Keine Panik. Alles wird gut!

Adi Bachmann · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/3

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Keine Panik. Alles wird gut!

Keine Panik. Alles wird gut!

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Auch auf Deck 4 stellte sich schnell heraus, dass von der Bootsbesatzung, den Damen und Herren in Weiss, so gut wie niemand da war. Wohin hatten sich die verdrueckt? Personal aus einer der Restaurantkuechen wiesen die Passagiere in die Rettungsboote ein. Keiner wusste so richtig, was er zu tun hatte. Die Passagiere waren verunsichert und zum Teil verwirrt. Einige waren koerperlich behindert. Das Ganze zog sich. Fast ohne Ende. Die Menschen draengten sich. Aber im Grossen und Ganzen blieben sie diszipliniert. Nur einige Italiener zogen Nummern ab. Laut und mit Hingabe. Wie auf einer Schaubuehne. Man haette glauben koennen, sie probten fuer die Auffuehrung einer Dragikkomoedie. In Neapel zum Beispiel.

 

20.35 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Auf der Bruecke der Costa Concordia stand Francesco Schettino, braungebrannt wie immer, gut gelaunt, das kurzaermlige, bluetenweisse Hemd weit aufgeknoepft. Die Haare auf der Brust waren gut zu sehen. Sein gegeltes Haar und mehrere Goldkettchen an Hals und Handgelenken glaenzten im gedimmten Licht. Neben ihm stand Domnica Cemortan, eine 25jaehrige Moldawierin, Taenzerin, Blondine, Mitglied der Crew. Dass die Beziehung zwischen den beiden intimer war, als es nach aussen hin den Anschein haben durfte, war fuer viele Besatzungsmitglieder ein offenes Geheimnis. Aber warum war Domnica auf der Bruecke? Sie hatte dort nichts zu suchen. Und Antonello, ein Oberkellner, der auf der Insel Giglio zu Hause war? Der Kapitaen hatte ihn bereits am Nachmittag wissen lassen, dass fuer den Abend eine Verneigung vorgesehen war. Eine Verneigung ist ein nicht ganz ungefaehrliches, aber durchaus uebliches Manoever in der Kreuzschiffahrt. Um die Passagiere zu unterhalten und die Kuestenbewohner zu gruessen, fahren die riesigen Schiffe manchmal atemberaubend nahe an die Kueste heran und lassen die Sirenen heulen. Erst im August 2011 war die Costa Concordia der Kueste von Giglio vergleichbar nahegekommen. Sehr zur Freude des Buegermeisters, der sich bei Kapitaen Schettino per e-Mail ausdruecklich dafuer bedankt hatte. Auch im Namen der Inselbewohner und der Feriengaeste, die das aufregende Schauspiel beobachtet hatten. „Antonello, schau mal, wir liegen direkt vor deiner Insel.“ „Achtung! Wir sind ja total nah an der Kueste!’

 

20.40 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

An die 3000 Passagiere zum Abendessen – das muss organisiert sein. So etwas bewunderte Markus: Die Leistung, die Erfahrung und die Faehigkeit, die hinter so einem Akt steckte. Soviele Gaeste in einem relativ knappen Zeitrahmen zu bewirten. Essen. Trinken. Sonderwuensche. Aber jetzt musste er sich wirklich auf den Weg machen. Er wollte nicht, dass seine Frau vor ihm am Tisch eintraf. Also winkte er der Kellnerin und zeichnete die Rechnung ab. Dann stand er auf.

 

21.45 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Es klang wie ein Schuss. Kurz und trocken. Die Lichter gingen aus. Die Menschen in der Bar wurden unruhig. Manche schrien. Andere riefen Namen. Suchten nach Ehepartnern. Nach Freunden. Nach Familienmitgliedern. Dann ein Stoss. Ein Rumpeln. Ein Schaben. Ein Reissen. Keine Lautsprecherdurchsage. Wahrscheinlich lag das daran, dass der Strom ausgefallen war. Markus war verwirrt. Innerhalb kuerzester Zeit neigte sich der Schiffskoerper zur Seite. Dinge kamen ins rutschen. Glaeser, Aschenbecher, Tischdekorationen. Schaelchen mit Nuessen und Kraecker fielen zu Boden und verteilten ihre Inhalte ueber den Teppichboden. Er hatte den Eindruck, dass das Schiff stark an Geschwindigkeit verloren hatte.

„Das fuehlt sich nicht gut an“, sagte er zu dem Maedchen, das neben ihm stehengeblieben war.

„Gar nicht gut.“ Sie konnte sein Deutsch nicht verstehen, aber offenbar verstand sie ihn auch so. Sie nickte. Das konnte er spueren.

 

21.49 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Der Erste Offizier meldete Kapitaen Schettino die Ueberflutung des Maschinenraums. Die Costa Concordia fuhr jetzt sehr viel langsamer: Die Geschwindigkeit betrug nur noch 5 km/h.

 

21.53 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Das Licht ging wieder an und er sah, dass die junge Kellnerin unter ihrer schokoladefarbenen Haut tatsaechlich bleich geworden war. Der Hautton hatte sich deutlich ins Gelbliche veraendert. Eine Frauenstimme toente ueber die Lautsprecheranlage: „Meine Damen und Herren. Hier spricht Ihre Crew. Ich bitte um ihre Aufmerksamkeit.“ Die Frau sprach Englisch mit einem stark italienischen Akzent. Markus fiel es schwer, sie zu verstehen. Auch wirkte sie aufgeregt, was im Widerspruch zur folgenden Durchsage stand.

„Wegen technischer Probleme hatten wir gerade einen Blackout. Es besteht ueberhaupt kein Grund zur Panik. Bitte bleiben Sie ruhig. Unsere Techniker arbeiten bereits daran, das Problem zu loesen.“ Die Passagiere reagierten unterschiedlich. Abwartend. Aengstlich. Wuetend. Manche wurden hysterisch. Eine juengere Frau erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sie sass zusammengekauert in einem Sessel und wurde von Weinkraempfen geschuettelt. Die Misstrauischen ueberlegten, ob sie ihre Kabine aufsuchen sollten. Wertsachen. Schmuck. Bargeld. Ausweispapiere. Sollten sie all das unbeaufsichtigt im Kabinensafe lassen? Aber dann unterwegs noch einmal ein Stromausfall? Was dann? So blieben die meisten wo sie waren und warteten auf Anweisungen. Doch kein Besatzungsmitglied war bislang erschienen. Kein einziges. Schliesslich kamen dann doch zwei Stewards und baten die Passagiere, nach draussen zu gehen. Niemand sagte ihnen, was passiert war, wie sie sich verhalten und was sie genau tun sollten.

