Kritik des Herzens

Wilhelm Busch · Anhang

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Kritik des Herzens

Kritik des Herzens

 

von

 

W i l h e l m B u s c h

 

Dreizehnte Auflage

 

München

 

Verlag von Fr. Bassermann

 

1914

 

Druck von Knorr & Hirth

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Es wohnen die hohen Gedanken

In einem hohen Haus.

Ich klopfte, doch immer hieß es:

Die Herrschaft fuhr eben aus!

 

Nun klopf ich ganz bescheiden

Bei kleineren Leuten an.

Ein Stückel Brod, ein Groschen

Ernähren auch ihren Mann.

 

Sei ein braver Biedermann,

Fange tüchtig an zu loben!

Und du wirst von uns sodann

Gerne mit empor gehoben.

 

Wie, du ziehst ein schiefes Maul?

Willst nicht, daß dich andre adeln?

Na, denn sei mir nur nicht faul

Und verlege dich auf's Tadeln.

 

Gelt, das ist ein Hochgenuß,

Schwebst du so mit Wohlgefallen

Als ein selger Kritikus

Hocherhaben über Allen.

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

Er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

Die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher

Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich keine Zeit verlieren,

Will noch ein wenig quinquiliren

Und lustig pfeifen wie zuvor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

 

Ich kam in diese Welt herein,

Mich baß zu amüsiren,

Ich wollte gern was Rechtes sein

Und mußte mich immer geniren.

Oft war ich hoffnungsvoll und froh

Und später kam es doch nicht so.

 

Nun lauf ich manchen Donnerstag

Hienieden schon herummer,

Wie ich mich drehn und wenden mag,

's ist immer der alte Kummer.

Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust

Das rothe Ding in meiner Brust.

Der Hausknecht in dem »Weidenbusch«

Zu Frankfurt an dem Main,

Der war Poet, doch immer kurz,

Denn wenig fiel ihm ein.

 

Ja, sprach er, Freund, wir leben jetzt

In der Depeschenzeit,

Und Schiller, käm er heut zurück,

Wär auch nicht mehr so breit.

 

Die Selbstkritik hat viel für sich.

Gesetzt den Fall, ich tadle mich;

So hab ich erstens den Gewinn,

Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,

Der Mann ist lauter Redlichkeit;

Auch schnapp ich drittens diesen Bissen

Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff ich außerdem

Auf Widerspruch, der mir genehm.

So kommt es denn zuletzt heraus,

Daß ich ein ganz famoses Haus.

 

Es kam ein Lump mir in die Quer

Und hielt den alten Felbel her.

Obschon er noch gesund und stark,

Warf ich ihm dennoch eine Mark

Recht freundlich in den Hut hinein.

Der Kerl schien Philosoph zu sein.

Er sprach mit ernstem Bocksgesicht:

Mein Herr, Sie sehn, ich danke nicht.

Das Danken bin ich nicht gewohnt.

Ich nehme an, Sie sind gescheidt

Und fühlen sich genug belohnt

Durch Ihre Eitelkeit.

Die Rose sprach zum Mägdelein

Ich muß dir ewig dankbar sein,

Daß du mich an den Busen drückst

Und mich mit deiner Huld beglückst.

 

Das Mädchen sprach: O, Röslein mein,

Bild dir nur nicht zu viel drauf ein,

Daß du mir Aug und Herz entzückst.

Ich liebe dich, weil du mich schmückst.

 

Man wünschte sich herzlich gute Nacht;

Die Tante war schrecklich müde;

Bald sind die Lichter ausgemacht,

Und alles ist Ruh und Friede.

 

Im ganzen Haus sind nur noch zween,

Die keine Ruhe finden,

Das ist der gute Vetter Eugen

Mit seiner Base Lucinden.

 

Sie wachten zusammen bis in der Früh,

Sie herzten sich und küßten.

Des Morgens beim Frühstück thaten sie,

Als ob sie von Nichts was wüßten.

 

Mein Freund, an einem Sonntag Morgen,

Thät sich ein hübsches Röss'lein borgen.

