Keine Panik. Alles wird gut!

Adi Bachmann · Kapitel 1 von 1 · Teil 3/3

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Keine Panik. Alles wird gut!

Keine Panik. Alles wird gut!

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Was hatte Bhagwan seinerzeit gesagt? „Du kannst alles tun. Aber du musst fuer alles, was du tust, die Verantwortung uebernehmen.“ Dem war nichts hinzuzufuegen. Da gab es kein Herausschwindeln, keine Luegen, keine Ausreden. Auf dieser Grundlage musste er sich Dora stellen. Das wusste er. Er musste ihr klarmachen, dass er sie wirklich verstand. Dass er die volle Verantwortung fuer sein Handeln uebernehmen wuerde. Dass er versuchen wuerde, die ihr zugefuegten Kraenkungen und Verletzungen wieder gutzumachen. Nach Moeglichkeit. Dass er aber in der Sache selbst nichts Gemeines, nichts Kriminelles, nichts Unmoralisches finden konnte. Homosexualitaet war nichts Falsches. War keine Suende. Aber an Suenden glaubte sie ohnehin nicht. Ihre entscheidende Fragen wuerde sein, das wusste er schon jetzt: „Willst du dich weiterhin mit deinem Freund treffen?“ - „Willst du deine schwule Beziehung weiterhin pflegen?“ – „Willst du weiterhin schwul bleiben?“ Und er wusste bereits jetzt, dass er darauf keine ehrliche Antwort geben konnte.

 

2002

 

08.10 Uhr, Montag, 14. Januar 2002

“Oh. Entschuldigung ….Entschuldigen Sie bitte ... Das war ohne Absicht ...“

„Ist schon Ok. Aber es gibt bestimmt elegantere Methoden, sich an eine Frau heranzumachen.“

„Tut mir Leid. Ich wollte mich nicht an Sie heranmachen. Der Zug bremste so ploetzlich ab, dass ich das Gleichgewicht verloren habe. Da muss ein schwarzer Kater ueber die Geleise gelaufen sein.“ „Ein roter Russe“, hiess das bei uns. Ich hatte nicht vor, heute, am Morgen, einen Mann aus dem Gleichgewicht zu bringen. Noch dazu einen so gutaussehenden.“

„Aus Berlin?“

„Nicht zu ueberhoeren, wa? Ja, ich komme aus Ostberlin. Lebe aber schon seit acht Monaten in Muenchen.“

„‚Acht Monate! Na, das ist ja schon eine halbe Ewigkeit. Aber was anderes: Wenn Sie jetzt ein wenig Zeit haetten, wuerde ich sie gerne auf einen Kaffee einladen. Dann koennte ich einen zweiten Versuch starten. Sie verstehen schon: Eine elegantere Form der Annaeherung. Wie schaut’s aus? Haben Sie eine wenig Zeit und ein bisserl Lust.“

„Wir fangen heute erst um zehn an. Ich wollte vorher noch bei Rabel in der Dienerstrasse vorbeischauen. Aber das ist nicht so wichtig. Ja, von mir aus gerne. Steht Ihre Einladung noch?“ „Klar. Toll. Haben Sie schon gefruehstueckt? Wenn nicht, koennen wir einen Kaffee gerne zu einem Fruehstueck auswachsen lassen. Moechten Sie?“

Sie mochte. Sie verliessen die U-Bahn am Odeonsplatz, fuhren mit der Rolltreppe hinauf und standen direkt an der Ludwigstrasse. Muenchen zeigte sich von seiner besten Seite. Ein wolkenloser Himmel strahlte in dem durchsichtigen Blau, das die Stadt und seine Menschen zum Leuchten brachte. Es war empfindlich kalt an diesem Januartag. Aber die Luft war trocken. Das dunklere Grau der Feldherrnhalle, das hellere Grau der Residenz, die blanken Nasen der Bronzeloewen, der leuchtende Ocker der Theatinerkirche, der Blick nach Norden, die Ludwigstrasse hinunter zur Ludwigskirche und zum Siegestor. Und ueber allem der seidigblaue Himmel: Das Herz schlug ihm hoeher.

Wenig Schnee saeumte die Strasse und den Platz. Nur im Hofgarten war noch alles weiss. Die Brunnen

waren eingeschalt. Alle Baenke leer. Sie oeffneten die breite Tuere zum Tambosi, dem Muenchner

Traditionscafe, schlugen den dicken, weinroten Vorhang zur Seite und betraten – ein Paradies. Der intensive Duft von Kaffee und frisch gebackenen Semmeln und suessen Hoernchen schlug ihnen entgegen, Tabakrauch, das Klappern von Besteck und die Wortfetzen gedaempfter Gespraeche. Sie hatten Glueck und fanden einen Tisch im ersten Stock, direkt am Fenster. Von dort aus konnten sie auf den Platz hinunterschauen. Zum Schauen

aber blieb nicht viel Zeit. Kaum hatten sie ihre Bestellung aufgegeben, ging es los mit der Unterhaltung. „Jetzt fangen wir noch einmal ganz von vorne an. Ohne Rempeln und Stossen. Und ohne Entschuldigungen: Also, ich bin in Muenchen geboren und hier auch aufgewachsen. Aber ich lebe inzwischen in der Mark Brandenburg, genauer gesagt: In Potsdam. Ich bin gestern Nachmittag aus Berlin gekommen, und fuhr vom Flughafen nach Freimann. Dort wohnt ein ehemaliger Studienfreund von mir. Den habe ich besucht und bei dem habe ich auch uebernachtet. Und wie’s der Teufel will, bin ich in die gleiche U-Bahn einstiegen wie Sie. Ich bin auf dem Weg zu einem Kundentermin.“ „Wieso der Teufel? Bei uns nennt man das einfach einen Zufall. Ohne Teufel. Oder denken Sie, ich habe etwas mit dem Teufel zu tun? Und ueberhaupt, wieso kommen Sie extra von Potsdam nach Muenchen, um mich kennenzulernen? Ich bin aus Ostberlin. Das haetten Sie auch einfacher haben koennen.“ „So ist das Leben, hat mein Grossvater immer gesagt. Und das mit dem Teufel, das ist mir nur so rausgerutscht. Das sagt man halt so in Muenchen. Aber jetzt muss ich schon ganz dumm fragen: Warum sind Sie dann nicht in Ostberlin, sondern lassen sich von einem Muenchner in Muenchen in der Muenchner U-Bahn anbaggern? Gibts in Ostberlin keine Maenner mehr? Oder keine U-Bahn?“ „Na, von wegen. U-Bahn, S-Bahn, Busse – alles da. Nur die alte Strassenbahn haben wir rechtzeitig nach Potsdam und nach Muenchen geschickt. In die Provinz sozusagen. Und an Maennern mangelt es auch nicht. Allerdings fallen die meisten nicht durch den Waggon, wenn der Fahrer einmal schaerfer als gewoehnlich bremst. Stehvermoegen gut. Sozusagen. Bei den Ostberliner Maennern.“ Sie blickte ihn schraeg von der Seite an und zog die dunklen Brauen hoch.