 

22.05 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Auf einmal wurde Markus klar, dass er keine Ahnung hatte, wie er Dora finden koennte. Er versuchte, sie ueber sein Mobiltelefon zu erreichen. Er hatte auch ein Signal. Aber sie meldete sich nicht. Ihre Mailbox war nicht aktiv. Er wusste nicht, ob sie rechtzeitig ins Restaurant gekommen war. Und ob sie ihr Telefon bei sich trug oder nicht. Offenbar war es inzwischen unmoeglich, irgendwohin zu kommen. Was fuer eine verquere Situation. Was fuer ein beschissenes Gefuehl. Fasst nichts hasste er mehr als Ohnmacht. Und Situationen, die ausser Kontrolle gerieten. Was ihm in diesem Minuten ebenfalls klar wurde, war, dass er und die anderen Passagiere tatsaechlich keine Ahnung hatten, wie sie sich in dieser aussergewoehnlichen Situation verhalten sollten. Waren sie in Seenot? Gab es einen funktionierenden Evakuierungsplan? Gab es genuegend Rettungsboote und Rettungswesten? Wo gab es die? Und wie kam man in die Boote? Und was musste man dann tun? Niemand hatte ihnen gesagt, wie man im Notfall in ein Rettungsboot stieg. Sie waren ja erst vor fuenf Stunden an Bord gegangen. Wann also haette so eine Uebung stattfinden sollen? Er musste an den bloeden Witz des Oesterreichers denken. Dieser Herr Gnatz aus Graz. Vielleicht mussten zum Schluss doch die Uebriggebliebenen ins Meer springen. Aber diesmal ins winterlich kalte Tyrrhenische. „Gerade eben habe ich die Organisation bewundert. Und jetzt alles nur noch Chaos!“

 

22.12 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Passagiere riefen Verwandte und Freunde an. Eine Mutter telefonierte mit ihrer Tochter:

„Wir hatten einen Unfall mit dem Schiff. Ich bin in Seenot und habe eine Rettungsweste angezogen.“ Die Tochter alarmierte die Polizei. Ein anderer Angehoeriger informierte die Polizei, dass den Passagieren beim Abendessen Gegenstaende auf den Kopf gefallen seien. Die Polizei alarmierte die Hafenkommandatur in Livorno. Der Anruf eines Hafen-Beamten wurde auf der Bruecke des havarierten Schiffes entgenommen:

„Was ist denn los bei euch? Was habt ihr fuer ein Problem?“ ”Wie haben einen Stromausfall. Wir sind dabei, die Ursachen herauszufinden.“

„Habt ihr die Passagiere angewiesen, Schwimmwesten anzuziehen?“

„Wir ueberpruefen, was es mit dem Stromausfall auf sich hat.

 

22.15 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Fuenf oder sechs Kammern waren bereits ueberflutet. Unter anderem der Maschinenraum. Immer mehr Wasser drang ein. Die Schlagseite nahm rasch zu. Ploetzlich wendete das Schiff und hielt auf den Hafen von Giglio zu. Sollte dieses Manoever helfen, die Schiffbruechigen zu retten? Die Costa Concordia hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Neigung von 20 Grad. Alle Schiffe in der Naehe waren zum Unfallort gerufen worden. Und dennoch weigerte sich Schettino, das Schiff evakieren zu lassen. Es entbrannte ein heftiger Streit auf der Bruecke. Dann kam es zu einer Meuterei. Die Offiziere wollten den Kapitaen zwingen, endlich das Schiff evakuieren zu lassen.

 

22.30 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Robertio Bosio, ein Kapitaen der Costa Crociere S.p.A., Gast auf der Costa Concordia und jetzt ebenfalls auf der Bruecke, erteilte den ersten Raeumungsbefehl. Ueber die Befehlsgewalt von Schettino hinweg. Deck 4 durfte evakuiert werden.

 

22.44 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Die Finanzpolizei fuhr Patroullien. Eines der Boote entdeckte, dass die Costa Concordia mit ihrer Steuerbordseite auf Grund gelaufen war und festsass. Das Patrouillienboot schlug Alarm: Das Kreuzfahrtschiff war in unmittelbarer Naehe des Hafens von Giglio gekentert. 500 Meter waren es vom Schiff bis zum Hafen, 150 Meter bis zum Ufer.

 

22.56 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Endlich erteilte Kapitaen Francesco Schettino den Befehl zur Evakuierung seines Schiffes.

 

22.58 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Das Evakuierungssignal ertoente. Es war weithin zu hoeren. Ueberall im Schiff. Auf den Inseln. Auf dem Meer. Die aufgestaute Unsicherheit und die Wut der Passagiere entlud sich. Panik. Chaos. Es wurde gerannt. Gestossen. Geschlagen. Die meisten befuerchteten, keinen Platz in einem der Rettungsboote zu ergattern. Ueble Szenen spielten sich ab. Gebildete, lebenserfahrene und wohlhabende Buerger verloren ganz schnell ihre Gelassenheit und Wuerde. Es waren die gleichen Menschen, die noch wenige Stunden vorher heiter und gluecklich nach Civitavecchia hinuebergewinkt hatten. Die nackte Angst ums Ueberleben liess manche zu unbeherrschten, wilden Asozialen werden. Wie in jeder anderen Wettbewerbsgesellschaft auch, war das schlecht fuer die Alten und die Schwachen und ganz schlecht fuer die Behinderten.

 

23.30 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Wer konnte, drueckte und schob, stiess und kaempfte um einen Platz in einem der Rettungsboote. Es waren genuegend Boote vorhanden. Rettungswesten ohnehin. Aber die mangelhafte Organisation der Evakuierungsmassnahmen hielt die Panik unter den Passagieren am Kochen. Manche waren so verzweifelt, dass sie von Bord ins kalte Meer sprangen. Sie versuchten, das rettende Ufer schwimmend zu erreichen. Ein 70jaehriger Mann erlitt in dem eiskalten Wasser einen Herzinfakt. Dutzende anderer wurden verletzt. Andere sprangen in bereits ueberfuellte Rettungsboote. Verletzten sich dabei und andere.