Mit frischem Hemd und frischem Muthe,

In blanken Stiefeln, blankem Hute,

Die Haltung stramm und stramm die Hose,

Am Busen eine junge Rose,

So reitet er durch die Alleeen,

Wie ein Adonis anzusehen.

Die Reiter machen viel Vergnügen,

Wenn sie ihr stolzes Roß bestiegen.

 

Nun kommt da unter sanftem Knarren

Ein milchbeladner Eselskarren.

Das Röss'lein, welches sehr erschrocken,

Fängt an zu trappeln und zu bocken,

Und, hopp, das war ein Satz ein weiter!

Dort rennt das Roß, hier liegt der Reiter,

Entfernt von seinem hohen Sitze,

Platt auf dem Bauche in der Pfütze.

 

Die Reiter machen viel Vergnügen,

Besonders, wenn sie drunten liegen.

 

Du fragtest mich früher nach mancherlei.

Ich sagte dir Alles frank und frei.

Du fragtest, wann ich zu reisen gedächte,

Welch ein Geschäft ich machen möchte.

Ich sagte dir offen: dann und dann;

Und gab dir meine Pläne an.

Oft hat die Reise mir nicht gepaßt;

Dann nanntest du mich 'n Quirlequast.

Oft ging's mit dem Geschäfte krumm;

Dann wußtest du längst, es wäre dumm.

Oft kamst du mir auch mit List zuvor;

Dann schien ich mir selber ein rechter Thor.

Nun hab ich, weil mich dieses gequält,

Mir einen hübschen Ausweg erwählt.

Ich rede, wenn ich reden soll,

Und lüge dir die Jacke voll.

 

Kennt der Kerl denn keine Gnade?

Soll er uns mit seiner Suade,

Durch sein breites Expliciren,

Schwadroniren, Disputiren,

Soll er uns denn stets geniren,

Dieser säuselnde Philister,

Beim Genuß des edlen Weins?

Pump ihn an, und plötzlich ist er

Kurz und bündig wie Glock Eins.

 

Mich wurmt es, wenn ich nur dran denke. —

Es saß zu München in der Schenke

Ein Protz mit dunkelrother Nase

Beim elften oder zwölften Glase.

Da schlich sich kümmerlich heran

Ein armer alter Bettelmann,

Zog vor dem Protzen seinen Hut

Und fleht: Gnä Herr, ach sein S' so gut!

Der Protz jedoch, fuchsteufelswild,

Statt was zu geben, flucht und schilt:

Gehst raus, Du alter Lump, Du schlechter!

Nix möcht' er, als grad saufen, möcht' er!

 

Ich habe von einem Vater gelesen;

Die Tochter ist beim Theater gewesen.

Ein Schurke hat ihm das Mädchen verdorben,

So daß es im Wochenbette gestorben.

Das nahm der Vater sich tief zu Gemüthe.

Und als er den Schurken zu fassen kriegte,

Verzieh er ihm nobel die ganze Geschichte.

Ich weine ob solcher Güte.

 

Laß doch das ew'ge Fragen,

Verehrter alter Freund!

Ich will von selbst schon sagen,

Was mir von Nöthen scheint.

 

Du sagst vielleicht dagegen:

Man fragt doch wohl einmal.

Gewiß! Nur allerwegen

Ist mir's nicht ganz egal.

 

Bei deinem Fragestellen

Hat eines mich frappirt:

Du fragst so gern nach Fällen,

Wobei ich mich blamirt.

 

Vor Jahren waren wir mal entzweit

Und taten uns Manches zum Torte;

Wir sagten uns beide zu jener Zeit

Viel bitterböse Worte.

 

Drauf haben wir uns in einander geschickt;

Wir schlossen Frieden und haben

Die bitterbösen Worte erstickt

Und fest und tief begraben.

 

Jetzt ist es wirklich recht fatal,

Daß wieder ein Zwist nothwendig.

O weh! die Worte von dazumal

Die werden nun wieder lebendig.

 

Die kommen nun erst in offnen Streit

Und fliegen auf alle Dächer;

Nun bringen wir sie in Ewigkeit

Nicht wieder in ihre Löcher.

 

Ich meine doch, so sprach er mal,

Die Welt ist recht pläsirlich.