„Jetzt aber ...“ Markus gefiel es, wie die junge Frau mit ihm redete. Auf den Mund gefallen war sie jedenfalls nicht. Andererseits wollte er seinen Heimvorteil als Muenchner schon ein wenig ausspielen. Und seine Maennlichkeit dazu.

„Uebrigens, bevor ich darauf vergesse: Ich habe auch einen Namen. Ich heisse Markus, wie gesagt, Markus Sommerlatt.“ „Soll ich jetzt vielleicht sagen: Dora. Dora Ebel. Angenehm? Nein, freut mich sehr. Wirklich. Und wenn wir schon soweit sind und am Morgen danach miteinander fruehstuecken, sollten wir das alberne Sie fallen lassen und du zueinander sagen. Nicht?“ „Dann bestell ich jetzt noch zwei Glaeser Sekt, dann machen wir aus einem einfachen Fruehstueck ein Sektfruehstueck und begiessen das du. Einverstanden? Aber was sagen dann die Verkaeuferinnen bei Rabel, wenn du schon am Morgen mit einer Fahne in den Laden kommst und dir Knoepfe oder Reissverschluesse aussuchst?“ „Du kennst Adolph Rabel?“

„Den Adolph nicht. Den Laden schon. Meine Grossmutter hat mich manchmal dorthin geschickt. Sie bastelte kunstvolle Brautkronen und anderen Schmuck. Gebilde aus Vogeldraht, die sie mit wertvollen Stoffen und Bordueren ueberzog und darauf reiche und bunte Applikationen anbrachte. Sie hatte ein halbes Leben lang Stoffe und solche Sachen gesammelt. Davon hatte sie viele. Aber Pailletten, Perlen und Knoepfe, aus Glas oder Perlmutt, Hartwachs oder Plastik – davon konnte sie nie genug haben. Sie vertraute mir und deshalb durfte ich hin und wieder fuer sie dort einkaufen. Ich hab das gerne gemacht: Die altertuemliche Ladenausstattung, die altertuemlichen Verkaeuferinnen, die vielen, vielen Schublaeden voll mit allen moeglichen Schaetzen. Und die Schneiderinnen, die wegen drei oder vier Knoepfen extra aus Waldperlach oder Grosshesselohe in die Stadt’kamen, um bei Rabel einzukaufen. Und ich als junger Spund mittendrin.“

„Ja, da muss er auch hinein. Der junge Spund. Mittenhinein.“ Dora lachte laut auf. Markus nicht.

„Solche Geschaefte gibt es Muenchen nicht mehr viele“, fuhr er irritiert fort. „Aber zufaellig oder nicht: Genau in dem Karreé, schon: ein paar Haeuser weiter, war das alte Zerwirkgewoelbe, dann schraeg gegenueber ein Spezialgeschaefte fuer Filze, die Stoffabteilung von Ludwig Beck am Ecke des Alten Rathaus und – in der Theatinerstrasse – der Tabak Baader. Dahin hab ich als Bub mit dem Fahrradl nach der Schule oft Tabakwaren geliefert und – wenn der alte Baader gerade nicht vorne im Laden war – eine Schachtel Zigaretten gezwickt. Die ich dann meinen Spezln einzeln verkaufte. Im Gegensatz zu heute hatte ich damals immer Geld ...“ „Und ein Sektfruehstueck? Konntest du dir als Schueler schon damals solche Fruehstuecke leisten? Zusammen mit einer neuen Bekannten aus Ostberlin? Sei ehrlich!“

„Jetzt bringst du mich wieder darauf. Haben wir noch Zeit? Zehn nach neun ist es. Na also: A bisserl was geht immer! Was machst du eigentlich hier in Muenchen?“

„Ich weiss schon: A bisserl was geht immer! - Monaco Franze – Der ewige Stenz – Heinz Fischer – Helmut Dietl – Patrik Suesskind – die Kubitschek – der Obermayer als Manni – die Christine Kaufmann – die Erni Singerl. Aber jetzt im Ernst und als Antwort auf deine Frage: Meine Mutter hat eine aeltere Schwester, Elke, Tante Elke also. Tante Elke war die Schlauere und hat bereits Ende der 50er Jahre in den Westen ruebergemacht. Geheiratet hat sie in Hannover. Spaeter ist sie mit ihrem Mann nach Muenchen gezogen. Hin und wieder kam ein Paket aus Muenchen. Ein Liebespaket fuer die armen Verwandten in der Ostzone, die Bananen angeblich nur aus dem Westfernsehen kannten. Kaffee, Tee, Schokolade, Zigarren und Zigaretten schickte die Tante. Und hin und wieder ein Kleidungsstueck fuer mich. Modisch. Westlich. Einmal, ich war vielleicht vierzehn, und ich hatte schon ganz ansehnliche Brueste und meine Tage ohnehin, kam ein enganliegendes Topp aus einem superweichen Material. So weich und anschmiegsam war das, dass jede darunterliegende Hautunebenheit darunter zu sehen war. Ehrlich. Jedes Faeltchen. Jedes Waerzchen. Neid bei meinen Klassenkameradinnen und Aufregung bei den Jungs an der Schule! Damals habe ich mich entschlossen, spaeter einmal etwas mit mit Mode zu machen. Mit sechzehn schloss ich im Sommer die sogenannte zehnklassige polytechnische Oberschule ab. „Wann war das.“

„Aha. Jetzt versuchst du herauszufinden, wie alt ich bin. Das kann ich dir auch so liefern. Ohne Taschenrechner und ohne hoehere Mathematik: ich bin 1970 auf die Welt gekommen. Im Maerz, wenn du es genau wissen willst. Am 21. Das heisst: ich werde im Maerz 22. OK? Und du bist 26 oder 27. Stimmt das? „Ja, aber ... wie bist du denn darauf gekommen?“ „Einfach nur so ein Schuss ins Blaue. Ein Spiel, das ich zwischendurch gerne spiele. Einfach so. Zum Spass. Wann wirst du 27? Nein, lass raten. Hmmm, ich bin Fisch. Und du koenntest ein Stier sein. So, wie du daherkommst, wie du redest ... Bist du ein Stier?’