 

23.30 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

”So gross kann ein Schiff gar nicht sein …“, murmelte Markus vor sich hin. Wieder versuchte er, seine Frau ueber ihr Handy zu erreichen. Wieder nichts. Das wuerde nicht einfach werden. Immerhin waren es ueber 4000 Menschen, die vom Schiff erst einmal auf die kleine Insel evakuiert werden mussten. Ueber 4000. Aber irgendwie wuerden sie sich schon finden. „Es hat Tote gegeben“, hoerte er jemanden sagen. „Und viele Verletzte.“ Kein Wunder, bei dem hysterischen Durcheinander. Die Mannschaft der Costa Concardia schien nicht auf der Hoehe zu sein. Von den Offizieren liess sich niemand blicken. Es waren die Mannschaften, von denen die Evakuierung geleitet wurde. Ein junger Asiate war es dann auch, der Markus am Arm nahm und ihm zeigte, wohin er gehen sollte. Schliesslich half man ihm, in eines der Beiboote zu steigen. Mit vielen anderen Schiffbruechigen sass er nun und wartete. Was sollte er sonst auch tun? Sitzen und warten. Irgendwie wuerden die das schon auf die Reihe bringen. Gleichzeitig beobachtete er, wie schwer man sich tat, die Rettungsboote abzulassen und einigermassen sicher aufs Wasser zu bringen. Die extreme Schraeglage der Costa Concardia haette auch eine besser trainierte Mannschaft beim Ausschiffen der Beiboote vor Probleme gestellt. Einige der Boote hingen aeusserst schraeg in der Luft, andere wurden viel schneller als vorgesehen heruntergelassen und knallten hart aufs Wasser. Schwer wie zwei afrikanische Elefanten, sei der Anker, hatte der Gnatz aus Graz gesagt. Und jetzt? Wo lag der Anker? Wo waren die Elefanten? Wo war Dora? Wie gings dem Ruppert Gnatz jetzt? Ob er immer noch, oder schon wieder, Kreuzschiffahrtswitze erzaehlte? Oder Kreuzfahrerwitze: „Was ist der Unterschied zwischen einem Kreuzschiffahrer und einem Kreuzfahrer? Es gibt keinen: Fuer beide kann die Reise toedlich enden.“

 

23.35 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Den Koerper verdreht, drueckte sich Dora an die glatte Kunststoffwand des Bootes. Sie lag nahe dem jungen Mann, der verzweifelt versuchte, den 40-PS-Motor zu starten. Ein Decksjunge? Ein Maschinist? Er wirkte so, als wuerde er das erste Mal in seinem Leben versuchen, so ein Rettungsboot flott zu kriegen. Schweissperlen glaenzten auf seiner Stirne und Oberlippe. Dora stoehnte. Die Schmerzen kamen in Wellen und steigerten sich bis an die Grenze des Ertraeglichen. Nahmen wieder ab. Verschafften ihr eine kurze Pause. Nahmen wieder zu. Wurden staerker. Steigerten sich bis zum Gehtnichtmehr. So ging das. Ein Sprung hatte ihr das rechte Bein und den rechten Arm gebrochen. Nicht ihr Sprung. Nein. Sie war relativ leicht in das Boot gekommen. Hilfreiche Arme und Haende hatten sich ihr entgegengestreckt und sie so mehr hineingezerrt als hineingehoben. Aber schliesslich war sie drin. Sie war in Sicherheit. So hatte sie gesessen und gewartet. Und beobachtet, wie sich das Boot immer mehr fuellte. Noch zwei Leute. Noch einer. Noch ein Paar. Immer wieder. Immer mehr. Als das ueberfuellte Boot schliesslich herabgelassen wurde, blieb es mit dem Bug an einem Vorsprung am Schiffskoerper haengen. Das Heck senkte sich ab. Die Menschen hielten sich verzweifelt fest, um nicht nach unten wegzurutschen. Diesen Moment nuetzte ein Paar, das an Deck zurueckgeblieben war. Es fasste sich an den Haenden, rief sich etwas zu und sprang. Die beiden schlugen mit der Wucht stark uebergewichtiger Koerper direkt auf Dora auf. Sie schrie. Ein rasender Schmerz durchfuhr sie.

„... tschuldigung ... keine Absicht ... tut mir leid ... tut uns leid ...“ hoerte sie noch. Dann fiel sie Ohnmacht. Ein Schock wirkt oft wie eine sanfte Umarmung und schuetzt davor, Schmerzen in ihrer ganzen Heftigkeit unmittelbar ertragen zu muessen. Einige Passagiere bemuehten sich, Doras leblosen Koerper aus der Mitte des Beibootes zur Seite hin zu bewegen. Mehr zu dem jungen Mann hin, der offenbar den Motor bedienen und das Boot zum Hafen steuern sollte. In Sicherheit. Sicherheit! „Porco dio,“ fluchte der und verdrehte die Augen. Scham war ihm anzusehen. Aber auch Wut und Verzweiflung. Auf eine solche Situation hatte ihn niemand vorbereitet. Nicht einmal darauf, dass sich so etwas in seinem Leben tatsaechlich ereignen koennte. Und jetzt hing er mit einem ueberfuellten Rettungsboot zwischen Deck 4 und dem dunklen Meer. Hing mit dem Bug irgendeinem bloeden Teil fest, das aus der haushohen Wand des Kreuzfahrtschiffes herausstand. Er griff sich ein Ruder und drueckte damit gegen die Schiffswand. Mehrmals. Druecken. Loslassen. Druecken. Loslassen. Er wollte das Boot zum Schaukeln bringen, damit es sich von der Schiffswand loesen konnte. Tatsaechlich brachte er das Boot in Bewegung. Es schaukelte. Immer heftiger. Dann loeste sich das Beiboot von dem herausragenden Metallbolzen und rauschte nach unten. Krachend schlug es auf dem Wasser auf. Die Menschen schrien und klammerten sich aneinander fest und an die Taue und Leinen, die um das Boot gespannt waren. Dora erwachte aus ihrer Bewusstlosigkeit. Irgend etwas war geschehen. Sie musste sich konzentrieren, um eine Erinnerungsspur zu finden, die sie in die Gegenwart zurueckbrachte. Ach ja. Da war ein Aufprall. Die Costa Concordia hatte sich zur Seite gelegt. Heftig. Sie war zum Deck 4 geschickt worden. Von dort aus wurde ein Teil der Passagiere evakuiert. Sie auch. In Rettungsboote verfrachtet. Und irgendjemand war mit voller Wucht auf sie draufgesprungen. Etwas in ihr war gebrochen. Daher die Schmerzen. Sie waren jetzt wieder so stark, dass sie sich gleich uebergeben wuerde. Die Schmerzen. Jetzt kamen sie wieder. Sie versuchte sich zu entspannen. Vergeblich. Ihr ganzer Koerper war alarmiert. Jeder Muskel war angespannt. Jetzt schoss der Schmerz hinauf. Zum Hoehepunkt. Ein Wahnsinn. Nicht mehr zum Aushalten. Dora schrie auf. Ihre Blase entleerte sich. Sie erbrach sich. Mit einem bitteren Geschmack im Mund fiel sie erneut in Ohnmacht.