Das dumme Geschwätz von Schmerz und Qual

Erscheint mir ganz ungebührlich.

 

Mit reinem kindlichem Gemüth

Genieß ich, was mir beschieden,

Und durch mein ganzes Wesen zieht

Ein himmlischer Seelenfrieden. —

 

Kaum hat er diesen Spruch gethan,

Aujau! so schreit er kläglich.

Der alte hohle Backenzahn

Wird wieder mal unerträglich.

 

Es saßen einstens beieinand

Zwei Knaben, Fritz und Ferdinand.

Da sprach der Fritz: Nun gib mal Acht,

Was ich geträumt vergangne Nacht.

Ich stieg in einen schönen Wagen,

Der Wagen war mit Gold beschlagen.

Zwei Englein spannten sich davor,

Die zogen mich zum Himmelsthor.

Gleich kamst du auch und wolltest mit

Und sprangest auf den Kutschentritt,

Jedoch ein Teufel schwarz und groß

Der nahm dich hinten bei der Hos

Und hat dich in die Höll getragen.

Es war sehr lustig, muß ich sagen. —

So hübsch nun dieses Traumgesicht,

Dem Ferdinand gefiel es nicht.

Schlapp! schlug er Fritzen an das Ohr,

Daß er die Zippelmütz verlor.

Der Fritz, der dies verdrießlich fand,

Haut wiederum den Ferdinand;

Und jetzt entsteht ein Handgemenge,

Sehr schmerzlich und von großer Länge. —

So geht durch wesenlose Träume

Gar oft die Freundschaft aus dem Leime.

 

Er stellt sich vor sein Spiegelglas

Und arrangirt noch dies und das.

Er dreht hinaus des Bartes Spitzen,

Sieht zu, wie seine Ringe blitzen,

Probirt auch mal, wie sich das macht,

Wenn er so herzgewinnend lacht,

Uebt seines Auges Zauberkraft,

Legt die Cravatte musterhaft,

Wirft einen süßen Scheideblick

Auf sein geliebtes Bild zurück,

Geht dann hinaus zur Promenade

Umschwebt vom Dufte der Pomade,

Und ärgert sich als wie ein Stint,

Daß andre Leute eitel sind.

 

Wenn Alles sitzen bliebe,

Was wir in Haß und Liebe

So von einander schwatzen;

Wenn Lügen Haare wären,

Wir wären rauh wie Bären

Und hätten keine Glatzen.

 

Ein dicker Sack, — den Bauer Bolte,

Der ihn zur Mühle tragen wollte,

Um auszuruhn, mal hingestellt

Dicht an ein reifes Aehrenfeld —

Legt sich in würdevolle Falten

Und fängt 'ne Rede an zu halten.

Ich, sprach er, bin der volle Sack.

Ihr Aehren seid nur dünnes Pack.

Ich bin's, der euch auf dieser Welt

In Einigkeit zusammenhält.

Ich bin's, der hoch von Nöthen ist,

Daß euch das Federvieh nicht frißt;

Ich, dessen hohe Fassungskraft

Euch schließlich in die Mühle schafft.

Verneigt euch tief, denn ich bin Der!

Was wäret ihr, wenn ich nicht wär?

Sanft rauschen die Aehren:

Du wärst ein leerer Schlauch, wenn wir nicht wären.

 

Wirklich, er war unentbehrlich!

Ueberall, wo was geschah

Zu dem Wohle der Gemeinde,

Er war thätig, er war da.

 

Schützenfest, Kasinobälle,

Pferderennen, Preisgericht,

Liedertafel, Spritzenprobe,

Ohne ihn da ging es nicht.

 

Ohne ihn war nichts zu machen,

Keine Stunde hatt' er frei.

Gestern, als sie ihn begruben,

War er richtig auch dabei.

 

Sehr tadelnswerth ist unser Thun,

Wir sind nicht brav und bieder. —

Gesetzt den Fall, es käme nun

Die Sündfluth noch mal wieder.

 

Das wär ein Zappeln und Geschreck!

Wir tauchten alle unter;

Dann kröchen wir wieder aus dem Dreck

Und wären, wie sonst, recht munter.