„Ja. Horoskopmaessig bin ich ein Stier. Sonst eigentlich nicht. Wie hast du das bloss erraten?“

„Lass man gut sein, fuer den Moment. Und lass dir weitererzaehlen. Ich hatte schon waehrend der Schulzeit hin und wieder gemodelt. Ja, schau nur – so etwas gab es bei uns in der DDR auch. Jugendliche Mode haben wir vorgefuehrt. Zusammen mit meinem ersten Freund. Ein ganz lieber Typ. Auch aus Ostberlin. Pfarrerssohn. Schalk nannten wir ihn. Nicht nach dem Schalck-Kolokowsi, dieser Wirtschaftspfeife, sondern weil Schalk, unserem Schalk, der Schalk buchstaeblich hinter beiden Ohren steckte. Wir hatten viel Fez miteinander. Du weisst schon: Spass. Schalk war auch mein erster Liebhaber. Au backe, ging das schief. Mit allen Haupt- und Nebenschauplaetzen. Du weisst schon.“ Markus wusste nichts. Ahnte es aber. Das Thema war ihm unangenehm. Deshalb schwieg er.

„Nicht dein Thema, was? Auch gut. Kann ich verstehen. Also nach der Schule begann ich eine Facharbeiterausbildung als Damenmasschneiderin. In der DDR gab es damals die Facharbeiterausbildungen Damenmassschneider und Herrenmassschneider. Zwei Jahre dauerte eine solche Ausbildung. Dabei lernte man nicht nur das Massnehmen und Naehen, sondern auch das Zuschneiden.

Durch Beziehungen meiner Mutter bekam ich eine Lehrstelle in einer privaten Schneiderei. Nicht in einem volkseigenen Betrieb. Fau Sibylle Weiss war die Inhaberin und meine Meisterin. Jahrgang 1920. Meisterpruefung 1944. Unter Bombenhagel abgelegt, wie sie immer wieder zum Besten gab. Eine wirklich bombige Frau. Trotz ihrer 66 Jahre. Voller Witz und Charme, voller Sachverstand und Gespuer fuer die gut tragbare, klassisch-elegante Damenmode. Kostueme, Kleider, Roecke, Blusen, Abendkleider, Maentel und Jacken fuer jede Jahreszeit. Auch Umstandsmode. Aber nicht fuer jeden Geldbeutel. Besonders Parteikader liessen bei ihr arbeiten. Oder deren Frauen und Geliebte. Oder Betriebsleiter von VEB’s. Du weisst, was ein VEB war? Oder bessergestellte Selbstaendige. Ja, auch das gab es bei uns. Frau Schwarz beschaeftigte drei Gesellinnen und vier Lehrmaedchen. Und einen schwulen Lehrjungen. Das war ein Neffe von ihr. Im Gegensatz zur Ausbildung in einem volkseigenen Betrieb musste ich bei Frau Schwarz drei Jahre lernen, keine zwei. Und dann fiel die Mauer. Nicht, weil ich jetzt eine vollausgebildete Facharbeiterin war. Nein. Die fiel aus anderen Gruenden. Du weisst schon.“

„Und dann? Was gings weiter mit dir?“

„Schon als Model, und dann immer wieder bestaerkt durch die Frau Weiss, wusste ich: Wenn Schneiderin, dann Fashion. Mode. Design. Als die Mauer fiel und wir arme Kirchenmaeuse aus Ostdeutschland auch endlich auf Aldi und KDW, BMW und Rossmann, Quelle, Adria und Mallorca machen konnten, rief ich Tante Elke in Muenchen an. Ich bat sie, sich bei der Meisterschule fuer Mode um deren Zulassungsbedingungen zu erkundigen. Ich wollte naemlich unbedingt nach Muenchen und dort auf die Modeschule gehen. Tante Elke ist seit Jahren Witwe und lebt allein. Und wirklich: nach kurzer Zeit erhielt ich einen Brief mit allen notwendigen Informationen. Und die Anmeldeunterlagen auch gleich dazu. Soweit so gut ... Aber Markus ... ich denke, ich muss gleich los.“

 

09.35 Uhr, Montag, 14. Januar 2002

„Es ist 9.35 Uhr. Ich muss los. Was machst du heute Abend? Treffen wir uns noch einmal hier, im Tambosi? Um 8.00 Uhr? Schon begessen?“

Noch ehe Markus den Mund aufmachen konnte, hatte sie ihm einen kleinen Kuss auf die Backe gedrueckt, ihren Mantel vom Haken genommen, war hineingeschluepft und zur Treppe gerannt. Laut rief sie ueber den Raum hinweg: „Ich steige gleich in die U-Bahn und fahre weiter bis zum Sendlinger Torplatz. Und – jetzt aufgepasst mein Lieber und festgehalten!: Dann dreimal umgefallen, und schon bin ich am Rossmarkt. Meisterschule fuer Mode.“ „Schon ‚begessen“. Welche Ausdrucksweise? Ossi eben. Aber sonst. Markus’ Herz huefte, als er die zurueckliegenden 85 Minuten noch einmal Revue passieren liess. Was fuer eine Frau. Was fuer ein Typ. Klasse. Einfach Klasse. Er zahlte und verliess das Tambosi kurz nach Dora. Er brauchte wirklich nur drei Mal umzufallen. Dann war er am Wittelsbacherplatz. Bei Siemens. Er hatte einen Termin bei dem Sachgebietsleiter Immobilien Deutschland-Ost. Siemens war ja mit seiner Hauptverwaltung erst nach dem Krieg von Berlin nach Muenchen uebersiedelt. Zur Freude Muenchens. In Berlin Schmerzen verursachend. „Die Ratten verlassen das ...“ Jetzt, nach der Vereinigung waren Vorstandsbeschluesse gefasst worden, verstaerkt in Ostdeutschland, in den neuen Bundeslaendern, zu investieren. Das hiess bauen. Das hiess aber zuerst, Grundstuecksfragen zu klaeren, Eigentumsfragen klaeren, Katastereintragungen klaeren. Und das nach 44 Jahren Sozialismus, Enteignung, Verstaatlichung. „Junkerland in Bauernhand“ hiess es erst. Es wurde neu vermessen, teilvermessen. Leider nicht immer sehr sorgfaeltig. Mit der Gruendung der LPG’s ab 1952 verringerten sich die Ansprueche an die Messergebnisse noch einmal. „Es ist jetzt ohnehin alles volkseigen“, dachte man. Die Folge: Die Grundbuecher – die Kataster – verschlamperten mehr und mehr. Nach der Wende wurde auch in den neuen Bundeslaendern die Vermessung unter die Hoheit des jeweiligen Bundeslandes gestellt. Fuer die Vermesser hiess das jetzt, die oft grosszuegigen Messergebnisse aus DDR-Zeiten mir den viel engeren Fehlertoleranzen der jetzt gueltigen Vorschriften zu harmonisieren. Um das vernuenftig angehen zu koennen, bekam jedes neue Bundesland ein Patenland aus den alten Bundeslaendern, dessen Katastersystem dann schlankweg uebertragen wurde. Das war der Grund, warum man Markus bei seinem Arbeitgeber in Potsdam mit offenen Armen empfangen hatte. Das Vermessungsbuero suchend haenderingend nach gut ausgebildeten und engagierten Mitarbeitern. Ein solcher war Markus gewesen. Darauf baute er seine Karriere und seinen persoenlicher Erfolg innerhalb der Firma auf. Und als solcher spazierte er jetzt hinueber zu den hochnoblen und sehr gut aufgestellten Leuten von Siemens. Sein Buero hatte das Konzept eines Flaechennutzungsplans fuer ein Industriegebiet im Norden Berlins ausgearbeitet, zwischen Birkenwerder und Borgsdorf gelegen, mit guenstigen Zugaengen zum Berliner Autobahnring und zur S-Bahn. Das Projekt war mit den Gemeinden bereits diskutiert worden, die Unteren Genehmigungsbehoerden hatten ihre eventuelle Zustimmung schon signalisiert. Das also war das Projekt, das er heute den Siemens-Leuten erlaeutern – und verkaufen – wollte.