Der Decksjunge wurde fast wahnsinnig. Die Situation an sich war schon viel zuviel fuer ihn. Und jetzt noch diese Frau, die man neben seinem Platz am Aussenborder gezogen hatte. Entweder schrie sie oder sie fiel in Ohnmacht. Und lag dann da wie tot. Zum Glueck war jetzt der Motor angesprungen. Aber es war alles andere als einfach, das ueberfuellte Rettungsboot vom gekenterten Schiff wegzusteuern. Zweimal rammte er gegen die Wand aus Stahl. Einmal mit der Breitseite. Einmal mit dem Bug. Aber voll. Dann war er endlich freigekommen und fuhr das Rettungsboot in Richtung Giglio. In Richtung Hafen. In Richtung Rettung. Verfehlen konnte er ihn nicht. Die vielen Lichter und Scheinwerfer auf Giglio hatten die Nacht zum Tag gemacht.

 

23.30 – 24.00 Uhr, Freitag der 13. Januar 2012

Der Hafenkommandant versuchte, Schettino an Bord des Schiffes zu erreichen. Niemand antwortete ihm. Waehrend die Evakuierung in vollem Gang war, verliess Kapitaen Francesco Schettino das Schiff. Er verstiess damit gegen einen weltweit gueltigen Ehrenkodex der Schiffahrt: Der Kapitaen verlaesst sein sinkendes Schiff als Letzter! Titanic, den Film, hatte Schettino entweder nie gesehen oder sich nicht fuer diesen Teilaspekt interessiert. Sei’s drum. Diesen Ehrenkodex kannte jedes Kind. Dazu musste man nicht erst ins Kino gehen. Er habe bei der Evakuierung geholfen, log Schettino spaeter und sei dabei in eines der Rettungsboote hineingestolpert und musste so sein Schiff vorzeitig verlassen. Buchstaeblich alle Bewohner der Insel Giglio kamen hinunter zum Hafen. Sie trugen Thermoskannen und Koerbe. Sie kamen mit heissen Getraenken, Essen und Decken. Eine alte Frau ging am Stock. Ihr dunkles Gesicht war von Runzeln durchzogen. Ihre Haende waren knotig. Der Ruecken gebeugt. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine schwarzen Schuerze. Beides war vom vielen Waschen und Trocknen in der Sonne grau geworden. Ueber den knochigen Schultern trug sie einen gehaekelten Schal. Sie stellte sich neben ein aelteres Ehepaar aus Brescia, Schiffbruechige, schaute die beiden an, dann ueber das Meer und hinueber zur Costa Concordia: „Das Meer ist unser Freund. Und das Meer ist unser Feind. Wir muessen zusammenhalten, wenn uns das Meer hin und wieder an den Kragen will. Aber eigentlich ist es ein gutes Meer. Nur die Menschen sind dumm. Und oft auch groessenwahnsinnig.“ Die Besatzung des Patrouillenbootes forderte Hubschrauber an, um die Passagiere zu retten, die sich ihrer Meinung nach noch an Bord der Costa Concordia befanden.

 

01.46 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Schliesslich erreichte man Kapitaen Schettino doch auf seinem Mobiltelefon. Das Gespraech war dramatisch laut und endete damit, dass Gregorio de Falco von der Hafenkommandatur in Livorno dem Kapitaen wuetend befahl: „Vada a bordo, cazzo!“ - „Kehren Sie an Bord zurueck, Sie Schwanz!“ Schettino blieb unbeeindruckt. Er kehrte nicht auf sein Schiff zurueck.

 

02.10 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

In der DDR aufwachsen hiess, auf die wichtigen Dinge, auf die wirklich wertvollen Gegenstaende aufzupassen. Sich mit allen Mitteln und Moglichkeiten vor ihrem Verlust zu schuetzen. Das war ihr in ihrer Kindheit und Jugend in Fleisch und Blut uebergegangen. So hatte sie auch im ganzen Chaos der Havarie, der verspaetet und unkoordiniert angelaufenen Evakuierung, des Ansturms auf die Rettungsboote, ihrer dramatischen Einschiffung in das kleine Boot, ihrer schweren Verletzungen und der beiden Ohnmachten, ihre Handtasche nicht aus den Fingern gelassen. Auch jetzt nicht. “Aiuto. Aiuto. Una barella. Subito. Pronto,” schrie der Schiffsjunge. Und noch einmal: „Una barella. Pronto.“ Als ob es jetzt noch um Minuten gegangen waere. Eigenartigerweise kamen zwei Pompieri, Feuerwehrmaenner, angelaufen. Mit einer einfachen Bahre. Die Sanitaeter waren offenbar anderswo beschaeftigt. Sie trugen Gummistiefel und gingen die Betonstufen hinab, die tief ins Wasser reichten. Der Schiffjunge und einige Passagiere halfen mit, Dora auf die Tragbahre zu heben. Es war mehr ein Rollen und Schieben als ein Heben. Dora schrie. „Quieto, signora, quieto. Un dottore ...“ hoerte sie noch, dann wurde sie wieder ohnmaechtig. So vorsichtig sie konnten, nahmen die beiden Maenner die Bahre auf und trugen sie ueber die Stufen nach oben. Dort stand ein rotlackierter Pickup. Sie packten die Tragebahre mit Dora auf die Ladeflaeche, befestigten sie mit einigen Gurten. Und los gings. Polizei, Feuerwehr und einige Maenner aus dem Dorf hatten schnell die verfuegbaren Zelte aufgebaut, die im Geraetehaus der Feuerwehr aufbewahrt wurden. Nicht unbedingt fuer Katastrophenfaelle diese Ausmasses. Aber doch auch. Jetzt war man froh, wenigsten einen Teil der Verletzten und Veraengstigten in den Zelten unterbringen zu koennen. Die kleine Dorfkirche war in kuerzerster Zeit voll gewesen. Auch in vielen Privathaeusern hatte man Schiffbruechige unterbringen koennen. Eine junge Frau beugte sich ueber Dora.