 

Was ist die alte Mamsell Schmöle

Für eine liebe treue Seele!

Sie spricht zu ihrer Dienerin:

Ach, Rieke, geh Sie da nicht hin!

Was will Sie da im goldnen Löben

Heut Abend auf und nieder schweben?

Denn wedelt nicht bei Spiel und Tanz In Summa braucht sie Herzensgüte,

Der Teufel fröhlich mit dem Schwanz?

Und überhaupt, was ist es nütz?

Sie quält sich ab, Sie kommt in Schwitz,

Sie geht hinaus, erkältet sich

Und hustet dann ganz fürchterlich.

Drum bleibe Sie bei mir nur lieber!

Und, Rieke, geh Sie mal hinüber

Und hole Sie von Kaufmann Fräse

Ein Viertel guten Schweizerkäse,

Und sei sie aber ja ja ja

Gleich zur Minute wieder da!

So ist die gute Mamsell Schmöle

Besorgt für Riekens Heil der Seele.

Ja später noch, in stiller Nacht,

Ist sie auf diesen Zweck bedacht

Und schleicht an Riekens Kammerthür

Und schaut, ob auch die Rieke hier,

Und ob sie auch in Frieden ruht

Und daß ihr ja nicht wer was thut,

Was sich nun einmal nicht gehört,

Was gottlos und beneidenswerth.

 

Es wird mit Recht ein guter Braten

Gerechnet zu den guten Thaten;

Und daß man ihn gehörig mache,

Ist weibliche Charaktersache.

Ein braves Mädchen braucht dazu

Mal erstens reine Seelenruh,

Daß bei Verwendung der Gewürze

Sie sich nicht hastig überstürze.

Dann zweitens braucht sie Sinnigkeit,

Ja, so zu sagen, Innigkeit,

Damit sie alles appetitlich,

Bald so, bald so und recht gemüthlich

Begießen, drehn und wenden könne,

Daß an der Sache nichts verbrenne.

Ein sanftes Sorgen im Gemüthe,

Fast etwas Liebe insofern,

Für all die hübschen, edlen Herrn,

Die diesen Braten essen sollen

Und immer gern was Gutes wollen.

Ich weiß, daß hier ein Jeder spricht:

Ein böses Mädchen kann es nicht.

Drum hab ich mir auch stets gedacht

Zuhaus und anderwärts:

Wer einen guten Braten macht,

Hat auch ein gutes Herz.

 

Ihr kennt ihn doch schon manches Jahr,

Wißt, was es für ein Vogel war;

Wie er in allen Gartenräumen

Herumgeflattert auf den Bäumen;

Wie er die hübschen rothen Beeren,

Die andern Leuten zugehören,

Mit seinem Schnabel angepickt

Und sich ganz lasterhaft erquickt.

Nun hat sich dieser böse Näscher,

Gardinenschleicher, Mädchenhäscher,

Der manchen Biedermann gequält,

Am Ende selber noch vermählt.

Nun legt er seine Stirn in Falten,

Fängt eine Predigt an zu halten

Und möchte uns von Tugend schwatzen.

Ei, so ein alter Schlingel! Kaum

Hat er 'nen eignen Kirschenbaum,

So schimpft er auf die Spatzen.

 

Ferne Berge seh ich glühen!

Unruhvoller Wandersinn!

Morgen will ich weiter ziehen,

Weiß der Teufel, wohin?

Ja ich will mich nur bereiten,

Will — was hält mich nur zurück?

Nichts wie dumme Kleinigkeiten!

Zum Exempel, Dein Blick!

 

Es ging der fromme Herr Kaplan,

Nachdem er bereits viel Gutes gethan,

In stiller Betrachtung der schönen Natur

Einst zur Erholung durch die Flur.

Und als er kam an den Waldessaum,

Da rief der Kuckuck lustig vom Baum:

Wünsch guten Abend, Herr Kollege!

Der Storch dagegen, nicht weit vom Wege,

Steigt in der Wiese auf und ab

Und spricht verdrießlich: Plapperapapp!