 

20.10 Uhr, Montag, 14. Januar 2002

„Sorry. Ich bin etwas spaet. Tut mir leid. Auweia! Das Tambosi sieht ja am Abend hier ganz anders aus. So viel eleganter. Und all das Rot und das Gold. Die Glasluester. Und das gedimmte Licht. Das ist fast wie in Witwe Poltes Puff’ hier. Kennst du den Puff? Aber die Witwe Polte kennst du schon? Oder? Hast du etwa etwas Besonders vor mit mir? Heute Abend schon? Uff!“

Sie lachte ein perlendes Lachen. Schaelte sich aus Schal und Mantel und stellte sich aufrecht vor ihn hin. Sie wusste, dass ihm die Luft wegbleiben wuerde. Dann setzte Sie sich Markus gegenueber. Er schluckte. So schoen sah sie aus. So schick. Und so sexy ... „Markus. Markus. Aufwachen. Ich bin es nur. Die Dora. Na sag schon: Wie war dein Tag?“

„Die Frage langjaehriger Ehepartner in amerikanischen Filmen: ‚How was your day, darling?’“

„Darling habe ich nicht gesagt. Trotzdem, ist doch schoen: Wie war dein Tag, mein Lieber?“

„Hast du schon gegessen?“

„Warum fragst du? Wir haben doch ausgemacht, dass wir schon begessen herkommen. Ja, ich habe schon mit Tante Elke gegessen. Allerdings nur ein Schickenbrot und etwas Salat. Sag: Warum fragst du mich, ob ich schon gegessen habe?“

„Weil es etwas zu feiern gibt.“

„Also hattest du einen guten Tag! Hast du anstaendig verkauft? Oder was?“

„Ich hatte ja ein Praesentation bei Siemens.“ „Bei Siemens? Machst du in Haushaltsgeraeten? In Staubsaugern? Oder in Roentgenapparaten? Oder verkaufst du Atomkraftwerke? Sag schon, was hast du den Siemens-Leuten praesentiert?“ Sie bestellten zwei Kir Royal, einen gemischten Vorspeisenteller fuer Zwei, mit besonders vielen Oliven und Artischocken, Markus wollte ein Steak, Dora ueberbackene Rigatoni, und eine Schuessel Salat fuer beide. Zum Essen bestellten sie eine Flasche Soave Classico. Markus mochte keinen Rotwein. Dora war es egal. Sie trank, was auf den Tisch kam.

„Das Kleine 1x1 der hohen Schule der Verfuehrung verlangt leichte Speisen, gut verdaulich, kein Knoblauch, keine Zwiebel, keine Eier, keine Bohnen oder sonst etwas Blaehendes. Wenig Alkohol und wenn, keine starken Getraenke. Wir duerften mit unserer Bestellung nicht schlecht liegen“, sagte sie und prostete ihm zu. „Sag der Familie Siemens beim naechsten Mal einen schoenen Gruss von mir und dass wir mit ihr gerne oefter solche Geschaefte machen moechten. Auf uns und auf die Siemens’.“ Dann erzaehlte ihr Markus haarklein das ganze Projekt und was seine Firma und was er damit zu tun hatte und was ein erfolgreicher Abschluss fuer Folgen fuer das Vermessungsbuero in Potsdam haben wuerde. Und er erzaehlte ihr von dem langen Telefonat, das er nach der Besprechung mit seinem Chef gefuehrt hatte. Und von den Ankuendigungen, die der Chef – vorsichtig und umsichtig wie er war – zwischen den Saetzen auszudruecken und gleichzeitig zu unterdruecken versuchte.

„Nachtigall ich hoer dir trapsen“, strahlte in Dora an. „Gestern war der 13., heute ist der 14., ein Montag, wenn das kein Glueckstag ist. Fuer uns beide.“

„Wieso fuer uns beide?“

„Na klar doch. Fuer dich, weil du ein so grosses Projekt so erfolgreich praesentiert hast. Und fuer mich? Weil ich dich heute kennengelernt habe. Und mich schluppdiewupp in dich verguckt habe. Und von dir zum Sektfruehstueck und zum Dinner eingeladen wurde. Du hast mich doch zum Abendessen eingeladen? Oder etwa nicht?“

„Dora. Als du heute am Morgen so schnell weggelaufen bist, hast du nicht zuende erzaehlt. Erzaehl doch weiter. Es interessiert mich, wie das mit der Modenschule weitergefangen ist.“ „Also, du neugieriger Mann. Wenn du es unbedingt willst. Wo war ich stehengeblieben. Heute Morgen?“

„Deine Tante Elke hat dir einen Brief geschickt mit Informationen und den Formularen fuer die Anmeldung.“

„Ja, genau. Ich also alles gelesen und sofort die Anmeldung ausgefuellt. Die grosse Frage war, ob man mich zur Aufnahmepruefung zulassen wuerde. Es gibt pro Jahrgang nur 50 Plaetze, aber viel mehr Bewerber. Muenchen und die Schule haben eben einen so guten Ruf, dass sich die Leute aus ganz Deutschland bewerben. Auch aus dem Ausland uebrigens.“ „Und du konntest die Aufnahmenpruefung machen und hast sie bestanden. Sonst wuerden wir heute Abend nicht hier sitzen.“ „Klar doch. Du Schlauberger. Du bist ja fast schneller von Begriff als ein Sachse.“ Ihre dunklen Augen funkelten im weichen Licht des Restaurants. „Sogar sehr gut habe ich bestanden. Na, kein Wunder: Die Dora aus Ostberlin. Facharbeiterin fuer Damenmassschneiderei. Da lief ich schon fast ausserhalb der Konkurrenz.“ „Jetzt haust du aber ganz schoen auf den Putz.“ „Nein, tue ich nicht. Ich bin ja auch gleich mit Sack und Pack nach Muenchen gekommen. Naja – soviel war das nicht. Tante Elke ist Witwe, das habe ich dir schon erzaehlt. Ich merke schon: Du weisst ohnehin schon fast alles ueber mich. Also Tante Elke ist Witwe. Sie hat eine schoene Wohnung in der Naehe des Noerdlichen Friedhofs ...“

„... des Nordfriedhofs ...“

„Sage ich doch. Also da, gleich um die Ecke Holland- und Bruesseler Strasse wohnt meine Tante, gleich bei der Ungererstrasse, und nicht weit vom Ungererbad. Ganz in der Nahe der U-Bahn-Station Noerdlicher Friedhof.“

„Nordfriedhof. Und sag jetzt nicht gleich wieder ‚Sag ich doch’. Und da bist gleich eingezogen?