„Signora. Wachen Sie auf. Hoeren Sie mich?“ „Ja, ja. Ich bin schon wach. Ich habe nur meine Augen etwas ausgeruht.“

„Ich bin Dottoressa Giberti. Ich bin mit einem Patroullienboot auf die Insel heruebergekommen um hier mitzuhelfen und aerztliche Hilfe zu leisten.“

„Gut. Gut. Danke. Vielen Dank. Ich bin Dora Sommerlatt. Ich komme aus Berlin. Gut dass Sie hier sind.“

„Lassen Sie uns anfangen. Man hat mit gesagt, sie haetten sich etwas gebrochen. Stimmt das?“

„Ja, das stimmt. Ein ziemlich schweres Ehepaar sprang noch vom Deck in das Boot, als wir schon ganz weit unten waren. Sie sprangen direkt auf mich drauf. Da hat es geknackt.“ „So etwas verruecktes. Aber in solchen Situationen machen wir Menschen manchmal ganz verrueckte Dinge. Lassen Sie mich sehen. Nein. Zuerst spritze ich Ihnen ein schmerzstillendes Mittel. Das wirkt ganz schnell. Sie sind in Ohnmacht gefallen, wurde mir gesagt. Koennen Sie sich erinnern, wie oft?“ „Drei Mal, soweit ich mich erinnere. Ja. Drei Mal.“ „Haben Sie normalerweise Probleme mit dem Herz? Oder mit dem Kreislauf? Hohen Blutdruck?“

„Nein. Keines von allem. Ich war vor unserer Abreise noch beim Arzt. Alle Werte waren in Ordnung.“

„Gut ... sind Sie allergisch gegen bestimmte Medikamente?“ „Nein. Bisher nicht. Bitte, Dottoressa, koennen Sie mir helfen? Ich habe mein mobiles Telefon in der Kabine gelassen, bevor das ganze Chaos losging. Und jetzt habe ich keine Moeglichkeit, meinen Mann anzurufen. Er war mit auf dem Schiff. Wo kann ich hier telefonieren?“ „Also: Erst einmal die Spritze. Dann kuemmere ich mich um Ihre Brueche. Und dann koennen wir versuchen, Ihren Mann anzurufen. Jetzt im Moment koennen Sie ohnehin nichts tun. Und er auch nicht. Sie verstehen doch. Ueber 4000 Menschen. Die meisten sind unverletzt. Aber viele sind sehr durcheinander. Erst muessen wir uns um Sie kuemmern. Und dann finden wir Ihren Mann. Einverstanden? Dottoressa Giberti gab Dora die schmerzstillnde Spritze. Dann rief sie einer jungen Frau etwas zu. Die daraufhin verschwand. Nach kurzer Zeit kam sie zurueck, mit einem langen Karton auf einer Schulter. Sie oeffnete den Karton und wartete auf Anweisungen der Aerztin. Frau Giberti hatte erst das lange Kleid bis zu Doras Huefte geschoben und vorsichtig das Bein abgetastet. „Gute Beine haben Sie. Bravo. Aber leider ist das rechte Bein gebrochen. Der Oberschenkel. Aber das wissen Sie ja bereits. Der Bruch fuehlt sich glatt an. Wie glatt, muessen die Roentgenbilder zeigen. Ich kann Ihnen jetzt nur zwei leichte, aber sehr feste Schalen anlegen und einen Tapeverband machen. Mit ihrem gebrochenen Arm machen wir es dann genauso. Das wird wehtun. Trotz der Spritze. Ich sage Ihnen das lieber gleich. Damit Sie sich keine falschen Vorstellungen machen. Und damit Sie nicht zu sehr auf die mangelnde Kunstfertigkeit italienischer Aerztinnen schimpfen.“ Sie wandte sich an die junge Frau, die aus dem Karton die beiden angekuendigten Schalen holte und sie ihrer Chefin reichte. Sie waren lang und reichten von knapp unterhalb des Schritts bis zur Wade. Eine von unten. Die andere von oben. Dann die Rollen mit dem elastischen Verbandstape. Die Dottoressa war ausgesprochen geschickt. Es dauerte nicht lange, bis die Stuetzschalen angelegt und verpflastert waren. Das Fussgelenk und die Zehen blieben frei. Beides konnte sie bewegen. Wenigstens das. „Sie waren tapfer, meine Liebe. Hat es sehr wehgetan?“ „Ja, schon. Zwischendurch immer wieder einmal. Aber es war auszuhalten. Sie wissen das vielleicht nicht: Aber wir Preussen sind wie die Indianer – wir kennen keine Schmerzen.“ Beide Frauen lachten.

 

02.30 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Noch 200 bis 300 Menschen wuerden sich – unterschiedlichen Quellen zufolge – an Bord des Schiffes befinden. Vier Stunden nach dem Beginn der Evakuierung von Deck 4! Und dreieinhalb Stunden nach dem Evakuierungsbefehl fuer das ganze Schiff. Verschiedene Medien berichteten von zwei Toten.

 

03.05 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Ein Patrouillenboot der Guardia di Finanza meldete, dass sich drei Tote und fuenf Verletzte an Bord der Costa Concordia befinden wuerden.

 

04.30 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Die Rettungsaktion wurde vorlaeufig eingestellt. Ein Taxifahrer berichtete, er habe Kapitaen Schettino am Morgen zu einem Hotel gefahren. „Er sah aus wie ein gepruegelter Hund. Er fror und hatte Angst.“

 

06.00 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Es wurde von bis zu acht Toten geredet.

 

06.50 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Seit Sonnenaufgang bemuehten sich Rettungsmannschaften erneut, vermisste Passagiere aufzuspueren.

 

10.00 Uhr, Samstag 14. Januar 2012

Neue Zahlen lagen vor. Die Zahl der Todesopfer wurde von den Behoerden nach unten korrigiert:

Von drei Toten und 14 Verletzten war jetzt die Rede. Es wuerden sich noch immer Menschen auf der Costa Concordia befinden, hiess es. Ueber die Zahl der Vermissten konnten keine genauen Angaben gemacht werden.

12.00 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Offiziell wurden bis zu diesem Zeitpunkt 4179 Personen als gerettet registriert. Bereits zu diesem Zeitpunkt war klar, dass sich noch Menschen im havarierten Schiff befanden. Durch die starke Schraeglage der Costa Concordia und die Tatsache, dass viele Raeume im Inneren des Schiffs voll Wasser standen, war die Arbeit der Rettungstaucher extrem schwierig und ging deshalb auch nur verhaeltnusmaessig langsam voran. Auch musste damit gerechnet werden, dass der Schiffskoerper von der Felsbank abrutschte und tiefer im Meer versank. Hoechste Vorsicht war geboten.

 

14.15 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Es war empfindlich kalt in dem Zelt. Fest in eine Decke gepackt, lag Dora auf dem schmalen Feldbett. Neben ihr sass eine aeltere Dame, eine Deutsche aus Bergisch-Gladbach, ebenfalls in eine Decke gewickelt. Von ihr durfte sie das Handy ausleihen. Mehrmals versuchte Dora, Markus zu erreichen. Ohne Erfolg. Aber schliesslich hatte sie ihre Mutter am Apparat. Dora berichtete in knappen Worten. Ja, sie lebte. Ja, sie war verletzt. Brueche. Schmerzhaft, aber weiter nicht gefaehrlich. Sie bat die Mutter, beim Aussenministerium Erkundigung ueber Markus einzuholen. Ihr Vater und ihre Mutter wollten sofort nach Italien kommen. Dora zoegerte. Dann stimmte sie zu. Dann zoegerte sie wieder. Sie war total verunsichert und tat sich schwer, sich zu entscheiden. Schliesslich lehnte sie ab. Sie bat die Mutter herauszufinden, ob sie ausgeflogen werden koennte. Und ob das von ihrer ADAC-Reiseversicherung bezahlt werden wuerde. Die Mutter versprach, sich sofort darum zu kuemmern.