Gäb's lauter Pfaffen lobesam,

Ich wäre längst schon flügellahm!

 

Man sieht, daß selbst der frömmste Mann

Nicht allen Leuten gefallen kann.

 

Ach, wie geht's dem heilgen Vater,

Groß und schwer sind seine Lasten,

Drum, o Joseph, trag den Gulden

In Sanct Peter's Sammelkasten!

 

So sprach im Seelentrauerton

Die Mutter zu dem frommen Sohn.

Der Joseph, nach empfangner Summe,

Eilt auch sogleich um's Eck herumme,

Bis er das Thor des Hauses fand,

Wo eines Bockes Bildniß stand,

Was man dahin gemalt mit Fleiß

Zum Zeichen, daß hier Bockverschleiß.

Allhier in einen kühlen Hof

Setzt sich der Joseph hin und sof;

Und aß dazu, je nach Bedarf,

Die gute Wurst, den Radi scharf,

Bis er, was nicht gar lange währt,

Sanct Peters Gulden aufgezehrt.

Nun wird's ihm trauriglich zu Sinn

Und stille singt er vor sich hin:

 

Ach der Tugend schöne Werke,

Gerne möcht ich sie erwischen,

Doch ich merke, doch ich merke,

Immer kommt mir was dazwischen.

 

Es stand vor eines Hauses Thor

Ein Esel mit gespitztem Ohr,

Der käute sich sein Bündel Heu

Gedankenvoll und still entzwei —

Nun kommen da und bleiben stehn

Der naseweisen Buben zween,

Die auch sogleich, indem sie lachen,

Verhaßte Redensarten machen,

Womit man denn bezwecken wollte,

Daß sich der Esel ärgern sollte. —

Doch dieser hocherfahrne Greis

Beschrieb nur einen halben Kreis,

Verhielt sich stumm und zeigte itzt

Die Seite, wo der Wedel sitzt.

 

Wer möchte diesen Erdenball

Noch fernerhin betreten,

Wenn wir Bewohner überall

Die Wahrheit sagen thäten.

 

Ihr hießet uns, wir hießen euch

Spitzbuben und Hallunken, Wir sagten uns fatales Zeug

Noch eh wir uns betrunken.

 

Und überall im weiten Land,

Als langbewährtes Mittel,

Entsproßte aus der Menschenhand

Der treue Knotenknittel.

 

Da lob ich mir die Höflichkeit,

Das zierliche Betrügen.

Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid;

Und Allen macht's Vergnügen.

 

Ich wußte, sie ist in der Küchen,

Ich bin ihr leise nachgeschlichen.

Ich wollt' ihr ew'ge Treue schwören

Und fragen, willst du mir gehören.

Auf einmal aber stutzte ich.

Sie kramte zwischen dem Gewürze;

Dann schnäutzte sie und putzte sich

Die Nase mit der Schürze.

 

Die erste alte Tante sprach:

Wir müssen nun auch dran denken,

Was wir zu ihrem Namenstag

Dem guten Sophiechen schenken.

 

Drauf sprach die zweite Tante kühn:

Ich schlage vor, wir entscheiden

Uns für ein Kleid in Erbsengrün,

Das mag Sophiechen nicht leiden.

 

Der dritten Tante war das recht:

Ja, sprach sie, mit gelben Ranken!

Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht

Und muß sich auch noch bedanken.

 

Da kommt mir eben so ein Freund

Mit einem großen Zwicker.

Ei, ruft er, Freundchen, wie mir scheint,

Sie werden immer dicker.

 

Ja ja, man weiß oft selbst nicht wie,

So kommt man in die Jahre;

Pardon, mein Schatz, hier haben Sie

Schon eins, zwei graue Haare! —

 

Hinaus, verdammter Kritikus,

Sonst schmeiß ich dich in Scherben.

Du Schlingel willst mir den Genuß

Der Gegenwart verderben!

 

Der alte Förster Püsterich

Der ging nach langer Pause

Mal wieder auf den Schnepfenstrich

Und brachte auch eine nach Hause.

 

Als er sie nun gebraten hätt,

Da thät ihn was verdreußen;

Das Thierlein roch wie sonst so nett,

Nur konnt er's nicht recht mehr beißen.