„Ganz genau. Die Tante hat eine 3-Zimmer-Wohnung, die ihr inzwischen zu gross ist. Und sie lebt alleine. Und ich bin die gute Nichte aus Ostberlin. Kenne niemanden in Muenchen und suche ein billiges Zimmer.“

„Ein billiges Zimmer in Muenchen? Da haettest du lange suchen koennen.“

„Eben. Deshalb war ich mehr als froh, als mir die Tante anbot, bei ihr wohnen zu koennen. Umsonst.

Das war wie ein Sechser im Lotto. Mit Zusatzzahl. Ich habe mich gefreut wie Schneewittchen, als ihr das vergiftete Apfelstueck aus dem Hals gesprungen war und sie den Deckel ihres Glassarges aufmachen konnte. Seither bin ich in Muenchen, lebe sittsam bei meiner Tante und gehe jeden Tag zur Schule.“ „Sehr gut. Und am Morgen faehrst Du mit der U-Bahn von Nordfriedhof zum Sendlinger-Tor-Platz, faellst dort dreimal um - und am Nachmittag faehrst du wieder zurueck?“ „Genau so. Ganz genau genommen: Nicht ganz so genau. Aber doch fast. Kein Modeln mehr. Kein Schalk. Hin und wieder mit Tante Elke ins Kino, wenn das Wetter gut ist an den Wochenenden, ins Ungererbad oder in den Biergarten am Chinesischen Turm. Das ist kein grosses Freizeitprogramm. Aber mir gefaellt es so, wie es ist. Die Schule ist ja eine wirkliche Schule. Schulbetrieb. Keine Akademie oder Universitaet. Da wird wirklich nach Stundenplan gearbeitet: Entwurf, Zeichnen, Materialkunde, Farblehre, Schnittechniken, Zuschneiden, Naehen – mit der Hand vor allem. Haute Couture ist vor allem Handarbeit. Hast du das gewusst?“ „Nein. Keine Ahnung. Warum mit der Hand. Warum hat Charles F. Weisenthal 1755 die Naehmaschine erfunden, wenn ihr heutzutage noch alles mit der Hand naeht?“

„Wer hat was erfunden? Woher weisst du denn das? Erst redest du ueber Applikationen. Jetzt ueber die Erfindung der Naehmaschine. Was weisst du denn ueber Naehmaschinen?“ „Ganz ehrlich ...“

„Ich hoffe, du bist immer ehrlich ... Ich bin naemlich eine Aufrichtigkeitsfanatikerin, musst du wissen. Nein, du musst gar nichts wissen. Entschuldige bitte. Aber ich nehme es mit der Wahrheit sehr genau. Bei mir hat jemand sofort ausgesch..., entschuldige, das war jetzt nicht gerade damenhaft. Aber ich kann Luegner einfach nicht ab. Und Betrueger noch weniger. Also ..." „Jetzt weiss ich genau, wie ich mit dir dran bin. Also, noch einmal: Nachdem ich also wusste, dass du Schneiderei gelernt hast und auf die Modeschule gehst, dachte ich mir, dass wir bestimmt einmal uebers Naehen reden wuerden. Logisch. Oder? Also bin ich nach meinem Termin bei Siemens erst zum Essen gegangen, dann ins Museum und anschliessend in der Tuerkenstrasse in ein Internetcafé. Dort hab ich gegoogelt und ein bisschen was ueber Naehmaschinen nachgelesen. Du hast je gesehn, was so ein bisschen name dropping hermacht.“

„Gut. Als Belohnung fuer deinen Fleiss erklaere ich dir, warum Qualitaetskleidung mir der Hand genaeht wird – von der Innenverarbeitung einmal abgesehen: Wenn du eine Naht mit der Hand naehst, modellierst du die Naht gewissermassen. Du formst sie, passt sie an, baust sie aus. Das klingt einfach, ist in Wirklichkeit aber eine Kunst. Keine sehr grosse, aber eben doch eine. Man kann das lernen, klar, aber es gibt Naeherinnen, die haben ein echte Begabung fuer Naehte.“

„Hast du eine Begabung dafuer?“

„So und so. Meine Begabungen liegen mehr auf anderen Gebieten.“ Dora lachte auf.

„Deine Begabungen liegen. Wo? Auf welchen Gebieten bist du besonders begabt?“ Wieder lachte sie.

„Markus, mein Lieber. Lass uns einfach das Thema wechseln. Du wirst schon noch herausfinden, auf welchem Gebiet ich besonders begabt bin.“

„Wann? Du lebst in Muenchen. Und ich fliege Morgen nach Berlin zurueck.“

„Eben deshalb sollten wir schnellstens aufhoeren, uns ueber Naehte und das Naehen zu unterhalten.

Soll ich dir noch etwas ueber die Muenchner G’schichten erzaehlen? Oder ueber Kir Royal? Dann haetten wir ja drei Dietl-Kultserien durch. Und ich haette dir den Beweis geliefert, dass mir Muenchen und seine Denke schon etwas vertraut sind. Zumindest ein kleiner Ausschnitt davon. Aus dem Fernsehen.“

„Du ziehst alle Register, was? Ich glaube, dass du dich mit dem Schalk deshalb so gut verstanden hast, weil so ein Schalk auch in dir wohnt. Und nicht zu knapp. Komm, lass uns gehen. Wenn du willst, koennen wir die Maximilianstrasse entlangen laufen und in der Harry’s New York Bar noch etwas trinken.“ „Das muss wirklich ein maechtig grosses Geschaeft gewesen sein, das du da mit den Siemens-Leuten eingefaedelt hast. Oder verrechnest du das mit dem Solidaritaetszuschlag, als Teil des Finanztransfers zwischen West und Ost. Quatsch! Du bist ja selbst ein halber Ossi. Lebst und arbeitest in Brandenburg. Musst du eigentlich den Solidaritaetszuschlag zahlen?“ „Das ist mir jetzt aber wirklich zu intim. Lass uns gehen.“ Eng aneinandergeschmiegt gingen sie vor zur Oper und bogen in die Maximilianstrasse ein und gingen in Richtung Altstadtring. Auf der anderen Strassenseite blieben sie vor Moshammers Schaufenstern stehen und betrachteten eine Weile die ausgestellten Kleidungsstuecke.