 

14.57 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Dora wurde mit einem Boot in den Hafen von Civitavecchia gebracht und von dort mit einer Ambulanz ins Krankenhaus, das Casa Di Cura Siligato. Es ging zu wie in einem Taubenschlag. Viele Passagiere der Costa Concordia waren zur aerztlichen Behandlung hierher gebracht worden. Sie musste warten. Spaeter nahmen ihr ein Arzt und ein Helfer die Schalen ab. „Wer es auch immer war: gut gemacht“, merkte der Arzt an. Sie wurde zum Roentgen gefahren. Deutlich konnte man auf dem Bild den Bruch des Oberschenkelknochens sehen. Er war wirklich so glatt, wie Dottoressa Giberti prognostiziert hatte. Auf der zweiten Aufnahme waren der Bruch von Speiche und Elle zu sehen. Der Bruech lag ziemlich genau zwischen Doras Ellenbogen und ihrer Hand. „Gnaedige Frau. Ich kann Sie beruhigen: Mit dem gebrochenen Unterarm haben wir keine Probleme. Sehen Sie selbst: Glatt durchgebrochen. Nichts verschoben, die Achse nicht geknickt. Wie ein Stueck Holz. Verzeihen Sie den Vergleich. Aber Ihr Oberschenkelknochen. Der muss genagelt werden: Entweder hier bei uns. Oder in Deutschland. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie bei uns aerztlich bestens behandelt werden. Aber Sie muessen schon einige Tage bei uns bleiben. Und Sie wissen ja, welch eine wichtige Rolle die Angehoerigen eines Patienten in italienischen Krankenhaeusern spielen. Haben Sie jemanden in Civitavecchia, der sich um Sie kuemmern wuerde?“

„Vielen Dank fuer die Informationen, Dottore. Nein, ich kenne niemanden hier – weder in der Stadt noch sonstwo in Italien. Ich bin Berlinerin. Ich bin in Berlin-Mitte in der Charieté zur Welt gekommen. Und ich moechte auch, dass dort mein Bein operiert wird.“ Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie, heisst das heute. Aber es ist noch immer ihre Charité.

„Selbstverstaendlich, gnaedige Frau. Die Chariete ... Dann muessen wir jetzt ganz besonders gute Arbeit leisten, damit die Kollegen in Berlin nicht auf die Idee kommen, wie hier in Italien ...“ Der Bruch ihres Arms wurde sorgfaeltigst eingerichtet und durch einen Gipsverband ruhiggestellt. Vier bis sechs Wochen muesse sie ihn tragen. Hatte der italienische Arzt gesagt. Das gebrochene Bein wurde gewaschen und mit einer aetherisch riecheden Fluessigkeit eingerieben. Dann legte man ihr neue Schienen an. Im Prinzip die gleichen wie vorher. Aber etwas weiter und kuerzer. Und dadurch etwas bequemer. Es dauerte nicht lange, dann lag Dora auf einem Krankenbett in einem Saal. Zusammen mit sieben anderen Patientinnen. Ihr rechtes Bein hing mit Hilfe eines Drahtseils an einer Art Galgen aus verchromtem Rohr. Das Seil lief ueber Rollen, sodass die Lage des geschienten Beines in der Hoehe verstellt werden konnte.

 

18.10 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Doras Mutter rief zurueck: Der ADAC wuerde die Kosten uebernehmen. Im Moment gaebe es Probleme mit den Rueckfuehrungsflugzeugen. Es gab nach der Schiffskatastrophe einfach zuviele Anfragen auf einmal. Der Rueckflug war geplant fuer Sonntag, 11.00 Uhr. Vorerst nur bis Muenchen Franz-Josef-Strauss. Bis zur Ankunft in Muenchen waere die Sache mit dem Weiterflug nach Berlin geklaert. „Ist schon eine Supersache mit dem ADAC, was?“, sagte sie. „Ja, schon. Das war wirklich etwas Gutes, was da aus dem Westen auf uns zukam. Wenigstens was.“ „Mutter ...“ Weder das Aussenministerium in Berlin noch die deutsche Botschaft in Rom, noch das deutsche Konsulat in Florenz wussten etwas ueber den Verbleib vor Markus. Auf der Liste der geretteten Schiffsbruechigen stand er bislang nicht.

17.32 Uhr, Samstag der 14. Januar 2012

Die drei identifizierten Leichen waren zwei Passagiere aus Frankreich und ein Mann aus Persu, ein Mitglied der Schiffsbesatzung. Das deutsche Aussenministerium rechnete nicht mit Opfern aus Deutschland.

Schettino wurde festgenommen. Er wurde stundenlang verhoert. Die Staatsanwaltschaft hatte ihre Ermittlungen aufgenommen. Sie warf Schettino fahrlaessige Toetung, das Herbeifuehren einer Havarie und das Verlassen seines Schiffes vor Abschluss der Evakuierung vor.

Es wurde untersucht, ob er unter Alkohol- und/oder Drogeneinfluss stand. In seinen Haaren wurden kleinste Spuren von Kokain gefunden.

Ciro Ambrosio, der Erste Offizier, und weitere fuehrende Mitglieder der Schiffsbesatzung wurden beschuldigt, das Schiff verlassen zuhaben, obwohl sich noch Passagiere an Bord befanden.

 

2006

 

14.56 Uhr, Samstag der 14. Januar 2006

Dora hatte ihren Eltern versprochen, zusammen mit ihnen uebers Wochenende nach Wandlitz hinauszufahren. Wandlitz liegt im Norden Berlins, etwa 30 Kilometer entfernt, am Wandlitzer See. In DDR-Zeiten hatten dort die Parteibonzen ihre Refugien. Doras Eltern waren weit entfernt davon gewesen, Bonzen zu sein. Aber noch immer schwang etwas von der alten Liebe zum Regime und zur alten DDR mit, als sie in Seenaehe ein Wochenendhaeuschen mieteten. Eine Datsche eben. Dahin wollte die drei fahren, etwas wandern und – wenn das Wetter danach war – im See schwimmen. Von Zeit zu Zeit verbrachte sie gerne einen oder zwei Tage mit ihren Eltern.