 

Ach ja! so seufzt er wehgemuth

Und wischt sich ab die Thräne,

Die Nase wär so weit noch gut,

Nur blos, es fehlen die Zähne.

 

Kinder, lasset uns besingen,

Aber ohne allen Neid, Onkel Kaspers rothe Nase,

Die uns schon so oft erfreut.

 

Einst ward sie als zarte Pflanze

Ihm von der Natur geschenkt;

Fleißig hat er sie begossen,

Sie mit Wein und Schnaps getränkt.

 

Bald bemerkte er mit Freuden,

Daß die junge Knospe schwoll,

Bis es eine Rose wurde,

Dunkelroth und wundervoll.

 

Alle Rosen haben Dornen,

Diese Rose hat sie nicht,

Hat nur so ein Büschel Haare,

Welches keinen Menschen sticht.

 

Ihrem Kelch entströmen süße

Wohlgerüche, mit Verlaub:

Aus der wohlbekannten Dose

Schöpft sie ihren Blüthenstaub.

 

Oft an einem frischen Morgen

Zeigt sie uns ein duftig Blau,

Und an ihrem Herzensblatte

Blinkt ein Tröpflein Perlenthau.

 

Wenn die andern Blumen welken,

Wenn's im Winter rauh und kalt,

Dann hat diese Wunderrose

Erst die rechte Wohlgestalt.

 

Drum zu ihrem Preis und Ruhme

Singen wir dies schöne Lied.

Vivat Onkel Kaspers Nase,

Die zu allen Zeiten blüht!

 

Früher, da ich unerfahren

Und bescheidner war als heute,

Hatten meine höchste Achtung

Andre Leute.

 

Später traf ich auf der Weide

Außer mir noch mehre Kälber,

Und nun schätz ich, so zu sagen,

Erst mich selber.

 

Es saß in meiner Knabenzeit

Ein Fräulein jung und frisch

Im ausgeschnittnen grünen Kleid

Mir vis-à-vis bei Tisch.

 

Und wie's denn so mit Kindern geht,

Sehr frömmig sind sie nie,

Ach, dacht ich oft beim Tischgebet,

Wie schön ist doch Marie!

 

Die Tante winkt, die Tante lacht:

He, Fritz, komm mal herein!

Sieh, welch ein hübsches Brüderlein

Der gute Storch in letzter Nacht

Ganz heimlich der Mamma gebracht.

Ei ja, das wird dich freun!

Der Fritz der sagte kurz und grob:

Ich hol 'n dicken Stein

Und schmeiß ihn an den Kopp!

 

Es sprach der Fritz zu dem Papa:

Was sie nur wieder hat?

Noch gestern sagte mir Mamma:

Du fährst mit in die Stadt.

 

Ich hatte mich schon so gefreut

Und war so voll Pläsir.

Nun soll ich doch nicht mit, denn heut

Da heißt es: Fritz bleibt hier!

 

Der Vater saß im Sorgensitz.

Er sagte ernst und still:

Trau Langhals nicht, mein lieber Fritz,

Der hustet, wann er will!

 

Was soll ich nur von eurer Liebe glauben?

Was kriecht ihr immer so in dunkle Lauben?

Wozu das ewge Flüstern und Gemunkel?

Das scheinen höchst verdächtige Geschichten.

Und selbst die besten ehelichen Pflichten,

Von allem Thun die schönste Thätigkeit,

In Tempeln von des Priesters Hand geweiht,

Ihr hüllt sie in ein schuldbewußtes Dunkel.

 

Du willst sie nie und nie mehr wiedersehen?

Besinne dich, mein Herz, noch ist es Zeit.

Sie war so lieb. Verzeih, was auch geschehen.

Sonst nimmt dich wohl beim Wort die Ewigkeit

Und zwingt dich mit Gewalt zum Weitergehen

In's öde Reich der Allvergessenheit.

Du rufst und rufst; vergebens sind die Worte;

In's feste Schloß dumpfdröhnend schlägt die Pforte.

 

Ich hab in einem alten Buch gelesen

Von einem Jüngling, welcher schlimm gewesen.