„Ist schon nicht schlecht, was die hier verkaufen. Ziemlich teuer sieht das alles aus. Was?

„Ist es mit Sicherheit auch. Haute Volaute, sagte mein Grossvater. Ueber die Muenchener Gesellschaft, die sogenannten High Society, die Promis – die Schickeria halt, darueber konnte sich der Opa aufregen: „Moos hama keins, aber beim Moshammer gehn ma schopping“, moserte er manchmal.

Harry’s New York Bar hiess seit Jahren nicht mehr Harry’s New York Bar, sondern Pussos Bar. Pussy’s Bar. Viele aeltere Herren schmueckten sich mit gut zurechtgemachten jungen Frauen. Die Atmosphaere in den holzgetaefelte Raeumen war aufgeladen. Alkohol, Pianomusik, abschaetzende Blicke, Wichtigmacher, stille Geniesser, tiefe Dekolletés, auf Hochglanz polierte Masschuhe, Gespraechsfetzen, Gelaechter – die Bar hatte etwas Pulsierendes, Lebendiges, Hitziges. Dora trank zwei White Russians, Markus einen Kir Royal.

„Und jetzt? Was machen wir jetzt? Wie sieht es nun aus, mit deinem Stehvermoegen, mein Lieber?“ Sie war mit ihren Lippen ganz nahe an sein Ohr gekommen. Er roch ihren cocktailsuessen Atem und spuerte ihre feuchten Lippen. Und dann spuerte er ihre Zunge im Ohr. Ein Schauer ueberlief ihn, so, als wuerde er froesteln. „Jetzt? Jetzt verschwinden wir von hier. Nehmen uns ein Taxi und fahren ins Marriott. Und dort werden wir weitersehen. OK?“ „Ins Mariott? Ist das nicht auf der anderen Seite der Ungererstrasse. Ganz in der Naehe der Wohnung meiner Tante. Was ist da?“ „Genau. An der Berliner Strasse. Allerdings nur vier Sterne. Fuer fuenf Sterne reicht das Geld nicht. Noch nicht. Koennte nicht besser passen, oder? Die Berliner Strasse, meine ich. Da hab ich uns ein Zimmer gemietet. Fuer heute Nacht. Willst du mitkommen.“ „Dazu muss ich nicht lange ueberlegen. Klar doch. Aber wie bist du darauf gekommen? Woher wusstest du, wo ich wohne? Woher wusstest du, wie der Abend laufen wuerde und ob ich Lust haette, mitzukommen? Machst du oft solche Plaene? Mit unschuldigen Frauen aus dem Osten?“

„Erstens: Ich hab ja gesehen, wo du heute Morgen in die U-Bahn eingestiegen bist. Zweitens: Natuerlich konnte ich nicht wissen, wie der Abend laufen wuerde. Gewunscht habe ich mir, dass es so kommen wuerde, wie es jetzt tatsaechlich gekommen ist. Und drittens wollte ich nicht noch eine Nacht bei meinem Freund schlafen. Er schnarcht einfach zu laut. Da schlafe ich schon lieber mit einer jungen Frau aus Ostberlin. In einem Zimmer. Und die Frage, ob ich oft solche Plaene mache und Jungfrauen aus dem Osten verfuehre, diese Frage ist mir zu intim. Ich werde sie jetzt nicht beantworten.“

Lachend stiegen sie in ein Taxi und fuhren ins Marriot. Unterwegs rief Dora bei ihrer Tante an und sagte ihr, dass sie nicht auf sie warten muesse. Sie wuerde ueber Nacht ausbleiben. „Abgemeldet fuer die Nacht.“

„Das klang routiniert. Hast viel Uebung mit solchen Abrufen.“ „Sorry. Diese Frage ist zu intim“, sagte Dora, schlang ihre Arme um Markus und kuesste ihn leidenschaftlich auf den Mund. Unausgeschlafen trennten sie sich am folgenden Morgen. Wohlig ermattet. Und beide gluecklich und zufrieden, ja seelig, weil sie das starke Gefuehl hatten, die Person fuers Leben getroffen zu haben. Beide.

 

2003

 

11.05 Uhr, Dienstag, der 14. Januar 2003

„Die Woch geht scho wieda gut an, sagte seinerzeit der beruechtigte Raeuber Kneissl, als man ihn an einem Montag aufhaengte. Deshalb haben wir uns gedacht, den Montag auszulassen – ein blauer Montag, sozusagen -, und erst an einem Dienstag zu heiraten. Nein, der tatsaechliche Grund, warum wir am heutigen Tag heiraten, ist der: Genau vor einem Jahr, am 14. Januar 2002, haben Dora und ich uns kennengelernt. Das heisst, ich bin von hinten auf sie draufgefallen. In der U-Bahn in Muenchen. Auf der Strecke zwischen Nordfriedhof und Odeonsplatz. Draufgefallen, aber nicht reingefallen. Wir haben uns vom ersten Augenblick an gefallen. Und heute abend fallen wir in unser Ehebett. Bis jetzt war es nur ein Lotterbett. So also, liebe Grossmutter, liebe Eltern und Schwiegereltern, alte und neue Anverwandte, verehrter Chef, verehrte Gattin meines Chefs, sehr verehrte Frau Weiss, das ist Doras fruehere Chefin, Freunde, Freundinnen und Kollegen - so also aendern sich die Zeiten. Oder, anders ausgedrueckt: Die Zeiten aendern sich, aber die Betten bleiben die gleichen. Deshalb heben Dora und ich jetzt unsere Glaeser und stossen mit Ihnen und Euch an, sagen Danke und trinken auf von Herzen auf Euer Wohl.“

Alle waren nach Potsdam gekommen: Seine Eltern und seine Oma, Doras Eltern, ihre Tante Elke, andere Tanten und Onkel, Nichten und Neffen, sein Chef mit Ehefrau, Frau Sibylle Weiss, einige Freunde, alte Schulfreunde, Studienkollegen, Arbeitskollegen, ihre Nachbarn aus Ostberlin, seine Nachbarn aus Potsdam. Sogar der Schalk war gekommen. Markus und er verstanden sich auf Anhieb. Keine riesige Festgemeinde. Aber eine hochgestimmte. Nach der Eheschliessung auf dem Standesamt fuhren alle hinaus nach Caputh. Das Mittagessen, der Kaffee und das Abendessen gab es im Faehrhaus Caputh, einem romantisch gelegenen Gasthof direkt an der Faehre zwischen Caputh und der Wentorfinsel; die Faehre fuehrt ueber die Engstelle zwischen Templiner See und Gemuende. Der Nachmittag war kalt und sonnig, und viele der Gaste nutzten die Gelegenheit fuer einen kleinen Spaziergang in den Ort oder am Wasser entlang.