Sie waren schon am Freitag Nachmittag gefahren, hatten einen gemuetlichen Abend vor dem Haeuschen verbracht, gegessen und getrunken und natuerlich wieder einmal ueber die alten Zeiten gesprochen. Am Samstag Vormittag schlug das Wetter um. Von Norden kamen dichte, schwarze Wolken und gegen elf Uhr peitschten heftige Regenschauer gegen das Panoramafenster des Haeuschens. „Viel Fenster, aber kein Panorama“, bemerkte ihr Vater. Sie lachten. Der See war hinter dem Regenvorhang verschwunden. Es wurde ungemuetlich. Die drei beschlossen aufzuraeumen und ihre Sachen zu packen. „Man muss es nehmen, wie es kommt“, sagte er der Vater. Er hatte zu jeder Gelegenheit einen passenden Spruch drauf. Aber er hatte ja Recht. Was sollten sie sich gross ueber das Wetter aufregen. Sie fuhren zurueck nach Ostberlin. Dora stieg vor der elterlichen Wohnung in ihren schwarzen Mini und fuhr gleich weiter nach Caputh. Kurz vor 15.00 Uhr stellte sie ihr Auto hinter den Audi, das Auto von Markus.

Sie sperrte die Haustuere auf und zoegerte. Irgendetwas war anders. Und roch anders. Und fuehlte sich anders an. „Markus“, rief sie. „Markus“. Erst konnte sie nichts hoeren. Dann ein unterdruecktes Fluestern. Leise Schritte. Da ging jemand auf Zehenspitzen. „Hallo. Ist da jemand? Markus? Bist Du da oben?“ Die Geraeusche waren verstummt. Nichts ruehrte sich. Niemand antwortete. Sie ging die Treppe hinauf in den ersten Stock und auf die Schlafzimmertuere zu.

Gerade als sie Klinke in die Hand nehmen wollte, wurde die Tuere von innen aufgerissen. Ein Mann starrte sie entsetzt an. Er trug einen Slip. Ein Buendel Kleidung unter einen Arm geklemmt. Ein paar Schuhe in der Hand. Die freie Hand auf der Klinke. Noch immer starrte er auf Dora. Dora starrte zurueck. Er mochte 32 oder 34 Jahre alt sein. „Hat einen guten Koerper“, dacht sie. Noch ehe sie den Mund aufmachen konnte, stiess er sie beiseite. Machte ein paar Schritte. Lief zur Treppe und rannte die Stufen hinunter. Dann hoerte sie die Geraeusche, die jemand macht, wenn er sich ganz schnell anzieht. Wenige Minten nur, dann hoerte sie, wie die Tuere geoeffnet und gleich wieder zugeschlagen wurde.

„Das ist wie im Film“, durchzuckte sie ein Gedanke. „Das passiert nicht wirklich. Das ist nur Kino.“ Dann erwachte sie aus ihrer Starre. Sie stuerzte ins Schlafzimmer. Markus sass auf einer Bettkante. Nackt. Die Scham mit einem Kopfkissen bedeckt. Auf dem Tisch neben dem Bett standen Flaschen und Glaeser. Ein halbvoller Aschenbecher. Mehrere Raeucherstaebchen verbreiteten einen unangenehm suesslichen Duft. Kleidungsstuecke lagen auf dem Boden verstreut. Dora begann urploetzlich zu schreien. Und alle Kraftausdruecke, die sie waehrend ihrer Ost- und Westberliner Jahre aufgeschnappt hatte, ergossen sich aus ihrem Mund. Ergossen sich auf Markus. Der sass wie in Stein gemeiselt da. Er liess sie fuer keinen Moment aus den Augen.

„Oh, du Flachwichser. Du riesengrosses Arschloch, du. Warum tust du mir das bloss an? Du schwules Arschloch. Kein Mensch haette sich darum gekuemmert, wenn du dich nicht so verstellt haettest. Warum hast du so ein Geheimnis daraus gemacht? Wer hat dich gezwungen, zu heiraten? Mich zu heiraten? Ach du Arschficker. Du Mastdarmvergolder. Aaaaccchh, du Schwanzlutscher. Mir ekelt vor dir. Kein bisschen Mut gehabt, dich zu outen, was? So abgrundtief feige. Und so abgrundtief verlogen. Da zeigt sich, was fuer ein charakterloser Feigling du bist. Seit wann weisst du eigentlich, dass du schwul bist? Wann hast du mit dieser Maennerfickerei angefangen. Schon vor mir? Oder erst nach der Hochzeit? Wie hast du dich die ganze Zeit ueber nur so verstellen koennen? Oder kommst du grundsaetzlich jedesmal, wenn irgendetwas an deinem Schwanz reibt? Egal wer und was das ist? Und all das Liebesgefluester? Was war denn damit? Alles erlogen und erstunken? Oder bist du bisexuell? Sags doch. Gibs doch zu. Das macht es auch nicht mehr schlimmer. Ja, schlimm. Du magst beides. Maenner und Frauen. Schwaenze und Moesen. Hast du mich nur zum Schein geheiratet? Damit du dein Schwulsein verstecken kannst? Schmier dir doch die ganze Schwulenscheisse ins Haar. Und schlag ein Ei darueber. Ich werde dich dafuer buessen lassen. Bluten lassen. Auf jeden Fall. Das wirst du mir zurueckzahlen. Das garantiere ich dir. Das wirst du mir teuer bezahlen. Oder ich ziehe um die Haeuser und erzaehle jedem, der es wissen will und auch denen, die es nicht wissen wollen, dass du ein schwules Arschloch bist. Ein verheirateter Schwuler. Mit mir verheiratet. Deinem Geschaeftspartner erzaehle ich es zuerst. Der wird Augen machen. Dann deinen Kunden. Deinen Eltern. Meinen Eltern. Und dass du mich ueber all die Jahre angelogen hast. Ohne dabei auch nur rot zu werden. Bis heute. Das erzaehle ich ihnen. Unglaublich ist das. Was denkst du, wie all die Leute darauf reagieren werden? Auf diese Nachricht. Oder wissen das vielleicht schon alle? Schon lange? Nur ich nicht? Ich dumme Kuh? Ich bin mit einem Schwulen verheiratet und merke es nicht. Nun, raus mit der Sprache. Mach endlich den Mund auf und sage was dazu.“

„Was soll ich dazu sagen, wenn du einen Dreckskuebel nach dem anderen ueber mir ausleerst. Und mir ein Ding nach dem anderen um die Ohren haust.“

„Red nicht lange darum herum. Sag endlich, was los ist und antworte auf meine Fragen.“