Er streut sein Hab und Gut in alle Winde.

Von Lust zu Lüsten und von Sünd zu Sünde,

In tollem Drang, in schrankenlosem Streben

Spornt er sein Roß hinein in's wilde Leben,

Bis ihn ein jäher Sturz vom Felsenrand

Dahingestreckt in Sand und Sonnenbrand,

Daß Ströme Bluts aus seinem Munde dringen

Und jede Hoffnung fast erloschen ist.

Ich aber hoffe — sagt hier der Chronist —

Die Gnade leiht dem Jüngling ihre Schwingen.

 

Im selben Buche hab ich auch gelesen

Von einem Manne, der honett gewesen.

Es war ein Mann, den die Gemeinde ehrte,

Der so von sechs bis acht sein Schöppchen leerte,

Der aus Princip nie Einem etwas borgte,

Der emsig nur für Frau und Kinder sorgte;

Dazu ein proprer Mann, der nie geflucht,

Der seine Kirche musterhaft besucht.

Kurzum, er hielt sein Röss'lein stramm im Zügel

Und war, wie man so sagt, ein guter Christ.

Ich fürchte nur — bemerkt hier der Chronist —

Dem Biedermanne wachsen keine Flügel.

 

Zwischen diesen zwei gescheidten

Mädchen, Anna und Dorette,

Ist zu allen Tageszeiten

Doch ein ewiges Gekrette.

 

Noch dazu um Kleinigkeiten —

Gestern gingen sie zu Bette,

Und sie fingen an zu streiten,

Wer die dicksten Waden hätte.

 

Es flog einmal ein muntres Fliegel

Zu einem vollen Honigtiegel.

Da tunkt es mit Zufriedenheit

Den Rüssel in die Süßigkeit.

Nachdem es dann genug geschleckt,

Hat es die Flüglein ausgereckt

Und möchte sich nach oben schwingen.

Allein das Bein im Honigseim

Sitzt fest als wie in Vogelleim.

Nun fängt das Fliegel an zu singen:

Ach lieber Himmel, mach mich frei

Aus dieser süßen Sklaverei.

 

Ein Freund von mir, der dieses sah,

Der seufzte tief und rief: Ja ja!

 

Die Liebe war nicht geringe.

Sie wurden ordentlich blaß;

Sie sagten sich tausend Dinge

Und wußten noch immer was.

 

Sie mußten sich lange quälen,

Doch schließlich kam's dazu,

Daß sie sich konnten vermählen.

Jetzt haben die Seelen Ruh.

 

Bei eines Strumpfes Bereitung

Sitzt sie im Morgenhabit;

Er liest in der Kölnischen Zeitung

Und theilt ihr das Nöthige mit.

 

Selig sind die Auserwählten,

Die sich liebten und vermählten;

Denn sie tragen hübsche Früchte.

Und so wuchert die Geschichte

Sichtbarlich von Ort zu Ort.

Doch die braven Junggesellen,

Jungfern ohne Ehestellen,

Welche ohne Leibeserben

So als Blattgewächse sterben,

Pflanzen sich durch Knollen fort.

 

Es saß ein Fuchs im Walde tief.

Da schrieb ihm der Bauer einen Brief:

So und so, und er sollte nur kommen,

's wär alles verziehn, was übel genommen.

Der Hahn, die Hühner und Gänse ließen

Ihn alle zusammen auch vielmals grüßen.

Und wann ihn denn erwarten sollte

Sein guter, treuer Krischan Bolte.

Drauf schrieb der Fuchs mit Gänseblut:

Kann nicht gut.

Meine Alte mal wieder

Gekommen nieder!

Im Uebrigen von ganzer Seele

Dein Fuchs in der Höhle.

 

Gott ja, was gibt es doch für Narren!

Ein Bauer schneidet sich 'n Knarren

Vom trocknen Brod und kaut und kaut.

Dabei hat er hinaufgeschaut

Nach einer Wurst, die still und heiter

Im Rauche schwebt, dicht bei der Leiter.

Er denkt mit heimlichem Vergnügen:

Wenn ick man woll, ick könn di kriegen!