 

2006

 

17.04 Uhr, Samstag, 14. Januar 2006

Durch die Gartentuere zur Uferpromenade, die Schwielowseestrasse entlang bis zur Kreisstrasse nach Ferch. Mehr als sechs Kilometer. Auf der Hoehe des Campingplatzes, das Landhaus Ferch bereits in Sichtweite, hatte Dora einen neuen Wutanfall: „Da sind wir genau richtig. Was? Schwielowsee – der Schwulensee. Wolltest du deshalb hierherziehen? Zum schwulen Schwielowsee?

 

2012

11.24 Uhr, Sonntag, 15. Januar 2012

Das mit der Reisekrankenversicherung des ADAC war wirklich eine tolle. „Nie habe ich 50 Euro besser angelegt als in diese Versicherung. Premium-Tarif. Fuer zwei Personen. Fuer knapp 50 Euro. Der Preis fuer Mitglieder. Die Gelben Engel waren wirklich Engel.“

Puenktlich war der Jet in Civitavecchia angekommen. Pilot und Co-Pilot, ein Arzt, ein Rettungsassistent und ein Pfleger waren an Bord. Innen sah die Maschine aus wie ein komplett ausgestattetes Rettungsfahrzeug.

Dora und drei weitere Verletzte wurden in das Flugzeug gehoben. Sie flogen von Civitavecchia nach Muenchen. Sie ueberflogen Pisa, Parma, Mantua, Verona, die Alpen, Graz, Salzburg, Wasserburg am Inn, die Innschleife konnte sie sehen. Dann Muenchen. Der Ambulanz-Jet kam auf einem besonders abgetrennten Abschnitt zum Stehen. „Sie kommen von der Costa Concordia? Von dem Deppen, dem hausg’machten. Der dieses Riesenschiff an die Felsen gesetzt hat. Man glaubt es ja nicht. Ich hab’s im Fernsehen gesehen. Na, Ihre Kreuzfahrt habn Sie sich wahrscheinlich auch anders vorgstellt. Was? Jetzt schaun wir mal, wie wir Sie schnellstmoeglich nach Berlin bringen koennen.“

06.10 Uhr, Sonntag, 15. Januar 2012

Als er erst einmal wirklich begriffen hatte, welche Chance sich ihm mit der Havarie der Costa Concordia auftat, ging eigentlich alles wie von selbst. Ein wenig durcheinander zwar und ziemlich erschoepft, war er nach der Evakuierung von dem Schiff und der Ueberfahrt mit einem total ueberfuellen Boot der Kuestenwache im Hafen von Civitavecchia eingetroffen. Entgegen der Aufforderung hatte er sich im Hafenbuero nicht als Ueberlebender registrieren lassen. Er drueckte sich an der Warteschlange vorbei und suchte erst einmal nach einer Bar. Dort wusch er sich, dann sperrte er sich in eine der Toilettenkabinen ein. Es dauerte nicht lange, bis er festgestellt hatte, was ihm an persoenlichem Besitz geblieben war: Ausser der Kleidung und der Schuhe, die er trug, waren das eine goldene Arbanduhr – ein Gesckenk seines Kompagnons -, ein goldener Ehering und ein Goldkettchen, das ihm Dora zum ersten Hochzeitstag gescheckt hatte. In der Geldboerse waren noch knapp neunhundert von den 1000 Euro, die er in Tarqinia aus dem Geldautomaten gezogen hatte, dazu sein Fuehrerschein, eine Kennkarte und eine Visa-Karte. Einige Visitenkarten steckten noch darin und eine mehrfach gefaltete Liste mit wichtigen Namen und Adressen. Sein Mobiltelefon befand sich noch immer in der rechten Hosentasche. Ein Ladegeraet dazu hatte er nicht mehr.

 

07.00 Uhr, Sonntag, 15. Januar 2012

Nach einem schnellen Fruehstueck machte er sich auf den Weg. In dem Jackett, das er sich am Abend vorher fuer das Dinner angezogen hatte, wirkte er fremd und auffaellig in der morgendlichen Stadt. Das Jackett musste er schnellstmoeglich durch etwas anderes ersetzen. Fuer den Moment war es besser, das Teil auszuziehen und unter dem Arm zu tragen. Auch die Krawatte passte nicht zu der aufgeregten Stimmung, wie sie in Civitavecchia herrschte. Also weg damit. Er wollte in Richtung Busbahnhof und hatte sich rasch dahin durchfragen koennen. Er loeste einen Fahrschein nach Rom. Und hatte Glueck: Der erste Bus ging um 8.41 Uhr und sollte um 9.50 Uhr in Rom ankommen: Rom Hauptbahnhof.

 

10.14 Uhr, Sonntag, 15. Januar 2012

Markus hatte gegenueber dem Busbahnhof ein kleines Textilgeschaeft entdeckt, das um 10.00 Uhr gerade die Tuere aufgesperrt hatte. Viel Auswahl hatte er nicht, und das, was angeboten wurde, war eher auf den Geschmack viel aelterer Herren ausgerichtet. Aber ohne lange zu waehlen, schluepfte er in eine beigefarbene Popelinbluse, die mit einem rot-blau-gruen gewuerfeltem kraeftigen Baumwollstoff gefuettert war, dazu eine hellbraune Cordhose, ein Flanellhemd, einen Schal und ein Paar Flieshandschuhe. Es war Januar und er wusste nicht, wie warm oder kalt es werden wuerde. Zwei Unterhosen, zwei Paar Socken und fuenf Baumwolltaschentuecher kamen dazu. In einem Geschaeft nebenan kaufte er noch eine kleine schwarze Reisetasche.

 

10.45 Uhr, Samstag, 15. Januar 2012

„L’alto parlante gridano: Roma, Stazione Termini!“ – „Der Lautsprecher ruft laut: Rom. Hauptbahnhof!“ Das war einer der ersten Saetze, die er damals in seinem Italienischkurs lernte. Und: „Quanti anni ai, Peppino?“ ein zweiter. Jetzt stand Markus mitten in dem Gewusele des roemischen Hauptbahnhofs und suchte nach einem Tabacchi. Er musste eine Telefonkarte kaufen. Sein Mobiltelefon konnte er von nun an nicht mehr benuetzen.

 

11.11 Uhr, Sonntag, 15. Januar 2012

Nicht nur eine Telefonkarte hatte er besorgt, sondern auch die Karte fuer die Bahnfahrt von Roman nach Muenchen. Einfache Fahrt, mit Platzreservierung in einem Liegewagen, zweite Klasse. Der Zug wuerde um 13.15 in Rom abfahren und erst um 5.21 Uhr morgens in Muenchen ankommen. Eine endlos lange Fahrt also. Aber der Zug um 11.45 Uhr war restlos ausverkauft gewesen, auch fuer die Erste Klasse.

