie kontrollierte noch einmal den Tresor, verschloss ihn und verstellte die Zahlenkombination des Schlosses.

 

20.45 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

In dem Moment, als sie die Kabinentuere oeffnete, spuerte sie das Rumpeln. Es fuehlte sich eigenartig an, so, als waere das Schiff ueber eine Bodenunebenheit gefahren. Wie ein Bus auf einer Landstrasse mit Schlagloechern. „Das gibt es doch gar nicht“. Auch das sanft kratzende Geraeusch passte nicht in das Erwartbare. „Was war denn das? Sind wir irgendwo drangefahren?“ Dann ging das Licht aus.

Dora blieb in der offenen Tuere stehen. Halb in der Kabine, halb im Flur. Nach wenigen Augenblicken fasste sie einen Entschluss. Sie holte das Feuerzeug aus der Handtasche, knippste es an und tastete sich mit Hilfe dieses kleinen Notlichtes zurueck. Zurueck ins Schlafzimmer. Zu dem verspiegelten Einbauschrank. Dort waren im untersten Fach zwei Schwimmwesten verstaut. Daran erinnerte sie sich. Irgend etwas warnte sie, dass sie unter Umstaenden eine Schwimmweste brauchen wuerde. Zwischendurch musste sie das Feuerzeug zuschnappen lassen. Es war heiss geworden und verbrannte ihr fast die Finger. Nach einem zweiten Versuch fand sie die Schranktuere und suchte nach den Schwimmwesten. Sie zog eine heraus und tastete damit zurueck zur Tuere. In diesem Moment ging das Licht wieder an. Sie hoerte eine Lautsprecherdurchsage. Erst in Italienisch. Sie verstand kein Wort. Dann in einem stark italienisch gefaerbtem Englisch: ... technical problems ..., konnte sie verstehen. Und ... blackout ... und ... technicians... Mehr nicht. Das wars.

Die Situation war verwirrend. Was sollte sie tun? Fand das Abendessen wie geplant statt oder nicht? Wo war ihr Mann? Wo war Markus? Sie schluepfte in die Schwimmweste. Sie passte gut. Bella Figura. Sie laechelte. Im Spiegel sah sie ulkig aus. Aber verdammt. Sie nahm hier nicht an einem Schoenheitswettbewerb teil. Jetzt erst bemerkte sie es: Die Costa Concordia schwamm nicht mehr waagrecht. Nein, das konnte man beim besten Willen nicht sagen. Also raus hier. Auf dem schnellsten Weg. Und auf die Hilfe der Besatzung vertrauen. Die wuerden wissen, was zu tun ist. Dafuer ist sie ja ausgebildet. Oder etwa nicht? Die Maenner und Frauen in Weiss. Auf ihr mobiles Telefon hatte sie vergessen. Aber sie wollte jetzt nicht mehr zurueck. Das Handy lag im Safe und klingelte: Ta ta ta taam … ta ta ta taam …

Als sie den Gang hinunterschaute, nach rechts, nach links – nichts. Kein Mensch. Die Ebene fiel kraeftig zur Seite ab. Das Gehen war nicht einfach. An der naechsten Abzweigung nach rechts, nach links – nichts. Niemand. ‚Wohin sind all die vielen Menschen verschwunden? „Bin ich vielleicht die einzige auf dem Schiff?“ Dann kam eine Gruppe schlanker, kleingewachsener, dunkelhaeutiger Menschen. Viele in blauer Arbeitskleidung. Indonesier. Malaien. Thailaender. Bangladeshi. Room cleaner. Putzfrauen. Decksjungen. Maenner aus dem Maschinenraum. Sie waren freundlich. Aber Dora konnte sich kaum mit ihnen verstaendigen.

„What has happened? Where are all the people? Where are the members of the Crew? What do I have to do?” „Sorry lady. No English. No English. Don’t know. Sorry. Problem. Cruiseship. Kecelakann. Not know.”

„Is it serious? What shall I do? Where do I have to go?”

“Sorry. No English. Go deck 4. Deck 4! Go now!” Er zeigte vier Finger seiner linken Hand. Eine Vier also. Mit der rechten Hand und dem gestreckten Zeigefinger wies er die Richtung. „Deck 4. Deck 4. Now!“

Schliesslich nahm eine junge Putzfrau Dora an der Hand und ging mit ihr den Gang entlang. Bis zur uebernaechsten Abzweigung. Sie machte Dora auf ein grosses Schild aufmerksam. Darauf waren die Treppenauf- und abgaenge zu den 13 Decks grafisch dargestellt. Den Lift durfte man in Notfaellen nicht benutzen. Das wusste sie. Sie musste die Treppen steigen. Das Bella Italia war auf Deck 9. Ihre Kabine auf Deck 6. Also zwei Decks hintunter. Deck 4. Sie umarmte die junge Frau und bedankte sich. Dann zog sie ihre hochhakigen Schuhe aus und ging in Strumpfhosen zur Treppe. Leichter gesagt als getan. Das Schiff hatte sich inzwischen noch mehr zur Seite geneigt. Das Gehen war anstrengend. Dora war erleichtert, als sie feststellte, dass die Treppen mit Teppichmaterial belegt und gut zu begehen waren. Die Handlaeufe waren griffig und boten einen sicheren Halt. Wenigstens das.

Relativ rasch erreichte sie Deck 4 an. Deck 4. Es verschlug ihr den Atem. Hier waren zwar Rettungsboote. Aber auch Hunderte von Passagieren, die alle einen Platz in einem der Boote ergattern wollten. Moeglichst schnell. Manche trugen Rettungswesten. Aber bei weitem nicht alle. Die Szene wirkte nicht unorganisiert, sondern chaotisch.

„Das wird doch hoffentlich nicht so kommen wie in dem Witz von dieser Plaudertasche, diesen Gnatz aus Graz.“ Um Himmels Willen.“ „Was haben Sie gesagt?“ „Aus Graz?“ „Welche Tasche?“ „Nein, nein. Entschuldigen Sie. Ich habe nur etwas laut vor mich hingedacht.“

„OK. Aber schauen Sie doch zu, dass Sie weitermachen. Ich moechte hier nicht ewig hinter Ihnen stehen muessen und Wurzeln schlagen.“

„Sachse“, zerkaute sie zwischen ihren Zaehnen. Immer diese neunmalklugen Sachsen.

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