„Du weisst ja ohnehin schon alles. Ja, ich habe dich belogen. Ja, ich habe dich betrogen. Nein. Als wir geheiratet haben, wusste ich nicht, dass ich homosexuell bin.“

„Homosexuell? Schwul bist du. Ganz einfach nur gemein und schwul.“

„Dora. Du musst das nicht so in den Dreck ziehen. Ich bin nicht asozial oder kriminell. Ich bin schlicht und ergreifend homosexuell veranlagt. Diese Veranlagung wurde mir erst klar, als ich Klaus kennenlernte. Ehrlich. Vorher hatte ich keine Ahnung davon.“ „Klaus. Klaus. Es interessiert mich einen Dreck, wie deine Liebhaber heissen. Aber es interessiert mich natuerlich, wann du mit der ganzen Sauerei und mit der Heimlichtuerei angefangen hast. Und wie du ueberhaupt auf die Idee kommen konntest, ihn in unser Haus zu lassen? In unser Schlafzimmer. In unser Ehebett?“ „Ich kann jetzt nicht darueber reden. Ich fuehle mich ganz schlecht. Ich habe Nierenschmerzen. Ich glaube, ich werde gleich eine Kolik bekommen.“

„Du mit deinen mitleiderregenden Allerweltskoliken. Schmerzen. Schreie. Die Augen verdrehen. Den Notarzt rufen. Eine Spritze in den Arsch. Und dann entspannen. Ueber allem ist dann wieder Ruh. So laeuft das doch bei dir, oder? Eine feine Tour, den Problemen aus dem Weg zu gehen. Deine Steine fangen seltsamerweise immer dann an zu wandern und wehzutun, wenn du in Schwulitaeten bist. Wahrscheinlich sind deine Harnleitersteine auch schwul. Sind sie das?“

„Ach hoer doch auf mit diesem Unsinn. Du weisst ganz genau, wann ich Koliken bekomme.“ Lass mich jetzt niederlegen und ein wenig ausruhen. Ich bin wie erschlagen. Lass uns spaeter weiterreden. Bitte.“

„ Du kommst mir nicht aus. Das verspreche ich dir. Nimm das Bett im Gaestezimmer. Hier, in diesem Zimmer, moechte ich dich nicht mehr sehen. Nie mehr.“

„OK. OK. Wie du willst. Ich mach dir einen Vorschlag: Es ist jetzt kurz nach drei. Lass uns um fuenf Uhr von hier weggehen. Hinunter ans Wasser. Den Weg nach Ferch. Dann koennen wir vielleicht in der Kate etwas essen. Und anschliessend mit dem Bus oder einem Taxi zurueckfahren. Was haeltst du davon?“ „ Meinetwegen. Aber glaube nicht, dass damit irgendetwas besser geworden ist. Ich gebe dir nur nach, damit du dich ein wenig erholen kannst. Damit du mir hinterher Rede und Antwort stehen kannst.“ „Gut. Danke. Bis fuenf.“

 

15.20 Uhr, Samstag, 14. Januar 2006

Selbstverstaendlich kam Markus nicht zur Ruhe. Sein Denken wurde ueberwaeltigt von Wogen wilder Strudel, von Stuermen und Ausbruechen wirrer Erinnerungen. Von wild aufblitzenden Gedanken und Bildern. Die sich ineinander verklumpten. Aneinander zerrten. Sich fingen. Sich ueberlagerten und wie rotgluehende Lavamassen sich ihre eigenen Wege bahnten und schmerzhafte Spuren in sein Gehirn brannten. Er war nahe daran, in unzaehlige Einzelteile zu explodieren. So kam es ihm vor.

Er lag auf dem Gaestebett. Auf der rechten Koerperseite. Die Beine nahe an den Koerper herangezogen. Den Kopf tief ins Kissen gedrueckt. Die linke Hand unter das Kissen geschoben. Die Embryohaltung. Ein Embryo waere er jetzt gerne gewesen. Ungeboren. Geschuetzt im Mutterleib. Statt dessen lag er im Gaestezimmer seines eigenen Hauses. Ertappt. Zutiefst beschaemt. Zutiefst verunsichert. Zutiefst veraengstigt. Sie hatte ja Recht. Er konnte Dora verstehen. Fuer sie muss vor wenigen Minuten die Welt zusammengebrochen sein. Ihre Welt. Ihr bisheriges Leben. Ihre Ehe. Ihre gutbuergerliche Existenz. Und er konnte ihren Ausbruch verstehen. Das Emotionalste, das er je erlebt hatte. Das ihn betraf. Und was er ausgeloest hatte. Und davor hatte er immer Angst gehabt. Eine Riesenangst. Eine Scheissangst. So uebermaechtig, dass er nie auch nur daran zu denken gewagt hatte: Ihr seine homosexuellen Orientierung zu beichten. Homosexualitaet war nie ein Thema in ihrer Ehe gewesen. Jetzt war es heraus. Auf die denkbar schlechteste, auf die denkbar mieseste, auf die denkbar laecherlichste Art, die er sich je haette ausmalen koennen. Dora hatte ihn zusammen mit Klaus im ehelichen Bett ueberrascht. In flagranti, sozusagen. Das war an Peinlichkeit durch nichts mehr ueberbieten. Fuer alle. Und was sie fuer eine Wut auf ihn hatte. Und wie sie ihn beschimpft hatte. Und was sie ihm angedroht hatte. Jetzt kam offenbar genau das auf ihn zu, wovor er von Anfang an die meiste Angst hatte: Dass das mit seiner homosexuellen Veranlagung herauskommen koennte. Ach, was heisst hier Veranlagung? Er war da gewissermassen hineingeschlittert. Vielleicht sogar hinein verfuehrt worden. Quatsch. Verfuehrt? Er war ein erwachsener Mann. Ohne Vorgeschichte in dieser Richtung. Es war eine seiner fundamentalsten Ueberzeugungen, dass jeder Mensch fuer jede seiner Handlungen verantwortlich ist. Immer und ueberall. Dass jede Handlung auf einer Entscheidung basierte. Auf einer Entscheidung, bei der sich jeder fuer oder gegen etwas entscheiden konnte. Er konnte vom ersten Moment an abschaetzen und dann entscheiden, was es fuer sein Leben bedeutete, als er dem Kitzel des Fremden nachgab, des exotischen. Triebhaftigkeit ist die eine Sache. Eine Abschaetzung der Folgen eine andere. Und die moeglicherweise notwendige Herrschaft ueber die Triebe, eine dritte. Nicht unbedingt einfach. Aber die Voraussetzung dafuer, sein Leben selbst zu gestalten. Und die Gestaltung nicht einer unkontrollierten Lustmaschine zu ueberlassen.

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