Jetzt spuerte er das erste Mal sein Herz, seit die Costa Concordia an dem Felsen entlanggeschrammt war. Ein leicht unregelmaessiger Rhythmus und ein kleines Ziehen in der linken Brust wirkten wie ein Warnsignal. Er steckte die Telefonkarte in den Schlitz des Apparates, wartete einen Moment, und waehlte dann die Nummer. Dazu brauchte er kein Notizbuch und keinen Nummernspeicher – die war tief in seinem Gedaechtnis eingegraben. Fuenfmal laeutete es, bis der Hoerer angenommen wurde.

„Hallo?“ Die Leitung knackte.

„Klaus? Klaus bist du’s?“

„Markus? Markus, wo bist du? Endlich, endlich hoere ich von dir? Ich bin ganz verzweifelt. Keine Nachricht. Von niemandem. Nichts. Wo bist du denn jetzt? Wie geht es dir?“

„Gut, deine Stimme zu hoeren. Reg dich ab. Mir gehts gut. Mir gehts gut. Mir ist weiter nichts passiert. Jetzt bin ich in Rom. Quasi untergetaucht. In zwei Stunden geht mein Zug. Um halb sechs in der Frueh bin ich in Muenchen. Holst du mich ab? Bitte.“ „Klar doch. Klar doch. Das ist doch klar. Meine Guete, bin ich aufgeregt. Endlich erfahre ich, dass du am Leben bist und dass es dir gut geht. Gehts dir auch wirklich gut? Du klingst so anders am Telefon. Ist alles in Ordnung?“

„Mein Lieber, glaub mir doch: Es geht mir wirklich gut, und ich freue mich so sehr, dich bald zu sehen. Die Fahrt ist zwar elend lang, aber dann haben wir die ganze Zeit fuer uns allein. Freust du dich? Freust du dich auf mich? Wirklich?“

„Wie kannst du nur so fragen. Natuerlich freu ich mich auf dich. Das ist doch ganz klar. Das ist doch selbstverstaendlich. Und wie ich mich freue.“

„ Also dann, lass uns jetzt aufhoeren. Ich muss noch ein paar Kleinigkeiten fuer unterwegs besorgen, Zeitungen, Obst, was zum Trinken und so. Und bitte: Sei Morgen frueh am Bahnhof. Hauptbahnhof. Du weisst ja, wo die Zuege aus Italien einfahren. Ich freu mich sehr auf dich.“

„Ich bin da wie eine Breze. Ueberpuenktlich. Mit einem Strauss roter Rosen und Freudentraenen in den Augenwinkeln. Mein Lieber. Mein Geliebter. Pass auf auf dich. Bis morgen frueh dann.“ „Ja, bis morgen frueh. Bis bald. Ich zaehl die Stunden.“

 

05.49 Uhr, Montag, 16. Januar 2012

Markus und Klaus, zwei ueberglueckliche erwachsenen Maenner liegen sich in den Armen, kuessen, streicheln und taetscheln sich – voellig unbeeindruckt von den abschaetzigen Gesten und zornigen Blicken, die manche Reisende aus dem Zug aus Rom auf das offenbar ekstatisch verliebte Paar werfen. Andere schmunzeln oder laecheln freundlich, und einer sagt gar: „Recht so.“ Klaus hatte tasaechlich einen Strauss roter Rosen besorgt, den sie jetzt, Arm in Arm, vor sich hertrugen. Sie gingen ins InterCity Hotel im Bahnhof, wo man fuer fruehe Gaeste bereits ein reichliches Fruehstuecksbueffet aufgebaut hatte. Wenn er es sich so recht ueberlegte, dann war das seine erste richtige Mahlzeit seit Tarquinia – und das schien eine Ewigkeit her zu sein. Nachdem er seinen Heisshunger und Kaffeedurst gestillt hatte, machten sich beide daran, darueber zu reden, ob sie nach wie vor an den Plaenen festhielten, die sie sich ueber die Jahre ausgedacht und schrittchenweise vorbereitet hatten. Es war so, als wuerden sie inzwischen mit einem Gehirn denken, mit einem Herzen fuehlen und mit einem gemeinsamen Willen voranschreiten wollen. Ja, sie wollten ihre Plaene in die Tat umsetzen. Ja, sie wollten sie verwirklichen. Unbedingt. Und zwar jetzt sofort. Ueber einen russischen Kontaktmann, den Markus einmal zufaellig auf einem Russenmarkt vor dem Pergamon-Museum in Berlin kennengelernt hatte, hatten sich beide mit dem vollstaendigen Apparat an gefaelschten Dokumenten ausstatten lassen, die fuer einen deutschen Staatsbuerger obligatorisch sind: Geburtsurkunde, Reisepass, Fuehrerschein, Meldungen bei Einwohnermeldeaemtern, Versicherungs- und Steuerunterlagen. Von einem Augenblick zum anderen konnten sie in eine neue Identitaet schluepfen. Das alles hatte eine Stange Geld gekostet, aber dafuer hatte sie auch gute, fast echte, Dokumente bekommen. Die Legenden dazu hatten sie sich in vielen, oft recht amuesanten Stunden, zurechtgelegt und zusammengereimt.

Schon vor Jahren hatten Markus und Klaus unter den falschen Identitaeten Auslandskonten eingerichtet und in unregelmaessigen Abstaenden Geld dorthin geschafft. Beide zusammen verfuegten inzwischen ueber eine Summe, mit der sie in vielen Laendern der Welt zwar nicht in Saus und Braus, aber doch recht gut und ohne Geldsorgen leben konnten.

 

12.35 Uhr, Freitag, 20. Januar 2012

Puenktlich landete das Flugzeug der Air Asia auf der weit ins Meer hinausragenden Landebahn des Internationalen Flughafen Ngurah Rai in der Naehe der balinesischen Hauptstadt Denpasar. Die Maschine kam aus Kuala Lumpur. Walter und Simon, zwei Maenner aus Deutschland, legten den Beamten des Imigrasi ihre Paesse vor, in die von der Botschaft in Berlin per Stempel jeweils eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung fuer Indonesien eingetragen waren. Die Passkontrolle verlief reibungslos und auch der Zoll machte keine Schwierigkeiten. Da die beiden nur mit jeweils einem Kabinenkoffer angereist waren, traten sie als erste hinaus aus dem gekuehlten Bereich des Flughafens. Hinaus in den schwuelheissen Mittag. Auf Bali herrschte die Regenzeit. Alles dampfte.

Sie handelten mit einem Fahrer um den Preis und liessen sich nach Ubud fahren.

Dort wollten sie sich niederlassen und als Walter und Simon ein zweites, ein neues Leben beginnen.

Tag der Veröffentlichung: 01.12.2012

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Sie haben Keine Panik. Alles wird gut! zu Ende gelesen

Adi Bachmann

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